Archiv für Stilistisches

Wenn mindestens, zumindest und zum mindesten nicht genügen

Ein Dauerbrenner in vielen Fragenrubriken zur deutschen Sprache:

Frage

Heute geht es um das gute, alte „zumindest“. Zumindest war ich bislang der Meinung, dass man so sagt. Nun höre ich aber immer häufiger, selbst in Fernsehnachrichten oder seriösen Reportagen, dass stattdessen „zumindestens“ gesagt wird. [...] Seit nun eben auch noch die automatische Rechtschreibhilfe meines Schreibprogrammes diese Wendung vorschlug, bin ich reif für Ihre Hilfe!

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

das Standarddeutsche stellt uns drei ähnlich klingende Ausdrücke zur Verfügung, wenn wir „wenigsten, auf jeden Fall“ sagen möchten:

mindestens
zumindest
zum mindesten / zum Mindesten

Drei sind aber offenbar nicht genug, denn man hört tatsächlich häufiger auch die aus zumindest und mindestens zusammengebastelte vierte Form zumindestens. Man nennt eine solche Zusammenziehung zweier Wörter oder Wendungen eine Kontamination.

Kontaminationen sind nicht immer grundsätzlich falsch, aber das Wort zumindestens gilt (vorläufig noch?) als umgangssprachlich. Es sollte deshalb ähnlich wie zum Beispiel antelefonieren, berechtfertigen und meines Erachtens nach in der Standardsprache vermieden werden. Ihre Rechtschreibhilfe ist mit dem Vorschlag zumindestens ihrer Zeit zumindest ein paar Jährchen voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Befehle Er/Sie heute nicht mehr so!

Frage

Es geht um die etwas altertümliche Anrede „er“. Benutzt man hierbei bei einem Befehl den Imperativ oder den Konjunktiv? Heißt es also beispielsweise „Gib Er mir das Buch!“ oder „Gebe Er mir das Buch!“? Ich bin auf Beispiele gestoßen, die beide Möglichkeiten nahelegen, aber eine eindeutige Aussage habe ich nicht gefunden.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

diese Form der Anrede und Aufforderung ist nicht nur etwas altertümlich, sondern hoffnungslos veraltet. Ob Sie jemanden nun mit „Nehme Er Platz!“ oder „Nimm Er Platz!“ auffordern sich zu setzen, die zu erwartenden Reaktionen sind verwundertes Kopfschütteln, beleidigtes Schnauben,  nicht verstehendes „Wie bitte?“ oder einfach amüsiertes Lächeln. Die Anrede „Er“ für einen Mann oder „Sie“ für eine Frau wurde gegenüber Untergebenen und Standesniedrigeren verwendet.

Johann, melde Er der Gräfin meine Ankunft!
Frau Wirtin, hat Sie guten Wein im Hause?

Das ist ein weiterer Grund, weshalb man diese Anrede heute nur noch scherzhaft oder in Kostümfilmen und historischen Romanen verwenden sollte.

Eine Aufforderung in der dritten Person steht im Prinzip im Konjunktiv I. Dies ist uns aber nicht bewusst, weil die Formen des Indikativs und des Konjunktivs in der dritten Person Plural (Sie)  identisch sind:

Geben Sie mir ein Glas Wasser!
Nehmen Sie Platz!

Der Konjunktiv ist nur noch beim Verb sein ersichtlich:

Seien Sie still!

In den veralteten Befehlsformen der dritten Person Einzahl (Er, Sie) steht ebenfalls der Konjunktiv I. Er ist meistens identisch mit dem Imperativ der zweiten Person Einzahl:

Hole Sie ein Glas Wasser!
Sei er still!
Führe Sie die Kinder hinaus!

Dabei konnte wie im Imperativ die Endung e wegfallen:

Schweig[e] Er!

Nur bei den Verben, die im Imperativ Singular einen Ablaut haben, ist der Unterschied ersichtlich:

Gebe Er mir ein Glas Wasser! (nicht Gib Er …!)
Helfe Er mir auf das Pferd! (nicht Hilf Er …!)
Nehme Sie sich der Kinder an! (nicht Nimm Sie …!)
Trete Sie näher! (nicht Tritt Sie …!)

Man verwendet hier also nicht die Imperativformen der zweiten (!) Person Singular, sondern die Konjunktiv-I-Formen der dritten Person Singular. Bei so viel Formengleichheit ist es allerdnigs nicht erstaunlich, dass sich nicht immer alle an diese Regel halten und gehalten haben.

Dr. Bopp

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Am Hafen von Boston

Frage

Ich wüsste gerne, wie es richtig heißt:

Er sitzt auf einer Bank an Bostons Old Harbor.

oder:

Er sitzt auf einer Bank am Bostoner Old Harbor.

Ist womöglich beides richtig? Die zweite Variante schätze ich als richtig ein, aber die erste gefällt mir besser. Oder sitzt man gar nicht am Hafen wie man am Strand sitzt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Sie können die Formulierung wählen, die Ihnen besser gefällt. Möglich sind beide. Man kann hier sowohl den Genitiv des Ortnamens als auch das zum Ortsnamen gehörende Adjektiv verwenden:

an Bostons Old Harbor
am Bostoner Old Harbor

durch Deutschlands Wälder wandern
durch die deutschen Wälder wandern

in Genfs Nobelquartieren
in den Genfer Nobelquartieren

Tritt Italiens Ministerpräsident zurück?
Tritt der italienische Ministerpräsident zurück?

Der Genitiv wirkt oft etwas gehobener.

Ausnahmen gibt es natürlich auch. Beispiele dafür sind feste Wendungen und Namen, die nur in einer bestimmten Form üblich sind wie die Bremer Stadtmusikanten, das Deutsche Eck, die Salzburger Nachrichten oder die Emmentaler Liebhaberbühne. Zu guter Letzt: Man kann am Hafen sitzen. Wenn es ein schöner oder interessanter und nicht piratenfilmartig gefährlicher Hafen ist, geht das sogar sehr gut!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die im Titel verwendete Formulierung mit von ist meist auch möglich, stilistisch aber nicht immer empfehlenswert und bei einigen sogar als „genitivmordend“ verpönt.

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Wer am besten am Lachen ist

Frage

Es ist zwar kein gutes Deutsch, aber wenn man schreibt: „Wir waren heute nur am lachen“, schreibt man „lachen“ groß oder klein? Ich hätte es instinktiv kleingeschrieben, weil es ja eine Tätigkeit ist. Aber dann hieß es, am sei eine Präposition und dann werde „lachen“ großgeschrieben. Jetzt bin ich total verwirrt. Laut Regeln schreibt man Verben, vor denen eine Präposition steht, groß, aber ergibt das einen Sinn? „Wir waren heute nur an dem Lachen?“ Wenn man schreibt: „Ich habe ihn am Lachen erkannt“, das ergibt Sinn. Ich hoffe nun, dass ich mit dieser Frage nicht zur Lachnummer Nr. 1 in ihrem Blog geworden bin .

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

man schreibt in diesem Fall tatsächlich groß:

Wir waren am Lachen.

Ebenso zum Beispiel:

Das ist zum Lachen.
Sie ist beim Lachen beinah erstickt.
Seid ihr fertig mit Lachen?
Haben Sie sich vom Lachen erholt?

Siehe hier und hier.

Ihre Frage ist aber keineswegs eine Lachnummer. Es gibt auch Gründe, die für die Kleinschreibung sprechen. Die Wendung am Lachen sein ist standardsprachlich noch nicht vollständig akzeptiert. Sie ist eine Art Zeitform des Verbs, wie es sie zum Beispiel im Englischen gibt:

we are laughing = wir sind am Lachen

Man nennt diese Form u. a. die rheinische Verlaufsform, weil sie angeblich vor allem am Rhein gebräuchlich ist. Sie kommt aber auch andernorts immer häufiger vor und breitet sich im heutigen Deutsch schnell aus.

Wenn man am Lachen sein in dieser Weise als eine Verbform interpretiert, könnte man auch für die Kleinschreibung argumentieren. Man schreibt schließlich auch die mit am gebildeten Steigerungsformen von Adjektiven klein:

gut, besser, am besten
klein, kleiner, am kleinsten
(Mehr zu dieser Schreibung lesen Sie hier.)

ich lache, ich bin am *lachen
ich werde lachen, ich werde am *lachen sein
ich lachte, ich war am *lachen
usw.

Die Rechtschreibregeln folgen aber nicht dieser Argumentation, sonder einer anderen: Infinitive schreibt man nach Artikel und Präposition groß. Es gibt hier also zwei mögliche Argumentationen, die einander widersprechen. Die Rechtschreibregelung hat sich in diesem Fall für die Großschreibung entschieden. Man schreibt deshalb die oben mit einem Sternchen gekennzeichneten Formen groß: am Lachen sein.

Ich finde die Großschreibung hier gut vertretbar, nicht so sehr weil diese Verlaufsform nicht allgemein akzeptiert ist, sondern weil sie nicht uneingeschränkt verwendbar ist. Anders als die englische ing-Form steht sie hauptsächlich bei einfachen Infinitiven. Je mehr ein Verb mit weiteren Satzteilen erweitert wird, desto unüblicher ist die Form am + Infinitiv:

Wir waren am Reden.
Wir waren miteinander am Reden. (?)
Wir waren über ein anderes Thema am Reden. (?)
Wir waren miteinander über ein anderes Thema am Reden. (??)

Die am-Verlaufsform des Verbs ist also (vorläufig?) viel weniger eine systematisch verwendete Flexionsform als die am-Superlativform des Adjektivs. Wenn wir aber alle fleißig am+Infinitiv am Verwenden sind und bleiben, ändert sich das vielleicht eines Tages.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Frage mit dem Ausrufezeichen

Frage

Ich habe eine Frage zu den Satzzeichen. Gesetzt den Fall, es findet eine Unterhaltung statt, in der einer der Partizipierenden sehr aufgebracht ist, wie kann ich das korrekt zum Ausdruck bringen? Zum Beispiel: „Sie wagen es, mich anzugreifen?!?“

Gibt es die Möglichkeit, Ausrufezeichen mit Fragezeichen zu kombinieren? Wenn ich lediglich ein Ausrufezeichen setze, ist zwar zum Ausdruck gebracht, dass hier eine stärkere Emotion vorherrscht, jedoch wird die Bedeutung dadurch verschoben. Was für „korrekte“ Möglichkeiten gibt es?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wenn eine Frage gleichzeitig auch ein Ausruf ist, kann man nach dem Fragezeichen noch ein Ausrufezeichen setzen:

Sie wagen es, mich anzugreifen?!
Wer soll das noch verstehen?!

Im Prinzip reicht es, ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen zu setzen. Mehrfache Frage- und Ausrufezeichen wirken eher comicartig (was sich allerdings manchmal gut als Stilmittel einsetzen lässt).

Wie man sieht, kann eine Äußerung gleichzeitig Frage und Ausruf sein. Die Grenzen zwischen Frage, Ausruf, Aufforderung und Aussage sind nicht ganz so deutlich, wie man dies auf Anhieb meinen würde.

Eine Frage ist einfach zu erkennen. Sie fängt entweder mit der konjugierten Verbform oder mit einem Fragewort an und man schließt sie mit einem Fragezeichen ab:

Hast du Zeit?
Wann hast du Zeit?

Es gibt aber auch Aussagesätze, die als Frage gemeint sind:

Du bist schon 16 Jahre alt?
Ich kann Deutsch mit Ihnen reden?

Es handelt sich meist um Vergewisserungsfragen, das heißt Fragen, deren Antwort man zu kennen glaubt und die man nur zur Vergewisserung stellt.

Es gibt auch Fragesätze, die gar nicht als Fragen gemeint sind. Dazu gehören rhetorische Fragen:

Wer hört schon auch mich? (= Es hört ohnehin nie jemand auf mich.)
Habe es dir nicht gesagt? (= Ich habe es dir doch gesagt.)

Auch höfliche Aufforderungen kleiden wir oft in die Form einer Frage:

Kannst du bitte herkommen?

Wenn die Aufforderung etwas eindringlicher gemeint ist, kann man auch mit einem Ausrufezeichen abschließen:

Kommst du bitte sofort hierher!

Nicht alle Fragen sind also als Fragesatz formuliert und nicht alles, was  wir als Fragesatz formulieren, ist auch als Frage gemeint.

Noch viel inkonsequenter sind wir, wenn es um Aufforderungen geht. Das Deutsche stellt uns dafür eigentlich den Imperativ, die Befehlform, zur Verfügung:

Geh schlafen!
Löschen Sie bitte das Licht!

Damit geben wir uns aber nicht zufrieden. Wie bereits oben gesagt, gießen wir eine höfliche Aufforderung häufig in die Form einer Frage:

Gehst du bitte schlafen?
Könnten Sie bitte das Licht löschen?

Damit ist unser Repertoire an Aufforderungsarten noch lange nicht ausgeschöpft. Bei Hinweistafeln, Zetteln, Anleitungen, Geboten und Verboten, die sich nicht an eine bestimmte Person richten, steht oft ein Infintiv:

Bitte beim Verlassen der Raumes Licht löschen.

Auch die Modalverben müssen und sollen können verwendet werden, um eine Aufforderung zu formulieren:

Du musst herkommen!
Sie sollten das Licht löschen!

Wenn man ihn entsprechend betont, kann auch ein Aussagesatz im Präsens oder Futur als dringliche Aufforderung dienen:

Du gehst jetzt schlafen!
Sie werden sofort das Licht löschen!

Erstaunlicherweise kann man sogar ein Passiv mit unpersönlichem es oder ganz ohne Subjekt als nachdrückliche Aufforderung verstehen:

Es wird jetzt geschlafen!
Nun wird sofort das Licht gelöscht!

Eine Frage ist nicht immer eine Frage, ein Aussagesatz kann auch Frage oder Aufforderung sein und alle möglichen Formulierungen können als Aufforderung gemeint sein. Wer soll das noch verstehen?!

Ganz so schlimm ist es allerdings nicht. Wir verstehen all diese Formulierungen meist problemlos. Zum Problem werden sie erst dann, wenn man die Bezeichnungen Aussagesatz, Fragesatz und Aufforderungssatz allzu eng nimmt und den Sätzen ausschließlich die Funktion zugesteht, nach der sie benannt sind.

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Stilfigur mit URLs

Frage

Ich habe eine Frage zur Präposition vor der URL in folgendem Fall:

Weitere Informationen finden Sie unter www.canoo.net.
Weitere Informationen finden Sie auf www.canoo.net.

Ist beides möglich?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

beides ist möglich, üblich und meiner Meinung nach auch korrekt:

Weitere Informationen finden sie unter www.canoo.net.
Weitere Informationen finden sie auf www.canoo.net.
Vgl.
Weitere Informationen finden sie unter [der Adresse] www.canoo.net.
Weitere Informationen finden sie auf [der Website] www.canoo.net.

Man kann sagen, dass wir es hier mit einer Metonymie (griech. metonymia = Namensvertauschung, Umbenennung) zu tun haben: Ein Ausdruck wird durch einen anderen ersetzt, der in engem sachlichem Zusammenhang dazu steht.

Beispiele sind:

  • Mit ein VW ist eigentlich ein Wagen der genannten Marke gemeint.
  • Wenn man ein Glas trinkt, nimmt man eigentlich den Inhalt des genannten Gefäßes zu sich.
  • Wer Dürrenmatt liest, liest eigentlich ein Werk des genannten Autors.
  • Ein tosender Applaus des ganzen Saales ist eigentlich ein tosender Applaus aller im genannten Raum Anwesenden.
  • Die auf www.canoo.net zu findende Information steht eigentlich auf der Website mit der genannten Adresse (URL).

Hier zeigt sich schön, dass wir im täglichen Sprachgebrauch immer wieder diese klassische Stilfigur anwenden, sogar mit modernen Begriffen wie URLs.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie sieht Ihrs aus?

Frage

Es geht um einen Fotowettbewerb, bei dem man sein schönstes Urlaubsbild einreichen kann/soll. Der „Werbesatz“ dazu lautet:

Das schönste Urlaubsbild, wie sieht Ihr’s aus?

Kann man in diesem Fall den Buchstaben e durch den Apostroph ersetzen (abgesehen davon, dass es sehr umgangssprachlich ist)?

Antwort

Sehr geehrter Herr Weber,

im heutigen Standarddeutsch ist die Form ihrs für ihres nicht gebräuchlich. Sie ist entweder umgangssprachlich oder veraltet/poetisch. Ein Beispiel für Letzteres:

HORTENSIUS
Lucius!
Wie, treffen wir uns hier?
LUCIUS’ DIENER
Und, wie ich glaube,
Führt ein Geschäft uns alle her; denn meins
Ist Geld.
TITUS
Und so ist ihrs und unsers.

[William Shakespeare, Timon von Athen, Dritter Aufzug, Vierte Szene; Übersetzung von Dorothea Tiek, 1832]

Standardsprachlich schreiben Sie also besser:

Das schönste Urlaubsbild, wie sieht Ihres aus?

Wenn Sie die Form ihrs trotz oder gerade wegen ihres heute umgangssprachlichen Charakters verwenden wollen, würde ich empfehlen, sie wie die allgemein gebräuchlichen Formen meins, deins und seins ohne Apostroph zu schreiben (Regel):

Das schönste Urlaubsbild, wie sieht Ihrs aus?

Ich hoffe, dass Ihr Aufruf mit oder ohne e dafür sorgt, dass viele schöne Urlaubsfotos eingereicht werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wertig – Wie wertig?

Frage

Ich habe eine Frage zu hochwertig vs. wertig. Man liest (vor allem in irgendwelchen Marketingschriften) immer wieder, daß ein Produkt besonders „wertig“ daherkomme. Gibt es das Wort wirklich? Ich dachte bisher, daß wertig ohne einen erklärende Ergänzung (wie hoch- oder minder-) neutral oder drastischer gesagt nichtssagend ist.

Antwort

Guten Tag S.,

auch mir macht das Wort wertig insofern zu schaffen, als ich immer, wenn ich es lese oder höre, spontan die Neigung verspüre, diese Frage zu stellen: Wie wertig? ­­Hochwertig, geringwertig, minderwertig, neuwertig, zweiwertig, dreiwertig …?

Ob es Ihnen und mir nun seltsam vorkommt oder nicht, vor allem in der Werbesprache wird dieses Wort mit der Bedeutung hochwertig, qualitätsvoll verwendet. Mit dieser Bedeutung hat es auch schon Eingang in die neueren Dudenbände gefunden. Wir werden uns also daran gewöhnen müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das überflüssige „ver“: verbringen statt bringen

Frage

In letzter Zeit hört man immer öfter, dass Personen irgendwohin „verbracht“ statt „gebracht“ werden. Das klingt für mich relativ schräg. Trügt mich mein Gefühl oder ist das die richtige Wortwahl?

Antwort

Guten Tag R.,

die Verwendung von verbringen im Sinne von jemanden/etwas irgendwo hinschaffen ist Amts- oder Papierdeutsch:

Man verbrachte die Verletzten ins Krankenhaus.
Die Verhafteten werden ins Polizeibüro verbracht.
Wer Vermögen ins Ausland verbringt und daraus nicht versteuerte Einkünfte bezieht, …

Es ist also grammatisch gesehen eine richtige Wortwahl, stilistisch lässt sie jedoch zu wünschen übrig. Ich würde dieses verbringen allgemein, aber auch in amtlichen Schreiben durch bringen ersetzen oder, wenn es „unbedingt“ gehobener klingen soll, zum Beispiel überführen wählen.

Wie immer bei stilistischen Fragen sind  bestimmt nicht alle mit dieser Einschätzung einverstanden. Unbestritten ist aber wohl die folgende Verwendung von verbringen: Ich hoffe, dass Sie ein schönes Himmelfahrtswochenende verbracht haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Warum das 25-jährige Jubiläum nicht so alt ist

Frage

Bei uns wird wieder eine Frage heiß diskutiert. Es wird hier gesagt: „Zum 25-jährigen Jubiläum kann man nicht gratulieren, da -jährig immer eine Dauer bezeichnet.“ Klingt logisch. Kann ich aber stattdessen zum 25-jährigen Bestehen gratulieren?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

wenn man es ganz genau nimmt, kann man tatsächlich nicht zum 25-jährigen Jubiläum gratulieren. Damit wird eigentlich gesagt, dass das Jubiläum fünfundzwanzig Jahre alt wird oder fünfundzwanzig Jahre dauert.

Aber:

Die Ausdrucksweise x-jähriges Jubiläum ist auch standardsprachlich so allgemein üblich und eingebürgert, dass man sie nicht als falsch bezeichnen kann. Man könnte dagegenhalten, dass etwas nicht richtig wird, „nur“ weil alle es falsch machen. In der Sprache gilt aber, dass etwas richtig ist, wenn alle es so machen. Wörter wie zehnjährig, fünfundzwanzigjährig usw. haben also nicht zwei, sondern drei Bedeutungen:

  • x Jahre alt (ein zehnjähriges Kind, ein tausendjähriger Baum)
  • x Jahre dauernd (das zehnjährige Bestehen, der Dreißigjährige Krieg)

und in Verbindung mit Jubiläum:

  • anlässlich des x-ten Jahrestages (das zehnjährige Jubiläum)

Es ist  deshalb nicht falsch, zum 25-jährigen Jubiläum zu gratulieren, auch wenn die Jubiläum nur einen Tag und nicht etwa fünfundzwanzig Jahre dauert. Es gibt aber immer Leute, die diese Sichtweise nicht als richtig akzeptieren. Wenn Sie also ganz sicher sein wollen, dass niemand Ihnen einen Fehler vorwirft, sagen Sie, dass Sie zum 25-jährigen Bestehen oder zum Jubiläum des 25-jährigen Bestehens gratulieren.

Etwas Vergleichbares habe ich in einem älteren Blogeintrag für das Wort Geburtstag beschrieben: Wenn man fünfundzwanzig Jahre alt wird, feiert man eigentlich seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag. Es gibt zumindest Leute, die das behaupten. Das ist aber nicht richtig, weil Geburtstag im allgemeinen Sprachgebrauch nicht eine, sondern zwei Bedeutungen hat: Tag der Geburt (selten) und Jahrestag der Geburt. Wenn man fünfundzwanzig wird, feiert man also seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag und meint damit immer die zweite Bedeutung des Wortes.

Im Gegensatz zu mathematischen Begriffen, haben Sprachbegriffe sehr oft mehr als eine Bedeutung. Und diese Bedeutungen können sich im Laufe der Zeit auch noch verändern …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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