Archiv für Grammatik

An die Elfenbeinküste, in die Elfenbeinküste oder nach Elfenbeinküste

Es steht zwar nicht ganz oben auf der Liste der am meisten besuchten Urlaubsziele, aber falls Sie Ihren Osterurlaub doch einmal in diesem westafrikanischen Land verbringen möchten, fahren Sie dann an die Elfenbeinküste, in die Elfenbeinküste oder nach Elfenbeinküste? Eine ähnliche Frage hat Frau W. gestellt:

Frage

Heißt es „Addah an der Elfenbeinküste“ oder „Addah in der Elfenbeinküste“?

Persönlich finde ich die erste Lösung besser, allerdings schreibt beispielsweise der Duden: „er ist Staatsbürger von Elfenbeinküste“. Sicher, die Elfenbeinküste ist ein Staat, aber klingt das nicht furchtbar?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

es gibt hier keine eindeutig festgelegte, allgemein verbindliche Formulierung. Im offiziellen Verkehr wird im Deutschen im Prinzip der einzige offiziell von diesem Staat akzeptierte Name Côte d’Ivoire verwendet.

Addah liegt in Côte d’Ivoire
die Bevölkerung von Côte d’Ivoire

Sonst ist die Elfenbeinküste oder seltener Elfenbeinküste ohne Artikel üblich:

die Bevölkerung der Elfenbeinküste
die Bevölkerung von Elfenbeinküste

Wenn man den Namen mit Artikel verwendet, kann bei Ortsangaben an oder in stehen. Mit an verweist man auf die Küste dieses Namens, mit in auf den Staat. Es gibt somit drei Möglichkeiten, von denen keine als falsch bezeichnet werden kann:

Addah liegt in Elfenbeinküste
Addah liegt in der Elfenbeinküste
Addah liegt an der Elfenbeinküste

Am schönsten (und interessantesten) klingt für mich an der Elfenbeinküste. Damit ist allerdings eher die Küste als der Staat gemeint. Bei einem Ort, der nicht wie Addah an der Küste, sondern weiter im Landesinnern liegt, verwendet man besser eine dieser Formulierungen:

Yamoussoukro liegt in der Elfenbeinküste
Yamoussoukro liegt in Elfenbeinküste

Die Einwohner und Einwohnerinnen der Elfenbeinküste heißen übrigens offiziell Ivorer und Ivorerinnen und das Adjektiv lautet ivorisch (vgl. d’Ivoire). Da diese Bezeichnungen nicht allzu bekannt sind, würde ich allerdings empfehlen, X der Elfenbeinküste oder Y von Elfenbeinküste zu verwenden, wenn man gerne auf Anhieb verstanden werden möchte.

Man kann also in die Elfenbeinküste/nach Elfenbeinküste fahren, wenn das Land gemeint ist, oder an die Elfenbeinküste, wenn das Ziel der Reise dort am Meer liegt. Ich verbringe Ostern dieses Jahr übrigens ruhig und ohne jeglichen präpositionalen Zweifel zu Hause.

Frohe Ostern!

Dr. Bopp

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Der Großteil der Frauen und seine/ihre Stellung im Beruf?

Frage

Ich stoße in dem folgenden Satz auf ein Problem mit dem Genus:

Der Großteil der Frauen strebt eine möglichst hohe Stellung in seinem/ihrem (?) Beruf an. Dafür müssen sie/muss er (?) …

Was ist hier erlaubt bzw. gefordert, sofern man nicht auf eine andere Formulierung ausweichen möchte?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

hier konstruiert man besser nicht nach „mathematisch-logischer Präzsision“, sondern nach dem Sinn: Nicht der Großteil hat eine Stellung im Beruf, sondern die Frauen haben eine Stellung im Beruf. Auch im weiteren Text ist es sinnvoller, sich auf Frauen und nicht auf die ungenaue Mengenangabe Großteil zu beziehen. Es ist also nicht so, dass sich alles zwingend nach dem grammatischen Subjekt Großteil richten muss:

Der Großteil der Frauen strebt eine möglichst hohe Stellung in ihrem Beruf an. Dafür müssen sie

Umgekehrt ist aber auch die Übereinstimmung nach dem Sinn nicht zwingend. Man kann häufig auch rein grammatisch konstruieren:

Ein Großteil der Befragten ist zufrieden mit seinem Beruf.
Beim Börsencrash verlor ein großer Teil der Anleger sein gesamtes Vermögen.

Und wenn weder das eine noch das andere wirklich zu überzeugen vermag – was bei solchen Konstruktionen häufiger vorkommt –, könnten Sie vielleicht doch eine Umformulierung dieser Art erwägen:

Der Großteil der Frauen strebt einen möglichst hohe Stellung im (eigenen) Beruf an.
Beim Börsencrash verlor ein großer Teil der Anleger das gesamte Vermögen.

Aus diesem Grund schreibe ich auch lieber nicht, dass eine Teil Ihrer Fragen noch auf seine oder ihre Beantwortung wartet, sondern einfach, dass ein Teil Ihrer Fragen noch auf Beantwortung wartet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Nur kein(en) Stress!

Frage

Welche elliptische Formulierung ist korrekt?

(1) Nur kein Stress!
(2) Nur keinen Stress!

Falls (1) korrekt ist – wie erklärt sich der Nominativ, wenn der vollständige Satz doch lautet: „Mach dir nur keinen Stress!“? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr L.

beide Formulierungen können als richtig angesehen werden, je nachdem wie man die Ellipse (den Auslassungssatz) ergänzt. Zum Beispiel:

Mach dir nur keinen Stress!
→ Nur keinen Stress!

Es darf/soll nur kein Stress aufkommen!
→ Nur kein Stress!

Man muss die Äußerung „Nur kein Stress!“ allerdings nicht unbedingt als Ellipse im engeren Sinne ansehen. Sie kann auch als absoluter Nominativ interpretiert werden. Ein absoluter Nominativ ist ein Wort oder ein Satzglied, das nicht in das Satzgefüge eingebunden ist und im Nominativ steht. Solche Nominative stehen mehr oder weniger unabhängig für sich allein. Drei weitere Beispiele:

Zu verkaufen: frischer Spargel
Ein Zufall? Sie trafen sich schon wieder am Bahnhof.
Kilometerlanger Stau wegen Baustelle

Es ist in der Regel möglich, solche absoluten Nominative als Ellipsen zu sehen und sie zu einem vollständigen Satz zu ergänzen, unbedingt notwendig ist es aber nicht. Vgl. hier.

Die Variante im Nominativ scheint übrigens bei der Aufforderung, möglichst ohne Stress zu reagieren, häufiger vorzukommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Etwas tolles Neues und etwas Tolles, Neues

Frage

Bei einem Meeting stand auf einer Power-Point-Folie unter der Rubrik „Ziele für die Zukunft“: „Etwas tolles Neues finden“. Irgendwie kam mir die Schreibweise merkwürdig vor; zumindest habe ich sie so noch nie gesehen. Daher meine Frage: Ist es möglich, dass das substantivierte Adjektiv in diesem Beispiel ein eigenes Adjektiv haben kann? […] Sollte es nicht eher heißen: „Etwas Tolles, Neues finden“ bzw. „Etwas Tolles und Neues finden“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Formulierung ist stilistisch vielleicht nicht die allerschönste und sieht auch etwas ungewohnt aus, aber sie ist möglich. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein substantiviertes Adjektiv durch ein attributives Adjektiv näher bestimmte wird. Ein paar Beispiele:

Mach aus etwas langweiligem Neuen etwas schönes Neues!
Sie wussten viel interessantes Neues zu berichten
Perlen und anderes Schönes
Sie begrüßte die nervösen Kleinen und die sich gelassen gebenden Großen
Sie trug ihr kleines Schwarzes

und

etwas tolles Neues finden

Das zweite Adjektiv ist substantiviert und wird großgeschrieben. Das erste Adjektiv bestimmt als attributives Adjektiv das substantivierte Adjektiv und wird deshalb kleingeschrieben.

Die Formulierungen etwas Tolles, Neues und etwas Tolles und Neues sind natürlich auch möglich, aber die erste wird anders betont (und die zweite enthält ganz offensichtlich ein „und“).

etwas tolles Neues = etwas Neues, das toll ist
etwas Tolles, Neues = etwas, das neu und toll ist

Meist ist der Unterschied zwischen etwas Neuem, das toll ist, und etwas, das neu und toll ist, nicht allzu groß. Das bedeutet aber nicht, dass nicht beide Formulierungen möglich sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kontrafaktische Relativsätze

Meistens versuche ich ja, die Fachterminologie maßvoll zu verwenden. Bei diesem Fachausdruck konnte ich es mir dennoch nicht verkneifen. Ganz so trocken wie es klingt, ist es aber nicht. Es geht um eine schöne Verwendung des Konjunktivs.

Frage

Ab und an stößt man während des Lesens auf den freien Konjunktiv II, der auch in negativen Relativsätzen nicht selten auftritt:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.

Warum findet hierbei der Indikativ eher selten Verwendung? […] Ich möchte hierbei noch anmerken, dass auch ich mich nicht selten zu derartigen Sätzen hinreißen lassen, weil sie nun einmal besser klingen:

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.

Könnte man hier nun auch den Indikativ anwenden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

es handelt sich hier um besondere Nebensätze im Konjunktiv II, die zu den sogenannten kontrafaktischen (irrealen) Relativsätzen gehören. Sie sind von einem übergeordneten Satz abhängig, der verneint ist und dessen Verneinung sich auch auf den Relativsatz bezieht.

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
= Es gab niemanden, für den gilt, dass er in diesem Wald lebte und ein edler Mensch war.

Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Es gibt nichts, für das gilt, dass es (es gibt und) ihn nicht zu faszinieren weiß.

Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.
Es gab keine anmutige Gattin, für die gilt, dass sie zu Hause auf ihn wartete und ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.
Es gibt keinen Menschen, für den gilt, dass er anwesend ist und ihr gefällt.

Die Verneinung im übergeordneten Satz verneint gleichzeitig auch die Aussage im Relativsatz. Der Relativsatz drückt also etwas Irreales, etwas nicht Bestehendes aus. Solche Relativsätze stehen häufig im Konjunktiv II. Es ist aber auch möglich, sie im Indikativ zu formulieren:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl war.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren weiß.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.
Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefällt.

Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die Formulierung im Konjunktiv besser klingt. Sie gibt auch nachdrücklicher an, dass das im Relativsatz Gesagte nicht der Fall ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Liebe ich dich so, wie du bist, oder liebe ich dich, so wie du bist?

Frage

Sind die eingeklammerten Kommas im folgenden Text freigestellt oder verpflichtet?

Behaltet mich(,) so wie ich war(,) im Herzen!

Frage

Wo steht das Komma?

Ich liebe dich so, wie du bist
Ich liebe dich, so wie du bist.

Antwort

Sehr geehrter Herr L., sehr geehrte Frau B.,

die Kommas sind obligatorisch, weil hier ein Nebensatz eingeschoben wird und Nebensätze durch Kommas abgetrennt werden müssen.

Behaltet mich, so wie ich war, im Herzen!

Das erste Komma kann auch an einer anderen Stelle stehen:

Behaltet mich so, wie ich war, im Herzen!

Man kann das so nämlich als Teil des Hauptsatzes sehen. In der gesprochenen Sprache trägt es dann eine starke Betonung und man hört nach ihm eine Pause:

Behaltet mich so, wie ich war, im Herzen!
= Behaltet mich so im Herzen, wie ich war!

Das so kann aber auch Teil einer mehrteiligen Nebensatzeinleitung sein. Es wird dann weniger stark betont und die Pause wird vor ihm gemacht:

Behaltet mich, so wie ich war, im Herzen.
= Behaltet mich im Herzen, so wie ich war.

Auch die folgende Liebeserklärung kann „kommamäßig“ auf zwei Arten formuliert werden:

Ich liebe dich so, wie du bist.
= Ich sage, dass ich dich so liebe, wie du bist.

Ich liebe dich, so wie du bist.
= Ich sage, dass ich dich liebe, so wie du bist.

Wenn Sie also einmal zweifeln, ob Sie bei so wie vor einem Nebensatz das Komma vor oder nach so setzen sollten, fügen Sie es einfach dort ein, wo Sie beim lauten Lesen eine Pause machen würden. Und wenn Sie finden, dass beide Betonungen möglich sind, ohne dass sich die Bedeutung merkbar ändert, sind einfach auch beide Schreibungen möglich.

Und verwechseln Sie so wie nicht mit sowie!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater …

Frage

Ich sah den folgenden Relativsatz in einem Buch und ich habe mir gedacht, dass er ein wenig sonderbar ist:

Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.

Meine Frage lautet: Warum schrieb der Autor „dessen ihr…“? Das Relativpronomen „dessen“ ist ein Genitiv und gibt ein Besitzverhältnis an. Warum steht dann dennoch auch das Possessivpronomen „ihr“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Relativsatz ist nicht ein wenig sonderbar, er ist falsch. Der Anschluss dessen ihr ist hier eventuell eine Art Regionalismus, eine bewusst gewählte Abweichung von der Norm oder eine falsche Mischform zwischen Standardsprache und Umgangssprache (siehe unten). Genaueres kann ich dazu nicht sagen, denn ich habe diese Wendung noch nie bewusst gesehen.

Standardsprachlich richtig ist hier

Es waren einmal drei Brüder, deren Vater ihnen Geld hinterließ.
(Genitiv deren: Wessen Vater hinterließ ihnen Geld?)

oder

Es waren einmal drei Brüder, denen der Vater Geld hinterließ.
(Dativ denen: Wem hinterließ der Vater Geld?)

Ganz aus der Luft gegriffen ist das Possessivpronomen ihr in Ihrem Satz allerdings nicht. Es passt nur nicht zur Genitivform dessen oder deren. Umgangssprachlich steht nämlich anstelle des Genitivs manchmal auch der Dativ mit einem Possessiv (siehe hier). Zum Beispiel:

dem Dr. Bopp sein Blog = Dr. Bopps Blog
den drei Brüdern ihr Vater = der Vater der drei Brüder

Rein umgangssprachlich wäre also auch der Anschluss mit einem Dativ und einem Possesivpronomen möglich:

Es waren einmal drei Brüder, denen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.
(Dativ + Possessiv denen ihr: Wem sein Vater hinterließ ihnen Geld?)

In der Standardsprache sollte man aber auf Sätze verzichten, *denen ihre Formulierung wie diese als falsch gilt, und besser Sätzen verwenden, deren Formulierung nicht in Frage gestellt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Voller

Frage

Welche Wortart ist „voller“ in der Bedeutung „voll mit“ bzw. „voll von“, wie in zum Beispiel folgendem Kontext: „Er betrat einen Raum voller Kunstgegenstände“ ?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

voller ist hier eine erstarrte Genitivform von voll, die manchmal zu den Präpositionen gerechnet wird, manchmal aber auch wie voll in gleicher Stellung zu den Adjektiven. Es gibt Argumente für und gegen beide Interpretationen. Dass voller irgendwo dazwischen liegt, zeigen andeutungsweise diese beiden Vergleiche:

ein Raum voller Kunstgegenstände
ein Raum ohne Kunstgegenstände

ein Raum voller Kunstgegenstände
ein Raum voll Kunstgegenstände

Allein stehende Substantive werden nach „voller“ im Nominativ resp. ungebeugt verwendet:

ein Raum voller Kunstgegenstände
Die Bäume waren voller Vögel
Sie sah mich voller Misstrauen an

Tritt ein Adjektiv hinzu, verwendet man den Genitiv:

ein Raum voller interessanter Kunstgegenstände
Die Bäume waren voller zwitschernder Vögel
Sie musterten einander voller gegenseitigen Misstrauens

Häufiger als voller wird einfach voll verwendet. Dabei gibt es eine erstaunliche Variantenvielfalt. Hier nur ein paar Beispiele:

ein Raum voll Kunstgegenstände
ein Raum voll von/mit Kunstgegenständen
ein Raum voll neuer Kunstgegenstände
ein Raum voll neuen Kunstgegenständen
ein Raum voll von/mit neuen Kunstgegenständen

Wer versucht, diese Situation in einfacher Weise zusammenzufassen, sieht bald einmal vor lauter Formen die Regel nicht mehr. Auch hier zeigt sich das Deutsche als eine Sprache voll/voller/voll von Varianten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von deinem/deinen 50 % Rabatt profitieren

Frage

Ich bin gerade auf folgende Unsicherheit […] gestoßen: Wenn eine Mengenangabe im Plural kombiniert mit einem Substantiv im Singular steht und ein Adjektiv hinzukommt, folgt dessen Deklination dann der Mengenangabe (Plural) oder dem Substantiv (Singular)? Oder geht beides?

Beispiel: „Profitiere von deinen 50 % Rabatt“ oder „von deinem 50 % Rabatt“.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

in diesem Fall sind beide Formulierungen möglich. Sie werden aber nicht ganz gleich geschrieben:

a) Profitiere von deinen 50 % Rabatt!
b) Profitiere von deinem 50 %-Rabatt!

Oder mit Prozent statt %:

a) Profitiere von deinen 50 Prozent Rabatt!
b) Profitiere von deinem 50-Prozent-Rabatt!

Sie sind wahrscheinlich eher an der Formulierung a) interessiert. Bei einer Mengenangabe im Plural und einem Substantiv im Singular richtet man sich in der Regel nach der Mengenangabe:

Diese 100 Gramm Mehl in die Masse einrühren.
Die Kapseln enthalten die letzten 2 ml Impfstoff.
Wie werde ich meine zwei Kilo Weihnachtsspeck wieder los?
Profitiere von deinen 50 % Rabatt!

Ganz unabhängig davon, wie man es formuliert und schreibt, sind 50 % Rabatt resp. ist ein 50 %-Rabatt ein Preisnachlass, von dem man tatsächlich profitieren sollte (falls man das so Angepriesene auch wirklich will und braucht).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Anhand welches/welchen Beispiels

Frage

Ein Gutachter besteht auf der Änderung von „anhand welches Beispiels“ zu „anhand welchen Beispiels“. Zu Recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Gutachter hat nur insofern recht, als neben „anhand welches Beispiels“ häufig die Formulierung „anhand welchen Beispiels“ vorkommt. Beide gelten als korrekt. Siehe hier.

Wie kommt es zu dieser Variation? Sie hat mit Unterschieden zwischen der Beugung von Adjektiven und der Beugung von Pronomen zu tun.

Adjektive haben im männlichen und sächlichen Genitiv Singular die Endung en:

wegen schlechten Wetters
ein Sortiment feinsten französischen Käses
der Kauf eines sportlichen Fahrrads

Als typische Pronomenendung im männlichen und sächlichen Genitiv Singular gilt die Endung es:

wegen dieses Wetters
der Verzehr jenes Käses
der Diebstahl meines Fahrrads

Und hier beginnen die Inkonsequenzen. Das Deutsche hat nämlich die sparsame Neigung, gewisse Aspekte nur einmal auszudrücken. Wenn es schon eine Endung [e]s gibt, die eindeutig den Genitiv ausdrückt, reicht das. Das zeigt sich bei der Adjektivbeugung, in der es statt der Genitivendung es nur noch die schwache Endung en gibt (siehe Beispiele oben).

Dieser Tendenz folgen auch die Pronomen: Wenn sie im Genitiv vor einem Substantiv mit der Endung (e)s stehen, haben einige von Ihnen die Neigung, die Adjektivendung en statt der Pronomenendung es anzunehmen. Einmal es reicht ja, um den Genitiv auszudrücken. Bei einigen Pronomen gelten beide Formen standardsprachlich als korrekt:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
im Leben (manches)/manchen Kindes
anhand welches/welchen Beispiels

Aber vor Substantiven ohne die Endung (e)s nur:

im Leben jedes Menschen
nach der Meinung manches Studenten
mit Hilfe welches Assistenten

Und damit es ja nicht zu einfach wird: Für die Pronomen dieser, jener, mein/dein/etc. und kein gilt das oben Gesagte nicht. Sie folgen zwar auch dieser Tendenz – vor allem in festeren Wendungen –, aber bei ihnen gelten die Genitivformen mit en (vorläufig) noch als falsch. Und somit sind wir bei einem recht bekannten Streitfall: Standardsprachlich besser nicht

Anfang diesen Jahres
Personen Ihren Alters
jemanden keinen Blickes würdigen

sondern

Anfang dieses Jahres
Personen Ihres Alters
jemanden keines Blickes würdigen

Die Endung en verdrängt im Genitiv also langsam die Endung es. Bei den Adjektiven ist es ihr schon vollständig gelungen, bei den Pronomen ist die Übernahme noch nicht ganz vollzogen. Es ist also nicht erstaunlich, dass in einer solchen Übergangsphase viele Unsicherheiten entstehen. Als Trost mag gelten: So komplex es auch scheint, meistens geht es dennoch spontan gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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