Archiv für Konjugation/Deklination

Anhand welches/welchen Beispiels

Frage

Ein Gutachter besteht auf der Änderung von „anhand welches Beispiels“ zu „anhand welchen Beispiels“. Zu Recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Gutachter hat nur insofern recht, als neben „anhand welches Beispiels“ häufig die Formulierung „anhand welchen Beispiels“ vorkommt. Beide gelten als korrekt. Siehe hier.

Wie kommt es zu dieser Variation? Sie hat mit Unterschieden zwischen der Beugung von Adjektiven und der Beugung von Pronomen zu tun.

Adjektive haben im männlichen und sächlichen Genitiv Singular die Endung en:

wegen schlechten Wetters
ein Sortiment feinsten französischen Käses
der Kauf eines sportlichen Fahrrads

Als typische Pronomenendung im männlichen und sächlichen Genitiv Singular gilt die Endung es:

wegen dieses Wetters
der Verzehr jenes Käses
der Diebstahl meines Fahrrads

Und hier beginnen die Inkonsequenzen. Das Deutsche hat nämlich die sparsame Neigung, gewisse Aspekte nur einmal auszudrücken. Wenn es schon eine Endung [e]s gibt, die eindeutig den Genitiv ausdrückt, reicht das. Das zeigt sich bei der Adjektivbeugung, in der es statt der Genitivendung es nur noch die schwache Endung en gibt (siehe Beispiele oben).

Dieser Tendenz folgen auch die Pronomen: Wenn sie im Genitiv vor einem Substantiv mit der Endung (e)s stehen, haben einige von Ihnen die Neigung, die Adjektivendung en statt der Pronomenendung es anzunehmen. Einmal es reicht ja, um den Genitiv auszudrücken. Bei einigen Pronomen gelten beide Formen standardsprachlich als korrekt:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
im Leben (manches)/manchen Kindes
anhand welches/welchen Beispiels

Aber vor Substantiven ohne die Endung (e)s nur:

im Leben jedes Menschen
nach der Meinung manches Studenten
mit Hilfe welches Assistenten

Und damit es ja nicht zu einfach wird: Für die Pronomen dieser, jener, mein/dein/etc. und kein gilt das oben Gesagte nicht. Sie folgen zwar auch dieser Tendenz – vor allem in festeren Wendungen –, aber bei ihnen gelten die Genitivformen mit en (vorläufig) noch als falsch. Und somit sind wir bei einem recht bekannten Streitfall: Standardsprachlich besser nicht

Anfang diesen Jahres
Personen Ihren Alters
jemanden keinen Blickes würdigen

sondern

Anfang dieses Jahres
Personen Ihres Alters
jemanden keines Blickes würdigen

Die Endung en verdrängt im Genitiv also langsam die Endung es. Bei den Adjektiven ist es ihr schon vollständig gelungen, bei den Pronomen ist die Übernahme noch nicht ganz vollzogen. Es ist also nicht erstaunlich, dass in einer solchen Übergangsphase viele Unsicherheiten entstehen. Als Trost mag gelten: So komplex es auch scheint, meistens geht es dennoch spontan gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Wenn das Verb nicht mit dem Subjekt übereinstimmt: »Das sind …«

Heute wieder einmal etwas Grammatik:

Frage

Ist „das“ [in den folgenden Beispielen] ein Subjekt oder ein Prädikativ? Normalerweise nehmen wir an, dass „das“ Subjekt ist. Aber:

Das ist mein Freund
Das sind meine Freunde

Wenn wir diese Sätze vergleichen, dann weiß ich nicht mehr, was das Subjekt ist. Wenn das finite Verb nur mit dem Subjekt in Kongruenz steht, dann ist das Substantiv das Subjekt, während „das“ nur als Prädikativ fungiert. Oder wenn wir sagen: „Das bin ich“, dann ist das Subjekt natürlich „ich“. Stimmt das?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

es stimmt, dass sich das Verb in der Regel in Numerus und Person nach dem Subjekt richtet.

Mein Freund wohnt in B.
Meine Freunde wohnen in B.
Du wohnst in B.

Zu dieser Grundregel gibt es fast keine Ausnahmen – aber eben nur fast.

Wenn in einem Satz mit dem Verb sein das Subjekt und der Gleichsetzungsnominativ (auch Prädikativ zum Subjekt oder prädikativer Nominativ genannt) nicht beide im Singular oder beide im Plural stehen, wird das Verb in der Regel in den Plural gesetzt:

Diese Sachen sind mein ganzer Besitz.
Die Franzosen sind ein Volk von Genießern.

Bis hierher gibt es keine großen Besonderheiten. In diesen beiden Sätzen steht das Subjekt im Plural und das Verb ebenfalls, also ganz so, wie es auch die allgemeine Regel fordert.

Die Sonderregel wird erst dann zur richtigen Ausnahmeregel, wenn Pronomen wie das, dies und welches Subjekt des Gleichsetzungssatzes sind und mit einem Nomen im Plural verbunden werden. Diese Pronomen sind zwar Singulare, das Verb steht dann aber trotzdem im Plural:

Das sind meine Sachen.
Dies sind meine Eltern.
Welches sind die neuen Aufträge?

Grammatisch gesehen könnte man Ihren Satz also so analysieren:

Das –sind – meine Freunde
Subjekt – Kopulaverb – Prädikativ

Das ist noch nicht alles: In Gleichsetzungssätzen mit das und dies richtet sich das Verb auch in der Person nach dem Prädikativ:

Das bin ich.
Dies seid ihr.

Das – bist – du
Subjekt – Kopulaverb – Prädikativ

Es handelt sich hier also um sehr spezielle Sätze, die sich den „normalen“ Satzstrukturen zum Teil entziehen. Keine Wunder also, dass Sie sie nicht so einfach analysieren konnten!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fünf Pfund Haselnüsse: grammatisches und inhaltliches Subjekt

Frage

Ich frage mich, was mit […] Maß- und Mengenangaben passiert, wenn die Mengenangabe im Plural ist. Beispiel: „Es wurde fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“ oder „Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wenn die Maßangabe und das Gemessene im Plural stehen und zusammen das Subjekt des Satzes bilden, steht das Verb üblicherweise im Plural:

Drei Kilo Kartoffeln sind genug.
Zehn Euro sollten reichen.

Seltener kommt auch der Singular vor:

Drei Kilo Kartoffeln ist genug.
Zehn Euro sollte reichen.

Bevor nun diejenigen, die es bei der Grammatik gerne genau nehmen, ein erboste Räuspern hören lassen: Der Singular ist hier nicht einfach „furchtbar falsch“. Die Idee dahinter ist, dass drei Kilo und zehn Euro für eine bestimmte Menge resp. einen bestimmten Betrag stehen. Wie die Einzahl eine bestimmte Menge zeigt, ist das dazugehörende Bild eine Einzahl. Das Verb im Singular richtet sich also nach einem inhaltlichen Subjekt.

Viele finden diese Sehensweise allerdings nicht überzeugend und richten sich lieber nach dem grammatischen Subjekt: Das Subjekt drei Kilo Kartoffeln ist ein Plural, also steht das Verb nach grammatischer Übereinstimmung auch im Plural. In formelleren Kontexten und zur Vorbeugung kritischer Anmerkungen empfiehlt es sich deshalb, in diesen Fällen das Verb in den Plural zu setzten:

Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft.

Der Unterschied zwischen dem inhaltlichen Subjekt und dem grammatischen Subjekt zeigt sich umgekehrt auch sehr schön bei Mengenangabe in der Einzahl mit etwas Gemessenem im Plural:

Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt:

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurde verkauft.
Ein Dutzend Eier lag im Kühlschrank.

Übereinstimmung mit dem inhaltlichen Subjekt

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurden verkauft (selten)
Ein Dutzend Eier lagen im Kühlschrank (selten)

Während die Standardsprache bei genauen Mengenangaben eine starke Tendenz zur Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt hat und deshalb die Einzahl wählt , sind bei „ungenauen“ Mengenangaben sowohl der Singular als auch der Plural üblich:

Eine Anzahl Leute hat/haben Anzeige erstattet.
Eine Menge Nüsse hängt/hängen noch am Baum.
Die Mehrzahl der Beschwerden war/waren unbegründet.

Auch hier muss ich präzisieren, dass strengere Grammatiker und Grammatikerinnen hier nur die Verbform im Singular als korrekt akzeptieren. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in solchen Fällen kein strenger Grammatiker.

Diese Beispiele zeigen, dass es manchmal mehr als einen „logischen“ Pfad gibt, dem man folgen kann. Wer auf Nummer sicher gehen will, wählt hier die Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass eine andere Wahl nicht einfach nur ein dummer Fehler ist.

Mehr zu dieser Frage finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kinder von 8 bis 12 Jahre/Jahren?

Frage

[Es geht] um den Kasus bei mehr als einer Präposition. Wie ich der Canoo-Website entnehmen kann, bestimmt die zweite Präposition den Fall. Ich bin aber in folgendem Fall unsicher. Heißt es „für Kinder von 8 bis 12 Jahre“ oder „Jahren“?

Kinder von 5 bis 13 Jahren erforschen die Ausstellung.

Ist das korrekt so?

Antwort

Wie so oft sind solche Formulierungen meistens problemlos, bis man anfängt, darüber nachzudenken. Ihre wahrscheinlich spontan gebildete Formulierung ist nämlich richtig.

Wenn bis Zahlenangaben miteinander verbindet, hat es keinen Einfluss auf den Fall. Man formuliert gleich, wie wenn nur eine der beiden Zahlenangaben stehen würde. Es heißt also:

für Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren
Kinder von 5 bis 13 Jahren erforschen die Ausstellung.

Den Kasus bestimmt hier die Präposition von (vgl. für Kinder von 8 Jahren).

Hier noch Beispiele mit anderen Fällen:

Die Kinder sind acht bis zwölf Jahre alt (vgl. sind zwölf Jahre alt)
Erste Strophe, erster bis dritter Vers (vgl. erste Strophe, dritter Vers)
Komponisten des 14. bis 20. Jahrhunderts (vgl. Komponisten des 20. Jahrhunderts)

Die Präposition bis ist sehr bescheiden. Nur selten verlangt sie den Akkusativ, der ihr zusteht. Sehr oft überlässt sie die Bestimmung des Falls einer anderen Präposition oder zeigt wie hier das Verhalten einer Konjunktion. Ihre Frage beweist allerdings, dass es gerade diese „Bescheidenheit“ hin und wieder auch Probleme bereiten kann. Mehr zu bis und den Fällen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist das Haus unseres, das unsere, das unsrige, uns oder unser?

Frage

Die Possessivpronomen können ohne Artikel stellvertretend für eine Nomen stehen. Die endungslose Form Neutrum Singular bekommt dann die Endung –es [vgl. hier]. Und nun zu meiner Frage: Was ist richtig?

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unseres ist.
oder
Heute kam die Nachricht, dass das Haus unser ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei der Besitzangaben mit dem Verb sein und einem Possessiv kommen verschiedene Konstruktionen vor. Möglich ist die Verwendung der gebeugten Form des Possessivs ohne Artikel, der gebeugten Form mit Artikel oder, eher veraltenden, der mit -ig erweiterten Form mit Artikel:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unseres / das unsere / das unsrige ist.
Der Bus dort ist unserer / der unsere / der unsrige.
Ist die Jacke nicht deine / die deine / die deinige?

Veraltet oder sehr gehoben ist die prädikative Verwendung des ungebeugten Possessivs. Man trifft sie vor allem in älteren Texten und Operettenarien an:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unser ist.
Die Rache ist mein.
Dein ist mein ganzes Herz.
Die Schuld ist euer.

Die folgende Variante gilt als umgangssprachlich und sollte in der Standardsprache vermieden werden: sein mit dem Dativ (hier mit dem Dativ des Personalpronomens).

Heute kam die Nachricht, dass das Haus uns ist.
Der Bus dort ist mir.
Der Garten ist nicht Ihnen, sondern uns allen.

Die im heutigen Standarddeutschen üblichste Variante wird aber nicht mit sein, sondern mit dem Verb gehören formuliert:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus uns gehört.
Der Bus dort gehört mir.
Der Garten gehört nicht Ihnen, sondern uns allen.

Um nun wieder zu Ihrer Frage zurückzukommen: Richtig ist sowohl dass das Haus unseres ist als auch dass das Haus unser ist, heute standardsprachlich üblich ist aber vor allem dass das Haus uns gehört.

In Léhars „Land des Lächelns“ wird man allerdings auch weiterhin

Dein ist mein ganzes Herz!
Wo du nicht bist, kann ich nicht sein.

singen, denn die „moderne“ Variante mit gehören würde hier einfach nicht passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ich gelang?

Frage

[…] Es geht um:

Ich gelang (te) auf einem anderen Weg in den Besitz dieses Werkes.

Beim ersten Durchblättern der Grammatiktabellen in einem Werk des […]-Verlages stellte ich fest, dass die Formulierung „ich gelang“ dort nicht vorgesehen ist. Das verwirrt mich sehr, denn sowohl Canoo als auch Wiktionary sehen diese Form vor.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Wortform ich gelang ist tatsächlich in Canoonet zu finden. Warum sie nicht im Werk steht, das Sie konsultiert haben, weiß ich natürlich nicht genau. Wichtig sind hier jedenfalls die folgenden beiden Präzisierungen:

Erstens: Die Form ich gelang gehört zum Verb gelingen. Das Verb gelangen wird regelmäßig gebeugt. Es heißt also korrekt:

Ich gelangte auf einem anderen Weg in den Besitz dieses Werks.

Die Form ich gelang kann nur als (umgangssprachlich oder poetisch) verkürzte Präsensform zu gelangen gehören:

Wie gelang[e] ich in den Besitz dieses Werks?

Zweitens: Die Vergangenheitsform ich gelang kommt äußerst selten vor. Das Verb gelingen wird vor allem in der dritten Person verwendet: etwas gelingt (jemandem). Die Formen der zweiten Person kommen selten vor, zum Beispiel wenn Gegenständliches personifiziert und direkt angesprochen wird:

Was soll ich tun, neuer Tag, dass du gut gelingst?
Lied, wie schlecht gelingst du mir!

Die Formen der ersten Person sind noch seltener. Sie sind wohl vor allem theoretisch möglich:

Lied, wie schlecht gelangst du mir! – Ich gelang dir nicht, weil …

Damit stellt sich die Frage, ob man solche Formen in Konjugationstabellen aufnehmen soll oder nicht. Nimmt man sie auf, könnte der Eindruck entstehen, sie seien allgemein üblich. Nimmt man sie nicht auf, sieht es so aus, als seien sie grundsätzlich falsch. Beides ist nicht der Fall.

Wenn man sie wie Canoonet anzeigt, müsste idealerweise auch eine recht detaillierte Beschreibung der Verwendungsmöglichkeiten von Formen dieser Art hinzugefügt werden. Solche detaillierten Angaben zur Verwendung „problematischerer“ Formen stehen schon lange auf meiner Wunschliste der Dinge, um die ich unsere Wörterbücher gerne ergänzt sehen würde. Aus Kapazitätsgründen verschiedener Art müssen Sie und ich uns aber leider noch gedulden und ohne sie auskommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Max und Moritz und die Form des Verbs

Frage

Ich habe Ihnen schon einmal eine Frage zum Numerus vorgelegt. Mein Beispielsatz lautete:

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.

Dass hier der Singular „wurde“ verwendet wird, haben Sie damals folgendermaßen erklärt: Es handelt sich um die Zusammenziehung zweier Sätze, bei der das Hilfsverb „wird“ nur einmal genannt wird, da es in beiden Sätzen identisch ist. Wie übertrage ich diese Erklärung auf den folgendermaßen abgewandelten Satz:

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz vom Schuldirektor gelobt.

Auch dieser Satz ist meinem Sprachgefühl nach mit dem Singular „wurde“ korrekt; er kann dies aber wohl nur dann sein, wenn man davon ausgeht, dass auch hier zwei Sätze mit jeweils einem eigenen Subjekt und einem eigenen Prädikat vorliegen. […]

Genau dieselbe Frage würde sich bei Sätzen wie „Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren“ und „Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz“ stellen.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

es geht hier um Sätze mit mehreren Subjekten und einem und. Kurz zusammengefasst gilt in solchen Fällen die folgende vereinfachende Regel:

a) Wenn in einem Satz mit mehr als einem Subjekt der Rest des Satzes für alle Subjekte identisch ist, handelt es sich um ein mehrteiliges Subjekt. Das Verb richtet sich nach der Mehrteiligkeit des Subjekts und steht im Plural.

b) Wenn in einem Satz mit mehr als ein Subjekt sich weitere Teile des Satzes auf das eine resp. das andere Subjekt beziehen, handelt es sich um einen zusammengezogenen Satz. In zusammengezogenen Sätzen richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

Diese Faustregel gilt nur für Aneinanderreihungen mit und. Sie ist weder wissenschaftlich präzis noch wirklich leicht verständlich. Deshalb folgen hier ein paar Beispiele, die illustrieren sollen, was gemeint ist:

a) Mehrteiliges Subjekt
Nur die Subjekte unterscheiden sich voneinander – Das Verb steht im Plural

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz gelobt.

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz vom Lehrer gelobt.

Max und Moritz wurden um 11 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 11 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reisten Max und Moritz nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Innsbruck.

Max und Moritz trinken Bier.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Bier.

b) Zusammengezogene Sätze
Die Subjekte und weitere Satzteile unterscheiden sich voneinander – Das Verb richtet sich nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt.

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz getadelt.

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz von der Schuldirektorin gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz von der Schuldirektorin gelobt.

Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 12 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Bregenz.

Max trinkt Bier und Moritz Wein.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Wein.

Ich hoffe nur, dass die große Zahl an Beispielen mit den Namen Max und Moritz nicht mehr verwirrt als erhellt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Original Hamburger Kaufleute ohne e

Frage

Beim Schreiben bin ich heute über eine Formulierung gestolpert, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie richtig ist. Muss es heißen:

Als original Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

oder:

Als originale Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

Grundsätzlich muss das Adjektiv „original“ ja angepasst werden […], mit „originale“ klingt der Satz aber merkwürdig schwerfällig, sodass ich mich frage, ob man das Wort „original“ ohne „e“ nicht ebenso gut verwenden kann.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Formulierung ist auch mit einem ungebeugten original korrekt. Einige ungebeugte Adjektive können wie Adverbien andere Adjektiv näher bestimmen (vgl. hier). Dazu gehören Adjektive wie echt, klassisch, typisch und original, die häufig vor geografischen Andeutungen stehen:

die echt britische Lebensart
in klassisch italienischem Stil
original spanische Tapas

Sie können auch vor unveränderlichen geografischen Adjektiven auf er stehen. Das ergibt dann zwar gleich zwei endungslose Adjektive hintereinander, ist aber möglich:

typisch Berliner Altbauten
ein Stück echt Elsässer Gugelhupf
eine rein Wiener Angelegenheit

und ebenso:

original Hamburger Kaufleute

Grammatisch gesehen bestimmt original hier also nicht Kaufleute, sondern das Adjektiv Hamburger näher. Grammatische Struktur hin oder her: Auf dass die original Hamburger Ehrlichkeit noch lange bestehen bleibe!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der erwartetste Moment?

Frage

Kann man „erwartet“ steigern? Zum Beispiel: „Der Urlaub ist der erwartetste Moment des Jahres.“ Heißt es nicht besser: „Der Urlaub ist der am meisten erwartete Moment des Jahres“?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

es ist tatsächlich nicht üblich, das adjektivische Partizip erwartet zu steigern. Sie sagen oder schreiben hier besser zum Beispiel:

der am sehnlichsten erwartete Moment des Jahres

Woran liegt das? Als Adjektive verwendete Partizipien haben in der Regel keine Steigerungsformen, wenn ihre Bedeutung noch eng mit der Verbbedeutung verbunden ist:

nicht: das besuchteste Museum – sondern: das meistbesuchte Museum
nicht: ihr wachsenderer Einfluss – sondern: ihr stärker wachsender Einfluss
nicht: die gehörteste Entschuldigung – sondern: die am häufigsten gehörte Entschuldigung

Adjektivische Partizipien können dann gesteigert werden, wenn sie mit einer mehr oder weniger eigenständigen, übertragenen Bedeutung verwendet werden:

die rührendste Geschichte
erfahrenere Fachleute
die verlockendsten Angebote

eine blühendere Phantasie – nicht: eine blühendere Rose
die schreiendsten Farben – nicht: die schreiensten Kinder
der ausgekochteste Kriminelle – nicht: die ausgekochtesten Knochen

Wie immer, wenn es um „übertragene Bedeutung“ geht, sind die Übergänge fließend. Ein Zauberer kann nicht verzaubernder sein als der andere, auch wenn er Menschen und Dinge noch so behände zu verwandeln vermag. Ein Lächeln hingegen kann bezaubernder sein als das andere. Es ist nicht immer einfach zu sagen, wann und warum eine Steigerungsform möglich ist oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist oder sind Metallica eine Metal-Band?

Frage

Ein Thema, über das ich leider keine guten, fundierten Hilfen im www finden konnte, ist die Frage, ob auf Bandnamen oder allgemeiner auf Namen von Gruppen bezogene Verben im Singular oder im Plural stehen sollen/dürfen, also zum Beispiel „Metallica sind Headliner“ vs. „Metallica ist Headliner“.

Antwort

Guten Tag S.,

erlaubt ist (mehr oder weniger), was gefällt, denn eine verbindliche Regel gibt es nicht und linguistisch sind häufig beide Varianten vertretbar.

Bei Bandnamen, die eindeutig als Plural empfunden werden, stehen das Verb, die Possessivartikel usw. im Plural. Das gilt insbesondere für Gruppen, die mit dem deutschen Pluralartikel die stehen. Zum Beispiel:

die Beatles / die Rolling Stones / die Beach Boys / die Pointer Sisters sind eine Band/Gruppe

Gruppennamen, die in der Ursprungssprache (meist Englisch) für uns erkennbar pluralisch sind und im Deutschen ohne deutschen Artikel verwendet werden, stehen häufig mit dem Plural, weil sie – wie man annehmen darf – in Anlehnung an die Ursprungssprache als Plural empfunden werden. Der Singular kommt ebenfalls häufig vor, weil es eine Band oder eine Gruppe ist und entsprechend als Singular empfunden wird. Zum Beispiel:

Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom sind eine Band
Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom ist eine Band

Bei anderen Gruppennamen steht nach den deutschen Kongruenzregeln der Singular. Ein Gruppenname lässt sich mit einer Sammelbezeichnung (Kollektivum) wie Obst, Herde, Familie, Team, Mannschaft usw. vergleichen. Sammelbezeichnungen stehen im Deutschen immer mit dem Singular.

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana ist eine Band

So weit, so gut. Hier kommt aber häufig auch der Plural vor. Ich vermute stark (ohne genauere Untersuchungen kann ich es natürlich nicht mit wissenschaftlich fundierter Genauigkeit sagen), dass dies ein Einfluss des Englischen ist. Bei gewissen singularischen Sammelbezeichnungen, die Personengruppen bezeichnen, ist im Englischen die Kongruenz im Plural möglich (zum Beispiel the familiy are, the crew are, the band are). Das gilt auch für Namen von Musikgruppen u. Ä. Dieser Plural wird bei Bandnamen auch ins Deutsche übernommen

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana sind eine Band

Ich würde bei dieser Art von Namen immer die Übereinstimmung im Singular empfehlen. Da die Verwendung des Plurals hier aber häufig und systematisch vorkommt, halte ich den Plural nicht mehr für grundsätzlich falsch. Gerade in einem so stark angelsächsisch dominierten Gebiet wie der Pop- und Rockmusik ist ein Einfluss des Englischen auch auf der sprachlichen Ebene nicht sehr erstaunlich.

Und wer immer noch unsicher ist, kann natürlich einfach auf Wendung wie die Metal-Band Metallica, die britische Rockgruppe Queen oder die Rockband 4 Non Blondes ausweichen. Dann steht immer der Singular.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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