Gehen wir Deutsche oder wir Deutschen im September zur Urne?

Der letzte Blogeintrag behandelte eine Frage der Adjektivbeugung. Heute geht es gleich noch einmal um dieses Thema. Das liegt daran, dass die Beugung des Adjektivs im Deutschen sehr komplex ist und entsprechend häufig zu Zweifeln Anlass gibt. Und wer das nicht glaubt, sollte einmal Deutschlernende danach fragen oder – noch besser – versuchen, sie ihnen zu erklären. Deshalb also gleich noch einmal eine Runde Adjektivbeugung:

Frage

Können Sie mir erklären, was hier richtig ist:

Wir Deutschen wählen im September.
Wir Deutsche wählen im September.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

beide Formulierungen gelten als korrekt. Im Prinzip wird ein (substantiviertes) Adjektiv nach einem Personalpronomen stark gebeugt, weil vor ihm kein Artikelwort mit einer Endung steht (vgl. den letzten Blogeintrag und hier)

 „Ich Armer habe Hunger“, seufzte er.
Du liebes Kind, komm geh mit mir!
Wir Deutsche wählen im September.
Ihr Deutsche wählt im September.

Nach wir und ihr kommt heute allerdings häufiger die schwache Beugung vor, die ebenfalls als richtig akzeptiert ist:

Wir Deutschen wählen im September.
Ihr Deutschen wählt im September.

Und wenn das Adjektiv nicht substantiviert ist, wird heute fast nur noch schwach gebeugt:

Wir deutschen Wähler und Wählerinnen werden im September zu den Urnen gerufen.
(selten: Wir deutsche Wähler und Wählerinnen …)

Damit Sie sehen, dass dies alles nicht nur in deutschen Wahljahren gilt, hier noch einige andere Beispiele:

Wir vom Stress Geplagten/Geplagte gönnen uns zu wenig Ruhe.
Hallo ihr Lieben/Liebe, wie geht es euch?
Wir armen (selten: arme) Sünder bitten um Vergebung.
Ihr lieben (selten: liebe) Leute, lasst euch sagen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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