Archiv für Konjugation/Deklination

Abgehängt und abgehangen

Frage

Ich bitte Sie um Beantwortung der Frage, ob der folgende Satz richtig ist: „Das Fleisch hat zwei Wochen im Reiferaum gehangen und ist jetzt sehr gut abgehängt.“ Es geht mir besonders um „abgehängt“ und „abgehangen“!

Ich bin mir nicht sicher, ob es sich bei dem abgehängten Fleisch doch vielleicht um ein Zustandspassiv handelt, da ja nicht gemeint ist, dass das Fleisch ohne Zwischenfälle von irgendwo abgenommen wurde, sondern dass es sich um seinen jetzigen Zustand handelt.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Partizip abgehängt gehört zum transitiven Verb abhängen (etwas Aufgehängtes herunternehmen, etwas loskoppeln).

Sie hat Bild wieder abgehängt.
Der hinterste Wagen wird in Freiburg abgehängt.
Wir haben alle Konkurrenten abgehängt.

Das Partizip abgehangen gehört zum intransitiven Verb abhängen (u.a. durch längeres Hängen mürbe werden).

gut abgehangenes Rindfleisch

Es ist theoretisch möglich, zu sagen, dass das Fleisch sehr gut abgehängt ist. Mit diesem Zustandspassiv würde ausgerückt, dass das Fleisch sich in einem Zustand des Sehr-gut-vom-Haken-genommen-Seins befindet.

Wenn jedoch, wie ich stark vermute, gesagt werden soll, dass das Fleisch sehr schön mürbe (geworden) ist, muss es heißen:

Das Fleisch hat zwei Wochen im Reiferaum gehangen und ist jetzt sehr gut abgehangen.

Auch ich werde hoffentlich in gut zwei Wochen das intransitive Verb abhängen in umgangssprachlichem Sinn verwenden können: Ich habe in Portugal viel einfach nur abgehangen. Für diese Wortwahl bin ich allerdings nicht mehr jung genug – und wenn ich es noch wäre, hieße es nun wohl eher gechillt. Ich werde es einfach ruhig und entspannt angehen und zwei Wochen lang entsprechend wenig von mir hören lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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John Lennons wunderbare/wunderbares Album?

Die deutschen Adjektivendungen sind für viele Deutschlernende eine mittlere Katastrophe. Und für die Muttersprachigen gilt: Bloß nicht zu viel darüber nachdenken! Herrn L.s Frage zeigt einen Fall, bei dem es häufig zu Zweifeln kommt: die Adjektivendung nach einem vorangestellten Genitivattribut.

Frage

Ich hab da mal eine Frage zu folgendem Komplex. Heißt es richtig auf John Lennons wunderbarem Album „Imagine“, oder auf John Lennons wunderbaren Album „Imagine“?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

es geht hier im die starke und schwache Deklination des Adjektivs. Nach u. a. dem bestimmten Artikel wird ein Adjektiv schwach gebeugt (vgl. hier). Die schwache Endung ist in diesem Fall en:

auf dem wunderbaren Album „Imagine“ des Musikers John Lennon.

Wenn nun das Genitivattribut (die nähere Bestimmung im Genitiv) vorangestellt wird, ersetzt es den Artikel. Es steht also kein Artikel mehr vor dem Adjektiv. Ohne ein Artikelwort wird ein Adjektiv stark gebeugt (vgl. hier). Die starke Endung ist hier em:

auf John Lennons wunderbarem Album „Imagine“

Hier gleich noch ein paar Beispiele:

das wunderbare Album des Musikers John Lennon aus dem Jahr 1971
John Lennons wunderbares Album „Imagine“ aus dem Jahr 1971

Das ist der neue Freund meiner Nachbarin Susanne.
Das ist Susannes neuer Freund.

Die netten Verwandten aus L. haben uns geholfen.
Herrn K.s nette Verwandte haben uns geholfen.

Und ich schließe mit einem eher unbescheidenen Beispiel: Das alles und viel mehr lesen Sie im interessanten Blog des Dr. Bopp oder – etwas zeitgemäßer formuliert – in Dr. Bopps interessantem Blog.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Arbeiten gemusst zu haben und Urlaub machen gekonnt zu haben

Heute wieder einmal ein kleines, unlösbares(?) Verbformenpuzzle:

Frage

[…] Kommt ein Infinitivsatz mit einem Infinitiv Perfekt und einem Modalverb in der Sprachrealität überhaupt vor? Zum Beispiel:

Hans behauptet: „Ich habe arbeiten müssen“.
Hans behauptet, gearbeitet haben zu müssen (??)

Die Form selbst scheint nicht so kompliziert zu sein, aber ich habe eine solche Form im Text noch nie gefunden (wenn ich die Form überhaupt richtig konstruiert habe).

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

nicht alles, was es theoretisch geben kann, kommt in der Realität auch wirklich vor. Das ist auch hier der Fall. Die folgenden Formulierungen sind kein Problem:

Hans behauptet: „Ich muss arbeiten.“
a) Hans behauptet, dass er arbeiten müsse/muss.
b) Hans behauptet, er müsse arbeiten.
c) Hans behauptet arbeiten zu müssen.

Irene erklärte: „Ich kann im Sommer keinen Urlaub machen.“
a) Irene erklärte, dass sie im Sommer keinen Urlaub machen könne/kann.
b) Irene erklärte, sie könne im Sommer keinen Urlaub machen.
c) Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen zu können.

Problematischer wird es, wenn das Gesagte wie in Ihrem Beispiel in der Vergangenheit steht:

Hans behauptet: „Ich habe arbeiten müssen.“
a) Hans behauptet, dass er hat/habe arbeiten müssen.
b) Hans behauptet, er habe arbeiten müssen.
c) ?

Irene erklärte: „Ich habe im Sommer keinen Urlaub machen können.
a) Irene erklärte, dass sie im Sommer keinen Urlaub habe/hat machen können.
b) Irene erklärte, sie habe im Sommer keinen Urlaub machen können.
c) ?

Die Nebensatzkonstruktionen a) und b) lassen sich ohne allzu große Schwierigkeiten bilden. Bei der Infinitivkonstruktion c) aber geraten die meisten – auch ich – ins Stolpern. Wie heißt es denn nun richtig?

Hans behauptet arbeiten müssen zu haben.
Hans behauptet zu haben arbeiten müssen.
Hans behauptet arbeiten gemusst zu haben.
???

Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen können zu haben.
Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub zu haben machen können.
Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen gekonnt zu haben.
???

Diese Unsicherheit führt dazu, dass wir die sonst so elegante Infinitivkonstruktion hier vermeiden und auf die „robusteren“ Nebensätze ausweichen. Die jeweils dritte Variante (arbeiten gemusst zu haben; machen gekonnt zu haben) scheint übrigens die noch am ehesten akzeptable zu sein. Empfehlen kann ich sie aber dennoch nicht*.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* v. a. wegen der Frage des fehlenden Eratzinfinitivs

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Manchmal kommen Sandro, Frau Wagner und Dr. Bopp im Genitiv ohne s aus

Frage

Auf dieser Seite in Canoonet steht: „der Geburtstag des kleinen Sandro“. Ist das nicht ein Fehler? Sollte es nicht heißen: „der Geburtstag des kleinen Sandros“ ?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

Personennamen haben im Genitiv in der Regel die Endung s, wenn sie ohne Artikel stehen:

Goethes Dramen
Kleopatras Reich
Elisabeths Meinung
Joachim Bergers Beitrag
Frau Wagners BMW
Dr. Bopps Blog
Sandros Geburtstag

Wenn Personennamen aber mit einem Artikel stehen, sind sie im heutigen Deutschen in der Regel auch im Genitiv endungslos. Sie stehen vor allem dann mit einem Artikel, wenn sie von einem Adjektiv begleitet werden:

die Dramen des jungen Goethe
das Reich der schönen Kleopatra
der Beitrag des sehr interessierten Joachim Berger
das Leben der heiligen Elisabeth
der BMW der geschäftstüchtigen Frau Wagner
der Blog des nicht sehr strengen Dr. Bopp

Und ebenso:

der Geburtstag des kleinen Sandro

Wer dem Genitiv und dem Genitiv-s sehr zugetan ist, mag es bedauern, aber diese Endungslosigkeit ist auch standardsprachlich üblich und akzeptiert (und nicht etwa der Einfall eines viel zu nachgiebigen Dr. Bopp). Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

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Wir wird (der) Matrose Engelbert gebeugt?

Frage

Ist der Dativ so auch zulässig:

Machen Sie eine Reise mit Kapitän Paulsen und Matrose Engelbert.

Oder muss man hochsprachlich schreiben:

Machen Sie eine Reise mit Kapitän Paulsen und dem Matrosen Engelbert.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wieder einmal sind beide Formulierungen möglich. Welche Sie wählen, hängt davon ab, ob die Berufsbezeichnung Matrose oder der Name Engelbert der Kern der Wortgruppe ist.

Wenn der Name Engelbert den Kern der Wortgruppe bildet und die Berufsbezeichnung Matrose eine Apposition (nähere Bestimmung) ist, wird der Name gebeugt und bleibt die Berufsbezeichnung unverändert. Matrose bleibt also immer Matrose:

Matrose Engelbert fährt auch mit
Matrose Engelberts abenteuerliche Reisen
Nichts geht ohne Matrose Engelbert
ein Reise mit Kapitän Paulsen und Matrose Engelbert

Wenn Matrose der Wortgruppenkern und Engelbert die Apposition ist, wird die Berufsbezeichnung gebeugt und der Name bleibt unverändert:

Der Matrose Engelbert fährt auch mit
Die abenteuerlichen Reisen des Matrosen Engelbert
Nichts geht ohne den Matrosen Engelbert
ein Reise mit Kapitän Paulsen und dem Matrosen Engelbert

Wann ist nun was der gebeugte Wortgruppenkern resp. die ungebeugte Apposition?

In Verbindung mit einem Namen ist eine Verwandtschaftsbezeichnung, eine Berufsbezeichnung, ein Titel u. Ä. eine Apposition zum Namen, wenn kein Artikel(wort) verwendet wird. Gebeugt wird der Kern der Wortgruppe, also der Name. Die Apposition bleibt ungebeugt:

Onkel Antons Gemüsegarten
König Arthurs Tafelrunde
Malermeister Streichers Geschäft
Nichts geht ohne Präsident Macron
eine abenteuerliche Reise mit Matrose Engelbert

In Verbindung mit einem Namen ist eine Verwandtschaftsbezeichnung, eine Berufsbezeichnung, ein Titel u. Ä. der Kern der Wortgruppe, wenn ein Artikel(wort) verwendet wird. Gebeugt wird auch hier der Kern der Wortgruppe. Der Name bleibt ungebeugt:

der Gemüsegarten meines Onkels Anton
die Tafelrunde des Königs Arthur
das Geschäft des Malermeisters Streicher
Nichts geht ohne den Präsidenten Macron
eine abenteuerliche Reise mit dem Matrosen Engelbert

Siehe auch hier und hier.

Ob Sie eine Reise mit Matrose Engelbert oder mit dem Matrosen Engelbert unternehmen, hängt also davon ab, ob Sie finden, dass Matrose Engelbert oder der Matrose Engelbert mitfährt. Grammatisch ist beides richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gehen wir Deutsche oder wir Deutschen im September zur Urne?

Der letzte Blogeintrag behandelte eine Frage der Adjektivbeugung. Heute geht es gleich noch einmal um dieses Thema. Das liegt daran, dass die Beugung des Adjektivs im Deutschen sehr komplex ist und entsprechend häufig zu Zweifeln Anlass gibt. Und wer das nicht glaubt, sollte einmal Deutschlernende danach fragen oder – noch besser – versuchen, sie ihnen zu erklären. Deshalb also gleich noch einmal eine Runde Adjektivbeugung:

Frage

Können Sie mir erklären, was hier richtig ist:

Wir Deutschen wählen im September.
Wir Deutsche wählen im September.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

beide Formulierungen gelten als korrekt. Im Prinzip wird ein (substantiviertes) Adjektiv nach einem Personalpronomen stark gebeugt, weil vor ihm kein Artikelwort mit einer Endung steht (vgl. den letzten Blogeintrag und hier)

 „Ich Armer habe Hunger“, seufzte er.
Du liebes Kind, komm geh mit mir!
Wir Deutsche wählen im September.
Ihr Deutsche wählt im September.

Nach wir und ihr kommt heute allerdings häufiger die schwache Beugung vor, die ebenfalls als richtig akzeptiert ist:

Wir Deutschen wählen im September.
Ihr Deutschen wählt im September.

Und wenn das Adjektiv nicht substantiviert ist, wird heute fast nur noch schwach gebeugt:

Wir deutschen Wähler und Wählerinnen werden im September zu den Urnen gerufen.
(selten: Wir deutsche Wähler und Wählerinnen …)

Damit Sie sehen, dass dies alles nicht nur in deutschen Wahljahren gilt, hier noch einige andere Beispiele:

Wir vom Stress Geplagten/Geplagte gönnen uns zu wenig Ruhe.
Hallo ihr Lieben/Liebe, wie geht es euch?
Wir armen (selten: arme) Sünder bitten um Vergebung.
Ihr lieben (selten: liebe) Leute, lasst euch sagen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Unser und das Adjektiv

Frage

Bitte schlichten Sie einen Disput, der zwischen meinen Kollegen/Kolleginnen und mir tobt. Es geht um folgende Textstelle:

Unser offen zur Schau getragene Streit bleibt nicht unbeobachtet.

Wir diskutieren lebhaft, ob es im obigen Satz „getragene“ oder „getragener“ heißen muss oder ob vielleicht sogar beides erlaubt ist, und mit jedem, der seine Meinung dazu abgibt, wird die Stimmungslage gespannter.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

richtig ist hier die starke Endung er:

Unser offen zur Schau getragener Streit bleibt nicht unbeobachtet.

Dann noch der Versuch einer einfachen Erklärung:

Es geht hier um die männliche Adjektivendung im Nominativ Singular. Steht der bestimmte Artikel der oder ein Artikelwort mit der Endung er vor dem Adjektiv, hat es die schwache Endung e:

der kleine Sohn
dieser schwere rote Wein
der offen zur Schau getragene Streit

Steht kein Artikelwort oder ein endungsloses Artikelwort vor dem Adjektiv, hat es die starke Endung er:

mein kleiner Sohn?
schwerer roter Wein
ihr offen zur Schau getragener Streit

Vgl. hier.

Und nun kommen wir zum Problemfall unser. Dieses besitzanzeigende Wort sieht aus, wie wenn es die Endung er hätte. Das würde dafür sprechen, dass ein nachfolgendes Adjektiv die schwache Endung e annimmt. Das er ist aber keine Endung, sondern Teil des Stammes. Vgl.

unser Haus / mein Haus
in unser-em Haus / in mein-em Haus
unser-e Nachbarin / mein-e Nachbarin

Die Form unser ist hier also endungslos. Entsprechend muss ein nachfolgendes Adjektiv wie nach z. B. mein stark gebeugt werden:

unser kleiner Sohn / mein kleiner Sohn
unser schwerer roter Wein / mein schwerer roter Wein
unser offen zur Schau getragener Streit / ihr […] getragener Streit

Die Verunsicherung entsteht also dadurch, dass das Wort unser zwar wie ein Wort mit der Beugungsendung er aussieht, in Wirklichkeit aber endungslos ist. Sie entsteht auch nur bei der Adjektivendung er. Während man des Öfteren hört und liest

unser *kleine Sohn wie der kleine Sohn statt unser kleiner Sohn

passiert dieses Versehen eigentlich nie bei der sächlichen Endung es:

unser *kleine Kind wie das kleine Kind statt unser kleines Kind

Ich hoffe, dass diese Angaben dazu beitragen, den Disput friedlich zu beenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Präposition versus Konjunktion: versus

Frage

In einer Zeitschriftenüberschrift lese ich: „Alte Zöpfe versus frischem Wind“. Stimmt der Kasus nach „versus“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

nach versus steht nicht der Dativ, sondern der Akkusativ:

alte Zöpfe versus frischen Wind
alte Armut versus neuen Reichtum
christliche Dogmentreue versus einen kritischen Geist

So steht es in den Wörterbüchern, auch in Canoonet.

Die Präposition versus stammt direkt aus dem Lateinischen, wo sie ebenfalls mit dem Akkusativ steht. Der Dativ frischem Wind ist vielleicht durch die deutsche Entsprechung gegenüber beeinflusst, die diesen Fall verlangt.

Das ist aber nicht alles, was ich hierzu sagen möchte. Mir kommt nämlich ganz spontan eine andere Formulierung in den Sinn, die ich eigentlich auch nicht als falsch empfinde, obwohl nach versus nicht ein Akkusativ steht:

Alte Zöpfe versus frischer Wind

Der Nominativ „frischer Wind“ nach versus? Ich habe ganz schnell auch noch weitere Beispiele gefunden, in denen nach versus nicht der Akkusativ, sondern ein anderer Fall steht, ohne dass mir das grundsätzlich falsch vorkommt:

neue Form versus neuer Inhalt
die Interaktion Personalchef versus junger Angestellter
Es kam zu einer Auseinandersetzung von Halbstarken versus Erwachsenen**

Es sieht also so aus, wie wenn versus häufig nicht als Präposition mit einem festen Kasus, sondern als Konjunktion verwendet wird. Bei einer Konjunktion stehen die durch die Konjunktion verbundenen Elemente im gleichen Kasus. Der Kasus wird durch ihre Rolle im Satz bestimmt. Die Verwendung von versus als Konjunktion ist nicht ganz abwegig, da es die Elemente, die vor und nach ihm stehen, häufig zu einem Gegensatzpaar verbindet, dessen gleichrangige Elemente auch die Plätze tauschen können:

alte Zöpfe versus frischer Wind = frischer Wind versus alte Zöpfe
vgl.
alte Zöpfe und frischer Wind = frischer Wind und alte Zöpfe
alte Zöpfe oder frischer Wind = frischer Wind oder alte Zöpfe

Die Tatsache, dass versus häufig in dieser Weise „falsch” verwendet wird, und in wesentlich geringerem Maße mein Erstaunen darüber, dass mich das nicht erstaunt, sind Anzeichen dafür, dass die Einteilung von versus als Präposition mit Akkusativ vielleicht nicht die ganze Sprachwirklichkeit beschreibt. Es wäre genauer zu prüfen, ob versus nicht auch in der Standardsprache häufiger die Funktion einer Konjunktion hat: Präposition versus Konjunktion.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Akkusativ wäre Erwachsene, vgl. für Erwachsene

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Nur kein(en) Stress!

Frage

Welche elliptische Formulierung ist korrekt?

(1) Nur kein Stress!
(2) Nur keinen Stress!

Falls (1) korrekt ist – wie erklärt sich der Nominativ, wenn der vollständige Satz doch lautet: „Mach dir nur keinen Stress!“? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr L.

beide Formulierungen können als richtig angesehen werden, je nachdem wie man die Ellipse (den Auslassungssatz) ergänzt. Zum Beispiel:

Mach dir nur keinen Stress!
→ Nur keinen Stress!

Es darf/soll nur kein Stress aufkommen!
→ Nur kein Stress!

Man muss die Äußerung „Nur kein Stress!“ allerdings nicht unbedingt als Ellipse im engeren Sinne ansehen. Sie kann auch als absoluter Nominativ interpretiert werden. Ein absoluter Nominativ ist ein Wort oder ein Satzglied, das nicht in das Satzgefüge eingebunden ist und im Nominativ steht. Solche Nominative stehen mehr oder weniger unabhängig für sich allein. Drei weitere Beispiele:

Zu verkaufen: frischer Spargel
Ein Zufall? Sie trafen sich schon wieder am Bahnhof.
Kilometerlanger Stau wegen Baustelle

Es ist in der Regel möglich, solche absoluten Nominative als Ellipsen zu sehen und sie zu einem vollständigen Satz zu ergänzen, unbedingt notwendig ist es aber nicht. Vgl. hier.

Die Variante im Nominativ scheint übrigens bei der Aufforderung, möglichst ohne Stress zu reagieren, häufiger vorzukommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von Bernd das Brot oder von Bernd dem Brot?

Frage

Gestern bin ich auf einen Artikel gestoßen, in dem es um Bernd das Brot ging, Titel: „Was ich von Bernd das Brot über das Leben gelernt habe“.

Intuitiv würde ich hier stattdessen schreiben: „Was ich von Bernd dem Brot über das Leben gelernt habe“, analog zu „was Alexander dem Großen widerfuhr“. Ich würde „das Brot“ also als eine ganz normale Apposition behandeln.

Was meinen Sie dazu? Gibt es Fälle, in denen eine Apposition ein Teil des Namens wird und nicht flektiert wird? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

es gibt keine eindeutige, in Stein gemeißelte Regel für solche Fälle. Wenn das Brot als Apposition empfunden wird, geht man gleich vor wie bei Katharina der Großen, Wilhelm dem Eroberer oder Jan Brueghel dem Älteren:

Ich bin Bernd das Brot.
Ich habe Bernd dem Brot zugehört.
Was ich von Bernd dem Brot gelernt habe.
Leben und Werk Bernds des Brotes

Ganz so eindeutig ist es aber nicht. Der Kinderfernsehstar Bernd ist kein Herrscher wie Katharina II. von Russland oder Wilhelm I. von England und das Brot ist auch kein unterscheidendes Merkmal wie bei Vater und Sohn Jan Brueghel dem Älteren und dem Jüngeren. Man kann das Brot auch einfach als Familiennamen sehen. Seine Form mit einem bestimmten Artikel ist im Deutschen ungewöhnlich, aber Bernd, der Träger des Namens, ist ja auch keine ganz alltägliche Figur. Als Familienname wird er wie ein „gewöhnlicher“ Familienname behandelt:

Ich heiße Bernd das Brot.
Ich habe Bernd das Brot zugehört.
Was ich von Bernd das Brot gelernt habe.
Bernd das Brots Leben und Werk

Es lässt sich nicht eindeutig und objektiv feststellen, ob das Brot eine nachgestellte enge Apposition oder ein Familienname sein muss. Beides ist vertretbar. Ich neige eher zur Apposition, insbesondere dann, wenn nicht nur von Bernd dem Brot, sondern auch von Chili dem Schaf und Briegel dem Busch die Rede ist. Beim Kinderfernsehkanal KIKA (zumindest im Webauftritt) schein man aber das Brot als Familiennamen zu behandeln:

„Freu dich auf Spaß, Spiel und ganz viel Comedy!“, heißt es in Sketchen mit Bernd das Brot.
http://www.kika.de/bernd-friends/index.html

Mehr Informationen zur Beugung von engen Appositionen und Namen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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