Archiv für Stilistisches

Wie aufgebläht ist vorprogrammiert?

Kein neues Thema, aber nun hat es auch „Dr. Bopp“ erreicht: vorprogrammieren.

Frage

Ist das Wort „vorprogrammieren“ eigentlich korrekt? Die Vorsilbe „pro“ bedeutet ja schon „vor“. Oder gibt es einen semantischen Unterschied zwischen „programmieren“ und „vorprogrammieren“?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

programmiert wird immer vorher. Ein Programm gibt ja an, wie etwas verlaufen soll. So gesehen ist es also überflüssig, noch ein vor- vor das Verb zu stellen. Es gab und gibt dann auch verschiedene „Sprachpfleger“ und Stilbücher, die vorprogrammieren unter anderem als „überflüssiges Blähwort“ verdammen. Wenn vorprogrammieren die Bedeutung (den Ablauf) in einem Programm festlegen hat, sollte man tatsächlich auch einfach programmieren verwenden. Dennoch weiß sich vorprogrammieren im deutschen Wortschatz zu behaupten, und dies meiner Meinung nach ganz zu Recht.

Mit vorprogrammiert ist oft gemeint, dass etwas einer Sache innewohnt, dass es unausweichlich ist:

Damit ist ein Streit zwischen den beiden schon vorprogrammiert.
Das Fehlen eines Parkkonzepts programmiert ein Parkplatzproblem bereits vor.

Bei dieser Verwendung von vorprogrammieren verdeutlicht vor-, dass im Unterschied zu programmieren nicht eine bewusste, gewollte Handlung gemeint ist.

Mit vorprogrammieren kann auch unterstrichen werden, dass etwas programmiert wird, bevor man selbst dazu kommt, es zu programmieren:

Die Bildeinstellung wurde vom Hersteller vorprogrammiert.
Sein ganzes Leben war vorprogrammiert.

Das vor- ist also mehr als nur eine Verdopplung. Es fügt weitere Bedeutungselemente hinzu. Diese Art der Verdopplung ist bei Verben keinswegs ungebräuchlich. Im Deutschen haben wir nämlich die Neigung, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist – manchmal sogar ohne hinzukommende Bedeutungselemente. Ein paar Beispiele:

vom Tisch herunterfallen
aus dem Fenster hinausblicken
den Drachen im Wind aufsteigen lassen
Mehl in Säcke einfüllen
alte Möbel aufpimpen (pimpen heißt schon aufmotzen)
im nachfolgenden Text
mit aufgeblähten Segeln
ohne Vorankündigung

Ganz allein steht das Wort vorprogrammieren mit seiner „Verdopplung“ also nicht im deutschen Wortschatz – und bei Weitem nicht all diese „Verdopplungen“ sind einfach nur aufgebläht.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

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Tot, toter, toteste

Hier ist sie wieder einmal, die regelmäßig auftauchende Frage nach „unerlaubten“ Steigerungsformen:

Frage

Ist eine Steigerung von tot nicht etwas problematisch? Kann man (auch) toter als tot sein?

Antwort

Sehr geehrter Herr I.,

die Frage nach der Steigerung der sogenannten absoluten Adjektive wird recht häufig gestellt. Ich erlaube mir hier deshalb, statt einer ausführlichen Erklärung zwei Hinweise auf die Seiten von Canoonet zu anzugeben:

Steigerungsformen kommen auch bei „absoluten“ Adjektiven vor, wenn sie in einem übertragenen Sinne oder bewusst verstärkend verwendet werden. Sie haben natürlich Recht, dass tot in seiner Grundbedeutung ein absolutes Adjektiv ist, das nicht gesteigert werden kann. Wir gehen aber wie gesagt davon aus, dass „absolute“ Adjektive nicht immer ganz so absolut sind, das heißt, dass sie manchmal auch gesteigert werden können. Das gilt selbst für tot. Hier ein paar (Internet-)Zitate, die ich – es sei gleich vorweggenommen – für richig formuliert halte:

Vor dreißig Jahren hat ein Toter einem noch Toteren die Hand in den Hosenstall gesteckt.
(Anne Enright, “Das Familientreffen”, übersetzt von Hans-Christian Oeser)

Auf dem Schiff werden uns wilde Geschichten von toten Schiffspassagieren auf dem Grund des Königssees und noch toteren Bergsteigern in der Ostwand erzählt.

Ich habe Lebende gesehen, die einen toteren Eindruck gemacht haben als du.

… man spricht heutigentages übrigens gerade da am meisten vom Leben und vom Übergehen ins Leben, wo man in dem totesten Stoffe und in den totesten Gedanken versiert
(Hegel, „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, 3. Teil, 2. Abschnitt, B, a)

Den Rest des Jahres herrscht kulturell toteste Hose.

Irgendwann müssen Menschen begriffen haben, dass aus dem totesten Material, das wir uns denken können, aus toten Steinen, lebendiges flammendes Feuer zu gewinnen war, indem man sie aneinanderschlug, bis der Funke sprühte.
(Aus einer Predigt zur Karwoche)

Die Steigerungsformen von tot grundsätzlich zu verbieten bedeutet der Sprache zu enge Zügel anzulegen. Es ist tatsächlich wenig sinnvoll, das Adjektiv tot in der Grundbedeutung von nicht lebend zu steigern. Ein friedlich der Altersschwäche erlegenes Huhn ist nicht toter oder weniger tot als ein im Backofen brutzelndes Hähnchen. Die ethischen Fragen rund um den klinischen und den biologischen Tod sind u. a. deshalb so schwierig, weil wir nicht in den Begriffen mehr oder weniger tot, sondern lebend oder tot denken. Die obenstehenden Beispiele zeigen aber, dass das Wort tot nicht nur in diesem absoluten Sinne verwendet wird und dass es dann manchmal sogar Steigerungsformen hat.

Wenn diese Beispielsätze falsches oder schlechtes Deutsch wären, dann wären sie dies nicht, weil es die Steigerungsformen nicht geben könnte, sondern nur, weil es sie nicht geben dürfte. Wenn es toter und toteste wirklich nicht geben dürfte, müsste wohl auch die Wendung mehr tot als lebendig als unzulässige Vergleichsform rot angestrichen werden. Das Deutsche würde dadurch vielleicht etwas „präziser“, aber bestimmt nicht lebendiger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie landschaftlich ist „öfters“?

Frage

Das Adverb „öfters“ wird einem des Öfteren angekreidet, und zwar mit der Begründung, es sei eine unzulässige Steigerung von „oft“. So weit so gut. In „Joseph und seine Brüder“ verwendet Thomas Mann ausschließlich „öfters“, nie „öfter“. [...] Das DWDS sagt im Gegensatz zum Duden nicht, dass „öfters“ umgangssprachlich bzw. landschaftlich sei. Wie halte ich das Ganze nun? Ist „öfters“ eine unlogische Steigerung und spricht gegen die Logik des Schreibers? (Wobei das bei T. Mann vielleicht sehr zweifelhaft ist.)

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wörtchen öfters ist ein Besserwisserwort, das heißt ein Wort, das Besserwisser anderen immer wieder gerne rot anstreichen. „Das Wort öfters gibt es nicht / ist falsch / sollte nicht verwendet weden“, wird gesagt. Mit der Bedeutung des Öfteren, mehrmals, ab und zu ist es aber recht gebräuchlich, auch in der Literatur, wie Sie selbst ja festgestellt haben. Im DWDS und im Deutschen Wörterbuch von Wahrig stehen keine Angaben dazu, dass es landschaftlich sei. Auch im Grimm-Wörterbuch kommt es vor, sogar mit einer Erklärung seiner Entstehung.

Weshalb soll man es dann trotzdem nicht benutzen? Die Leute, die ich etwas gar streng als Besserwisser bezeichne, berufen sich dabei auf den Duden. Aus irgendeinem Grund hat die Dudenredaktion beschlossen, öfters mit dem Prädikat „landschaftlich“ auszuzeichnen. Das hat automatisch zur Folge, dass es Leute gibt, die behaupten, es sei falsch das Wort öfters zu verwenden. Im Duden „Richtiges und gutes Deutsch“ wird aber bereits nuanciert:

Von den beiden Adverbformen wird heute öfter bevorzugt. Die Form öfters kommt häufig in der Umgangssprache vor; in Österreich ist sie allgemein üblich.
© Duden – Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]

Das Wörtchen öfters wird hier nicht als landschaftlich, sondern als umgangssprachlich qualifiziert. Warum das so ist und weshalb die Form öfter heute bevorzugt werden soll, weiß ich nicht. Ich habe nämlich den Eindruck, dass mir die Form öfters ziemlich oft begegnet, auch in als standardsprachlich einzustufenden Texten und bestimmt nicht nur in Österreich.

Eine völlig unfundierte, auf keinerlei Nachforschung beruhende Vermutung sagt mir, dass die von Duden konstatierte heutige Bevorzugung von öfter (wenn es sie denn gibt) vor allem darauf zurückgeführt werden kann, dass in den Duden-Wörterbüchern steht, öfters sei landschaftlich. Die negativen Kommentare über öfters, die ich im Internet gelesen habe, berufen sich nämlich praktisch ausnahmslos auf die Angaben von Duden. Ist öfters tatsächlich landschaftlich/umgangssprachlich oder ist es von Duden dazu gemacht worden? Ich vermute Letzteres.

Das Wörtchen öfters ist kein eigentlicher Komparativ mehr (öfters als ist tatsächlich nicht zu empfehlen), sondern ein Adverb mit einer eigenen Bedeutung. Die Grundfrage lautet also nicht, ob öfters richtig oder falsch ist, sondern ob man diese Variante des Adverbs öfter auch standardsprachlich verwenden kann. Duden sagt „eher nicht“, DWDS gibt keine Anwendungsbeschränkungen an. Auch meiner Meinung nach kann man öfters problemlos verwenden, nicht nur in Österreich. Wie so oft bei solchen Fragen gilt allerdings, dass man sich nicht wundern sollte, wenn man öfters von jemandem wegen der Verwendung von öfters korrigiert wird. Vorsichtige Leute verwenden deshalb heute vielleicht tatsächlich besser nur öfter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Erstmalig aufführen oder nicht?

Frage

Auf der Seite www.korrekturen.de wird behauptet, dass das Adjektiv „erstmalig“ nicht adverbial gebraucht werden könne.

Das Adjektiv erstmalig kann nicht adverbial verwendet werden, so kann man zwar von einer „erstmaligen Aufführung“ sprechen, es heißt aber nur „Das Stück wurde erstmals aufgeführt“ und nicht „Das Stück wurde erstmalig aufgeführt“.

Ich halte diese Aussage für falsch. Meines Wissens kann man jedes Adjektiv adverbial verwenden (eben, wie oben, durch Weglassen der Flexionsendung). Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag S.,

die Angabe, die Sie zitieren, ist nicht falsch. Ich finde nur, dass sie etwas zu streng formuliert ist. Man hört und liest zwar häufiger wurde erstmalig aufgeführt, aber standardsprachlich kann man diese Formulierung besser vermeiden. Warum?

Das Adjektiv erstmalig gehört zu einer Gruppe von Adjektiven, die üblicherweise nicht adverbial verwendet werden, weil sie selbst schon von Adverbien abgeleitet sind. Sie stehen sehr häufig vor Substantiven, die von Verben abgeleitet sind:

heute besuchen → der heutige Besuch
den Vertrag bald abschließen → der baldige Vertragsabschluss
oben erwähnen → die obige Erwähnung
einmal zahlen → einmalige Zahlung
erstmals aufführen → die erstmalige Aufführung

Man verwendet diese Gruppe von Adjektiven also dann, wenn in einem Satz „etwas Verbales” durch ein Substantiv ausgedrückt wird. Ein Adverb, das ein Verb begleitet, wird zu einem Adjektiv, das ein entsprechendes Substantiv begleitet. Diese Aufgabe übernehmen, wie die Beispiele oben zeigen, u. a. mit ig gebildete Ableitungen (z. B. heute → heutig, ersmals → ersmalig).

Wenn wir nun wieder den umgekehrten Weg gehen, wird das Adjektiv, das beim Substantiv steht, wieder zu einem das Verb begleitenden Adverb. Dabei wird bei dieser Gruppe von Adjektiven nicht wie bei gewöhnlichen Adjektiven die endungslose Form gewählt, sondern das ursprüngliche Adverb, von dem das Adjektiv ja abgeleitet wurde:

der heutige Besuch → heute besuchen (nicht: heutig besuchen)
der baldige Vertragsabschluss → den Vertrag bald abschließen (nicht: baldig abschließen)
die obige Erwähnung → oben erwähnen (nicht: obig erwähnen)
die einmalige Zahlung → [nur] einmal / ein Mal zahlen (besser nicht: einmalig zahlen)
die erstmalige Aufführung → erstmals / zum ersten Mal aufführen (besser nicht: erstmalig aufführen)

Adjektive auf –malig wie einmalig, erstmalig und letztmalig werden zwar relativ häufig auch adverbial verwendet, aber stilistisch gesehen ist es besser, auf  zum Beispiel einmal, erstmals, letztmals oder zum ersten/letzten Mal zurückzugreifen.

Man kann also nicht sagen, dass ausnahmslos alle attributiv verwendeten Adjektive auch adverbial verwendet werden. Es gibt, wie man sieht, ein paar Ausnahmen. Sehen Sie hierzu auch diese und diese Seite in Canoonet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Baldmöglich, baldmöglichst, möglichst bald

Frage

Gibt es das Wort „baldmöglich“ überhaupt? Muss es nicht korrekt „baldmöglichst“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

wenn man es rein statistisch anschaut, gibt es das Wort baldmöglich. Ein kurzer Google-Blick ins Netz zeigt nämlich, dass baldmöglich sehr häufig vorzukommen scheint (über 90 000 Treffer). Google-Zahlen sollten mit großer Vorsicht behandelt werden, sie zeigen hier aber immerhin, dass baldmöglich eine des Öfteren aus Tastaturen fließende Wortform ist. Trotzdem ist in zweierlei Hinsicht etwas nicht ganz in Ordnung.

Zuerst die Form:

Sie haben recht, dass es eigentlich baldmöglichst heißt. Der Ausdruck ist nicht mit so bald wie möglich, sondern mit möglichst bald verbunden. Es ist die Form, die man in den Wörterbüchern findet und die Google (man beachte wiederum den Bitte-mit-Vorsicht-genießen-Zeigefinger) mit über einer Million Treffern auch „statistisch“ unterstützt. Die im Deutschen übliche Form ist baldmöglichst.

Dann der Stil:

Die „korrekte“ Form baldmöglichst vermag allerdings nur mäßig zu überzeugen. Sie gilt im Allgemeinen als stilistisch unschöne, papierdeutsche Formulierung, die man besser vermeidet. Wenn Sie in einem Brief oder einer Mail versprechen wollen, eine Anfrage baldmöglichst zu behandeln, sollten Sie sich also überlegen, ob Sie die Anfrage nicht vielleicht viel eleganter so bald wie möglich oder möglichst bald behandeln möchten.

Das Wort baldmöglich gibt es in diesem Sinne nicht. Auch die übliche Form baldmöglichst sollte aus stilistischen Gründen vermieden werden. Letzteres ist allerdings, wie immer bei Stilistischem, vor allem eine Frage des Geschmacks.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Es tut mir leid wegen …

Frage

Ich such die deutsche Entsprechung für folgenden Satz „I’m sorry about last Saturday“:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.            .
Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

Beides klingt immer komischer, je länger ich draufschaue. Was schlagen Sie vor? Ginge auch “Tut mir leid wegen letzten Samstag”?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

eine nicht umgangssprachliche Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ist etwas wortreicher als das englische Original. Je nachdem, was genau gemeint ist, zum Beispiel:

Der Vorfall von letztem Samstag tut mir leid.
Ich bedauere, was letzen Samstag geschehen ist.
Ich möchte mich für den letzten Samstag entschuldigen.

Die Formulierung (es) tut mir leid wegen etwas ist umgangssprachlich. Standardsprachlich heißt es eher: etwas tut mir leid. Deshalb will der „hehre“ Genitiv hier nicht passen, auch wenn er grammatikalisch noch zu verteidigen wäre. So spricht niemand:

nicht: Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

In einer umgangssprachlichen Formulierung klingt der nach wegen standardsprachlich bei vielen so verpönte Dativ – zumindest in meinen Ohren – etwas besser:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.

Auch der Akkusativ kommt vor. Die Zeitangabe letzten Samstag bleibt dann als adverbiale Bestimmung ähnlich wie unflektierbare Adverbien (gestern, damals) „ungebeugt“:

Es tut mir leid wegen letzen Samstag.

Diese Verwendung eines “unveränderlichen Akkusativs” nach einer Präposition ist aber standardsprachlich ebenfalls nicht üblich.

Wenn Sie in der deutschen Übersetzung eine standardsprachliche Formulierung wählen müssen, sollten Sie umformulieren (Beispiele oben). Nur dann, wenn eine umgangssprachliche Übersetzung passend ist, können Sie hier auch (es) tut mir leid wegen mit dem Dativ (letztem Samstag) oder sogar mit dem Akkusativ (letzten Samstag) wählen.

Wieder einmal gibt es nicht nur „eindeutig richtig“ und „grundsätzlich falsch“. Es ist also nicht erstaunlich, dass Sie bei der Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ein bisschen ins Zweifeln gekommen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Stilistisches zur Freien und Hansestadt

Frage

Hamburg, seit ein paar Jahren meine Wahlheimatstadt, bezeichnet sich immer gerne als „Freie und Hansestadt Hamburg“. Jedes Mal, wenn ich dies lese, frage ich mich, ob man wirklich ein Adjektiv und ein Substantiv auf diese Weise verbinden kann. Müsste es nicht heißen „Freie Hansestadt Hamburg“ oder höchstens „Freie hanseatische Stadt Hamburg“?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

es zeigt sich hier wieder einmal, dass man Regeln nicht überstrapazieren sollte. Im Prinzip haben Sie recht. Zusammenziehungen wie die folgenden sind grammatisch möglich, gelten aber stilistisch als unschön:

Fliegen- und andere Pilze
öffentliche und Privatmittel
das freiwillige und Ehrenamt

Man formuliert hier besser zum Beispiel:

Fliegenpilze und andere Pilze
öffentliche und private Mittel
das freiwillige Ehrenamt

Vgl. auch diese Grammatikseite (insbesondere unter „Einschränkungen“).

Freie und Hansestadt Hamburg ist ebenfalls eine solche Formulierung. Die Adjektiv-Substantiv-Gruppe freie Stadt wird mit der Zusammensetzung Hansestadt zusammengezogen. Es handelt sich also um eine Art Zusammenziehung, die eigentlich vermieden werden sollte. Dieser Name ist aber so sehr eingebürgert (und, soweit ich weiß, sogar eine offizielle Bezeichnung), dass man nicht mehr von einem stilistischen Fehler sprechen kann. Man sagt und schreibt deshalb problemlos:

Freie und Hansestadt Hamburg

Anders sieht es in Bremen aus. Dort heißt es normalerweise:

Freie Hansestadt Bremen

Ob man daraus schließen kann, dass die Bremer die deutsche Sprache stilsicherer verwend(et)en als die Hamburger, wage ich nicht zu beurteilen. In diese interhanseatischen Nesseln will ich mit nicht setzen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Die Einbildung einer Krankheit

Frage

Macht der folgende Satz Sinn?

Ich leide an einer sonderbaren Krankheit oder der Einbildung derselben.

Also:

Ich leide an einer Krankheit oder an der Einbildung einer Krankheit.

Zwar bin ich davon überzeugt, dass der Satz sinnvoll und korrekt ist, dennoch erscheint er mir irgendwie „sonderbar“. Was halten Sie davon?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

auch mir kommt dieser Satz seltsam vor. Er ist nicht unbedingt falsch, aber ungewöhnlich formuliert. Was stört uns an dieser Formulierung? Ein Erklärungsversuch:

Wenn man leidet, weil man sich eine Krankheit einbildet, sagt man normalerweise nicht, dass man an der Einbildung leidet. Das Leiden wird ja subjektiv nicht durch die Einbildung, sondern durch die Symptome der vermeintlichen Krankheit verursacht. Üblichere Formulierungen sind deshalb wohl:

Ich leide an einer sonderbaren Krankheit oder ich bilde mir sie ein.
Ich leide an einer sonderbaren oder an einer eingebildeten Krankheit.

Ihr Beispiel (Ich leide an der Einbildung einer Krankheit) ist, wie gesagt, nicht grundsätzlich falsch. Man sagt aber eigentlich nicht, dass man an den Symptomen einer eingebildeten Krankheit leidet. Man betont eher, dass man am Bewusstsein leidet, sich eine Krankheit einzubilden.

Es gibt allerdings eine noch viel einfachere stilistische Erklärung, die ohne semantische Haarspalterei auskommt: Die Formulierung die Einbildung einer Krankheit ist umständlicher, unschöner Nominalstil*. Nur schon deshalb sagt man besser eine eingebildete Krankheit oder sich eine Krankheit einbilden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Nominalstil = Stil mit vielen Substantiven und entsprechend wenig Verben und Adjektiven. Die Substantive sind oft von Verben oder Adjektiven abgeleitet. Der Nominalstil wirkt oft schwerfällig, umständlich oder bürokratisch und sollte wenn möglich vermieden werden. Beispiele: das Nichterfüllen der Versicherungs- und Sicherstellungspflich, bei Nichterscheinen, Inanspruchnahme der Ausfuhrerstattung, die Höherstellung der Enthaltsamkeit, die Einbildung einer Krankheit.

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Wenn mindestens, zumindest und zum mindesten nicht genügen

Ein Dauerbrenner in vielen Fragenrubriken zur deutschen Sprache:

Frage

Heute geht es um das gute, alte „zumindest“. Zumindest war ich bislang der Meinung, dass man so sagt. Nun höre ich aber immer häufiger, selbst in Fernsehnachrichten oder seriösen Reportagen, dass stattdessen „zumindestens“ gesagt wird. [...] Seit nun eben auch noch die automatische Rechtschreibhilfe meines Schreibprogrammes diese Wendung vorschlug, bin ich reif für Ihre Hilfe!

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

das Standarddeutsche stellt uns drei ähnlich klingende Ausdrücke zur Verfügung, wenn wir „wenigsten, auf jeden Fall“ sagen möchten:

mindestens
zumindest
zum mindesten / zum Mindesten

Drei sind aber offenbar nicht genug, denn man hört tatsächlich häufiger auch die aus zumindest und mindestens zusammengebastelte vierte Form zumindestens. Man nennt eine solche Zusammenziehung zweier Wörter oder Wendungen eine Kontamination.

Kontaminationen sind nicht immer grundsätzlich falsch, aber das Wort zumindestens gilt (vorläufig noch?) als umgangssprachlich. Es sollte deshalb ähnlich wie zum Beispiel antelefonieren, berechtfertigen und meines Erachtens nach in der Standardsprache vermieden werden. Ihre Rechtschreibhilfe ist mit dem Vorschlag zumindestens ihrer Zeit zumindest ein paar Jährchen voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Befehle Er/Sie heute nicht mehr so!

Frage

Es geht um die etwas altertümliche Anrede „er“. Benutzt man hierbei bei einem Befehl den Imperativ oder den Konjunktiv? Heißt es also beispielsweise „Gib Er mir das Buch!“ oder „Gebe Er mir das Buch!“? Ich bin auf Beispiele gestoßen, die beide Möglichkeiten nahelegen, aber eine eindeutige Aussage habe ich nicht gefunden.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

diese Form der Anrede und Aufforderung ist nicht nur etwas altertümlich, sondern hoffnungslos veraltet. Ob Sie jemanden nun mit „Nehme Er Platz!“ oder „Nimm Er Platz!“ auffordern sich zu setzen, die zu erwartenden Reaktionen sind verwundertes Kopfschütteln, beleidigtes Schnauben,  nicht verstehendes „Wie bitte?“ oder einfach amüsiertes Lächeln. Die Anrede „Er“ für einen Mann oder „Sie“ für eine Frau wurde gegenüber Untergebenen und Standesniedrigeren verwendet.

Johann, melde Er der Gräfin meine Ankunft!
Frau Wirtin, hat Sie guten Wein im Hause?

Das ist ein weiterer Grund, weshalb man diese Anrede heute nur noch scherzhaft oder in Kostümfilmen und historischen Romanen verwenden sollte.

Eine Aufforderung in der dritten Person steht im Prinzip im Konjunktiv I. Dies ist uns aber nicht bewusst, weil die Formen des Indikativs und des Konjunktivs in der dritten Person Plural (Sie)  identisch sind:

Geben Sie mir ein Glas Wasser!
Nehmen Sie Platz!

Der Konjunktiv ist nur noch beim Verb sein ersichtlich:

Seien Sie still!

In den veralteten Befehlsformen der dritten Person Einzahl (Er, Sie) steht ebenfalls der Konjunktiv I. Er ist meistens identisch mit dem Imperativ der zweiten Person Einzahl:

Hole Sie ein Glas Wasser!
Sei er still!
Führe Sie die Kinder hinaus!

Dabei konnte wie im Imperativ die Endung e wegfallen:

Schweig[e] Er!

Nur bei den Verben, die im Imperativ Singular einen Ablaut haben, ist der Unterschied ersichtlich:

Gebe Er mir ein Glas Wasser! (nicht Gib Er …!)
Helfe Er mir auf das Pferd! (nicht Hilf Er …!)
Nehme Sie sich der Kinder an! (nicht Nimm Sie …!)
Trete Sie näher! (nicht Tritt Sie …!)

Man verwendet hier also nicht die Imperativformen der zweiten (!) Person Singular, sondern die Konjunktiv-I-Formen der dritten Person Singular. Bei so viel Formengleichheit ist es allerdnigs nicht erstaunlich, dass sich nicht immer alle an diese Regel halten und gehalten haben.

Dr. Bopp

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