Archiv für Oktober, 2015

Warum Marschrhythmus nicht konkurrenzfähig ist

Thema ist hier nicht, wie der Titel vielleicht vermuten lässt, ein Vergleich zwischen verschiedenen Musikstilen. Es geht um einen möglichen Kandidaten im Wettstreit um das Wort mit der höchsten Anzahl aufeinanderfolgender Konsonanten.

Feststellung

Bei Wörtern mit langer Konsonantenfolge ist das Wort Marschrhythmus durchaus konkurrenzfähig … Ich denke, dass Y sehr wohl ein Konsonant ist

Reaktion

Sehr geehrter Herr P.,

es ist nicht üblich, das y einfach als Konsonant zu bezeichnen. Es ist nämlich „nur“ eine Schreibvariante von j, i oder ü, die in Fremdwörtern vorkommt. Abhängig davon, wie das y ausgesprochen wird, gilt es wie i und ü als Vokal (zum Beispiel in Baby, Ägypten, Ypsilon) oder wie j als Halbvokal (zum Beispiel in Yoga, Youtube). Nur wenn man das j zu den Konsonanten rechnet, kann auch das y bei entsprechender Aussprache als ein solcher bezeichnet werden.

Das y in Marschrhythmus wird wie der Vokal ü ausgesprochen (von einigen auch wie i). Es zählt deshalb als Vokal. (Wenn dies nicht so wäre, hätte Marschrhythmus nach der üblichen Definition nur zwei statt drei Silben.) Das Wort Marschrhythmus ist somit mit seinen sechs aufeinanderfolgenden Konsonanten -rschrh- zwar eindrücklich, aber leider kein Kandidat für das Siegerpodest. Dort stehen Wörter wie Angstschrei und Borschtschschmand (siehe hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kapstadt, seine Einwohner/-innen und der Umlaut

Frage

Wir rätseln, wie die korrekte Bezeichnung für die Einwohner(innen) Kapstadts ist: Kapstadter, Kapstädter oder ganz anders?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

Kapstadter, Kapstädter, beide Bezeichnungen sind im Prinzip vertretbar, eine allgemein bindende Bezeichnung gibt es nicht. Die meisten Städte mit einem Namen auf -stadt haben Einwohner auf -städter/-städterin. Von Albstadt über Darmstadt, Eisenhüttenstadt, Friedrichstadt und viele andere bis hin zu Wörrstadt, alle haben Einwohner und Einwohnerinnen mit ä: Albstädter/in, Darmstädter/in, Eisenhüttenstädter/in, Friedrichstädter/in, Wörrstädter/in usw. Einwohnernamen auf -stadter/-stadterin sind eine Ausnahme. So wohnen in Neustadt an der Weinstraße nicht Neustädter und Neustädterinnen wie in anderen Neustadt genannten Städten, sondern Neustadter und Neustadterinnen.

Entsprechend ist auch viel häufiger von Kapstädtern und Kapstädterinnen die Rede als von Kapstadtern und Kapstadterinnen. Da wir einen deutschen Namen für Cape Town, Kaapstad oder iKapa verwenden, würde ich empfehlen, auch bei Ableitungen die im deutschen üblicherer Variante mit Umlaut zu verwenden: Kapstädter und Kapstädterin.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Meine Lieblings-neue-Freundin

Noch eine Frage im Bereich der Wortbildung:

Frage

Ich habe eine Frage in Bezug auf das Wort „Lieblings-“ in seiner Bildung mit einem Substantiv. Und zwar: Kann man das Wort mit einem Nomen immer noch zusammenbilden, wenn es zwischen ihm und dem dazu gehörigen Substantiv ein Adjektiv gibt? Wenn ja, wie? Z.B. ich wollte gerade eine Freundin zum Geburtstag gratulieren, die ich vor einigen Monaten kennengelernt habe, und ich wollte ihr sagen „Du bist meine Lieblings neue Freundin“, was klarerweise zu unterscheiden ist von „Du bist meine neue Lieblingsfreundin“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

im Standarddeutschen kann Lieblings- nur direkt mit einem Substantiv kombiniert werden (Lieblingsfilm, Lieblingsessen, Lieblingsfreundin). Es gibt kein Wortbildungsmuster, nach dem ein Substantiv mit einer Wortgruppe, die aus einem gebeugten Adjektiv und einem Substantiv besteht, eine Zusammensetzung bilden kann. Formulierungen wie meine Lieblings-neue-Freundin sind standardsprachlich nicht möglich.

Solche Formulierungen kommen allerdings in der (gesprochenen) Umgangssprache vor. Zum Beispiel:

mein Lieblings-schnelles-Abendessen
in seinem Lieblings-warmen-Pullover
ihr Lieblings-neuer-Film

Da solche Konstruktionen standardsprachlich nicht vorgesehen sind und sie umgangssprachlich offenbar nicht allzu häufig vorkommen, gibt es (noch?) keine Rechtschreibregel, die auf sie zutrifft. Ich empfehle hier die Schreibung mit Bindestrichen, wenn man sie schriftlich wiedergeben will:

meine Lieblings-neue-Freundin

Es würde meiner Meinung nach zu einer vorläufig noch allzu ungewöhnlichen Schreibung führen, die Form lieblings ähnlich wie das umgangssprachliche super als unveränderliches Adjektiv zu behandeln (vgl. hier): meine lieblings neue Freundin. Es wäre allerdings eine erwägenswerte und vertretbare Lösung, falls sich diese Art der Formulierung etablieren sollte.

Eine Frage bleibt noch: Wie drückt man dasselbe standardsprachlich aus? Sie sagen zu Recht, dass meine Lieblings-neue-Freundin und meine neue Lieblingsfreundin nicht ganz dieselbe Bedeutung haben. Die neue Lieblingsfreundin ist eine Freundin, die neu den Platz der bevorzugten Freundin einnimmt. Die Lieblings-neue-Freundin hingegen ist eine Freundin, die die bevorzugte Stellung unter den neuen Freundinnen hat (und neben der es noch eine andere oder sogar eine absolute Lieblingsfreundin geben kann). Wie also drücke ich solche umgangssprachlichen Formulierungen standardsprachlich aus? Ein paar Versuche:

die liebste meiner neuen Freundinnen
mein bevorzugtes schnelles Abendessen
der neue Pullover, der mir am liebsten ist
der neue Film, der mir am besten gefällt

Aber wie häufig, wenn man Umgangssprachliches oder Mundartliches in die Standardsprache übersetzt, haben diese Formulierungen vielleicht nicht ganz dieselbe gefühlsmäßige Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp
(Autor Ihrer Lieblings-deutschen-Onlinegrammatik)

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Von fossil zu Fossil und andere Ableitungsfragen

Frage

Im Canoo-Lexikon findet sich im Bereich Wortbildung (genauer: Konversion) folgendes Beispiel zur Nomenableitung aus Adjektiven: Fossil von fossil. Meine Frage dazu: Woher meint man zu wissen, dass sich das Nomen vom Adjektiv herleitet und nicht etwa umgekehrt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei Wörtern, zwischen denen ein Ableitungsverhältnis besteht, ist es manchmal schwierig oder sogar unmöglich, zu sagen, wie genau dieses Wortbildungsverhältnis aussieht. In vielen Fällen ist die Bestimmung des Ableitungsverhältnisses einfach: Das Wort mit dem zusätzlichen Präfix oder Suffix ist die Ableitung.

ableiten + ung → Ableitung
Wort + lich → wörtlich
be + fragen → befragen

Manchmal ist es aber nicht ganz so einfach. Ist zum Beispiel ein Roggenbrötchen ein kleines Roggenbrot oder ist es ein Brötchen aus Roggenmehl?

Roggenbrot + chen → Roggenbrötchen
Roggen + Brötchen→ Roggenbrötchen

Ist eine Tierärztin ein weiblicher Tierarzt oder eine Ärztin für Tiere?

Tierarzt + in → Tierärztin
Tier + Ärztin → Tierärztin

Ist Kindergärtner wirklich das Basiswort und Kindergärtnerin die Ableitung? Kindergärtner hat zwar ein Suffix weniger, aber es gab zuerst Kindergärtnerinnen und erst später haben auch Männer angefangen, diesen Beruf auszuüben:

Kindergärtner → Kindergärtnerin
Kindergärtnerin → Kindergärtner

Gerade bei der Konversion, das heißt bei der Ableitung ohne Präfixe oder Suffixe, ist es nicht immer gleich offensichtlich, in welcher Richtung die Ableitung verlaufen ist. Das Verb würfeln kommt von Würfel, während das Substantiv Schmuggel von schmuggeln abgeleitet ist. Das Substantiv Rot kommt vom Adjektiv rot, während das Adjektiv orange vom Substantiv Orange kommt.

Würfel → würfeln
schmuggeln →  Schmuggel

rot → Rot
Orange → orange

In vielen Fällen lässt sich aus formalen Kriterien, der Bedeutung oder der Wortgeschichte erschließen, welches Ableitungsverhältnis besteht oder am wahrscheinlichsten ist. In anderen Fällen wie zum Beispiel Tierärztin muss man entweder einfach beide Ableitungsvarianten angeben oder, wenn dies wie in unseren Wortbildungsbäumen nicht möglich ist, ein rein pragmatisches Vorgehen wählen. (In Canoonet: Weibliche Personenbezeichnungen mit in werden von der männlichen Personenbezeichnung abgeleitet.)

Im Fall von fossil – Fossil ist das Ableitungsverhältnis unklar, wenn man nur das Deutsche anschaut. Hier kommt uns die Wortgeschichte zu Hilfe. Der Wortausgang il geht nämlich auf die lateinische Adjektivendung ilis zurück, die u. A. auch in agil, infantil, taktil und viril vorkommt.

Unser Adjektiv fossil kommt über das französische fossile vom lateinischen fossilis = ausgegraben, auszugraben. Es ist eine Ableitung vom Partizip fossum des Verbs fodere = graben. Auch die Substantivierung Fossil haben wir aus dem Französischen übernommen. Die Ableitung fossil → Fossil hat also wortgeschichtlich gesehen schon im Französischen oder sogar schon im Lateinischen stattgefunden. Da dieses Ableitungsverhältnis im Deutschen einfach nachvollziebar ist, geben wir es auch in Canoonet so an.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kann man stolz auf einen selbst sein?

Frage

Ist der Satz „Am Ende ist man stolz auf einen selbst“ grammatikalisch richtig oder muss es heißen „Am ist man stolz auf sich selbst“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Das Reflexivpronomen sich wird dann verwendet, wenn es sich in der dritten Person auf das Subjekt des Satzes bezieht. Das gilt auch dann, wenn das unpersönliche man Subjekt ist. In Ihrem Satz ist die Person, auf die man stolz ist, identisch mit dem Subjekt man. Das Pronomen, das nach auf folgt, bezieht sich somit auf das Subjekt. Die richtige Wahl ist hier deshalb sich (evtl. mit verstärkendem selbst), nicht einen selbst:

Am Ende ist man stolz auf sich [selbst].

Vgl.

Am Ende ist er/sie stolz auf sich [selbst].
Am Ende sind sie stolz auf sich [selbst].

Auch in den folgenden Beispielen steht nicht einen oder einem, sondern sich:

Vor dem Essen sollte man sich die Hände waschen.
(nicht: … sollte man einem selbst die Hände waschen)
Man darf sich nicht wundern, dass …
(nicht: Man darf einen selbst nicht wundern, dass …)
Wenn man mit sich und der Welt zufrieden ist …
(nicht: Wenn man mit einem selbst und der Welt zufrieden ist …)

Das unpersönliche Pronomen einen steht dann, wenn es sich nicht auf das Subjekt des Verbs bezieht:

Es darf einen nicht wundern, dass …
Man möchte ja, das jemand auf einen stolz ist.

Solche Formulierungen mit einen und einem werden heute allerdings von vielen vermieden, weil sie eine allgemein gemeinte Aussage mit einem rein männlichen Pronomen ausdrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Auf/bei/über XY.de bestellen

Frage

Eine Frage zu Präpositionen in Bezug auf Websites:

Ich kaufe etwas auf otto.de
Ich kaufe etwas bei otto.de

Gibt es da einen entscheidenden Unterschied? Ist beides richtig?

Ich bestelle etwas bei otto.de
Ich bestelle etwas auf otto.de
Ich bestelle etwas über otto.de

Ist die Version mit „über“ umgangssprachlich?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

alles kommt vor und alles ist möglich. Welche Präposition man wählt, hängt vom Bild ab, das man sich von diesem Vorgang macht:

Ich kaufe/bestelle etwas auf Otto.de = auf der Website Otto.de
Ich kaufe/bestelle etwas bei Otto.de = beim Anbieter Otto.de

Die Formulierung mit über ist nicht umgangssprachlich, sie ist aber viel seltener und hat eine leicht andere Bedeutung:

Ich bestelle etwas über Otto.de = durch Vermittlung von Otto.de

Am häufigsten kommt bei diesen Webadressen die Präposition bei vor. Wir verwenden also trotz einer neuen, digitalen Einkaufsmethode am liebsten dieselbe Präposition wie beim althergebrachten „analogen“ Einkauf: Das bei von beim Bäcker, beim Supermarkt, bei Spar ist auch zu bei in bei Amazon.de, bei Neckermann.at oder bei Zalando.ch geworden.

Sprachliches finden Sie übrigens auf Canoo.net oder bei Canoo.net – und das kostenlos!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gelehrte Betonung: Paradígma und Parádigma

Frage

Bei einem Vortrag verwendete der Referent mehrmals bewusst die Aussprache „ParAdigma“. Ich habe bisher immer gesagt/betont: Parad-I-gma.. Was spricht für die eine oder andere Betonungsvariante? Was ist „richtiger“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

bei der allgemein üblichen Aussprache von Paradigma liegt die Hauptbetonung auf dem i der vorletzten Silbe. Das ist Ihre und auch meine Aussprache. Die Aussprache des Referenten mit Betonung auf dem a der zweiten Silbe ist unüblich, aber zum Beispiel gemäß Duden auch möglich.

Die übliche Betonung Paradígma haben wir wahrscheinlich im 16. Jahrhundert zusammen mit dem Wort aus dem Lateinischen übernommen (paradīgma). Die vom Referenten verwendete Betonung geht direkt auf den griechischen Ursprung des Wortes zurück: parádeigma (παράδειγμα). Die Betonungsverschiebung hat auf dem Weg vom Griechischen ins Lateinischen stattgefunden, aus dem wir das Wort dann übernommen haben.

Für beide Betonungen lassen sich somit Begründungen finden. Ich würde empfehlen, die üblichere Betonung Paradígma zu verwenden, die sich aus der wortgeschichtlichen Entwicklung ergibt, und nicht direkt auf das Altgriechische zurückgreifen. Die Betonung Parádigma macht auf mich einen etwas gekünstelt gelehrten Eindruck. So sagen wir zum Beispiel auch paradóx wie lat. paradóxus und nicht parádox wie gr. parádoxos (παράδοξος); Paragráph wie lat. paragráphus und nicht Parágraph wie gr. parágraphos (παράγραφος) u. a. m. Man sagt allerdings wieder Parámeter wie im Griechischen, doch das ist dann die Ausnahme …

Die Akzente auf dem betonten Vokal in den deutschen und lateinischen Wörtern sind von mir. Man schreibt unabhängig von der Betonung ganz akzentlos Paradigma, paradox, Paragraph und Parameter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Liken, likte, gelikt

Diese Woche habe ich gelesen, dass am 5. Oktober eine Neuausgabe des „Van Dale Großen Wörterbuches der niederländischen Sprache“ vorgestellt wurde (Van Dale Groot woordenboek van de Nederlandse taal). Van Dale ist für die Niederländischsprechenden so etwas wie der Duden für den deutschen Sprachraum. Neben Wörtern wie zelfscankassa (Selbstscankasse), profielfoto (Profilbild) und twitteraar (Twitterer) hat es auch das für Facebook-Fans unentbehrliche Verb liken in dieses renommierte Wörterbuch geschafft. Das bringt mich dazu, wieder einmal eine Frage aufzugreifen, die immer wieder in Sprachforen u. Ä. auftaucht: Wie werden die konjugierten Verbformen von liken im Deutschen geschrieben?

Die Antwort ist ganz einfach, auch wenn sich nicht alle mit den Resultaten anfreunden können: Man nimmt die Grundform liken, schneidet die Endung en ab und hängt die regelmäßigen Verbendungen an:

liken
ich like, du likst, er likt
ich likte, du liktest, er likte
ich habe gelikt

Ganz ähnlich auch zum Beispiel:

biken, bikte, gebikt
dopen, dopte, gedopt
saven, savte, gesavt
stylen, stylte, gestylt
tunen, tunte, getunt

So funktioniert es im Deutschen, selbst wenn dabei manchmal Formen entstehen, bei denen man mindestens zwei Anläufe braucht, bis man sie richtig interpretiert hat. Weitere Beispiele stehen in einem schon ziemlich alten, aber wie man sieht immer noch recht aktuellen Blogartikel: Wie konjugiert man englische Verben im Deutschen?

Sie finden das Verb liken übrigens noch nicht in den Canoonet-Wörterbüchern. Das wird sich aber bei der nächsten Datenaktualisierung bestimmt ändern. Was den Niederländern und Flamen recht ist, soll es uns auch sein.

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United, vereint, vereinigt

Frage

Gestern habe ich mich plötzlich gefragt, wieso wird United Nations zu Vereinte Nationen, aber United States zu Vereinigte Staaten?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

meine erste Reaktion auf Ihre Frage ist Erstaunen darüber, dass mir dieser Unterschied bis jetzt noch nie aufgefallen ist. Darauf folgt nach kurzem Überlegen die Schlussfolgerung: „Weil es halt so heißt, das ist bei Namen öfter so.“ Erst ein Blick ins Wörterbuch hat mir dann gezeigt, was der subtile Unterschied zwischen vereinen und vereinigen ist:

Wenn mehrere Entitäten sich vereinigen, schließen sie sich zu einer Gesamtheit zusammen. Die Vereinigten Staaten sind die zu einer Nation zusammengefassten US-Staaten.

Wenn mehrere Entitäten sich vereinen, schließen sie sich zu gemeinsamem Tun, Streben u. Ä. zusammen. Die Vereinten Nationen sind ein Zusammenschluss der Nationen mit dem gemeinsamen Ziel, ein friedliches Zusammenleben aller Völker zu fördern (oder so).

Das Verb vereinigen drückt offenbar stärker als vereinen aus, dass eine Gesamtheit geformt wird. Das ist, wenn man es genauer betrachtet, auch bei den USA und der UNO so: Die Vereinigten Staaten sind ein viel engerer Zusammenschluss als die Vereinten Nationen.

Ich denke allerdings, dass man keine eindeutige, strenge Grenze zwischen den beiden Verben ziehen kann. Es könnte sich deshalb beim Unterschied in der Namensgebung zwischen den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen mehr um einen Zufall als um eine bewusste Wortwahl handeln. Doch darüber, wie die Namensgebung im Deutschen verlaufen ist, weiß ich leider nichts Genaueres.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Birnbaum und der Birnenbaum

Frage

Ihre Seite führt die Bezeichnung „Birnenbaum“ auf, welche der Duden nicht kennt (er kennt nur den „Birnbaum“). Warum wird dieses Wort auf dieser Plattform genannt und in anderen Wörterbüchern nicht?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Wort Birnenbaum ist eine Variante von Birnbaum. Bei der Entscheidung, ob ein Wort in das Wörterbuch aufgenommen wird, spielen u. a. zwei Dinge eine Rolle: Ist es korrekt gebildet und kommt es relativ häufig vor.

Das Wort Birnenbaum ist korrekt nach den deutschen Wortbildungsregeln gebildet. Schwach gebeugte weibliche Substantive (sie bilden den Plural mit en) haben in Zusammensetzungen oft das Fugenelement en. Ein paar fruchtige Beispiele:

Zwetschgenbaum, Pflaumenbaum, Aprikosenbaum, Olivenbaum, Orangenbaum, Kirschenbaum (neben Kirschbaum; auch z. B. nach dem in der Frage zitierten Duden)
Birnenkuchen, Birnenstiel, Birnenwasser, birnenförmig [1]

Die Form passt also. Wird sie auch verwendet? Birnenbaum ist zwar weniger gebräuchlich als Birnbaum, aber es kommt doch relativ häufig vor. Gemäß einem kurzen Google-Blick ins Internet kommt die en-lose Form (je nach Deklinationsform) drei- bis viermal häufiger vor als die Variante mit Fugenelement. [2]

Es gib aus unserer Sicht keinen Grund, Birnenbaum als „nicht bestehend“ oder als „falsch“ anzusehen. Es ist eine korrekt gebildete, relativ häufig verwendete Variante des gebräuchlicheren Wortes Birnbaum. Deshalb führen wir es in unserer Wörterliste.

Warum Birnenbaum in anderen Wörterbüchern nicht erscheint, weiß ich leider nicht. Diese Frage können Sie besser an die Redaktion der betreffenden Wörterbücher richten. Da es keine allgemein gültigen, rein objektiven Kriterien für die Aufnahme von Wörtern in Wörterbücher gibt (Lexikographen und Lexikographinnen mögen mir diese grobe Vereinfachung verzeihen), ist es übrigens nicht sehr erstaunlich, dass nicht alle Wörterbücher genau die gleichen Wörter aufführen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

[1] Es geht hier nicht um die Pluralendung en, sondern um das Fugenelement en, das heißt, es geht nicht darum, dass mehrere Früchte im Baum hängen können, sondern darum, dass weibliche Wörter wie Birne in Zusammensetzungen oft mit dem Fugenelement en stehen. Siehe auch hier.

[2] Diese Google-Angaben sind natürlich keine wissenschaftlich fundierten Zahlen, sondern nur eine Annäherung zur Illustration. Eine Schwierigkeit hierbei ist zum Beispiel, dass Birnbaum auch ein Familienname und Birnbäumen auch ein Ortsname ist.

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