Ist steinreich reich an Steinen?

Vor Kurzem sah ich eine Fernsehsendung über das Sauerland. Bei den Bildern schöner alter Fachwerkhäuser machte der Präsentator neben einem historischen auch einen kleinen Exkurs in die Wortgeschichte: Die ärmeren Leute bauten ihre Häuser mit Holz, Stroh und Lehm, die Reichen hingegen konnten sich für den Hausbau Steine leisten. Daher komme auch die Wendung steinreich, also so reich, dass man sich ein Haus aus Stein leisten konnte. Diese Erklärung hat mir sehr gut gefallen. Doch mit solch schönen wortgeschichtlichen Erklärungen gilt es meistens vorsichtig umzugehen. Das ist, leider, auch hier der Fall.

Die Erklärung mit den steinernen Häusern der Reichen ist nämlich nicht die einzige. Andere Erklärungen sagen, steinreich komme von reich an Edelsteinen oder – mit etwas geringerem Bling-Bling-Gehalt – mit so viel Geld, wie man Steine findet; des Geldes so viel besitzend, als man etwa in steinigen Gegenden Steine sammeln kann oder bei dem das Geld wie Steine aufeinandergehäuft ist. Diese Erklärungen klingen ebenso schön wie einleuchtend. Aber auch sie sind nicht unumstritten.

Für die langweiligste, jedoch wahrscheinlichste Erklärung halte ich die Vermutung, dass steinreich einfach eine Verstärkung ist, die in Anlehnung zu Intensivierungen wie steinhart und steinalt gebildet wurde. Im Wörterbuch der Brüder Grimm finden sich weitere Bildungen dieser Art: steinfremd, steinfest, steinfromm, steinmüde, steinplump, steinrau(h), steintaub (sehr fremd, sehr fest, sehr fromm, sehr müde, sehr plump, sehr rau, sehr taub). War stein- also ein Vorläufer von zum Beispiel knall-, super-, mega- und voll-, der sich ohne die Hilfe der modernen Kommunikationsmittel nicht ganz so weit verbreiten konnte wie diese?

Für die letzte Interpretation spricht auch die Betonung des Wortes. Während bei steinreich im Sinne von reich an Steinen der ersten Teil stein- die Hauptbetonung trägt (ein stéínreicher Acker), werden bei steinreich im Sinne von sehr reich beide Teile ungefähr gleich betont, wie dies auch bei steinalt und steinhart der Fall ist (eine stéínréíche Familie). Doch man könnte auch argumentieren, dass die Akzentverschiebung erst später erfolgt ist …

Es ist schade, dass die schöne Erklärung aus der Sendung über das Sauerland und seine Fachwerkhäuser wahrscheinlich nicht zutrifft. Wer sie aber wie ich trotzdem mag: Die anderen Erklärungen können auch nicht steinfest bewiesen werden.

Quellen u.a. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Etymologisches Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer im DWDS.

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