Archiv für Konjugation/Deklination

Glitt er neben ihr oder neben sie ins Bett?

Frage

Es ist mir einmal mehr unmöglich, eine Frage zu klären, trotz des Versuchs, diverse Erklärungen auf Webseiten zu verstehen. Heißt es „Er glitt neben IHR ins Bett“ oder „Er glitt neben SIE ins Bett“ oder ist beides richtig und enthält eine unterschiedliche Aussage?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort neben gehört zu den Präpositionen, die mit dem Dativ oder dem Akkusativ stehen können. Sie werden deshalb gelegentlich auch Wechselpräpositionen genannt. Man verwendet den Dativ, wenn eine Ortsangabe gemacht wird (wo?), und den Akkusativ, wenn das Ziel einer Bewegung angebend wird (wohin?):

Er liegt neben ihr (wo?)
Er legt sich neben sie (wohin?)

Manchmal sind in einem Satz beide Sehensweisen möglich:

Er glitt neben ihr ins Bett.
Wo glitt er ins Bett? – Neben ihr.

Er glitt neben sie ins Bett
Wohin glitt er? – Neben sie ins Bett.

Zwischen den beiden Formulierungen, gibt es, wenn überhaupt, nur einen geringen Bedeutungsunterschied. Sehen Sie auch die allgemeinen Angaben zu dieser Art von Präpositionen, insbesondere: „Oft sind beide Sehensweisen möglich“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wann kann man den Polizisten ohne Endung anklagen?

Frage

In der Zeitung las ich die Überschrift „Anklage gegen Polizist erhoben“. Nach gegen steht aber der Akkusativ. Müsste es dann nicht heißen: „Anklage gegen Polizisten erhoben“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

nach gegen steh der Akkusativ (gegen wen oder was?) und die Akkusativform von Polizist lautet den Polizisten. Trotzdem steht in Ihrer Zeitung ganz korrekt „Anklage gegen Polizist erhoben“. Wieso?

Wenn ein Substantiv der en/en-Klasse (ein schwach gebeugtes Substantiv) im Singular steht und kein Artikel oder Adjektiv vorangeht, lässt man die Endung en in der Regel weg. Zum Beispiel:

a) von Mensch zu Mensch
b) von einem Menschen zum anderen Menschen

a) das Gespräch zwischen Arzt und Patient
b) das Gespräch zwischen dem Arzt und dem Patienten

a) Der Professor, begleitet durch Assistent Müller, …
b) Der Professor, begleitet durch seinen Assistenten Müller, …

a) Das Orchester spielt ohne Dirigent.
b) Das Orchester spielt ohne einen Dirigenten.
b) Das Orchester spielt ohne echten Dirigenten.

a) Als Student konnte man ihn nicht bezeichnen.
b) Als gewissenhaften Studenten konnte man ihn nicht bezeichnen.

a) Anklage gegen Polizist erhoben
b) Anklage gegen einen Polizisten erhoben
b) Anklage gegen fehlbaren Polizisten erhoben

Das Weglassen der Endung ist bei allein stehenden Formen standardsprachlich korrekt und üblich (Beispielsätze a). Es hat damit zu tun, dass die Endung en oft als Pluralendung missverstanden werden könnte. In den anderen Fällen (Beispielsätze b), darf die Endung en aber nicht weggelassen werden.

Dies ist wieder einmal so ein Fall, der zeigt, dass man Sprache nicht mit Mathematik verwechseln darf. Hier ergibt nämlich eins (gegen mit Akkusativ) und eins (Akkusativ ist Polizisten) nicht zwei (gegen Polizisten), sondern eher so etwas wie anderthalb (gegen Polizist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mit oder ohne wen oder wem?

Frage

Heißt es in der folgenden Formulierung einem oder einen? „Sie haben das Recht, die Gesellschaft mit oder ohne einen/einem Nachfolger ihrer Wahl weiterzuführen.“

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

man sagt und schreibt normalerweise:

mit oder ohne einen Nachfolger

Die Präposition mit verlangt den Dativ: mit einem Nachfolger. Nach ohne steht der Akkusativ: ohne einen Nachfolger. Da die beiden Wortgruppen in diesen beiden Fällen nicht die gleiche Form haben, sollte man sie eigentlich nicht zusammenziehen. Es müsste also heißen: mit einem Nachfolger oder ohne einen Nachfolger. Da die Wendungen mit oder ohne und mit und ohne häufig vorkommen und ausformuliert sehr schwerfällig klingen, hat sich auch in der Standardsprache eingebürgert, sie mit dem Akkusativ zu verwenden. Da ohne der Wortgruppe näher steht, hat es sozusagen bei der Fallzuteilung gewonnen:

Wir werden die Sache mit oder ohne dich zu Ende führen.
Apfelkuchen mit oder ohne gesüßte Schlagsahne
Warum gibt es deutsche Flaggen mit und ohne den Adler?
Das Gerät kann mit und ohne einen Festnetzanschluss betrieben werden.

Dies gilt übrigens nur für die Formulierungen mit oder ohne und mit und ohne. Die nachfolgenden Formulierungen gelten zumindest standardsprachlich als unschön, auch wenn der Fall der am nächsten stehenden Präposition verwendet wird:

von und über die Leute reden
Wenn man ab oder via einen europäischen Flughafen fliegt, …
Übersetzungen aus und in die italienische Sprache

Besser – so umständlich es manchmal auch klingen mag – sind Formulierungen wie diese:

von den Leuten und über die Leute reden
Wenn ein europäischer Flughafen Abflug- oder Umsteigeort ist, …
Übersetzungen aus dem Italienischen und ins Italienische

Kein Problem ist die Zusammenziehung dann, wenn sich die Wortformen in den verschiedenen Fällen nicht voneinander unterscheiden:

viel von und über sich reden
Wenn man ab oder via Wien fliegt, …

Einen Überblick zu diesem Thema finden Sie in der CanooNet-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Falles und Stückes oder Falls und Stücks

Frage

Viele Autoren, vor allem solche, die zur Schachtelsatzbildung neigen, verwenden liebend gern bei der Flexion die es-Variante  (Beispiel: Falles, Stückes). In bestimmten Fällen ist es zwingend notwendig, in manchen gebräuchlich. Mich erinnert der penetrante Gebrauch an das Martin-Luther-Deutsch seiner Bibelübersetzungen. Was ist nun gutes Deutsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

die Endung es ist tatsächlich in gewissen Fällen zwingend und in anderen unüblich. In vielen Fällen aber ist sowohl der Genitiv mit s als auch der Genitiv mit es möglich und korrekt (siehe hier).

Ob man Falles, Stückes und Arbeitstages oder Falls, Stücks und Arbeitstags verwendet, ist keine Frage der Grammatik, sondern eine Frage des Stils. Man könnte versuchen hier lange Listen von Kriterien aufzustellen, wann eher der es-Genitiv gewählt wird und wann eher nur das s zum Zuge kommt. Das hilft einem im Alltag aber nicht sehr viel weiter. Oft spielt einfach der Rhythmus des Satzes bei der Wahl der einen oder der anderen Variante ein Rolle. Sehr oft sind eben einfach beide Formen üblich.

Wenn man ausschließlich den es-Genitiv verwendet, kann ein Text recht altmodisch und gestelzt aussehen. Es ist aber auch nicht notwendig, in einem „modernen“ Text so viel wie möglich den s-Genitiv zu verwenden. Wie immer, wenn es um Geschmack und Stil geht, liegt die Kunst darin, die richtige Mischung zu finden. Dabei muss man kein Regelbuch und kein Goldwäglein zur Hand nehmen. Vieles ist grammatisch und stilistisch möglich – und allen recht machen kann man es auch bei dieser Frage nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„Was frägst du?“, frug er

Frage

Gibt es die Wortform frägt von fragen in der dritten Person Einzahl?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

in der heutigen Standardsprache sind beim Verb fragen nur die regelmäßigen Formen du fragst und er fragt gebräuchlich. Dasselbe gilt für die Vergangenheitsform fragte. Die Formen frägst und frägt sowie in der Vergangenheit frug und früge gelten als veraltet oder regionalsprachlich.

Die unregelmäßigen Formen traten anfänglich im Niederdeutschen auf, wahrscheinlich unter dem Einfluss der starken Formen von tragen (trägt, trug usw.). Luther schrieb noch ausschließlich fragt und fragte. Bei Goethe und Schiller kamen dann neben fragt und fragte schon einige frägt und frug vor. Die Hochzeit der unregelmäßigen Formen war das 19. Jahrhundert: Georg Büchner, Friedrich Engels, Theodor Fontane, Heinrich Heine, E.T.A. Hoffmann, Karl May, C.F. Meyer, Eduard Mörike: sie alle verwendeten (auch) die starken Formen.

Später wurden aber frägt und frug im Standarddeutschen wieder weniger verwendet. Heute gelten sie standardsprachlich als veraltet. Die deutsche Sprache hatte also schon früher ihre Modeerscheinungen – in diesem Fall sogar eine „hausgemachte“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Eines Abends, eines Nachts

Heute geht es wieder einmal im eine Frage, bei der ich mich wundere, dass ich sie mir nie selbst gestellt habe.

Frage

Warum sagt man eines Nachts, obwohl das Nomen Nacht weiblich ist?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es ist tatsächlich erstaunlich, dass ein weibliches Wort wie Nacht plötzlich wie ein männliches oder sächliches Wort daherkommt. Weibliche Nomen haben (außer als Eingennamen) kein s im Genitiv. In einigen festen Wendungen stehen weibliche Wörter trotzdem mit einem Genitiv-s und manchmal sogar mit einem männlich/sächlichen Artikelwort. Eher veraltet:

von Obrigkeits wegen
an Zahlungs statt

Noch springlebendig, aber etwas gehoben:

eines Nachts

Diese eigentlich sehr sonderbaren Formen wurden schon vor langer Zeit in Analogie mit männlichen und sächlichen Wörtern gebildet, die in vergleichbaren festen Wendungen vorkommen:

von Amts wegen, von Staats wegen
an Kindes statt, an Eides statt
eines Tages, eines Morgens, eines Abends

Nach und nach haben sich diese weiblichen s-Genitive so sehr eingebürgert, dass sie uns heute gar nicht mehr sonderbar vorkommen. Sie sind auch standardsprachlich richtig, obwohl sie ihre Laufbahn streng genommen als „falsche Analogie“ angefangen haben.

Wortformen wie Zahlungs, Obrigkeits und Nachts kommen nur in diesen festen adverbialen Wendungen vor. Das erwähne ich hier auch zur Beruhigung von Deutschlernenden, die nach viel Arbeit und Mühe die Endungen der deutschen Nomendeklination endlich im Griff haben und dann plötzlich weiblichen Substantiven wie Nacht mit einem Genitiv-s begegnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NS: Auch das Adverb nachts (z. B. um drei Uhr nachts) ist ursprünglich eine Analogiebildung zu tags.

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Vergangenes Präsens: Als er zurückkommt …

Frage

Ich habe eine Frage zur Konjunktion als. Die Grammatikregel zu als sagt, dass man es benutzt, wenn es sich um eine einmalige Handlung in der Vergangenheit handelt. Nun bin ich aber auf diesen Satz gestoßen:

Als er zurückkommt, kann er die Tür nicht öffnen, weil der Schlüssel nicht passt.

Der Satz steht im Präsens. Es ist eine Handlungsbeschreibung in der Gegenwart. Das widerspricht der als-Regel. Gibt es dafür eine Erklärung?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

es ist richtig, dass als dann als zeitliche Konjunktion benutzt wird, wenn es sich um eine einmalige Handlung in der Vergangenheit handelt:

Als er zurückkam, konnte er die Tür nicht öffnen, weil der Schlüssel nicht passte.

In der Gegenwart (oder der Zukunft) steht dafür wenn:

Wenn er zurückkommt, kann er die Tür nicht öffnen, weil er den Schlüssel vergessen hat.

Ihr Beispielsatz kann aber trotzdem richtig sein. In einer Erzählung kann sich das Präsens als sogenanntes historisches Präsens auch auf  Vergangenes beziehen. Man kann dann auch als verwenden, weil die Handlung in der Vergangenheit stattfindet, auch wenn die Verbform im Präsens steht.

Er trieb sich in der Stadt herum, weil er es zu Hause nicht mehr ausgehalten hatte. [Szenen- und Tempuswechsel; wir bleiben aber in der Vergangenheit:] Als er zurückkommt, kann der die Tür nicht öffnen. Der Schlüssel passt nicht mehr.

Erstaunlicherweise kann das Präsens also Vergangenes ausdrücken. Wie ist das möglich? Ganz einfach: Wir nennen die Zeitformen des Verbs zwar Gegenwart (Präsens), Zukunft (Futur) und Vergangenheit (Präteritum), aber wir halten uns nicht daran. Diese Bezeichnungen stimmen oft nicht mit der eigentlichen Zeit der Handlung, die beschrieben wird, überein:

[Präsens der Vergangenheit]
Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, sind sie in Portugal.
Als Karl der Große stirbt, erstreckt sich sein Reich von den Pyrenäen bis zur Elbe.

[Perfekt der Zukunft]
Wir haben die Arbeit spätestens morgen vollendet.

[Futur der Vermutung in der Gegenwart]
Er wird wieder in der Kneipe sitzen.

[Präsens der Zukunft]
In hundert Jahren spielt das keine Rolle mehr.

Der Name, den wir einer Verbform geben, ist also oft nicht mehr als ein Etikett, das nicht viel mit dem Inhalt zu tun hat. In der CanooNet-Grammatik finden Sie weitere Informationen zum historischen Präsens, zum Verhältnis Tempus – objektive Zeit und zu den Tempusfunktionen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie man Herrscher beugt: Kaiser Karl im Genitiv

Wie ich schon des Öfteren erwähnt habe, kommen Fragen manchmal wie in Wellen. Diese und letzte Woche war die Beugung von Herrschernamen an der Reihe. Warum das wohl so ist? Mit der Regierungsbildung in Deutschland kann es nicht so viel zu tun haben, denn von Angela der Ersten habe ich noch nie gehört und zu Guido dem Ersten wird es wohl nur schon wegen der Größe seiner Partei nicht kommen (auch wenn ihm das vielleicht gar nicht so missfallen würde). Doch ich schweife wieder einmal ab.

Frage

Wir würden uns gerne Gewissheit darüber verschaffen, ob man korrekterweise die Kaiserpfalz Karls des Großen oder die Kaiserpfalz Karl des Großen schreibt.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

bei Herrschernamen werden sowohl der Name selbst als auch der Zusatz gebeugt. Wenn Karl der Große das Thema ist, redet man über Karl den Großen. Man beschäftigt sich also mit Karl dem Großen. Im Genitiv sagt und schreibt man:

die Kaiserpfalz Karls des Großen

Das gilt auch für Frauen: Wenn Katharina die Große das Thema ist, redet man über Katharina die Große. Man beschäftigt sich also mit Katharina der Großen. Und im Genitiv:

die Herrschaft Katharinas der Großen

Sehen Sie hierzu diese Angaben in der CanooNet-Grammatik.

Etwas komplizierter wird es, wenn man vor dem Namen den Titel nennt. Der Titel bleibt ungebeugt, wenn er ohne Artikel steht:

die Pfalz Kaiser Karls (des Großen)
die Herrschaft Kaiserin Katharinas (der Großen)
die Truppen Herzog Wilhelms (des Eroberers)

Wenn der Titel mit Artikel steht, übernimmt er die Herrschaft in der Wortgruppe und wird deshalb gebeugt. Dafür tritt der Eigenname zurück und verliert die Endung:

die Pfalz des Kaisers Karl (des Großen)
die Herrschaft der Kaiserin Katharina (der Großen)
die Truppen des Herzogs Wilhelm (des Eroberers)

Das bisher Gesagte gilt auch dann, wenn man Herrscher sozusagen durchnummeriert:

die Herrschaft Karls des Fünften
die Truppen Herzog Wilhelms des Zweiten
das Reich der Kaiserin Katharina der Ersten

Zu guter Letzt noch ein Hinweis zur Schreibweise: Wenn man die Namen „nummerierter“ Herrscher mit römischen Ziffern abkürzt, fällt der Artikel vor der Ordnungszahl weg (nur in der Schrift; bei lautem Lesen muss er gesprochen werden). Hinter der Ziffer schreibt man einen Punkt:

die Herrschaft Karls V.
die Truppen Herzog Wilhelms II.
das Reich der Kaiserin Katharina I.

Das klingt alles recht kompliziert – und das ist es auch. Wir sind diese Namen eben nicht mehr so gewohnt, weil es außer im Vaduz Hans-Adams II. von und zu Liechtenstein in den deutschsprachigen Gefilden keine „richtigen“ Herrscher mehr gibt. Das stimmt allerdings nicht ganz, denn auch unter den Untertanen Alberts des Zweiten von Belgien und den Landsleuten Großfürst Henris von Luxemburg gibt es Deutschsprachige.

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Ungewohnt unveränderlich: Campus, Status, Kasus

Frage

Bei einer etwas umfangreicheren Übersetzungsarbeit bin ich auf Fragen gestoßen, die ich nicht mit den üblichen Rechtschreib-Nachschlagwerken beantworten konnte. So verlangt der englische Originaltext den Plural von Campus, den es laut Duden oder auch laut Canoo nicht gibt – bzw. der mit dem Singular identisch ist:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

So sehr ich mich bemühe, klingt das Wort Campus an dieser Stelle äußerst komisch. Im Internet wird Campusse oder auch Campi als Plural vorgeschlagen. Natürlich kann man einfach auf das deutsche Wort Universitätsgelände ausweichen, das sich ohne Schwierigkeiten deklinieren lässt.

Ähnlich ist es mit dem Wort Status, für das es im Deutschen auch keinen Plural gibt.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

auch wenn sie ungewohnt aussieht, ist Ihre Formulierung richtig:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

Ich habe es noch einmal für Sie kontrolliert: Die mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher geben für Campus alle wie CanooNet die Pluralform die Campus an. (Nur Wahrig weicht davon ab, indem angegeben wird, dass Campus keinen Plural habe. Letzteres hilft Ihnen aber nicht viel weiter, wenn Sie eine Mehrzahlform von Campus benötigen.) Wenn Sie also einen standardsprachlich korrekten Text schreiben möchten, verwenden Sie, wie gesagt, einfach die Campus. Sie können tatsächlich auch auf eine andere Formulierung ausweichen und hier zum Beispiel „und auf hunderten von Universitätsgeländen“ oder einfach „und an hunderten von anderen Universitäten“ schreiben.

Campus ist nicht das einzige Wort, das im Plural unveränderlich ist. Im Prinzip gehören die meisten männlichen und sächlichen Wörter, die auf unbetontes -er oder -el enden, auch dazu: die Reiter, die Esel, die Ruder, die Übel. Diese Wörter bilden allerdings eine große Gruppe, deren Pluralformen zu häufig vorkommen, als dass uns ihre Unveränderlichkeit in irgendeiner Weise erstaunen würde. Außerdem sind sie nicht völlig unveränderlich, denn im Genitiv Singular haben sie ein s und im Dativ Plural ein n. Wörter mit einer anderen Form haben meistens Pluralformen, die durch eine Endung (oder einen Umlaut) markiert sind. Deshalb sieht die Campus so ungewohnt aus, dass man lieber eine markierte Pluralform einsetzen würde. Hier bietet sich in Anlehnung an zum Beispiel Kaktusse, Globusse und Atlasse am ehesten Campusse an. Diese Form ist aber (noch?) nicht akzeptiert, so dass Sie sich dem Risiko aussetzen, dass man Ihnen einen Fehler vorwirft. Die Form Campi würde ich außerhalb eines lateinischen Kontextes (z.B. Campi Elysii) nicht empfehlen.

Beim Wort Status kann man ebenfalls nicht sagen, dass es keinen Plural gebe. Die Pluralformen sind (in der Schrift) einfach unveränderlich: der Status/die Status. Hier erklärt sich die ungewohnte Pluralform aus der lateinischen Beugung. Andere Beispiele sind der Kasus/die Kasus und der Passus/die Passus. Auch hier gilt, dass die Pluralformen vielleicht ungewohnt aussehen, aber in dieser Weise korrekt sind:

Im Deutschen gibt es vier Kasus.
Einige Passus daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Status

Vor allem in nicht fachsprachlichen Texten wird aber auch hier im Plural oft auf andere Wörter ausgewichen:

Im Deutschen gibt es vier Fälle.
Einige Passagen daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Stellungen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Klopapier statt Steine(n)

Frage

Kürzlich ereiferte sich eine Gruppe von Freunden ob meiner Zweifel an der Korrektheit einer Überschrift namens Klopapier statt Steine. Ich war der Überzeugung, das müsste Klopapier statt Steinen heißen.

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die alten Griechen sollen ja bei der Toilettenhygiene Steine und Tonscherben statt Klopapier verwendet haben. In diesem Fall darf man sicher feststellen, dass der Fortschritt uns auf jeden Fall sehr viel Komfort gebracht hat. Wir verweichlichten Neuzeitler verwenden ja heutzutage glücklicherweise Klopapier statt Steine(n).

Es geht hier aber nicht um die Entwicklung oder die Vorzüge bestimmter Reinigungstechniken, sondern um die Wortbeugung. In diesem Fall sind beide Formen möglich. Das Wort statt kann sowohl als Präposition (wie anstatt) als auch als Konjunktion (wie und nicht) verwendet werden. Im ersten Fall heißt es:

Klopapier statt Steinen

Im zweiten Fall heißt es:

Klopapier statt Steine

In Überschriften und Schlagworten – aber nicht nur dort – wird statt oft als Konjunktion verwendet.

Präposition
Statt Worten will ich Taten sehen.
Statt großer Worte will ich Taten sehen.
Er hat statt des Datums die Uhrzeit notiert.

Konjunktion
Taten statt Worte!
Taten statt große Worte!
Ich gebe das Geld dir statt ihm.
Sie will mit einer Vertrauensperson statt mit dem Chef sprechen.

Sehen Sie hierzu und für weitere Informationen die Angaben in der Canoo.net-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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