Archiv für Allgemein

Wie antichambrieren zum i kam

Heute geht es um ein etwas altmodisches Wort: antichambrieren. Es bedeutete früher, dass man im Vorzimmer, dem Antichambre, einer wichtigen Persönlichkeit wartete, um vorgelassen zu werden. Außer in historischen Büchern und Filmen bedeutet es heute – wenn es überhaupt noch verwendet wird – bei einer Person oder Instanz um Gunst betteln, katzbuckeln (vgl. hier).

Frage

Ein Kollege beharrt, dass man „antechambrieren“ schreiben müsse (weil das die logische Schreibung aufgrund der lateinischen/franzözischen Herkunft sei). Die (korrekte) Schreibung „antichambrieren“ sei völlig widersinnig. Können Sie erklären, warum die Schreibung mit i trotzdem die einzig korrekte zu sein scheint?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

Ihr Kollege hat insofern recht, als das griechische anti im Allgemeinen für gegen steht: antibakteriell, antimilitarisch, Antifaschismus, Antimaterie. Das im Deutschen nur sehr selten vorkommende lateinische Präfix ante hingegen bedeutet vor: antedatieren, antediluvianisch (vorsintflutlich), antezedieren (vorhergehen). Man würde deshalb bei der Bedeutung Vorzimmer tatsächlich eher die Vorsilbe ante als anti erwarten.

Trotzdem heißt es antichambrieren und nicht antechambrieren. Der „Fehler“ ist in Italien zu suchen. Wir haben das Wort antichambrieren aus dem Französischen übernommen. Die Franzosen wiederum haben das Wort antichambre (mit i) im 16. Jahrhundert nach dem italienischen Muster anticamera gebildet. Das i stammt also aus dem Italienischen. Im volkstümlichen Italienisch war die lateinische Vorsilbe ante zu anti geworden und fiel lautlich mit dem aus dem griechischen stammenden anti zusammen. Man findet dieses anti im Sinne von vor in zum Beispiel:

antidiluviano (vorsintflutlich)
anitmeridiano (vormittäglich)
antipasto (Vorgericht)
antibagno (Badezimmervorraum)
anticamera (Vorzimmer)

Die Vorsilbe ante hat übrigens im Italienischen vor allem in eher „gelehrten“ Wörtern ebenfalls überlebt: antefatto (Vorgeschichte), anteporre (voranstellen, vorziehen), anteguerra (Vorkriegszeit).

Das i in antichambrieren stammt also nicht aus dem Lateinischen oder dem Französischen, sondern aus dem Italienischen, wo ante teilweise zu anti geworden ist. Wie man sieht, kann uns die klassische Bildung manchmal auch auf die falsche Fährte bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Kommentare

Neue Version der Canoonet-App für das iPhone

Falls Sie ein iPhone besitzen und noch nicht wussten, dass es eine Canoonet-App gibt: Es gibt im App-Store eine Canoonet-App für das iPhone, die es ermöglicht, unsere Wörterbücher und die Grammatik auch offline zu nutzen. Mehr Informationen zur App finden Sie bei Canoo. Sie können die App auch direkt bei iTunes beziehen.

Falls Sie ein iPhone besitzen und die Canoonet-App bereits benutzen: Im App-Store ist jetzt die neue Version 3.2. erhältlich. Neu ist:

  • kompatibel mit iOS 6
  • ca. 5 000 neue Wörterbuch-Einträge
  • erweiterte Angaben zu mehr als 10 000 Einträgen
  • Anpassungen und Erweiterungen zu Rechtschreibung und Grammatik
  • Bugfixes

Falls Sie die Canoonet App bereits benutzten und Ihr iPhone auf iOS 6 umgestellt haben mussten Sie zu Ihrem Ärger feststellen, dass die Canoonet-App nicht mehr richtig funktionierte. Die neue Version ist jetzt iOS-6-kompatibel! Für die zwischenzeitlichen Unannehmlichkeiten bitten wir Sie um Entschuldigung.

Mehr Informationen zur App bei Canoo.
Die Canoonet-App bei iTunes.

AKTION ZUM RELEASE: 60% Rabatt! Wenn Sie die App (unbegrenzte Nutzung) bis zum 30. Juni kaufen, kostet sie nur 5,99 EUR statt 14,99 EUR.

Kommentare

Kompositorisches zum Muttertag

Es gibt viele, die davon ausgehen, dass man bei einem zusammengesetzten Wort genauere Angaben über die Bedeutung der Verbindung zwischen den beiden Elementen machen kann. Das ist natürlich gut möglich, aber erst wenn man weiß, was das Wort bedeutet. Wenn wir einem zusammengesetztes Wort wie Muttertag zum ersten Mal begegnen und sonst keine weiteren Informationen zur Verwendung erhalten, können wir nur sagen, dass es sich um einen Tag handeln muss, der in irgendeiner Weise etwas mit einer Mutter oder mit Müttern zu tun hat. Wie das genaue Verhältnis zwischen Tag und Mutter ist, lässt sich nicht sagen, das heißt, die genaue Bedeutung des Wortes lässt sich nicht an der isolierten Form Muttertag ablesen. Ist es der Tag, an dem wir unsere Mutter besuchen,  der Tag an dem eine Frau Mutter wird, der erste oder wichtigste Tag in einer Reihe von Tagen oder ein den Müttern gewidmeter Tag? Nur der Kontext und unsere Kenntnis der „Welt“ sagen uns, dass die letztgenannte Bedeutung die allgemein übliche ist.

Das ist nicht weiter tragisch und führt zu keinem großem Verständigungschaos, denn Wörter kommen nur sehr selten ohne jeglichen Kontext vor. Auch bei Zusammensetzungen, die wir zum allerersten  Mal hören oder lesen, ist dank des Kontextes, in dem sie erscheinen, meistens schnell deutlich was sie (ungefähr) bedeuten.

Anhand von Zusammensetzungen mit dem Wort Mutter an erster Stelle, soll hier kurz gezeigt werden, wie unterschiedlich die Bedeutungsverhältnisse innerhalb von Komposita sein können:

Eine große Gruppe von Zusammensetzungen mit Mutter hat die Bedeutung der/die/das Mutter ist:

Mutterbaum. Mutterpflanze, Muttersau, Mutterschaft, Mutterschwein, Mutterstute, Muttertier, Muttervieh, Mutterwild

Oft ist damit Mutter in einem übertragenen Sinne gemeint:

Mutterboden, Muttererde, Muttergarbe, Muttergesellschaft, Mutterhaus, Mutterkonzern, Muttergestein, Muttergewebe, Mutterhaus, Mutterkirche, Mutterland*, Mutterlauge, Mutterpartei, Mutterschlüssel, Mutterpflanze

Eine weitere große Gruppe sind Komposita, die im weitesten Sinne ein Besitzverhältnis angeben (einer Mutter gehörend). Hier sind auch einige eher verhüllende Verwendungen von Mutter im Sinne von Gebärmutter zu finden:

Mutterbrust, Mutterfreuden, Muttergefühl, Mutterfreude, Mutterherz, Mutterkuchen, Mutterleib, Mutterliebe, Muttermilch, Muttermund, Mutterpflicht, Mutterschoß, Mutterschwester, Muttersöhnchen, Muttertrompete

Und dann kommt eine ganze Reihe von verschiedenen Arten von Bedeutungsverhältnissen:

von der Mutter / über die Mutter
Mutterbild

von der Mutter (erhalten)
Muttermal, Muttersprache, Mutterwitz

mit der Mutter
Mutterbindung

durch die Mutter
Mutterherrschaft

für (anstelle) die Mutter
Mutterersatz, Mutterstelle

für (zum Vorteil) die Mutter
Mutterkreuz, Muttertag, Mutterschutz

in Bezug auf die Mutter
Mutterkomplex, Mutterkult, Muttermord, Mutterrecht

bei der Behandlung von Müttern verwendet
Mutterkorn, Mutterkraut

Allzu strikt ist diese Einteilung übrigens nicht zu verstehen. Sie soll nur zeigen, wie flexibel die Wortzusammensetzung im Deutschen auf der Bedeutungsebene verwendet wird. Ich wünsche allen Müttern, aber auch allen Vätern, Söhnen und Töchtern einen schönen Tag!

Kommentare

Unter blaustem Himmel wird der Wald immer grüner

Eine häufig diskutierte Frage: die Steigerung von Farbadjektiven.

Frage

Können Farben gesteigert werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

Farbadjektive bezeichnen außerhalb von physikalischen und ähnlichen Fachtexten keine absoluten Größen. Farben können eine höhere oder eine niedrigere Intensität haben. Sie können mehr oder weniger der Farbe entsprechen, die wir als „Basisrot“, „Basisblau“, „Basisgrün“ usw. empfinden. Farbadjektive können deshalb in vielen Fällen problemlos gesteigert werden.

Der Himmel wirkt heute noch blauer als in den letzten Tagen.
Der Wald wird jetzt jeden Tag grüner.
Mit einem Quarzgehalt von 99,7% ist es der weißeste Sand der Welt!

Dies gilt auch bei der Verwendung von Farbadjektiven mit übertragener Bedeutung:

der schwärzeste Tag ihres Lebens
H. war einer der braunsten Politiker des Landes.

Nicht gesteigert werden aber in der Regel zusammengesetzte Farbadjektive wie “hellblau”, “flaschengrün”, “graublau”.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Frühlingstag mit blaustem Himmel und strahlendstem Sonnenschein!

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Wenn die Crème brûlée bio ist

Frage
Wie verhält es sich mit der Schreibung von „Crème brûlée“, wenn noch ein „Bio-“ davortritt?

Bio-Crème brûlée
oder
Bio-Crème-brûlée

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

wenn Dinge bio sind, das heißt, wenn sie biologisch im Sinne von naturrein etc. sind, kann dieses bio auch vor dem Wort stehen, das es bestimmt. In der gesprochenen Sprache ist das problemlos, in der geschriebenen Sprache führt es aber oft zu recht abenteuerlichen Schreibungen. Im Prinzip ist es ganz einfach: Bio- wird vor einem Substantiv mit dem Substantiv zusammengeschrieben.

Biologisch erzeugtes Gemüse ist Biogemüse. Der Bauer, der es anbaut ist ein Biobauer und der Laden, in dem Bioprodukte aus Bioanbau und Bioproduktion verkauft werden, ist ein Bioladen oder ein Bioshop. Also:

Biogemüse, Biobäuerin, Bioprodukte, Bioanbau, Bioproduktion, Bioladen, Bioshop

Da viele heute den Bindestrich sehr mögen und es in der Rechtschreibregelung den häufig ge- und missbrauchten Paragraphen über den „verdeutlichenden“ Bindestrich gibt, muss die Schreibung mit Bindestrich in diesen Fällen (meinerseits eher zähneknirschend) ebenfalls akzeptiert werden:

Bio-Gemüse, Bio-Bäuerin, Bio-Produkte, Bio-Anbau, Bio-Produktion, Bio-Laden, Bio-Shop.

Zweifellos gerechtfertigt ist die Verwendung von Bindestrichen auch für mich in Wortungetümen wie:

Bio-Meerrettich-Gewürzpaste, Bio-6-Korn-Flocken, Bio-Mini-Schoko-Doppelkekse

Nach den geltenden Rechtschreibregeln nicht korrekt ist die Getrenntschreibung:

*Bio Gemüse, *Bio Produkte, *Bio Laden, *Bio Shop, *Bio Mini Schoko-Doppelkeks, *Bio Paprika Chips

Etwas schwieriger wird es, wenn Bio- vor eine getrennt geschriebene Wortgruppe tritt. Dann gilt die Regel, dass zwischen allen Teile der Verbindung ein Bindestrich stehen muss. So wird die Crème brûlée mit Zutaten aus biologischer Produktion zur Bio-Crème-brûlée:

Crème brûlée → Bio-Crème-brûlée

Ebenso:

Sauce hollandaise → Bio-Sauce-hollandaise
High Society → Pseudo-High-Society
Mister Schweiz → Ex-Mister-Schweiz

So weit, so gut. Die Rechtschreibung lässt uns aber dann im Stich, wenn es um Wortgruppen dieser Art geht:

grüner Tee → ?
dunkle Schokolade → ?

Dieser Fall war wohl nicht vorgesehen. Wer die Rechtschreibregeln nicht missachten will, muss deshalb kreativ werden und ein bisschen umformulieren:

Bio-Grüntee
dunkle Bioschokolade
biologischer grüner Tee
biologische dunkle Schokolade

Wenn ich Entwerfer von Verpackungen, Prospekten und Webseiten für Bioprodukte wäre, würde ich von den „zuständigen Stellen“ einfordern, dass hier eine umfassende und einfache Lösung für die korrekte Schreibung von Bioprodukten gefunden wird, die auf exotische Schreibungen wie Bio-Crème-brûlée verzichten kann. Bis dann werden wir uns mit Bio-Paprika-Chips (oder dem fast unlesbaren Biopaprikachips) behelfen müssen, weil die wohl am häufigsten vorkommende Schreibung Bio Paprika Chips auf der Verpackung zwar „knalliger“ wirkt, aber orthografisch leider nicht den Regeln entspricht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Der König und die Krone

Neben Fußballmeisterschaften und Songfestivals scheinen die Einwohner von Republiken auch große Ereignisse in fremden Königshäusern faszinierend zu finden. Wem es dennoch entgangen sein sollte, dass uns morgen wieder ein solches Ereignis bevorsteht: In den Niederlanden dankt die Königin ab und übernimmt ihr Sohn als König das Szepter in Königshaus und Land.

Zu diesem Anlass kam mir eine Frage in den Sinn, die Frau M. vor einiger Zeit in einem anderen Zusammenhang gestellt hatte. Sie wollte wissen, ob die Wörter König und Krönung wortgeschichtlich etwas miteinander zu tun haben.

Eine Krönung im eigentlichen Sinne wird in Amsterdam offenbar nicht stattfinden. Es ist offiziell eine Amtseinsetzung. Aber auch wenn Willem-Alexander keine Krone aufs Haupt gesetzt wird, so gehört die Krone doch zu einem König wie der Cowboyhut zu einem Texaner: Wenn man einen zeichnen muss, geht es nicht ohne die typische Kopfbedeckung.

Gibt es nun einen wortgeschichtlichen Zusammenhang zwischen König und Krone? Die Antwort lautet nein.

Das Wort König ist altgermanischen Ursprungs. Es bedeutete ursprünglich ungefähr Mann, der aus einem vornehmen Geschlecht stammt. Der Stamm kun/kün ist heute noch zum Beispiel im englischen Wort kin = Familie, Sippe zu finden (vgl. auch next of kin = Verwandte). Diese Bezeichnung gab es früher auch im Deutschen. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm kommt noch das Wort Künne vor mit der Umschreibung: „Geschlecht, ein altes edles Wort“. Ganz weit hinten ist König über diesen Wortstamm auch mit dem lateinischen genus verwandt und über sieben Ecken mit dem Wort Kind, das ja auch etwas mit Familie und Geschlecht zu tun hat.

Das Wort Krone hingegen ist ein altes Lehnwort aus dem Lateinischen: corona = Kranz, Krone. Das lateinische Wort geht auf das griechische Wort für Ring, Kranz (korone) und gekrümmt (koronos) zurück.

Außer dass sie entfernt ähnlich klingen, sind die beiden Wörter also nur im Bedeutungsfeld, in das sie gehören, miteinander verwandt: Ein König trägt eine Krone – zumindest ein prototypischer König. Gemeinsame wortgeschichtliche Vorfahren haben sie nicht.

Ob mit oder ohne Krone: Möge der neue König Willem-Alexander lang und weise regieren – oder was man einem König halt so wünscht, wenn er seinen Job anfängt.

Kommentare

Beredte Beamte

Frage

Gibt es eine Erklärung dafür, warum bei „beredt“ im Gegensatz zu „bedienstet“ oder „behemdet“ trotz d im Stammauslaut kein e eingeschoben wird? Gibt es noch andere solcher Beispiele?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in beredt ist das unbetonte e der Endung weggefallen. Die volle Form wäre ja beredet wie zum Beispiel geredet, befreundet, vergoldet usw. (vgl. e-Erweiterung). Die Tilgung von unbetonten Vokalen zwischen zwei Konsonanten, auch Synkope genannt, kommt relativ häufig vor. Manchmal ist sie obligatorisch:

regnen (Regen), atmen (Atem), zeichnen (Zeichen)
edle (edel), noble (nobel), integre (integer)

Manchmal ist sie fakultativ:

goldne (goldene), silbrig (silberig), andre (andere), Münchner (Münchener)

Das unbetonte e kann aber nicht überall wegfallen. Es geschieht vor allem bei Wortstämmen, die auf unbetontes el, en und er enden (vgl. Beispiele oben). Früher konnte das e auch bei Partizipien und ähnlichen Wörtern der Form …det und …tet getilgt werden. Ein paar Beispiele aus der Dichtersprache, in der die Synkope zur Wahrung des Versmaßes häufig verwendet wurde und wird:

Ein Weib das mit dem Manne scherzet / Wie ein gebildter Marmorstein  / Das ohne Glut und Reiz ihn herzet / Das kann kein gutes sein.
[G.E. Lessing, Die schlimmste Frau]

Niemand mehr, der ihn gekannt / Der befreundt ihm war / Dem er Bruder war genannt / Oder Liebster gar?
[F. Rückert, Die goldne Hochzeit]

Über die vergoldten Zinnen / Trat der Monden eben vor / »Holla ho! ist niemand drinnen?« / Fest verriegelt ist das Tor.
[J. von Eichendorff, Heimkehr]

Diese Art der Synkope ist heute nicht mehr üblich. Wir verwenden nur noch die Formen mit e: gebildeter, befreundet, vergoldeten. Bis in unsere Zeit gelangt sind nur beredt und – ein viel häufiger vorkommendes Wort – der Beamte (statt der Beamtete).

Die Wörter beredt und Beamter sind also Überbleibsel aus älteren Zeiten, die wir heute noch verwenden. Wären diese Formen nicht in der verkürzten Form erhalten geblieben, benötigten beredte Beamte zwei Silben mehr, um sich selbst zu charakterisieren. Gerade das würde allerdings beredeten Beamteten nicht allzu viel Mühe bereiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Ist der Abstand zweijährig oder zweijährlich?

Frage

Heißt es: „Kontrollen in zweijährigem Abstand“ oder „Konstrollen in zweijährlichem Abstand“?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

im Prinzip es ganz einfach, …jährlich von …jährig zu unterscheiden. In diesem Fall hätte ich Ihnen aber ganz spontan beinah eine falsche Antwort geschickt. Es wäre bestimmt nicht das erste Mal gewesen, dass ich im Eifer des Gefechts einen Schnellschuss mit falschem Inhalt abgegeben hätte. Bei so nahe beieinanderliegenden Formen lohnt es sich immer, ein zweites Mal hinzuschauen, bevor man auf den Senden-Knopf klickt.

Mit …jährig wird ein Alter oder ein Zeitdauer angegeben:

ein zweijähriges Kind = ein zwei Jahre altes Kind
eine zweijährige Ausbildung = eine zwei Jahre dauernde Ausbildung

Mit …jährlich wird angegeben, nach welcher Zeitspanne sich etwas regelmäßig wiederholt:

eine zweijährliche Veranstaltung = eine alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung
zweijährliche Kontrollen = alle zwei Jahre stattfindende Kontrollen

Und nun kommen wir zum Abstand. Er ist zwar auch regelmäßig wiederkehrend (das hat uns wohl ins Zweifeln gebracht), gemeint ist aber seine Dauer. Es heißt deshalb:

Kontrollen in zweijährigem Abstand (= in zwei Jahre dauerndem Abstand)

Die Kontrollen sind also zweijährlich, der Abstand dazwischen ist zweijährig. Kein Wunder, dass die Formen schnell einmal durcheinandergeraten, wenn wir nicht aufpassen.

Dasselbe gilt übrigens auch bei anderen zeitlichen Angaben. Ein paar Beispiele:

eine dreiminütige Ansprache (= drei Minuten dauernd)
der dreiminütliche Ruf „Mama, zudecken!“ (= alle drei Minuten stattfindend)

der zweistündige Dokumentarfilm (= zwei Stunden dauernd)
die zweistündliche Aussendung des Webefilms (= alle zwei Stunden erfolgend)

ein vierzehntägiger Urlaub (= vierzehn Tage dauernd)
die vierzehntägliche Ausgabe (= alle vierzehn Tage erscheinend)

ein zweiwöchiger Besuch (= zwei Wochen dauernd)
ein zweiwöchentlicher Besuch (= alle zwei Wochen stattfindend)

ein viermonatiges Kalb (vier Monate alt)
ein viermonatliches Arbeitstreffen (alle vier Monate stattfindend)

So schnell die Formen auch durcheinandergeraten können, der Unterschied ist manchmal beträchtlich. So scheinen mir Eltern von Neugeborenen froh zu sein, wenn nicht vierstündiges Stillen angesagt ist, denn vierstündliches Stillen ist anstrengend genug. Ich fände es auch ungemein wichtig, genau zu wissen, ob jemand einen vierzehntägigen oder einen vierzehntäglichen Besuch androht. Und der Bauer verliert auf die Dauer mehr Zeit mit Wiedereinfangen, wenn ihm zweimonatlich ein Kalb wegläuft als wenn ihm ein zweimonatiges Kalb entwischt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (3)

Vorgegenwart in der Zukunft: Sie haben es gleich geschafft

Eine Frage, die vielen bekannt vorkommen wird, die mit fortgeschritteneren Deutschlernenden zu tun haben. Sie zeigt, dass unsere Verbzeiten manchmal wenig mit der realen Zeit zu tun zu haben scheinen.

Frage

Hier sind zwei Fragen eines Schülers, der Deutsch als Fremdsprache lernt:

1. [...]

2. Eine aktuelle Werbung von Macdonalds lautet: „Sie haben es gleich geschafft“. Warum wird hier das Perfekt verwendet, obwohl es um die Zukunft geht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Verbzeiten haben im Deutschen nur bedingt etwas mit den realen Zeitabläufen zu tun. Das ist auch hier der Fall. Obwohl das Perfekt den (etwas zu) viel sagenden deutschen Namen „Vorgegenwart“ trägt, wird mit ihm im Werbespruch, den Sie zitieren, ein Geschehen ausgedrückt, das erst in der Zukunft abgeschlossen sein wird. Diese Verwendung des Perfekts kann Perfekt des Zukünftigen genannt werden. Es kommt relativ selten vor:

Sie haben es gleich geschafft.
Halt durch, du hast die Aufgabe bald erledigt!
Spätestens nächsten Sommer haben wir den Umbau vollendet.

Das Perfekt kann diese Funktion nur dann haben, wenn im Satz eine Zeitangabe steht, die ausdrücklich angibt, dass es um etwas Zukünftiges geht (hier: gleich, bald, spätestens nächsten Sommer).

Ganz ähnlich ist die viel häufiger vorkommende Verwendung des Präsens für etwas Zukünftiges. Wenn der Kontext oder eine explizite Zeitangabe schon angibt, dass eine Aussage über ein zukünftiges Geschehen gemacht wird, reicht es, das Präsens zu verwenden. Der Aspekt des Zukünftigen muss nicht auch noch durch das werden des Futurs ausgedrückt werden (vgl. Präsens des Zukünftigen):

Ich fahre morgen nach Basel.
Wir reden noch einmal darüber, wenn wir mehr Zeit haben.
Nächstes Jahr feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

Beim Perfekt des Zukünftigen hat das Perfekt die Funktion, den Aspekt des Abgeschlossenseins anzugeben. Wenn der Aspekt des Zukünftigen durch ein anderes Element als das Verb angegeben wird, muss er nicht noch einmal durch das werden des Futurs II ausgedrückt werden:

Sie werden es dann geschafft haben.
Sie haben es bald geschafft.

Man kann also das Hilfsverb werden der Zeiten des Futurs einsparen, wenn das Zukünftige durch ein anderes Element ausgedrückt wird. (NB: kann, nicht muss).

Dass Verbzeiten nicht das ausdrücken, was man ihrem Namen nach von ihnen erwartet, kommt auch sonst häufiger vor. So können wir eine Erzählung, die in der Vergangenheit spielt, durch das sogenannte historische Präsens lebendiger gestalten. Ein Geschehen in der Vergangenheit wird in der Zeit der Gegenwart ausgedrückt (historisches Präsens):

Und plötzlich steht Hannibal mit seinem Heer vor den Toren Roms.
Die Künstlerin verbringt die Zeit bis zu ihrem Tod im Jahr 1923 in Nizza.

Ein anderes bekanntes Beispiel ist das Futur, wenn es keine Zukunft, sondern eine Vermutung über etwas Gegenwärtiges oder etwas Vergangenes ausdrückt:

Ich weiß nicht wo er ist. Er wird zu Hause sein.
Sie liegt noch im Bett. Sie wird gestern Abend wieder zu viel getrunken haben.

Die Namen der Verbzeiten geben wieder, was ihre Hauptfunktion ist. Wir verwenden die Zeiten aber häufig auch ganz anders!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Den Dingen ihre Läufe lassen?

Frage

Ich habe ein Problem, bei dem mir partout keine Lösung sinnvoll erscheint: „Ich lasse dem literarischen Erguss seinen Lauf.“ Aber wie ist es bei mehreren Vorträgen: „Ich lasse den Ergüssen ihre Läufe.“ Oder doch nur: „Ich lasse den Ergüssen seinen Lauf.”

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die Redewendung lautet:

einer Sache ihren (freien) Lauf lassen

Gemeint ist, dass etwas nicht gehemmt oder eingeschränkt wird, dass nichts unternommen wird, um es zurückzuhalten. Das Possessivpronomen stimmt dabei mit dem Substantiv überein, dem dieser (freie) Lauf zugestanden wird:

Ich lasse dem Zorn seinen Lauf.
Ich lasse der Fantasie ihren freien Lauf.
Ich lasse den Dingen ihren Lauf.

Das Substantiv Lauf steht immer im Singular. Theoretisch wäre der Plural auch möglich (jedem einzelnen Ding seinen individuellen eigenen Lauf lassen →  *den Dingen ihre Läufe lassen). Trotzdem ist bei dieser Wendung nur der Singular Lauf üblich. Das Abstraktum Lauf im Sinne von Verlauf, den etwas nimmt eignet sich auch nicht besonders gut für eine Verwendung im Plural.

Es heißt hier also:

Ich lasse den literarischen Ergüssen ihren Lauf.

Mehr zum Thema Singular oder Plural in solchen und ähnliche Fällen steht übrigens in einem älteren Blogeintrag, der Sie vielleicht auch interessieren könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare