Archiv für März, 2017

Weiterlesen und was sonst (nicht) im Wörterbuch steht  

Immer wieder gibt es Kommentare und Fragen zu Wörtern, die nicht im Wörterbuch verzeichnet sind. Nicht allen ist bewusst, dass ein Wort auch dann möglich, wohlgeformt und richtig sein kann, wenn es nicht in den Wörterbüchern zu finden ist.

Kommentar

Laut [meinem Wörterbuch] „gibt es“ weiterlesen bzw. wird es in einem Wort geschrieben. Nicht kritisch gemeint, sondern nur informativ.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

danke für die Information. Wir werden prüfen, ob wir weiterlesen auch in die Canoonet-Wörterbücher aufnehmen sollen. Dazu die folgende Bemerkung:

Wenn weiter die Bedeutung fortfahren zu oder vorwärts, voran hat, vor einem einfachen Verb steht und stärker als das Verb betont wird, schreibt man es mit dem Verb zusammen (vgl. hier). Zum Beispiel:

weitergehen = fortfahren zu gehen
weiterleiten = etwas Erhaltenes einer anderen Person, Instanz zuleiten
weiterlesen = fortfahren zu lesen

Das gilt für alle einfachen Verben, bei denen dies sinngemäß möglich ist. Auch andere Wörterbücher listen nicht alle diese möglichen Verben auf, insbesondere dann nicht, wenn sie nicht häufig vorkommen. Dafür sind nicht nur Platzgründe verantwortlich, sondern auch die Tatsache, dass diese Verbverbindungen auch ohne Beschreibung gut verständlich sind.** Ein paar Beispielsätze mit Verben, die nicht in (allen) Wörterbüchern stehen:

Wenn die Löwensippe satt ist, kann die Gazellenfamilie in Ruhe weiteräsen.
Solange das Bier nicht ausgeht, wird weitergehüpft.
Ich falle ins Gras und muss einfach immer nur weiterlachen.
Er ging in die Küche zurück, um weiterzukochen.
10 Minuten weiterköcheln lassen
Gibt es eine Funktion, bei der ich das Gerät vor mir hinlegen und trotzdem weitertelefonieren kann?
u.v.a.m.

Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, bedeutet das also noch lange nicht, dass es dieses Wort nicht gibt. Hier nach ein paar zusammengeschriebene Verbverbindungen mit weiter, die in Canoonet, aber – soweit ich weiß – nicht im gelben Wörterbuch stehen:

weitersegeln, weitersingen, weiterstolpern, weiterspedieren, weiterstreiken, weitertanzen, (sich) weitertasten

Ich werde mich weiter bemühen (= weiterhin bemühen), Ihnen bei Sprachfragen weiterzuhelfen – auch dann, wenn es um Wörter geht, die nicht im Wörterbuch stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Dies gilt in noch viel stärkerem Maße für Substantivzusammensetzungen. Es ist unmöglich, alle korrekt bildbaren Zusammensetzungen aufzulisten: Amselnest, Drosselnest, Finkennest, Starennest usw.

Kommentare

Von Bernd das Brot oder von Bernd dem Brot?

Frage

Gestern bin ich auf einen Artikel gestoßen, in dem es um Bernd das Brot ging, Titel: „Was ich von Bernd das Brot über das Leben gelernt habe“.

Intuitiv würde ich hier stattdessen schreiben: „Was ich von Bernd dem Brot über das Leben gelernt habe“, analog zu „was Alexander dem Großen widerfuhr“. Ich würde „das Brot“ also als eine ganz normale Apposition behandeln.

Was meinen Sie dazu? Gibt es Fälle, in denen eine Apposition ein Teil des Namens wird und nicht flektiert wird? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

es gibt keine eindeutige, in Stein gemeißelte Regel für solche Fälle. Wenn das Brot als Apposition empfunden wird, geht man gleich vor wie bei Katharina der Großen, Wilhelm dem Eroberer oder Jan Brueghel dem Älteren:

Ich bin Bernd das Brot.
Ich habe Bernd dem Brot zugehört.
Was ich von Bernd dem Brot gelernt habe.
Leben und Werk Bernds des Brotes

Ganz so eindeutig ist es aber nicht. Der Kinderfernsehstar Bernd ist kein Herrscher wie Katharina II. von Russland oder Wilhelm I. von England und das Brot ist auch kein unterscheidendes Merkmal wie bei Vater und Sohn Jan Brueghel dem Älteren und dem Jüngeren. Man kann das Brot auch einfach als Familiennamen sehen. Seine Form mit einem bestimmten Artikel ist im Deutschen ungewöhnlich, aber Bernd, der Träger des Namens, ist ja auch keine ganz alltägliche Figur. Als Familienname wird er wie ein „gewöhnlicher“ Familienname behandelt:

Ich heiße Bernd das Brot.
Ich habe Bernd das Brot zugehört.
Was ich von Bernd das Brot gelernt habe.
Bernd das Brots Leben und Werk

Es lässt sich nicht eindeutig und objektiv feststellen, ob das Brot eine nachgestellte enge Apposition oder ein Familienname sein muss. Beides ist vertretbar. Ich neige eher zur Apposition, insbesondere dann, wenn nicht nur von Bernd dem Brot, sondern auch von Chili dem Schaf und Briegel dem Busch die Rede ist. Beim Kinderfernsehkanal KIKA (zumindest im Webauftritt) schein man aber das Brot als Familiennamen zu behandeln:

„Freu dich auf Spaß, Spiel und ganz viel Comedy!“, heißt es in Sketchen mit Bernd das Brot.
http://www.kika.de/bernd-friends/index.html

Mehr Informationen zur Beugung von engen Appositionen und Namen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Etwas tolles Neues und etwas Tolles, Neues

Frage

Bei einem Meeting stand auf einer Power-Point-Folie unter der Rubrik „Ziele für die Zukunft“: „Etwas tolles Neues finden“. Irgendwie kam mir die Schreibweise merkwürdig vor; zumindest habe ich sie so noch nie gesehen. Daher meine Frage: Ist es möglich, dass das substantivierte Adjektiv in diesem Beispiel ein eigenes Adjektiv haben kann? […] Sollte es nicht eher heißen: „Etwas Tolles, Neues finden“ bzw. „Etwas Tolles und Neues finden“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Formulierung ist stilistisch vielleicht nicht die allerschönste und sieht auch etwas ungewohnt aus, aber sie ist möglich. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein substantiviertes Adjektiv durch ein attributives Adjektiv näher bestimmte wird. Ein paar Beispiele:

Mach aus etwas langweiligem Neuen etwas schönes Neues!
Sie wussten viel interessantes Neues zu berichten
Perlen und anderes Schönes
Sie begrüßte die nervösen Kleinen und die sich gelassen gebenden Großen
Sie trug ihr kleines Schwarzes

und

etwas tolles Neues finden

Das zweite Adjektiv ist substantiviert und wird großgeschrieben. Das erste Adjektiv bestimmt als attributives Adjektiv das substantivierte Adjektiv und wird deshalb kleingeschrieben.

Die Formulierungen etwas Tolles, Neues und etwas Tolles und Neues sind natürlich auch möglich, aber die erste wird anders betont (und die zweite enthält ganz offensichtlich ein „und“).

etwas tolles Neues = etwas Neues, das toll ist
etwas Tolles, Neues = etwas, das neu und toll ist

Meist ist der Unterschied zwischen etwas Neuem, das toll ist, und etwas, das neu und toll ist, nicht allzu groß. Das bedeutet aber nicht, dass nicht beide Formulierungen möglich sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist steinreich reich an Steinen?

Vor Kurzem sah ich eine Fernsehsendung über das Sauerland. Bei den Bildern schöner alter Fachwerkhäuser machte der Präsentator neben einem historischen auch einen kleinen Exkurs in die Wortgeschichte: Die ärmeren Leute bauten ihre Häuser mit Holz, Stroh und Lehm, die Reichen hingegen konnten sich für den Hausbau Steine leisten. Daher komme auch die Wendung steinreich, also so reich, dass man sich ein Haus aus Stein leisten konnte. Diese Erklärung hat mir sehr gut gefallen. Doch mit solch schönen wortgeschichtlichen Erklärungen gilt es meistens vorsichtig umzugehen. Das ist, leider, auch hier der Fall.

Die Erklärung mit den steinernen Häusern der Reichen ist nämlich nicht die einzige. Andere Erklärungen sagen, steinreich komme von reich an Edelsteinen oder – mit etwas geringerem Bling-Bling-Gehalt – mit so viel Geld, wie man Steine findet; des Geldes so viel besitzend, als man etwa in steinigen Gegenden Steine sammeln kann oder bei dem das Geld wie Steine aufeinandergehäuft ist. Diese Erklärungen klingen ebenso schön wie einleuchtend. Aber auch sie sind nicht unumstritten.

Für die langweiligste, jedoch wahrscheinlichste Erklärung halte ich die Vermutung, dass steinreich einfach eine Verstärkung ist, die in Anlehnung zu Intensivierungen wie steinhart und steinalt gebildet wurde. Im Wörterbuch der Brüder Grimm finden sich weitere Bildungen dieser Art: steinfremd, steinfest, steinfromm, steinmüde, steinplump, steinrau(h), steintaub (sehr fremd, sehr fest, sehr fromm, sehr müde, sehr plump, sehr rau, sehr taub). War stein- also ein Vorläufer von zum Beispiel knall-, super-, mega- und voll-, der sich ohne die Hilfe der modernen Kommunikationsmittel nicht ganz so weit verbreiten konnte wie diese?

Für die letzte Interpretation spricht auch die Betonung des Wortes. Während bei steinreich im Sinne von reich an Steinen der ersten Teil stein- die Hauptbetonung trägt (ein stéínreicher Acker), werden bei steinreich im Sinne von sehr reich beide Teile ungefähr gleich betont, wie dies auch bei steinalt und steinhart der Fall ist (eine stéínréíche Familie). Doch man könnte auch argumentieren, dass die Akzentverschiebung erst später erfolgt ist …

Es ist schade, dass die schöne Erklärung aus der Sendung über das Sauerland und seine Fachwerkhäuser wahrscheinlich nicht zutrifft. Wer sie aber wie ich trotzdem mag: Die anderen Erklärungen können auch nicht steinfest bewiesen werden.

Quellen u.a. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Etymologisches Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer im DWDS.

Kommentare

Von Geißlein, Mäusen und Adjektiven, die sich auf sie beziehen

Frage

Ich habe eine Rechtschreibfrage zu diesem Text:

Die Geißlein erschraken und versteckten sich: Eines sprang unter den Tisch, das Zweite ins Bett, das Dritte in den Ofen, das Vierte in die Küche … das Letzte … Aber der Wolf fand sie alle, nur das Jüngste nicht.

Muss oder kann man hier „das zweite“, „das dritte“, „das letzte“ und „das jüngste“ nicht kleinschreiben, weil man das auf „Geißlein“ bezieht? Wie weit nach hinten im Text kann man sich darauf beziehen, dass […] man es kleinschreibt? Oder kann man sowohl klein- als auch großschreiben? Wie auch hier in diesem Beispiel?:

Es war jene Maus, die sich als Erste/erste zu ihm gewagt hatte.

Wenn als erste Maus, dann klein, wenn als Erste von verschiedenen Tieren, dann groß?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Sie haben Ihre Fragen eigentlich schon selbst richtig beantwortet. Wenn ein allein stehendes Adjektiv sich auf ein vorhergehendes Substantiv bezieht, schreibt man es klein (siehe hier). Das gilt auch über die Satzgrenze hinaus:

Wie viele Farbstifte habt ihr? – Wir haben einen roten, einen grünen und einen blauen. – Fehlt euch dann nicht ein gelber? – Wenn du uns einen gelben und vielleicht auch einen schwarzen besorgen kannst, wäre das gut.

Für Ihr Beispiel bedeutet dies, weil es ja immer eindeutig um Geißlein geht, dass die Adjektive tatsächlich kleingeschrieben werden müssen.

Die Geißlein erschraken und versteckten sich: Eines sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche … das letzte … Aber der Wolf fand sie alle, nur das letzte nicht.

Es gibt keine Regel, die besagt, wie weit entfernt ein kleinzuschreibendes Adjektiv von seinem Bezugswort stehen kann. Wenn es sich im Text auf ein Substantiv bezieht, schreibt man es klein. Die Entfernung kann natürlich nicht „unendlich“ groß sein, doch das ist keine Frage der Rechtschreibung, sondern des Textverständnisses: Es muss für die Leserschaft möglich sein, den Zusammenhang noch zu erkennen.

Auch beim Beispiel mit den Mäusen ist Ihre Interpretation richtig:

Es war jene Maus, die sich als Erste [von allen Tieren/Wesen] zu ihm gewagt hatte.
Es war jene Maus, die sich als erste [von den Mäusen] zu ihm gewagt hatte.

Und wenn aus dem Kontext nicht eindeutig hervorgeht, ob die Maus die erste wagemutige Maus oder das erste wagemutige Wesen war, kann vom rechtschreiblichen Standpunkt aus klein- oder großgeschrieben werden – das liegt dann ganz im Ermessen der Person, die die Heldentat der Maus beschreibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Und warum das Gegenüber der Maus ggf. bei ihr an die Falsche und nicht an die falsche geraten ist, lesen Sie hier.

Kommentare

Kontrafaktische Relativsätze

Meistens versuche ich ja, die Fachterminologie maßvoll zu verwenden. Bei diesem Fachausdruck konnte ich es mir dennoch nicht verkneifen. Ganz so trocken wie es klingt, ist es aber nicht. Es geht um eine schöne Verwendung des Konjunktivs.

Frage

Ab und an stößt man während des Lesens auf den freien Konjunktiv II, der auch in negativen Relativsätzen nicht selten auftritt:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.

Warum findet hierbei der Indikativ eher selten Verwendung? […] Ich möchte hierbei noch anmerken, dass auch ich mich nicht selten zu derartigen Sätzen hinreißen lassen, weil sie nun einmal besser klingen:

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.

Könnte man hier nun auch den Indikativ anwenden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

es handelt sich hier um besondere Nebensätze im Konjunktiv II, die zu den sogenannten kontrafaktischen (irrealen) Relativsätzen gehören. Sie sind von einem übergeordneten Satz abhängig, der verneint ist und dessen Verneinung sich auch auf den Relativsatz bezieht.

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
= Es gab niemanden, für den gilt, dass er in diesem Wald lebte und ein edler Mensch war.

Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Es gibt nichts, für das gilt, dass es (es gibt und) ihn nicht zu faszinieren weiß.

Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.
Es gab keine anmutige Gattin, für die gilt, dass sie zu Hause auf ihn wartete und ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.
Es gibt keinen Menschen, für den gilt, dass er anwesend ist und ihr gefällt.

Die Verneinung im übergeordneten Satz verneint gleichzeitig auch die Aussage im Relativsatz. Der Relativsatz drückt also etwas Irreales, etwas nicht Bestehendes aus. Solche Relativsätze stehen häufig im Konjunktiv II. Es ist aber auch möglich, sie im Indikativ zu formulieren:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl war.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren weiß.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.
Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefällt.

Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die Formulierung im Konjunktiv besser klingt. Sie gibt auch nachdrücklicher an, dass das im Relativsatz Gesagte nicht der Fall ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Liebe ich dich so, wie du bist, oder liebe ich dich, so wie du bist?

Frage

Sind die eingeklammerten Kommas im folgenden Text freigestellt oder verpflichtet?

Behaltet mich(,) so wie ich war(,) im Herzen!

Frage

Wo steht das Komma?

Ich liebe dich so, wie du bist
Ich liebe dich, so wie du bist.

Antwort

Sehr geehrter Herr L., sehr geehrte Frau B.,

die Kommas sind obligatorisch, weil hier ein Nebensatz eingeschoben wird und Nebensätze durch Kommas abgetrennt werden müssen.

Behaltet mich, so wie ich war, im Herzen!

Das erste Komma kann auch an einer anderen Stelle stehen:

Behaltet mich so, wie ich war, im Herzen!

Man kann das so nämlich als Teil des Hauptsatzes sehen. In der gesprochenen Sprache trägt es dann eine starke Betonung und man hört nach ihm eine Pause:

Behaltet mich so, wie ich war, im Herzen!
= Behaltet mich so im Herzen, wie ich war!

Das so kann aber auch Teil einer mehrteiligen Nebensatzeinleitung sein. Es wird dann weniger stark betont und die Pause wird vor ihm gemacht:

Behaltet mich, so wie ich war, im Herzen.
= Behaltet mich im Herzen, so wie ich war.

Auch die folgende Liebeserklärung kann „kommamäßig“ auf zwei Arten formuliert werden:

Ich liebe dich so, wie du bist.
= Ich sage, dass ich dich so liebe, wie du bist.

Ich liebe dich, so wie du bist.
= Ich sage, dass ich dich liebe, so wie du bist.

Wenn Sie also einmal zweifeln, ob Sie bei so wie vor einem Nebensatz das Komma vor oder nach so setzen sollten, fügen Sie es einfach dort ein, wo Sie beim lauten Lesen eine Pause machen würden. Und wenn Sie finden, dass beide Betonungen möglich sind, ohne dass sich die Bedeutung merkbar ändert, sind einfach auch beide Schreibungen möglich.

Und verwechseln Sie so wie nicht mit sowie!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater …

Frage

Ich sah den folgenden Relativsatz in einem Buch und ich habe mir gedacht, dass er ein wenig sonderbar ist:

Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.

Meine Frage lautet: Warum schrieb der Autor „dessen ihr…“? Das Relativpronomen „dessen“ ist ein Genitiv und gibt ein Besitzverhältnis an. Warum steht dann dennoch auch das Possessivpronomen „ihr“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Relativsatz ist nicht ein wenig sonderbar, er ist falsch. Der Anschluss dessen ihr ist hier eventuell eine Art Regionalismus, eine bewusst gewählte Abweichung von der Norm oder eine falsche Mischform zwischen Standardsprache und Umgangssprache (siehe unten). Genaueres kann ich dazu nicht sagen, denn ich habe diese Wendung noch nie bewusst gesehen.

Standardsprachlich richtig ist hier

Es waren einmal drei Brüder, deren Vater ihnen Geld hinterließ.
(Genitiv deren: Wessen Vater hinterließ ihnen Geld?)

oder

Es waren einmal drei Brüder, denen der Vater Geld hinterließ.
(Dativ denen: Wem hinterließ der Vater Geld?)

Ganz aus der Luft gegriffen ist das Possessivpronomen ihr in Ihrem Satz allerdings nicht. Es passt nur nicht zur Genitivform dessen oder deren. Umgangssprachlich steht nämlich anstelle des Genitivs manchmal auch der Dativ mit einem Possessiv (siehe hier). Zum Beispiel:

dem Dr. Bopp sein Blog = Dr. Bopps Blog
den drei Brüdern ihr Vater = der Vater der drei Brüder

Rein umgangssprachlich wäre also auch der Anschluss mit einem Dativ und einem Possesivpronomen möglich:

Es waren einmal drei Brüder, denen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.
(Dativ + Possessiv denen ihr: Wem sein Vater hinterließ ihnen Geld?)

In der Standardsprache sollte man aber auf Sätze verzichten, *denen ihre Formulierung wie diese als falsch gilt, und besser Sätzen verwenden, deren Formulierung nicht in Frage gestellt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Der Unterschied zwischen Südostasien und Ostwestfalen

Es geht hier natürlich nicht um geographische oder kulturelle Unterschiede zwischen diesen beiden kaum vergleichbaren Regionen, sondern um die Bildung ihrer Namen. Genauer genommen geht es um den Namen Ostwestfalen, der auch mich stutzen ließ, als ich ihn zum ersten Mal hörte.

Frage

Ich bin mit einem Bekannten uneins über den Namen „Ostwestfalen“. Seiner Meinung nach ist die Bezeichnung für diesen Landstrich „ein Widerspruch in sich“. Ich hatte nämlich als weitere Beispiele Südwestafrika, Südwestrundfunk, Südostasien, Nordwestlotto, Northwest Territories und Südosteuropa angeführt. Er sagte dazu: „Alle diese Gegenden sind gemäß der Himmelsrichtungen benachbart. Das geht. Ost und West liegen sich gegenüber. Deshalb ist Ostwestfalen ein Widerspruch in sich.“ Wie ist Ihre Meinung dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Ihr Bekannter hat insofern recht, als die Bezeichnung Ostwestfalen nicht ganz gleich strukturiert ist wie zum Beispiel Südwestafrika oder Südostasien.

Bei Südostasien sind die beiden Himmelsrichtungen gleichrangig: Es ist eine Region, die im Südosten Asiens liegt, also in einem Teil der innerhalb Asiens gleichzeitig südlich und östlich ist. Es ist nicht so sehr der südliche Teil Ostasiens, als vielmehr der südöstliche Teil Asiens. Nur die Konvention bestimmt übrigens, dass die Himmelsrichtungen Süd und Nord vor Ost und West genannt werden, sonst könnte man ohne Bedeutungsänderung auch Ostsüdasien statt Südostasien oder Westnorddeutschland statt Nordwestdeutschland sagen.

Bei Ostwestfalen hingegen sind Ost und West nicht gleichrangig. Diese Region ist der östliche Teil von Westfalen, wie Osteuropa der östliche Teil von Europa ist oder die Ostschweiz der östliche Teil der Schweiz. Ost bezieht sich nicht auf Falen, sondern auf Westfalen. Die Bezeichnung Ostwestfalen mag für einige widersprüchlich klingen, das wäre sie aber nur dann, wenn Ost und West gleichrangig wären. Ostwestfalen liegt aber nicht im Osten und im Westen einer nicht bestehenden Region Falen, sondern, wie bereits gesagt, im Osten von Westfalen.

Diese Art Bezeichnungen mit nicht gleichrangigen Himmelsrichtungen kommen selten vor (man spricht zum Beispiel eher vom Norden Südafrikas als von Nordsüdafrika), aber sie sind nicht widersprüchlich oder gar grundsätzlich falsch. Das wissen die Ostwestfalen natürlich schon lange.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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