Archiv für Stilistisches

Abhängigkeit des Alters ist nicht Abhängigkeit vom Alter

Frage

Welche Variante ist richtig: „in Abhängigkeit des Alters“ oder „in Abhängigkeit vom Alter“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

es stimmt zwar, dass der Genitiv stilistisch häufig (vgl. hier) besser ist als eine von-Gruppe, doch hier gilt dies (sehr wahrscheinlich) nicht. Während die Vor- und Nachteile des Alters eindeutig der Formulierung die Vor- und Nachteile vom Alter vorzuziehen ist, heißt es hier doch:

in Abhängigkeit vom Alter
der ideale BMI in Abhängigkeit vom Alter

ebenso

die maximale Luftfeuchtigkeit in Abhängigkeit von der Temperatur
die prozentuale Steuerbelastung in Abhängigkeit vom Gewinn

Mit Abhängigkeit vom Alter wird gesagt, dass etwas vom Alter abhängig ist. Das Substantiv Abhängigkeit verlangt also dieselbe Präposition wie das entsprechende Adjektiv abhängig (vgl. abhängig vom Alter / vom Alter abhängig).

Mit Abhängigkeit des Alters würde gesagt, dass das Alter von etwas abhängig ist: die Abhängigkeit des Alters von Unterstützung durch die Familie.

So sind auch die Abhängigkeit [z. B. der Luftfeuchtigkeit] von der Temperatur und die Abhängigkeit der Temperatur [z.B. von der Sonneneinstrahlung] zwei recht verschiedene Dinge. Nicht immer ist also der Genitiv besser als eine Formulierung mit von.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Wann wird zur Besprechung eingeladen?

Frage

Was halten Sie von der folgenden Formulierung?

Wir freuen uns, Sie am 7. August 2017 zu einer ersten Besprechung einzuladen.

Eigentlich würde „7. August 2017“ zur Besprechung gehören, und eingeladen wird ja schon jetzt, also zu dem Zeitpunkt, zu dem der Empfänger den Brief liest. Ist das zu streng argumentiert? Was denken Sie? Man findet die Formulierung zuhauf …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

wenn man es genau nimmt, haben Sie recht. Logisch gesehen besser ist:

Wir freuen uns, Sie zu einer ersten Besprechung am 7. August 2017 einzuladen.

Wie Sie richtig bemerken, gehört das Datum zu Besprechung, das heißt, Besprechung und das Datum bilden hier zusammen einen Satzteil:

– Wozu laden wir ein?
– zu einer ersten Besprechung am 7. August

Wenn man die Datumsangabe von Besprechung trennt und im Satz an eine andere Stelle verschiebt, wird sie zu einer eigenständigen Adverbialbestimmung. Als solche bezieht sie sich dann auf das Verb der Infinitivgruppe, nämlich auf einzuladen:

– Wann laden wir ein?
–  am 7. August

Im Satz

 Wir freuen uns, Sie am 7. August 2017 zu einer ersten Besprechung einzuladen

wird also am 7. August eingeladen und nicht schon im Moment, in dem er geschrieben resp. gelesen wird. So weit die logisch-grammatische Sichtweise.

Eine Formulierung wie Sie am 7. August zu einer ersten Besprechung einzuladen kommt aber häufig vor und kann eigentlich zu keinen Missverständnissen führen. Mit viel gutem Willen könnte man weiter auch argumentieren, dass das Schreiben jetzt ankündigt, dass am 7. August eingeladen werden wird. Ich würde deshalb sagen, dass man sie „notfalls“ so stehen lassen kann, ohne dass gleich von einem großen Fehler gesprochen werden muss. Selbst würde ich aber die zweite, grammatisch und stilistisch bessere Formulierung verwenden: Sie zu einer ersten Besprechung am 7. August einzuladen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Be- und entfüllen?

Kommentar

Ich möchte Ihnen die Bedeutung des Wortes „entfüllen“ erklären. Für mich heißt es, dass etwas geleert wird. Also „befüllen“ und „entfüllen“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

man kann tatsächlich ein Verb entfüllen mit dieser Bedeutung bilden. Bei Ihrem entfüllen drückt ent- aus, dass etwas wieder rückgängig gemacht wird: entfüllen = etwas Gefülltes leer machen. Ebenso zum Beispiel:

entbürokratisieren, entwarnen

Häufig drückt ent- das Gegenteil von be- oder ver- aus:

entkleiden, entwaffnen,
entkrampfen, entzaubern

In Verbindung mit einem Substantiv und einer Verbendung drückt ent- aus, dass etwas entfernt wird:

entwalden, entrußen, entkernen

Mit bestimmten Verben hat ent- die Bedeutung weg-:

entfliehen, entreißen

In Verbindung mit Adjektiven kann ent- die Bedeutung so sein rückgängig machen haben:

entmündigen, entmutigen, entpersönlichen

Interessant ist, dass bei Adjektiven, die eine Abwesenheit beinhalten, ent- das Gegenteil der oben genannten Bedeutung von ent- auszudrückt, nämlich so werden lassen:

entblößen, entfremden, entleeren

Und mit dem letzten Beispielwort, entleeren, sind wir beim Grund, weshalb man das Verb entfüllen zwar bilden kann, es aber nicht gebräuchlich ist. Etwas vereinfach ausgedrückt: Da es bereits ein gebräuchliches Verb mit derselben Bedeutung gibt, nämlich entleeren, wird das Verb entfüllen nicht benötigt. Nicht alles, was man korrekt bilden kann, wird auch gebraucht.

Das Verb entfüllen ist also nicht falsch, es wird nur nicht verwendet. Und ich sage bewusst nicht nie. Vor allem in technischen Texten kommt es nämlich gelegentlich in der Kombination be- und entfüllen vor. Das ist so schön kurz und bündig und klingt wie be- und entladen.

Mein Sommerurlaub ist zu Ende. Aber hoffentlich liegen noch viele sommerliche Tage vor uns, so dass wir die aufblasbaren Schwimmbecken in den Gärten noch lange nicht entleeren oder – mit „Ihrem“ Verb ausgedrückt – entfüllen müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Schwerpunkt bildet der …

Frage

Heißt es „Ein Schwerpunkt bildet der künstliche Kniegelenkersatz“ oder „Einen Schwerpunkt bildet der künstliche Gelenkersatz“?

Antwort 

Sehr geehrte Frau M.,

verdächtigerweise klingen beide Formulierungen irgendwie richtig. Grammatisch gesehen ist aber nur eine von ihnen korrekt. Mittelpunkt des Satzes ist das Verb bilden. Es verlangt ein Subjekt und ein Akkusativobjekt:

Wer oder was bildet wen oder was?

Subjekt und Akkusativobjekt sind in Ihrem Satz so verteilt: Das künstliche Kniegelenk (= Subjekt) bildet einen Schwerpunkt (= Akkusativobjekt). Wenn nun Schwerpunkt an den Satzanfang gestellt wird, bleibt es ein Akkusativobjekt. Es heißt deshalb:

Einen Schwerpunkt bildet der künstliche Kniegelenkersatz.

Auch mit dem Verb darstellen trifft man relativ häufig einen Nominativ an, wo ein Akkusativ stehen sollte. Es heißt also nicht:

*Ein Schwerpunkt stellt der Erwerb sozialer Kompetenzen dar.

sondern:

Einen Schwerpunkt stellt der Erwerb sozialer Kompetenzen dar.

Wie kommt es, dass hier relativ oft fälschlich ein Nominativ steht und dass dieser Nominativ auf den ersten Blick gar nicht so furchtbar falsch aussieht? Ich vermute, dass es daran liegt, dass die Verben bilden und darstellen vor allem die Funktion haben, das „langweilige“ sein zu vermeiden. Mit sein ist der Nominativ korrekt:

Ein Schwerpunkt ist der künstliche Kniegelenkersatz.
Ein Schwerpunkt ist der Erwerb sozialer Kompetenzen.

Es könnte also sein, dass die eigentlich gemeinte Konstruktion mit dem gewöhnlichen sein sich bei den Formulierungen mit den Ersatzverben bilden und darstellen doch in den Vordergrund drängt. Anders gesagt: Die Ersatzformulierung wird nur zum Teil durchgeführt. Nur das Verb, nicht aber die dazugehörende Konstruktion wird angepasst.

Wenn Schwerpunkt am Satzanfang stehen soll, gefällt mir persönlich übrigens die Formulierung mit dem schlichten sein besser als die Varianten mit bilden oder darstellen. Doch das ist natürlich eine reine Stil- und Geschmackssache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das gehört mir oder das ist mein/meins/mir

Frage

Mein Mann sagt „Das ist mir“ oder „Das ist Dein“. Sind das korrekte Sätze? Ich meine, das ist falsch.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Formulierungen, die Sie in Ihrer Frage anführen, sind ein schönes Beispiel dafür, dass es in der Sprache nicht immer nur darum geht, ob etwas richtig oder falsch ist. Die Wendungen, die Ihr Mann verwendet, sind nämlich nicht falsch. Sie gehören einfach zu verschiedenen Sprachniveaus.

Wenn man ausdrücken möchte, dass etwas jemandes Besitz ist, wählt man in der heutigen Standardsprache im Allgemeinen das Verb gehören:

Das Buch gehört mir.
Gehört der Wagen dir?
Das Grundstück gehörte ihm/ihr.

Daneben gibt es noch weitere Möglichkeiten, dasselbe Besitzverhältnis anzugeben. Standardsprachlich akzeptiert ist auch:

Das Buch ist mein.
Ist der Wagen dein?
Das Grundstück ist sein/ihr.

Ich muss dabei aber anmerken, dass diese Wendung auf mich einen sehr gehobenen und eher veraltenden Eindruck macht. Sie passt zu Aussagen wie:

Die Rache ist mein.
Der Sieg ist unser!
Dein ist mein ganzes Herz

Viel häufiger kommen die folgenden, als umgangssprachlich und regionalsprachlich geltenden Wendungen vor:

Das Buch ist meins.
Ist der Wagen deiner?
Das Grundstück ist seins.

Oder mit dem Dativ:

Das Buch ist mir.
Ist der Wagen dir?
Das Grundstück ist ihm.

Es gibt also verschiedene Arten, wie man angeben kann, dass etwas jemandes Besitz ist. Es geht hier nicht darum, ob wirklich all diese Wendungen „richtig“ sind, sondern darum, jeweils die zur Situation und dem Sprachniveau passende zu wählen:

In einem neutralen standardsprachlichen Kontext verwendet man am besten gehören. Die Wendung das ist mein/dein/unser usw. passt eher in einen gehobenen (oder evtl. ironisch-humoristischen) Zusammenhang. In der alltäglichen Umgangssprache können Sie schließlich je nach Region oder Lust und Laune das ist meins oder das ist mir sagen.

Und wem das alles zu kompliziert ist: jemandem gehören passt immer.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Anhand welches/welchen Beispiels

Frage

Ein Gutachter besteht auf der Änderung von „anhand welches Beispiels“ zu „anhand welchen Beispiels“. Zu Recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Gutachter hat nur insofern recht, als neben „anhand welches Beispiels“ häufig die Formulierung „anhand welchen Beispiels“ vorkommt. Beide gelten als korrekt. Siehe hier.

Wie kommt es zu dieser Variation? Sie hat mit Unterschieden zwischen der Beugung von Adjektiven und der Beugung von Pronomen zu tun.

Adjektive haben im männlichen und sächlichen Genitiv Singular die Endung en:

wegen schlechten Wetters
ein Sortiment feinsten französischen Käses
der Kauf eines sportlichen Fahrrads

Als typische Pronomenendung im männlichen und sächlichen Genitiv Singular gilt die Endung es:

wegen dieses Wetters
der Verzehr jenes Käses
der Diebstahl meines Fahrrads

Und hier beginnen die Inkonsequenzen. Das Deutsche hat nämlich die sparsame Neigung, gewisse Aspekte nur einmal auszudrücken. Wenn es schon eine Endung [e]s gibt, die eindeutig den Genitiv ausdrückt, reicht das. Das zeigt sich bei der Adjektivbeugung, in der es statt der Genitivendung es nur noch die schwache Endung en gibt (siehe Beispiele oben).

Dieser Tendenz folgen auch die Pronomen: Wenn sie im Genitiv vor einem Substantiv mit der Endung (e)s stehen, haben einige von Ihnen die Neigung, die Adjektivendung en statt der Pronomenendung es anzunehmen. Einmal es reicht ja, um den Genitiv auszudrücken. Bei einigen Pronomen gelten beide Formen standardsprachlich als korrekt:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
im Leben (manches)/manchen Kindes
anhand welches/welchen Beispiels

Aber vor Substantiven ohne die Endung (e)s nur:

im Leben jedes Menschen
nach der Meinung manches Studenten
mit Hilfe welches Assistenten

Und damit es ja nicht zu einfach wird: Für die Pronomen dieser, jener, mein/dein/etc. und kein gilt das oben Gesagte nicht. Sie folgen zwar auch dieser Tendenz – vor allem in festeren Wendungen –, aber bei ihnen gelten die Genitivformen mit en (vorläufig) noch als falsch. Und somit sind wir bei einem recht bekannten Streitfall: Standardsprachlich besser nicht

Anfang diesen Jahres
Personen Ihren Alters
jemanden keinen Blickes würdigen

sondern

Anfang dieses Jahres
Personen Ihres Alters
jemanden keines Blickes würdigen

Die Endung en verdrängt im Genitiv also langsam die Endung es. Bei den Adjektiven ist es ihr schon vollständig gelungen, bei den Pronomen ist die Übernahme noch nicht ganz vollzogen. Es ist also nicht erstaunlich, dass in einer solchen Übergangsphase viele Unsicherheiten entstehen. Als Trost mag gelten: So komplex es auch scheint, meistens geht es dennoch spontan gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das fehlende »uns«: Lass uns dann treffen!

Frage

Ist der folgende Satz korrekt?

Lass uns um zwei Uhr treffen.

Eigentlich müsst es doch heißen: „Lass uns uns um zwei Uhr treffen“ (was natürlich nicht geht).

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Satz ist nicht korrekt. Es fehlt ihm ein zweites uns. Das erste uns gehört zur Aufforderung Lass uns…:

Lass uns dieses und jenes tun.

Das zweite uns ist das Reflexivpronomen, das zu uns treffen, wir treffen uns gehört. Vgl.:

Wir wollen uns um zwei Uhr treffen.

Keines der beiden uns kann weggelassen werden. Grammatisch richtig ist hier also doch, was Sie in Ihrer Frage als „unmögliche“ Alternative angeben:

Lass uns uns um zwei Uhr treffen.

Ähnliche Formulierungen sind:

Lassen Sie mich mich kurz vorstellen.
Ich bitte dich dich nicht so aufzuregen.

Solche Wiederholungen sind grammatisch korrekt, aber stilistisch unschön. Es gibt keine Grammatikregel, die die Wiederholung identischer Wortformen verbietet. Es empfiehlt sich aber dennoch häufig, eine andere, besser klingende Formulierung zu wählen. Möglich wäre hier zum Beispiel:

Lass uns einander um zwei Uhr treffen.
Sollen wir uns um zwei Uhr treffen?
Ich schlage vor, dass wir uns um zwei Uhr treffen.

Erlauben Sie mir mich kurz vorzustellen.
Reg dich bitte nicht so auf!

Und wenn Ihnen doch einmal bewusst oder unbewusst eine Doppelung wie uns uns aus Mund, Feder oder Tastatur entschlüpft ist: stilistisch weniger schön ist immer noch besser als grammatisch falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Für eventuelle Sprachpuzzler und -humoristinnen: Ja, der Satz „Lass uns um zwei Uhr treffen“ kann theoretisch korrekt sein. Man muss allerdings ziemlich viel Phantasie aufwenden, um einen passenden Kontext zu  konstruieren: Wenn geschossen wird und das Ziel gewollt oder ungewollt nicht getroffen wird, kann jemand mit diesen Worten vorschlagen, um zwei Uhr nicht danebenzuschießen.

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Dahin und dorthin oder da hin und dort hin?

Frage

Ich habe eine Frage die mich schon länger beschäftigt. Es geht um das Wort „dahin“. Schreibt man „Kannst du die Vase dahin stellen“ oder „Kannst du die Vase da hinstellen“?

Antwort

Guten Tag,

wenn Sie sich in gepflegtem schriftlichem Standarddeutsch ausdrücken wollen oder müssen, schreiben Sie am besten

Du kannst die Vase dahin stellen.

Ihr Zweifel kommt wahrscheinlich daher, dass dahin und dorthin mit der örtlichen Bedeutung an diesen/jenen Ort umgangssprachlich sehr häufig getrennt verwendet werden:

Da kannst du die Vase nicht hinstellen.
Du solltest sie dort nicht hinstellen.
Da musst du unbedingt einmal hinfahren.
Kein Zug und kein Bus fährt dort heute noch hin.

Standardsprachlich sollten dahin und dorthin hier nicht getrennt verwendet werden:

Dahin kannst du die Vase nicht stellen.
Du solltest sie nicht dorthin stellen.
Dahin musst du unbedingt einmal fahren.
Kein Zug und kein Bus fährt heute noch dorthin.

Entsprechend schreiben Sie also besser die Vase dahin stellen als die Vase da hinstellen. Etwas ganz Ähnliches gilt übrigens auch für die Fragewörter woher und wohin (siehe hier).

Für den Fall, dass Sie sich nun wundern, dass diese Formen als „falsch“ gelten, sei das Folgende gesagt: Sie sind nicht wirklich falsch. In der gesprochenen Alltagssprache kommen sie zum Teil so häufig vor, dass man sie als zur Grammatik des gesprochenen Alltagsdeutschen gehörend betrachten sollte. Auch in der geschriebenen Sprache kommen sie regelmäßig vor, so dass es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis dieser Artikel – mehr als jetzt schon – nur noch ein stilistischer Hinweis ist. Ob und wann es so weit kommt, möchte ich dahingestellt sein lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Mehr zur Schreibung von dahin in Verbindung mit Verben finden Sie hier.

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Ist das Haus unseres, das unsere, das unsrige, uns oder unser?

Frage

Die Possessivpronomen können ohne Artikel stellvertretend für eine Nomen stehen. Die endungslose Form Neutrum Singular bekommt dann die Endung –es [vgl. hier]. Und nun zu meiner Frage: Was ist richtig?

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unseres ist.
oder
Heute kam die Nachricht, dass das Haus unser ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei der Besitzangaben mit dem Verb sein und einem Possessiv kommen verschiedene Konstruktionen vor. Möglich ist die Verwendung der gebeugten Form des Possessivs ohne Artikel, der gebeugten Form mit Artikel oder, eher veraltenden, der mit -ig erweiterten Form mit Artikel:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unseres / das unsere / das unsrige ist.
Der Bus dort ist unserer / der unsere / der unsrige.
Ist die Jacke nicht deine / die deine / die deinige?

Veraltet oder sehr gehoben ist die prädikative Verwendung des ungebeugten Possessivs. Man trifft sie vor allem in älteren Texten und Operettenarien an:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unser ist.
Die Rache ist mein.
Dein ist mein ganzes Herz.
Die Schuld ist euer.

Die folgende Variante gilt als umgangssprachlich und sollte in der Standardsprache vermieden werden: sein mit dem Dativ (hier mit dem Dativ des Personalpronomens).

Heute kam die Nachricht, dass das Haus uns ist.
Der Bus dort ist mir.
Der Garten ist nicht Ihnen, sondern uns allen.

Die im heutigen Standarddeutschen üblichste Variante wird aber nicht mit sein, sondern mit dem Verb gehören formuliert:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus uns gehört.
Der Bus dort gehört mir.
Der Garten gehört nicht Ihnen, sondern uns allen.

Um nun wieder zu Ihrer Frage zurückzukommen: Richtig ist sowohl dass das Haus unseres ist als auch dass das Haus unser ist, heute standardsprachlich üblich ist aber vor allem dass das Haus uns gehört.

In Léhars „Land des Lächelns“ wird man allerdings auch weiterhin

Dein ist mein ganzes Herz!
Wo du nicht bist, kann ich nicht sein.

singen, denn die „moderne“ Variante mit gehören würde hier einfach nicht passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mörderinnen und Vergewaltigerinnen

So vielversprechend der Titel auch klingen mag, es geht weder um Krimis skandinavischer Autorinnen noch um die Netflix-Serie „Orange Is The New Black“. Es geht um einen Fall der geschlechtergerechten Formulierung, den man möglichst sachlich und kontextnah angehen sollte.

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Gendern. Wie soll denn konkret bei den Begriffen „Mörder“ und „Vergewaltiger“ vorgegangen werden? Würden Sie hier gendern, also beispielsweise von „MörderInnen“ und „VergewaltigerInnen“ sprechen? […]

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

bei dieser Frage gibt es kein grammatisches Richtig oder Falsch. Wie viel und wie weit Sie geschlechtsneutrale resp. männliche und weibliche Personenbezeichnungen verwenden, hängt von Ihrem eigenen Stil und eventuell von Richtlinien ab, an die Sie sich halten wollen oder müssen. Am wichtigsten finde ich immer, in welchem Kontext ein Wort verwendet wird.

Wenn Sie normalerweise durchgehend gendern, sollten Sie in einem allgemeinen Zusammenhang auch von Mördern und Mörderinnen sprechen, denn es morden ja nicht nur Männer. Das gilt aber zum Beispiel nicht im Kontext eines Männer- oder Frauengefängnisses. Im Ersteren werden Verbrecher und Mörder eingeschlossen, im Letzteren verbüßen Verbrecherinnen und Mörderinnen ihre Strafe. Bei Vergewaltiger/Vergewaltigerin spielt ebenfalls der Kontext eine wichtige Rolle. Wenn es um die Angst von Frauen vor Vergewaltigung auf dem nächtlichen Heimweg geht oder in Berichten über systematische Vergewaltigungen in Kriegsgebieten kommen Vergewaltigerinnen praktisch nicht vor. Weshalb sollte man sie dann also immer nennen? Wenn es allgemein um Vergewaltigung im Familien- und Bekanntenkreis geht, sollte man die Verwendung der Doppelform erwägen, weil Verbrechen wie Vergewaltigung und Kindesmissbrauch zwar verhältnismäßig seltener, aber doch auch von Frauen verübt werden.

Es ist also eine Frage Ihres Stils und nicht zuletzt auch des Kontextes, wo und wie Sie geschlechtsneutrale resp. männliche und weibliche Formen verwenden. Das Beispiel Mörder und Vergewaltiger wird häufig von Gegnern und Gegnerinnen des geschlechtsneutralen Formulierens angeführt – häufig mit einem hämischen Unterton der Art „dort tut ihr es ja auch nicht“. Kaum jemand verlangt aber „blindes“ Gendern ohne jegliche Rücksicht auf den Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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