Toilette, wie das Tüchlein zum WC wurde

Morgen früh verreise ich für ein paar Tage nach Frankreich. Mehr oder weniger dazu passend habe ich mir heute Morgen auf der Toilette die Frage gestellt, woher das Wort Toilette kommt – aus dem Französischen, das ist klar, aber was bedeutete es ursprünglich?

Das Wort toilette bedeutete ursprünglich Tüchlein. Es ist eine Verkleinerungsform von toile = Tuch. Nun geht es dabei nicht, wie ich vermutete, um eine alte Stoffvariante des Toilettenpapiers oder um ein Tuch oder Tüchlein, das man verhüllend vor den „Ort des Geschehens“ spannte. Verhüllend ist das Wort aber dennoch. Es ist ein Euphemismus, also eine beschönigende oder mildernde Bezeichnung für etwas, das man als anstößig oder unangenehm empfinden könnte. Euphemismen benutzen wir viel und ausgiebig.

Wer an geistiger Umnachtung leidet ist nicht sehr müde im Kopf, sondern wahnsinnig. Ein leichtes Mädchen ist nicht eine junge Frau mit der Figur eines modernen Models, sondern eine Prostituierte. Wer dahingegangen ist, ist nicht einfach weg, sondern tot. Wenn etwas preiswert ist, ist es nicht unbedingt seinen Preis wert, sondern billig. Und wenn die Chefin meine Mitarbeiter sagt, meint sie nicht diejenigen, mit denen sie direkt zusammenarbeitet, sondern ihre Untergebenen.

Was für ein Tüchlein war die toilette? Es war ein Tuch, auf dem die Gegenstände ausgebreitet wurden, die man für die Haar- und Körperpflege benötigte. Danach wurde es im übertragenen Sinne zu Körperpflege, Ankleiden, Frisieren, Sichzurechtmachen (vgl. Toilette machen), zum Namen eines Möbelstücks, an dem man Toilette machte, und auch zu einer Bezeichnung für elegante, festliche Kleidung. Damit sind wir aber immer noch nicht bei der euphemistischen Toilette, die ich eingangs meinte. Über das ebenfalls französische cabinet de toilette = kleiner Raum für die Köperpflege, Waschraum wurde es im Deutschen zuerst ebenfalls in diesem Sinne verwendet. Ab Anfang des zwanzigsten Jahrhundert wurde Toilette dann auch verhüllend für Klosett, Abort verwendet. Über so viele Schritte wurde das Tüchlein zum WC.

Lustig ist übrigens, dass Abort und Klosett auch Euphemismen sind. Abort ist eigentlich nur ein abgelegener Ort und Klosett stammt vom englischen Wort closet = abgeschlossener Raum. So ersetzt ein Euphemismus immer wieder einen anderen, der zu gewöhnlich geworden ist. Toilette, Klosett, WC (water closet), was von weit kommt, klingt offenbar besser.

Ich verabschiede mich nun für eine Woche und bringe Ihnen vielleicht einen schönen neuen Euphemismus aus Frankreich mit.

Dr. Bopp

2 Kommentare »

  1. Rolf schreibt:

    Mai 23, 2017 um 11:09

    Mein Lieblingseuphemismus:
    „Houses of Parliament“ als Bezeichnung für etwas, was ansonsten fast überall einfach „Shithouse“ genannt wurde, haben die Feldforscher für den Survey of English Dialects in einem Ort in Südengland aufgezeichnet und auch tatsächlich in dem Dialektatlas so veröffentlicht. Ob sie einem Scherz zum Opfer gefallen sind, oder selbst zum Scherzen aufgelegt waren, dürfte nicht mehr zu klären sein.

  2. michael schreibt:

    Mai 23, 2017 um 17:57

    Mit dem Wort „bathroom“ ist es im Amerikanischen Englisch ähnlich: Es bezeichnet dort einen Raum, der eine Toilette enthält, umgangssprachlich geht man aufs Klo, wenn man „to the bathroom“ geht. Im Outdoorbereich gibt es dann so lustige Wendungen wie „How to go to the bathroom in the woods“.

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