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Doppelpunkt und doppeltes Fragezeichen

Wenn man aus nur zwei Fällen statistische Schlüsse ziehen dürfte, könnte ich sagen, dass Ende September die Saison der Fragesätze ist. Heute geht es nämlich schon wieder um einen Fragesatz. Diesmal ist es eine direkte Frage mit einem Begleitsatz, der auch eine Frage ist.

Frage

Könnten Sie mir bitte bei folgendem Satz weiterhelfen?

Denkt ihr denn nicht, dass euch jedes Mal, wenn ihr essen wollt, etwas durch den Kopf gehen wird wie: ist/Ist es wirklich recht, dass ich hier am Tisch sitze.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

da es sich um eine direkte Rede oder, genauer gesagt, eine direkte Frage handelt, sollten Sie Anführungszeichen verwenden. Die Zeichensetzung sieht dann so aus:

Denkt ihr denn nicht, dass euch jedes Mal, wenn ihr essen wollt, etwas durch den Kopf gehen wird wie: „Ist es wirklich recht, dass ich hier am Tisch sitze?“?

Auffallend sind hier die zwei Fragezeichen. Sie sind kein Tippfehler! Das erste gehört zur wörtlich zitierten Frage und steht vor dem abschließenden Anführungszeichen. Das zweite Fragezeichen ganz am Schluss gehört zum Begleitsatz, der ebenfalls eine Frage ist. Keines von beiden kann weggelassen werden (siehe auch hier).

Der Satz kann auch mit einer indirekten Frage formuliert werden:

Denkt ihr denn nicht, dass euch jedes Mal, wenn ihr essen wollt, etwas durch den Kopf gehen wird wie, ob es wirklich recht ist, dass ihr hier/dort am Tisch sitzt?

Der Satz kommt dann ohne Anführungszeichen, ohne Doppelpunkt und mit nur einem Fragezeichen aus. Und das Komma nach wie muss tatsächlich stehen. Es trennt den mit ob eingeleiteten indirekten Fragesatz ab.

Aber lautete Ihre Frage nicht eigentlich: „Soll nach dem Doppelpunkt groß- oder kleingeschrieben werden?“? Die Antwort sehen Sie oben in den Beispielen. Allgemeine Informationen zur Groß- und Kleinschreibung nach einem Doppelpunkt finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüße:

Dr. Bopp

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Verbzeiten, wenn noch Bestehendes in der Vergangenheit gesehen wurde

Frage

Ich schreibe eine Zusammenfassung eines Reisetagebuches für einen Freund. Er wünscht sich, dass ich seine Reise von damals, 1972, in der Vergangenheit und in der dritten Person schreibe.

Wenn ich aber nun Ortschaften, Tempel, Landschaften und die Leute, die damals dort lebten, beschreibe, mache ich das auch im Präteritum oder doch eher im Präsens? Es ist ja sehr gut möglich, dass die Menschen dort immer noch ärmlich und einfach leben und die Landschaften sind ja sicher immer noch hügelig und sagenhaft grün? Hier ein Beispiel:

Zusammen mit Tom und seiner Freundin besuchte Silvio am Nachmittag den prunkvollen Regierungspalast. Das Südtor und der über 250 Jahre alte Tempel sind voll von Figuren und Reliefs, die alle in den buntesten Farben bemalt sind.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

es gibt fast keine festen Regeln, welche Zeitformen man im Deutschen verwenden muss. Es gibt deshalb oft mehr als nur eine „richtige“ Formulierung. So auch in diesem Fall.

Es ist möglich, alle Beschreibungen in den Zeitformen der Vergangenheit zu formulieren, auch wenn die Hügel immer noch sagenhaft grün, die Menschen immer noch arm und die Tempel immer noch bunt bemalt sind:

Zusammen mit Tom und seiner Freundin besuchte Silvio am Nachmittag den prunkvollen Regierungspalast. Das Südtor und der über 250 Jahre alte Tempel waren voll von Figuren und Reliefs, die alle in den buntesten Farben bemalt waren.

Sie erzählen dann „romanartig“ in der Vergangenheit, was die Reisenden sahen, und stellen dabei keinen Gegenwartsbezug her. Ein solcher Gegenwartsbezug muss nicht gemacht werden und wird gerade in Erzählungen sehr häufig nicht gemacht, auch wenn es das Beschriebene immer noch gibt.

Sie können aber bei der Beschreibung auch ins Präsens wechseln:

Zusammen mit Tom und seiner Freundin besuchte Silvio am Nachmittag den prunkvollen Regierungspalast. Das Südtor und der über 250 Jahre alte Tempel sind voll von Figuren und Reliefs, die alle in den buntesten Farben bemalt sind.

Das kann verschiedene Gründe haben: Sie machen die Erzählung durch das Präsens lebendiger (sog. historisches Präsens) oder Sie stellen mit dem Präsens einen direkten Gegenwartsbezug her, um explizit anzugeben, dass man das Beschriebene immer noch besichtigen kann. Vielleicht ist Letzteres ja das, wozu Ihr weitgereister Freund mit seinem Reisetagebuch einladen möchte.

Möglich sind, wie gesagt, beide Arten der Formulierung. Sie können sich also für diejenige entscheiden, die Sie passender finden oder die Ihnen einfach besser gefällt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS.: Ein ähnlicher Fall wird in diesem Artikel behandelt.

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Direkte und indirekte Fragen und ihre Zeichensetzung

Frage

Ist folgender Satz ohne Einleitungswort nach „war“ korrekt und muss ein Fragezeichen am Schluss stehen?

Eine heiß diskutierte Frage war, soll der Anhänger eine Lenkung bekommen, um die Wendigkeit zu steigern.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

der Satz ist im Prinzip korrekt, nur mit den Satzzeichen hapert es ein bisschen. Der zweite Teilsatz ist nämlich als direkter Fragesatz formuliert und hat entsprechend ein Anrecht auf einen Doppelpunkt, Anführungszeichen und ein Fragezeichen:

Eine heiß diskutierte Frage war: „Soll der Anhänger eine Lenkung bekommen, um die Wendigkeit zu steigern?“

Eine heiß diskutierte Frage war: „Wie kann die Wendigkeit des Anhängers gesteigert werden?“

Wenn die Frage als indirekte Frage formuliert werden soll, muss sie mit ob oder einem Fragewort eingeleitet werden. Es gibt keine uneingeleiteten indirekten Fragesätze. Weiter muss sie die Wortstellung eines Nebensatzes erhalten und nicht mit einem Fragezeichen, sondern mit einem einfachen Punkt abgeschlossen werden (siehe hier):

Eine heiß diskutierte Frage war, ob der Anhänger eine Lenkung bekommen solle/soll, um die Wendigkeit zu steigern.

Eine heiß diskutierte Frage war, wie die Wendigkeit des Anhängers gesteigert werden könne/kann.

Und hier gleich noch zwei Beispiele, die die Unterschiede bei der Zeichensetzung in direkten und indirekten Fragen zeigen:

Ich frage dich: „Kommst du mit?“
Ich frage dich, ob du mitkommst.

Sie will wissen: „Wann ist der Abgabetermin?“
Sie will wissen, wann der Abgabetermin ist.

Wenn man es so schön ordentlich nebeneinander aufgeschrieben vor sich hat, sieht es eigentlich ganz unproblematisch aus. Schwieriger kann es werden, wenn man einmal kurz die gesprochene Sprache schriftlich wiedergeben soll. In der gesprochenen Sprache wechselt man schneller und dank des Fehlens jeglicher Satzzeichen vor allem auch unbewusster zwischen der direkten und der indirekten Redewiedergabe hin und her.

Wenn Sie sich wundern: „Braucht es Anführungszeichen und ein Fragezeichen“, lautet die wichtige Frage also: „Ist es eine direkte oder eine indirekte Frage?“

Wenn Sie sich wundern, ob es Anführungszeichen und ein Fragezeichen braucht, lautet die wichtige Frage also, ob es eine direkte oder eine indirekte Frage ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sollte gemacht haben vs. hätte machen sollen

Frage

Könnten Sie mir vielleicht den semantischen Unterschied erklären zwischen „Ich sollte es schon gemacht haben“ und „Ich hätte es schon machen sollen“? Etwa wenn man ein Visum nach Russland beantragt und sich die Frage stellt, ob man bei der Anfrage das Hotel etc. „schon gebucht haben sollte“ oder „schon hätte buchen sollen“.

Antwort

Guten Tag Herr S,,

es gibt hier einen Bedeutungsunterschied, es ist aber nicht einfach, ihn auf Anhieb zu erkennen. Grob gesagt geht es darum, wann die durch sollen ausgedrückte „Verpflichtung“ besteht und wie sich das „Verpflichtete“ zeitlich dazu verhält. Spielen wir einmal theoretisch alle Möglichkeiten durch:

  1. Ich sollte es machen
    „Verpflichtung“ in der Gegenwart, etwas  zu machen
  2. Ich sollte es gemacht haben
    „Verpflichtung“ in der Gegenwart, etwas  gemacht zu haben
  3. Ich hätte es machen sollen
    „Verpflichtung“ in der Vergangenheit, etwas zu machen
  4. Ich hätte es gemacht haben sollen
    „Verpflichtung“ in der Vergangenheit, etwas gemacht zu haben

Ihre Beispielsätze entsprechen den Formulierungen b und c.

Wenn man (b) das Hotel schon gebucht haben sollte, hat man in der Gegenwart die „Verpflichtung“, die Buchung vorgenommen zu haben. Wenn man (c) das Hotel schon hätten buchen sollen hat in der Vergangenheit die „Verpflichtung“ bestanden, die Buchung vorzunehmen.

Die Sache wird vielleicht dadurch schwieriger zu durchblicken, dass der Konjunktiv sollte zwar aussieht wie eine Vergangenheitsform, aber eine gegenwärtige Verpflichtung ausdrückt. Vgl. eine ähnliche Formulierung mit müssen:

  1. Sie müssten das Hotel schon gebucht haben.
  2. Sie hätten das Hotel schon buchen müssen.

Hier sieht man vielleicht etwas besser, dass eine irreale gegenwärtige Verpflichtung, etwas getan zu haben, und eine irreale vergangene Verpflichtung, etwas zu tun, zwar nicht dasselbe sind, hier aber mehr oder weniger auf das Gleiche hinauslaufen. Sehr groß ist der eingangs angekündigte Bedeutungsunterschied also nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die Formulierungen mit sollte und müsste können je nach Kontext auch als Annahme oder Vermutung verstanden werden, vgl. hier und hier. Das ist aber eine ganz andere Frage.

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Über die Fähigkeit des Fliegens und den Genitivus definitivus

Der im Titel genannte Genitivus definitivus ist nicht, wie man seinem Namen nach vermuten könnte, der endgültige Genitiv. Mit definitivus ist definierend, erklärend gemeint.

Frage

Ich habe das Problem, dass ich nicht weiß, ob ich bei folgendem Begriff den Artikel verwenden kann oder nicht. Es geht jeweils um die Fähigkeit Soundso:

die Fähigkeit Fliegen
die Fähigkeit Transport

[…] Können nun diese Fähigkeiten auch mit Artikel geschrieben werden? Also:

die Fähigkeit des Fliegens
die Fähigkeit des Transports

Mit der Fähigkeit des Fliegens ist gemeint, dass z. B. der Vogel die Fähigkeit Fliegen besitzt. Mit der Fähigkeit des Transports ist gemeint, dass man Dinge von einem Ort zum nächsten bewegen kann. […]

Die Problematik besteht nun darin, dass die Formulierung „die Fähigkeit des Fliegens“ aussagt, dass das Fliegen an sich eine Fähigkeit hat, statt selbst eine Fähigkeit zu sein, und „die Fähigkeit des Transports“ aussagt, dass Transport eine Fähigkeit hat. Es ist aber nicht so, sondern in dem Kontext, dass z. B. der Vogel die Fähigkeit Fliegen besitzt. […]

Antwort

Guten Tag Herr D.,

es gibt verschiedene Möglichkeiten, das auszudrücken, was Sie aussagen möchten.

a) die Fähigkeit zu fliegen; die Fähigkeit zu transportieren
b) die Fähigkeit des Fliegens; die Fähigkeit des Transportierens
c) die Fähigkeit Fliegen; die Fähigkeit Transportieren

Die Formulierung a) ist die einfachste und „natürlichste“. Sie kann auch mit Kommas geschrieben werden:

Der Vogel hat die Fähigkeit[,] zu fliegen.
Mit der Fähigkeit[,] zu transportieren[,] besteht darin, dass man Dinge von einem Ort zum nächsten bewegen kann.

Auch mit der Formulierung b) wird das ausgedrückt, was Sie aussagen möchten. Ihre Interpretation des Genitivs trifft hier nämlich nicht zu. Der Genitiv hat nicht immer die Funktion, ein Besitzverhältnis (im weiteren Sinne) auszudrücken. Er kann auch andere Funktionen haben (vgl. z. B. hier). In diesem Fall geht es um den Genitivus definitivus oder Genitivus explicativus, der ein „Ist-Verhältnis“ ausdrückt.:

das Verbrechen des Mordes
= Mord ist ein Verbrechen; nicht: Der Mord hat ein Verbrechen

die Last der Armut
= Die Armut ist die Last; nicht: Die Armut hat eine Last

das Problem der Einsamkeit
= Die Einsamkeit ist das Problem; nicht: Die Einsamkeit hat das Problem

die Fähigkeit des Fliegens
= Das Fliegen ist die Fähigkeit; nicht: Das Fliegen hat eine Fähigkeit

Mit Die Vögel haben die Fähigkeit des Fliegens wird also ausgesagt, dass die Vögel fähig sind, zu fliegen, und mit die Fähigkeit des Transportierens ist die Fähigkeit, etwas zu transportieren, gemeint.

Der Vogel hat die Fähigkeit des Fliegens.
Mit der Fähigkeit des Transportierens besteht darin, dass man Dinge von einem Ort zum nächsten bewegen kann.

Dann noch der Vollständigkeit halber: Die Formulierung c) ist ebenfalls möglich. Sie passt vor allem in einen fachsprachlichen Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Bis zum 9. November wird meine „Fähigkeit des Antwortens“ sehr eingeschränkt sein. Ich habe ab morgen Urlaub.

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Deren, dessen und die Stellung des Verbs

Die Wörtchen deren und dessen sorgen immer wieder für Unsicherheiten. Oft lautet die Frage, welche Form man wählen soll (zum Beispiel hier) oder wie ein nachfolgendes Adjektiv gebeugt wird (zum Beispiel hier). Bei der Frage von Frau N. geht es aber um etwas anderes: Funktion des Pronomens und Stellung des Verbs.

Frage

Ich habe eine Frage zur Stellung des Verbes in Nebensätzen mit „dessen“. Das Relativpronomen im Genitiv leitet einen Nebensatz ein, der eigentlich die Stellung des Verbes an den Schluss erfordert. Zum Beispiel:

In meinem Garten steht ein Baum, dessen Früchte ich mag.

Wenn das Verb vor dem Subjekt steht, hört sich der Satz meiner Meinung nach bei Verben, die mit „mögen/nicht mögen“ oder „lieben/hassen“ zu tun haben, aber nicht falsch an, also:

In meinem Garten steht ein Baum, dessen Früchte mag ich.
Die Frau trägt ein Parfum, dessen Duft hasse ich.

Oder auch:

Das sind Kollegen, deren Kinder kenne ich.

Mit anderen Verben funktioniert diese Umstellung nicht. Ist die Umstellung grundsätzlich falsch bzw. schlechtes Deutsch?

Antwort

Guten Tag Frau N.,

das Wort dessen kann, wie Sie in Ihrer Frage erwähnen, ein Relativpronomen sein. Es leitet einen Nebensatz ein, in dem die konjugierte Verbform am Schluss steht:

In meinem Garten steht ein Baum, dessen Früchte ich mag.
Die Frau trägt ein Parfüm, dessen Duft ich hasse.
Das sind Kollegen, deren Kinder ich kenne.

Im Relativsatz wird etwas Genaueres über den Garten, die Frau bzw. die Kollegen ausgesagt.

Man kann dessen und deren aber nicht nur als Relativpronomen, sondern auch als Demonstrativpronomen verwenden:

In meinem Garten steht ein Baum. Dessen Früchte mag ich.
Die Frau trägt ein Parfüm. Dessen Duft hasse ich.
Das sind Kollegen. Deren Kinder kenne ich.

Hier wird im zweiten Satz, einem Hauptsatz, etwas Genaueres über die Früchte, den Duft bzw. die Kinder ausgesagt. Es ist dabei üblicher (aber nicht zwingend), einen Punkt zwischen die beiden Hauptsätze zu setzen. Im Gegensatz zu den Relativsätzen können die mit dem Demonstrativpronomen formulierten Sätze auch umgestellt werden. Das Demonstrativpronomen muss also nicht am Anfang des Satzes stehen:

In meinem Garten steht ein Baum. Ich mag dessen Früchte.
Die Frau trägt ein Parfüm. Ich hasse dessen Duft.
Das sind Kollegen. Ich kenne deren Kinder.

Weiter kann das Demonstrativpronomen anders als das Relativpronomen durch ein Possessiv ersetzt werden:

In meinem Garten steht ein Baum. Seine Früchte mag ich.
Die Frau trägt ein Parfüm. Seinen Duft hasse ich.
Das sind Kollegen. Ihre Kinder kenne ich.

Das Ganze funktioniert übrigens auch bei anderen Verben. In diesen Sätzen steht das Relativpronomen:

M. K. ist eine britische Autorin, deren Bücher weltweit verkauft werden.
Sie fuhren in einem roten Auto, dessen Marke hier nicht genannt werden soll.

Und hier wird das Demonstrativpronomen verwendet:

M. K. ist eine britische Autorin. Deren Bücher werden weltweit verkauft.
Sie fuhren in einem roten Auto. Dessen Marke soll hier nicht genannt werden.

M. K. ist eine britische Autorin. Ihre Bücher werden weltweit verkauft.
Sie fuhren in einem roten Auto. Hier soll seine Marke nicht genannt werden.

Beide Verbstellungen sind also möglich und korrekt. Die Satzstruktur ist aber unterschiedlich und die Aussage ist auch nicht ganz gleich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die zweite Fremdsprache, das ist/sind(?) Latein, Englisch oder Französisch

Frage

Es geht um folgende Passage aus unserer Schulbroschüre:

Die zweite Fremdsprache startet in der 6. Klasse. Das sind an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.

Da das Subjekt des zweiten Satzes („das“) sich auf „Fremdsprache“ im ersten Satz bezieht und damit im Singular steht, müsste doch das Prädikat des zweiten Satzes auch im Singular stehen. Meiner Meinung nach müsste es also „ist“ statt „sind“ heißen. […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

dieser Fall ist relativ komplex, jedenfalls wenn es ums Erklären geht. Der Zweifel bei der Verbform des zweiten Satzes entsteht durch die Aufzählung mit oder. Üblich ist diese Formulierung:

Latein, Englisch oder Französisch ist die zweite Fremdsprache.
Die Lehrerin oder der Lehrer unterzeichnet das Zeugnis.

Seltener, aber möglich ist auch diese Formulierung:

Latein, Englisch oder Französisch sind die zweite Fremdsprache.
Die Lehrerin oder der Lehrer unterzeichnen das Zeugnis.

Das Verb kann hier in der Einzahl oder seltener in der Mehrzahl stehen**. Die Wortgruppe Latein, Englisch oder Französisch kann somit als Singulargruppe oder als Pluralgruppe verstanden werden. Versteht man sie als Singulargruppe, heißt es:

Das ist an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.
vgl. Das ist an unserer Schule Französisch.

Versteht man die Wortgruppe als Pluralgruppe, muss das Verb im Plural stehen. Wenn nämlich in einem Gleichsetzungssatz Subjekt und Prädikativ nicht beide im Singular stehen, wird das Verb im Plural verwendet (siehe hier ganz unten):

Diese Bücher sind mein größter Besitz.
Das sind meine Eltern.

Für Ihren Satz bedeutet dies dann:

Das sind an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.
vgl. Das sind an unserer Schule Latein, Englisch und Französisch.

In der Schulbroschüre kann also mit das ist, aber auch mit das sind (wie es zzt. dort steht) formuliert werden. Die von Ihnen bevorzugte Variante mit dem Singular ist wahrscheinlich die häufiger vorkommende Variante (vgl. hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Einige Grammatiken unterscheiden hier zwischen ausschließendem/exklusivem Oder (Verb im Singular) und einschließendem/inklusivem Oder (Verb im Plural). Diese Unterscheidung ist in der Logik zweifellos angebracht, in der natürlichen Sprache halte ich sie häufig für weniger sinnvoll, da die Sprache und unsere Art, uns auszudrücken, sich selten an die strengen Regeln der Logik halten. Zum Beispiel:

Der Vater oder die Mutter kann/können die Entschuldigung unterschreiben.

Unterschreiben wird wahrscheinlich nur eine Person (exklusiv), aber können tun’s beide (inklusiv). Ist dieses oder also exklusiv oder inklusiv oder – was strikt logisch nicht möglich ist – einfach beides?

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Steigernde Anreihungen mit „ja“ sind unkompliziert, ja geradezu einfach

Frage

Sind Konstruktionen wie folgende als Aufzählungen, also ohne schließendes Komma, oder als Einschübe, also mit schließendem Komma, zu betrachten?

Es gilt nun, ein beachtliches Erbe, ja eine lange Tradition(,) hochleben zu lassen.

Antwort

Guten Tag Frau A.,

dieses ja dient zur steigernden Anreihung eines Satzteils oder Satzes. Solche Formulierungen gelten als eine Art Aufzählung, in der mit ja ein zweites Element angefügt wird, das das erste verstärkt. Man schreibt vor ja ein Komma. Wie es bei Aufzählungen üblich ist, wird nach dem zweiten Elment kein abschließendes Komma gesetzt:

Es gilt nun, ein beachtliches Erbe, ja eine lange Tradition hochleben zu lassen.
Sie bleibt als sympathische Frau, ja lieber Mensch in unserer Erinnerung.
Zeitgenossen, die Hexenprozesse für eine Verirrung, ja (geradezu) ein Verbrechen hielten.
Er mochte, ja liebte sie und wollte nie mehr ohne sie sein.

Diesmal ist die Antwort unkompliziert, ja geradezu einfach. Das schreibe ich allerdings vor allem, um mit einer solchen ja-Formulierung abschließen zu können. Ganz so einfach ist es nicht. Ich musste die Kommafrage auch nachschlagen, um ganz sicher zu sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ich und surfen?! Oder doch ich und Surfen?

Frage

Ist in Ausrufen wie „Ich und surfen?!“ das Verb substantiviert oder nicht?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

in „Ich und surfen“ kann surfen sowohl als Verbform als auch als Substantivierung gesehen werden.

Wenn man den Infinitiv mit einem ungebeugten, das heißt adverbial verwendeten Adjektiv oder einer anderen Adverbialbestimmung kombinieren kann, ist er eine Verbform und wird kleingeschrieben:

Ich und surfen?!
vgl.
Ich und freiwillig surfen?!
Ich und bei diesem Wind noch surfen?!

Wenn man den Infinitiv mit einem Artikelwort oder einem gebeugten Adjektiv kombinieren kann, ist er eine Substantivierung und wird großgeschrieben:

Ich und Surfen?!
vgl.
Ich und freiwilliges Surfen?!
Ich und dieses Surfen?!

Ebenso zum Beispiel:

Ich und programmieren?!
vgl.
Ich und häufig programmieren?!
Ich und Apps für euch programmieren?!

Ich und Programmieren?!
vgl.
Ich und häufiges Programmieren?!
Ich und euer [dauerndes] Programmieren?!

Wenn der Infinitiv in einer solchen Wendung allein steht, kann er also klein- oder großgeschrieben werden. Ich ziehe dann die Kleinschreibung vor („Ich und surfen?!“), aber die Großschreibung ist ebenfalls vertretbar.

Ganz egal ob surfen oder Surfen, ob klein- oder großgeschrieben, gesurft wird von mir eindeutig, definitiv und ohne jeglichen Zweifel nie und nimmer auf dem Wasser, sondern nur und ausschließlich im Internet!

Ich und surfen/Surfen? – Nie!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Monarchien trennen und das fehlende e

Es geht nicht darum, wie man die Königreiche Elisabeths, Haralds, Carl Gustavs, Margaretes, Willem-Alexanders, Philippes oder Felipes zweiteil oder voneinander löst, sondern schlicht um die Worttrennung am Ende des Wortes Monarchien.

Frage

Ich bin mir unsicher bei der Silbentrennung des Wortes „Monarchien“. Darf am Zeilenende „en“ von „Monarchi“ getrennt werden? Die allgemeinen Trennregeln würden es erlauben. Aber hier steht das „e“ ja wegen der Orthografieregel: „Für den lang gesprochenen i-Laut schreibt man ‹ie›…“.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

man kann das Wort Monarchien wie folgt trennen: Monarchi-en[1]. Die Trennregeln erlauben eine solche Trennung am Zeilenende. Dennoch ist Ihre Frage natürlich nicht unbegründet. Beim Trennen fällt nämlich mehr als sonst auf, dass in Monarchien eigentlich ein e fehlt.

In der Pluralform Monarchien treffen im Grunde zwei e aufeinander: 1) das e zur Angabe des langen i-Lautes (Sie erwähnen es in Ihrer Frage) und 2) das e der Pluralendung en. Dazu sagt § 19 der amtlichen Rechtschreibregelung:

Folgen auf -ee oder -ie die Flexionsendungen oder Ableitungssuffixe -e, -en, -er, -es, -ell, so lässt man ein e weg.

Man schreibt deshalb im Plural nicht *Monarchieen, sondern Monarchien mit nur einem e. Das weggelassene e wird auch bei der Worttrennung am Zeilenende nicht wieder eingefügt: Monarchi-en. Aus dem gleichen Grund werden zum Beispiel die Wörter Ideen, knien, ideell und Hinterseer mit einem e „zu wenig“ geschrieben und am Ende (wenn überhaupt) wie folgt getrennt: Ide-en, kni-en, industri-ell, Hinterse-er.

Diese Vorgehensweise ist übrigens keine Selbstverständlichkeit, sondern eine reine Rechtschreibkonvention. Das zeigt zum Beispiel die Rechtschreibung des Niederländischen, einer verwandten Kultursprache, in der man monarchieën und ideeën ohne e-Ausfall schreibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

[1] Auch noch an einigen anderen Stellen: Mo-n-ar-chi-en.

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