Unser und das Adjektiv

Frage

Bitte schlichten Sie einen Disput, der zwischen meinen Kollegen/Kolleginnen und mir tobt. Es geht um folgende Textstelle:

Unser offen zur Schau getragene Streit bleibt nicht unbeobachtet.

Wir diskutieren lebhaft, ob es im obigen Satz „getragene“ oder „getragener“ heißen muss oder ob vielleicht sogar beides erlaubt ist, und mit jedem, der seine Meinung dazu abgibt, wird die Stimmungslage gespannter.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

richtig ist hier die starke Endung er:

Unser offen zur Schau getragener Streit bleibt nicht unbeobachtet.

Dann noch der Versuch einer einfachen Erklärung:

Es geht hier um die männliche Adjektivendung im Nominativ Singular. Steht der bestimmte Artikel der oder ein Artikelwort mit der Endung er vor dem Adjektiv, hat es die schwache Endung e:

der kleine Sohn
dieser schwere rote Wein
der offen zur Schau getragene Streit

Steht kein Artikelwort oder ein endungsloses Artikelwort vor dem Adjektiv, hat es die starke Endung er:

mein kleiner Sohn?
schwerer roter Wein
ihr offen zur Schau getragener Streit

Vgl. hier.

Und nun kommen wir zum Problemfall unser. Dieses besitzanzeigende Wort sieht aus, wie wenn es die Endung er hätte. Das würde dafür sprechen, dass ein nachfolgendes Adjektiv die schwache Endung e annimmt. Das er ist aber keine Endung, sondern Teil des Stammes. Vgl.

unser Haus / mein Haus
in unser-em Haus / in mein-em Haus
unser-e Nachbarin / mein-e Nachbarin

Die Form unser ist hier also endungslos. Entsprechend muss ein nachfolgendes Adjektiv wie nach z. B. mein stark gebeugt werden:

unser kleiner Sohn / mein kleiner Sohn
unser schwerer roter Wein / mein schwerer roter Wein
unser offen zur Schau getragener Streit / ihr […] getragener Streit

Die Verunsicherung entsteht also dadurch, dass das Wort unser zwar wie ein Wort mit der Beugungsendung er aussieht, in Wirklichkeit aber endungslos ist. Sie entsteht auch nur bei der Adjektivendung er. Während man des Öfteren hört und liest

unser *kleine Sohn wie der kleine Sohn statt unser kleiner Sohn

passiert dieses Versehen eigentlich nie bei der sächlichen Endung es:

unser *kleine Kind wie das kleine Kind statt unser kleines Kind

Ich hoffe, dass diese Angaben dazu beitragen, den Disput friedlich zu beenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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