Einfrieren und ausfrieren

Es sieht logisch aus, ausfrieren als Gegenteil von einfrieren zu verwenden. Und trotzdem sagen wir nicht, dass Eingefrorenes ausgefroren wird.

Frage

Ich wurde darauf hingewiesen, dass es den Begriff ausfrieren in Zusammenhang mit eingefrorenen Lebensmitteln nicht gebe bzw. dieser nicht passend sei. Korrekt sei auftauen.

Eine Internetrecherche bestätigt dies weitgehend. Es wird aber immer wieder auch von anderen Personen nach dem Begriff ausfrieren in diesem Zusammenhang gefragt.

Aus meiner Sicht ist zunächst das Gegenteil von ein der Begriff aus. Auch wenn diese Regel mit Sicherheit nicht „betonmäßig“ für „alles“ angewandt werden darf, ist es doch nicht völlig abwegig, als Gegenteil für einfrieren den Begriff ausfrieren zu verwenden. Vor allem im privaten Umfeld kann mir das eigentlich niemand „verbieten“. […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

niemand kann Ihnen natürlich verbieten, das Verb ausfrieren im Sinne von auftauen zu verwenden. Es gibt aber verschiedene Gründe, die dagegen sprechen:

1) Eine Wortbildung kann blockiert, das heißt ungebräuchlich sein, weil es schon ein Wort mit der gleichen Bedeutung gibt. Hier wird ausfrieren durch das gebräuchliche und allgemein bekannte Wort auftauen blockiert (vgl. hier).

2) Eine Wortbildung kann nicht üblich sein, weil das Wort schon eine andere Bedeutung hat. Auch das ist bei ausfrieren der Fall: Es bedeutet u. a. schon bis zum Grund frieren, durch und durch frieren oder durch Frieren trennen (siehe die Angaben im DWDS). In Verbindung mit frieren ist aus nicht das Gegenteil von ein. Es hat hier die gleiche Bedeutung wie in austrocknen resp. in aussortieren.

3) Der wichtigste Grund: Man versteht in einem großen Teil des deutschen Sprachraums nicht, was Sie mit ausfrieren meinen, weil das Wort nicht bekannt und nicht gebräuchlich ist, sei es wegen 1) und 2) oder aus einem anderen Grund.

Es bleibt aber Ihnen überlassen, ob Sie das Wort weiterhin verwenden wollen. Sie dürfen sich nur nicht wundern, wenn man sich wundert oder Sie nicht auf Anhieb versteht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

6 Kommentare »

  1. Antoninus Reyntjes schreibt:

    April 5, 2019 um 13:31

    Die stilistischen Unterschiede, die Funktionsbeschreibungen, die semantischen Differenzen ergeben sich ‚ausfrieren‘ deutlich durch diese Belegsammlung:
    einfrieren bzw. „ausfrieren; sie können nur eingeschränkt [entgegen: aus-geschränkt!] indivuduell verändert werden, ohne Akzept von anderen Sprachteilnehmern:

    https://www.dwds.de/wb/ausfrieren

  2. WFHG schreibt:

    April 7, 2019 um 22:02

    Ich kenne das Wort fachsprachlich aus der Bäckerei, allerdings inhaltlich ohne Unterschied zum „auftauen“. Ist aber auch schon 40 Jahre her …

  3. R. Ludwig schreibt:

    April 9, 2019 um 11:47

    Eine Freundin sagte vor einigen Jahren im Gespräch mal, ihr Handy sei „total abgeladen“. Und zuhause hängen wir hin und wieder auch mal Wäsche ab (nachdem sie an der Leine getrocknet ist).

  4. Bert schreibt:

    April 9, 2019 um 12:41

    Seit dem ich mal jemanden versehentlich „eintauen“ sagen gehört habe („… ist schon aufgetaut!“ – „Dann muss man es eben wieder eintauen!“), verwende ich das ganz gerne mal, allerdings nur im stillen Gespräch mit mir selbst. Wer gerne eine Ableitung verwenden will, kann sich ja mit „frosten/entfrosten“ behelfen.

    Und „Wäsche abhängen“ scheint mir aber doch total gebräuchlich zu sein.

  5. Vilinthril schreibt:

    April 9, 2019 um 14:55

    „Abhängen“ sagen wir hier (in Wien) auch regelmäßig, für mich völlig unauffällig.

  6. Dr. Bopp schreibt:

    April 9, 2019 um 15:33

    Wendungen wie ein abgeladenes Handy und etwas Aufgetautes wieder eintauen sind tatsächlich nicht üblich. Bei die Wäsche abhängen schließe ich mich aber den Vorkommentatoren an: Das Verb abhängen ist als Gegenteil von aufhängen (ein Bild aufhängen/abhängen) und anhängen (einen Waggon anhängen/abhängen) gebräuchlich (vgl. hier) – und dies trotz möglicher „Blockierer“ wie abnehmen, herunternehmen resp. entkuppeln, loskuppeln.

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