Das Topmodel und sein Freund

Frage

In einem Artikel der Yellowpress heißt es:

… das Topmodel ist glücklich mit seinem Freund.

Ist das richtig oder heißt es „mit ihrem Freund“

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

streng nach der Grammatik stimmt die Form seinem. Nach der allgemeinen Regel richtet sich die Form des besitzanzeigenden Wortes (Possessivs) nach dem grammatischen Geschlecht (Genus) des Wortes, auf das es sich bezieht:

der Wald und seine Funktionen
die Wiese und ihre Bewohner

Auch bei Lebewesen gilt im Prinzip diese Übereinstimmung nach dem grammatischen Geschlecht. So heißt es zum Beispiel

die Amsel mit ihrem schwarzen Federkleid

obwohl viele auch ohne Ornithologiestudium wissen, dass nur die Amselmännchen schwarz sind.

Ein bisschen anders sieht es bei Menschen aus. Auch hier gilt im Prinzip die Übereinstimmung nach dem grammatischen Geschlecht:

Das Topmodel ist glücklich mit seinem Freund.
Das Mädchen spielt mit seiner Schwester.

Bevor Sie nun vielleicht anfangen sich zu wundern oder gar zu ärgern, kommt das große Aber. Diese Übereinstimmung des Possessivums mit dem grammatischen Geschlecht war gang und gäbe, als man unverheiratete Frauen noch ungeniert Fräulein nannte:

Er hätte nicht sagen können, ob das Fräulein mit seinem traurigen oder mit seinem erschrockenen Gesicht hübscher aussah.

Nach dieser artigen Rede setzte das Fräulein seinem Vater die Blumenkrone auf, und er umarmte es zärtlich.

Im heutigen Deutsch hingegen ist die Übereinstimmung mit dem natürlichen Geschlecht in solchen Fällen immer üblicher:

Das Topmodel ist glücklich mit ihrem Freund.
Das Mädchen spielt mit ihrer Schwester.

Die Form seinem in Ihrem Beispiel ist also nicht falsch, aber immer weniger üblich. Persönlich empfehle ich hier immer die Übereinstimmung mit dem natürlichen Geschlecht, also ihrem. Nur wenn die Bezeichnung Topmodel sich entgegen dem üblichen Sprachgebrauch auf einen Mann bezieht, ist mit seinem Freund die einzige richtige Formulierung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

7 Kommentare

  1. Michael Kuhlmann schreibt:

    Januar 15, 2016 um 16:40

    Darüber stolpere ich auch immer, wenn ich meinen Kindern Märchen vorlese. Fast alle handeln von Mädchen, und immer werden die dort sächlich benannt. Obwohl ich selber auch nicht mehr der frischeste bin, kommt mir das störend vor, und ich wandele die Personalpronomen in die weibliche Form ab. Das erleichtert das Lesen allerdings nicht gerade.

  2. Tilly Dö schreibt:

    Januar 15, 2016 um 17:43

    Wenn ich einen Satz wie „Das Mädchen spielt mit ihrer Schwester“ lese, dann suche ich immer erst nach einem weiblichen Substantiv, auf welches sich „ihrer“ beziehen könnte, bevor mir einfällt, dass Sprachfeminismus in Deutschland gerade Mode ist. In meinen Augen ist es ungrammatisch.

    Wie beurteilen Sie, Dr. Bopp, was häufiger gebraucht wird? Ich meine, im Alltag die grammatische Form zu hören, aber ich bin auch größtenteils von Sprachwissenschaftlern umgeben. Warum empfehlen Sie gerade die Übereinstimmung mit dem natürlichen Geschlecht — ist das eine persönliche Ansichtssache oder in der Statistik begründet? Die Beispiele im Duden enthalten sächliche Pronomen.

  3. Tilly Dö schreibt:

    Januar 15, 2016 um 19:37

    @Kuhlmann: Geht das nie schief? Ich denke da an so etwas in der Art:

    „Die Prinzessin traf ein Mädchen. Das Mädchen spielte mit seiner Schwester.“ /

    „Die Prinzessin traf ein Mädchen. Das Mädchen spielte mit ihrer Schwester.“

    … wessen Schwester?

    Ist es ratsam, seinen Kindern diese Form beizubringen, wenn sie in der Schule dann eh wieder rot angestrichen wird?

  4. Michael Kuhlmann schreibt:

    Januar 16, 2016 um 14:56

    @Tilly Dö:

    Keine Sorge, das geht nie schief.

    „Der Prinz traf ein Mädchen. Das Mädchen spielte mit seiner Schwester.“

    Wessen Schwester? — Ätsch!

    Und wenn Du den Beitrag von Dr. Bopp gelesen hättest, dann wärst Du jetzt so schlau, dass Du wüsstest, dass diese Form mittlerweile üblich ist und deshalb auch nicht rot angestrichen wird.

    Und wenn Du Dein Gehirn benutzen würdest, dann würdest Du merken, dass das mit „Sprachfeminismus“ nicht das geringste zu tun hat.

  5. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 17, 2016 um 13:05

    Die Wahl von das Topmodell ist glücklich mit ihrem Freund ist, wie im Artikel explizit angegeben, meine persönliche Empfehlung.

    Im Artikel steht nicht, dass es die häufiger verwendete Variante ist, sondern dass diese Variante immer häufiger vorkommt.

    Dass sie immer häufiger vorkommt, hat (@Michale Kuhlmann) schon direkt oder indirekt etwas mit geschlechtergerechter Sprache zu tun.

    Wenn die Formulierung das Topmodell ist glücklich mit ihrem Freund an Schulen tatsächlich als falsch angestrichen wird – was ich bezweifle – werde ich einen entsprechenden »Warnhinweis« hinzufügen.

    Die Situation ist natürlich wieder einmal viel komplexer, als sie in einem Artikel dargestellt werden kann. Grob gesagt ist die formale Übereinstimmung nach dem grammatischen Geschlecht bei größerer Nähe stärker:

    Nur formal innerhalb der unmittelbaren Wortgruppe:

    das/ein/dieses/jedes Mädchen

    Praktisch nur formal bei Relativpronomen:

    Sie sahen ein Mädchen, das alleine auf einer Bank saß.

    Sonst – auch nach Duden und bereits bei Goethe – je weiter vom Bezugswort entfernt, desto eher auch semantische Übereinstimmung nach dem natürlichen Geschlecht:

    Als mich das Mädchen erblickte, so trat sie den Pferden gelassen näher.

    [Goethe, Hermann und Dorothea, II]

    Die Wahl zwischen formaler und semantischer Übereinstimmung ist also nicht schwarz-weiß. Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Unter anderem scheint es eine Verschiebung zur semantischen Kongruenz zu geben.

    Ich persönlich empfehle für die im Artikel genannten Fälle die semantische Übereinstimmung, sage aber nicht, dass die formale Übereinstimmung falsch wäre.

  6. Rappelkopf schreibt:

    Januar 31, 2016 um 15:22

    Der Diskussionsstil wird auch immer direkter, nicht wahr, Michael Kuhlmann?

  7. Niederländische Wortgeschlechter schreibt:

    Februar 1, 2016 um 09:35

    […] im Deutschen tendiert man bei Personen inzwischen immer häufiger zum natürlichen Geschlecht. Eine erfreuliche Entwicklung, finde […]