Archiv für Konjugation/Deklination

In dieser Weise und auf diese Weise

Frage

Ich habe eine Frage zu folgendem Satz: „Man könne sehen, in welcher Weise alles miteinander verbunden ist.“ Wie muss man sich das r in „in welcher Weise“ erklären? Man schreibt doch „auf diese Weise“ und nicht „auf dieser Weise“.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

eine schöne, rundum schließende Erklärung für den Unterschied zwischen in dieser Weise und auf diese Weise muss ich Ihnen schuldig bleiben. Das r in dieser gehört zur weiblichen Dativendung er. Nach in steht dieser Weise im Dativ und nach auf steht diese Weise im Akkusativ:

auf diese Weise; auf welche Weise; auf meine Weise; auf eine bestimmte Weise; auf keine andere Weise
in dieser Weise; in welcher Weise; in meiner Weise; in einer bestimmten Weise; in keiner anderen Weise

Das erklärt aber noch nicht viel. Schließlich können sowohl in also auch auf mit dem Dativ oder dem Akkusativ stehen. Es sind sogenannte Wechselpräpositionen. Bei einer Richtungsangabe (wohin?) stehen sie mit dem Akkusativ, bei einer statischen Ortsangabe (wo?) mit dem Dativ:

Sie steigt auf den Berg. ­– Sie wohnt auf dem Berg.
Sie steigt in den Wagen. – Sie sitzt im Wagen.

Bei Ihrer Frage geht es aber nicht um eine konkrete räumliche Verwendung von in und auf. Warum man bei nicht räumlicher Verwendung einer Wechselpräposition einen bestimmten Fall wählt, ist oft nicht oder nicht einfach zu erklären.

Nach auf steht bei einer nicht räumlichen Verwendung meistens der Akkusativ (auf keinen Fall, auf den Cent genau; siehe hier). Dies gilt auch für auf eine bestimmte Weise.

Nach in steht bei nicht räumlicher und nicht zeitlicher Verwendung der Akkusativ, wenn die Bedeutung „dynamisch“ ist (ins Gespräch kommen, in einen Frosch verwandeln), und der Dativ, wenn die Bedeutung „statisch“ ist (im Gespräch sein, im Notfall; siehe hier). In übertragenem Sinne tut man etwas nicht in eine bestimmte Weise hinein, sondern innerhalb einer bestimmten Weise. Deshalb sagt man in einer bestimmen Weise.

Bei der Wechselpräposition in hat der Unterschied zwischen statisch und dynamisch also bei nicht räumlicher Verwendung einen größeren Einfluss auf die Wahl des Falles als bei auf.

Warum dies so ist, weiß ich nicht. Das bisher Gesagte taugt noch nicht einmal als strenge Regel. Schwierig ist hier nämlich, dass es keine genaue Grenze zwischen räumlicher und nicht räumlicher Verwendung gibt. In den folgenden Redewendungen ist das räumliche Bild nämlich noch so gut erkennbar, dass auch nach auf der Unterschied zwischen dynamisch und statisch durch den Kasus angegeben wird:

auf großem Fuß leben
jemanden auf die Folter spannen

Deutschlernenden bleibt also nichts anderes übrig, als sich dies mühsam zu erarbeiten. Muttersprachige sollten sich entsprechend darüber freuen, dass ihnen meist nicht einmal auffällt, dass hier etwas schwierig sein könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (3)

Siehe und sieh!

Frage

In unserem Arbeitsalltag als technische Übersetzer stolpern wir oft über Querverweise auf Abbildungen, Tabellen usw. mit dem kleinen Wörtchen „siehe“. Wird dieses groß- oder kleingeschrieben oder gibt es keine wirkliche Konvention. Zum Beispiel: „Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe/Siehe Abbildung 3 auf Seite 7).“ Und wie verhält es sich mit den Punkten?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

eine allgemeingültige Regelung gibt es meines Wissens nicht, aber die folgenden Schreibweisen kommen häufig vor und sind recht praktisch:

Der Verweis wird oft in Klammern gesetzt. Man schreibt siehe dann klein und verwendet direkt nach dem Verweis keinen Punkt:

Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7). Sie wird mit Schalter C bedient.
Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7) und wird mit Schalter C bedient.
Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7), wo auch der Schalter C zu finden ist.

Man kann dem Verweis auch etwas mehr Gewicht geben, indem man ihn nicht in Klammern setzt, sondern nach einem Punkt separat aufführt. Auch dann verwendet man üblicherweise kein Ausrufezeichen, obwohl es sich bei siehe um eine Art Befehlsform des Verbs sehen handelt.

Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels. Siehe Abbildung 3 auf Seite 7.

Weiter gibt es noch die folgende Art des Verweises. Man beachte, dass hier zwischen dem eigentlichen Verweis und demjenigen, wozu der Verweis angegeben wird, kein Komma steht (nein, auch nicht vor siehe im ersten Beispiel!):

Für die Montage der Warnleuchte siehe Anleitung B auf Seite 7.
Siehe Anleitung B auf Seite 7 für die Montage der Warnleuchte.

Dies sind nicht die einzig möglichen Schreibweisen, aber mit diesen einfachen „Regeln“ bin ich bis jetzt immer gut gefahren.

Wenn wir schon dabei sind, hier noch ein paar Worte zur Form: siehe mit e steht nur in Verweisen und Ausrufen:

Siehe Seite 7.
Siehe da, es funktioniert!
Und siehe, ein Engel des Herrn erschien.

Die „gewöhnliche“ Befehlsform von sehen ist sieh ohne e:

Sieh mich bitte an!
Sieh dir den Text noch einmal an!
Sieh her und sei ruhig!

Noch eine allerletzte Bemerkung und dann werde ich wirklich ruhig sein: Auch wenn die Befehlsform sieh! kein e am Schluss hat, kommt sie ganz ohne Apostroph aus!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

Athen und Basel im Genitiv

Frage

Ist es richtig, dass man zum Beispiel „die Territorialverteidigung des hellenistischen Athen“ und nicht „die Territorialverteidigung des hellenistischen Athens” schreibt? In der Literatur finde ich beides.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

in der Literatur finden Sie beides, weil Athen – wie viele andere Dörfer, Städte, Regionen und Länder – hier mit und ohne Genitiv-s stehen kann. Wenn sonst ohne Artikel stehende geographische Namen mit Artikel verwendet werden, wird die Genitivendung oft weggelassen:

Bremen
der Baumeister Bremens
der Baumeister des neuen Bremens oder
der Baumeister des neuen Bremen

Deutschland
die Hauptstadt Deutschlands
die Hauptstadt des vereinigten Deutschlands oder
die Hauptstadt des vereinigten Deutschland

Ebenso:

Athen
die Territorialverteidigung Athens
die Territorialverteidigung des hellenistischen Athens oder
die Territorialverteidigung des hellenistischen Athen

All diese Formulierungen gelten als korrekt. Sehen Sie hierzu auch die folgenden Angaben in der Canoonet-Grammatik (ganz unten auf der Seite).

Wenn ich die Schönheit Basels anpreise, muss ich also ein Genitiv-s verwenden. Fakultativ ist dieses s aber dann, wenn ich von der Schönheit des frühlingshaften Basels oder eben des frühlingshaften Basel schwärme. Heute möchte ich ergänzend sagen: Hauptsache, die Sonne scheint!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Zahlen im Genitiv

Es geht hier nicht darum, wie man im Genitiv zahlt (zum Beispiel: sich der Kreditkarte bedienen). Mit „Zahlen im Genitiv“ sind  zweier und dreier, die Genitivformen von zwei und drei, gemeint.

Frage

Auf einer Nachrichtenwebseite las ich diese Formulierung: „Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen drei iranischer Überläufer.“ Ist der Genitiv „drei iranischer Überläufer” so richtig? Ist „dreier Überläufer“ eine oft benutzte falsche Floskel oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

der Satz, den Sie zitieren, ist tatsächlich nicht ganz richtig formuliert. Wenn die Zahlen zwei und drei ohne ein Artikelwort bei einem Nomen im Genitiv stehen, verwendet man nämlich die Formen zweier und dreier:

der Verkauf zweier Ponys
mit Hilfe dreier Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen dreier Überläufer.

Das gilt auch dann, wenn ein gebeugtes Adjektiv folgt:

der Verkauf zweier schwarzer Ponys
mit Hilfe dreier kleiner Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen dreier iranischer Überläufer.

Mit Artikelwort verwendet man diese Zahlwörter aber ohne Endung:

der Verkauf ihrer zwei [schwarzen] Ponys
mit Hilfe dieser drei [kleinen] Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen der drei [iranischen] Überläufer.

Bei der zitierten Formulierung die Aussagen drei iranischer Überläufer handelt es sich also um eine ungebräuchliche Mischform. Sehen Sie hierzu auch diese Seite in der Canoonet-Grammatik.

Bei Zahlen ab vier sind Gentivformen mit –er übrigens ungebräuchlich. Ohne Artikelwort verwendet man eine Formulierung mit von (auch wenn man dem Genitiv sonst sehr gewogen ist):

mit Hilfe von vier Schräubchen
die Mutter von fünf Kindern
die intelligenten Fragen von sechs Canoonet-Nutzern

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Riefend gibt es!

„Riefend gibt es nicht!“, lautet der Kommentar von Lollo, der oder die vielleicht den ebenso fiktiven Familiennamen Rosso trägt und des Weiteren leider eine falschen E-Mail-Adresse angegeben hat. Diese Behauptung möchte ich nicht gänzlich unwidersprochen lassen, zumal das Wort riefend tatsächlich im Canoonet-Wörterbuch zu finden ist.

Man findet riefend natürlich nicht bei den Wortformen des Verbs rufen. Es gibt im Deutschen schließlich nur das Partizip Präsens rufend und das Partizip Perfekt gerufen. Wenn es zu rufen gehören würde, müsste riefend aber eine Art Partizip Präteritum sein:

Er rennt aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Er rannte aus vollem Halse *riefend auf uns zu.

Die Narren ziehen singend und tanzend durch die Straßen.
Die Narren zogen *sangend und *tanztend durch die Straßen.

Partizipformen dieser Art (*) gibt es nicht. Trotz seines Namens Partizip Präsens kann dieses Partizip nämlich nicht nur im Präsens verwendet werden. Es drückt keine Zeit aus. Es drückt aus, dass die Verbhandlung verlaufend ist, und wird manchmal wie oben adverbial oder meistens als Adjektiv verwendet (z. B. rufende Eulen, singende Lerchen, tanzende Schwäne). Es kann sowohl in Kombination mit der Gegenwart als auch zusammen mit der Vergangenheit stehen:

Er rennt/rannte aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Die Narren ziehen/zogen singend und tanzend durch die Straßen.

Heute wird deshalb häufig der weniger irreführende Name Partizip I verwendet.

Die Wortform riefend kann also nicht zu rufen gehören, genauso wenig wie sangend eine Form von singen oder tanztend eine Form von tanzen ist. Weshalb steht riefend trotzdem im Wörterbuch? – Es gehört ganz regelmäßig zum Verb riefen, das wie seine Variante riefeln die Bedeutung mit Riefen (= Rillen) versehen hat.

Das Wort riefend ist alles andere als ein Anwärter auf eine Spitzenposition in der Liste der am häufigsten verwendeten Wortformen. Manchmal ist es sogar nur ein triefend oder reifend mit Flüchtigkeitsfehler. Man darf ihm aber trotzdem nicht einfach mit der Behauptung „Riefend gibt es nicht!“ die Daseinsberechtigung absprechen. Auch wenn dies wahrscheinlich außer Scrabble-Spielern, die die entsprechenden Buchstaben legen können, kaum jemanden interessiert: Riefend gibt es!

Kommentare

Aus 15 Meter(n) Entfernung

Frage

In Fußballreportagen höre ich immer wieder die Formulierung „ein Schuss aus 15 Metern Entfernung“. Meine Frage dazu wäre, ob es „Meter“ oder „Metern“ heißt – oder ist „Metern“ nur richtig, wenn man dahinter nicht mehr das Wort „Entfernung“ anhängt?

Antwort

Guten Tag S.,

beides ist hier möglich. Wenn Meter wie hier als Maßangabe im Plural nach einer Zahlenangabe steht, gelten sowohl die endungslose Form Meter also auch die gebeugte Form Metern als richtig. Ob das Wort Entfernung folgt oder nicht, hat darauf keinen Einfluss:

ein Schuss aus 15 Metern [Entfernung]
ein Schuss aus 15 Meter [Entfernung]

Normalerweise stehen männliche und sächliche Maß- und Mengenangaben ungebeugt im Nominativ Singular:

2,5 Kilo Äpfel
zwei Paar Schuhe
fast drei Dutzend Polizisten
12 Euro
eine Bildschirmgröße von 17 Zoll/Inch

Eine besondere Stellung nehmen hier die männlichen und sächlichen Maß- und Mengenangaben ein, die auf unbetontes el oder er enden. Speziell sind sie deshalb, weil man ihrer Form oft nicht ansieht, ob sie im Singular oder im Plural stehen:

(der/das) Drittel – (die) Drittel
(der) Liter – (die) Liter
(der) Kilometer – (die) Kilometer

Im Dativ Plural allerdings unterscheiden sich die Wortformen vom Nominativ Singular. Sie haben dann die Endung n, die sie als Pluralform „verrät“:

den Dritteln
den Litern
den Kilometern

Bei Maß- und Mengenangaben dieser Art gelten im Dativ Plural sowohl die gebeugte als auch die endungslose Form als korrekt:

bei zwei Drittel der Befragten
bei zwei Dritteln der Befragten

ein Inhalt von bis zu 7,5 Liter
ein Inhalt von bis zu 7,5 Litern

ein Schuss aus 15 Meter Entfernung
ein Schuss aus 15 Metern Entfernung

eine Höhe von 10 Zentimeter
eine Höhe von 10 Zentimetern

Mehr hierzu finden Sie auf der dieser Seite in der Canoonet-Grammatik (insbesondere Abschnitt „Spezialfall: Meter, Liter, Drittel“).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Außergewöhnlich aufmerksamen Lesern und Leserinnen mag aufgefallen sein, dass dieses Thema im Jahr 2010 schon einmal im Blog behandelt wurde. Da ich davon ausgehe (so realistisch bin ich schon), dass die meisten den Blog nicht so regelmäßig und lesen, nehme ich es niemandem übel, dass die Frage nach diesem Dativ-n immer wieder auftaucht. Ich hoffe, dass mir umgekehrt niemand diese Wiederholung zum Vorwurf macht.

Kommentare (2)

Das Möbel(stück)

Frage

Schreibt man „Ich brauche ein Möbel für mein Telefon“ oder „Ich brauche ein Möbelstück für mein Telefon“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort Möbel steht meistens in der Mehrzahl. Es ist aber nicht grundsätzlich falsch, es in der Einzahl zu verwenden (steht zum Beispiel auch in Duden, DWDS, Wahrig, Pons, Canoonet). Je nach Region, Alter, Beruf oder was sonst noch eine Rolle spielen mag, finden wir die Einzahl das Möbel unmöglich, ungewöhnlich oder ganz normal. Möbel ist also – anders als das englische furniture und anders als gelegentlich gesagt wird – nicht ein Wort, das ausschließlich in der Mehrzahl verwendet werden darf.

Daneben wird auch das Wort Möbelstück verwendet, vor allem von denjenigen, die sich nicht mit das Möbel anfreunden können oder wollen. Sie können also beides sagen:

Ich brauche ein Möbel für mein Telefon.
Ich brauche ein Möbelstück für mein Telefon.

In meinen Ohren klingen allerdings beide Formulierungen etwas ungewöhnlich. Die Einzahl von Möbel ist wohl deshalb wenig gebräuchlich, weil vom winzigen japanischen Lacktischchen bis hin zum kolossalen Bücherschrank aus Eichenholz alles den Namen Möbel trägt. Wenn man einen einzelnen Einrichtungsgegenstand meint, gibt man deshalb meistens genauer an, was gemeint ist. Zum Beispiel:

Im Korridor versperrt ein großer Schrank den Durchgang.
Wann kaufst du endlich ein neues Sofa?
Ich brauche ein Tischchen für mein Telefon

Wenn Sie aber noch nicht wissen, welche Art Einrichtungsgegenstand Sie sich anschaffen wollen, können Sie auch von einem Möbel oder einem Möbelstück reden. Dabei steht es Ihnen frei, die Variante zu wählen, die Ihnen weniger ungewöhnlich vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Mord an Polizeibeamten

Frage

Auf einem Fahndungsplakat heißt es „Mord an Polizeibeamten“, wobei ein einzelner Polizeibeamter gemeint ist. Nun bin ich unsicher, ob es nicht „Mord an Polizeibeamtem“ heißen müsste.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es müsste tatsächlich heißen:

Mord an Polizeibeamtem

Das Wort Beamter wird wie ein Adjektiv gebeugt:

Singular:
Nom.: der Beamte, ein Beamter, Beamter
Dat.: dem Beamten, einem Beamten, Beamtem

Plural:
Nom.: die Beamten, Beamte
Dat.: den Beamten, Beamten

Im Dativ Singular steht also die Endung em, wenn Beamter oder Polizeibeamter ohne Artikelwort steht:

Mord an Polizeibeamtem
= Mord an einem Polizeibeamten

Die Endung en steht im Dativ dann, wenn Polizeibeamter von einem gebeugten Artikelwort begleitet wird:

Mord an einem Polizeibeamten
der Mord an diesem Polizeibeamten

Die Endung en steht aber auch im Plural. Wenn mehr als ein Polizeibeamter ermordet worden wäre, müsste die Kriminalpolizei auf dem Fahndungsplakat schreiben:

Mord an Polizeibeamten
= Mord an mehreren Polizeibeamten

Solche artikellosen Formulierungen findet man vor allem in Titeln, stichwortartigen Aufzählungen und juristischen oder juristisch daherkommenden Texten. Zum Beispiel:

Zielvereinbarungen zwischen Studierendem/Studierender und Ausbildungsinstitut
Verkehrsmissstände mit Verantwortlichem des Campingplatzes besprechen
Rentner wegen erzwungenem Sex mit Verlobter vor Gericht
Mitreisende gesucht
Drei Jugendliche vemisst
Staatsanwaltschaft wirft Angeklagter 50 Straftaten vor.
Betrunkener bricht Polizeibeamtem den Finger

Im zweitletzten Satz ist mit Angeklagter (Dativ Singular) eine Frau gemeint. Im letzten Satz bezeichnet Betrunkener (Nominativ Singular) aber einen Mann. Kein Wunder, dass die Fälle hier manchmal durcheinandergeraten.

Wenn Sie einmal gar nicht mehr weiterwissen, denken Sie sich einfach Mann oder Frau (oder im Plural Menschen) dazu, dann finden Sie die richtige Form ganz einfach:

Staatsanwalt wirft angeklagter Frau 50 Straftaten vor.
=> Staatsanwalt wirft Angeklagter 50 Straftaten vor.

Betrunkener Mann bricht Polizeibeamtem den Finger.
=> Betrunkener bricht Polizeibeamtem den Finger.

Beim Beamten ist dies allerdings schwieriger. Wenn Sie ihn ohne Artikel verwenden wollen oder müssen und nicht sicher sind, welche Endung Sie verwenden sollten, ersetzen Sie ihn am besten durch ein Wort wie Angestellter:

Betrunkener bricht angestelltem Mann den Finger.
Betrunkener bricht Angestelltem den Finger.
=> Betrunkener bricht Polizeibeamtem den Finger.

Wenn hier stehen würde

Betrunkener bricht Polizeibeamten den Finger.

müsste der Betrunkene mindestens zwei Polizistenfinger gebrochen haben.

Im öffentlichen Dienst tätige Frauen machen uns das Leben hier übrigens wieder einmal viel einfacher: Die Beugung des Wortes Beamtin/Beamtinnen bietet keine größeren Schwierigkeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (4)

Rechtsklicken Sie?

Frage

Bei uns kam die Diskussion auf, ob es das Wort „rechtsklicken“ überhaupt gibt. Zum Beispiel:

Rechtsklicken Sie auf das Objekt, um das Kontextmenü zu öffnen.

Ich finde, dass das furchtbar klingt, bin mir aber nicht sicher, ob man es dennoch verwenden kann/darf.

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

wenig subtil ausgedrückt könnte man sagen: Wenn Sie ein Wort verwenden, gibt es das Wort. Die Frage ist nur, ob es verständlich und üblich ist.

Ist rechtsklicken verständlich? – Die meisten, die regelmäßiger mit einer Computermaus arbeiten, sollten eigentlich verstehen, was mit rechtsklicken gemeint ist.

Ist rechtsklicken üblich? – Das Wort kommt relativ häufig vor. Selbst ein eingefleischter Apple-Nutzer wie ich hat es schon hin und wieder gelesen. (Ich besitze keine Macintosh-Aktien und bin auch sonst in keiner Weise mit Apple verwandt oder verschwägert. Ich erwähne dies nur, weil Apple-Mäuse in der Regel keine rechte Maustaste haben.)

Ihr Zweifel ist aber dennoch verständlich. Das Verb rechtsklicken gehört zu einer Gruppe von zusammengesetzten Verben, die häufig nur im Infinitiv (und Partizip) verwendet werden. Andere Beispiele sind:

bauchtanzen, fehlernähren, kaltschweißen, paarlaufen, seilhüpfen, tieftauchen

Bei den konjugierten Formen entsteht im Hauptsatz nämlich eine Problem: Ist das Verb trennbar, wie seine Betonung es eigentlich vermuten ließe, oder ist es untrennbar? Heißt es also ich rechtsklicke oder ich klicke rechts? Diese Frage stellt sich bei rechtsklicken auch für die Befehlsform, die man in Anleitungen u. Ä. häufiger antrifft:

a) Rechtsklicken Sie auf das Objekt!
b) Klicken Sie rechts auf das Objekt!
c) Klicken Sie auf das Objekt rechts!

Die meisten werden wohl einverstanden sein, dass für das Verb rechtsklicken nur die untrennbare Variante a) in Frage kommt.

Weshalb „klemmt“ die Formulierung aber trotzdem irgendwie? Das hat mit der Betonung zu tun. Das Verb rechtsklicken wird auf dem ersten Teil betont: rechtsklicken. Verben, die auf dem ersten Teil betont werden, sind normalerweise trennbar. Zum Beispiel:

einladen: Laden Sie die Waren ein!
entladen: Entladen Sie den Wagen!

umfahren: Fahren sie den Kegel um!
umfahren: Umfahren Sie den Kegel!

anklicken: Klicken Sie das Objekt an!
verklicken: Verklicken Sie sich nicht!
rechtsklicken: Rechtsklicken Sie auf das Objekt!

Deshalb klingt die ungetrennte Befehlsform Rechtsklicken Sie! ungewohnt. Solche ungetrennten Formen kommen allerdings auch bei einigen anderen Verben vor, die auf dem ersten Wortteil betont werden. Zum Beispiel:

Downloaden Sie hier unseren Katalog!
Staubsaugen Sie die Teppiche regelmäßig!

Der langen Rede kurzer Sinn: Gegen den Infinitiv rechtsklicken als fachsprachlichen Begriff gibt es wenig einzuwenden. Es ist auch nicht „verboten“, ungetrennte Formen wie Rechtsklicken Sie! oder Rechtsklicke! zu verwenden. Sie klingen für viele eher ungewohnt, aber sie sind nicht grundsätzlich falsch. Stilistisch gesehen würde ich aber trotzdem in den meisten Fällen eine etwas wortreichere Formulierung verwenden:

Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf das Objekt!

Dasselbe gilt übrigens auch für doppelklicken

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Null Punkte, zéro point

Bemerkung

Das Plural-/Singularthema im Blog rief mir in Erinnerung, dass es in unterschiedlichen Sprachen unterschiedliche Verwendungen des Numerus gibt. Im Deutschen sagt man zum Beispiel „null Punkte“, im Französisch jedoch „zéro point“, also ohne Plural-s. Erst wenn man diese beiden Formen nebeneinander sieht, fällt einem auf, dass die französische Form „logischer“ ist, wir uns aber am deutschen Gebrauch nie an der „unlogischen“ Form gestört haben respektive stören.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

tatsächlich ein bemerkenswerter Unterschied. Während wir ausschweifend pluralisch mit null Punkten unzufrieden und mit null Fehlern zufrieden sind, ärgern oder freuen sich die Französischsprachigen bescheiden singularisch über zéro point und zéro faute. Wir stören uns wahrscheinlich deshalb nicht am Plural, weil er gar nicht so unlogisch ist. Wenn man null mit kein gleichsetzt, sieht man, dass beides etwa gleich sinnvoll ist:

Sie haben keinen Punkt erhalten.
Sie haben keine Punkte erhalten.

Ganz einfach gesagt: Wenn nichts da ist, macht es nicht so viel aus, ob eine Einzahl oder eine Mehrzahl fehlt. Warum wir allerdings nach null immer die Mehrzahl wählen, ist eine Frage, die ich leider nicht zu beantworten weiß.

Wir sind allerdings nicht die einzigen, die hier den Plural dem Singular vorziehen. Zum Beispiel:

en: zero points (Sing. = point)
it: zero punti (Sing. = punto)
sp: cero puntos (Sing. = punto)
nl: nul punten (Sing. = punt)
pl: zero punktów (Sing. = punkt)

Das Französische steht also mit dem Singular zéro point schon ein bisschen allein da.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)