Der manchmal divenhafte Genitiv: sich Vorbilder[n] bedienen?

Hin und wieder wird ja das Verschwinden des Genitivs beklagt. Dass er tatsächlich immer weniger verwendet wird, hat er zum Teil sich selbst zu verdanken. Er kann nämlich so wählerisch und anspruchsvoll sein, dass wir gezwungen sind, auf andere Formulierungen auszuweichen. Heute wieder einmal ein Beispiel des etwas divenhaften Verhaltens des Genitivs:

Frage

Vorbilder oder Vorbildern, mit oder ohne n?

Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbilder der Natur.
Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbildern der Natur.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

eine einfache Antwort kann ich Ihnen hier leider nicht geben, denn keine der beiden Formulierungen ist standardsprachlich möglich.

Das Verb sich bedienen verlangt den Genitiv. Und hier entsteht das Problem: Eine Wortgruppe kann nämlich in der Regel nicht im Genitiv stehen, wenn sie nicht ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv enthält (Ausnahme: Eigennamen). Hier ein paar Beispiele, bei denen diese Bedingung nicht erfüllt ist:

nicht: der Verkauf Milchpulvers, der Verkauf Fahrräder
nicht: ein Glas Weins
nicht: mangels Beweise
nicht: die Einstellung des Mannes als Mitarbeiters
nicht: Sie enthielten sich Alkohols. Sie enthielten sich Kommentare.

Das ist auch in Ihrem Beispiel der Fall. Die Genitivform Vorbilder kann (u. a.*) deshalb nicht verwendet werden, weil sie nicht von einem Artikel oder Adjektiv begleitet wird.

nicht: Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbilder der Natur.

In solchen Fällen wird u. a. auf den Dativ oder eine Formulierung mit von ausgewichen (z. B. mangels Beweisen; der Verkauf von Fahrrädern). Bei sich bedienen ist dies aber standardsprachlich nicht anerkannt. Deshalb sollten Sie auch die Dativform Vorbildern nicht verwenden.

nicht: Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbildern der Natur.
nicht: Die Wissenschaftler bedienen sich von Vorbildern der Natur.

Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist eine andere Formulierung zu wählen. Sie könnten ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv hinzufügen. Zum Beispiel:

Die Wissenschaftler bedienen sich einiger/verschiedener Vorbilder der Natur.

Sie können auch ein anderes Verb wählen. Zum Beispiel:

Die Wissenschaftler benutzen/verwenden Vorbilder der Natur.

Das Verb sich bedienen ist übrigens nicht das einzige, bei dem es zu solchen Problemen kommen kann. Hier noch zwei Beispiele:

nicht: Sie enthielten sich Kommentare.
aber z. B.:
Sie enthielten sich jeglicher Kommentare.
Sie verzichteten auf Kommentare.

nicht: Sie war Protests nicht mehr fähig.
aber z. B.:
Sie ist nicht mehr zu Protest fähig.

Insbesondere das zweite Beispiel zeigt, dass der Genitiv immer häufiger auch dann durch entsprechende andere Konstruktionen ersetzt wird, wenn er eigentlich stehen könnte. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Verben mit Genitivobjekt immer seltener verwendet werden.

Sie war heftigen Protests nicht mehr fähig.
häufiger:
Sie war nicht mehr zu heftigem Protest fähig.

Entschuldigen Sie bitte, dass die Antwort so lang ausgefallen ist. Ich fand diesen Fall so interessant, dass ich mich einer detaillierteren Erklärung bedienen wollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Eine weitere Bedingung, die erfüllt sein muss, damit eine Wortgruppe im Genitiv stehen kann, ist, dass mindestens ein Wort die Genitivendung [e]s oder er hat. Auch diese Bedingung erfüllt Vorbilder nicht.

 

5 Kommentare

  1. alter Jakob schreibt:

    Januar 13, 2016 um 12:04

    Wie schaut’s denn aus mit „Die Wissenschaftler bedienen sich an (statt von)Vorbildern der Natur“?

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 14, 2016 um 12:02

    Es ist nicht üblich, sich bedienen mit an zu verwenden.

  3. Michael Kuhlmann schreibt:

    Januar 14, 2016 um 17:49

    Doch, allerdings nicht in diesem Zusammenhang.

    „Sie bedient sich an dem Süßigkeitenregal.“

    Soll heißen, sie stopft sich die Taschen voll.

    Der Satz ginge auch mit den Wissenschaftlern und den Vorbildern, hätte allerdings die unfreiwillige Komik, dass irgendwelche Vorbilder in der Natur herumstehen müssten, an denen sich die Wissenschaftler bedienen können. Es wäre also eine andere Bedeutung.

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 15, 2016 um 11:41

    Wenn man eine Konstruktion aus dem Kontext löst und andere Bedeutungen zulässt, gibt es sehr, sehr viele Formulierungen, die in irgendeiner Weise möglich sind. Sie alle immer auszuschließen führt zu unlesbar langen Texten. Ebenso wie in Ihrem Beispiel sich bedienen an möglich ist, kann man andere freie Ergänzungen mit Präposition verwenden: sich bedienen bei (der Tankstelle), sich bedienen in (der Käseabteilung), sich bedienen mit (großem Eifer) usw.

  5. Michael Kuhlmann schreibt:

    Januar 15, 2016 um 16:33

    Ich gebe auch zu, das war etwas klugscheißerisch von mir. Was gemeint war, ist mir schon klar. Ich konnte aber nicht widerstehen, weil ich die Vorstellung, wie ein paar Wissenschaftler über eine Wiese laufen und sich an Vorbildern der Natur bedienen, zu köstlich fand.