Gelehrte Betonung: Paradígma und Parádigma

Frage

Bei einem Vortrag verwendete der Referent mehrmals bewusst die Aussprache „ParAdigma“. Ich habe bisher immer gesagt/betont: Parad-I-gma.. Was spricht für die eine oder andere Betonungsvariante? Was ist „richtiger“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

bei der allgemein üblichen Aussprache von Paradigma liegt die Hauptbetonung auf dem i der vorletzten Silbe. Das ist Ihre und auch meine Aussprache. Die Aussprache des Referenten mit Betonung auf dem a der zweiten Silbe ist unüblich, aber zum Beispiel gemäß Duden auch möglich.

Die übliche Betonung Paradígma haben wir wahrscheinlich im 16. Jahrhundert zusammen mit dem Wort aus dem Lateinischen übernommen (paradīgma). Die vom Referenten verwendete Betonung geht direkt auf den griechischen Ursprung des Wortes zurück: parádeigma (παράδειγμα). Die Betonungsverschiebung hat auf dem Weg vom Griechischen ins Lateinischen stattgefunden, aus dem wir das Wort dann übernommen haben.

Für beide Betonungen lassen sich somit Begründungen finden. Ich würde empfehlen, die üblichere Betonung Paradígma zu verwenden, die sich aus der wortgeschichtlichen Entwicklung ergibt, und nicht direkt auf das Altgriechische zurückgreifen. Die Betonung Parádigma macht auf mich einen etwas gekünstelt gelehrten Eindruck. So sagen wir zum Beispiel auch paradóx wie lat. paradóxus und nicht parádox wie gr. parádoxos (παράδοξος); Paragráph wie lat. paragráphus und nicht Parágraph wie gr. parágraphos (παράγραφος) u. a. m. Man sagt allerdings wieder Parámeter wie im Griechischen, doch das ist dann die Ausnahme …

Die Akzente auf dem betonten Vokal in den deutschen und lateinischen Wörtern sind von mir. Man schreibt unabhängig von der Betonung ganz akzentlos Paradigma, paradox, Paragraph und Parameter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

5 Kommentare

  1. matthias schreibt:

    Oktober 12, 2015 um 23:03

    aus eigener beobachtung würde ich sagen: parádigma ist fachsprachlich (in den geistes-/kulturwissenschaften) die üblichere variante. zur sonstigen verwendung kann ich nichts sagen, da kommt das bei mir zu selten vor 😉

  2. Timo schreibt:

    Oktober 13, 2015 um 09:19

    Ich befürchte, dann spreche ich „Parameter“ falsch aus, nämlich „Paraméter“, also /paʀaˈmeːtɐ/, äquivalent zu Kilometer und so.

  3. Vilinthril schreibt:

    Oktober 13, 2015 um 09:23

    Man sagt allerdings auch Parádoxon. :p Schließe mich an, in gehobener (Fach-)Sprache ist Parádigma üblich und wirkt auf mich auch nicht gekünstelt.

  4. chirlu schreibt:

    Oktober 13, 2015 um 14:07

    Die Betonung „Parámeter“ entspricht sowohl dem Griechischen als auch dem Lateinischen. Das Lateinische hat einen gebundenen Akzent: Betont wird die vorletzte Silbe, wenn sie lang ist, andernfalls die drittletzte (sofern es eine gibt). Eine Silbe gilt als lang, wenn sie einen langen Vokal enthält (bei „parametrum“ nicht der Fall) oder auf einen Konsonanten endet (auch nicht der Fall, weil -tr- ganz der Folgesilbe zugeschlagen wird, wie alle Kombinationen von Plosiv plus r/l). Der Sonderfall ist daher nicht Parameter, sondern Paragraph.

  5. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 14, 2015 um 07:21

    @Vilinthril: Paradoxon, Plur. Paradoxa, ist eine direkte Entlehnung aus dem Griechischen und nicht über das Lateinische zu uns gelangt. Aber:

    @chirlu: Vielen Dank für die Richtigstellung. Bei den anderen Beispielen habe ich mich gröbster Vereinfachung und einer falschen Darstellung schuldig gemacht. Wenn wir immer wie die alten Römer betonen würden, betonten wir manche dieser gelehrten Wörter anders. Die Chance ist groß, dass wir dann Parágraph sagen würden, ähnlich wie die Italiener ihr paragrafo aussprechen: parágrafo.

    Ich hätte es also beim Beispiel Paradigma belassen und keine Verallgemeinerung vornehmen sollen. Diese Betonungsfrage ist komplexer, zu komplex, als dass ich sie hier weiter behandeln kann und möchte. Von meiner Argumentation bleibt also nur, dass es für Paradigma zwei wortgeschichtlich vertretbare Betonungen gibt, von denen die gemäß den Wörterbüchern weniger übliche resp. gar nicht erwähnte auf mich einen etwas zu gelehrten Eindruck macht. Kein allzu gelungener Blogartikel, muss ich zugeben.