Die zweite Fremdsprache, das ist/sind(?) Latein, Englisch oder Französisch

Frage

Es geht um folgende Passage aus unserer Schulbroschüre:

Die zweite Fremdsprache startet in der 6. Klasse. Das sind an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.

Da das Subjekt des zweiten Satzes („das“) sich auf „Fremdsprache“ im ersten Satz bezieht und damit im Singular steht, müsste doch das Prädikat des zweiten Satzes auch im Singular stehen. Meiner Meinung nach müsste es also „ist“ statt „sind“ heißen. […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

dieser Fall ist relativ komplex, jedenfalls wenn es ums Erklären geht. Der Zweifel bei der Verbform des zweiten Satzes entsteht durch die Aufzählung mit oder. Üblich ist diese Formulierung:

Latein, Englisch oder Französisch ist die zweite Fremdsprache.
Die Lehrerin oder der Lehrer unterzeichnet das Zeugnis.

Seltener, aber möglich ist auch diese Formulierung:

Latein, Englisch oder Französisch sind die zweite Fremdsprache.
Die Lehrerin oder der Lehrer unterzeichnen das Zeugnis.

Das Verb kann hier in der Einzahl oder seltener in der Mehrzahl stehen**. Die Wortgruppe Latein, Englisch oder Französisch kann somit als Singulargruppe oder als Pluralgruppe verstanden werden. Versteht man sie als Singulargruppe, heißt es:

Das ist an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.
vgl. Das ist an unserer Schule Französisch.

Versteht man die Wortgruppe als Pluralgruppe, muss das Verb im Plural stehen. Wenn nämlich in einem Gleichsetzungssatz Subjekt und Prädikativ nicht beide im Singular stehen, wird das Verb im Plural verwendet (siehe hier ganz unten):

Diese Bücher sind mein größter Besitz.
Das sind meine Eltern.

Für Ihren Satz bedeutet dies dann:

Das sind an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.
vgl. Das sind an unserer Schule Latein, Englisch und Französisch.

In der Schulbroschüre kann also mit das ist, aber auch mit das sind (wie es zzt. dort steht) formuliert werden. Die von Ihnen bevorzugte Variante mit dem Singular ist wahrscheinlich die häufiger vorkommende Variante (vgl. hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Einige Grammatiken unterscheiden hier zwischen ausschließendem/exklusivem Oder (Verb im Singular) und einschließendem/inklusivem Oder (Verb im Plural). Diese Unterscheidung ist in der Logik zweifellos angebracht, in der natürlichen Sprache halte ich sie häufig für weniger sinnvoll, da die Sprache und unsere Art, uns auszudrücken, sich selten an die strengen Regeln der Logik halten. Zum Beispiel:

Der Vater oder die Mutter kann/können die Entschuldigung unterschreiben.

Unterschreiben wird wahrscheinlich nur eine Person (exklusiv), aber können tun’s beide (inklusiv). Ist dieses oder also exklusiv oder inklusiv oder – was strikt logisch nicht möglich ist – einfach beides?

2 Kommentare »

  1. Ivan Panchenko schreibt:

    Oktober 24, 2018 um 23:48

    Im Zweifelsfälleduden steht sogar, dass bei ausschließendem /oder/ „im Allgemeinen“ der Singular verwendet wird und bei einschließendem /oder/ „im Allgemeinen“ der Plural, als ob es um den tatsächlichen Sprachgebrauch geht.

    Viele Sätze, in denen ein /oder/ als exklusiv interpretiert werden könnte, ergeben auch bei inklusiver Lesart Sinn, was es leicht macht, in die Sache so eine plausibel erscheinende Regel hineinzufantasieren. Es ist keineswegs unumstritten, dass das natürlichsprachliche /oder/ überhaupt exklusiv sein kann.¹ „Diese Zahl ist gerade oder ungerade.“ – Es kann nicht beides der Fall sein, aber mit inklusivem Oder reicht es ja, dass zumindest eines davon zutrifft. Und es ist selbst mit inklusivem Oder klar, dass nur eines davon zutrifft, einfach weil es keine Zahl gibt, die sowohl gerade als auch ungerade ist.

    Ich halte die Regel nicht für sinnvoll: Eine inklusive Disjunktion ist zwar wahr, wenn alle Teilaussagen wahr sind, aber es ist doch hinreichend (und notwendig), dass EINE der Aussagen wahr ist, wie auch immer es um den Wahrheitswert der anderen bestellt ist.

    „Der Vater oder die Mutter kann die Entschuldigung unterschreiben.“ – Dieser Satz kann formuliert werden, wenn eigentlich ausgedrückt werden soll, dass der Vater die Entschuldigung unterschreiben kann und (!) die Mutter es kann. (Warum dann /oder/ anstelle von /und/?² Ich würde den Satz ungefähr so verstehen: „Wer der Vater oder die Mutter ist, kann die Entschuldigung unterschreiben.“) Damit könnte der Plural begründet werden. Ich würde trotzdem den Singular verwenden: Es existieren zwar mehrere Personen, die „der Vater oder die Mutter“ sind (nämlich der Vater und die Mutter …), aber jede einzelne (!) davon ist der Vater oder die Mutter.

    Wenn ich eine Buchempfehlung machen darf: /The Connectives/ von Lloyd Humberstone geht auf Natürlichsprachliches ein, ohne dass ich nach der Lektüre in Wut ausbreche (zu dem Thema wurde nämlich ziemlich viel Blödsinn verzapft); vgl. insbesondere:

    ¹ https://books.google.de/books?id=IKWn3hLDYL4C&pg=PA781&dq=%22Obviously%20the%20last%20place%22

    ² https://books.google.de/books?id=IKWn3hLDYL4C&pg=PA799&dq=Conjunctive-Seeming

    ³ https://books.google.de/books?id=IKWn3hLDYL4C&pg=PA819&dq=plural

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 26, 2018 um 12:59

    Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar, der gut zeigt, dass eine Unterscheidung zwischen ein- und ausschließendem Oder für den natürlichen Sprachgebrauch nicht sehr praktikabel ist.

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