Archiv für Grammatik

Ein „nicht“, das nicht das Gegenteil ausdrückt: „bevor … nicht“

Frage

Mir sind heute der Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank voll ist“ und der bedeutungsgleiche Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank nicht voll ist“ aufgefallen. Gibt es da etwas Interessantes zu sagen, dass die Bedeutung trotz Verneinung gleich bleibt?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

dieses nicht ist tatsächlich erstaunlich, denn üblicherweise drücken eine Aussage mit nicht und eine Aussage ohne nicht nicht dasselbe, sondern ziemlich genau das jeweilige Gegenteil aus. Dieses nicht ist auch nicht ganz unumstritten. Da seine Funktion nicht die Verneinung ist und man es auch weglassen kann, halten manche es für überflüssig oder sogar falsch. Doch eins nach dem anderen:

Verneinte Satzgefüge mit bevor und ehe haben oft die Bedeutung eines Bedingungssatzes. Der Nebensatz gibt eine Bedingung an, die erfüllt sein muss. Dabei muss der Hauptsatz verneint sein. Und nun kommt der interessanten Aspekt: Der Nebensatz kann ohne Bedeutungsunterschied mit oder ohne nicht stehen:

Ich bezahle nichts, bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte.
Bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte, bezahle ich nicht.
Ehe ich (nicht) mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, ehe der Tank (nicht) voll ist.

Die Verwendung dieses weglassbaren nicht im Nebensatz wird von einigen als umgangssprachlich oder falsch angesehen. Sie erklärt sich aus der speziellen konditionalen Bedeutung solange nicht, wenn nicht dieser temporalen (zeitlichen) Konjunktionen:

Solange ich nicht mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, solange der Tank nicht voll ist.

Man sollte diese spezielle Konstruktion wenigstens tolerieren, denn in einigen Fällen kann das nicht kaum weggelassen werden, ohne dass ein recht ungewöhnlich klingender Satz entsteht:

Du erhältst kein Geld, bevor du nicht sagst, was du damit machen willst.
Du erhältst kein Geld, bevor du sagst, was du damit machen willst. ??

Mir gefällt dieses weglassbare nicht sehr gut, weil es eine sprachliche Eigenartigkeit ist, die sich nicht auf Anhieb erklären lässt, wenig mit Logik zu tun hat, trotzdem gut verständlich ist und die Sprache ein bisschen abwechslungsreicher macht. Man sollte es nicht verurteilen, ehe man nicht auch diesen Aspekt berücksichtigt hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Lasst uns uns(?) am Bahnhof treffen

Frage

„Lasst uns um 10 Uhr am Bahnhof treffen!“ Sätze dieser Art hört man sehr häufig, doch sie klingen für mich grammatisch falsch. Ich meine, der Satz braucht ein „uns“ […] nach „lasst“ (lasst uns) und außerdem ein „uns“ […] vor „treffen“ (uns treffen). Mit zwei „uns“ (lasst uns uns treffen) mag der Satz jetzt zwar grammatisch richtig sein, doch ich habe ihn noch von niemandem so gehört.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

der Satz „Lasst uns am Bahnhof treffen!“ ist unvollständig. Wie Sie richtig bemerken, muss sowohl das uns der Aufforderung „lasst uns!“ als auch das Reflexivpronomen uns von „uns treffen“ stehen. Grammatisch richtig wäre deshalb:

Lasst uns uns am Bahnhof treffen!

Da dieses doppelte uns immer wieder Anlass zu Zweifeln gibt und der Satz durch die Wiederholung sowieso stilistisch eher unschön ist, kann man am besten umformulieren. Hier ist das nicht allzu schwierig, weil man uns einfach durch einander ersetzen kann:

Lasst uns einander am Bahnhof treffen!

In anderen Fällen ist es etwas schwieriger. Zum Beispiel:

Lasst uns uns nicht darüber ärgern!
besser z. B.: Ärgern wir uns nicht darüber!

Lasst uns uns freuen!
besser z. B.: Wir wollen und freuen! / Freuen wir uns!

Diese kleine Hürde wirft lassen übrigens nicht nur bei uns auf:

Lassen Sie mich mich vorstellen
besser z. B.: Gestatten Sie mir mich vorzustellen.

Wir lassen euch euch konzentrieren.
besser z. B.: Wir lassen euch Zeit, euch zu konzentrieren.

Lasst uns uns merken, dass wir besser „Merken wir uns, dass …“ sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Am elendesten oder am elendsten?

Frage

Warum wird das Adjektiv elend im Superlativ am elendesten um ein e erweitert, wenn doch die Regel lautet: est steht bei ENDbetontem Stamm mit d.

Antwort

Guten Tag A.,

die Regel, die Sie zitieren und die in ähnlicher Form auch auf unseren Seiten steht, ist einfach, aber sie trifft den Nagel nicht ganz auf den Kopf. Die e-Erweiterung (est statt nur st) findet genau genommen nicht bei Adjektiven statt, die auf der letzten Silbe betont sind, sondern bei Adjektiven, die auf eine Silbe mit einem Vollvokal enden. So sind Adjektive auf haft und los zwar nicht endbetont, ihre Endsilbe hat aber einen Vollvokal (unbetontes a resp. unbetontes o). Sie bilden deshalb den Superlativ „trotzdem“ mit est:

boshafteste
zweckloseste

Adjektivisch verwendete Partizipien auf end haben keinen solchen Vollvokal, sondern ein Schwa (ə), das nicht betont werden kann und das in der gesprochenen Sprache sogar ganz wegfallen kann (hier als Apostroph dargestellt). Sie bilden den Superlativ entsprechend mit st:

aufregend (aufregənd/aufreg’nd)
aufregendste (aufregəndste/aufreg’ndste)
blühend (blühənd/blüh’nd)
blühendste (blühəndste/blüh’ndste)
dringend (dringənd/dring’nd)
dringendste (dringəndste/dring’ndste)

Nun zu elend: Dieses Adjektiv endet eigentlich auf einen Vollvokal, ein unbetontes offenes e (ɛ), und nicht wie zum Beispiel fehlend oder stehlend mit einem Schwa. So sind fehlend und elend keine richtigen Reimwörter:

fehlend (fehlənd/fehl’nd)
elend (elɛnd/aber nicht: el’nd)

Da elend anders als zum Beispiel fehlend oder dringend mit einem Vollvokal endet, halten wir in Canoonet die Superlativform elendeste für richtig

elend, elender, elendeste

Ganz ohne ein Aber geht es allerdings nicht. Die Superlativform elendste kommt ebenfalls häufig vor. Das kann verschiedene Gründe haben: Der Vokal der zweiten Silbe von elend ist viel weniger als unbetonter Vollvokal erkennbar als zum Beispiel das a in Oma oder zweifelhaft und das o in Auto oder herzlos. Die Form elend sieht aus wie die adjektivischen Präsenspartizipien, die den Superlativ ggf. ohne e bilden. Vielleicht hat sogar die eingangs erwähnte, nicht ganz zugtreffende Regel einen Einfluss darauf, dass hier häufig kein e eingeschoben wird. Wir werden also in Zukunft einmal dem Gebrauch folgen und auch die e-lose Form angeben:

elend, elender, elendeste/elendste

Sprachregeln sollten mehr beschreiben als vorschreiben – und ohne Ausnahmen und Grenzfälle geht es ja ohnehin nie.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Grammatik oder Rechtschreibung

Die Unterscheidung zwischen Grammatik und Rechtschreibung ist für einige von Ihnen manchmal ein Problem. Der heutige Beitrag beschäftigt sich mit dieser Frage. Sie finden hier aber keine wissenschaftlich fundierte, alles abdeckende Abhandlung. Es ist nur eine kurze und hoffentlich praktische Hilfestellung.

Frage

Bei meiner Korrekturarbeit soll ich nur Rechtschreib-, nicht aber Grammatikfehler verbessern. Nun stellt sich mir die Frage, wie ich Rechtschreib- von Grammatikfehlern abgrenzen soll. Meiner Meinung nach geht es bei der Grammatik um korrekte Deklination und Konjugation und die richtige Satzbildung oder, anders gesagt, um „hörbare“ Fehler. […]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

kurz und kräftig ausgedrückt:

Die Grammatik bestimmt, welche Wörter und Wortformen man in welcher Reihenfolge verwendet. Die Rechtschreibung bestimmt, wie man diese Wortformen schreibt.

Hier ein paar Beispiele, die den Unterschied aufzeigen sollen:

er habt statt er hat = Grammatik
er hatt statt er hat = Rechtschreibung

sie bittete statt sie bat = Grammatik
sie baht statt sie bat = Rechtschreibung

Sehe mich an! statt Sieh mich an! = Grammatik
Sie mich an! statt Sieh mich an! = Rechtschreibung

Hilf mich bitte! statt Hilf mir bitte! = Grammatik
Hilf mier bitte! statt Hilf mir bitte! = Rechtschreibung

weil sie ist krank statt weil sie krank ist = Grammatik
weill si kranck isst statt weil sie krank ist = Rechtschreibung

die Frage, dass statt die Frage, ob = Grammatik
die Tatsache, das statt die Tatsache, dass = Rechtschreibung

das Buch, was du liest statt das Buch, das du liest = Grammatik
das Buch, dass du liest statt das Buch, das du liest = Rechtschreibung

die großschreibung“ statt die Großschreibung = Rechtschreibung

Leistungs Ausweis statt Leistungsausweis = Rechtschreibung

Wenn Sie diese Beispiele laut vorlesen, sehen Sie, dass Ihre Faustregel zutrifft: Grammatikfehler hört man, Rechtschreibfehler nicht.

Grammatik und Rechtschreibung sind also zwei recht unterschiedliche Disziplinen. Die Rechtschreibung kommt aber nicht ohne die Grammatik aus: Bei der Rechtschreibung muss man die Grammatik kennen, wenn es zum Beispiel um die Groß- und Kleinschreibung geht oder wenn unterschiedliche Wortformen gleich klingen, aber unterschiedlich geschrieben werden. Zum Beispiel

Wir leben unser Leben.
Man ist, was man isst.
Ihr seid seit gestern hier.

Die Grammatik hingegen kommt ganz ohne die Rechtschreibung aus. Man kann grammatisch richtig formulieren, ohne sich um die Rechtschreibung kümmern zu müssen. Die Sätze Wir leben unser leben und Ihr seit seit gestern hier sind grammatisch korrekt, nur falsch geschrieben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Jeder im Genitiv

Eine Frage, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder einmal auftaucht: allein stehendes jeder im Genitiv.

Frage

Folgendes ist ein klarer Genitivfall:

sich einer Sache bewusst sein
sich einzelner Schritte bewusst sein
sich seiner einzelnen Schritte bewusst sein

Wie sieht es aber aus, wenn das Indefinitpronomen „jeder“ vorangeht?

sich jeden seiner einzelnen Schritte bewusst sein
sich jedes seiner einzelnen Schritte bewusst sein
oder
sich jedem seiner einzelnen Schritte bewusst sein

Antwort

Guten Tag Frau H.,

keiner der beiden Vorschläge ist (zumindest standardsprachlich) korrekt. Das liegt daran, dass man die Genitivform jedes/jeden nur dann im Genitiv verwenden kann, wenn sie attributiv vor einem Nomen steht. Zum Beispiel:

im Leben jedes Menschen
am Ende jedes/jeden Tages (zu jedes/jeden siehe hier)
sich jedes einzelnen Schrittes bewusst sein

Wenn das Wort jeder nicht attributiv vor einem Nomen steht, kann es nicht im Genitiv verwendet werden. Für eine Erklärung, warum das genau so ist, müsste ich raten. Es geht ganz einfach nicht. Man muss dann auf eine andere Formulierung (z. B. ein jeder, alle, aber in diesem Fall nicht auf den Dativ) ausweichen:

im Leben eines jeden
im Interesse eines jeden / im Interesse aller

In Ihrem Satz wird jedes nicht attributiv verwendet, das heißt, es bestimmt nicht ein nachfolgendes Substantiv näher. Das Pronomen hat umgekehrt eine nähere Bestimmung bei sich, nämlich das Genitivattribut seiner einzelnen Schritte. Das sieht man gut, wenn man es durch die Fälle dekliniert:

Jeder seiner einzelnen Schritte ist gut vorbereitet.
Er hat jeden seiner einzelnen Schritte gut geplant.
Er hat bei jedem seiner einzelnen Schritten gut nachgedacht.

Und somit sind wir bei Ihrem Problem angelangt. Da die Genitivform jedes/jeden nur attributiv verwendet werden kann und hier keine attributive Verwendung vorliegt, muss auf eine andere Formulierung ausgewichen werden:

Man muss sich eines jeden seiner einzelnen Schritte bewusst sein.
Man muss sich all seiner einzelnen Schritte bewusst sein.

Siehe auch einen schon fast zehn Jahre alten Blogeintrag zu diesem Thema.

Das Gute an der komplizierten Sache ist, dass sich dieses Problem vor allem dann stellt, wenn man aus irgendeinem Grund ganz systematisch vorgehen will. Im normalen Sprachgebrauch vermeidet man solche Formen üblicherweise mehr oder weniger unbewusst, indem man eines der „Ausweichmanöver“ anwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kommt/Kommen du und deine Schwester …?

Wenn Deutsch Ihre Muttersprache ist, haben Sie sich diese Frage wahrscheinlich noch nie gestellt. Für mich persönlich war sie jedenfalls nie ein Problem, bis sie mir im Rahmen dieser Rubrik zum ersten Mal begegnete und ich bei ihrer Beantwortung auf Anhieb unsicher wurde. Es ist eine Frage, die regelmäßig gestellt wird, in der Regel durch Deutsch Lernende oder Deutsch Unterrichtende (Deutsch als Fremdsprache). Wie wahrscheinlich viele von Ihnen umgehe ich das Problem häufig unbewusst, indem ich leicht anders formuliere.

Frage

Was ist korrekt?

Du und deine Schwester kommt aus der Schweiz.
Du und deine Schwester kommen aus der Schweiz.

Kommt du und deine Schwester aus der Schweiz?
Kommen du und deine Schwester aus der Schweiz?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

wenn mit und verbundene Subjektteile nicht der gleichen grammatischen Person entsprechen, geht man am besten wie folgt vor (siehe hier)

1. und 2. Person = wir
1. und 3. Person = wir
2. und 3. Person = ihr

Zum Beispiel:

Du und ich müssen zusammen etwas unternehmen.
Ihr und ich sind uns also einig.
Wir und ihr sollten uns für unsere Herkunft nicht schämen.
Seid du und dein Bruder einander sehr ähnlich?
Ihr und eure Eltern seid herzlich eingeladen.

Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Du und deine Schwester kommt aus der Schweiz.
Kommt du und deine Schwester aus der Schweiz?

Diese Hürde wird häufig mehr oder weniger unbewusst umgangen, indem das entsprechende Personalpronomen eingefügt wird.

Du und ich, wir müssen zusammen etwas unternehmen.
Ihr und ich, wir sind uns also einig.
Wir und ihr, wir sollten uns für unsere Herkunft nicht schämen.
Seid ihr, du und dein Bruder, einander sehr ähnlich?
Ihr und eure Eltern, ihr seid herzlich eingeladen.

Du und deine Schwester, ihr kommt aus der Schweiz.
Kommt ihr, du und deine Schwester, aus der Schweiz?

Der Einschub des Personalpronomens ist natürlich nicht obligatorisch, aber er kann häufig helfen, den Satz weniger holprig oder weniger gekünstelt erscheinen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Während mehr als eines Jahres?

Frage

Ich kenne die Regel, dass „bis zu“ oder auch „mehr als“ als Gradpartikeln fungieren können und dann keinen Einfluss auf den Kasus der nachfolgenden Nominalgruppe haben. Aber: Klingen die Beispiele in der Betreffzeile auch in Ihren Ohren schief? Ich neige in beiden Fällen dazu, den Dativ zu setzen. Ist der Genitiv überhaupt korrekt?

Also: während mehr als einem Jahr / während bis zu einem Monat

Antwort

Guten Tag Herr F.,

nach der allgemeinen Regel müssten Sie wie folgt formulieren, denn während verlangt standardsprachlich den Genitiv:

während mehr als eines Jahres
während bis zu eines Monats

In der Schweiz ginge mit einiger Nachsicht evtl. auch der Dativ:

während mehr als einem Monat
während bis zu einem Monat

Das Ganze klingt auch in meinen Ohren sonderbar. Das liegt aber weder am Genitiv noch am Dativ, sondern daran, dass diese Formulierung nicht üblich ist.

Man verwendet zeitliches während bei der Angabe eines begrenzten Zeitabschnittes (wann?):

Es hat während der ganzen Ferien geregnet
während des Krieges
während der Nacht
während dieser beiden Monate

Für die Angabe einer reinen Zeitdauer (wie lange?) verwendet man besser eine Formulierung ohne während:

Es hat drei Tage [lang] geregnet
(besser als während dreier Tage)
Sie haben zehn Jahre [lang] nicht miteinander geredet
(besser als während zehn Jahren)

Die beste Formulierung wäre somit für Ihre Beispiele:

mehr als ein Jahr [lang]
bis zu einen Monat [lang]

Wie so oft sind die Übergänge allerdings auch hier fließend: Es ist nicht immer grundsätzlich falsch und auch keine stilistische Todsünde, während für die Angabe einer Zeitdauer zu verwenden. Wundern Sie sich also nicht über Wendungen wie während Monaten (statt besser monatelang) oder während fünf Stunden und zücken Sie auch nicht gleich den Rotstift.

Mit freundlichen Grüßen

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Vom Haushalten, Staubsaugen und Gewährleisten

Frage

Wie heißt es richtig: „dass du mit deinen Kräften haushältst“ oder „dass du mit deinen Kräften haushaltest“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

bei haushalten gilt Ähnliches wie bei u. a. staubsaugen und gewährleisten. Diese Verbindungen können nämlich sowohl untrennbare Verbkomposita als auch trennbare Verbverbindungen sein.

Bei untrennbar gewährleisten und trennbar Gewähr leisten ändert sich auch die Satzkonstruktion:

etwas gewährleisten
Wir gewährleisten die pünktliche Lieferung der Waren.
Wir können einen reibungslosen Ablauf gewährleisten.
Wir tun alles, um die Sicherheit zu gewährleisten.
Die Richtigkeit der Angaben wird nicht gewährleistet.

für etwas Gewähr leisten
Wir leisten für die pünktliche Lieferung der Waren Gewähr.
Wir können für einen reibungslosen Ablauf Gewähr leisten.
Wir tun alles, um für die Sicherheit Gewähr zu leisten.
Für die Richtigkeit der Angaben wird keine Gewähr geleistet.

Wenn staubsaugen ohne Akkusativobjekt steht, kann es auch Staub saugen sein:

staubsaugen
Er staubsaugt im ganzen Haus.
Ich muss noch staubsaugen und die Küche putzen.
Vergiss nicht zu staubsaugen!
Ich habe gestern schon gestaubsaugt.

Staub saugen
Er saugt im ganzen Haus Staub.
Ich muss noch Staub saugen und die Küche putzen.
Vergiss nicht Staub zu saugen!
Ich habe gestern schon Staub gesaugt.

Mit Akkusativobjekt ist nur die untrennbare Variante üblich:

etwas staubsaugen
Er staubsaugt das ganze Haus.
Ich muss noch den Teppich staubsaugen.
Vergiss nicht, dein Zimmer zu staubsaugen!
Ich habe es gestern schon gestaubsaugt.

Und nun sind wir endlich bei „Ihrem“ Verb: Neben dem untrennbaren haushalten gibt es auch das trennbare Haus halten. Anders als bei den vorhergehenden Verben gibt es hier keine Unterschiede auf der Ebene der möglichen Ergänzungen. Die Unterschiede zeigen sich bei den Wortformen: Das Verb haushalten ist regelmäßig, halten in Haus halten aber unregelmäßig:

(mit etwas) haushalten
Er haushaltet nicht gut mit seiner Zeit.
Ich kann einfach nicht haushalten.
Versuche, besser mit deinen Mitteln zu haushalten.
Die Kieler Mannschaft haushaltete klug mit ihren Kräften und gewann.
Es muss vorausschauend mit den Vorräten gehaushaltet werden.

(mit etwas) Haus halten
Er hält nicht gut mit seiner Zeit Haus.
Ich kann einfach nicht Haus halten.
Versuche, besser mit deinen Mitteln Haus zu halten.
Die Kieler Mannschaft hielt klug mit ihren Kräften Haus und gewann.
Es muss vorausschauend mit den Vorräten Haus gehalten werden.

Der vielen Beispiele und der langen Rede kurzer Sinn: Diese beiden Formulierungen sind korrekt:

dass du mit deinen Kräften haushaltest
dass du mit deinen Kräften Haus hältst

So, und jetzt widme ich mich dem Frühlingsputz und gehe Staub saugen bzw. staubsaugen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Anredenominativ macht nicht richtig mit

Frage

Eine Frage:

Für Sie, liebe Studienkollegen, beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
liebe Studienkollegen = lockere Apposition

Wie schaut es aus, wenn ich umstelle?

Liebe Studienkollegen, für Sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Wie kann ich den Satz analysieren?

Liebe Studienkollegen = Anrede
für Sie = Präpositionalobjekt
beginnt = Prädikat
ein neuer Lebensabschnitt = Subjekt

Könnte, ganz weit gefasst, die Anrede auch als Apposition verstanden werden?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

im ersten Satz könnte die Anrede auf den ersten Blick als lockere Apposition gesehen werden. Es ist aber üblich, Anreden als relativ eigenständige Einheiten zu betrachten, die außerhalb der eigentlichen Satzkonstruktion stehen. So stehen sie zum Beispiel immer im „neutralen“ Nominativ (Anredenominativ). Man sieht das allerdings wie in Ihren Beispielen häufig nicht, deshalb hier zwei andere, anschaulichere Beispiele:

Für dich[Akk], lieber Studienkollege[Nom], beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
Lieber Studienkollege[Nom], für dich[Akk] beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Zusammen mit Ihnen[Dat], liebe Studienkolleginnen[Nom], beginnen wir ein neues Jahr.
Liebe Studienkolleginnen[Nom], zusammen mit Ihnen[Dat] beginnen wir ein neues Jahr.

Ein zweites Indiz dafür, dass Anreden im Satz nicht richtig mitmachen, ist die Satzstellung. In einem Aussagesatz kann immer nur ein Satzglied im Vorfeld (vor der konjugierten Verbform) stehen. Wenn eine Anrede am Anfang eines Aussagesatzes steht, folgt nicht das Verb, sondern immer zuerst ein anderer Teil des Satzes:

nicht: Lieber Freund, habe ich gelesen deine Mail.
sondern: Lieber Freund, ich habe deine Mail gelesen.

Anreden stehen immer im Nominativ, können nicht das Vorfeld besetzen und gehören somit nicht zur eigentlichen Satzkonstruktion. Sie machen im Satz gewissermaßen nicht richtig mit. Es ist deshalb besser, liebe Studienkollegen in beiden Sätzen als Anrede zu bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Man selbst sein und sich selbst sein

Frage

Mein Kollege im Korrektorat hat den Satz „Man kann sich selbst sein“ in „Man kann man selbst sein“ korrigiert. Meiner Meinung nach ist das falsch. Ich glaube nicht, dass „man“ die Funktion eines Reflexivpronomens übernehmen kann.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die Formulierung Ihres Kollegen ist nicht falsch. Die standardsprachlich korrekte Formulierung ist tatsächlich:

Man kann man selbst sein.

Hier steht nicht das Reflexivpronomen, sondern ein Personalpronomen oder im Fall von man ein unbestimmtes Pronomen im Nominativ. Wir haben es nämlich mit einer Konstruktion zu tun, in der das Verb sein zwei Nominative, das Subjekt und ein Prädikativ, miteinander verbindet:

Wer kann wer oder was sein?

Das Problem: Ein Reflexivpronomen im Nominativ gibt es nicht (vgl. hier).

Standardsprachlich steht hier deshalb zweimal das Personalpronomen:

Wer bin ich? – Ich bin ich selbst.
Wer willst du sein? – Du willst du selbst sein.
Wer kann sie sein? – Sie kann sie selbst sein.
Wer dürfen wir sein? – Wir dürfen wir selbst sein.

Das gilt auch für das unbestimmte man:

Wer kann man sein? – Man kann man selbst sein.

Soweit die grammatisch korrekte Version in der Standardsprache. Wahrscheinliche Reaktionen sind nun zustimmendes „Ja, natürlich“ oder zweifelndes „Wirklich?“.

Mehr oder weniger umgangssprachlich verwendet man in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz bei dieser Wendung nämlich häufig „trotzdem“ das Reflexivpronomen:

Ich kann mich selber sein.
Er kann sich selbst sein
Man kann sich selber sein.

Auch wenn sie anderswo mit viel Skepsis empfangen wird, kommt diese „falsche“ Formulierung im südlichen deutschen Sprachraum vermutlich mindestens so häufig vor wie die korrekte. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sie in Ihren Ohren gar nicht falsch klingt. Wenn in einem Text eher Umgangssprachliches erlaubt ist, kann insbesondere im südlichen deutschen Sprachraum auch Man kann sich selbst sein stehen. In einem formellen, standardsprachlichen Text wählen Sie besser Man kann man selbst sein (oder noch besser eine andere Formulierung).

In der Wendung sich selbst sein wird das Reflexivpronomen sich also auch im Nominativ verwendet. Das kann man nun sehr abwegig finden, aber wir verwenden sich problemlos auch im Dativ, obwohl es ursprünglich nur im Akkusativ vorkam (vgl. mit den Formen mich und dich). Was ist also „falscher“, das Personalpronomen ausnahmsweise auch einmal rückbezüglich zu verwenden oder das Reflexivpronomen ausnahmsweise auch einmal im Nominativ zuzulassen? In der Standardsprache gilt nur man selbst sein als richtig, „im Süden“ findet man (auch) sich selbst sein akzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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