Archiv für Grammatik

Von Linguist Bopp oder vom Linguisten Bopp

Frage

Laut grünem Duden ist es erlaubt, ein Substantiv im Dativ ohne Flexionsendung zu schreiben, wenn kein Artikel vor einem Titel oder einer Berufsbezeichnung steht […]:

(Es wurde) die Einschaltung von Bundestagspräsident Gerstenmaier gefordert

Was aber, wenn Herr Gerstenmaier ein Soziologe ist und man sich auch nicht mit dem Genitiv behelfen kann?

Das Buch wird von Soziologe Peter Gerstenmaier präsentiert

klingt nach meinem Sprachgefühl falsch. Noch falscher wäre es zum Beispiel bei einem Wirtschaftsweisen:

Das Buch wird von Wirtschaftsweise Wilhelm Muster präsentiert

Aber warum? Wo ist der entscheidende Unterschied zum Satz:

Das Buch wird von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt präsentiert

der sich in Ordnung anhört?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

lassen Sie mich zuerst einmal etwas ausholen: Wenn Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandtschaftsbezeichnungen u. Ä. ohne Artikel vor einem Namen stehen, sind sie vorangestellte Appositionen (nähere Bestimmungen) zum Namen, vor dem sie stehen. In solchen Fällen wird der Name und nicht die Apposition gebeugt. Am besten sieht man das im Genitiv (kursiv der gebeugte Teil der Personenbezeichnung):

König Arthurs Tafelrunde
Malermeisterin Eva Hubers Geschäft
Bundestagspräsident Gerstenmaiers Büro
Bild-Chefredakteur Julian Reichelts Präsentation des Buches
Soziologe Peter Gerstenmaiers Präsentation des Buches
Pädagoge Dr. Rob Kindles neue Theorie

Das gilt auch im Dativ. Auch dort bleiben Titel u. Ä. als Apposition ungebeugt und wird der Name in den Dativ gesetzt (was man allerdings nicht sieht, weil Eigennamen im Dativ endungslos sind):

von König Arthur
mit Malermeisterin Eva Huber
mit Bild-Chefredakteur Julian Reichelt

Auch ein schwach gebeugter Titel u. Ä.  bleibt im Dativ ungebeugt, weil nicht er, sondern der Eigenname im Dativ steht:

die Einschaltung von Bundestagspräsident Gerstenmaier
die Präsentation von Soziologe Peter Gerstenmaiers
bei Pädagoge Dr. Rob Kindle

Sie sagen, dass die Formulierungen mit Soziologe ungewöhnlich klingt und die Formulierung mit Wirtschaftsweise sogar falsch. Sie haben damit insofern recht, als diese Wörter in der Regel nicht als artikellose Titel verwendet werden bzw. verwendet werden können. Man verwendet sie normalerweise nur mit Artikel. Dann sind sie keine Appositionen mehr, sondern Wortgruppenkerne, die gebeugt werden (und der Name bleibt ungebeugt):

die Tafelrunde des Königs Arthur
das Geschäft der Malermeisterin Eva Huber
die Präsentation des Bild-Chefredakteurs Julian Reichert

die Präsentation des Soziologen Peter Gerstenmeier
die Präsentation des Wirtschaftsweisen Wilhelm Muster

Ebenso im Dativ

Das Buch wird vom Soziologen Peter Gerstenmeier präsentiert
Das Buch wird vom Wirtschaftsweisen Wilhelm Muster präsentiert

So viel von Linguist Dr. Bopp oder vom Linguisten Dr. Bopp zu diesem Thema. Siehe auch hier und hier für die Beugung solcher Wortgruppen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Ein Blog wie meiner / der meine / der meinige

Frage

Ich bin immer wieder unsicher mit dem Vergleich „wie“ + Pronomen, also zum Beispiel:

Hinweise wie Ihren / den Ihrigen / den Ihren schätzen wir sehr.
Über ein Lob wie Ihres / das Ihrige / das Ihre
Eine Rückmeldung wie Ihre / die Ihrige / die von Ihnen

Für mich klingt jeweils die mittlere Version am ehesten korrekt.
 Wie schreibt man das genau, was ist korrekt […] und an welche Regel kann ich mich halten?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

an dieser Stelle lässt das Deutsche, auch die Standardsprache, so viele Möglichkeiten zu, dass man tatsächlich manchmal unsicher werden kann. Eine Regel, an die Sie sich halten müssen oder sollten, gibt es nicht. Richtig ist hier nämlich:

Possessiv ohne Artikel
Possessiv mit bestimmtem Artikel
Possessiv auf -ig mit bestimmtem Artikel

Nur die Formulierung mit von (die von Ihnen) halte ich für standardsprachlich nicht empfehlenswert. Sie haben somit drei verschiedene Möglichkeiten, die alle akzeptiert sind und als korrekt gelten:

Hinweise wie Ihren / den Ihren / den Ihrigen schätzen wir sehr.
Über ein Lob wie Ihres / das Ihre / das Ihrige freuen wir uns.
Eine Rückmeldung wie Ihre / die Ihre / die Ihrige nehmen wir ernst.

Bei den Formen mein/dein/sein gibt es im sächlichen Nominativ und Akkusativ Einzahl sogar noch eine vierte Variante:

Über ein Lob wie deines / deins / das deine / das deinige freuen wir uns.

Dies alles gilt übrigens nicht nur nach wie, sondern in den meisten Fällen, wenn das Possessiv allein steht (vgl. hier):

Nehmen wir deinen Wagen oder meinen / den meinen / den meinigen.
Meines ist besser als deines / Meins ist besser als deins / Das meine ist besser als das deine / Das meinige ist besser als das deinige.
Wenn ihr keine Handtücher habt, leihen wir euch unsere / die unseren / die unsrigen.

Bei so viel freier Wahl kann man, wie gesagt, schon ein bisschen unsicher werden. Sie können aber einfach die Variante wählen, die Ihnen am besten gefällt. Ich persönlich halte die Formulierungen mit ig für schwerfällig, aber sie kommen so häufig vor, dass ganz offensichtlich nicht alle dieser Meinung sind. Ihre Wahl muss sich nicht nach meiner, der meinen oder eben der meinigen richten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Nahe von London, nahe Londons oder nahe London?

Frage

Die Grammatik sagt: „nahe“ mit Dativ

Doppelzimmer in ruhiger Lage nahe dem Zentrum
Das Ferienhaus liegt nahe dem Waldrand

Aber wie ist das mit einem Substantiv ohne Artikel, wie etwa „Wien“ oder „London“? Muss dann „von“ eingefügt werden? „Nahe Londons“ klingt für mich nicht übel, „nahe von London“ etwas behäbig. Der Satz lautet: „Windsor liegt nahe von London / nahe Londons.“

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Präposition „nahe“ verlangt tatsächlich den Dativ:

Wir wohnen nahe dem Bahnhof
Der Zoo liegt nahe der Innenstadt / dem Zentrum

Wenn Sie nahe mit einem artikellosen Ortsnamen verwenden wollen, steht er auch im Dativ. Das ist allerdings an der Form nicht zu sehen, denn der Dativ ist bei solchen Namen endungslos:

beliebte Ausflugsziele nahe Wien
die Gemeinde Moritzburg nahe Dresden

Entsprechend lautet Ihr Beispielsatz:

Windsor liegt nahe London

Bei nahe geht es also nicht anders zu und her als bei anderen Präpositionen, die den Dativ verlangen:

beliebte Ausflugsziele bei Wien
die Reise nach Klagenfurt
Abflug ab London

Es ist übrigens nicht allzu erstaunlich, dass Sie auf eine Formulierung mit von oder dem Genitiv gekommen sind. Das kann einerseits mit der Nähe von nahe zu in der Nähe zu tun haben (vgl. in der Nähe von London, in der Nähe Londons), andererseits kann auch die Tendenz eine Rolle spielen, gehobenere Präpositionen „vorsichtshalber“ mit dem Genitiv zu verbinden, obwohl Sie standardsprachlich korrekt mit dem Dativ stehen sollten (zum Beispiel unrichtig: *laut eines Polizeisprechers, *gemäß dieses Urteils, *gegenüber des Restaurants, *nahe des Zentrums statt korrekt laut einem Polizeisprecher, gemäß diesem Urteil, gegenüber dem Restaurant, nahe dem Zentrum; vgl. hier).

Die Präposition nahe gehört eher dem gehobeneren Sprachgebrauch an. Wenn Ihnen nahe London etwas zu gesucht vorkommt oder seltsam in den Ohren klingt, können Sie auch auf das üblichere in der Nähe von London oder in der Umgebung von London ausweichen. Und wenn es kurz sein soll, geht auch bei London. Das ist nicht weiter entfernt von Buckingham Palace, Harrods und Big Ben als nahe London.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zwei Wörter, aufgrund deren/derer manche ins Zweifeln geraten

Frage

Was ist korrekt?

Hier ist ein Bild unserer Schwester, deren wir heute gedenken
Hier ist ein Bild unserer Schwester, derer wir heute gedenken

Oder ist beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das weibliche Relativpronomen im Genitiv ist deren oder derer. Beide Formen gelten als korrekt. Richtig sind also beide Formulierungen:

unsere Schwester, deren wir heute gedenken
unsere Schwester, derer wir heute gedenken

Die Genitivformen deren und derer sind neben weiblich Singularformen auch Pluralformen. Nach den Grammatikern des 19. Jahrhunderts sollte man derer verwenden, wenn es ein vorausweisendes Demonstrativpronomen ist, sonst müsse deren stehen. Diese Regel hat sich aber, wie die Sprachpraxis zeigt, nie durchgesetzt. Ganz frei ist die Verwendung der beiden Formen allerdings nicht. Der Einfachheit halber werden hier das Demonstrativpronomen und das Relativpronomen zusammen behandelt.

a) Einem Substantiv vorangestellt kann nur deren stehen:

Wir denken an unsere Schwester, deren Todestag sich heute jährt
die Dame, deren rotes Cabrio vor dem Haus steht
eure Vorschläge, deren Durchführbarkeit noch geprüft werden muss
die Zeugen, aufgrund deren zweifelhafter Aussagen sie verurteilt wurde

Auch vor einem (unbestimmten) Zahlwort steht nur deren:

Es gibt nicht nur eine Ursache, sondern deren viele
Das waren es nur noch deren zwei / deren nur noch zwei

b) Als vorausweisendes Wort wird nur derer verwendet:

Stellt eine Liste derer zusammen, die ihr gerne einladen würdet.
Erinnert euch derer, die nicht mehr unter uns sind.

Im Feminin Singular ist derer aber unüblich, da derer mit dieser Funktion im Allgemeinen als Pluralform verstanden wird. Man verwendet dann besser ein Substantiv mit Artikel:

Erinnert euch der Frau, die nicht mehr unter uns ist.

c) In allen anderen Fällen sind deren und derer üblich:

die Frau, deren/derer wir heute gedenken
die Toten, deren/derer wir heute gedenken
die Frist, innerhalb deren/derer Leistungen abgerechnet werden
Kriterien, anhand deren/derer entschieden wird

Sonderabfälle und wie man sich deren/derer entledigen kann

Und wer jetzt vor lauter deren und derer den Überblick verloren hat, möge Trost darin finden, dass es meistens gutgeht, wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, und auch darin, dass sich dieses Problem zum Glück bei dessen nie stellt. Die folgende grobe Zusammenfassung kann hoffentlich dabei helfen, die Übersicht zurückzugewinnen:

  1. einem anderen Wort vorangestellt: deren
  2. auf ein nachfolgendes Wort verweisend: derer
  3. sonst: deren oder dessen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Im Titel hätte mir wegen besser gefallen als das schwerfälligere aufgrund, doch anstelle von wegen deren oder wegen derer verwendet man üblicherweise derentwegen:

Zwei Formen, derentwegen manche ins Zweifeln geraten

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Mehrteilige Subjekte und zusammengezogene Teilsätze

Frage

Ich bin mir nicht sicher, ob folgender Satz korrekt ist:

Innerhalb von sechs Monaten wurden ein neues Markenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

Gemäß der Regel […] wird das Verb in den Plural gesetzt, wenn das Subjekt aus mehreren Teilen besteht, die mit „und“ verbunden sind. […] Ist dies hier die richtige Regel und der Satz oben also korrekt?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Der Satz sollte nicht so formuliert werden. Richtig ist hier die Singularform wurde:

Innerhalb von sechs Monaten wurde ein neues Markenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

Es geht hier nicht wie in der Regel, die Sie erwähnen, um ein mehrteiligen Subjekt, sondern um die Zusammenziehung von Teilsätzen mit einer identischen Verbform, die in einem Teilsatz weggelassen wird.

a) Zusammenziehung von Teilsätzen (vgl. hier)

Von einer Zusammenziehung von Teilsätzen ist dann die Rede, wenn die ausformulierten Teilsätze sich mehr als nur beim Subjekt voneinander unterscheiden:

Gestern hat Lisa einen Apfel gegessen.
Gestern hat Max eine Birne gegessen.
→ Gestern hat Lisa einen Apfel und Max eine Birne gegessen.

Das Angebot ist gesunken.
Der Preis ist gestiegen.
Das Angebot ist gesunken und der Preis gestiegen.

Hier wird im zweiten, verkürzte Teilsatz die identische Verbform hat resp. ist nicht wiederholt. Die beiden Subjekte sind in der Regel durch mehr als nur und voneinander getrennt.

b) Mehrteiliges Subjekt mit und (vgl. hier)

Bei einem mehrteiligen Subjekt unterscheiden sich nur die Subjektteile voneinander und der Rest des Satzes bleibt gleich, wenn man ihn „auseinandernimmt“. Dann gilt die Regel, auf die Sie verweisen, das heißt, das Verb steht im Plural:

Gestern hat Lisa einen Apfel gegessen.
Gestern hat Max einen Apfel gegessen.
→ Gestern haben Lisa und Max einen Apfel gegessen.

Das Angebot ist gesunken.
Die Nachfrage ist gesunken.
Das Angebot und die Nachfrage sind gesunken.

Auf Ihren Satz übertragen heißt dies:

a) Zusammenziehung von Teilsätzen

Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen.
Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neuer Webauftritt aufgesetzt.
→ Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

So sollte Ihr Satz formuliert sein, weil die Teilsätze sich nicht nur beim Subjekt voneinander unterscheiden. Die identische Verbform wurde wird im zweiten Teilsatz weggelassen.

Der Vollständigkeit halber folgt noch ein Beispiel, das zeigt, wie eine ähnliche Formulierung mit einem mehrteiligen Subjekt aussieht:

b) Mehrteiliges Subjekt mit und

Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen.
Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neuer Webauftritt entworfen.
→ Innerhalb eines halben Jahres wurden ein neues Warenzeichen und ein neuer Webauftritt entworfen.

Zur Zusammenziehung von Teilsätzen gäbe es noch viel mehr zu sagen, aber hier soll es nur um die Unterscheidung zu Sätzen mit einem mehrteiligen Subjekt gehen. Deshalb noch einmal kurz als Faustregel zusammengefasst:

Wenn beim Ausformulieren neben dem Subjekt auch noch andere Elemente der Teilsätze unterschiedlich sind, richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

Wenn beim Ausformulieren nur das Subjekt der Teilsätze unterschiedlich ist, haben wir es mit einem mehrteiligen Subjekt zu tun. Das Verb steht dann im Plural.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Alle beliebtesten Marken?

Frage

Da Werbefachleute oftmals eine sehr eigene Art der deutschen Sprache pflegen, stoße ich immer wieder auf Formulierungen, bei denen ich mich fragen: „Darf man das? Ist das richtig?“

Aktuelles Beispiel: Kann man einen Superlativ in Verbindung mit dem Wort „alle“ setzen? In einem Werbespot heißt es derzeit: „Alle beliebtesten Marken“. Immer wenn ich diesen Satz höre, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ist der Satz „alle beliebtesten Marken“ korrekt formuliert? Früher gab es mal „Deutschlands meiste Kreditkarte“ – das hat mich auch jedes Mal auf die Palme gejagt.

Antwort

Guten Tag Herr D.,

mit der Sprache zu spielen ist erlaubt. Wenn eine Abweichung von der Grammatik bewusst geschieht, um einen bestimmten Effekt zu erreichen, ist sie dann ein Fehler?

Die Beurteilung von Werbeäußerungen, die Ungrammatisches enthalten, ist oft schwierig, weil nicht deutlich ist, ob die Abweichung von der Grammatik bewusst geschieht oder ob es einfach ein Fehler ist.

Beim Werbespruch „Deutschlands meiste Kreditkarte“ wurde bewusst mit einem Grammatikfehler gespielt. Dieses bewusste Wortspiel kann gefallen, es kann aber auch Missfallen auslösen – das gehört zu den Risiken des Fachs. Nun zu „alle beliebtesten Marken“:

Auch wenn es auf den ersten Blick immer nur ein Bestes, ein Größtes, ein Schönstes usw. gibt, ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, alle mit einem Superlativ zu verbinden. Wenn es um das jeweils Beste, Größte, Schönste usw. aus verschiedenen Klassen geht, kann man diese Verbindung verwenden (ob eine solche Formulierung immer ein stilistisches Meisterwerk ist, will ich dahingestellt sein lassen). Zum Beispiel:

alle schnellsten Läuferinnen ihrer Altersklasse
= die jeweils schnellste Läuferin aus allen Altersklassen

wenn alle höchsten Karten ausgespielt sind
= die jeweils höchste Karte aller Farben

alle beliebtesten Marken
= die jeweils beliebteste Marke aus allen Produktgruppen

Es könnt also sein, dass mit „alle beliebtesten Marken“ eine ganz spezifische Aussage gemacht wird. Es könnte auch sein, dass mit „alle beliebtesten Marken“ wie bei „Deutschlands meiste Kreditkarte“ bewusst eine von der Norm abweichende Steigerungsart verwendet wird.

Ich vermute allerdings, dass zumindest in einem Teil der Fälle einfach „alle beliebten Marken“ gemeint ist. Die Formulierung „alle beliebtesten Marken“ ist dann eine unbewusste Abweichung von der Grammatik*, die sich wahrscheinlich darauf zurückführen lässt, dass „beliebtesten“ einfach nach mehr klingt als  „beliebten“ („Wir haben nicht die beliebten Marken, sondern die beliebtesten, und zwar alle!“).

Kurzum: Die Formulierung „alle beliebtesten Marken“ ist nur in ganz bestimmten Zusammenhängen richtig und sonst eigentlich ein kleiner Verstoß gegen die Grammatik. Dieser Verstoß kann eine bewusste Abweichung von der Norm sein, um einen bestimmten Werbeeffekt zu erzielen. Ob das auch immer der Fall ist, wage ich zu bezweifeln.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* eine unbewusste Abweichung von der Grammatik = schön für: ein Fehler

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Ein „nicht“, das nicht das Gegenteil ausdrückt: „bevor … nicht“

Frage

Mir sind heute der Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank voll ist“ und der bedeutungsgleiche Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank nicht voll ist“ aufgefallen. Gibt es da etwas Interessantes zu sagen, dass die Bedeutung trotz Verneinung gleich bleibt?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

dieses nicht ist tatsächlich erstaunlich, denn üblicherweise drücken eine Aussage mit nicht und eine Aussage ohne nicht nicht dasselbe, sondern ziemlich genau das jeweilige Gegenteil aus. Dieses nicht ist auch nicht ganz unumstritten. Da seine Funktion nicht die Verneinung ist und man es auch weglassen kann, halten manche es für überflüssig oder sogar falsch. Doch eins nach dem anderen:

Verneinte Satzgefüge mit bevor und ehe haben oft die Bedeutung eines Bedingungssatzes. Der Nebensatz gibt eine Bedingung an, die erfüllt sein muss. Dabei muss der Hauptsatz verneint sein. Und nun kommt der interessanten Aspekt: Der Nebensatz kann ohne Bedeutungsunterschied mit oder ohne nicht stehen:

Ich bezahle nichts, bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte.
Bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte, bezahle ich nicht.
Ehe ich (nicht) mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, ehe der Tank (nicht) voll ist.

Die Verwendung dieses weglassbaren nicht im Nebensatz wird von einigen als umgangssprachlich oder falsch angesehen. Sie erklärt sich aus der speziellen konditionalen Bedeutung solange nicht, wenn nicht dieser temporalen (zeitlichen) Konjunktionen:

Solange ich nicht mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, solange der Tank nicht voll ist.

Man sollte diese spezielle Konstruktion wenigstens tolerieren, denn in einigen Fällen kann das nicht kaum weggelassen werden, ohne dass ein recht ungewöhnlich klingender Satz entsteht:

Du erhältst kein Geld, bevor du nicht sagst, was du damit machen willst.
Du erhältst kein Geld, bevor du sagst, was du damit machen willst. ??

Mir gefällt dieses weglassbare nicht sehr gut, weil es eine sprachliche Eigenartigkeit ist, die sich nicht auf Anhieb erklären lässt, wenig mit Logik zu tun hat, trotzdem gut verständlich ist und die Sprache ein bisschen abwechslungsreicher macht. Man sollte es nicht verurteilen, ehe man nicht auch diesen Aspekt berücksichtigt hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Lasst uns uns(?) am Bahnhof treffen

Frage

„Lasst uns um 10 Uhr am Bahnhof treffen!“ Sätze dieser Art hört man sehr häufig, doch sie klingen für mich grammatisch falsch. Ich meine, der Satz braucht ein „uns“ […] nach „lasst“ (lasst uns) und außerdem ein „uns“ […] vor „treffen“ (uns treffen). Mit zwei „uns“ (lasst uns uns treffen) mag der Satz jetzt zwar grammatisch richtig sein, doch ich habe ihn noch von niemandem so gehört.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

der Satz „Lasst uns am Bahnhof treffen!“ ist unvollständig. Wie Sie richtig bemerken, muss sowohl das uns der Aufforderung „lasst uns!“ als auch das Reflexivpronomen uns von „uns treffen“ stehen. Grammatisch richtig wäre deshalb:

Lasst uns uns am Bahnhof treffen!

Da dieses doppelte uns immer wieder Anlass zu Zweifeln gibt und der Satz durch die Wiederholung sowieso stilistisch eher unschön ist, kann man am besten umformulieren. Hier ist das nicht allzu schwierig, weil man uns einfach durch einander ersetzen kann:

Lasst uns einander am Bahnhof treffen!

In anderen Fällen ist es etwas schwieriger. Zum Beispiel:

Lasst uns uns nicht darüber ärgern!
besser z. B.: Ärgern wir uns nicht darüber!

Lasst uns uns freuen!
besser z. B.: Wir wollen und freuen! / Freuen wir uns!

Diese kleine Hürde wirft lassen übrigens nicht nur bei uns auf:

Lassen Sie mich mich vorstellen
besser z. B.: Gestatten Sie mir mich vorzustellen.

Wir lassen euch euch konzentrieren.
besser z. B.: Wir lassen euch Zeit, euch zu konzentrieren.

Lasst uns uns merken, dass wir besser „Merken wir uns, dass …“ sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Am elendesten oder am elendsten?

Frage

Warum wird das Adjektiv elend im Superlativ am elendesten um ein e erweitert, wenn doch die Regel lautet: est steht bei ENDbetontem Stamm mit d.

Antwort

Guten Tag A.,

die Regel, die Sie zitieren und die in ähnlicher Form auch auf unseren Seiten steht, ist einfach, aber sie trifft den Nagel nicht ganz auf den Kopf. Die e-Erweiterung (est statt nur st) findet genau genommen nicht bei Adjektiven statt, die auf der letzten Silbe betont sind, sondern bei Adjektiven, die auf eine Silbe mit einem Vollvokal enden. So sind Adjektive auf haft und los zwar nicht endbetont, ihre Endsilbe hat aber einen Vollvokal (unbetontes a resp. unbetontes o). Sie bilden deshalb den Superlativ „trotzdem“ mit est:

boshafteste
zweckloseste

Adjektivisch verwendete Partizipien auf end haben keinen solchen Vollvokal, sondern ein Schwa (ə), das nicht betont werden kann und das in der gesprochenen Sprache sogar ganz wegfallen kann (hier als Apostroph dargestellt). Sie bilden den Superlativ entsprechend mit st:

aufregend (aufregənd/aufreg’nd)
aufregendste (aufregəndste/aufreg’ndste)
blühend (blühənd/blüh’nd)
blühendste (blühəndste/blüh’ndste)
dringend (dringənd/dring’nd)
dringendste (dringəndste/dring’ndste)

Nun zu elend: Dieses Adjektiv endet eigentlich auf einen Vollvokal, ein unbetontes offenes e (ɛ), und nicht wie zum Beispiel fehlend oder stehlend mit einem Schwa. So sind fehlend und elend keine richtigen Reimwörter:

fehlend (fehlənd/fehl’nd)
elend (elɛnd/aber nicht: el’nd)

Da elend anders als zum Beispiel fehlend oder dringend mit einem Vollvokal endet, halten wir in Canoonet die Superlativform elendeste für richtig

elend, elender, elendeste

Ganz ohne ein Aber geht es allerdings nicht. Die Superlativform elendste kommt ebenfalls häufig vor. Das kann verschiedene Gründe haben: Der Vokal der zweiten Silbe von elend ist viel weniger als unbetonter Vollvokal erkennbar als zum Beispiel das a in Oma oder zweifelhaft und das o in Auto oder herzlos. Die Form elend sieht aus wie die adjektivischen Präsenspartizipien, die den Superlativ ggf. ohne e bilden. Vielleicht hat sogar die eingangs erwähnte, nicht ganz zugtreffende Regel einen Einfluss darauf, dass hier häufig kein e eingeschoben wird. Wir werden also in Zukunft einmal dem Gebrauch folgen und auch die e-lose Form angeben:

elend, elender, elendeste/elendste

Sprachregeln sollten mehr beschreiben als vorschreiben – und ohne Ausnahmen und Grenzfälle geht es ja ohnehin nie.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Grammatik oder Rechtschreibung

Die Unterscheidung zwischen Grammatik und Rechtschreibung ist für einige von Ihnen manchmal ein Problem. Der heutige Beitrag beschäftigt sich mit dieser Frage. Sie finden hier aber keine wissenschaftlich fundierte, alles abdeckende Abhandlung. Es ist nur eine kurze und hoffentlich praktische Hilfestellung.

Frage

Bei meiner Korrekturarbeit soll ich nur Rechtschreib-, nicht aber Grammatikfehler verbessern. Nun stellt sich mir die Frage, wie ich Rechtschreib- von Grammatikfehlern abgrenzen soll. Meiner Meinung nach geht es bei der Grammatik um korrekte Deklination und Konjugation und die richtige Satzbildung oder, anders gesagt, um „hörbare“ Fehler. […]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

kurz und kräftig ausgedrückt:

Die Grammatik bestimmt, welche Wörter und Wortformen man in welcher Reihenfolge verwendet. Die Rechtschreibung bestimmt, wie man diese Wortformen schreibt.

Hier ein paar Beispiele, die den Unterschied aufzeigen sollen:

er habt statt er hat = Grammatik
er hatt statt er hat = Rechtschreibung

sie bittete statt sie bat = Grammatik
sie baht statt sie bat = Rechtschreibung

Sehe mich an! statt Sieh mich an! = Grammatik
Sie mich an! statt Sieh mich an! = Rechtschreibung

Hilf mich bitte! statt Hilf mir bitte! = Grammatik
Hilf mier bitte! statt Hilf mir bitte! = Rechtschreibung

weil sie ist krank statt weil sie krank ist = Grammatik
weill si kranck isst statt weil sie krank ist = Rechtschreibung

die Frage, dass statt die Frage, ob = Grammatik
die Tatsache, das statt die Tatsache, dass = Rechtschreibung

das Buch, was du liest statt das Buch, das du liest = Grammatik
das Buch, dass du liest statt das Buch, das du liest = Rechtschreibung

die großschreibung“ statt die Großschreibung = Rechtschreibung

Leistungs Ausweis statt Leistungsausweis = Rechtschreibung

Wenn Sie diese Beispiele laut vorlesen, sehen Sie, dass Ihre Faustregel zutrifft: Grammatikfehler hört man, Rechtschreibfehler nicht.

Grammatik und Rechtschreibung sind also zwei recht unterschiedliche Disziplinen. Die Rechtschreibung kommt aber nicht ohne die Grammatik aus: Bei der Rechtschreibung muss man die Grammatik kennen, wenn es zum Beispiel um die Groß- und Kleinschreibung geht oder wenn unterschiedliche Wortformen gleich klingen, aber unterschiedlich geschrieben werden. Zum Beispiel

Wir leben unser Leben.
Man ist, was man isst.
Ihr seid seit gestern hier.

Die Grammatik hingegen kommt ganz ohne die Rechtschreibung aus. Man kann grammatisch richtig formulieren, ohne sich um die Rechtschreibung kümmern zu müssen. Die Sätze Wir leben unser leben und Ihr seit seit gestern hier sind grammatisch korrekt, nur falsch geschrieben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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