Wenig, weniger, wenigerer

Wenn der Genitiv tatsächlich vom Untergang bedroht ist – man hört zwar in letzter Zeit nicht mehr so viel davon –, ist er auch ein bisschen selbst schuld daran, dass er weniger verwendet wird. Manchmal macht er uns nämlich das Sprachleben nicht einfacher, wie Herrn M.s Frage zur Form weniger zeigt:

Frage

Meist bleibt das Wort „wenig“ ungebeugt, obwohl man die Beugung eventuell auch anwenden könnte. Mit dem Wort „weniger“ verhält es sich da schon etwas anders, da dieses anscheinend immer ungebeugt bleibt:

Es erschienen immer weniger Menschen zu den Vorträgen.
Man kommuniziert mit deutlich weniger Personen.
Man kämpfte gegen weitaus weniger Richtlinien an.

[…] Problematisch verhält es sich meines Erachtens, wenn man hier den Genitiv anzuwenden versucht, da es ja „wenig“ von „weniger“ zu unterscheiden gilt:

Sie nimmt sich weniger Menschen an.
(Es sind wenige Menschen, deren sie sich annimmt.)

Man könnte ja dann – um den Unterschied deutlich zu machen – auch folgende Formulierung anwenden:

Sie nimmt sich wenigerer Menschen an, als es im Vorjahr der Fall war.
(Es sind weniger Menschen, deren sie sich annimmt, als …)

Erachten Sie diese Formulierung als korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Komparativform weniger ist unveränderlich. Die Form wenigerer ist nicht korrekt. Daraus ergibt sich, wie Sie richtig beschrieben haben, eine Schwierigkeit im Genitiv.

Abgesehen vom Problem der Unterscheidung mit dem Genitiv von wenig, gibt es noch eine Schwierigkeit: Im Deutschen kann eine Wortgruppe u. a dann nicht im Genitiv stehen, wenn sie nicht mindestens ein Wort mit der Genitivendung (e)s oder er enthält. Die Steigerungsform weniger hat keine solche Endung, denn das er markiert ja die Steigerung, nicht einen Fall.

Eine Lösung für diese Form im Genitiv könnte dann sein, einfach ein er anzuhängen, doch die Steigerungsform weniger beharrt nun einmal darauf, unveränderlich zu sein. Man muss deshalb – wie in anderen Fällen auch – auf eine andere Formulierung ausweichen. Bei den folgenden Beispielen gebe ich auch die Form mehr an, für die dasselbe gibt:

Bei Genitivattributen und einigen Präpositionen weicht man auf eine Präpositionalgruppe mit von aus:

nach der Ansicht von mehr/weniger Menschen als früher
aufgrund von mehr/weniger Hinweisen als beim letzten Fall

Bei einigen Präpositionen kann auf den Dativ ausgewichen werden:

während mehr/weniger Tagen als im letzten Monat

(Vgl. die Angaben hier und hier)

Bei Genitivobjekten wie in Ihrem Beispiel muss eine andere Formulierung gewählt werden:

Sie nimmt sich einer größeren/geringeren Anzahl Menschen an.
Sie kümmert sich um mehr/weniger Menschen.

Die Lösung für dieses Genitivproblem ist also nicht die Form *wenigerer, sondern eine andere Formulierung. Einen hiermit verwandten Fall beschreibt dieser ältere Blogeintrag.

Der Genitiv kann sich also ziemlich eigensinnig benehmen. Zum Glück merken wir das beim Sprechen und Schreiben meistens nicht, weil wir die oben stehenden Ausweichmanöver unbewusst ganz gut beherrschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare »

  1. H.M.Müller schreibt:

    August 5, 2018 um 12:16

    „Die Form wenigerer ist nicht korrekt.“

    Das steht jetzt apodiktisch so da … Komisch ist, dass für alle anderen Worte mit „-ig“ am Ende die „-erer“-Form problemlos ist: „Der Preis billigerer Waren“, „der Zusammenhalt einigerer Gruppen“ (Gruppen, die [sich] einiger sind als andere). Warum dann nicht „wenigerer“?? – ich habe es auch noch nie gesagt/geschrieben, aber ist es „einfach nur eine Ausnahme“?

    H.M.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    August 7, 2018 um 08:41

    Im Unterschied zu zum Beispiel billig und unwillig, ganz „normalen“ Adjektiven, verhalten sich viel und wenig nicht immer wie Adjektive, sondern mehr wie unbestimmte Zahlwörter und Artikelwörter: Im Gegensatz zu gewöhnlichen Adjektiven haben sie auch in attributiver Stellung (vor dem Substantiv) endungslose Formen. Diese endungslosen Formen stehen weiter nie nach einem Artikelwort:

    viel/wenig Arbeit
    nicht: die viel Arbeit

    mehr/weniger Arbeit
    nicht: die mehr/weniger Arbeit

    Während im Positiv gebeugte Formen möglich sind, die auch nach einem Artikelwort stehen können (die viele/wenige Arbeit), sind gebeugte Formen bei den Komparativformen mehr und weniger nicht möglich (nicht: die mehre/wenigere) Arbeit. (NB: Die Formen sind bildbar, sie werden aber nicht verwendet. Sie werden so allgemein nicht verwendet, dass ich hier die Formulierung „sind nicht korrekt“ verwende, die ich sonst meist vermeide.) Die Antwort auf die Frage, warum hier gebeugte Formen nicht vorkommen, muss ich Ihnen leider schuldig bleiben.

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