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Wählen und wollen

Dieses Wochenende geht Deutschland zur Wahl. Deutschlands Bürgerinnen und Bürger haben dieses Wochenende die Möglichkeit, ihr Wahlrecht bei den Wahlen zum Bundestag auszuüben. Von diesem einmal hart erkämpfte Recht sollten meiner Meinung nach alle Gebrauch machen. Doch meine Meinung hierzu hat natürlich nichts mit Sprache, dem Thema dieses Blogs, zu tun.

Was hingegen mit Sprache oder besser Sprachgeschichte zu tun hat, ist die Herkunft des Wortes wählen (und des dazugehörende Substantivs Wahl). Wer nun eine spannende Geschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen von Wolfgang Pfeifer steht:

wählen Vb. ‘(unter mehreren Möglichkeiten) aussuchen, nach eigenem Ermessen bestimmen’, ahd. wellen (8. Jh.), mhd. weln, wel(l)en […] ist zu der unter wollen (s. d.) angegebenen Wurzel ie. *u̯el- ‘wollen, wählen’ gebildet. Ahd. wellen (aus germ. *waljan) tritt auch als Infinitiv in das Paradigma des unter wollen behandelten Verbs ein.
(Zitiert nach DWDS)

Kurz zusammengefasst: wählen ist sprachgeschichtlich eng mit wollen verwandt.

Wer wählt, gibt an was er/sie will. Wenn Sie zur Wahl gehen, geben Sie mit Ihrer Stimme an, was Sie wollen. Sie geben mit Ihrer Stimme also nicht an, was Sie nicht wollen. Dessen sollten Sie sich bewusst sein, wenn Sie Ihre Stimme einer Partei geben.

Man verzeihe mir bitte diese außersprachliche Abschweifung.

Dr. Bopp

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Nähe Goetheplatz, groß oder klein?

Frage

Ich wollte gerade einer Person mitteilen, dass sich ein Geschäft in der Nähe eines bestimmten Ortes befindet und zwar in der Nähe des Goetheplatzes. Ich hatte es kurz gehalten und folgendermaßen geschrieben: „Nadel & Faden, Heinrichstraße 9, Nähe Goetheplatz“.

Könnte man das so sagen oder muss es beispielsweise „in der Nähe“ heißen? Müsste „Nähe“ im oben genannten Fall klein geschrieben werden?

Antwort

Guten Tag L.,

in einem „normal“ formulierten Text ist die Wendung in der Nähe vorzuziehen:

Das Geschäft Nadel & Faden liegt in der Nähe des Goetheplatzes.

Es spricht aber nichts dagegen, Nähe in kürzeren Mitteilungen allein stehend zu verwenden. Obwohl das Wort dann ähnlich wie eine Präposition benutzt wird, schreiben Sie es groß, so wie Sie es getan haben:

Nadel & Faden, Heinrichstraße 9, Nähe Goetheplatz

Die folgenden Substantive trifft man häufiger in ähnlicher Weise allein stehend an. Sie werden ebenfalls großgeschrieben:

Sie gehen zuerst Richtung Goetheplatz.
Seit Anfang dieses Jahres gelten andere Bestimmungen.
Ich werde Ihnen spätestens Mitte Oktober antworten.
Sie haben bis Ende der Woche Zeit.

Für diese Substantive gilt also (noch?) nicht, dass sie den substantivischen Charakter verloren haben und als Präpositionen kleingeschrieben werden. Dies im Gegensatz zu zum Beispiel den folgenden „Exsubstantiven“(siehe hier):

Wir haben es dank eurer Hilfe geschafft.
Hiermit erteile ich  kraft meines Amtes den Auftrag  …
Wir sind trotz allem Freundinnen geblieben.
Elisabeth von Portugal war zeit ihres Lebens sehr fromm.

Sie können also bei Platzmangel oder wenn es eilt, Nähe statt in der Nähe verwenden, sie sollten es aber immer noch großschreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Abhängigkeit des Alters ist nicht Abhängigkeit vom Alter

Frage

Welche Variante ist richtig: „in Abhängigkeit des Alters“ oder „in Abhängigkeit vom Alter“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

es stimmt zwar, dass der Genitiv stilistisch häufig (vgl. hier) besser ist als eine von-Gruppe, doch hier gilt dies (sehr wahrscheinlich) nicht. Während die Vor- und Nachteile des Alters eindeutig der Formulierung die Vor- und Nachteile vom Alter vorzuziehen ist, heißt es hier doch:

in Abhängigkeit vom Alter
der ideale BMI in Abhängigkeit vom Alter

ebenso

die maximale Luftfeuchtigkeit in Abhängigkeit von der Temperatur
die prozentuale Steuerbelastung in Abhängigkeit vom Gewinn

Mit Abhängigkeit vom Alter wird gesagt, dass etwas vom Alter abhängig ist. Das Substantiv Abhängigkeit verlangt also dieselbe Präposition wie das entsprechende Adjektiv abhängig (vgl. abhängig vom Alter / vom Alter abhängig).

Mit Abhängigkeit des Alters würde gesagt, dass das Alter von etwas abhängig ist: die Abhängigkeit des Alters von Unterstützung durch die Familie.

So sind auch die Abhängigkeit [z. B. der Luftfeuchtigkeit] von der Temperatur und die Abhängigkeit der Temperatur [z.B. von der Sonneneinstrahlung] zwei recht verschiedene Dinge. Nicht immer ist also der Genitiv besser als eine Formulierung mit von.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Start-und-Lande-Bahn oder Start- und Landebahn

Achtung: Nur für Fans eher langatmiger orthografischer Betrachungen!

Frage

In Zusammensetzungen aus Wortgruppe und Substantiv werden das erste Wort, das Grundwort sowie weitere substantivische Bestandteile groß geschrieben. Verbale Bestandteile müssten demnach kleingeschrieben werden, sofern es sich nicht um Substantivierungen handelt. Nun verzeichnet aber der Duden und alle weiteren Quellen, die ich bisher gefunden habe, die Schreibweise „Start-und-Lande-Bahn“ für eine „Bahn“ (Grundwort), auf der Flugzeuge „starten und landen“ (Wortgruppe zur Bestimmung des Grundworts). Nach eingangs formulierter Regel müsste die Schreibweise in meinem Verständnis aber „Start-und-lande-Bahn“ sein, denn eine Substantivierung des Bestandteils „lande“ kann ich hier nicht erkennen. In den einschlägigen Quellen wird jeweils nur darauf eingegangen, dass die Schreibweise „Start- und Landebahn“ zwar weit verbreitet, aber falsch ist, da hier eben keine Ergänzung im Sinne von „Startbahn und Landebahn“ gemeint ist, genau wie bei „Gewinn-und-Verlust-Rechnung“. […] Die Frage ist also: Was für eine Form ist das „Lande“ in „Start-und-Lande-Bahn“?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

um es gleich vorwegzunehmen: Die vom gelben und einigen anderen Wörterbüchern vorgeschlagene (resp. übernommene?) Schreibung Start-und-Lande-Bahn halte ich für eine unschöne und unnötig komplizierte Lösung. Es geht hier um die Schreibung mit Bindestrichen und die Schreibung mit einem Ergänzungsstrich.

Man verwendet Bindestriche, wenn es sich um eine Zusammensetzung mit einer Wortgruppe handelt:

die Berg-und-Tal-Bahn
= die Bahn, die über Berg und Tal geht
nicht: die Bahn, die Bergbahn und Talbahn ist

die Nacht-und-Nebel-Aktion
= die Aktion, die bei Nacht und Nebel stattfindet
nicht: die Aktion, die Nachtaktion und Nebelaktion ist

das Katz-und-Maus-Spiel
= das Spiel, das dem Verhalten von Katz(e) und Maus gleicht
nicht: das Spiel, das Katzspiel und Mausspiel ist

Sturm-und-Drang-Periode
= die Periode des Sturm und Drangs
nicht: die Periode, die Sturmperiode und Drangperiode ist

Der Ergänzungsstrich wird bei der Zusammenziehung von Wörtern mit einem identischen Element verwendet (NB: Die folgenden vier Bsp. kommen aus Duden, »Deutsches Universalwörterbuch«, die ersten drei stehen auch in Duden, »Die deutsche Rechtschreibung«):

der Buß- und Bettag
= der Tag, der Bußtag und Bettag ist

die Maul- und Klauenseuche
= die Seuche, die Maulseuche und Klauenseuche ist

die Wach- und Schließgesellschaft
= die Gesellschaft, die Wachgesellschaft und Schließgesellschaft ist

der Bürsten- und Pinselmacher
= der Handwerker, der Bürstenmacher und Pinselmacher ist

Die Bahn, um die es hier geht, ist sowohl eine Startbahn als auch eine Landebahn, wie der Buß- und Bettag genannte Tag sowohl ein Bußtag als auch ein Bettag ist oder die Bürsten- und Pinselmacherin genannte Handwerkerin sowohl eine Bürstenmacherin als auch eine Pinselmacherin ist. Bei der Verwendung eines Ergänzungsstriches muss es sich also nicht zwangsläufig um mehr als eine Bahn, einen Tag oder eine Handwerkerin handeln. Ich halte aus diesem Grund diese Schreibung für besser:

die Start- und Landebahn
= die Bahn, die Startbahn und Landebahn ist

Die Schreibung Gewinn-und-Verlust-Rechnung ist dann richtig, wenn es sich um eine Gesamtberechnung von Gewinn und Verlust handelt. Man kann aber auch argumentieren, dass es sich um die Zusammenfassung der Gewinnrechnung und der Verlustrechnung handelt. Dann kommt man zur Schreibung Gewinn- und Verlustrechnung, die unter anderem im deutschen Handelsgesetzbuch verwendet wird.

Wenn wir nun dennoch von der Schreibung Start-und-Lande-Bahn ausgehen, dann gehört das e nicht zur Verbform. Es ist ein Fugenelement, das bei Zusammensetzungen aus einem Verbstamm und einem Substantiv stehen kann. Zum Beispiel:

Badesaison, Hängeschrank, Schweigeminute, Verladebahnhof
Landeanflug, Landeerlaubnis, Landeklappe, Landeeinrichtung/Lande-Einrichtung

Die Zusammensetzung sieht dann also eigentlich so aus:

schweig[en] + e + Minute -> Schweigeminute
land[en] + e + Bahn -> Landebahn
start[en] und land[en] + e + Bahn -> Start-und-Lande-Bahn

Ist das Element lande in dieser Zusammensetzung groß- oder kleinzuschreiben? Für beides gibt es Argumente: klein, weil es eine Verbform ist [?]; groß, weil es mit dem Fugenelement e steht und dadurch gewissermaßen substantiviert ist [?]. Die Fragezeichen sollen angeben, dass ich zwar zur Großschreibung (Start-und-Lande-Bahn) neigen würde, dies aber nicht wirklich eindeutig begründen kann. Außerdem bin ich, wie oben gesagt, sowieso für Start- und Landebahn.

Eines ist jedenfalls klar: Es besteht in diesem Bereich eine gewisse Unsicherheit …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mit dem Leben ringen

Frage

Frage aus aktuellem Anlass: Der STERN schreibt heute: „Zwei Deutsche ringen nach Terroranschlag mit dem Leben.“ Ich bin der Meinung, dass es „ringen mit dem Tode heißt“, denn ich verstehe das Ringen als Abwehrmaßnahme. […] Wie ist Ihre Meinung dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

hier sind dem »Stern« tatsächlich zwei Redewendungen durcheinandergeraten:

mit dem Tod ringen
um sein Leben ringen

Man ringt nämlich tatsächlich mit einem Gegner (hier: mit dem Tod) und man ringt um das, was man gewinnen resp. behalten möchten (hier: um ihr Leben). Die richtige Formulierung wäre also:

Die Opfer des Terroranschlags ringen mit dem Tod.
Die Opfer des Terroranschlags ringen um ihr Leben.

Wenn man mit dem Leben ringt, ist das Leben so schwierig, dass es zum Feind geworden ist. Die eigentlich falsche Verwendung von mit dem Leben ringen im Sinne von sterbenskrank oder lebensgefährlich verletzt sein hört und liest man allerdings recht häufig – und solche sprachlichen Finessen sind in diesem Zusammenhang natürlich ohnehin ziemlich unbedeutend.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Arbeiten gemusst zu haben und Urlaub machen gekonnt zu haben

Heute wieder einmal ein kleines, unlösbares(?) Verbformenpuzzle:

Frage

[…] Kommt ein Infinitivsatz mit einem Infinitiv Perfekt und einem Modalverb in der Sprachrealität überhaupt vor? Zum Beispiel:

Hans behauptet: „Ich habe arbeiten müssen“.
Hans behauptet, gearbeitet haben zu müssen (??)

Die Form selbst scheint nicht so kompliziert zu sein, aber ich habe eine solche Form im Text noch nie gefunden (wenn ich die Form überhaupt richtig konstruiert habe).

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

nicht alles, was es theoretisch geben kann, kommt in der Realität auch wirklich vor. Das ist auch hier der Fall. Die folgenden Formulierungen sind kein Problem:

Hans behauptet: „Ich muss arbeiten.“
a) Hans behauptet, dass er arbeiten müsse/muss.
b) Hans behauptet, er müsse arbeiten.
c) Hans behauptet arbeiten zu müssen.

Irene erklärte: „Ich kann im Sommer keinen Urlaub machen.“
a) Irene erklärte, dass sie im Sommer keinen Urlaub machen könne/kann.
b) Irene erklärte, sie könne im Sommer keinen Urlaub machen.
c) Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen zu können.

Problematischer wird es, wenn das Gesagte wie in Ihrem Beispiel in der Vergangenheit steht:

Hans behauptet: „Ich habe arbeiten müssen.“
a) Hans behauptet, dass er hat/habe arbeiten müssen.
b) Hans behauptet, er habe arbeiten müssen.
c) ?

Irene erklärte: „Ich habe im Sommer keinen Urlaub machen können.
a) Irene erklärte, dass sie im Sommer keinen Urlaub habe/hat machen können.
b) Irene erklärte, sie habe im Sommer keinen Urlaub machen können.
c) ?

Die Nebensatzkonstruktionen a) und b) lassen sich ohne allzu große Schwierigkeiten bilden. Bei der Infinitivkonstruktion c) aber geraten die meisten – auch ich – ins Stolpern. Wie heißt es denn nun richtig?

Hans behauptet arbeiten müssen zu haben.
Hans behauptet zu haben arbeiten müssen.
Hans behauptet arbeiten gemusst zu haben.
???

Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen können zu haben.
Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub zu haben machen können.
Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen gekonnt zu haben.
???

Diese Unsicherheit führt dazu, dass wir die sonst so elegante Infinitivkonstruktion hier vermeiden und auf die „robusteren“ Nebensätze ausweichen. Die jeweils dritte Variante (arbeiten gemusst zu haben; machen gekonnt zu haben) scheint übrigens die noch am ehesten akzeptable zu sein. Empfehlen kann ich sie aber dennoch nicht*.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* v. a. wegen der Frage des fehlenden Eratzinfinitivs

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Manchmal kommen Sandro, Frau Wagner und Dr. Bopp im Genitiv ohne s aus

Frage

Auf dieser Seite in Canoonet steht: „der Geburtstag des kleinen Sandro“. Ist das nicht ein Fehler? Sollte es nicht heißen: „der Geburtstag des kleinen Sandros“ ?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

Personennamen haben im Genitiv in der Regel die Endung s, wenn sie ohne Artikel stehen:

Goethes Dramen
Kleopatras Reich
Elisabeths Meinung
Joachim Bergers Beitrag
Frau Wagners BMW
Dr. Bopps Blog
Sandros Geburtstag

Wenn Personennamen aber mit einem Artikel stehen, sind sie im heutigen Deutschen in der Regel auch im Genitiv endungslos. Sie stehen vor allem dann mit einem Artikel, wenn sie von einem Adjektiv begleitet werden:

die Dramen des jungen Goethe
das Reich der schönen Kleopatra
der Beitrag des sehr interessierten Joachim Berger
das Leben der heiligen Elisabeth
der BMW der geschäftstüchtigen Frau Wagner
der Blog des nicht sehr strengen Dr. Bopp

Und ebenso:

der Geburtstag des kleinen Sandro

Wer dem Genitiv und dem Genitiv-s sehr zugetan ist, mag es bedauern, aber diese Endungslosigkeit ist auch standardsprachlich üblich und akzeptiert (und nicht etwa der Einfall eines viel zu nachgiebigen Dr. Bopp). Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

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Subjektloses Langweiligsein

Zum Abschluss der Woche eine Frage für diejenigen, die Ausnahmen mögen.

Frage

Ich bin über den Satz „Mir ist langweilig“ gestolpert. Wieso enthält dieser denn kein Subjekt, sondern lediglich eine Dativergänzung?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

eine der wichtigsten Regeln des deutschen Satzbaus sagt, dass jeder vollständige Aussagesatz ein Subjekt hat. Gilt dies wirklich für jeden vollständigen Satz? Sie ahnen es schon: Auch zu dieser Regel gibt es ein paar Ausnahmen. Die folgenden Arten von Sätzen sind korrekt, auch wenn man in ihnen beim besten Willen kein Subjekt entdecken kann:

Das Vorgangspassiv intransitiver Verben:

Den Verletzten wird geholfen werden.
Der Toten wird jedes Jahr an diesem Tag gedacht.
Davon wird viel gesprochen.
Dann wurde endlich gegessen und getrunken.

Einige wenige Verben, die in der Regel ein unangenehmes Empfinden bezeichnen, zum Beispiel:

Mich friert.
Mir schwindelt vor Hunger.
Mir schaudert vor dieser Aufgabe.
Mir ist schlecht/übel/langweilig …

Diese Satzkonstruktionen stehen oft auch mit einem sogenannten Platzhalter-es an erster Stelle:

Es wird viel davon gesprochen.
Es wurde endlich gegessen und getrunken.
Es friert mich.
Es ist mir schlecht/übel/langweilig …

Und sozusagen als Ausnahme zur Ausnahme: Bei den Verben der zweiten Gruppe steht manchmal auch an anderer Stelle ein unpersönliches es, das dann wie bei unpersönlichen Verben die Rolle eines formalen Subjektes hat:

Mich friert es.
Mir ist es schlecht/übel/langweilig …

Mehr zum Thema Subjektlosigkeit finden Sie hier.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Der Satz Mir ist langweilig hat kein Subjekt, weil er eine Ausnahme zu einer sehr starken Regel ist. Ich hoffe, dass Ihnen nicht vor so viel „Regellosigkeit“ graut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wann wird zur Besprechung eingeladen?

Frage

Was halten Sie von der folgenden Formulierung?

Wir freuen uns, Sie am 7. August 2017 zu einer ersten Besprechung einzuladen.

Eigentlich würde „7. August 2017“ zur Besprechung gehören, und eingeladen wird ja schon jetzt, also zu dem Zeitpunkt, zu dem der Empfänger den Brief liest. Ist das zu streng argumentiert? Was denken Sie? Man findet die Formulierung zuhauf …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

wenn man es genau nimmt, haben Sie recht. Logisch gesehen besser ist:

Wir freuen uns, Sie zu einer ersten Besprechung am 7. August 2017 einzuladen.

Wie Sie richtig bemerken, gehört das Datum zu Besprechung, das heißt, Besprechung und das Datum bilden hier zusammen einen Satzteil:

– Wozu laden wir ein?
– zu einer ersten Besprechung am 7. August

Wenn man die Datumsangabe von Besprechung trennt und im Satz an eine andere Stelle verschiebt, wird sie zu einer eigenständigen Adverbialbestimmung. Als solche bezieht sie sich dann auf das Verb der Infinitivgruppe, nämlich auf einzuladen:

– Wann laden wir ein?
–  am 7. August

Im Satz

 Wir freuen uns, Sie am 7. August 2017 zu einer ersten Besprechung einzuladen

wird also am 7. August eingeladen und nicht schon im Moment, in dem er geschrieben resp. gelesen wird. So weit die logisch-grammatische Sichtweise.

Eine Formulierung wie Sie am 7. August zu einer ersten Besprechung einzuladen kommt aber häufig vor und kann eigentlich zu keinen Missverständnissen führen. Mit viel gutem Willen könnte man weiter auch argumentieren, dass das Schreiben jetzt ankündigt, dass am 7. August eingeladen werden wird. Ich würde deshalb sagen, dass man sie „notfalls“ so stehen lassen kann, ohne dass gleich von einem großen Fehler gesprochen werden muss. Selbst würde ich aber die zweite, grammatisch und stilistisch bessere Formulierung verwenden: Sie zu einer ersten Besprechung am 7. August einzuladen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Be- und entfüllen?

Kommentar

Ich möchte Ihnen die Bedeutung des Wortes „entfüllen“ erklären. Für mich heißt es, dass etwas geleert wird. Also „befüllen“ und „entfüllen“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

man kann tatsächlich ein Verb entfüllen mit dieser Bedeutung bilden. Bei Ihrem entfüllen drückt ent- aus, dass etwas wieder rückgängig gemacht wird: entfüllen = etwas Gefülltes leer machen. Ebenso zum Beispiel:

entbürokratisieren, entwarnen

Häufig drückt ent- das Gegenteil von be- oder ver- aus:

entkleiden, entwaffnen,
entkrampfen, entzaubern

In Verbindung mit einem Substantiv und einer Verbendung drückt ent- aus, dass etwas entfernt wird:

entwalden, entrußen, entkernen

Mit bestimmten Verben hat ent- die Bedeutung weg-:

entfliehen, entreißen

In Verbindung mit Adjektiven kann ent- die Bedeutung so sein rückgängig machen haben:

entmündigen, entmutigen, entpersönlichen

Interessant ist, dass bei Adjektiven, die eine Abwesenheit beinhalten, ent- das Gegenteil der oben genannten Bedeutung von ent- auszudrückt, nämlich so werden lassen:

entblößen, entfremden, entleeren

Und mit dem letzten Beispielwort, entleeren, sind wir beim Grund, weshalb man das Verb entfüllen zwar bilden kann, es aber nicht gebräuchlich ist. Etwas vereinfach ausgedrückt: Da es bereits ein gebräuchliches Verb mit derselben Bedeutung gibt, nämlich entleeren, wird das Verb entfüllen nicht benötigt. Nicht alles, was man korrekt bilden kann, wird auch gebraucht.

Das Verb entfüllen ist also nicht falsch, es wird nur nicht verwendet. Und ich sage bewusst nicht nie. Vor allem in technischen Texten kommt es nämlich gelegentlich in der Kombination be- und entfüllen vor. Das ist so schön kurz und bündig und klingt wie be- und entladen.

Mein Sommerurlaub ist zu Ende. Aber hoffentlich liegen noch viele sommerliche Tage vor uns, so dass wir die aufblasbaren Schwimmbecken in den Gärten noch lange nicht entleeren oder – mit „Ihrem“ Verb ausgedrückt – entfüllen müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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