Schon früher und schon später

Frage

[…] Sie hatten bestätigt:

schon = unerwartet früh
erst = unerwartet spät

Nun habe ich Beispielsätze aus dem Buch „Berliner Platz Neu 2.2“:

In Deutschland isst man SCHON [= unerwartet früh] zu Abend, in Spanien ERST [= unerwartet spät] um 21 Uhr.“

Hier passt die Erklärung also. Aber wie wäre folgender Satz zu erklären:

Meine Freundin wollte um drei kommen und jetzt ist es SCHON [=unerwartet SPÄT] Viertel vor vier und sie ist noch nicht da.“

„Schon“ bedeutet im ersten Beispielsatz also „unerwartet FRÜH“, im zweiten Beispielsatz aber „unerwartet SPÄT“. Das sieht ja doch erst mal wie ein Widerspruch aus. Haben Sie eine Idee dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das sieht auf den ersten Blick tatsächlich ziemlich verwirrend aus. Es ist auch gar nicht so einfach, den Unterschied zu erfassen. Ich versuche es trotzdem einmal:

Wenn schon ein Geschehen zeitlich bestimmt, dann bedeutet es früher als erwartet/geplant/vorhergesehen:

Sie wurde schon mit fünf Jahren eingeschult = Sie wurde früher als erwartet eingeschult
Man isst in Deutschland schon vor acht Uhr zu Abend = Man isst früher als erwartet

Hier wird schon als Adverb verwendet, das ein Geschehen näher bestimmt: Das Geschehen tritt früher als erwartet ein. Man fragt mit wann.

Wenn schon eine Menge, eine Anzahl, ein Ausmaß oder eben eine Zeitangabe näher bestimmt, bedeutet es im weitesten Sinne mehr als erwartet/geplant/vorhergesehen:

Sie war schon sieben Jahre alt, als sie eingeschult wurde = mehr Jahre als erwartet.
Es ist schon Viertel vor vier = später als erwartet

Hier bestimmt schon nicht ein Geschehen, sondern einen Zeitpunkt näher. Der mit schon modifizierte Zeitpunkt ist weiter fortgeschritten als erwartet. Man fragt mit wie spät, wie lange, wie alt usw.

Wenn man nun Zeitpunkt und Geschehen miteinander kombiniert, sieht man vielleicht ein bisschen besser, wie schon und erst zueinander stehen:

Es ist SCHON so spät und das Geschehen tritt doch ERST jetzt ein.
Es ist ERST so spät und das Geschehen tritt doch SCHON jetzt ein.

Es geschah SCHON um vier Uhr. Es war also ERST vier Uhr, als es geschah.
Es geschah ERST um fünf Uhr. Es war also SCHON fünf Uhr, als es geschah.

Muttersprachige, aber auch fortgeschrittene Lernende verwenden schon und erst automatisch in dieser Weise, ohne dass sie dabei nachdenken müssen. Erst wenn man es genau erklären soll, wird es schwierig. Eine Eselsbrücke könnte sein: Wenn man mit wann fragen kann, ist schon ein Temporaladverb mit der Bedeutung früher als erwartet, sonst bedeutet es mehr/später als erwartet. (Wirklich einfacher wird es damit aber auch nicht …).

Sie kommt schon um 15.00 Uhr –  Wann kommt sie?
schon = früher als erwartet
Jetzt ist es schon 16.00 Uhr – Wie spät ist es jetzt?
schon = später als erwartet

In Spanien isst man erst um 21.00 Uhr – Wann isst man in Spanien?
erst = später als erwartet
In Spanien ist es schon 21.00 Uhr, wenn man isst – Wie spät ist es, wenn man in Spanien isst?
schon = später als erwartet

Diesen komplex erscheinenden Unterschied zwischen Bestimmungswort eines Geschehens und Bestimmungswort eines Zeitpunktes gibt es auch in anderen Sprachen. So werden zum Beispiel im Englischen already/only, im Französischen déjà/seulement, im Italienischen già/solo und im Niederländischen al/pas gleich verwendet wie im Deutschen schon/erst. Das bringt den Vorteil mit sich, dass man zumindest einem Teil der Deutschlernenden nur beibringen muss, dass es nicht *Es ist nur fünf Uhr, sondern Es ist erst fünf Uhr heißt, dass man ihnen aber nicht den genauen Unterschied zwischen erst = unerwartet spät und erst = unerwartet früh erklären muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

4 Kommentare »

  1. Pat schreibt:

    Januar 29, 2017 um 22:55

    Das ist ein sehr interessanter und hilfreicher Beitrag, allein den letzten Satz verstehe ich nicht ganz. „Das bringt den Vorteil mit sich, … dass man ihnen aber nicht den genauen Unterschied zwischen erst = unerwartet spät und erst = unerwartet früh erklären muss.“ Heißt das, dass es einen solchen Unterschied nicht gibt und deshalb nicht erklärt werden muss? Oder anders gefragt: Gibt es nicht doch Fälle, in denen „erst“ „unerwartet früh“ bedeutet oder vielleicht besser: „unerwartet wenig“? Neulich habe ich nämlich in einer Sendung Folgendes gehört: „Ich muss dringend nach Hause. Der Babysitter ist schon weg und meine Tochter ist erst sieben.“ Ich habe den Satz so gedeutet:

    Der Babysitter ist schon weg = früher als erwartet [Wann?]
    meine Tochter ist erst sieben = weniger Jahre als erwartet [Wie alt?]

    Liege ich falsch?

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 31, 2017 um 16:45

    Den Unterschied zwischen »erst = unerwartet spät« und »erst = unerwartet früh« gibt es. Davon handelt ja der Artikel. Im vorletzten Satz sage ich, dass es genau diese Unterschiede bei der Verwendung von »erst« und »schon« auch in anderen Sprachen gibt. Im letzen Satz ist also gemeint, dass viele Deutschlernende diese Unterschiede in der Verwendung deshalb nicht bewusst lernen müssen.

    Bei der Interpretation des Beispielsatzes liegen Sie genau richtig.

  3. Pat schreibt:

    Februar 7, 2017 um 05:24

    Vielleicht hat es mich deshalb verwirrt, dass Sie Folgendes geschrieben hatten:

    „In Spanien isst man erst um 21.00 Uhr – Wann isst man in Spanien?
    erst = später als erwartet“

    … aber dann kein entsprechendes Beispiel hinzugefügt hatten, in dem „erst = früher als erwartet“ zu verstehen wäre. Könnten Sie vielleicht ein solches Beispiel geben?

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Februar 7, 2017 um 17:15

    Aber gerne:

    Es war erst vier Uhr, als es geschah.
    Sie sind beim Abendessen, obwohl es erst halb sechs ist.

    erst = früher als erwartet

    Es geschah erst um vier Uhr.
    Wir sind spät dran, weil sie erst um halb sechs aus der Schule gekommen ist

    erst = später als erwartet

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