Archiv für Konjugation/Deklination

Jede(r) der Neubauten

Manchmal sind ganz einfach klingende Fragen auf den zweiten Blick doch gar nicht so einfach.

Frage

Ein schwieriger Fall, der, je länger ich drüber nachdenke, umso verworrener wird: Heißt es „Jeder der Neubauten ist schön“ oder „Jede der Neubauten ist schön“? Ich tendiere ja zu Letzterem.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

zuerst dachte ich, dass die Antwort auf Ihre Frage ganz einfach sei. Dann aber schlug meine eigene Unsicherheit zu. Was ist nun eigentlich richtig? Im Prinzip heißt es:

Jeder der Neubauten ist schön.

Neubauten ist der Plural des männlichen Substantivs Neubau:

der Neubau / die Neubauten

Man sollte hier deshalb die männliche Form jeder verwenden. Vgl.

Jeder der Männer erhielt ein Stück Kuchen.
Jede der Frauen erhielt ein Stück Kuchen.
Jedes der Kinder erhielt eine Stück Kuchen.

Ganz so unkompliziert ist es bei Neubauten allerdings doch nicht. Die Unsicherheit entsteht dadurch, dass die Form Bauten irgendwie so weiblich aussieht. Das liegt daran, dass sie dies eigentlich auch war: Der Plural die Bauten von der Bau gehörte ursprünglich zum heute kaum mehr verwendeten weiblichen Wort die Baute (das Gebäude).

Falls Ihnen die Formulierung jeder der Neubauten immer noch nicht gefallen will (sie „klemmt“ auch in meinen Ohren), verwenden Sie doch einfach eine andere. Zum Beispiel:

Alle diese Neubauten sind schön.
Sämtliche Neubauten sind schön.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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1,5 Pfund Erbsen – Singular oder Plural?

Nachdem ich die Antwort auf die untenstehende Frage wieder zurückerhalten habe („Absender unbekannt“), möchte ich Sie wieder einmal bitten, darauf zu achten, im Kontakformular die richtige Adresse anzugeben oder einfach die ebenfalls hier genannte E-Mail-Adresse zu verwenden. Sie erhalten dann nämlich ganz bestimmt eine Antwort – und auch noch schneller.

Frage

Auf Ihrer Webseite http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Verb/Numerus-Person/ProblemNum.html führen Sie den Beispielsatz an: „Hinzu kommen 1,5 Pfund Erbsen.“ Mehrere Personen sind der Meinung, dass dies „Hinzu kommt 1,5 Pfund lauten muss“ (ab „2 Pfund“ dagegen Plural). Mit den anderen Beispielsätzen sind wir dagegen einverstanden.

Antwort

Guten Tag!

Als standardsprachlich richtig gilt:

Hinzu kommen 1,5 Pfund Erbsen.

Vermutlich finden Sie in diesem Beispielsatz die Einzahl besser, weil Sie 1,5 als eine Einzahl ansehen. Dass dies nicht der Fall ist, wird dann ersichtlich, wenn das nachfolgende Substantiv keine immer in der Einzahl stehende Mengenangabe wie Pfund ist:

1 Pfund Erbsen
1,5 Pfund Erbsen
2 Pfund Erbsen

1 Tonne Erbsen
1,5 Tonnen Erbsen (nicht: 1,5 Tonne)
2 Tonnen Erbsen

Ein Tag ist lang.
eineinhalb Tage sind lang. (nicht: eineinhalb Tag)
Zwei Tage sind lang.

Wir haben es also bei 1,5 Pfund Erbsen mit einer Mengenangabe in der Mehrzahl und etwas Gemessenem in der Mehrzahl zu tun. Standardsprachlich sollte das Verb deshalb ebenfalls in der Mehrzahl stehen (siehe hier):

Hinzu kommen 1,5 Pfund Erbsen.

Vgl.

Hinzu kommen 1,5 Tonnen Erbsen.
Hinzu kommen 2 Pfund Erbsen.

Es ist allerdings nicht sehr erstaunlich, dass Sie hier den Singular wählen möchten: 1,5 (eins Komma fünf) beginnt mit 1 (eins) und Pfund steht trotz der „mehrzahligen“ Bedeutung in der Einzahl (1,5 Pfund, nicht 1,5 Pfunde). Bei so vielen wie eine Einzahl aussehenden Elementen drängt sich die Singularform für das Verb beinahe auf. Standardsprachlich sollte aber, wie gesagt, trotzdem der Plural stehen. Wie bei vielen Mengenangaben, die ja nicht grundlos zu den problematischen Fällen gezählt werden, findet man „in der freien Wildbahn“ auch hier häufig andere Formulierungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Böden, Bögen, Bröte

Frage
In „Allerhand Sprachdummheiten“ bin ich über die Pluralbildung gestolpert:

„Bei einer Anzahl von Hauptwörtern wird der Plural jetzt oft mit dem Umlaut gebildet, wo dieser keine Berechtigung hat … Ärme, Böte, Bröte, Röhre, Täge, Böden, Bögen.“

Bei „Ärme“ und „Bröte“ hab ich ja noch geschmunzelt, aber bei „Böden“ und „Bögen“ fühle ich mich ertappt und Google liefert jede Menge Belegstelle für z. B. „Bögen“, „Sportbögen“, „Pfeile und Bögen“ etc. Gibt es eine heute gültige Regel, die das teilweise erlaubt, oder ist das nach wie vor schlicht falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in den über hundert Jahren, seit „Allerhand Sprachdummheiten“ von Gustav Wustmann (1844 – 1910) erschienen ist*, hat sich in der deutschen Sprache einiges getan; auch in diesem Bereich: Während die umgelauteten Mehrzahlformen Ärme, Böte, Bröte, Röhre und Täge standardsprachlich immer noch als falsch gelten, ist die Bögen heute als die „im Süden“ gebräuchliche Variante zu die Bogen akzeptiert. Die Form die Böden hat den nicht umgelauteten Plural die Boden standardsprachlich sogar ganz verdrängt:

der Bogen – die Bogen, auch: die Bögen
der Boden – die Böden

Eine feste Regel gibt es hier nicht. Entscheidend ist der Gebrauch in der sogenannten Standardsprache. Als Standardsprache gilt – einfach gesagt – die Sprache in der Form, in der sie allgemein akzeptiert im offiziellen und im formelleren Umgang verwendet und auch an Schulen gelehrt wird. Das ist eine recht ungenaue Definition. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass häufiger eine gewisse Uneinigkeit oder Unsicherheit herrscht, welche Formen als standardsprachlich korrekt gelten. So geben einige Wörterbücher bei Kragen auch heute noch nur den Plural die Kragen an (z. B. Wahrig), während andere auch die Krägen als im südlichen deutschen Sprachraum verwendeten Pluralvariante erwähnen (z. B. Duden).

Wenn Sie wissen möchten, was heute als richtiges Deutsch gilt, können Sie also besser in Wörterbüchern und Grammatiken nachschlagen, die etwas jüngeren Datums als „Allerhand Sprachdummheiten“* sind. (Boden, Bogen). Es ist allerdings immer interessant, ältere Beschreibungen der deutschen Sprache zu lesen. Sie zeigen unter anderem, wie zeitgebunden die Etiketten „richtig“ und „falsch“ sein können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Gustav Wustmann: Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen. Grunow, Leipzig 1891;
2. erw. Aufl. 1896; 3. erw. Aufl. 1903; 4. erw.. 1908;
Nachdruck der 3. Aufl 2008.

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Wegen etwas anderen? – Manchmal passt der Genitiv einfach nicht

Frage

Ich bin gerade sehr verwirrt. Schreibe ich „wegen etwas anderem“ oder „wegen etwas anderen“?

Antwort

Guten Tag M.,

am besten schreiben Sie wegen einer anderen Sache oder aus einem anderen Grund.

Das Deutsche meidet nämlich Nomen- und Pronomengruppen im Genitiv, wenn sie

- nicht mindestens ein konjugiertes Artikelwort oder Adjektiv enthalten und
- nicht mindestens ein Element der Gruppe eine s- oder eine r-Endung hat.

Zum Beispiel:

nicht: der Konsum Alkohols
sondern: der Konsum von Alkohol
aber: der Konsum reinen Alkohols (vgl. hier)

nicht: wegen Regenfälle
sondern: wegen Regenfällen
aber: wegen heftiger Regenfälle (vgl. hier)

Zurück zu Ihrer Frage: Wenn nach wegen nur der Genitiv verwendet werden darf, muss es heißen: wegen etwas anderen. Diese Formulierung erfüllt aber die genannten Bedingungen nicht: etwas ist unveränderlich und die Genitivendung von ander- ist hier weder es noch er, sondern en. Deshalb hat diese Wendung Sie in Verwirrung gebracht und deshalb ist sie auch im Standarddeutschen unüblich. Man weicht hier oft auf den Dativ aus: wegen etwas anderem. Weil viele den Dativ nach wegen leider grundsätzlich für falsch halten, empfehle ich Ihnen, in der schriftlichen Standardsprache vorsichtshalber auf eine Formulierung wie wegen einer anderen Sache auszuweichen. Das Gleiche gilt für zum Beispiel *wegen nichts anderen, für das man üblicherweise wegen nichts anderem oder (vor allem wenn der Dativ nach wegen einem grundsätzlich ein Gräuel ist) aus keinem anderen Grund verwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Andreas’ A

Nein, es geht hier nicht um den Apostroph!

Frage

Heute bin ich über die Pluralform von Buchstaben gestolpert und habe gemerkt, dass es „die A“ und nicht die „As“ heißt. Somit schreibt man also: „Andreas aß alle A aus der Buchstabensuppe“. Ich hoffe, so weit, so richtig. Wie ist das in einem Genitiv-Fall? Heißt es dann: „Anna aß Andreas’ A aus der Buchstabensuppe“? Dann wäre ja nicht klar, ob die Einzahl oder die Mehrzahl gemeint ist.

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

Buchstaben sind in der Standardsprache unveränderlich. Umgangssprachlich werden sie im Genitiv der Einzahl und in der Mehrzahl auch mit der Endung s gesprochen. Geschrieben wird diese Endung aber nicht (siehe hier). In Ihrem Beispielsatz

Anna aß Andreas’ A aus der Buchstabensuppe

ist deshalb tatsächlich nicht klar, ob es sich bei A um eine Einzahl- oder um eine Mehrzahlform handelt. Der Genitiv spielt hier insofern eine Rolle, als die Genitivform eines Eigennamens vor dem A steht und dabei den Artikel ersetzt. (Mehr dazu finden Sie hier.) Der Satz enthält also nichts mehr, das es erlauben würde, den Numerus von A zu bestimmen. Wenn man diese Unklarheit vermeiden will, muss man den Satz umformulieren. Zum Beispiel:

Anna aß alle von Andreas’ A aus der Buchstabensuppe.
Anna aß das A von Andreas aus der Buchstabensuppe.

oder ohne von:

Anna aß alle A aus Andreas’ Buchstabensuppe.
Anna aß das A aus Andreas’ Buchstabensuppe.

Unklarheiten dieser Art gibt es übrigens nicht nur bei Buchstaben. Sie entstehen immer dann, wenn ein Nomen ohne ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv steht, dieses Nomen nicht Subjekt des Satzes ist und seine Singular- und Pluralform sich im verlangten Kasus nicht voneinander unterscheiden:

Anna spricht mit Andreas’ Neffen.
Anna bezahlt Andreas’ Berater.
Andreas sorgt für Annas Kaninchen.
Andreas hasst Annas Kater.

Spricht Anna mit einem oder mit mehreren Neffen? Bezahlt sie einen oder mehrere Berater? Sorgt Andreas für ein oder für mehrere Kaninchen? Hasst er nur einen oder mehr als einen Kater? Bei solchen isolierten Beispielsätzen lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Sehr oft verdeutlicht allerdings der Satzzusammenhang, ob die Einzahl oder die Mehrzahl gemeint ist. Wenn nicht, sollte man umformulieren.

Es zeigt sich hier, dass Sätze nicht immer eindeutig sind, wenn man sie einzeln betrachtet. Ganz ohne Kontext ist übrigens auch ziemlich unklar, warum Anna Andreas’ A aus der Suppe aß, ganz gleich, ob nun ein oder mehrere A in der Buchstabensuppe schwammen. Sie tat es wohl um des Stabreimes willen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Welche Künste gibt es auch im Plural?

Frage

Nach welchen Regeln haben z. B. Kochkunst und Malkunst einen Plural (…künste), Filmkunst aber nicht?

- Weitere Beispiele mit Pluralformen: Kriegskunst, Verführungskunst
- Weitere Beispiele ohne Pluralformen: Dichtkunst, Schmiedekunst

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau Z.,

es gibt keine allgemeinen Regeln, die festlegen, welche Wörter einen Plural haben und welche nicht. Entscheidend sind die Bedeutung und der Gebrauch. Für Zusammensetzungen mit Kunst an zweiter Stelle gilt Folgendes:

Wörter wie Kochkunst, Malkunst, Filmkunst, Dichtkunst usw. haben keinen Plural, wenn es um die Kunst des Kochens, des Malens, des Filmemachens, des Dichtens usw. geht. Bei einigen dieser Wörter wird aber häufiger der Plural verwendet, wenn damit das Können, die Fähigkeiten auf einem gewissen Gebiet gemeint sind:

die Kochkünste der Küchenchefin
die Malkünste unserer Kleinen
die Verführungskünste eines Latin Lovers
usw.

Es gibt, wie gesagt, keine feste Regeln, bei welchen Wörtern dieser Plural vorkommt. Möglich ist er im Prinzip überall. Wenn ein solches Wort in unserem Wörterbuch Mehrzahlformen hat, bedeutet dies, dass der Lexikograph oder die Lexikographin in den zur Verfügung stehenden Wörterlisten und anderen Quellen solche Formen gefunden hat. Wenn keine Pluralformen angegeben werden, bedeutet dies entsprechend, dass zur Zeit der Spezifikation in den verfügbaren Quellen keine oder fast keine Pluralformen zu finden waren. Es bedeutet nicht, dass man nicht in einem bestimmten Zusammenhang von den Filmkünsten eines Urlaubscineasten oder den Dichtkünsten einer Hobbypoetin reden dürfte.

Bei der Bestimmung, ob ein Wort Pluralformen hat oder nicht, geht es bei abstrakten Begriffen wie …kunst oft um eine Art Gratwanderung zwischen dem, was theoretisch möglich ist, und dem, was wirklich (einigermaßen regelmäßig) vorkommt. Es ist deshalb leider nicht immer möglich, eine in jeder Hinsicht konsequente Darstellung anzubieten. So weit reichen unsere Wörterbuchkünste leider nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Artikellos von Herzen

Frage

Warum heißt es eigentlich von Herzen und nicht vom Herzen? Eine Vermutung: Es handelt sich um einen feststehenden Ausdruck. Julius Cäsar soll einmal gesagt haben „ab imo pectore“, was unserem von ganzem Herzen entspricht. „Ab“ bedeutet im lateinischen von und wurde einfach 1:1 ins Deutsche übersetzt, ohne es unserer Grammatik anzupassen. Hätte man das getan, würde man vom Herzen sagen.

Antwort

Guten Tag T.,

es handelt sich tatsächlich um einen feststehenden Ausdruck, den es im Deutschen schon lange gibt. Eine „ungrammatische“ Übernahme aus dem Lateinischen bezweifle ich, zumal es im Deutschen ja auch die Wendungen von ganzem Herzen und noch wörtlicher aus tiefstem Herzen gibt.

Der Ausdruck ist nicht neu. So dichtete bereits Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230):

ir kumber manicvalter
der tuot mir von herzen wê
[König-Heinrichston, 9-10]

Aus ungefähr 1254 stammt die folgende Zeile von Rudolfs von Ems:

Nu ist mir von herzen lait
[Willehalm von Orlens, 10629]

Später schrieb zum Beispiel der Barockdichter Friedrich von Logau (1605-1655) in seinen „Sinngedichten“:

Deutsche mühen sich jetzt hoch, deutsch zu reden fein und rein;
Wer von Hertzen redet deutsch, wird der beste Deutsche seyn.
[Sinngedichte, II, 8, 13]

Wer die Freundschaft brechen kann, fing sie nie von Herzen an

Und auch bei Goethe geschah hin und wieder etwas von Herzen. So schrieb er 1768:

Wir lieben lange so, bis wir zuletzt erfahren,
Daß wir, statt treu zu sein, von Herzen närrisch waren.
[Die Laune des Verliebten, 4. Auftritt]

Den Ausdruck von Herzen gibt es also schon lange. Es ist deshalb schwierig, zu ergründen, weshalb man im übertragenen Sinne nicht vom Herzen sagen muss. Mir ist es leider nicht gelungen. Als einzige „Erklärung“ könnte ich anführen, dass dies bei festen Wendungen häufiger vorkommt. So kann etwas nicht nur von Herzen geschehen, es kann auch zu Herzen gehen. Auch hier fehlt eigentlich der Artikel. Ebenso zum Beispiel:

an Bord, auf See, außer Konkurrenz, gegen Abend, nach Laune, ohne Gewähr, über Nacht, zu Bett

Im übertragenen Sinne tut man also etwas von Herzen (wie?). Im wörtlich[er]en Sinne (woher?) braucht es dann wieder einen Artikel: Venen führen Blut zum Herzen, arterielles Blut kommt vom Herzen. Und auch wahre Schönheit, sagt ein in der Kosmetikindustrie selten verwendetes Sprichwort, kommt vom Herzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der doch nicht so unveränderliche Euro

Frage

Wieso heißt es: „Die Einführung des Euro“ und nicht „des Euros“. Im Spiegel stand kürzlich ein Artikel über den Euro: „Der Erfinder des Euro“. Welche Regel wird hier angewendet?

Antwort

Guten Tag J.,

die „Regel“ im Zusammenhang mit Euro lautet, dass Euro bei der Angabe von Beträgen unveränderlich ist:

zwei Euro
drei Euro fünfzig
über eine Million Euro
17 500 Euro
14,75 Euro

Auch wenn deshalb viele meinen und einige sogar steif und fest behaupten, dass Euro immer unveränderlich sei, kann das Wort im Genitiv der Einzahl mit oder ohne s stehen. Die Spiegelüberschrift hätte also auch lauten können: „Der Erfinder des Euros”. Ebenso:

die Einführung des Euro oder die Einführung des Euros
der Wert des Euro oder der Wert des Euros

Auch in der Mehrzahl kann resp. sollte Euro gebeugt werden (außer wenn – wie oben gesagt – Euro bei der Angabe von Beträgen nach einem Zahlwort steht). Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Euro allein steht oder von einem Adjektiv oder Artikelwort begleitet wird. Zum Beispiel:

Ich habe nur noch ein paar Euro oder ein paar Euros.
einige wenige Euro oder einige wenige Euros
Euros für Griechenland
Ich investiere keinen einzigen meiner Euros in dieses Projekt!
ihre sauer verdienten Euros

Dass der Euro als Währung nicht unveränderlich ist, wissen dank Finanzkrisen und Kurs- und Preisschwankungen die meisten. Nun wissen Sie ebenfalls, dass der Euro auch als Wort weniger „stabil“ ist, als oft gesagt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Stück ökologisch einwandfreier Schweinebraten

Draußen ist es für einen Sonntagmorgen im Juni sehr, sehr grau. Leichtes Getröpfel hat in Kombination mit Windböen aus unterschiedlichen Richtungen sämtliche Pläne für ein Frühstück auf der Terrasse zunichtegemacht. Ich schiebe es einfach einmal diesem wenig inspirierenden Wetter in die Schuhe, dass ich Sie schon wieder mit Mengenangaben belästige. Sie sind wahrscheinlich nicht gerade das Interessanteste, was die deutsche Sprache zu bieten hat, aber sie geben immer wieder Anlass zu Fragen. Das Beispiel in Frau F.s Frage passt im Übrigen gut zu einem klassisches Sonntagsmenü. Ich bin mir bewusst, dass diese Wahl für vegetarisch, koscher und halal essende Menschen oder für Leserinnen und Leser, die streng auf ihren Cholesterinspiegel achten müssen, ungeeignet ist. Der Schweinebraten ist aber immerhin ökologisch einwandfrei – und es geht sowieso nur um Grammatik.

Frage

Heißt es „mit einem Stück ökologisch einwandfreien Schweinebraten“ oder „mit einem Stück ökologisch einwandfreiem Schweinebraten“? Starke oder schwache Beugung?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

richtig ist:

mit einem Stück ökologisch einwandfreiem Schweinebraten.

Es geht hier u. a. um die Frage der Deklination bei Mengenangaben. Wenn das Gemessene in der Einzahl steht und von einem Adjektiv begleitet wird, steht es heute in der Regel im gleichen Fall wie die Maßangabe. Gemessen wird hier ökologisch einwandfreier Schweinebraten, die Maßangabe ist Stück:

ein Stück ökologisch einwandfreier Schweinebraten
für ein Stück ökologisch einwandfreien Schweinebraten
mit einem Stück ökologisch einwandfreiem Schweinebraten
wegen eines Stücks ökologisch einwandfreien Schweinebratens

In Ihrem Beispiel, das heißt nach mit, sollte der Schweinebraten also im Dativ stehen.

Das Adjektiv einwandfrei wird stark gebeugt, weil es ohne Artikelwort vor dem Nomen steht, das es bestimmt. Der Artikel einem gehört nämlich nicht zu Schweinebraten, sondern zu Stück. Das adverbial verwendete ökologisch hat keinen Einfluss auf die Deklination des ihm folgenden Adjektivs. Die folgenden Beispiele zeigen hoffentlich besser als lange Erklärungen, was damit gemeint ist:

mit einem [ökologisch] einwandfreien Schweinbraten
mit [ökologisch] einwandfreiem Schweinebraten
mit einem Stück [ökologisch] einwandreiem einwandfreiem Schweinebraten
mit zwei Stück [ökologisch] einwandfreiem Schweinebraten

Es heißt also mit einem Stück ökologisch einwandfreiem Schweinebraten. Ganz so eindeutig ist es natürlich wieder einmal nicht. Das Gemessene kann nämlich auch im Genitiv stehen:

ein Stück ökologisch einwandfreien Schweinebratens
für ein Stück ökologisch einwandfreien Schweinebratens
mit einem Stück ökologisch einwandfreien Schweinebratens

Wenn das Gemessene wie hier in der Einzahl steht, wird der Genitiv heute aber nur noch selten verwendet. Er wirkt eher gespreizt und veraltet. Das gilt natürlich nicht, wenn die Maßangabe ebenfalls im Genitiv steht:

wegen eines Stücks ökologisch einwandfreien Schweinebratens

Das Stück ökologisch einwandfreier Schweinbraten, oder was sonst auf Ihrem Sonntagsmenü steht, möge Ihnen schmecken! Und wenn Sie dann nach dem Nachtisch wider Erwarten alles noch einmal nachlesen möchten, finden Sie es auf dieser Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Eine Menge schwarzer Schafe / schwarze Schafe / von schwarzen Schafen

Heute geht es um etwas, was mich sehr erstaunt hat, als ich zum ersten Mal in einem Grammatikbuch darauf stieß: wie ungenau die deutsche Sprache ausgerechnet bei Mengenangaben ist!

Frage

Gerade hörte ich im Radio, dass sich im Bildungssektor eine ganze Menge schwarze Schafe tummle. Muss es nicht heißen eine ganze Menge schwarzer Schafe?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

bei Mengenangaben zeigt die deutsche Grammatik erstaunlicherweise nicht die Präzision, die man gerade dort erwarten würde. Beide Formulierungen sind nämlich möglich:

eine ganze Menge schwarzer Schafe
eine ganze Menge schwarze Schafe

Bei ungenauen Mengenangaben wie Menge, Reihe, Anzahl, Strauß usw. und etwas Gemessenem im Plural kommt der (partitive) Genitiv am häufigsten vor:

eine ganze Menge schwarzer Schafe
eine Gruppe französischer Bergsteiger
ein Strauß roter Rosen

Es ist jedoch ebenfalls möglich, das Gemessene als Apposition (Beisatz) zur Mengenangabe zu verwenden:

eine ganze Menge schwarze Schafe
eine Gruppe französische Bergsteiger
ein Strauß rote Rosen

Dabei übernimmt die Apposition den Fall der Mengenangabe. Im Dativ kann das Gemessene auch unverändert im Nominativ stehen:

mit Kasusangleichung:
mit einer ganzen Menge schwarzen Schafen
mit einer Gruppe französischen Bergsteigern
mit einem Strauß roten Rosen

ohne Kasusangleichung:
mit einer ganzen Menge schwarze Schafe
mit einer Gruppe französische Bergsteiger
mit einem Strauß rote Rosen

Das wären dann also schon drei verschiedene mehr oder weniger akzeptierte Möglichkeiten, wie man Mengengaben dieser Art formulieren kann. Das ist aber noch nicht alles! Nach Sammelbegriffen ist auch noch die Formulierung mit von möglich:

eine ganzen Menge von schwarzen Schafen
eine Gruppe von französischen Bergsteigern
eine Strauß von roten Rosen

Das führt dazu, dass bei einer Mengenangabe im Dativ und etwas Gemessenem im Plural vier Formulierungen möglich sind:

mit einem Strauß roter Rosen (partitiver Genitiv)
mit einem Strauß rote Rosen (Apposition ohne Kasusangleichung)
mit einem Strauß roten Rosen (Apposition mit Kasusangleichung)
mit einem Strauß von roten Rosen (Präpositionalgruppe mit “von”)

Diese Vielzahl verschiedener/verschiedene/von verschiedenen Möglichkeiten führt oft dazu, dass man ins Zweifeln gerät, sobald man anfängt, über die korrekte Formulierung nachzudenken. Am besten tun Sie dies deshalb nicht und formulieren Sie einfach so, wie Ihr Sprach- und Stilgefühl es Ihnen eingibt. Bei so viel Formulierungsspielraum kann ja kaum etwas schiefgehen! Falls Sie einmal wirklich nicht mehr weiterwissen: Der Genitiv ist in den hier beschriebenen Fällen immer richtig und wird auch von niemandem angezweifelt.

Die entsprechende Grammatikseite finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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