Archiv für Februar, 2016

Vorzukunft in der Vergangenheit

Von der Vorzukunft in der Vergangenheit haben Sie wahrscheinlich noch nie gehört. Es ist auch eine Zeitform, die kaum jemand täglich verwendet.

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen: „Sie beschloss noch im selben Augenblick, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.“

Zuerst dachte ich, das wäre „Zukunft in der Vergangenheit“, aber das passt nicht. […] Ich frage mich auch, was die einfachere Alternative für den gegebenen Satz wäre. Es könnte nur „…sobald der Regen aufhört“ sein, denn „sobald der Regen aufgehört hätte“ hat eine andere Bedeutung. Sehr gerne würde ich den grammatikalischen Kontext des Satzes besser verstehen.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die würde-Form aufgehört haben würde ist hier trotz Ihrer Zweifel eine Art Zukunft in der Vergangenheit. Es ist also keine Ersatzform für den Konjunktiv II. Deshalb würde aufgehört hätte nicht gut in den Satz passen.

Die würde-Form kommt häufig vor, wenn etwas Vergangenes in Bezug auf etwas anderes Vergangenes zukünftig war (Zukunft in der Vergangenheit):

Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.
Als ihr in Nizza Rodolfo vorgestellt wurde, vermutete sie nicht, dass sie schon wenige Monate später mit ihm verheiratet sein würde.
Er nahm auf niemanden Rücksicht. Das würde er noch bereuen.

Um die Zeitverhältnisse in Ihrem recht komplexes Satz besser zu verstehen, nehmen wir ihn zuerst einmal auseinander:

Sie beschloss,
= Zeitpunkt X in der Vergangenheit
dass sie dorthin fahren würde, sobald der Regen aufgehört haben würde.
= zukünftig in Bezug auf den Zeitpunkt X

Dann ersetzen wir den dass-Satz durch eine Infinitivkonstruktion

Sie beschloss,
dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zukünftigkeit sieht man gut, wenn man den Hauptsatz zuerst ins Präsens setzt:

Wir wissen, dass Marianne um 17 Uhr ankommen wird.
Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.

Sie beschließt, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
Sie beschloss, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zeitverhältnisse sind in Ihrem Satz deshalb so kompliziert, weil der mit sobald eingeleitete Satz in Bezug auf dorthin fahren vorzeitig ist, in Bezug auf beschließen aber immer noch „zukünftig“. Die Form aufgehört haben würde ist also eigentlich nicht Zukunft in der Vergangenheit, sondern so etwas wie „Vorzukunft in der Vergangenheit“:

Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören wird.
aufhören wird = Zukunft
Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
aufgehört haben wird = Vorzukunft, vorzeitige Zukunft

Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören würde.
aufhören würde = Zukunft in der Vergangenheit
Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.
aufgehört haben würde = Vorzukunft in der Vergangenheit

Wie so oft, wenn es um die Verwendung von Zeitformen im Deutschen geht, sind dies keine eisernen Regeln. Genauso wie die Zukunft im Deutschen nicht immer mit dem Hilfsverb des Futurs werden ausgedrückt wird, wird auch die Zukunft in der Vergangenheit nicht immer mit der würde-Form gebildet. Die Struktur des Satzes, der Sie beschäftigt, sollte damit aber erklärt sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Derem und dessem

Zwei Wörter, die immer wieder auftauchen und die perfekt ins deutsche Formensystem zu passen scheinen, gehören – zumindest standardsprachlich – doch nicht dazu: derem und dessem.

Frage

Ich habe zwei Sätze, bei denen ich die Richtigkeit überprüfen soll. Es geht um die Verwendung von deren, dessen, derem etc. Ist hier derem korrekt?

Diese feministische Gruppe, in DEREM Interesse es liegt, die Situation der Frau zu verbessern, scheint mir realistische Forderungen zu stellen.
Trotz des großen Andrangs und der vielen Besucher gelang es ihr, ein paar Worte mit der Direktorin und DEREM Mann zu wechseln.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

um es gleich vorwegzunehmen: In der Standardsprache gibt es die Form derem nicht. Die Form deren ist unveränderlich. Es ist der weibliche Genitiv Singular und der Genitiv Plural des Relativpronomens der/die/das und des Demonstrativpronomens der/die/das.

Auch wenn deren wie ein Artikel vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv im Dativ steht, bleibt es unveränderlich, das heißt, es erhält anders als die Artikelwörter einem, diesem, ihrem usw. nicht die Endung em. Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Diese feministische Gruppe, in deren Interesse es liegt, die Situation der Frau zu verbessern, scheint mir realistische Forderungen zu stellen.
Trotz des großen Andrangs und der vielen Besucher gelang es ihr, ein paar Worte mit der Direktorin und deren Mann zu wechseln.

Man begegnet hier aus nicht ganz unbegreiflichen Gründen häufig auch der Form derem. Diese Form ist aber, wie bereits gesagt, standardsprachlich nicht korrekt. Wie wird deren vor einem Substantiv verwendet?

Als Relativpronomen:

die Nachbarin, mit deren rotem Sportwagen ich gerne einmal fahren würde
(nicht: *mit derem roten Sportwagen)
Sie haben sich wüste Schlägereien geliefert, in deren Verlauf auch etliche Feuerlöscher geleert wurden.
(nicht: *in derem Verlauf)

Als rückweisendes Demonstrativpronomen:

Sie hat die Direktorin in deren Büro aufgesucht.
(nicht: *in derem Büro)
Sie stehen hinter der Partei und deren politischem Auftrag.
(nicht: *derem politischen Auftrag)

Dasselbe gilt übrigens auch für dessem. Auch diese Form gibt es standardsprachlich nicht, nicht einmal vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv im Dativ:

der Nachbar, mit dessen rotem Sportwagen …
Sie haben sich einen wüsten Kampf geliefert, in dessen Verlauf auch etliche Feuerlöscher geleert wurden.
Er hat den Direktor in dessen Büro aufgesucht
Sie stehen hinter dem Vorstand und dessen politischem Auftrag.

Und falls Sie wieder einmal unsicher werden: Wenn Sie versucht sind, derem oder dessem zu verwenden, sollten Sie deren oder dessen wählen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Zu zweit, zu achtundzwanzigst, zu hunderteint?

Frage

Ich habe eine Frage zu einem Satz, der sinngemäß auf einer PK zum letzten Europäischen Rat gefallen ist:

Die Mitgliedsländer sollen keine Maßnahmen im Alleingang durchführen, sondern die Entscheidungen sollen zu achtundzwanzigst getroffen werden. (28 EU-Mitgliedsländer)

Ist „achtundzwanzigst“ hier richtig? Und ist auch korrekt: „zu neunundneunzigst“, „zu hundertst“, „zu einhunderteint“ und „zu einhundertzweit“?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

es handelt sich bei achtundzwanzigst um eine Ordnungszahl ohne Endung. Endungslose Ordnungszahlen kommen wie in Ihrem Beispiel nur in Verbindung mit zu vor (vgl. hier). Die Wendung dient dazu, anzugeben, wie viele Personen an etwas beteiligt sind:

zu wievielt?

Wir waren zu zweit unterwegs.
Sie haben es nicht einmal zu viert geschafft, die Kiste hochzuheben.
Die Zwerge gingen jeden Morgen zu siebt zur Arbeit.

Das Prinzip ist ganz einfach: zu + endungslose Ordnungszahl. Dabei gibt es keine Regel, die festlegt, bei welchen Ordnungszahlen diese Wendung möglich ist. Im Prinzip funktioniert es überall, also auch hier:

Die Entscheidungen sollen zu achtundzwanzigst getroffen werden.

Warum lässt diese Form Sie dann trotzdem stutzen? – Weil diese Formulierung vor allem bei niedrigen und nicht komplexen Zahlen vorkommt. Während von zu zweit bis zu zwölft niemand verwundert aufhorcht, sind Formen wie zu achtundzwanzigst oder zu dreiunddreißigst recht ungebräuchlich.

Sätze mit höheren, aber einfachen Zahlen lassen sich mit etwas Mühe noch finden:

Welches Nutztier kann man sonst schon zu zwanzigst oder dreißigst auf einem Quadratmeter zusammenquetschen?
Es ist vor allem wichtig, mit vereinten Kräften zu handeln: besser zu zehnt als allein, besser zu hundertst als zu zehnt, besser zu tausendst als zu hundertst.

Dahingegen sind komplexere Formen wie zu siebenundneunzigst, zu hundertvierundvierzigst oder zu fünfhundertst zwar bildbar, aber „in der freien Wildbahn“ kaum zu beobachten. Bei hunderteins kommt noch hinzu, dass die entsprechende Ordinalzahl standardsprachlich hunderterste lautet, man aber wie Sie eher die Neigung hat, von der umgangssprachlichen Variante hunderteinte auszugehen: zu hundereint. Auch dieser Form begegnet man (außer in Fragerubriken wie dieser) kaum. Wieder einmal zeigt sich, dass nicht alles, was möglich ist, auch vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Der Wettlauf mit der Zeit und gegen die Zeit

Frage

Wie heißt es richtig: „Wettlauf mit der Zeit“ oder „Wettlauf gegen die Zeit“

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

spontan würde man ja sagen, dass es einen großen Unterschied zwischen etwas mit jemandem tun und etwas gegen jemanden tun gibt. Es hört sich sogar ziemlich gegenteilig an. Trotzdem kommen hier beide Formulierungen vor und gelten beide als korrekt:

ein Wettlauf mit der Zeit
ein Wettlauf gegen die Zeit

Es gibt noch nicht einmal einen wesentlichen Bedeutungsunterschied. Das hat mit einer unterschiedlichen Betrachtungsweise des Phänomens Wettlauf zu tun. Ein Wettlauf oder ein Wettrennen ist ein Geschehen, dass man mit jemandem unternimmt, indem man gegen diese Person oder diese Personen antritt. Nimmt man mit, gibt man an, wer auch am Wettlauf teilnimmt. Nimmt man gegen, gibt man an, wer die Gegenpartei ist.

Im Märchen gewinnt der Igel das Wettrennen mit dem Hasen.
Im Märchen gewinnt der Igel das Wettrennen gegen den Hasen.

Diese beiden Sichtweisen sind, wie oben schon gezeigt, auch bei der Verwendung von Wettlauf im übertragenen Sinne möglich. Je sportlicher und kompetitiver ein Wettlauf, ein Wettrennen o. Ä. ist, desto stärker nimmt allerdings die Formulierung mit gegen überhand. So werden Fußballspiele im Allgemeinen nur gegen eine andere Mannschaft ausgetragen und liest man häufiger über den Titelkampf von Tyson Fury gegen Wladimir Klitschko als über den Titelkampf von Tyson Fury mit Wladimir Klitschko.

Zum Glück für mich (und für diejenigen, die es gerne möglichst kurz und bündig haben, leider) ist die Beantwortung dieser Frage für mich heute weder ein Wettlauf gegen die Zeit noch ein Wettlauf mit der Zeit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Wohin soll das Komma bei »einige Monate nachdem«

Frage

Wohin soll das Komma? Wir sind ratlos.

Er starb, einige Monate nachdem dieses Foto 1901 gemacht worden war?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

das Komma ist richtig gesetzt. Im Prinzip steht das Komma vor der Nebensatzeinleitung nachdem:

Er starb, nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Es kommt aber häufiger vor, dass nachdem Teil einer Verbindung ist, die als eine Einheit erfahren wird. Das Komma steht dann vor der ganzen Fügung und nicht vor nachdem. Zum Beispiel:

Er starb, kurz nachdem dieses Foto gemacht worden war.
Er starb, einen Tag nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Ebenso:

Er starb, einige Monate nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Ich gebe zu, dass dies nicht das „intuitivste“ aller jemals gesetzten Kommas ist, aber Alternativen wären kein Komma oder ein Komma nach einige Monate. Kein Komma ist orthografisch nicht möglich, weil wir dann einen Nebensatz hätten, der nicht durch ein Komma abgetrennt wird:

Nicht: Er starb einige Monate nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Setzt man das Komma nach einige Monate, ergibt das einen langen Sterbensprozess, weil man dann annehmen müsste, dass er einige Monate (wie lange?) starb, nachdem das Foto 1901 gemacht worden war.

Nicht: Er starb einige Monate, nachdem dieses Foto gemacht worden war.
Vgl.: Er lebte nur noch einige Monate, nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Und weil die ganze Fügung als eine Einheit aufgefasst wird, stehen auch nicht zwei Kommas:

Nicht: Er starb, kurz, nachdem das Foto gemacht worden war.
Nicht: Er starb, einige Monate, nachdem das Foto gemacht worden war.

Weitere Beispiele:

Ich habe dir um 10 Uhr geantwortet, also gleich nachdem ich deine E-Mail erhalten habe.
Sie bezahlte die Rechnung, kurz bevor der Gerichtsvollzieher kam.
Schon viele Jahre bevor Bio zum Trend wurde, begann sie die Produkte der Bio-Bauern zu vermarkten.

Siehe auch hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Wenn es unmöglich wird, wird es unmöglich sein

Frage

Trotz langen Suchens habe ich keine eindeutige Erklärung für folgendes Problem finden können. Ist bei dem Ausdruck „es wird (un)möglich (sein)“ die Verwendung von „sein“ erforderlich? Beispiel:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …
Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

beide Formulierungen sind richtig, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Wir haben es hier mit dem Futur des Verbs sein zu tun, das heißt, werden ist hier das Hilfsverb des Futurs. Ein zukünftiger Zustand wird beschrieben.

Ohne sein sieht der Satz so aus:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …

Hier haben wir es mit dem Präsens des Verbs werden zu tun, das für die Angabe einer Zustandsveränderung verwendet wird. In diesem Satz wird somit nicht wie im ersten Satz ein zukünftiger Zustand, sondern eine gegenwärtige Zustandsveränderung beschrieben.

Rein formal sind also beide Formulierungen möglich. Wie sieht es nun mit der Bedeutung aus? Eine Zustandsveränderung hat einen zukünftigen anderen Zustand zur Folge. Der Vorgang des Unmöglichwerdens resultiert in zukünftigem Unmöglichsein. Da also – in Normalsprache ausgedrückt – etwas, das unmöglich wird, danach unmöglich ist, können in gewissen Situationen beide Formulierungen zutreffend sein.

Bei zu später Bestellung wird es unmöglich, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.
Bei zu später Bestellung wird es unmöglich sein, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.

Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund.
Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund sein.

Das gilt aber nur dann, wenn es keine Rolle spielt, ob ein gegenwärtiger Vorgang oder ein zukünftiger Zustand gemeint ist.

Weil diese Erklärung langsam zu lang wird, höre ich jetzt auf und hoffe, dass sie trotz ihrer Länge einigermaßen verständlich für Sie sein wird (oder einfach ist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Höchstbezahlt und höchst interessant

Frage

Heute einmal eine Anfrage zur Zusammen- bzw. Getrenntschreibung bei dem Ausdruck „höchst“: Man schreibt „der höchstbezahlte Star“, aber „ein höchst interessanter“ Film. Ist die Lösung des Problems etwa folgende: Wenn ich statt „höchst“ „äußerst“ einsetzen kann, schreibe ich auseinander?

Wobei ich aber dann das Problem mit einem „höchstbegabten“ Schüler habe: Der ist zwar „äußerst begabt“, trotzdem heißt es nicht „höchst begabt“, sondern eben „höchstbegabt“.

Antwort

Sehr geehrter A.,

man schreibt höchst mit einem Adjektiv oder Partizip zusammen, wenn die Hauptbetonung der Verbindung auf „höchst“ liegt. Seine Bedeutung ist dann am höchsten. Es gibt den höchsten Grad einer Eigenschaft an (vgl. Superlativ):

der höchstbezahlte Star = der am höchsten bezahlte (bestbezahlte) Star
der höchstgelegene Ort = der am höchsten gelegene Ort
der höchstbegabte Schüler = der am höchsten begabte Schüler

Man schreibt getrennt, wenn höchst nicht die Hauptbetonung der Verbindung trägt. Die Bedeutung ist dann verstärken wie sehr, äußerst, außerordentlich. Es gibt einen sehr hohen Grad einer Eigenschaft an (vgl. Elativ):

der höchst interessante Film = der sehr interessante Film
es kommt höchst gelegen = es kommt äußerst gelegen
der höchst begabte Schüler = der außerordentlich begabte Schüler

Es gibt also einen Unterschied zwischen höchst begabt und höchstbegabt. Die höchst begabten Schülerinnen sind zwar äußerst begabt, aber im Gegensatz zu den höchstbegabten Schülerinnen nicht unbedingt die allerbegabtestesten von allen. Ihre Annahme war also richtig: Wenn höchst die Bedeutung äußerst, außerordentlich hat, schreiben Sie getrennt.

Wenn der Star, der am meisten von allen verdient, in einem sehr interessanten Film spielt, dann spielt also der höchstbezahlte Star in einem höchst interessanten Film. Und der Linguistenberuf ist zwar höchst interessant, gehört aber nicht zu den best- oder höchstbezahlten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Warum „haben geöffnet gehabt“ doch richtig sein kann

Frage

Ein Kursteilnehmer fragte im Deutschunterricht einer Freundin von mir, was der Satz „Wir haben bis 19 Uhr geöffnet“ bedeute und ob das Perfekt sei. Wie erklärt man die möglichen und unterschiedlichen Verwendungen von „wir haben geöffnet“ (Präsens bzw. Perfekt) am besten?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

in Wir haben bis 19 Uhr geöffnet ist haben geöffnet tatsächlich kein Perfekt. Hier wird das Partizip geöffnet in Verbindung mit haben gleich verwendet wie das Adjektiv offen oder, eher umgangssprachlich, die Adverbien auf und zu.

Wir haben geöffnet/offen/auf. (= Unser Geschäft/Schalter ist geöffnet.)
Wir haben geschlossen/zu. (= Unser Geschäft/Schalter ist geschlossen.)

Es handelt sich hier also um das Präsens der mehr oder weniger festen Wendung geöffnet haben.

Präsens: Wir haben geöffnet.
Präteritum: Wir hatten geöffnet.
Perfekt: Wir haben geöffnet gehabt.

Und hiermit sind wir beim Unterschied zum Perfekt von öffnen. Es lautet ebenfalls wir haben geöffnet:

Präsens: wir öffnen
Präteritum: wir öffneten
Perfekt: wir haben geöffnet

Was im konkreten Fall gemeint ist, das Präsens der Wendung geöffnet haben oder das Perfekt des Verbs öffnen, gibt der Satzzusammenhang an. In diesem Fall ist es ganz einfach: Das Verb öffnen kann nicht ohne ein Akkusativobjekt stehen. Auch im Perfekt muss also immer angegeben werden, was geöffnet wird. Zum Beispiel:

Wir haben den Laden/die Fenster/eine Dose/ein paar Flaschen geöffnet.

Ohne einen Akkusativobjekt handelt es sich um die Wendung geöffnet haben = offen haben.

Wir haben bis 19 Uhr/heute/den ganzen Tag geöffnet.

Den Unterschied kann man also einfach daran erkennen, ob angegeben wird, was geöffnet wird, das heißt, ob ein Akkusativobjekt von geöffnet haben abhängig ist.

Für weniger fortgeschrittene Deutschlernende wahrscheinlich etwas hoch gegriffen, für alle anderen nicht sehr wichtig, aber für diejenigen, die ab und zu gerne mit Formen jonglieren, vielleicht doch interessant ist diese abschließende Feststellung: Auch wenn man das standardsprachlich verpönte doppelte Perfekt wie in

Wir haben heute Morgen die Fenster geöffnet gehabt

besser vermeiden sollte, kann man also sagen

Wir haben heute Morgen geöffnet gehabt

Letzteres ist zwar auch nicht die allereleganteste Formulierung, aber ein „erlaubtes“ einfaches Perfekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (4)

Tauschen mit und tauschen gegen

Frage

Wenn an einem Wintertag die Angestellten nicht ins Büro, sondern auf die Piste gehen, haben sie dann das Büro mit der Piste getauscht oder haben sie das Büro gegen die Piste getauscht?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

dass alle mit und gegen beim Verb tauschen immer genau so verwenden, wage ich zu bezweifeln, aber die allgemein gebräuchlichen Konstruktionen mit diesem Verb sind die folgenden.

Wenn man angibt, was wodurch ersetzt wird, verwendet man gegen:

etwas gegen etwas tauschen
Sie tauschten Pelze gegen Nahrungsmittel.
Sie will ihr Auto gegen ein größeres tauschen.

Wenn man angibt, welche Person beim Tausch von etwas auch beteiligt ist, verwendet man mit:

etwas mit jemandem tauschen
Er hat die Wohnung mit einem Freund getauscht.
Sie haben ein paar freundliche Worte miteinander getauscht.

Die Person kann auch weggelassen werden. Dann steht weder mit noch gegen:

etwas tauschen
Sollen wir die Plätze tauschen?
Nach dem Jawort tauschten sie die Ringe.

Und wenn man angibt, dass man gerne an jemandes Stelle wäre, ist mit die richtige Wahl:

mit jemandem tauschen
Ich möchte nicht mit ihm tauschen!

In Ihrem Beispiel haben also die Angestellten das Büro gegen die Piste getauscht. Das konnten sie tun, weil sie ihren freien Tag mit anderen Angestellten getauscht hatten. Und die im Büro Zurückgebliebenen würden gerne mit ihnen tauschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare