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Ist steinreich reich an Steinen?

Vor Kurzem sah ich eine Fernsehsendung über das Sauerland. Bei den Bildern schöner alter Fachwerkhäuser machte der Präsentator neben einem historischen auch einen kleinen Exkurs in die Wortgeschichte: Die ärmeren Leute bauten ihre Häuser mit Holz, Stroh und Lehm, die Reichen hingegen konnten sich für den Hausbau Steine leisten. Daher komme auch die Wendung steinreich, also so reich, dass man sich ein Haus aus Stein leisten konnte. Diese Erklärung hat mir sehr gut gefallen. Doch mit solch schönen wortgeschichtlichen Erklärungen gilt es meistens vorsichtig umzugehen. Das ist, leider, auch hier der Fall.

Die Erklärung mit den steinernen Häusern der Reichen ist nämlich nicht die einzige. Andere Erklärungen sagen, steinreich komme von reich an Edelsteinen oder – mit etwas geringerem Bling-Bling-Gehalt – mit so viel Geld, wie man Steine findet; des Geldes so viel besitzend, als man etwa in steinigen Gegenden Steine sammeln kann oder bei dem das Geld wie Steine aufeinandergehäuft ist. Diese Erklärungen klingen ebenso schön wie einleuchtend. Aber auch sie sind nicht unumstritten.

Für die langweiligste, jedoch wahrscheinlichste Erklärung halte ich die Vermutung, dass steinreich einfach eine Verstärkung ist, die in Anlehnung zu Intensivierungen wie steinhart und steinalt gebildet wurde. Im Wörterbuch der Brüder Grimm finden sich weitere Bildungen dieser Art: steinfremd, steinfest, steinfromm, steinmüde, steinplump, steinrau(h), steintaub (sehr fremd, sehr fest, sehr fromm, sehr müde, sehr plump, sehr rau, sehr taub). War stein- also ein Vorläufer von zum Beispiel knall-, super-, mega- und voll-, der sich ohne die Hilfe der modernen Kommunikationsmittel nicht ganz so weit verbreiten konnte wie diese?

Für die letzte Interpretation spricht auch die Betonung des Wortes. Während bei steinreich im Sinne von reich an Steinen der ersten Teil stein- die Hauptbetonung trägt (ein stéínreicher Acker), werden bei steinreich im Sinne von sehr reich beide Teile ungefähr gleich betont, wie dies auch bei steinalt und steinhart der Fall ist (eine stéínréíche Familie). Doch man könnte auch argumentieren, dass die Akzentverschiebung erst später erfolgt ist …

Es ist schade, dass die schöne Erklärung aus der Sendung über das Sauerland und seine Fachwerkhäuser wahrscheinlich nicht zutrifft. Wer sie aber wie ich trotzdem mag: Die anderen Erklärungen können auch nicht steinfest bewiesen werden.

Quellen u.a. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Etymologisches Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer im DWDS.

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Von Geißlein, Mäusen und Adjektiven, die sich auf sie beziehen

Frage

Ich habe eine Rechtschreibfrage zu diesem Text:

Die Geißlein erschraken und versteckten sich: Eines sprang unter den Tisch, das Zweite ins Bett, das Dritte in den Ofen, das Vierte in die Küche … das Letzte … Aber der Wolf fand sie alle, nur das Jüngste nicht.

Muss oder kann man hier „das zweite“, „das dritte“, „das letzte“ und „das jüngste“ nicht kleinschreiben, weil man das auf „Geißlein“ bezieht? Wie weit nach hinten im Text kann man sich darauf beziehen, dass […] man es kleinschreibt? Oder kann man sowohl klein- als auch großschreiben? Wie auch hier in diesem Beispiel?:

Es war jene Maus, die sich als Erste/erste zu ihm gewagt hatte.

Wenn als erste Maus, dann klein, wenn als Erste von verschiedenen Tieren, dann groß?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Sie haben Ihre Fragen eigentlich schon selbst richtig beantwortet. Wenn ein allein stehendes Adjektiv sich auf ein vorhergehendes Substantiv bezieht, schreibt man es klein (siehe hier). Das gilt auch über die Satzgrenze hinaus:

Wie viele Farbstifte habt ihr? – Wir haben einen roten, einen grünen und einen blauen. – Fehlt euch dann nicht ein gelber? – Wenn du uns einen gelben und vielleicht auch einen schwarzen besorgen kannst, wäre das gut.

Für Ihr Beispiel bedeutet dies, weil es ja immer eindeutig um Geißlein geht, dass die Adjektive tatsächlich kleingeschrieben werden müssen.

Die Geißlein erschraken und versteckten sich: Eines sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche … das letzte … Aber der Wolf fand sie alle, nur das letzte nicht.

Es gibt keine Regel, die besagt, wie weit entfernt ein kleinzuschreibendes Adjektiv von seinem Bezugswort stehen kann. Wenn es sich im Text auf ein Substantiv bezieht, schreibt man es klein. Die Entfernung kann natürlich nicht „unendlich“ groß sein, doch das ist keine Frage der Rechtschreibung, sondern des Textverständnisses: Es muss für die Leserschaft möglich sein, den Zusammenhang noch zu erkennen.

Auch beim Beispiel mit den Mäusen ist Ihre Interpretation richtig:

Es war jene Maus, die sich als Erste [von allen Tieren/Wesen] zu ihm gewagt hatte.
Es war jene Maus, die sich als erste [von den Mäusen] zu ihm gewagt hatte.

Und wenn aus dem Kontext nicht eindeutig hervorgeht, ob die Maus die erste wagemutige Maus oder das erste wagemutige Wesen war, kann vom rechtschreiblichen Standpunkt aus klein- oder großgeschrieben werden – das liegt dann ganz im Ermessen der Person, die die Heldentat der Maus beschreibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Und warum das Gegenüber der Maus ggf. bei ihr an die Falsche und nicht an die falsche geraten ist, lesen Sie hier.

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Kontrafaktische Relativsätze

Meistens versuche ich ja, die Fachterminologie maßvoll zu verwenden. Bei diesem Fachausdruck konnte ich es mir dennoch nicht verkneifen. Ganz so trocken wie es klingt, ist es aber nicht. Es geht um eine schöne Verwendung des Konjunktivs.

Frage

Ab und an stößt man während des Lesens auf den freien Konjunktiv II, der auch in negativen Relativsätzen nicht selten auftritt:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.

Warum findet hierbei der Indikativ eher selten Verwendung? […] Ich möchte hierbei noch anmerken, dass auch ich mich nicht selten zu derartigen Sätzen hinreißen lassen, weil sie nun einmal besser klingen:

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.

Könnte man hier nun auch den Indikativ anwenden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

es handelt sich hier um besondere Nebensätze im Konjunktiv II, die zu den sogenannten kontrafaktischen (irrealen) Relativsätzen gehören. Sie sind von einem übergeordneten Satz abhängig, der verneint ist und dessen Verneinung sich auch auf den Relativsatz bezieht.

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
= Es gab niemanden, für den gilt, dass er in diesem Wald lebte und ein edler Mensch war.

Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Es gibt nichts, für das gilt, dass es (es gibt und) ihn nicht zu faszinieren weiß.

Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.
Es gab keine anmutige Gattin, für die gilt, dass sie zu Hause auf ihn wartete und ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.
Es gibt keinen Menschen, für den gilt, dass er anwesend ist und ihr gefällt.

Die Verneinung im übergeordneten Satz verneint gleichzeitig auch die Aussage im Relativsatz. Der Relativsatz drückt also etwas Irreales, etwas nicht Bestehendes aus. Solche Relativsätze stehen häufig im Konjunktiv II. Es ist aber auch möglich, sie im Indikativ zu formulieren:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl war.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren weiß.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.
Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefällt.

Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die Formulierung im Konjunktiv besser klingt. Sie gibt auch nachdrücklicher an, dass das im Relativsatz Gesagte nicht der Fall ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Liebe ich dich so, wie du bist, oder liebe ich dich, so wie du bist?

Frage

Sind die eingeklammerten Kommas im folgenden Text freigestellt oder verpflichtet?

Behaltet mich(,) so wie ich war(,) im Herzen!

Frage

Wo steht das Komma?

Ich liebe dich so, wie du bist
Ich liebe dich, so wie du bist.

Antwort

Sehr geehrter Herr L., sehr geehrte Frau B.,

die Kommas sind obligatorisch, weil hier ein Nebensatz eingeschoben wird und Nebensätze durch Kommas abgetrennt werden müssen.

Behaltet mich, so wie ich war, im Herzen!

Das erste Komma kann auch an einer anderen Stelle stehen:

Behaltet mich so, wie ich war, im Herzen!

Man kann das so nämlich als Teil des Hauptsatzes sehen. In der gesprochenen Sprache trägt es dann eine starke Betonung und man hört nach ihm eine Pause:

Behaltet mich so, wie ich war, im Herzen!
= Behaltet mich so im Herzen, wie ich war!

Das so kann aber auch Teil einer mehrteiligen Nebensatzeinleitung sein. Es wird dann weniger stark betont und die Pause wird vor ihm gemacht:

Behaltet mich, so wie ich war, im Herzen.
= Behaltet mich im Herzen, so wie ich war.

Auch die folgende Liebeserklärung kann „kommamäßig“ auf zwei Arten formuliert werden:

Ich liebe dich so, wie du bist.
= Ich sage, dass ich dich so liebe, wie du bist.

Ich liebe dich, so wie du bist.
= Ich sage, dass ich dich liebe, so wie du bist.

Wenn Sie also einmal zweifeln, ob Sie bei so wie vor einem Nebensatz das Komma vor oder nach so setzen sollten, fügen Sie es einfach dort ein, wo Sie beim lauten Lesen eine Pause machen würden. Und wenn Sie finden, dass beide Betonungen möglich sind, ohne dass sich die Bedeutung merkbar ändert, sind einfach auch beide Schreibungen möglich.

Und verwechseln Sie so wie nicht mit sowie!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater …

Frage

Ich sah den folgenden Relativsatz in einem Buch und ich habe mir gedacht, dass er ein wenig sonderbar ist:

Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.

Meine Frage lautet: Warum schrieb der Autor „dessen ihr…“? Das Relativpronomen „dessen“ ist ein Genitiv und gibt ein Besitzverhältnis an. Warum steht dann dennoch auch das Possessivpronomen „ihr“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Relativsatz ist nicht ein wenig sonderbar, er ist falsch. Der Anschluss dessen ihr ist hier eventuell eine Art Regionalismus, eine bewusst gewählte Abweichung von der Norm oder eine falsche Mischform zwischen Standardsprache und Umgangssprache (siehe unten). Genaueres kann ich dazu nicht sagen, denn ich habe diese Wendung noch nie bewusst gesehen.

Standardsprachlich richtig ist hier

Es waren einmal drei Brüder, deren Vater ihnen Geld hinterließ.
(Genitiv deren: Wessen Vater hinterließ ihnen Geld?)

oder

Es waren einmal drei Brüder, denen der Vater Geld hinterließ.
(Dativ denen: Wem hinterließ der Vater Geld?)

Ganz aus der Luft gegriffen ist das Possessivpronomen ihr in Ihrem Satz allerdings nicht. Es passt nur nicht zur Genitivform dessen oder deren. Umgangssprachlich steht nämlich anstelle des Genitivs manchmal auch der Dativ mit einem Possessiv (siehe hier). Zum Beispiel:

dem Dr. Bopp sein Blog = Dr. Bopps Blog
den drei Brüdern ihr Vater = der Vater der drei Brüder

Rein umgangssprachlich wäre also auch der Anschluss mit einem Dativ und einem Possesivpronomen möglich:

Es waren einmal drei Brüder, denen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.
(Dativ + Possessiv denen ihr: Wem sein Vater hinterließ ihnen Geld?)

In der Standardsprache sollte man aber auf Sätze verzichten, *denen ihre Formulierung wie diese als falsch gilt, und besser Sätzen verwenden, deren Formulierung nicht in Frage gestellt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Unterschied zwischen Südostasien und Ostwestfalen

Es geht hier natürlich nicht um geographische oder kulturelle Unterschiede zwischen diesen beiden kaum vergleichbaren Regionen, sondern um die Bildung ihrer Namen. Genauer genommen geht es um den Namen Ostwestfalen, der auch mich stutzen ließ, als ich ihn zum ersten Mal hörte.

Frage

Ich bin mit einem Bekannten uneins über den Namen „Ostwestfalen“. Seiner Meinung nach ist die Bezeichnung für diesen Landstrich „ein Widerspruch in sich“. Ich hatte nämlich als weitere Beispiele Südwestafrika, Südwestrundfunk, Südostasien, Nordwestlotto, Northwest Territories und Südosteuropa angeführt. Er sagte dazu: „Alle diese Gegenden sind gemäß der Himmelsrichtungen benachbart. Das geht. Ost und West liegen sich gegenüber. Deshalb ist Ostwestfalen ein Widerspruch in sich.“ Wie ist Ihre Meinung dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Ihr Bekannter hat insofern recht, als die Bezeichnung Ostwestfalen nicht ganz gleich strukturiert ist wie zum Beispiel Südwestafrika oder Südostasien.

Bei Südostasien sind die beiden Himmelsrichtungen gleichrangig: Es ist eine Region, die im Südosten Asiens liegt, also in einem Teil der innerhalb Asiens gleichzeitig südlich und östlich ist. Es ist nicht so sehr der südliche Teil Ostasiens, als vielmehr der südöstliche Teil Asiens. Nur die Konvention bestimmt übrigens, dass die Himmelsrichtungen Süd und Nord vor Ost und West genannt werden, sonst könnte man ohne Bedeutungsänderung auch Ostsüdasien statt Südostasien oder Westnorddeutschland statt Nordwestdeutschland sagen.

Bei Ostwestfalen hingegen sind Ost und West nicht gleichrangig. Diese Region ist der östliche Teil von Westfalen, wie Osteuropa der östliche Teil von Europa ist oder die Ostschweiz der östliche Teil der Schweiz. Ost bezieht sich nicht auf Falen, sondern auf Westfalen. Die Bezeichnung Ostwestfalen mag für einige widersprüchlich klingen, das wäre sie aber nur dann, wenn Ost und West gleichrangig wären. Ostwestfalen liegt aber nicht im Osten und im Westen einer nicht bestehenden Region Falen, sondern, wie bereits gesagt, im Osten von Westfalen.

Diese Art Bezeichnungen mit nicht gleichrangigen Himmelsrichtungen kommen selten vor (man spricht zum Beispiel eher vom Norden Südafrikas als von Nordsüdafrika), aber sie sind nicht widersprüchlich oder gar grundsätzlich falsch. Das wissen die Ostwestfalen natürlich schon lange.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Abgek. Wrt.-Zusammenstzg.

Der Titel könnte nahelegen, dass man der Verständlichkeit halber nicht allzu viel abkürzen sollte. Das ist zwar wahr, aber manchmal geht es eben aus Platzmangel nicht anders. Wie man dann abgek. Wrt.-Zusammensetzg. oder abgekürzte Wortzusammensetzungen schreiben sollte, zeigt der heutige Eintrag anhand von Herrn Q.s Frage:

Frage

Ich habe eine Frage bezüglich Abkürzungen bei zusammengesetzten Wörtern. Meine Frage betrifft die Punkt- und Bindestrichsetzung bei Wörtern, die an zwei Stellen abgekürzt werden. Außerdem, ob der zweite Teil mit einem Groß- oder Kleinbuchstaben beginnt.

Hier einige Beispiele, die aufgrund von Platzmangel abgekürzt werden müssen:

Verbindungseinstellungen
Speicherkarte
Betreibermenü
Telefonnummer

Ich bin immer davon ausgegangen, dass man z. B. bei meinem ersten Beispiel wie folgt abkürzt: „Verbind.-einstellungen“ oder „Verbind.-einstell.“.

Antwort

Sehr geehrter Herr Q.,

nach § 40.2 der amtlichen Rechtschreibregelung schreibt man Zusammensetzungen mit Abkürzungen mit einem Bindestrich. Weiter schreibt man nach § 55.2 dieser Regelung Substantive in Zusammensetzungen mit Bindestrich groß. Die „amtlichen Beispiele“ sind unter anderen Abt.‑Leiter (Abteilungsleiter) und Inf.‑Büro (Informationsbüro).

Für Ihre Beispiele bedeutet dies, dass beispielsweise diese Abkürzungen möglich sind:

Verbind.-Einstellung
Sp.-Karte
Betr.-Menü
Telefon-Nr. oder  Tel.-Nummer

Wenn diese Abkürzungen immer noch zu lang sind, so dass auch der zweite Teil ein paar seiner Buchstaben verlieren muss, gilt dasselbe: Bindestrich und großer Anfangsbuchstabe bei Substantiven:

Vebind.-Einst.
Sp.-Krt.
Betr.-M.
Tel.-Nr.

Das entsprechende Beispiel in der amtlichen Rechtschreibregelung § 40.2 ist übrigens Abt.-Ltr.

Vor allem in Fachsprachen und betriebs- oder institutionsinternen Regelungen findet man übrigens ganz andere, zum Teil sehr abenteuerlich anmutende Abkürzungen. Ein bekannteres Beispiel ist BaföG (Bundesausbildungsförderungsgesetz). Weniger bekannt dürfte ZivHaftBkÖlVerschmSchÜbk (Übereinkommen über die zivilrechtliche Haftung für Schäden durch Bunkerölverschmutzung) sein. Das ist wie immer, wenn es um Rechtschreibung geht, natürlich nicht verboten. Die hier aufgezeigte Regel sollten Sie einfach dann beachten, wenn Sie sich allgemein an die amtliche Regelung halten wollen oder müssen.

Und kürzen Sie in allgemeineren Texten der Leserschaft zuliebe nur dort ab, wo es auch nötig ist! Statt M. f. G. schreibe ich deshalb lieber

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Posaunt, prophezeit und miaut

Die Antwort ist ganz einfach, man muss sie nur kennen. Hätten Sie die folgende Frage spontan beantworten können?

Frage

Warum wird das Präfix ge- mit dem Partizip II des Verbes »miauen« nicht benutzt? Alle sagen, dass es kein Wort »gemiaut« gibt, dieses Verb hat aber kein -ieren oder untrennbares Präfix, und alle andere Tierlautverben haben diese ge- im Partizip II. Warum ist »miauen« so speziell?

Antwort

Guten Tag S.,

an der Bedeutung kann es tatsächlich nicht liegen. Im Tierreich wird gebellt, gewiehert, gemuht, gegrunzt, geblökt, gemeckert, gefaucht, gequakt, geschnattert, gezwitschert, gegurrt, gezirpt ja sogar geiaht, nur von Katzen wird ohne ge miaut.

Es liegt an der Form, genauer gesagt an der Betonung: Das Partizip II wird dann ohne ge gebildet, wenn der Verbstamm nicht auf der ersten Silbe betont ist. Das ist der Fall:

bei Verben mit untrennbarem Präfix
begreifen/begriffen, entzünden/entzündet, erklären/erklärt, durchqueren/durchquert, unterschreiben/unterschrieben

bei Verben mit der Endung ier(en)
agieren/agiert, importieren/importiert, funktionieren/funktioniert, philosophieren/philosophiert

bei einigen wenigen anderen Verben**
posaunen/posaunt, prophezeien/prophezeit, trompeten/trompetet

Das Verb miauen gehört zur dritten Gruppe. Da sein Stamm nicht auf der ersten, sondern auf der zweiten Silbe betont ist, hat das Partizip II kein Präfix ge:

miauen/hat miaut

Siehe auch hier.

Bei der Beantwortung dieser Frage ist mir aufgefallen, dass diese Regel auch für meinen Dialekt gilt und dass sie beim Verb miauen zu einer anderen Partizipform führt. Das Verb miauen wird in meiner Mundart nämlich auf der ersten Silbe betont: miaue (weil Katzen bei uns nicht miau sondern miau machen?). Entsprechend heißt es dann auch: D Chatz hät gmiauet.

Doch das ist eine andere Geschichte. Im Allgemeindeutschen miauen die Katzen, und weil wir das auf der zweiten Silbe betonen, haben sie miaut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Natürlich gibt es immer auch Ausnahmen: benedeien/gebenedeit oder benedeit.

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Ort Komma Datum

Eigentlich ist es ganz einfach, aber die heute behandelte Frage zeigt, dass man immer wieder und fast überall ins Zweifeln geraten kann:

Frage

Ich habe eine Frage zur Kommasetzung! In einem Brief wollen wir keine direkte Datumsangabe nennen, sondern „Bayreuth, im März 2017“ schreiben. Muss nach Bayreuth ein Komma stehen?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei einer Datumsangabe in einem Brief o. Ä. setzt man zwischen der Orts- und der Datumsangabe ein Komma:

Bad Kreuznach, den 21. Februar 2017
Bamberg, 21. Feb. 2017
Basel, 21.02.17
Bautzen, am 21.12.2017

Das gilt auch bei ungenaueren Angaben wie diesen:

Bozen, im Frühjahr 2017
Bregenz, Anfang 2017
Bayreuth, im März 2017

Das Komma nach der Ortsangabe sollte also immer gesetzt werden. Sonst gibt es, wie man sieht, eine recht große Freiheit. Nur die Verwendung von dem gilt als falsch. Also besser nicht Berlin, dem 21. Februar 2017.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Voller

Frage

Welche Wortart ist „voller“ in der Bedeutung „voll mit“ bzw. „voll von“, wie in zum Beispiel folgendem Kontext: „Er betrat einen Raum voller Kunstgegenstände“ ?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

voller ist hier eine erstarrte Genitivform von voll, die manchmal zu den Präpositionen gerechnet wird, manchmal aber auch wie voll in gleicher Stellung zu den Adjektiven. Es gibt Argumente für und gegen beide Interpretationen. Dass voller irgendwo dazwischen liegt, zeigen andeutungsweise diese beiden Vergleiche:

ein Raum voller Kunstgegenstände
ein Raum ohne Kunstgegenstände

ein Raum voller Kunstgegenstände
ein Raum voll Kunstgegenstände

Allein stehende Substantive werden nach „voller“ im Nominativ resp. ungebeugt verwendet:

ein Raum voller Kunstgegenstände
Die Bäume waren voller Vögel
Sie sah mich voller Misstrauen an

Tritt ein Adjektiv hinzu, verwendet man den Genitiv:

ein Raum voller interessanter Kunstgegenstände
Die Bäume waren voller zwitschernder Vögel
Sie musterten einander voller gegenseitigen Misstrauens

Häufiger als voller wird einfach voll verwendet. Dabei gibt es eine erstaunliche Variantenvielfalt. Hier nur ein paar Beispiele:

ein Raum voll Kunstgegenstände
ein Raum voll von/mit Kunstgegenständen
ein Raum voll neuer Kunstgegenstände
ein Raum voll neuen Kunstgegenständen
ein Raum voll von/mit neuen Kunstgegenständen

Wer versucht, diese Situation in einfacher Weise zusammenzufassen, sieht bald einmal vor lauter Formen die Regel nicht mehr. Auch hier zeigt sich das Deutsche als eine Sprache voll/voller/voll von Varianten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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