Archiv für Mai, 2017

Kosten und der doppelte Akkusativ (II)

Eine Frage, die schon vor längerer Zeit einmal behandelt wurde, wegen nicht nachlassender Popularität noch einmal:

Frage

„Fehler, die Autofahrer das Leben kosten können“ oder „Fehler, die Autofahrern das Leben kosten können“???

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

auf jeden Fall richtig ist die Konstruktion mit doppeltem Akkusativ:

Fehler, die Autofahrer das Leben kosten können

Häufig kommt daneben die Konstruktion mit Dativ und Akkusativ vor. Sie wird aber (noch?) nicht von allen als korrekt akzeptiert:

Fehler, die Autofahrern das Leben kosten können

Dass der Dativ hier die Neigung hat, den Akkusativ zu ersetzen, ist gar nicht so unverständlich. Es gibt nämlich nur sehr wenige Verben, die mit zwei Akkusativobjekten stehen können. Ein paar Beispiele:

Sie war sehr interessiert und fragte mich tausend Dinge.
Der Vater fragt/hört die Gymnasiastin die Lateinvokabeln ab.
Wir versuchen, die Kursisten gutes Deutsch zu lehren.
Diese Fehler können Autofahrer das Leben kosten.

Solche Verbkonstruktionen sind selten. Im Gegensatz dazu kommen Konstruktionen mit einem Dativ der Person und einem Akkusativ der Sache sehr häufig vor:

Sie gab ihm einen Euro.
Man schenkte mir keine Beachtung.
Der Kellner bot den Gästen einen Kaffee an.
Soll ich dir den Koffer abnehmen?
Wir versuchen, den Kursisten gutes Deutsch beizubringen.

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die Verben mit doppeltem Akkusativ auch zu diesem Muster tendieren:

Der Vater fragt/hört der Gymnasiastin die Lateinvokabeln ab.
Wir versuchen, den Kursisten gutes Deutsch zu lehren.
Diese Fehler können Autofahrern das Leben kosten.

Die Formulierungen mit Dativ und Akkusativ statt des doppelten Akkusativs werden unterschiedlich bewertet. Strengere Grammatiker und Grammatikerinnen meinen, Sie seien falsch. Ich persönlich halte sie in vielen Fällen für vertretbar, empfehle aber denjenigen, die gegen jegliche Kritik gefeit sein möchten, hier den doppelten Akkusativ zu verwenden. (Er ist ja auch eine schöne, ungewöhnliche Konstruktion, die man sicher ein bisschen hegen und pflegen darf.)

Bei fragen geschieht übrigens etwas anderes. Dort tritt nicht der Dativ auf, sondern häufig die „konkurrierende“ Konstruktion nach etwas fragen:

Sie war sehr interessiert und fragte mich nach tausend Dingen.

Hoffentlich kostet Sie nun der Umgang mit dieser Verwendung von kosten etwas weniger Mühe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„Drei Tage nachdem“ ist nicht „drei Tage, nachdem“

Frage

„Zehn Minuten bevor sie hier eintraf, bin ich fertig geworden.“ Ist das Komma hier korrekt und falls ja, lässt sich das tatsächlich damit begründen, dass es sich bei „bevor“ um eine Konjunktion handelt? Ich würde es streichen.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

das Komma sollten Sie nicht streichen. Es trennt tatsächlich einen Nebensatz ab, der aber genau genommen nicht mit einem einfachen bevor eingeleitet wird. Die Konjunktion bevor kann nämlich durch zusätzliche Angaben erweitert sein und zusammen mit ihnen eine Einheit bilden, die nicht durch ein Komma unterbrochen wird. Der Nebensatz wird aber immer noch durch ein Komma abgetrennt:

Ich bin fertig geworden, bevor sie hier eintraf.
Ich bin fertig geworden, kurz bevor sie hier eintraf.
Ich bin fertig geworden, zehn Minuten bevor sie hier eintraf.
Kurz bevor sie hier eintraf, bin ich fertig geworden.
Zehn Minuten bevor sie hier eintraf, bin ich fertig geworden.
Erst etwas mehr als zehn Minuten bevor sie hier eintraf, bin ich fertig geworden.

Siehe auch hier. Dasselbe gilt übrigens auch für nachdem:

Er verließ den Raum, kurz nachdem sie hereinkommen war.
Kurz nachdem sie hereingekommen war, verließ er den Raum.
Erst drei Wochen nachdem sie aufgebrochen waren, kamen sie endlich in Rom an.
Fünf uns unendlich lang vorkommende Tage nachdem wir die Anmeldung abgeschickt hatten, lag endlich die Bestätigung in der Mailbox.

Manchmal muss man vielleicht ein bisschen nachdenken, wo das Komma hingehört. So haben die folgenden Sätze jeweils eine recht unterschiedliche Bedeutung:

Er telefonierte noch eine Stunde, bevor er das Haus verließ (eine Stunde lang)
Er telefonierte noch, eine Stunde bevor er das Haus verließ (eine Stunde vorher)

Es regnete drei Tage, nachdem wir in Rom angekommen waren (drei Tage lang)
Es regnete, drei Tage nachdem wir in Rom angekommen waren (drei Tage später)

Und zu guter Letzt sei noch gesagt: Zögern Sie nicht lange, bevor Sie sich an Dr. Bopp wenden! Eine Antwort erhalten Sie in der Regel, kurz nachdem Sie Ihre Frage gestellt haben.

Mit freundlichen Grüße

Dr. Bopp

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Toilette, wie das Tüchlein zum WC wurde

Morgen früh verreise ich für ein paar Tage nach Frankreich. Mehr oder weniger dazu passend habe ich mir heute Morgen auf der Toilette die Frage gestellt, woher das Wort Toilette kommt – aus dem Französischen, das ist klar, aber was bedeutete es ursprünglich?

Das Wort toilette bedeutete ursprünglich Tüchlein. Es ist eine Verkleinerungsform von toile = Tuch. Nun geht es dabei nicht, wie ich vermutete, um eine alte Stoffvariante des Toilettenpapiers oder um ein Tuch oder Tüchlein, das man verhüllend vor den „Ort des Geschehens“ spannte. Verhüllend ist das Wort aber dennoch. Es ist ein Euphemismus, also eine beschönigende oder mildernde Bezeichnung für etwas, das man als anstößig oder unangenehm empfinden könnte. Euphemismen benutzen wir viel und ausgiebig.

Wer an geistiger Umnachtung leidet ist nicht sehr müde im Kopf, sondern wahnsinnig. Ein leichtes Mädchen ist nicht eine junge Frau mit der Figur eines modernen Models, sondern eine Prostituierte. Wer dahingegangen ist, ist nicht einfach weg, sondern tot. Wenn etwas preiswert ist, ist es nicht unbedingt seinen Preis wert, sondern billig. Und wenn die Chefin meine Mitarbeiter sagt, meint sie nicht diejenigen, mit denen sie direkt zusammenarbeitet, sondern ihre Untergebenen.

Was für ein Tüchlein war die toilette? Es war ein Tuch, auf dem die Gegenstände ausgebreitet wurden, die man für die Haar- und Körperpflege benötigte. Danach wurde es im übertragenen Sinne zu Körperpflege, Ankleiden, Frisieren, Sichzurechtmachen (vgl. Toilette machen), zum Namen eines Möbelstücks, an dem man Toilette machte, und auch zu einer Bezeichnung für elegante, festliche Kleidung. Damit sind wir aber immer noch nicht bei der euphemistischen Toilette, die ich eingangs meinte. Über das ebenfalls französische cabinet de toilette = kleiner Raum für die Köperpflege, Waschraum wurde es im Deutschen zuerst ebenfalls in diesem Sinne verwendet. Ab Anfang des zwanzigsten Jahrhundert wurde Toilette dann auch verhüllend für Klosett, Abort verwendet. Über so viele Schritte wurde das Tüchlein zum WC.

Lustig ist übrigens, dass Abort und Klosett auch Euphemismen sind. Abort ist eigentlich nur ein abgelegener Ort und Klosett stammt vom englischen Wort closet = abgeschlossener Raum. So ersetzt ein Euphemismus immer wieder einen anderen, der zu gewöhnlich geworden ist. Toilette, Klosett, WC (water closet), was von weit kommt, klingt offenbar besser.

Ich verabschiede mich nun für eine Woche und bringe Ihnen vielleicht einen schönen neuen Euphemismus aus Frankreich mit.

Dr. Bopp

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Nicht kostenpflichtige und nichtkostenpflichtige Sprachdienste

Frage

Ich lese gerade eine Bachelorarbeit und bin mir wegen des Bindestrichs nach „nicht“ unsicher. Ich würde es so schreiben: „Der zweite Absatz behandelt die nicht-funkbasierten Systeme.“ Ist der Bindestrich korrekt?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

es ist eigentlich ganz einfach: Verbindungen von nicht und einem Adjektiv werden entweder zusammen- oder getrennt geschrieben (vgl. hier). Beides ist korrekt. Richtig sind also diese beiden Schreibungen:

die nichtfunkbasierten Systeme
die nicht funkbasierten Systeme

Ebenso zum Beispiel:

ein nichteheliches / nicht eheliches Kind
nichtrostender / nicht rostender Stahl
die nichtkostenpflichtige / nicht kostenpflichtige Dienstleistung
Bitte Nichtzutreffendes / nicht Zutreffendes streichen

Die  Schreibung mit Bindestrich (die nicht-funkbasierte Systeme) kommt zwar häufig vor, sie ist in der amtlichen Rechtschreibregelung (§ 36 2.3) aber nicht vorgesehen.

Wann verwendet man welche Variante? Das liegt ganz in Ihrem Ermessen. Im Prinzip gibt es nur einen kleinen Unterschied: Bei der zusammengeschriebenen Variante liegt die Hauptbetonung der Verbindung auf nicht. Dabei wird nachdrücklicher angegeben, dass es sich um ein feste Verbindung handelt. Bei der getrennt geschriebenen Variante liegt die Betonung stärker auf dem Adjektiv:

die níchtfunkbasierten / nicht fúnkbasierten Systeme
níchtrostender / nicht róstender Stahl
Níchtzutreffendes / nicht Zútreffendes streichen

Da häufig beide Betonungen möglich sind und der Betonungsunterschied keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied mit sich bringt, sind jeweils beide Schreibungen möglich.

Die Zusammenschreibung ist natürlich nur dann möglich, wenn nicht nur das Adjektiv und nicht eine größere Wortgruppe oder den ganzen Satz verneint. Also nur getrennt:

Wir sind nicht ausreichend informiert worden.
Der Garten ist nicht öffentlich zugänglich.

Ich hoffe, dass Sie mit dieser Antwort und mit unseren nichtkostenpflichtigen / nicht kostenpflichtigen Sprachdiensten zufrieden sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Seehecht in der See und die Seerose im See

Frage

Wo liegt der Grund dafür, dass der See männlich ist, die Nordsee und Ostsee aber weiblich? Ich fahre ja auch an die See, wenn ich ans Meer fahre. […] Das Meer ist auch die See. Der See ist ein Binnengewässer. Bin sehr auf Ihre Antwort gespannt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

ursprünglich war See ein männliches Wort und bezeichnete eine große Wasserfläche, die sowohl ein Binnensee als auch ein Meer sein konnte. Im Westgermanischen ist daneben schon früh eine weibliche Variante entstanden. Die heutige Bedeutungsunterscheidung zwischen der See = Binnensee und die See = Meer hat sich aber erst im Neuhochdeutschen allgemein voll herausgebildet.

Eine schöne Theorie zu dieser Bedeutungsunterscheidung sagt, dass man in den niederdeutschen Dialekten, also im Norden, die See sagte. Dort kannte man eigentlich nur das Meer und keine Binnenseen. Weiter im Süden, wo man der See sagte, hatte man umgekehrt Binnengewässer, aber kein Meer. Wenn diese Theorie stimmt, könnte man sagen, dass die See im heutigen Standardddeutschen, das auf dem Hochdeutschen basiert, ein Lehnwort aus dem Niederdeutschen ist. In meinem südlichen Dialekt gibt es auch heute noch nur der See und das Meer, die See verwenden wir nicht (außer in »importierten« Namen wie Ostsee und Nordsee).

Die strenge Unterscheidung zwischen der See und die See ist also sprachgeschichtlich relativ jüngeren Datums. Auffallend finde ich in diesem Zusammenhang, dass die meisten Zusammensetzungen mit See an erster Stelle etwas mit Meer zu tun haben: Vom Seehecht über den Seehund und den Seeteufel bis zur Seezunge, sie schwimmen alle im Salzwasser. Seeleute, Seefahrerinnen, Seeräuber und Seejungfrauen, sie alle haben ihren Wirkungsbereich auf dem oder im Meer. Eine Ausnahme ist die Seerose genannte Pflanze, deren Habitat nicht die See, sondern ein See oder ein anderes stilles Binnengewässer ist. Eine Erklärung für diese Verteilung muss ich Ihnen leider schuldig bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Quellen u.a. hier und hier.

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