Muttersprachige, Muttersprachler und Muttersprachlerinnen

Frage

Neulich habe ich bemerkt, dass Sie „Muttersprachige“ statt der längeren Formulierung „Muttersprachlerinnen und Muttersprachler“ verwenden. Das Wort „Muttersprachige“ hat mir so gefallen, dass ich es verwendet und dabei diese komische Reaktion geerntet habe: „Das Wort gibt es nicht!“ Ich habe vermutet, „Muttersprachige“ wäre eine Substantivierung des Adjektivs „muttersprachig“, kann das Adjektiv aber in keinem meiner Wörterbücher finden. Hinken die Wörterbücher ­– und einige Muttersprachler – bloß hinterher?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

dass es den Begriff muttersprachig nicht gebe, kann nur behaupten, wer meint, dass es Wörter nur dann gibt, wenn sie im Wörterbuch stehen. Das Wort wird verwendet (in der Schweiz vielleicht etwas häufiger als anderswo). Es passt gut in die Reihe von Wortbildungen wie:

deutschsprachig – die Deutsche Sprache sprechend
(ebenso: französischsprachig, englischsprachig usw.)
zweisprachig – zwei Sprachen sprechend
mehrsprachig – mehrere Sprachen sprechend
anderssprachig – eine andere Sprache sprechend
fremdsprachig – eine Fremdsprache sprechend

Es ist aber tatsächlich kein häufig vorkommendes Wort. Ich verwende es, um die umständliche Formulierung Muttersprachler und Muttesprachlerinnen zu umgehen. Das ist vor allem dann sehr praktisch, wenn es gegenüber Deutschlerndende oder Fremdsprachige steht. Das in Wörterbüchern aufgeführte muttersprachlich eignet sich weniger für diesen Zweck, weil die Adjektive auf -sprachlich in der Regel bedeuten: in einer gewissen Sprache geäußert, verfasst.

Die Verwendung von Muttersprachige im Sinne von Muttersprachler und Muttersprachlerinnen ist nicht sehr verbreitet. Ich verwende es aber trotzdem, weil es so schön praktisch und leicht verständlich ist. Und ich finde es auch nicht hässlicher als zum Beispiel Studierende und Steuerzahlende. Ob es sich einmal in den Wörterbüchern etablieren wird, weiß ich natürlich nicht.

Mit freundlichen Grüße

Dr. Bopp

2 Kommentare

  1. Käthi Staufer schreibt:

    Oktober 1, 2018 um 12:53

    Wie startet man eine Kampagne für die Aufnahme von „muttersprachlich“ in die Wörterbücher? „Muttersprachlich“ ist kein Synonym und wirkt in vielen Kontexten unlogisch.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 2, 2018 um 10:37

    Wörterbuchmacherinnen und -macher reagieren, soweit ich weiß, nicht auf Kampagnen. Sie haben große Textkörper mit verschiedenartigen Texten, Wörterlisten u. Ä., anhand derer entschieden wird, ob ein Wort im Wörterbuch aufgenommen wird. Je häufiger ein Wort in möglichst „repräsentativen“ Texten vorkommt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es in den Wörterbüchern erscheint. Die beste Methode, ein Wort auf dem Weg ins Wörterbuch zu unterstützen, ist, es zu benutzen. Außerdem bedeutet die Tatsache, dass ein Wort nicht im Wörterbuch steht, noch lange nicht, dass es dieses Wort „nicht gibt“ (vgl. hier und hier).