Standstreifenertüchtigung

Manchmal kann ich meine Schweizer Wurzeln noch weniger verleugnen als sonst. So konnte ich vor einigen Tagen meinen Augen kaum trauen, als ich auf einer deutschen Autobahn das Wort „Standstreifenertüchtigung“ las. Ich habe sofort verstanden, was gemeint ist, und dennoch würde ich dieses Wort nie, aber auch gar nie selbst verwenden.

„Standstreifenertüchtigung“ ist ein durch und durch bundesdeutsches Wort. Das fängt natürlich damit an, dass der Standstreifen resp. die Standspur in der Schweiz und – soweit ich weiß – auch in Österreich meistens „Pannenstreifen“ genannt wird.

Weiter geht es damit, dass mit „Ertüchtigung“ ein Fachwort aus dem Bauwesen für eine Mitteilung verwendet wird, die an die Allgemeinheit gerichtet ist. Als Nichtbaufachmensch assoziiere ich „Ertüchtigung“ eigentlich nur mit der Leibesertüchtigung zu Zeiten des Turnvaters Jahn. Ich habe ganz allgemein das Gefühl (beweisen kann ich es nicht), dass ich in Deutschland viel häufiger Fachwörtern wie Schraubendreher, Außenleuchte oder Kleinkraftrad begegne als in der Schweiz.

Als Letztes sei die Vorliebe für lange Wörter genannt, sobald es amtlich oder formell wird. Die „Standstreifenertüchtigung“ wird in der Schweiz eher als „Erneuerung des Pannenstreifens“ oder „Sanierung des Pannenstreifens“ angekündigt, wenn nicht sowieso einfach „Baustelle“ zu lesen oder ein dreieckiges Warnschild mit einem schaufelnden Menschen zu sehen ist. Als weiteres Beispiel kann „Landwirtschaftsförderungsgesetz“ dienen, das in der Schweiz meistens nicht so, sondern „Gesetz über die Förderung der Landwirtschaft“ genannt wird.

Natürlich ist nicht alles schwarz und weiß. Zu all diesen Aspekten gibt es hüben wie drüben Gegenbeispiele. Ich wollte nur aufzeigen, wie ich mir mein großes Erstaunen über „Standstreifenertüchtigung“ zu erklären versucht habe. Ich war nämlich sehr erstaunt, dass ich so sehr erstaunt war.

3 Kommentare »

  1. Vilinthril schreibt:

    Juli 21, 2018 um 11:34

    In Österreich meines Wissens ausschließlich Pannenstreifen, ja.

    Die amtsdeutsche Neigung zu Kompositaketten und Nominalstilwüsten ist aber meinem Eindruck nach in Österreich noch zigmal ausgeprägter als in Deutschland. ^^

  2. Christian schreibt:

    August 9, 2018 um 21:58

    @Vinithril:
    z.B. der vielzitierte Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, der sogar noch weitere Verlängerungen zulässt, siehe
    https://de.wikipedia.org/wiki/Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän

  3. Christian schreibt:

    August 12, 2018 um 20:42

    @ Vilinthril – Bitte entschuldigen Sie die Verballhornung Ihres Names. War wahrscheinlich die Hitze schuld 🙂

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