Archiv für September, 2015

Habsburgtreu und putinfreundlich

Auch wenn der Titel etwas anderes vermuten lässt, geht es nicht um politische Gesinnungen oder die aktuelle Weltlage, sondern nur um eine Rechtschreibfrage. Auch mit Eigennamen lassen sich spontan zusammengesetzte Adjektive bilden. Herr G. hat eine Frage zur Schreibung solcher Zusammensetzungen.

Frage

Wie schreibt man eigentlich Zusammensetzungen von Namen mit einem Adjektiv, also beispielsweise „Habsburg-treu“ oder „habsburgtreu“, „Putin-freundlich“ oder „putinfreundlich“ usw.?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

im Prinzip werden auch Zusammensetzungen mit einem einfachen Eigennamen an erster Stelle zusammengeschrieben (mit kleinem Anfangsbuchstaben!):

habsburgtreu
die putinfreundliche Presse
amerikafeindliche Proteste
eine deutschlandkritische Denkerin

Wenn der Name hervorgehoben werden soll, kann mit Bindestrich geschrieben werden (der Name erhält seinen großen Anfangsbuchstaben zurück):

Habsburg-treu
die Putin-freundliche Presse
Amerika-feindliche Proteste
eine Deutschland-kritische Denkerin

Bei Zusammensetzungen mit einem mehrteiligen Namen wird immer mit Bindestrichen geschrieben:

die Vladimir-Putin-freundliche Presse
der de-Gaulle-treue General
ihr Rolling-Stones-ähnlicher Musikstil
eine New-York-artige Skyline

Verweise auf die entsprechenden Regeln finden Sie zum Beispiel hier und hier.

Eigentlich ist es ganz einfach. Deshalb lesen Sie heute einmal eine nicht sehr Dr.-Bopp-typische, relativ kurze Antwort mit wenig Wenn und ohne Aber.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Äquinoktium

Nachdem der meteorologische Herbst schon seit Anfang des Monats im Land ist, hat heute, am 23. September, auch der astronomische Herbst angefangen. Selbst die eifrigsten Sommerfans können es nicht mehr verdrängen: Der Sommer 2015 ist endgültig vorbei (und für die Schlaumeierinnen und Schlauberger sei noch präzisiert: auf der nördlichen Halbkugel).

Das sprachlich Schöne am heutigen Tag ist, dass er einen Namen trägt, wie er beschreibender kaum sein könnte. Wir nennen den Tag, an dem Tag und Nacht gleich lang sind, die Tagundnachtgleiche. Und weil wir im Deutschen gerne Zusammensetzungen bilden, gibt es auch noch die Marathonwörter Herbst-Tagundnachtgleiche und Frühjahrs-Tagundnachtgleiche oder Frühlings-Tagundnachtgleiche.

Wer diesen Blog regelmäßig liest, hat vielleicht schon einmal gemerkt, dass ich den bei vielen immer populäreren „verdeutlichenden“ Bindestrich oft für überflüssig halte. Wie man im vorhergehenden Abschnitt sehen kann, halte aber auch ich bei diesen Wortbildungen die Bindestrichschreibung für angebracht und nützlich. Ich gehe sogar noch weiter und finde auch diese Schreibung gut vertretbar: Tag-und-Nacht-Gleiche, Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche, Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche (ein bisschen wie Berg-und-Tal-Bahn).

Da wir ein so schönes Wort wie Tagundnachtgleiche haben, ist es eigentlich schade, ein gelehrtes Fremdwort zu verwenden. Das entsprechende Fremdwort sieht allerdings auch eindrücklich aus und sei deshalb ebenfalls noch kurz erwähnt: Äquinoktium. Es kommt vom gleichbedeutenden lateinischen aequinoctium, das von aequus (gleich) und nox, noctis (Nacht) abgeleitet ist.

Ob Sie nun die zusammengeschriebene Tagundnachtgleiche, die Bindestrichvariante Tag-und-Nacht-Gleiche oder vielleicht sogar das schicke Äquinoktium vorziehen, ich wünsche Ihnen allen einen schönen Herbst.

Dr. Bopp

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Das Achtfache als oder wie – oder was?

Frage

Wie heißt es richtig: das Achtfache als/wie bisher vermutet

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

standardsprachlich steht bei das X-fache weder als noch wie, sondern der Genitiv:

das Achtfache des bisher Vermuteten
das Achtfache dessen, was  bisher vermutet wurde

Einen „klassischen“ Vergleich formuliert man mit x-mal:

achtmal so viel wie bisher vermutet

Eine weitere Formulierung, der man häufiger begegnet, ist diese:

achtmal mehr als bisher vermutet

Doch damit sollten Sie vorsichtig sein, denn die deutsche Sprachgemeinschaft ist sich höchsten in der Theorie, nicht jedoch in der Praxis darüber einig, was genau mit achtmal mehr gemeint ist: das Achtfache oder das Neunfache? Am besten vermeidet man deshalb Formulierungen der Art x-mal mehr als. Es gibt dann auch keine Diskussion darüber, ob die gemäß dem Zauberspiegel tausendmal schönere Königstochter namens Schneewittchen tausendmal so schön oder tausendundeinmal so schön ist wie die böse Märchenkönigin. Mehr dazu lesen Sie im schon etwas älteren Artikel „Schneewittchens tausendundeinfache Schönheit“ (und den dazugehörenden Kommentaren).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Radikale Radieschen

Keine Angst, es folgt keine lustig oder absurd gemeinte Geschichte, in der radikale Radieschen, rüpelhafte Rübchen und zweifelnde Zwiebeln vorkommen. Es ist mir auch kein packender Satz mit den Wörtern radikal und Radieschen in den Sinn gekommen. Ich konnte es einfach nicht lassen, diesen Titel zu verwenden, nachdem mir bei der Beantwortung einer Frage nach der Herkunft des Wortes Radieschen aufgefallen war, dass dieses Gemüse und das Adjektiv radikal wortgeschichtlich die gleiche Wurzel haben.

Radieschen

Das Adjektiv radikal geht am deutlichsten auf radix, das lateinische Wort für Wurzel, zurück. Es kommt vom spätlateinischen radicalis, einer Ableitung von radix. Bei der Bedeutung oder, besser gesagt, bei den Bedeutungen von radikal wird es schon etwas komplizierter. Es bezeichnete zuerst eingewurzelt, angestammt, angeboren. Später erhielt es unter Einfluss des französischen radical die Bedeutung grundlegend, von Grund auf, gründlich und schließlich wurde es unter Einfluss des englischen radical auch für politisch o. ideologisch extrem, unnachgiebig verwendet. Ein schönes Beispiel dafür, wie andere Sprachen mit hohem Prestige zu verschiedenen Zeiten ein deutsches Wort beeinflussen können: lateinischer Ursprung, danach französische und später englische Bedeutungselemente.

Das Wort Radieschen hat einen anderen Weg zurückgelegt. Die Verkleinerungsform hat das ursprüngliche, seit dem 17. Jahrhundert bezeugte Radi(e)s verdrängt. Dieses stammt vom gleichbedeutenden niederländischen radijs. Die Niederländer haben radijs von den Franzosen übernommen, die wiederum ihr radis aus dem Italienischen entlehnt haben. Und das italienische radice kommt – Sie haben es bestimmt schon erraten – vom lateinischen radix. Auch Radieschen ist also ein Fremdwort.

Dasselbe gilt im Prinzip für einen botanischen Verwandten, den Rettich. Das Wort Rettich geht auch auf radix zurück, aber es wurde schon viel früher ins Deutsche übernommen. Die Form ratih war schon im Althochdeutschen des 9. Jahrhunderts anzutreffen und hat seither einige lautliche Entwicklungen durchgemacht, so dass Rettich heute kaum noch als Nachfahre von radix zu erkennen ist.

Rettich, Radieschen, radikal, drei Wörter desselben Ursprungs, die zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen ins Deutsche gelangt sind.

Kommentare (1)

Finessen der Wortstellung: es dir empfehlen vs dir das empfehlen

Frau T.s Frage steht stellvertretend für die Schwierigkeiten, denen Lehrerinnen und Lehrer im DaF-Unterricht im Bereich der Wortstellung begegnen (DaF = Deutsch als Fremdsprache). Sie zeigt auch, wie wichtig in diesem Bereich gute, auf das Lernniveau abgestimmte Unterrichtsmittel sind, denn alles auf einmal „richtig“ und verständlich erklären kann niemand. Dafür ist die relativ freie, aber eben nicht ganz freie deutsche Wortstellung viel zu komplex.

Es folgt also keine umfassende Betrachtung eines bestimmten Phänomens, sondern nur zwei Beispiele, die aufzeigen, dass man bei der Bestimmung der deutschen Wortstellung manchmal auf ganz verschiedene Dinge achten muss. Wer es genauer wissen möchte, folgt den Links in die Grammatik.

Frage

Ich habe ein Problem, meinen DaF-Schülern den Satzbau korrekt zu erklären, denn jedes Mal wenn ich nach einem angeblich immer korrekten Schema arbeite, kann ich es gleich mit einem meiner Meinung nach richtigem Beispiel widerlegen.

Korrekt laut Lehrbuch:

Ich kann dir das empfehlen.
Subjekt + Modalverb + Dativ + bekanntes Objekt + Verb

Meiner Meinung nach ebenso korrekt, aber nicht dem Schema entsprechend ist diese Formulierung:

Ich kann es dir empfehlen.
Subjekt + Modalverb + bekanntes Objekt + Dativ + Verb

Auch laut Lehrbuch korrekt:

Ich schenke meinem Vater ein Handy zum Geburtstag.
Subjekt + Verb + Dativ + Objekt + Adverbialbestimmung

Aber dann:

Ich schenke meinem Vater morgen ein Handy.
Subjekt + Verb + Dativ+ Adverbialbestimmung + Objekt

Ich wäre dankbar zu wissen, auf welchen Regeln dies beruht, um meine Schüler nicht zu verunsichern. Deutsch zu lernen, ist schon schwer genug.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

die Wortstellung des Deutschen ist deshalb so schwierig zu vermitteln, weil es nur wenige wirklich feste Regeln gibt. Es gibt vor allem mehr oder weniger starke Tendenzen. Deshalb finden Sie zu beinahe jeder „festen“ Regel meist mühelos Gegenbeispiele. Die Regeln und Tendenzen sind auch viel komplexer, als sie in Lehrmitteln dargestellt werden können.

Eine Übersicht über die wichtigsten Tendenzen finden Sie hier.

Beim ersten Beispiel, das Sie anführen, spielt für die Wortfolge nicht nur die Art der Satzglieder eine Rolle, sonder vor allem die Tatsache, dass es sich um Pronomen handelt. Die Personalpronomen, das Reflexivpronomen sich und das Indefinitpronomen man stehen nämlich in der Regel vor Nomen und anderen Pronomen:

Ich kann dir das Buch empfehlen.
Ich kann dir das empfehlen.

Das Personalpronomen dir steht vor das. (Vgl. hier.)

Wenn wie in Ihrem „Gegenbeispiel“ zwei Personalpronomen vorhanden sind, kommt der Akkusativ vor dem Dativ:

Ich kann es dir empfehlen.

Das Personalpronomen im Akkusativ es steht vor dem Personalpronomen im Dativ dir. (Siehe hier unter „Pronomen: Akkusativobjekt vor Dativobjekt“.)

Bei Ihrem zweiten Beispiel spielt die Art der Adverbialbestimmung eine Rolle:

Ich schenke meinem Vater ein Handy zum Geburtstag.
oder
Ich schenke meinem Vater zum Geburtstag ein Handy.
aber nur
Ich schenke meinem Vater morgen ein Handy.

Die Schwierigkeit ist hier, dass zum Geburtstag als sogenannte gebundene Adverbialbestimmung angesehen werden kann, aber auch als freie Adverbialbestimmung. Als gebundene, das heißt fest zu schenken gehörende Adverbialbestimmung steht zum Geburtstag am Schluss. Als freie Adverbialbestimmung steht es wie die freie Adverbialbestimmung morgen vor dem unbestimmten Objekt ein Handy. (Siehe hier.)

Die Art des Satzgliedes, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, die Wortart (Personalpronomen oder Nomen resp. anderes Pronomen) und die Art der Bindung der Adverbialbestimmung (frei oder gebunden), all diese Aspekte spielen bei der Wortstellung in Ihren eigentlich ganz einfachen Beispielsätzen eine Rolle! Versuchen Sie also nicht, den Schülern eiserne, immer gültige Regeln zu vermitteln, denn es gibt sie kaum. Es ist vielleicht besser, ihnen „nur“ mit Hilfe des Lehrwerks die wichtigsten Tendenzen aufzuzeigen. Wie die Beispiele zeigen, ist eine umfassende Darstellung des Problems für den DaF-Unterricht meist viel zu komplex.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Unter anderem geht immer, unter anderen nicht

Frage

Eine Anregung und Bitte hätte ich zudem noch: Wäre es möglich, einen kleinen Artikel zum Gebrauch der Wortgruppe „unter anderem“ zu erstellen? Das ist […] auch so ein Thema, an dem sich immer wieder die Geister scheiden.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es gibt tatsächlich immer wieder Diskussionen darüber, ob es nun unter anderem oder unter anderen heißen muss. Diese Diskussionen sind manchmal überflüssig, weil häufig beides möglich ist. Aber natürlich nicht immer.

Die Verwendung von unter anderem ist eigentlich ganz einfach. Es ist eine feste adverbiale Wendung wie zum Beispiel von neuem, ohne weiteres, trotz allem und außerdem. Sie kann überall dort stehen, wo man auch das in der Bedeutung sehr ähnliche zum Beispiel verwenden kann.

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. Die Unterscheidung von Konkreta und Abstrakta spielt unter anderem in der Syntax eine Rolle.
  3. Auf diese Weise soll unter anderem die Abwanderung deutscher Studierender an ausländische Hochschulen verhindert werden.
  4. Er hat mich unter anderem beschimpft und einen Lügner genannt.
  5. Das Thema wird unter anderem von Frau Dr. Mayer behandelt.
  6. An der Veranstaltung sprach unter anderem Frau Dr. Mayer.
  7. Zu den Besuchern gehörte unter anderem auch sein Bruder.

In all diesen Fällen kann unter anderem problemlos durch zum Beispiel ersetzt werden. In all diesen Fällen ist die unpersönliche adverbiale Wendung unter anderem als korrekt anzusehen. (Siehe aber unten die stilistische Anmerkung.)

Bei der Verwendung von unter anderen gibt es mehr Einschränkungen, denn anderen in unter anderen ist nicht unpersönlich, sondern es steht stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv. Anders gesagt: Die Formulierung unter anderen ist nur dann möglich, wenn man nach anderen ein Substantiv ergänzen kann und dieses Substantiv eine Gruppe von gleichartigen Dingen oder Leuten bezeichnet, zu denen das Genannte/ die genannte Person auch gehört.

Bei den oben stehenden Sätzen ist das in den folgenden Fällen möglich:

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
    Vgl.: Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen [Artikeln] Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
    Vgl.: An der Veranstaltung sprach unter anderen [Sprecherinnen] Frau Dr. Mayer.
  3. Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.
    Vgl.: Zu den Besuchern gehörte unter anderen [Besuchern] auch sein Bruder.

Bei den anderen Beispielsätzen, insbesondere 2. bis 4., kann kein solches Substantiv ergänzt werden und ist unter anderen deshalb ausgeschlossen.

Ein Zweifelsfall ist auf den ersten Blick der fünfte Satz:

  1. Das Thema wird unter anderem/anderen von Frau Dr. Mayer behandelt.

Wenn gesagt werden soll, dass neben anderen Personen auch Frau Dr. Mayer das Thema behandelt, ist hier nur unter anderem möglich. Man kann nämlich nicht in dieser Weise ergänzen:

  • *Das Thema wird unter anderen [Sprecherinnen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Möglich ist diese Formulierung:

  • Das Thema wird von, unter anderen [Sprecherinnen], Frau Dr. Mayer behandelt.

Oder eventuell auch diese, aber mit anderer Bedeutung:

  • Dieses Thema wird unter anderen [Themen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter anderem immer dann geht, wenn auch zum Beispiel stehen kann. Im Gegensatz dazu kann unter anderen nur dann verwendet werden, wenn es stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv im Plural steht.

Dann noch eine letzte Bemerkung: Wenn grammatisch beides geht, genießt stilistisch gesehen bei Dingen oft unter anderem und bei Personen meist unter anderen den Vorzug:

  • Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  • An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
  • Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (5)

Deine Opa und Oma – ganz ohne Wiederholung geht es nicht.

Frage

Wie heißt es: „dein XY und dein AZ“ oder „deine XY und AZ“? Beide sind männlich.

Antwort

Sehr geehrter Herr E.,

Sie sollten hier „dein“ wiederholen:

dein Sebastian und dein Tom

Wenn man bei zwei Nomen ein gemeinsames Bestimmungswort weglässt, fasst man die beiden Nomen zu einer Einheit zusammen. Bei Personen läuft das in der Regel darauf hinaus, dass man beim Weglassen eines gemeinsamen Bestimmungswortes mit beiden Nomen ein und dieselbe Person bezeichnet. Ein Beispiel:

dein Freund und dein Nachbar (oft zwei Personen)
dein Freund und Nachbar (eine Person)

der italienische Unternehmer und der italienische Politiker (oft zwei Personen)
der italienische Unternehmer und Politiker (eine Person)

Die folgenden Formulierungen sind deshalb nicht möglich, wenn es sich um zwei Personen handelt (und bei einer Person äußerst befremdlich)

*dein Sebastian und Tom
*lieber Sebastian und Tom

Man kann auch nicht zwei in der Einzahl stehende Nomen mit einem Bestimmungswort in der Mehrzahl verwenden, das sich auf beide Nomen beziehen soll:

nicht: *Deine Freund und Lehrer haben dir gratuliert.
sondern: Dein Freund und dein Lehrer haben dir gratuliert.

Entsprechend heißt es besser nicht:

*deine Sebastian und Tom
*liebe Sebastian und Tom

sondern eben:

dein Sebastian und dein Tom
lieber Sebastian, lieber Tom

Zusammenfassen ließen sich die beiden Namen zum Beispiel so:

deine Freunde/Kollegen/Nachbarn Sebastian und Tom

Wenn XY und AZ weiblich sind, funktioniert es genau gleich:

deine Freundin und Nachbarin (eine Person)
deine Freundin und deine Nachbarin (oft zwei Personen)

nicht: *Deine Freundin und Lehrerin haben dir gratuliert.
sondern: deine Freundin und deine Lehrerin haben dir gratuliert.

nicht: *deine Sandra und Jasmin /  *liebe Sandra und Jasmin
sondern: deine Sandra und deine Jasmin / liebe Sandra, liebe Jasmin

Und auch bei gemischtgeschlechtlichen Grüßen sollte man nicht zusammenfassen:

nicht: *deine Oma und Opa
sondern: deine Oma und dein Opa

Manchmal geht es eben nicht ohne Wiederholung.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Sprachler und Artikelschreiber Dr. Bopp

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Eine Pluralfrage: der Fundus – die ?

Frage

Das Wort „Fundus“ scheint in Bezug auf Pluralbildung ein sehr merkwürdiges zu sein.

Sie geben den Plural im Einklang mit dem Duden mit „Fundus“ (also unverändert) an. Dies erinnert an Wörter wie „Status“, die der lateinischen u-Deklination entstammen und im Plural mit langem u ausgesprochen werden. Ich finde für den Plural des lateinischen Wortes „fundus“ jedoch die Angabe „fundi“. Hierzu passt, dass auch der Duden (anders als bei „Status“) keine lange Aussprache des u angibt.

Gibt es eine Erklärung für den merkwürdigen Plural, der offenbar nicht auf die Ursprungssprache zurückzuführen ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen schuldig bleiben. Ich weiß nicht, wie sich der unveränderliche Plural die Fundus ergeben hat. Die Pluralbildung bei Fremdwörtern in Fachsprachen ist manchmal unergründlich – zumindest für mich.

Der Nominativ Plural des lateinischen fundus (Grund, Boden) lautet tatsächlich fundi. Wie Sie richtig bemerken, gehört Fundus also nicht zu den Wörtern wie der Status und der Kasus, die im Deutschen wie im Lateinischen den (Nominativ) Plural in der Schrift gleich und in der Aussprache mit langem u bilden: die Status, die Kasus.

Wie gehen wir im Deutschen mit anderen Wörtern um, die aus der gleichen lateinischen Deklinationsklasse stammen? Bei fundus–fundi könnte man in Analogie mit anderen Wörtern die folgenden Pluralformen erwarten:

  • die Fundi
    wie zum Beispiel: Bonus–Boni, Modus–Modi, Terminus–Termini

Der Plural Fundi kommt tatsächlich neben die Fundus in der Medizin vor, wo Fundus die Bedeutung Hintergrund, Boden eines Organs hat. In anderen Bereichen lassen die Wörterbücher aber diesen Plural nicht zu (Theater usw.: Bestand an zurzeit nicht gebrauchten Requisiten, Dekorationen, Kostümen; bildungssprachlich: Grundbestand, Grundstock).

  • *die Funden
    wie zum Beispiel: Ritus–Riten, Zyklus–Zyklen, Globus–Globen
  • *die Fundusse
    wie zum Beispiel: Bonus–Bonusse, Globus–Globusse, Zirkus–Zirkusse)

Funden kommt nicht vor und Fundusse gilt nicht als korrekt. Herausgekommen ist nach den Wörterbüchern dieser unveränderliche Plural:

  • die Fundus
    wie zum Beispiel: Akanthus–Akanthus, Lotus–Lotus, Abakus–Abakus*

Hier zeigt sich wieder einmal, dass es keine eindeutige Regel gibt, wie der Plural von Fremdwörtern im Deutschen gebildet wird. Die Wortformen in der Ursprungssprache, der Grad der Eindeutschung und Analogien (auch falsche) mit ähnlichen Wörtern können hier eine Rolle spielen. Die genaue Antwort auf die Frage, wie und in welcher Fachsprache der unveränderliche Plural für Fundus sich herausgebildet hat, konnte ich im Fundus meiner Kenntnisse leider nicht aufstöbern. Vielleicht weiß jemand anders mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*umstritten neben Abakusse und Abaki

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Die zweisilbige Oma

Frage

Wörter mit nur 3 Buchstaben (Deo, Ode, Oma) sollte man wohl nicht trennen (richtig?), aber abgesehen von Rechtschreibung und Worttrennung: Bestehen sie nun eigentlich aus einer oder zwei Silben?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

die allgemeine Regel lautet, dass man Wörter nach Sprechsilben trennt. Natürlich geht es auch hier nicht ohne Ausnahmen: Einzelne Vokalbuchstaben werden am Wortanfang und Wortende nicht abgetrennt. Daraus lässt sich ableiten, dass ein einzelner Vokalbuchstabe für eine Sprechsilbe stehen kann, denn sonst wäre die Ausnahmeregel ja gar nicht nötig.

Die drei Beispielwörter dürfen nicht getrennt werden. Sie haben aber alle zwei Silben, wie Sie bei langsamer und deutlicher Aussprache bestimmt gut erkennen können:

De – o
O – de
O – ma

Das Gesagte gilt übrigens nicht nur für Wörter mit drei Buchstaben. Ebenfalls zweisilbig, aber am Zeilenende untrennbar sind zum Beispiel:

Tri – o
neu – e
schau – e
E – feu
I – dee

Die Worttrennung basiert zwar auf der Silbenstruktur, sie gibt diese aber nicht immer eins zu eins wieder. Ein Beispiel sind Oma und Opa, die trotz Zweisilbigkeit nicht getrennt werden dürfen. Ein anderes Beispiel ist das ck: Ein Wort wie lecker besteht aus zwei Sprechsilben /lek-ker/. Die erste Silbe endet also mit einem /k/, in der Schrift nimmt man aber heute das ganze ck auf die neue Zeile: le-cker.

Dieses nicht allzu konsequente Vorgehen ist darauf zurückzuführen, dass die Worttrennung nicht in erster Linie dazu dient, die Silbenstruktur wiederzugeben, sondern einigermaßen sinnvolle und begreifliche* Trennstellen am Zeilenende festzulegen. Das ist, wie man sieht, nicht immer ganz dasselbe.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Darüber, was in der Rechtschreibung (und anderswo) sinnvoll und begreiflich ist, lässt sich natürlich öfter endlos streiten.

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Die beschuldigte Gruber oder die Beschuldigte Gruber

Vor einigen Tagen war im Blog von/vom Schwager Albert die Rede. Dabei ging es um Wortgruppenkerne und Attribute (nähere Bestimmungen), die manchmal ganz einfach die Stellung wechseln können. Eine scheinbar ganz andere, aber letztlich sehr ähnliche Frage hat Frau S. gestellt. Es geht um die Groß- und Kleinschreibung, wenn Frau Gruber beschuldigt wird.

Frage

Hallo, bitte um Bewertung des nachfolgenden Satzes:

  1. Die beschuldigte Gruber gab die Tat zu.
  2. Der Beschuldigte Gruber gab die Tat zu.

Soweit ich weiß, sind beide Schreibweisen richtig. Was ist jedoch der Unterschied?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

beide Schreibweisen sind tatsächlich richtig. Es geht hier um die Unterscheidung zwischen dem Kern der Wortgruppe und der näheren Bestimmung. Bei der ersten Formulierung wird ein Substantiv, der Name Gruber, durch das Adjektiv beschuldigte näher bestimmt. Bei der zweiten Formulierung wird das substantivische Adjektiv Beschuldigte durch die Apposition Gruber näher bestimmt.

Als Attribut ist beschuldigte ein kleingeschriebenes Adjektiv, als Wortgruppenkern ist Beschuldigte ein großgeschriebenes Substantiv:

die beschuldigte Gruber = die Gruber, die beschuldigt wird (welche Gruber?)
die Beschuldigte Gruber = der Beschuldigte namens Gruber (welche Beschuldigte?)

Glücklicherweise finden wir in solchen Fällen die richtige Schreibweise meistens mehr oder weniger automatisch, ohne dass wir längere grammatische Überlegungen zu Wortgruppenkernen und Attributen anstellen müssen!

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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