Archiv für Stilistisches

Wir: Bescheidenheit, Majestät, Krankenschwestern, Fußball

Frage

Wenn ich in einem Bewerbungsschreiben Folgendes formuliere: „… dann freue ich mich auf unser persönliches Gespräch…“, schreibt man dann „unser“ groß oder klein?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

man schreibt wir, uns unser usw. (außer am Satzanfang) immer klein:

… dann freue ich mich auf unser persönliches Gespräch.

Die Kleinschreibung gilt auch dann, wenn wir, uns und unser in Briefen u. Ä. steht und eine Person einschließt, die man mit der großgeschriebenen Höflichkeitsform Sie anschreibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Weiteres zu wir:

Es gibt übrigens verschiedene wir, uns und unser die man fast alle immer kleinschreibt:

Der Bescheidenheitsplural (Pluralis Modestiae) ist das wir, das verwendet wird, wenn man das Wort ich vermeiden möchte, um sich nicht zu prominent in den Vordergrund zu stellen. Er kommt häufig in der Form des Autorenplurals (Pluralis Auctoris) in wissenschaftlichen und anderen Abhandlungen vor. So schrieb man vor allem früher auch dann wir, wenn man gar keine Hilfe anderer in Anspruch genommen hatte:

Wie unsere Untersuchungen zeigen, …

Diese Form ist heute weniger üblich. Man kann hier auch ich verwenden, ohne gleich als unbescheiden zu gelten. Formulierungen, mit denen man die Leser mit einbezieht (wir = Sie und ich), kommen aber noch häufiger vor:

Damit kommen wir zum wichtigsten Punkt …

Ein alles andere als bescheidener Plural ist der Majestätsplural (Pluralis Majestatis), der von hohen Würdenträgern bei offiziellen Anlässen und in offiziellen Schreiben verwendet wird:

Wir, Beatrix, Königin der Niederlande von Gottes Gnaden [...] geben bekannt, …
Gegeben zu St. Peter in Rom, am 28. Oktober 2008, im vierten Jahr unseres Pontifikats. BENEDICTUS PP. XVI.

Hier schreibt man wir und unser auch im Satzinnern oft groß. Wenn man schon in der Mehrzahl von sich spricht, kann man auch die Großschreibung in Anspruch nehmen:

im vierten Jahr Unseres Pontifikats

Königin und Papst verwenden diesen Plural wahrscheinlich nicht aus reinster Arroganz, um die eigene Person hervorzuheben. Es geht vor allem darum, die Wichtigkeit des Amtes, das sie bekleiden, zu unterstreichen.

Ein sehr bekannter, bei den Angesprochenen nicht sehr beliebter wir-Plural ist der sogenannte Krankenschwesternplural:

Guten Morgen, Frau Holzer, haben wir gut geschlafen?
Herr Schmidt, wir haben ja gar nicht alles aufgegessen.
Wir müssen unsere Pillen nehmen, liebes Kind, wenn wir gesund werden wollen.

Der Krankenschwesternplural scheint allerdings langsam der Vergangenheit anzugehören. Man hat verstanden, dass man Patientinnen und Patienten nicht unbedingt den Eindruck gibt, sie für seriöse Gesprächspartner zu halten, wenn man sie mit diesem wir anspricht.

Ein weiterer wir-Plural ist dagegen noch springlebendig: der „Fußballplural“ („Pluralis Pediludii“) oder allgemeiner der „Siegerplural“ („Pluralis Victoris“). Es geht um das wir, das man sehr, sehr oft in der Nähe von gewonnen antrifft.

Wir haben gewonnen!
Wir haben hervorragend gespielt.
Wir sind Weltmeister!

Dieses wir hat zwei interessante Eigenschaften: 1. Wer es verwendet, war nicht am Erringen des Sieges beteiligt, will sich aber gerne damit assoziieren. 2. Es ist äußerst instabil: In der Nähe von Wörtern wie verloren schlägt es plötzlich in sie oder die um:

Sie haben verloren.
Haben die wieder schlecht gespielt!

Ich nenne dieses wir „Fußballplural“, weil es am häufigsten im Zusammenhang mit dieser Sportart verwendet wir. Es kommt aber als “Siegerplural” auch bei anderen Gelegenheiten vor: Nächsten Monat findet der Liederwettbewerb der Eurovision aus deutscher Sicht in Deutschland statt, weil „wir [dank Lena Meyer-Landrut] letztes Jahr in Oslo gewonnen haben“. Und als die Bildzeitung im Jahr 2005 in Riesenlettern titelte:

WIR SIND PAPST!

wurde nicht der erste Majestätsplural des frischgebackenen Pontifex Bendediktus XVI. zitiert, nein, diese fast schon legendäre Schlagzeile war vor allem ein ausgesprochen schönes Beispiel eines „Pluralis Victoris“.

Kommentare (4)

Wenn breitbandig nicht breit genug ist, wie sagt man dann?

Frage

Wenn man sagt „breitbandigere Verbindung in der Telekommunikation“, weiß jeder, was gemeint ist, aber ist diese vielleicht erst gerade erfundene Steigerungsform auch richtig? Muss es heißen „breiterbandig“ – oder ist das genau so schlimm?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

wenn man denn das Wort breitbandig unbedingt steigern will oder muss, ist breitbandiger eine grammatisch richtige Möglichkeit (vgl. weiträumig –  weiträumiger, breitschultrig – breitschultriger). Diese Form ist allerdings nicht sehr geläufig. Auch breiterbandig wäre im Prinzip möglich (vgl. hochwertig – höherwertiglangfristig – längerfristig), es scheint aber noch weniger üblich zu sein.

Bei manchen Zusammensetzungen dieser Art wird der erste Teil gesteigert (längerfristig), bei vielen aber der zweite Teil, d. h. das ganze Adjektiv (zartgliedriger). Es ist übrigens nie richtig, beide Teile zu steigern (nicht: *breiterbandigere, *höherwertigere).

Stilistisch ist es wohl am besten, breitbandig nicht zu steigern, sondern – wenn Platz und andere Vorgaben es zulassen – eine Formulierung wie zum Beispiel Verbindungen mit größerer Bandbreite zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Schirmherrschaft, Schirmfrauschaft, Schirmherrinnenschaft

Das Thema der geschlechtergerechten Formulierung meide ich (fast) immer mit beinahe so viel Überzeugung wie der Teufel das Weihwasser. Es gibt meistens ebenso viele Meinungen, wie es Fach- und andere Leute gibt, die sich darüber äußern. Diskussionen in Foren u. Ä. werden auf beiden Seiten oft mit einer solchen Vehemenz geführt, dass Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen noch etwas davon lernen könnten. Da weder Grammatik noch Rechtschreibung diese Frage eindeutig bestimmen können und mein Fachwissen mir deshalb nicht viel hilft, halte ich mich als „Dr. Bopp“ normalerweise von dieser Diskussion fern. Nach dieser langen Einleitung mache ich heute eine Ausnahme für die Wortschöpfung Schirmfrauschaft.

Frage

Gibt es tatsächlich den gebrauch des Wortes „Schirmfrauschaft“ anstelle von „Schirmherrschaft“, wenn eine Frau die „Schirmherrin“ ist. Eigentlich achte ich für gewöhnlich auf eine genderneutrale Sprache in Texten, finde aber die Anfrage eines Auftraggebers für „Schirmfrauschaft“ sehr befremdlich.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

um gleich unangebracht kalauernd zu beginnen: Das Wort Schirmfrauschaft ist dann eine gute Wortschöpfung, wenn man auch sagt:

die Hausfrau statt die Hausherrin
die Schutzfrau statt Schutzherrin
die Schirmfrau statt die Schirmherrin
unter der Frauschaft Katharinas der Großen statt unter der Herrschaft …
unter der Schutzfrauschaft der heiligen Barbara statt unter der Schutzherrschaft …

Ich will damit eigentlich aufzeigen, dass das Wort Frau im heutigen Deutschen nur bei Eigennamen die weibliche Entsprechung zum männlichen Herr ist: Frau Müller – Herr Müller. Sonst gilt nämlich:

Frau – Mann
Herrin – Herr

Zum Beispiel:

Kauffrau – Kaufmann
PR-Frau – PR-Mann
Bauherrin – Bauherr
Schutzherrin – Schutzherr
Hausfrau – Hausmann
Hausherrin – Hausherr
und
Schirmherrin – Schirmherr

Im Allgemeinen gilt weiter, dass Herrschaft etwas ist, das sowohl von einem Herrn als auch von einer Herrin ausgeübt werden kann:

unter der Herrschaft Katharinas der Großen
unter die Schutzherrschaft der heiligen Barbara stellen

Für mich gehört deshalb die Verwendung von Schirmfrauschaft in den Bereich „Man kann alles übertreiben“. Die Schirmherrschaft obliegt einem Schirmherrn oder einer Schirmherrin. Wenn man dieses Wort unbedingt „geschlechtergerechter“ machen will, ist Schirmherrinnenschaft eine bessere Lösung. Am besten und meiner Meinung nach ebenso geschlechtergerecht ist aber einfach Schirmherrschaft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (3)

Tausendundeine Hyperbel

Man könnte es als eine Art Nachwehen des Urlaubs in der arabischen Welt deuten, dass ich zurzeit in Tausendundeiner Nacht lese. Ich kannte eigentlich nur Aladin, Ali Baba und Sindbad – also die von Kinderbuch, Film und Fernsehen bearbeiteten Erzählungen – und wollte einmal wissen, welche anderen Geschichten Scheherazade König Scheherban Nacht für Nacht erzählt, um ihren Kopf zu retten. Nicht alle Geschichten sind fesselnd, aber die meisten sind schön, interessant, poetisch und teilweise auch spannend.

Etwas fällt mir als heutigem, abendländischem Leser besonders auf: die Neigung zur Übertreibung. Die Helden und Heldinnen lieben, leiden und freuen sich nicht einfach nur so, nein, sie tun dies, indem sie Verse rezitieren, ausgiebigstens Tränen vergießen und dazwischen – ja, auch die Männer – immer wieder in Ohnmacht fallen. Diese Überschwänglichkeit gehört wohl zur morgenländischen Erzähltradition, aber wenn der Held auf zwei Seiten dreimal vor Liebesschmerz die Besinnung verliert, dann kann die Geschichte noch so herzzerreißend sein, ich muss doch lächeln.

Die Übertreibung, als Stilfigur in der Rhetorik Hyperbel genannt, gehört zu diesem Genre. In Tausendundeiner Nacht findet man wunderschöne Hyperbeln. Nehmen wir als Beispiel die Geschichte, die ich gestern und heute gelesen habe: „Geschichte des Hasan aus Baßrah und der Prinzessinnen von den Inseln Wak-Wak“*. Darin kommen die folgenden Passagen vor, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Zuerst die Beschreibung eines schönen Tals:

[...] und Bäche fließen dort, deren Wasser süßer als Honig und frischer als Schnee ist; es hat noch kein Aussätziger davon getrunken, ohne davon geheilt worden zu sein.

Dagegen kommt das frischeste Wasser der reinsten Alpenquelle nicht an und das teuerste Mineralwasser aus der „designtesten“ Flasche kann im Vergleich dazu nur schal schmecken.

So richtig schön wird es aber, wenn es um Verwünschungen geht. Stellen Sie sich vor, dass jemand Sie so richtig geärgert hat und Sie dieser Person dann die folgenden Worte entgegenschleudern dürfen:

Du Verruchter, du Feind Gottes [...], du Hund, du Treuloser, du Übeltäter!

Nach einer solchen Schimpfkanonade muss der Ärger schon fast wieder vergessen sein! (Ich würde Ihnen trotzdem empfehlen, sich heutzutage und hierzulande gegenüber dem nächsten ärgerlichen Menschen etwas weniger „blumig“ auszudrücken.)

Den Höhepunkt in der Geschichte bildet diesbezüglich die Schilderung des Bösewichts. Falls Sie einmal eine vernichtende Beschreibung Ihres Erzfeindes benötigen, könnten Sie dieses Literaturzitat in Erwägung ziehen:

Ein Niederträchtiger, ein Widerspenstiger, Sohn eines Hundes und einer schlechten Mutter, Sohn eines bösen Abtrünnigen. Es ist an ihm kein Fleck so groß, daß eine Mücke sich draufsetzen könnte, worauf nicht irgendeine Schändlichkeit haftet!

Wie man sieht, kann man auch das Übertreiben zu einer höheren Kunst erheben! Ich möchte Ihnen deshalb – aber bestimmt nicht nur deshalb – empfehlen, auch einmal ein paar Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zu lesen.

* Die Zitate stammen aus der Übersetzung von Dr. Gustav Weil aus dem Jahre 1865; in: Tausendundeine Nacht, vollständige Ausgabe, Dörfler Verlag, 2004.

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Kurze Grüße

Frage

Wenn ich die Grußformel in z. B. einer E-Mail kurz halten will, schreibe ich „lieber Gruß“. Oder wäre „lieben Gruß“ die korrekte Form, wenn ich beim Singular bleiben möchte?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

anders als bei zum Beispiel Guten Tag und Mit lieben Grüßen gibt es bei diesem informellen Gruß (noch?) keine festgelegte Formulierung. Stilistisch ist es eine reine Geschmacksfrage, ob man ihn überhaupt verwenden will und, wenn ja, in welcher Form. Grammatisch sind beide Varianten etwa gleich (un)vertretbar:

Ich sende dir einen lieben Gruß => Lieben Gruß
Ein lieber Gruß geht an dich => Lieber Gruß

Wenn es wirklich so kurz sein soll, können Sie diese Klippe übrigens ganz einfach umgehen, indem Sie den Singular doch verlassen und Liebe Grüße schreiben. Das sind genau gleich viele Buchstaben.

Warum eigentlich so kurz? Ich persönlich finde es immer nett, wenn sich jemand auch in einer E-Mail die Mühe macht, eine Grußformel auszuschreiben. Zum Beispiel:

Mit einem lieben Gruß

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Diametral entgegengesetzte Ansichten

Frage

Man sagt ja immer, diese Ansicht sei der anderen diametral entgegengesetzt. Ich frage mich nun, ob das in gewisser Weise nicht „doppelt gemoppelt“ oder pleonastisch ist. Reicht es nicht, wenn man sagt: „Diese Ansichten sind diametral“?

Antwort

Guten Tag M.,

diametrale Ansichten sind ungefähr dasselbe wie entgegengesezte Ansichten. Wenn man von diametral entgegengesetzten Ansichten spricht, ist das also eigentlich pleonastisch („doppelt gemoppelt“). Das stimmt aber nicht ganz, denn diametral entgegengesetzt ist als Verstärkung gemeint, das heißt, es drückt ganz und gar entgegengesetzt, vollständig entgegengesetzt aus. Solche Verstärkungen sind im Deutschen gang und gäbe (vgl. zum Beispiel auch: nie und nimmer, brennend heißer Schmerz).

Das Einzige, was ich eventuell gegen diametral entgegengesetzt einzubringen hätte, ist rein stilistischer Natur: Man hört und liest so häufig, dass Ansichten und Meinungen einander nicht einfach widersprechen, sondern diametral entgegengesetzt sind, dass diese Verstärkung etwas klischeehaft und abgedroschen klingen kann. Doch das ist  keine Frage von richtig und falsch, sondern eine Frage der persönlichen sprachlichen Vorlieben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (3)

Es wird wieder geflogen

Der Vulkan (dessen Namen ein Durchschnittsmensch nicht isländischer Herkunft sich einfach nicht merken kann) speit Asche. Die Aschewolke zieht über Europa und legt Flughäfen lahm. Das sind schöne Beispiele, wie man Dinge und Naturphänomene sprachlich „verpersönlichen“ kann. Man sieht schon fast vor sich, wie der Vulkan mit aufgeblähten Wangen Asche auspustet und wie die träge Aschewolke sich dann aufmacht, sich über Europa und dessen Flughäfen zu legen, um uns allen das Fliegen zu verunmöglichen.

Das Umgekehrte hörte ich heute Morgen am Radio: „Es wird wieder geflogen.“ Eine menschliche Aktivität, das Fliegen mit Flugzeugen, wird beschrieben und trotzdem werden keine Ausführenden wie Piloten, Flugpersonal, Bodenpersonal oder auch nur die Passagiere genannt. Auch keine verpersönlichten Flugzeuge, die ja auch fliegen, kommen in dieser Aussage vor. Nicht einmal das Wörtchen „man“ verwendet die Radiostimme. Es ist zwar auch unpersönlich, verlangt aber immerhin noch eine aktive Verbform: „Man fliegt wieder.“ Nein, man hört nur ein völlig unpersönliches „es“, durch das – sozusagen – wieder geflogen wird. Das ist die maximale Stufe sprachlicher Entpersönlichung.

Man könnte jetzt stilistische, rhetorische und psycholinguistische Betrachtungen über solche unpersönlichen Formulierungen anstellen, aber mir fiel einfach nur auf, wie unterschiedlich „persönlich“ man im Deutschen formulieren kann. Den gestrandeten Flugpassagieren wird es ohnehin egal sein, warum man es wie sagt; Hauptsache, es wird wieder geflogen.

Kommentare (2)

Können du und Sie zu ihr werden?

Frage

Wenn ich zwei Personen ansprechen möchte, wobei ich mit der einen per du und mit der anderen per Sie bin (z. B. die Schwiegermama mit ihrer Schwester), spreche ich sie beide mit „ihr“ oder mit „Sie“ an?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

diese Frage kann ich leider nicht eindeutig beantworten. Welche Anrede Sie wählen, hängt davon ab, wie formell die Situation ist und wie formell Sie mit den beteiligten Personen umgehen. In formellen Situationen empfiehlt es sich, Sie zu verwenden oder die Personen einzeln anzusprechen:

– Darf ich Ihnen etwas anbieten?
– Darf ich Ihnen, Frau Muster, und dir, Anna, etwas anbieten?

In informelleren Situationen darf man meiner Ansicht nach ihr verwenden, auch wenn man sich danach wieder mit Sie an eine der beiden Personen richtet. Es ist sicher nicht grundsätzlich ausgeschlossen und auch nicht völlig unüblich, sich mit ihr an Personen zu richten, die man siezt.  Wenn Sie also sagen

– Darf ich euch etwas anbieten?

wird die Schwester der Schwiegermutter Ihnen das als angeheiratete Tante kaum übel nehmen und je nach Tageszeit und persönlichen Vorlieben gerne ein Tässchen Kaffee oder ein Gläschen Portwein annehmen.

Eine eindeutige Antwort gibt es also nicht. Es geht hier nicht um Grammatik, sondern um gesellschaftliche Umgangsformen. Vieles hängt von der Situation und dem Verhältnis zu den beteiligten Personen ab. Wahrscheinlich spielt daneben auch die Region eine Rolle: Was in Rostock und Kiel üblich ist, braucht noch lange nicht in Dresden, Saarbrücken, Luzern oder Wien gang und gäbe zu sein. Mit etwas Fingerspitzengefühl gelingt es einem aber meistens ganz gut, den richtigen Ton zu treffen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Falles und Stückes oder Falls und Stücks

Frage

Viele Autoren, vor allem solche, die zur Schachtelsatzbildung neigen, verwenden liebend gern bei der Flexion die es-Variante  (Beispiel: Falles, Stückes). In bestimmten Fällen ist es zwingend notwendig, in manchen gebräuchlich. Mich erinnert der penetrante Gebrauch an das Martin-Luther-Deutsch seiner Bibelübersetzungen. Was ist nun gutes Deutsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

die Endung es ist tatsächlich in gewissen Fällen zwingend und in anderen unüblich. In vielen Fällen aber ist sowohl der Genitiv mit s als auch der Genitiv mit es möglich und korrekt (siehe hier).

Ob man Falles, Stückes und Arbeitstages oder Falls, Stücks und Arbeitstags verwendet, ist keine Frage der Grammatik, sondern eine Frage des Stils. Man könnte versuchen hier lange Listen von Kriterien aufzustellen, wann eher der es-Genitiv gewählt wird und wann eher nur das s zum Zuge kommt. Das hilft einem im Alltag aber nicht sehr viel weiter. Oft spielt einfach der Rhythmus des Satzes bei der Wahl der einen oder der anderen Variante ein Rolle. Sehr oft sind eben einfach beide Formen üblich.

Wenn man ausschließlich den es-Genitiv verwendet, kann ein Text recht altmodisch und gestelzt aussehen. Es ist aber auch nicht notwendig, in einem „modernen“ Text so viel wie möglich den s-Genitiv zu verwenden. Wie immer, wenn es um Geschmack und Stil geht, liegt die Kunst darin, die richtige Mischung zu finden. Dabei muss man kein Regelbuch und kein Goldwäglein zur Hand nehmen. Vieles ist grammatisch und stilistisch möglich – und allen recht machen kann man es auch bei dieser Frage nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Schraubenzieher und Schraubendreher, Glühbirnen und Glühlampen, Geranien und Pelargonien

Gestern bin ich wieder einmal über die häufig geführte Diskussion gestolpert, ob man Schraubendreher oder Schraubenzieher sagen müsse. Die Verfechter der ausschließlichen Verwendung von Schraubendreher haben zwei Hauptargumente: 1) Mit diesem Werkzeug zieht man Schrauben nicht, man dreht sie. 2) Nach der Deutschen Industrienorm (DIN) gibt es seit einigen Jahrzehnten nur noch Schraubendreher. Ergo: Schraubenzieher ist falsch.

Das erste Argument ließe sich damit entkräften, dass die Erfinder und anfänglichen Verwender des Schraubenziehers – wie wir auch heute noch – diesen verwendeten um Schrauben an- oder festzuziehen. Deshalb nannten sie ihn auch Schraubenzieher. Doch eigentlich geht es mir vor allem um das zweite Argument.

Hier zeigt sich nämlich der Unterschied zwischen Fachsprache und Allgemeinsprache. Es ist allen klar, dass Kaffeefilter und Kopfschmerzen allgemeinsprachliche Wörter sind, während Hämofiltration und Enzephalitis vor allem in der Fachsprache verwendet werden. Bei solchen Begriffen kann es zu keinen linguistischen Grabenkriegen kommen. Anders sieht es bei fachsprachlichen Ausdrücken aus, die uns weniger fremd sind.

Irgendwann einmal in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde beschlossen, dass es nach DIN nur noch Schraubendreher gebe. Seither wird in der Fachsprache zumindest offiziell nicht mehr von Schraubenziehern gesprochen. Das mag in fachlich-technischer Hinsicht sogar gerechtfertigt sein – ich bin ja nur ein „Sprachler“, der hin und wieder ein lockeres Schräubchen anziehen oder festdrehen muss. Diese fachsprachliche Festlegung des Begriffes heißt aber noch lange nicht, dass sich die Allgemeinsprache unbedingt danach zu richten hat und nun auch nur noch Schraubendreher sagen darf. Schraubenzieher ist ein gebräuchliches, allen verständliches, „natürlich“ entstandenes Wort, das bei sprachlichen Normalverbrauchern zu keinerlei Unfällen, stilistischen Unschönheiten oder anderen Problemen führt.

Ich sage hier mit so vielen Worten, dass die Allgemeinsprache sich nicht unbedingt nach fachsprachlichen Definitionen richten muss. Fachsprachliche Definitionen dienen dazu, die in einem Fachbereich notwendige Präzision bei der Formulierung zu ermöglichen. In der Allgemeinsprache ist diese Präzision in den meisten Fällen gar nicht notwendig. Es ist einem Normalsterblichen auch kaum möglich, sie immer und überall zu erreichen. Wussten Sie zum Beispiel das Folgende:

  • Fachsprachlich gibt es keine Glühbirnen, nur Glühlampen. Weiter sind das, was man allgemeinsprachlich Lampen nennt, fachsprachlich Leuchten.
  • Fachsprachlich zieren im Sommer nicht Geranien, sondern Pelargonien Fenster und Balkone. Geranium nennt die Fachsprache nämlich die Blume, die in der Allgemeinsprache Storchenschnabel heißt.
  • Fachsprachlich sind Tomaten, Gurken, Zucchini, Auberginen und Paprikas Früchte, nicht Gemüse. Trotzdem findet man sie nirgendwo in der Obstabteilung.
  • Fachsprachlich liegen Sie falsch, wenn Sie im Park von Enten, Gänsen und Schwänen sprechen. Sie müssten eigentlich von Enten, Echten Gänsen und Schwänen sprechen. Schwäne gehören nämlich zur Unterfamilie der Gänse, zu der übrigens die Pfeifgänse wieder nicht gehören.
  • Fachsprachlich sind Spermien keine Samen, denn Samen sind bereits befruchtet und enthalten den Embryo einer Pflanze.
  • Fachsprachlich kann man nur Tote bergen. Verletzte müssen gerettet werden.
  • In der rechtlichen Fachsprache können Sie der stolze Besitzer oder die stolze Besitzerin einer Sache sein, auch wenn diese nicht Ihr Eigentum ist. Das geht so weit, dass juristisch gesehen ein Dieb nach einem Diebstahl Ihr Eigentum in seinem Besitz hat. In der Allgemeinsprache werden die beiden Begriffe mehr oder weniger mit der gleichen Bedeutung verwendet.
  • Holländisch ist nur eine Dialektgruppe des Niederländischen, wie auch Holland und Holländer nur einen Teil der Niederlande bzw. der Niederländer bezeichnen.

Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Sie soll hier aufzeigen, dass man sich als Kenner einer Fachsprache davor hüten sollte, der Allgemeinsprache seine Begriffe und Definitionen aufdrängen zu wollen. Niemand kennt alle Definitionen aller Begriffe in allen Fachsprachen. Das ist auch nicht notwendig, denn in der Alltagssprache versteht man sich ausgezeichnet, ohne immer den genau definierten, vorgeschriebenen Begriff zu verwenden. Deshalb sind fachsprachliche Definitionen keine Begründung und kein „Beweis“ dafür, dass ein allgemeinsprachlich übliches Wort falsch ist!

Wenn dem doch so wäre, wenn also Schraubenzieher falsch ist, weil die DIN Schraubendreher vorschreibt, dann

  • schrauben Sie nur noch Leuchten, also keine Lampen, an die Decke;
  • müssten wir eigentlich Tomaten und Zucchini beim Obst und nicht beim Gemüse suchen;
  • sollten die Bibelübersetzungen dahingehend umgeschrieben werden, dass Onan nicht seinen Samen, sondern seine Spermien auf den Boden fallen lässt;
  • bestimmen Sie vorher immer genau die rechtlichen Verhältnisse, bevor Sie vom Besitzer einer Wohnung oder von der Eigentümerin eines Fahrzeuges sprechen;
  • behaupten Sie nur noch, dass die Niederländer eigentlich nicht Fußball spielen können und dass es für Automobilisten nichts Schlimmeres gibt, als einen Alpenpass hinter einem niederländischen Wohnwagen überqueren zu müssen, auch wenn solche Klischees mit Holländer und holländisch einfach besser klingen.

Kommentare (1)