Archiv für Grammatik

Ist sie einen Meter siebzig oder ein Meter siebzig groß?

Hier geht es natürlich nicht darum, wie groß Frau F. ist (zwischen einen Meter groß und ein Meter groß lässt sich schwerlich ein Größenunterschied feststellen), sondern darum, ob die Maßangabe im Nominativ oder im Akkusativ stehen sollte.

Frage

Ich habe folgenden Zweifel: Sagt man auf Deutsch „Ich bin einen Meter siebzig groß“ oder „Ich bin ein Meter siebzig groß“?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

am besten sagen und schreiben Sie:

Ich bin einen Meter siebzig groß.

Es handelt sich hier um einen Adverbialakkusativ oder adverbialen Akkusativ, der vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Zeitangaben wie letzten Freitag, nächsten Sommer, jeden Monat oder den ganzen Tag schon einmal im Blog vorbeigekommen ist (siehe hier). Adverbiale Akkusative stehen auch bei den sogenannten Maßadjektiven. Hier ein paar Beispiele:

Unser Kind ist einen Monat alt
Der Stoff ist einen Meter breit
Die Mauern der Burg sind einen Meter dick
Die Kommode ist einen Meter zwanzig hoch
Die Insel ist gut einen Kilometer lang
Der Sack ist einen Zentner schwer
Das Loch ist einen halben Meter tief
Das ist keinen Euro wert

So weit so gut – und wenn Sie wenig Konsequentes nicht mögen, lesen Sie nun am besten nicht weiter.

Wenn man sich nämlich in die wirkliche Sprachlandschaft begibt, merkt man bald, dass diese Regel, wenn es überhaupt eine ist, nicht immer angewandt wird. Insbesondere dann, wenn das Maßadjektiv attributiv vor einem Substantiv steht, kommt neben a) der Akkusativform einen häufig auch b) ungebeugtes ein vor:

a) die einen Monat alten Kinder
b) die ein Monat alten Kinder

a) der einen Meter breite Stoff
b) der ein Meter breite Stoff

a) ein fast einen Zentner schwerer Sack
b) ein fast ein Zentner schwerer Sack

a) die einen Meter siebzig große Frau
b) die ein Meter siebzig große Frau

Ich würde auch hier immer die gebeugte Version a) empfehlen, wage es aber nicht, die häufig vorkommende ungebeugte Version b) als „falsch“ zu bezeichnen. Nicht gerade ein Musterbeispiel sprachlicher Konsequenz.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Alle[r] guten Dinge sind drei

Frage

„Aller guten Dinge sind drei.“ Warum hat „all“ die Endung „er“? „Dinge“ ist doch ein Nomen im Plural.

Antwort

Guten Tag Frau L.,

auch wenn der Satz so ohne ein Subjekt auskommen muss, heißt es tatsächlich aller guten Dinge und nicht alle guten Dinge:

Aller guten Dinge sind drei

Die Endung -er in aller ist hier die Endung des Genitivs Plural. Die Wortgruppe aller guten Dinge steht im Genitiv. Es handelt sich um einen sonst veralteten Genitiv in einer festen Redewendung mit der ungefähren Bedeutung: Von allen guten Dingen gibt es drei.

Was im heutigen Deutschen kaum mehr vorkommt, war früher weniger selten: das Verb sein mit einem partitiven Genitiv. Man verwendete es vor allem bei Zahlen:

Ihrer sind fünf
Seiner Begleiter waren zwanzig

Auch mit ungenauen Mengenangaben kam und kommt dieser Genitiv gelegentlich noch vor:

Der Fragen sind viele
Der Schwierigkeiten sind genug

Diese Art, das Verb sein mit einem partitiven Genitiv zu verbinden, kommt heute außer in (scherzhaft gemeintem) gehobenem Sprachgebrauch oder einer festen Wendung wie Aller guten Dinge sind drei kaum mehr vor.

Zu guter Letzt noch ein Beispiel, das besser zum gestrigen Dreikönigstag gepasst hätte:

Die heil’gen drey König‘ sind kommen allhier,
Es sind ihrer drey und sind nicht ihrer vier; …
Goethe, Epiphaniasfest

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Um seiner/seines selbst willen?

Frage

Die Präposition „willen“ steht mit dem Genitiv:

Er hat es um seines Bruders willen getan
des lieben Friedens willen
um ihrer selbst willen
um seiner selbst willen

Warum ist um „um seines selbst willen“ nicht korrekt?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

dass man nicht um seines selbst willen, sondern um seiner selbst willen sagt, sah ich zwar auch gleich, aber die Erklärung dafür, warum das so ist, hatte ich nicht auf Anhieb parat. Es hat damit zu tun, dass man sich nicht bei der Wahl der Wortart vergreifen sollte.

Es geht hier nämlich um das Reflexivpronomen und nicht um das Possessiv sein oder ihr. Der Genitiv des Reflexivpronomens sich ist seiner/ihrer:

für sich selbst
sich selbst zuliebe
um seiner/ihrer selbst willen

Hier ist selbst also nicht der Kern der Wortgruppe mit einem vorangestellten Possessiv, sondern eine dem Reflexivpronomen nachgestellte Bestimmung.

Es ist übrigens nicht völlig ausgeschlossen, die Rollen hier umzudrehen. Dann wird selbst zur großzuschreibenden Substantivierung Selbst (Genitiv: des Selbst), und sein/ihr ist ein Possessiv (Genitiv Neutrum Singular: seines/ihres):

für sein/ihr Selbst
seinem/ihrem Selbst zuliebe
um seines Selbst willen

Um der Vollständigkeit willen sei gesagt, dass um seines Selbst willen grammatisch zwar möglich, in der Sprachrealität aber nicht üblich ist. Üblich und gemeint ist in den allermeisten Fällen um seiner selbst willen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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»Heute Abend« in »das geheime Treffen heute Abend« – Adverbialbestimmung oder Attribut?

Wer die Satzanalyse mag, findet das Folgende vielleicht interessant:

Frage

Wenn die Satzglieder so richtig bestimmt sind:

Das geheime Treffen (Subjekt) beginnt (Prädikat) heute Abend (adv. Bestimmung) in Franks Keller (adv. Bestimmung).

wie liegt der Fall dann hier?

Das geheime Treffen in Franks Keller beginnt heute Abend.
Das geheime Treffen heute Abend beginnt in Franks Keller.

Ist jetzt „das geheime Treffen in Franks Keller“ bzw. „das geheime Treffen heute Abend“ ein verlängertes Subjekt, da sich vor dem Prädikat ja nur ein Satzglied befinden darf? Und wenn ja, wie verhält es sich dann in diesem Fall mit „in Franks Keller“?

Heute Abend beginnt das geheime Treffen in Franks Keller.

[…]

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau S.,

die Satzglieder sind im ersten Satz korrekt bestimmt:

Das geheime Treffen = Subjekt
beginnt = Prädikat
heute Abend= adverbiale Bestimmung
in Franks Keller = adverbiale Bestimmung

Auch im Weiteren sind Sie auf der richtigen Spur. Die Wortgruppen „heute Abend“ und „in Franks Keller“ können nämlich nicht nur eigenständige Adverbialbestimmung sein, sondern auch Attribut (nähere Bestimmung) zu einem Substantiv. Dann sind sie kein Satzglied mehr, sondern „nur“ Teil eines Satzgliedes. In Ihren Beispielen sind sie Teil des Subjekts:

Das geheime Treffen in Franks Keller = Subjekt
beginnt = Prädikat
heute Abend = adverbiale Bestimmung

Das geheime Treffen heute Abend = Subjekt
beginnt = Prädikat
in Franks Keller = adv. Bestimmung

Und bei der folgenden Satzstellung sind zwei Analysen möglich:

Heute Abend beginnt das geheime Treffen in Franks Keller.

Heute Abend = adverbiale Bestimmung
beginnt = Prädikat
das geheime Treffen in Franks Keller = Subjekt
Aussage: Was beginnt heute Abend? – Das geheime Treffen in Franks Keller

Heute Abend = adverbiale Bestimmung
beginnt = Prädikat
das geheime Treffen = Subjekt
in Franks Keller = adverbiale Bestimmung
Aussage: Wo beginnt heute Abend das geheime Treffen? – In Franks Keller

Auch andere Präpositionalgruppen und Adverbien können sowohl a) Adverbialbestimmung als auch b) Teil einer Nomengruppe sein (vgl.hier und hier):

a) Die Sitzung dauerte gestern lange.
b) Die Sitzung gestern dauerte lange.

a) Den Tisch in der Ecke könnt ihr dort stehen lassen.
b) Den Tisch könnt ihr in der Ecke stehen lassen.

a) Kuchen schmeckt mir mit Schlagsahne am besten.
b) Kuchen mit Schlagsahne schmeckt mir am besten.

Wie man an den Beispielen sieht, sind nicht nur die Stellung und die Rolle im Satz unterschiedlich, sondern in größerem oder geringerem Maße auch die Bedeutung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sollte gemacht haben vs. hätte machen sollen

Frage

Könnten Sie mir vielleicht den semantischen Unterschied erklären zwischen „Ich sollte es schon gemacht haben“ und „Ich hätte es schon machen sollen“? Etwa wenn man ein Visum nach Russland beantragt und sich die Frage stellt, ob man bei der Anfrage das Hotel etc. „schon gebucht haben sollte“ oder „schon hätte buchen sollen“.

Antwort

Guten Tag Herr S,,

es gibt hier einen Bedeutungsunterschied, es ist aber nicht einfach, ihn auf Anhieb zu erkennen. Grob gesagt geht es darum, wann die durch sollen ausgedrückte „Verpflichtung“ besteht und wie sich das „Verpflichtete“ zeitlich dazu verhält. Spielen wir einmal theoretisch alle Möglichkeiten durch:

  1. Ich sollte es machen
    „Verpflichtung“ in der Gegenwart, etwas  zu machen
  2. Ich sollte es gemacht haben
    „Verpflichtung“ in der Gegenwart, etwas  gemacht zu haben
  3. Ich hätte es machen sollen
    „Verpflichtung“ in der Vergangenheit, etwas zu machen
  4. Ich hätte es gemacht haben sollen
    „Verpflichtung“ in der Vergangenheit, etwas gemacht zu haben

Ihre Beispielsätze entsprechen den Formulierungen b und c.

Wenn man (b) das Hotel schon gebucht haben sollte, hat man in der Gegenwart die „Verpflichtung“, die Buchung vorgenommen zu haben. Wenn man (c) das Hotel schon hätten buchen sollen hat in der Vergangenheit die „Verpflichtung“ bestanden, die Buchung vorzunehmen.

Die Sache wird vielleicht dadurch schwieriger zu durchblicken, dass der Konjunktiv sollte zwar aussieht wie eine Vergangenheitsform, aber eine gegenwärtige Verpflichtung ausdrückt. Vgl. eine ähnliche Formulierung mit müssen:

  1. Sie müssten das Hotel schon gebucht haben.
  2. Sie hätten das Hotel schon buchen müssen.

Hier sieht man vielleicht etwas besser, dass eine irreale gegenwärtige Verpflichtung, etwas getan zu haben, und eine irreale vergangene Verpflichtung, etwas zu tun, zwar nicht dasselbe sind, hier aber mehr oder weniger auf das Gleiche hinauslaufen. Sehr groß ist der eingangs angekündigte Bedeutungsunterschied also nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die Formulierungen mit sollte und müsste können je nach Kontext auch als Annahme oder Vermutung verstanden werden, vgl. hier und hier. Das ist aber eine ganz andere Frage.

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Über die Fähigkeit des Fliegens und den Genitivus definitivus

Der im Titel genannte Genitivus definitivus ist nicht, wie man seinem Namen nach vermuten könnte, der endgültige Genitiv. Mit definitivus ist definierend, erklärend gemeint.

Frage

Ich habe das Problem, dass ich nicht weiß, ob ich bei folgendem Begriff den Artikel verwenden kann oder nicht. Es geht jeweils um die Fähigkeit Soundso:

die Fähigkeit Fliegen
die Fähigkeit Transport

[…] Können nun diese Fähigkeiten auch mit Artikel geschrieben werden? Also:

die Fähigkeit des Fliegens
die Fähigkeit des Transports

Mit der Fähigkeit des Fliegens ist gemeint, dass z. B. der Vogel die Fähigkeit Fliegen besitzt. Mit der Fähigkeit des Transports ist gemeint, dass man Dinge von einem Ort zum nächsten bewegen kann. […]

Die Problematik besteht nun darin, dass die Formulierung „die Fähigkeit des Fliegens“ aussagt, dass das Fliegen an sich eine Fähigkeit hat, statt selbst eine Fähigkeit zu sein, und „die Fähigkeit des Transports“ aussagt, dass Transport eine Fähigkeit hat. Es ist aber nicht so, sondern in dem Kontext, dass z. B. der Vogel die Fähigkeit Fliegen besitzt. […]

Antwort

Guten Tag Herr D.,

es gibt verschiedene Möglichkeiten, das auszudrücken, was Sie aussagen möchten.

a) die Fähigkeit zu fliegen; die Fähigkeit zu transportieren
b) die Fähigkeit des Fliegens; die Fähigkeit des Transportierens
c) die Fähigkeit Fliegen; die Fähigkeit Transportieren

Die Formulierung a) ist die einfachste und „natürlichste“. Sie kann auch mit Kommas geschrieben werden:

Der Vogel hat die Fähigkeit[,] zu fliegen.
Mit der Fähigkeit[,] zu transportieren[,] besteht darin, dass man Dinge von einem Ort zum nächsten bewegen kann.

Auch mit der Formulierung b) wird das ausgedrückt, was Sie aussagen möchten. Ihre Interpretation des Genitivs trifft hier nämlich nicht zu. Der Genitiv hat nicht immer die Funktion, ein Besitzverhältnis (im weiteren Sinne) auszudrücken. Er kann auch andere Funktionen haben (vgl. z. B. hier). In diesem Fall geht es um den Genitivus definitivus oder Genitivus explicativus, der ein „Ist-Verhältnis“ ausdrückt.:

das Verbrechen des Mordes
= Mord ist ein Verbrechen; nicht: Der Mord hat ein Verbrechen

die Last der Armut
= Die Armut ist die Last; nicht: Die Armut hat eine Last

das Problem der Einsamkeit
= Die Einsamkeit ist das Problem; nicht: Die Einsamkeit hat das Problem

die Fähigkeit des Fliegens
= Das Fliegen ist die Fähigkeit; nicht: Das Fliegen hat eine Fähigkeit

Mit Die Vögel haben die Fähigkeit des Fliegens wird also ausgesagt, dass die Vögel fähig sind, zu fliegen, und mit die Fähigkeit des Transportierens ist die Fähigkeit, etwas zu transportieren, gemeint.

Der Vogel hat die Fähigkeit des Fliegens.
Mit der Fähigkeit des Transportierens besteht darin, dass man Dinge von einem Ort zum nächsten bewegen kann.

Dann noch der Vollständigkeit halber: Die Formulierung c) ist ebenfalls möglich. Sie passt vor allem in einen fachsprachlichen Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Bis zum 9. November wird meine „Fähigkeit des Antwortens“ sehr eingeschränkt sein. Ich habe ab morgen Urlaub.

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Deren, dessen und die Stellung des Verbs

Die Wörtchen deren und dessen sorgen immer wieder für Unsicherheiten. Oft lautet die Frage, welche Form man wählen soll (zum Beispiel hier) oder wie ein nachfolgendes Adjektiv gebeugt wird (zum Beispiel hier). Bei der Frage von Frau N. geht es aber um etwas anderes: Funktion des Pronomens und Stellung des Verbs.

Frage

Ich habe eine Frage zur Stellung des Verbes in Nebensätzen mit „dessen“. Das Relativpronomen im Genitiv leitet einen Nebensatz ein, der eigentlich die Stellung des Verbes an den Schluss erfordert. Zum Beispiel:

In meinem Garten steht ein Baum, dessen Früchte ich mag.

Wenn das Verb vor dem Subjekt steht, hört sich der Satz meiner Meinung nach bei Verben, die mit „mögen/nicht mögen“ oder „lieben/hassen“ zu tun haben, aber nicht falsch an, also:

In meinem Garten steht ein Baum, dessen Früchte mag ich.
Die Frau trägt ein Parfum, dessen Duft hasse ich.

Oder auch:

Das sind Kollegen, deren Kinder kenne ich.

Mit anderen Verben funktioniert diese Umstellung nicht. Ist die Umstellung grundsätzlich falsch bzw. schlechtes Deutsch?

Antwort

Guten Tag Frau N.,

das Wort dessen kann, wie Sie in Ihrer Frage erwähnen, ein Relativpronomen sein. Es leitet einen Nebensatz ein, in dem die konjugierte Verbform am Schluss steht:

In meinem Garten steht ein Baum, dessen Früchte ich mag.
Die Frau trägt ein Parfüm, dessen Duft ich hasse.
Das sind Kollegen, deren Kinder ich kenne.

Im Relativsatz wird etwas Genaueres über den Garten, die Frau bzw. die Kollegen ausgesagt.

Man kann dessen und deren aber nicht nur als Relativpronomen, sondern auch als Demonstrativpronomen verwenden:

In meinem Garten steht ein Baum. Dessen Früchte mag ich.
Die Frau trägt ein Parfüm. Dessen Duft hasse ich.
Das sind Kollegen. Deren Kinder kenne ich.

Hier wird im zweiten Satz, einem Hauptsatz, etwas Genaueres über die Früchte, den Duft bzw. die Kinder ausgesagt. Es ist dabei üblicher (aber nicht zwingend), einen Punkt zwischen die beiden Hauptsätze zu setzen. Im Gegensatz zu den Relativsätzen können die mit dem Demonstrativpronomen formulierten Sätze auch umgestellt werden. Das Demonstrativpronomen muss also nicht am Anfang des Satzes stehen:

In meinem Garten steht ein Baum. Ich mag dessen Früchte.
Die Frau trägt ein Parfüm. Ich hasse dessen Duft.
Das sind Kollegen. Ich kenne deren Kinder.

Weiter kann das Demonstrativpronomen anders als das Relativpronomen durch ein Possessiv ersetzt werden:

In meinem Garten steht ein Baum. Seine Früchte mag ich.
Die Frau trägt ein Parfüm. Seinen Duft hasse ich.
Das sind Kollegen. Ihre Kinder kenne ich.

Das Ganze funktioniert übrigens auch bei anderen Verben. In diesen Sätzen steht das Relativpronomen:

M. K. ist eine britische Autorin, deren Bücher weltweit verkauft werden.
Sie fuhren in einem roten Auto, dessen Marke hier nicht genannt werden soll.

Und hier wird das Demonstrativpronomen verwendet:

M. K. ist eine britische Autorin. Deren Bücher werden weltweit verkauft.
Sie fuhren in einem roten Auto. Dessen Marke soll hier nicht genannt werden.

M. K. ist eine britische Autorin. Ihre Bücher werden weltweit verkauft.
Sie fuhren in einem roten Auto. Hier soll seine Marke nicht genannt werden.

Beide Verbstellungen sind also möglich und korrekt. Die Satzstruktur ist aber unterschiedlich und die Aussage ist auch nicht ganz gleich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die zweite Fremdsprache, das ist/sind(?) Latein, Englisch oder Französisch

Frage

Es geht um folgende Passage aus unserer Schulbroschüre:

Die zweite Fremdsprache startet in der 6. Klasse. Das sind an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.

Da das Subjekt des zweiten Satzes („das“) sich auf „Fremdsprache“ im ersten Satz bezieht und damit im Singular steht, müsste doch das Prädikat des zweiten Satzes auch im Singular stehen. Meiner Meinung nach müsste es also „ist“ statt „sind“ heißen. […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

dieser Fall ist relativ komplex, jedenfalls wenn es ums Erklären geht. Der Zweifel bei der Verbform des zweiten Satzes entsteht durch die Aufzählung mit oder. Üblich ist diese Formulierung:

Latein, Englisch oder Französisch ist die zweite Fremdsprache.
Die Lehrerin oder der Lehrer unterzeichnet das Zeugnis.

Seltener, aber möglich ist auch diese Formulierung:

Latein, Englisch oder Französisch sind die zweite Fremdsprache.
Die Lehrerin oder der Lehrer unterzeichnen das Zeugnis.

Das Verb kann hier in der Einzahl oder seltener in der Mehrzahl stehen**. Die Wortgruppe Latein, Englisch oder Französisch kann somit als Singulargruppe oder als Pluralgruppe verstanden werden. Versteht man sie als Singulargruppe, heißt es:

Das ist an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.
vgl. Das ist an unserer Schule Französisch.

Versteht man die Wortgruppe als Pluralgruppe, muss das Verb im Plural stehen. Wenn nämlich in einem Gleichsetzungssatz Subjekt und Prädikativ nicht beide im Singular stehen, wird das Verb im Plural verwendet (siehe hier ganz unten):

Diese Bücher sind mein größter Besitz.
Das sind meine Eltern.

Für Ihren Satz bedeutet dies dann:

Das sind an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.
vgl. Das sind an unserer Schule Latein, Englisch und Französisch.

In der Schulbroschüre kann also mit das ist, aber auch mit das sind (wie es zzt. dort steht) formuliert werden. Die von Ihnen bevorzugte Variante mit dem Singular ist wahrscheinlich die häufiger vorkommende Variante (vgl. hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Einige Grammatiken unterscheiden hier zwischen ausschließendem/exklusivem Oder (Verb im Singular) und einschließendem/inklusivem Oder (Verb im Plural). Diese Unterscheidung ist in der Logik zweifellos angebracht, in der natürlichen Sprache halte ich sie häufig für weniger sinnvoll, da die Sprache und unsere Art, uns auszudrücken, sich selten an die strengen Regeln der Logik halten. Zum Beispiel:

Der Vater oder die Mutter kann/können die Entschuldigung unterschreiben.

Unterschreiben wird wahrscheinlich nur eine Person (exklusiv), aber können tun’s beide (inklusiv). Ist dieses oder also exklusiv oder inklusiv oder – was strikt logisch nicht möglich ist – einfach beides?

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Die Missachtung von Grammatik und guten Stils? – Attribut mit von und Genitivattribut

Hier wieder einmal ein Beispiel dafür, dass der Genitiv, so schön man ihn auch finden mag, nicht immer angemessen ist.

Frage

Klingen für Sie die folgenden Sätze korrekt?

Durch die Behandlung von Schmerzen und anderer körperlicher und seelischer Probleme soll den Patienten Erleichterung verschafft werden.
Dies Therapie unterstützt die Linderung von Juckreiz und anderer belastender Symptome.

Ist es auf Deutsch grammatikalisch zulässig, von einem von-Attribut zu einem reinen Genitivattribut überzugehen, oder wäre es korrekter/üblicher mit dem Dativ weiterzufahren?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

in einer Aufzählung sollte man es vermeiden, ein Genitivattribut auf ein Attribut mit von folgen zu lassen. Man formuliert dann besser parallel. Es folgen ein paar (hoffentlich) erläuternde Beispiele:

Attribut mit von + Attribut mit von = i. O.
Wenn in einer Aufzählung das erste Attribut mit von eingeleitet wird, können Sie am besten mit dem Dativ weitermachen, den von verlangt. Das von wird dabei sehr häufig nicht wiederholt:

eine Einladung von Petra und [von] ihren Eltern
die Filterung von Wasser und anderen Flüssigkeiten
die Behandlung von Schmerzen und anderen körperlichen und seelischen Problemen
die Linderung von Juckreiz und anderen belastenden Symptomen

Genitivattribut + Genitivattribut = i. O.
Auch die Aufzählung zweier Genitivattribute ist kein Problem, wo dies möglich ist:

eine Einladung Petras und ihrer Eltern
die Filterung verschmutzten Wassers und anderer Flüssigkeiten
die Behandlung chronischer Schmerzen und anderer belastender Symptome
die Linderung heftigen Juckreizes und anderer körperlicher und seelischer Probleme

Dies ist aber nur dann möglich, wenn beide Attribute im Genitiv stehen können (vgl. hier). Die folgende Formulierung ist nicht möglich, weil Wassers allein nicht Genitivattribut sein kann:

nicht: *Die Filterung öliger Flüssigkeiten und Wassers

Attribut mit von + Genitivattribut = besser nicht
Vermieden werden sollte, wie eingangs gesagt, dass in einer Aufzählung ein Genitivattribut auf ein Attribut mit von folgt:

eine Einladung von Petra und ihrer Eltern
die Filterung von Wasser und anderer Flüssigkeiten
die Behandlung von Schmerzen und anderer körperlicher und seelischer Probleme
die Linderung von Juckreiz und anderer belastender Symptome

Genitivattribut + Attribut mit von = i. O.

Umgekehrt gilt die genannte Einschränkung nicht: Nach einem Genitivattribut kann gut ein Attribut mit von stehen:

eine Einladung meiner Eltern und von Hans
die Filterung öliger Flüssigkeiten und von Wasser
die Behandlung körperlicher und seelischer Probleme und von Schmerzen
die Linderung schmerzlicher Symptome und von Juckreiz

 

Das klingt vielleicht komplizierter, als es ist. Und falls Sie doch einmal ein Genitivattribut auf ein Attribut mit von folgen lassen, bedeute dies nicht gleich die totale Missachtung von Grammatik und guten Stils – oder doch besser: nicht die totale Missachtung von Grammatik und gutem Stil.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der umgangssprachliche Indikativ: Sie sagt, sie ist glücklich

Frage

Ich hätte eine Frage bezüglich des Konjunktivs I und des Indikativs. Ich weiß in etwa, wann man den Konjunktiv I verwenden soll, doch ist mir aufgefallen, dass man ihn im Alltag und im Fernsehen (außer in den Nachrichten) kaum hört. Außerdem fällt mir auf, dass er in der Umgangssprache häufig durch den Indikativ ersetzt wird. Zum Beispiel:

Sie sagt, sie ist glücklich.
Er denkt, er hat alles falsch gemacht.

Ich weiß, dass der Konjunktiv in Sätzen mit dass weggelassen werden kann, aber häufig wird auch das dass weggelassen. Kann der Konjunktiv I der indirekten Rede in der Umgangssprache durch den Indikativ ersetzt werden?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

die Umgangssprache ist, grob gesagt, eine Variante der Sprache, die im informellen täglichen Umgang mit anderen verwendet wird und sich weniger an die Regeln der Standardsprache hält. So gesehen beantworten Sie Ihre Frage eigentlich schon selbst: In der Umgangssprache wird häufig auch in der indirekten Rede ohne dass der Indikativ verwendet. Man kann also in der informellen Umgangssprache den Indikativ anstelle des Konjunktivs verwenden, denn es wird dort ja getan. Standardsprachlich gilt die Verwendung des Indikativs hier aber als nicht korrekt.

Standardsprachlich:

Sie sagt, dass sie glücklich sei.
Er denkt, dass er alles falsch gemacht habe.

Sie sagt, dass sie glücklich ist.
Er denkt, dass er alles falsch gemacht hat.

Sie sagt, sie sei glücklich.
Er denkt, er habe alles falsch gemacht.

Nur umgangssprachlich auch:

Sie sagt, sie ist glücklich.
Er denkt, er hat alles falsch gemacht.

Sich brav an die standardsprachliche Regel haltend schreibt Dr. Bopp, es sei nun Zeit fürs Wochenende, und verabschiedet sich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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