Flügge

Kleine Kinder werden groß. Heute Mittag standen wir am Flughafen, um Lisa zu verabschieden, eine achtzehnjährige junge Frau, die für drei Jahre Studium nach Neuseeland abgereist ist. Sprachlich war ich nicht zu viel mehr im Stande als zu ein paar ungeschickten Abschiedsworten für Lisa und einigen tröstend gemeinten Bemerkungen für die Eltern, denen Tränen über die Wangen rollten, und für den baumlangen Freund, dem es auch nicht gelang, die Augen trocken zu halten. Darüber werde ich also weiter nichts berichten.

Dann fiel mir auf dem Flughafen das Wort flügge ein. Die kleine Lisa, deren Eltern ich schon kannte, als sie noch nicht geboren war, ist flügge geworden. Sie verlässt das elterliche Nest und fliegt in die Welt hinaus. Auf dem Flughafen ist die Bildsprache schon fast wörtlich zu verstehen. Auf dem Weg nach Hause brach dann wieder der Sprachler in mir durch: „Ein seltsames Wort eigentlich, flügge mit zwei g.“ Das Adjektiv ist natürlich eng mit fliegen und dessen abgelautetem Stamm flug verwandt. Nach den Angaben der Wörterbücher erklärt sich die ungewöhnliche Form mit zwei g daraus, dass im 15. Jahrhundert mit vlügge ein niederdeutsches Wort ins Hochdeutsche übernommen wurde. Darüber, warum hier ein Wort aus dem Niederdeutschen ins Hochdeutsche gelangt ist, sagen die Wörterbücher leider nichts. Flügge werden Vögel doch nicht nur im Norden, d.h. im niederdeutschen Sprachraum, sondern überall.

Flügge, die Wortgeschichte ist so nicht allzu interessant, aber an diesem etwas gefühlsbetonten Tag wollte ich dieses Wort trotzdem kurz erwähnen. Kleine Mädchen werden groß – und Linguisten auch nicht jünger.

5 Kommentare

  1. Martin schreibt:

    November 30, 2015 um 22:20

    *fiel

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 1, 2015 um 00:09

    Vogel, Flug, vlügge, flügge, viel, fiel – da ist mir im Text tatsächlich ein v für ein f reingerutscht. Danke für den Hinweis. Ist korrigiert.

  3. Michael Kuhlmann schreibt:

    Dezember 1, 2015 um 08:46

    War ja auch nur ein kleiner Vehler.

  4. Rappelkopf schreibt:

    Dezember 15, 2015 um 16:24

    Habe eine Cousine, die mit ihrer Familie nach Neuseeland ausgewandert ist. Ihr gefällt es dort sehr gut. Und eine Nichte, die sich in Chile verliebt hat.

    Wünsche Lisa unbekannterweise das Allerbeste für ihre Zeit auf der anderen Seite der Erdkugel.

    Rappelkopf

  5. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 18, 2015 um 10:43

    Danke!