Archiv für Oktober, 2016

»Rechnungsstellung an die auf der Bestellung angegebene E-Mail-Adresse« oder Kommasetzung bei attributiv verwendeten Partizipgruppen

Frage

In Verträgen tritt immer wieder die folgende Satzkonstellation auf, bei der ich immer wieder über die richtige Zeichensetzung nachdenke. Hier ein Beispiel:

Die Rechnungsstellung kann per Post bzw. per E-Mail an die, auf der Bestellung angegebene, E-Mail-Adresse erfolgen.

Daher ergeben sich folgende Fragen: Ist die Schreibweise in dem Beispiel korrekt? […] Wie heißt diese Satzkonstellation in der Fachsprache?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

fachsprachlich kann man hier von einer attributiv verwendeten Partizipgruppe sprechen. Richtig ist dabei die Schreibweise ohne Kommas:

Die Rechnungsstellung kann per Post bzw. per E-Mail an die auf der Bestellung angegebene E-Mail-Adresse erfolgen.

Es geht hier um die Wortgruppe auf der Bestellung angegebene. Dabei handelt es sich um das adjektivisch verwendete Partizip angegebene, das mit der Angabe auf der Bestellung erweitert ist. Solche erweiterten Partizipien werden nicht durch Kommas abgetrennt, wenn sie attributiv verwendet werden, das heißt, wenn sie wie hier vor dem Substantiv stehen, das sie näher bestimmen.

Sie werden auch dann nicht durch Kommas abgetrennt, wenn sie umfangreich sind. Also immer ohne abtrennende Kommas:

Schicken Sie die Rechnung an die angegebene Adresse.
Schicken Sie die Rechnung an die dort angegebene Adresse.
Schicken Sie die Rechnung an die auf der Bestellung angegebene Adresse.
Schicken Sie die Rechnung an die ganz unten auf der zweiten Seite der Bestellung angegebene Adresse.

Sie sprach die wartenden Leute an.
Sie sprach die auf den Bus wartenden Leute an.
Sie sprach die an der Haltestelle auf den Bus wartenden Leute an.
Sie sprach die seit über einer halben Stunde an der Haltestelle vor dem Kunstmuseum auf den Bus wartenden Leute an.

Vor allem der jeweils letzte Beispielsatz zeigt, dass man den Lesern und Leserinnen zuliebe auf allzu lange Partizipgruppen verzichten sollte. Leichter verständlich ist dann eine Formulierung mit einem Nebensatz:

Schicken Sie die Rechnung an die Adresse, die ganz unten auf der zweiten Seite der Bestellung angegeben ist.
Sie sprach die Leute an, die seit über einer halben Stunde an der Haltestelle vor dem Kunstmuseum auf den Bus warteten.

Weitere Beispiele und mehr Informationen dazu, wie man Partizipgruppen erweitern und verwendet kann, finden Sie auf dieser Seite in der Canoonet-Grammatik.

Mit auch sonst trotz der jeweils etwas formellen und floskelhaften Formulierung dennoch immer wieder aufrichtig gemeinten freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fünf Pfund Haselnüsse: grammatisches und inhaltliches Subjekt

Frage

Ich frage mich, was mit […] Maß- und Mengenangaben passiert, wenn die Mengenangabe im Plural ist. Beispiel: „Es wurde fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“ oder „Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wenn die Maßangabe und das Gemessene im Plural stehen und zusammen das Subjekt des Satzes bilden, steht das Verb üblicherweise im Plural:

Drei Kilo Kartoffeln sind genug.
Zehn Euro sollten reichen.

Seltener kommt auch der Singular vor:

Drei Kilo Kartoffeln ist genug.
Zehn Euro sollte reichen.

Bevor nun diejenigen, die es bei der Grammatik gerne genau nehmen, ein erboste Räuspern hören lassen: Der Singular ist hier nicht einfach „furchtbar falsch“. Die Idee dahinter ist, dass drei Kilo und zehn Euro für eine bestimmte Menge resp. einen bestimmten Betrag stehen. Wie die Einzahl eine bestimmte Menge zeigt, ist das dazugehörende Bild eine Einzahl. Das Verb im Singular richtet sich also nach einem inhaltlichen Subjekt.

Viele finden diese Sehensweise allerdings nicht überzeugend und richten sich lieber nach dem grammatischen Subjekt: Das Subjekt drei Kilo Kartoffeln ist ein Plural, also steht das Verb nach grammatischer Übereinstimmung auch im Plural. In formelleren Kontexten und zur Vorbeugung kritischer Anmerkungen empfiehlt es sich deshalb, in diesen Fällen das Verb in den Plural zu setzten:

Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft.

Der Unterschied zwischen dem inhaltlichen Subjekt und dem grammatischen Subjekt zeigt sich umgekehrt auch sehr schön bei Mengenangabe in der Einzahl mit etwas Gemessenem im Plural:

Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt:

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurde verkauft.
Ein Dutzend Eier lag im Kühlschrank.

Übereinstimmung mit dem inhaltlichen Subjekt

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurden verkauft (selten)
Ein Dutzend Eier lagen im Kühlschrank (selten)

Während die Standardsprache bei genauen Mengenangaben eine starke Tendenz zur Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt hat und deshalb die Einzahl wählt , sind bei „ungenauen“ Mengenangaben sowohl der Singular als auch der Plural üblich:

Eine Anzahl Leute hat/haben Anzeige erstattet.
Eine Menge Nüsse hängt/hängen noch am Baum.
Die Mehrzahl der Beschwerden war/waren unbegründet.

Auch hier muss ich präzisieren, dass strengere Grammatiker und Grammatikerinnen hier nur die Verbform im Singular als korrekt akzeptieren. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in solchen Fällen kein strenger Grammatiker.

Diese Beispiele zeigen, dass es manchmal mehr als einen „logischen“ Pfad gibt, dem man folgen kann. Wer auf Nummer sicher gehen will, wählt hier die Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass eine andere Wahl nicht einfach nur ein dummer Fehler ist.

Mehr zu dieser Frage finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie Jellinkes „Allgemeine Staatslehre“ und Omas Eingemachtes gebeugt werden

Frage

Ist die schwache Flexion („Allgemeinen“) in diesem Fall die richtige Lösung ?

Bis heute wird, basierend auf Jellineks „Allgemeinen Staatslehre“, üblicherweise von drei grundlegenden Elementen von Staatlichkeit ausgegangen

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau P.,

richtig ist hier die starke Beugung:

… basierend auf Jellinecks „Allgemeiner Staatslehre“

Nach einem vorangestellten Genitivattribut wird ein Adjektiv stark gebeugt. Adjektive werden dann stark gebeugt, wenn sie nicht von einem gebeugten Artikelwort begleitet werden, das bereits mit einer Endung Genus, Kasus und Numerus ausdrückt (siehe hier):

schwach: stark:
mit einem kalten Bier mit kaltem Bier
für diese kleinen Kinder für drei kleine Kinder
auf der/einer allgemeinen Ebene auf allgemeiner Ebene

Stellt man nun ein Genitivattribut vor das Adjektiv, fällt das Artikelwort weg. Es steht dann also kein gebeugtes Artikelwort mehr vor dem Adjektiv, so dass es stark gebeugt wird:

schwach: stark:
das neue Auto der Nachbarin Susannes neues Auto
nach einem leckeren Rezept meiner Oma nach Omas leckerem Rezept
basierend auf der „Allgemeinen Staatslehre“ des Staatsrechtlers G. Jellinek basierend auf Jellineks „Allgemeiner Staatslehre“

Das gilt auch bei substantivierten Adjektiven, bei denen man manchmal ziemlich ins Zweifeln geraten kann:

schwach: stark:
Wir aßen vom Eingemachten meiner Oma. Wir aßen von Omas Eingemachtem.
der Geliebte der Gräfin Gräfin Ursulas Geliebter
für die Verwandten und Bekannten für Peters Verwandte und Bekannte

Nach dieser hoffentlich verständlichen Antwort oder nach Bopps hoffentlich verständlicher Antwort zweifeln Sie vielleicht in Zukunft in solchen Fällen ein bisschen weniger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das „von“ in Max von Mustermann

Zum Wochenende gibt es eine nicht gerade weltbewegende Frage – außer wenn man einen Familiennamen der Form von X oder de Y hat. Wer Personen solchen Namens anschreiben oder über sie schreiben will, kommt manchmal wie T. ins Zweifeln: von oder Von?

Frage

Ich möchte jemanden anschreiben und derjenige hat ein „von“ in seinem Namen. Schreibe ich „Max von Mustermann“ oder „Max Von Mustermann“?

Antwort

Guten Tag T.,

Namenszusätze wie von, zu und de schreibt man im Prinzip klein. Das gilt auch in Anschriften und Anreden:

Herrn M. von Mustermann
Sehr geehrter Herr von Mustermann.

Und weil es so schön einfach ist, gleich noch ein paar Beispiele:

Frau Carla von Siebenthal
Sehr geehrte Frau von Siebenthal

Es sang die Familie von Trapp.
Frau von der Leyen und Herr de Maizière
Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière
die Sonnenblumen von van Gogh
Den Anfang macht von Webers Oper „Der Freischütz“.
Marcel von Huber Kaminfeger GmbH

die Rosa-von-Luxemburg-Straße
das Anette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium

Es gibt allerdings zwei Situationen, in denen diese Namenszusätze großgeschrieben werden: am Satzanfang und als erster Teil einer substantivischen Zusammensetzung:

Von der Leyen sprach mit de Maizière.
De Maizière hörte von der Leyen zu.
Van Gogh und das abgeschnittene Ohr
Von Huber Kaminfeger GmbH
Von Webers Oper „Der Freischütz“ machte den Anfang.

die Van-Gogh-Ausstellung
eine dreibändige De-Sade-Ausgabe
die „Von-der-Leyen-Show“

Ist die Zusammensetzung ein Adjektiv, schreibt man allerdings wieder klein:

ein van-Gogh-ähnliches Bild
der de-Gaulle-treue Flügel der Partei

Zusammenfassend: Das „von“ in Namen ist immer klein, außer am Satzanfang und am Anfang von substantivischen Zusammensetzungen. Man schreibt es also nur dort groß, wo man eigentlich immer alles großschreibt.

Weitere Spitzfindigkeiten erspare ich Ihnen ebenso wie die knifflige Angelegenheit, wie man Namen mit Adelstiteln und Ähnlichem schreibt und beugt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp (leider nicht Dr. von Bopp)

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Dahin und dorthin oder da hin und dort hin?

Frage

Ich habe eine Frage die mich schon länger beschäftigt. Es geht um das Wort „dahin“. Schreibt man „Kannst du die Vase dahin stellen“ oder „Kannst du die Vase da hinstellen“?

Antwort

Guten Tag,

wenn Sie sich in gepflegtem schriftlichem Standarddeutsch ausdrücken wollen oder müssen, schreiben Sie am besten

Du kannst die Vase dahin stellen.

Ihr Zweifel kommt wahrscheinlich daher, dass dahin und dorthin mit der örtlichen Bedeutung an diesen/jenen Ort umgangssprachlich sehr häufig getrennt verwendet werden:

Da kannst du die Vase nicht hinstellen.
Du solltest sie dort nicht hinstellen.
Da musst du unbedingt einmal hinfahren.
Kein Zug und kein Bus fährt dort heute noch hin.

Standardsprachlich sollten dahin und dorthin hier nicht getrennt verwendet werden:

Dahin kannst du die Vase nicht stellen.
Du solltest sie nicht dorthin stellen.
Dahin musst du unbedingt einmal fahren.
Kein Zug und kein Bus fährt heute noch dorthin.

Entsprechend schreiben Sie also besser die Vase dahin stellen als die Vase da hinstellen. Etwas ganz Ähnliches gilt übrigens auch für die Fragewörter woher und wohin (siehe hier).

Für den Fall, dass Sie sich nun wundern, dass diese Formen als „falsch“ gelten, sei das Folgende gesagt: Sie sind nicht wirklich falsch. In der gesprochenen Alltagssprache kommen sie zum Teil so häufig vor, dass man sie als zur Grammatik des gesprochenen Alltagsdeutschen gehörend betrachten sollte. Auch in der geschriebenen Sprache kommen sie regelmäßig vor, so dass es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis dieser Artikel – mehr als jetzt schon – nur noch ein stilistischer Hinweis ist. Ob und wann es so weit kommt, möchte ich dahingestellt sein lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Mehr zur Schreibung von dahin in Verbindung mit Verben finden Sie hier.

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Solange oder so lange vor Vorrat?

Frage

Heißt es „solange Vorrat“ oder „so lange Vorrat“?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

üblich und richtig ist hier die Zusammenschreibung:

solange Vorrat

Es ist eine Verkürzung von zum Beispiel:

Das Angebot gilt, solange der Vorrat reicht.

Das Wörtchen solange leitet hier einen Nebensatz ein und muss deshalb zusammengeschrieben werden (vgl. hier).

Die Schreibung so lange Vorrat ist nicht üblich, aber theoretisch nicht völlig abwegig. Man könnte die verkürzte Wendung nämlich auch wie folgt auflösen:

Das Angebot gilt so lange, wie der Vorrat reicht.

Hier leitet so lange keinen Nebensatz ein und wird deshalb getrennt geschrieben. Das Komma, das in der langen Version zwischen so lange und Vorrat steht, spricht aber eher gegen eine solche Interpretation.

Apropos Komma, eine Frage zur meistens ohne Komma geschriebenen Wendung

Nur solange Vorrat

habe ich vor einiger Zeit (hier) beantwortet.

Bevor Sie nun dazu übergehen, eine große Werbekampagne mit „Solange Vorrat“ zu starten, sollten Sie sich vergewissern, ob dies rechtlich auch in Ordnung ist. Wenn der Vorrat nämlich gar klein ist, kann ein solches Angebot selbst mit orthografisch korrekt geschriebenem solange als unerlaubtes Lockvogelangebot gelten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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