Arbeiten gemusst zu haben und Urlaub machen gekonnt zu haben

Heute wieder einmal ein kleines, unlösbares(?) Verbformenpuzzle:

Frage

[…] Kommt ein Infinitivsatz mit einem Infinitiv Perfekt und einem Modalverb in der Sprachrealität überhaupt vor? Zum Beispiel:

Hans behauptet: „Ich habe arbeiten müssen“.
Hans behauptet, gearbeitet haben zu müssen (??)

Die Form selbst scheint nicht so kompliziert zu sein, aber ich habe eine solche Form im Text noch nie gefunden (wenn ich die Form überhaupt richtig konstruiert habe).

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

nicht alles, was es theoretisch geben kann, kommt in der Realität auch wirklich vor. Das ist auch hier der Fall. Die folgenden Formulierungen sind kein Problem:

Hans behauptet: „Ich muss arbeiten.“
a) Hans behauptet, dass er arbeiten müsse/muss.
b) Hans behauptet, er müsse arbeiten.
c) Hans behauptet arbeiten zu müssen.

Irene erklärte: „Ich kann im Sommer keinen Urlaub machen.“
a) Irene erklärte, dass sie im Sommer keinen Urlaub machen könne/kann.
b) Irene erklärte, sie könne im Sommer keinen Urlaub machen.
c) Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen zu können.

Problematischer wird es, wenn das Gesagte wie in Ihrem Beispiel in der Vergangenheit steht:

Hans behauptet: „Ich habe arbeiten müssen.“
a) Hans behauptet, dass er hat/habe arbeiten müssen.
b) Hans behauptet, er habe arbeiten müssen.
c) ?

Irene erklärte: „Ich habe im Sommer keinen Urlaub machen können.
a) Irene erklärte, dass sie im Sommer keinen Urlaub habe/hat machen können.
b) Irene erklärte, sie habe im Sommer keinen Urlaub machen können.
c) ?

Die Nebensatzkonstruktionen a) und b) lassen sich ohne allzu große Schwierigkeiten bilden. Bei der Infinitivkonstruktion c) aber geraten die meisten – auch ich – ins Stolpern. Wie heißt es denn nun richtig?

Hans behauptet arbeiten müssen zu haben.
Hans behauptet zu haben arbeiten müssen.
Hans behauptet arbeiten gemusst zu haben.
???

Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen können zu haben.
Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub zu haben machen können.
Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen gekonnt zu haben.
???

Diese Unsicherheit führt dazu, dass wir die sonst so elegante Infinitivkonstruktion hier vermeiden und auf die „robusteren“ Nebensätze ausweichen. Die jeweils dritte Variante (arbeiten gemusst zu haben; machen gekonnt zu haben) scheint übrigens die noch am ehesten akzeptable zu sein. Empfehlen kann ich sie aber dennoch nicht*.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* v. a. wegen der Frage des fehlenden Eratzinfinitivs

2 Kommentare »

  1. Carina Denkmann schreibt:

    August 17, 2017 um 22:06

    Wie immer interessant, merci! Zum Wort „Verbformenpuzzel“: Ist „Puzzel“ neuerdings akzeptiert? http://www.canoo.net/services/Controller?input=Puzzel

  2. Dr. Bopp schreibt:

    August 18, 2017 um 10:52

    Auch wenn sie häufig vorkommt und weder mir noch der Rechtschreibkontrolle aufgefallen ist: Die Schreibung Puzzel ist nicht akzeptiert. Das Wort Puzzle steht sogar im amtlichen Wörterverzeichnis des Rates für deutsche Rechtschreibung. Danke für den Hinweis! Ich habe das Wort oben im Text korrigiert.

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