Archiv für Unbekannte Wörter

Guineisch und guineanisch

Kommentar

Leider vermisse ich einen Eintrag zu guineanisch, in Bezug auf Guinea.

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

Sie finden das Wort guineanisch nicht in Canoonet, weil das im Deutschen übliche Adjektiv zu Guinea anders lautet: guineisch. Die Menschen aus Guinea sind Guineerinnen und Guineer. Das Gleiche gilt für Äquatorialguinea: äquatorialguineisch, Äquatorialguineer, Äquatorialguineerin. Nicht nur in Afrika, sondern auch auf einem anderen Kontinent geht es wortbildungsmäßig gleich zu, jedenfalls auf Deutsch: Die Einwohner des neuguineischen Staates Papua-Neuginea werden offiziell Papua-Neuguineer und Papua-Neuguineerinnen genannt.

Auch wenn guineanisch nicht die „korrekte“ Form ist, klingt es eigentlich gar nicht so falsch. Zu vielen Ländernamen, die auf a enden, gehört nämlich ein Adjektiv auf anisch. Aber offensichtlich nicht zu allen. Um der Sache einmal etwas genauer nachzugehen, habe ich im „Länderverzeichnis für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland“ nachgesehen. Dort habe ich u. a. die folgenden Angaben gefunden:

Viele Namen, die auf a enden, haben tatsächlich ein Adjektiv auf anisch:

Andorra, andorranisch, Andorraner/-in
Angola, angolanisch, Angolaner/-in
Antigua, antiguanisch, Antiguaner/-in
Costa Rica, costa-ricanisch, Costa Ricaner/-in o. Costa-Ricaner/-in
Jamaika, jamaikanisch, Jamaikaner/-in
Kambodscha, kambodschanisch, Kambodschaner/-in
Korea, koreanisch, Koreaner/-in
Kuba, kubanisch, Kubaner/-in
Liberia, liberianisch, Liberianer/-in
Nicaragua, nicaraguanisch, Nicaraguaner/-in
Nigeria, nigerianisch, Nigerianer/-in
Samoa, samoanisch, Samoaner/-in
Südafrika, südafrikanisch, Südafrikaner/-in

Bei den folgenden Namen ist es zweifelhaft, ob man beim Adjektiv von der Endung anisch oder isch sprechen muss:

Botsuana, botsuanisch, Botsuaner/-in
Guayana, guayanisch, Guayaner/-in
Guyana, guyanisch, Guyaner/-in
Tansania, tansanisch, Tansanier/-in

Nur die Endung isch haben die Adjektive der folgenden Ländernamen auf a:

Bermuda(s), bermudisch, Bermuder/-in
Burkina Faso, burkinisch, Burkiner/-in
Eritrea, eritreisch, Eritreer/-in
Gambia, gambisch, Gambier/-in
Guinea, guineisch, Guineer/-in
Kanada, kanadisch, Kanadier/-in
Malaysia, malaysisch, Malaysier/-in
Namibia, namibisch, Namibier/-in
Ruanda, ruandisch, Ruander/-in
Sambia, sambisch, Sambier/-in
Sri Lanka, sri-lankisch, Sri Lanker/-in o. Sri-Lanker/-in
Uganda, ugandisch, Ugander/-in

Wie man sieht, fällt das a am Ende des Namens vor isch in der Regel weg. Manchmal aber auch nicht:

Ghana, ghanaisch, Ghanaer/-in
Panama, panamaisch, Panamaer/-in
Tonga, tongaisch, Tongaer/-in

Noch komplizierter wird die ganze Angelegenheit durch Fälle wie diese:

Venezuela, venezolanisch, Venezolaner/-in
China, chinesisch, Chinese/Chinesin
Malta, maltesisch, Malteser/-in
Guatemala, guatemaltekisch, Guatemalteke/Guatemaltekin

Es gibt also keine feste Regel, wie zu geographischen Namen gehörende Adjektive und Einwohnerbezeichnungen gebildet werden müssen. Und dann reden wir hier nur von den auf a endenden Namen von Ländern! Das liegt daran, dass die deutschen Bezeichnungen sich teilweise, aber lange nicht immer und schon gar nicht konsequent nach den Bezeichnungen der am entsprechenden Ort (oder anderswo) gesprochenen Sprache richten. Dieses Durcheinander haben wir also den „Ausländern“ zu verdanken. Weit gefehlt! Die Bezeichnungen haben „wir“ selbst gewählt – und bei unserem eigenen Kontinent erlauben wir uns sogar einen ziemlich unsystematischen Umlaut: Europa, europäisch, Europäer/-in.

Es heißt also guineisch und nicht guineanisch, aber wirklich logisch ist das nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie antiquiert sind Widernisse?

Hinweis

Das vielleicht etwas antiquiert wirkende, aber immer noch gebräuchliche Wort „Widernis“ fehlt mir in Ihrer hilfreichen Datenbank.

Reaktion

Sehr geehrter Herr B.,

vielen Dank für den Hinweis! Zuerst habe ich mich ein bisschen gewundert, dass das Wort Widernis nicht in Canoonet zu finden ist. Schließlich kommt mir vor allem der Plural Widernisse recht bekannt vor. Es ist zwar kein Wort, das mir täglich mindestens fünfmal begegnet, aber auch kein äußerst seltenes lexikalisches Unikum. Mein Erstaunen wuchs, als ich feststellte, dass das Wort auch in keinem anderen der mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher steht. Nur das Wörterbuch der Gebrüder Grimm erwähnt es 1960, allerdings mit der Bemerkung:

in hist. wbb. nicht gebucht und auch literar. nur selten bezeugt

Widernis stand also 1960 nicht in historischen Wörterbüchern und in literarischen Texten war es offenbar nur selten zu finden. Das Wort scheint früher nicht allzu populär gewesen zu sein.

Der Ngram Viewer von Google erlaubt es, größere Mengen von Büchern und Zeitschriften nach einem bestimmten Wort zu durchsuchen. Ich habe dies einmal für Widernisse und die Dativform Widernissen für die Zeitspanne 1850 bis 2000 getan:

So beliebt war das Wort also früher gar nicht. Es kommt in der gemessenen Zeitspanne erst ab ca. 1875 ein paarmal vor. Wenn man dem Graphen weiter glauben darf, erlebte Widernisse(n) Ende der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts einen bescheidenen Höhepunkt, ging seine Verwendung danach ein paar Jahrzehnte zurück und wird es seit den Neunzigerjahren wieder relativ häufig verwendet.

Könnte es sein, dass Widernisse nur antiquiert wirkt, es aber im Gegenteil gar nicht ist? Wir werden auf jeden Fall genauer prüfen müssen, ob das Wort es nicht doch verdient, in Canoonet aufgenommen zu werden. Vor allem der Plural Widernisse scheint ja „neuerdings“ vergleichsweise häufig vorzukommen.

Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr, das möglichst frei von Widernissen sein möge!

Dr. Bopp

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Umgeschlossen?

Frage

Ich bin beim Verb „umschließen“ auf Ihre Partizip-Perfekt-Form „umschlossen“ gestoßen. Die Form „umgeschlossen“ kann ich in Canoonet nicht finden.

Ich bin auf diese Form einmal im Zusammenhang mit Telefonverträgen gestoßen. Wenn man mit seiner Rufnummer den Telefonprovider wechselt, stellt sich die Frage, wann der Umschluss der Rufnummer auf den neuen Anbieter stattfindet. Also: Wann wird „umgeschlossen“?

Zum anderen finden in Haftanstalten auch Umschlüsse statt. Wenn z. B. Häftlinge temporär von einer in eine andere Zelle verbracht werden, spricht man davon, dass sie „umgeschlossen“ wurden. In beiden Fällen heißt der Infinitiv Präsens „umschließen“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.

wenn ein Wort nicht in den Wörterbüchern zu finden ist, heißt das nicht zwangsläufig, dass es das Wort nicht gibt. Häufig heißt es einfach, dass es eine weniger häufig vorkommende Ableitung oder Zusammensetzung ist, die nach einem gängigen Wortbildungsmuster gebildet wurde und einfach zu interpretieren ist. So auch hier: Neben dem in den meisten Wörterbüchern vorkommenden untrennbaren umschlíéßen (auf schließ betont, Partizip: umschlóssen, Bedeutung: einschließen, umgeben, umfassen) kommt auch das trennbare úmschließen vor (auf um betont, Partizip úmgeschlossen).

Im Deutschen gibt es viele Verben mit um-. Sie lassen sich grob in drei Klassen einteilen.

  • Mit um- werden trennbare Verben mit dem Bedeutungselement zurück, herum, zu Boden gebildet. Zum Beispiel:

úmschauen, úmkehren, úmrühren, úmstürzen, úmwerfen

  • Mit um- werden weiter trennbare Verben mit dem Bedeutungselement neu, anders, allgemein verändern gebildet. Zum Beispiel:

úmbauen, úmbuchen, úmfüllen, úmprogrammieren und úmschließen

  • Mit um- werden auch untrennbare Verben mit dem Beutungselement rundum, um herum gebildet. Zum Beispiel:

umgéhen, umflíéßen, umfássen, umrúnden und umschlíéßen

(Interessant sind die manchmal nicht ganz unwichtigen Bedeutungsunterschiede zwischen trennbaren und untrennbaren Verben. So macht es einen wesentlichen Unterschied, ob ich ein Hindernis umfáhre oder úmfahre: Wenn man nicht zufällig auf einem großen Bulldozer sitzt, ist es einfacher, einen Baum zu umfahren als ihn umzufahren.)

Es gibt, wie gesagt, sehr viele Verben mit um-. Viele davon sind in Wörterbüchern verzeichnet, aber bei weitem nicht alle. Beschränken wir uns einmal auf die Gruppe der trennbaren Verben mit dem Bedeutungselement verändern. In den meisten Wörterbüchern verzeichnet sind zum Beispiel:

umarbeiten, umbauen, umbuchen, umdatieren, umpflanzen, umprogrammieren, umschulen, umschichten, umschminken, umstellen, umziehen …

Nach demselben Muster werden auch Verben gebildet, die es (noch) nicht bis in alle Wörterbücher geschafft haben:

umfädeln, ummontieren, umplanen, umreihen, umschienen, umspuren, umstöpseln, umtüten, umschließen …

Auch wenn man sie nicht im Wörterbuch findet, sind solche Bildungen meistens leicht verständlich. In der Regel hilft nämlich der Kontext, sie richtig zu interpretieren. Als ich Ihre Frage las, war mir nicht sofort klar, was die allein stehende Form umgeschlossen bedeutet. Sobald aber der Kontext hinzukommt (im einen Fall werden Telefonanschlüsse umgeschlossen, im anderen Fall werden Gefangene umgeschlossen), wird deutlich, was mit umschließen gemeint ist: anders anschließen bzw. an einem andern Ort einschließen.

Das Wortbildungselement um- kann mit vielen Verben kombiniert werden. Nicht immer führt dies zu einem stilistischen Meisterwerk, aber meistens zu einem einfach verständlichen Wort. Das trennbare Verb umschließen – schließt um – hat umgeschlossen gibt es also, auch wenn es wie viele andere nicht im Wörterbuch steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gibt es „wettbar“?

Frage

Gibt es das Wort „wettbar“? Im Duden habe ich keinen entsprechenden Eintrag gefunden.

Antwort

Sehr geehrte Frau O.,

wenn ein Wort nicht im Duden (oder einem anderen Wörterbuch wie zum Beispiel Canoonet) steht, bedeutet das nicht unbedingt, dass es das Wort nicht gibt. Kaum jemand würde wohl behaupten, dass es die Wörter Badezimmertür, Abwaschbürste oder (ich habe gerade an ausstehende Gartenarbeiten gedacht) verpflanzbar nicht gibt. Keines von ihnen steht aber im Duden. So findet man in den Wörterbüchern auch bei Weitem nicht alle Ajektive auf ­bar (vgl. hier). Wie steht es nun mit wettbar?

Das Adjektiv wettbar ist mit bar vom Verb wetten abgeleitet. Bei transitiven Verben drückt das Suffix bar in der Regel aus, dass die Verbhandlung mit jemandem oder etwas gemacht werden kann:

anwendbar, lieferbar, verpflanzbar

Bei intransitiven Verben drückt es aus, dass die Verbhandlung durch jemanden oder etwas gemacht werden kann:

brennbar, gerinnbar

Manchmal drückt bar auch aus, dass etwas für die Verbhandlung geeignet ist:

tanzbar

Das Wort wettbar kommt nur selten vor, und zwar als Bildung der dritten Art. Bei Wettbüros u. Ä. wird es offenbar in Verbinung mit z. B. Rennen oder Spiel verwendet: Wenn ein Rennen wettbar ist, kann man auf dessen Ausgang wetten.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass wettbar ein Fachwort aus dem Wettgeschäft ist, das in der Allgemeinsprache nicht oder nur sehr selten vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Riefend gibt es!

„Riefend gibt es nicht!“, lautet der Kommentar von Lollo, der oder die vielleicht den ebenso fiktiven Familiennamen Rosso trägt und des Weiteren leider eine falschen E-Mail-Adresse angegeben hat. Diese Behauptung möchte ich nicht gänzlich unwidersprochen lassen, zumal das Wort riefend tatsächlich im Canoonet-Wörterbuch zu finden ist.

Man findet riefend natürlich nicht bei den Wortformen des Verbs rufen. Es gibt im Deutschen schließlich nur das Partizip Präsens rufend und das Partizip Perfekt gerufen. Wenn es zu rufen gehören würde, müsste riefend aber eine Art Partizip Präteritum sein:

Er rennt aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Er rannte aus vollem Halse *riefend auf uns zu.

Die Narren ziehen singend und tanzend durch die Straßen.
Die Narren zogen *sangend und *tanztend durch die Straßen.

Partizipformen dieser Art (*) gibt es nicht. Trotz seines Namens Partizip Präsens kann dieses Partizip nämlich nicht nur im Präsens verwendet werden. Es drückt keine Zeit aus. Es drückt aus, dass die Verbhandlung verlaufend ist, und wird manchmal wie oben adverbial oder meistens als Adjektiv verwendet (z. B. rufende Eulen, singende Lerchen, tanzende Schwäne). Es kann sowohl in Kombination mit der Gegenwart als auch zusammen mit der Vergangenheit stehen:

Er rennt/rannte aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Die Narren ziehen/zogen singend und tanzend durch die Straßen.

Heute wird deshalb häufig der weniger irreführende Name Partizip I verwendet.

Die Wortform riefend kann also nicht zu rufen gehören, genauso wenig wie sangend eine Form von singen oder tanztend eine Form von tanzen ist. Weshalb steht riefend trotzdem im Wörterbuch? – Es gehört ganz regelmäßig zum Verb riefen, das wie seine Variante riefeln die Bedeutung mit Riefen (= Rillen) versehen hat.

Das Wort riefend ist alles andere als ein Anwärter auf eine Spitzenposition in der Liste der am häufigsten verwendeten Wortformen. Manchmal ist es sogar nur ein triefend oder reifend mit Flüchtigkeitsfehler. Man darf ihm aber trotzdem nicht einfach mit der Behauptung „Riefend gibt es nicht!“ die Daseinsberechtigung absprechen. Auch wenn dies wahrscheinlich außer Scrabble-Spielern, die die entsprechenden Buchstaben legen können, kaum jemanden interessiert: Riefend gibt es!

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Was für ein „moppel“ steckt in doppelt gemoppelt?

Frage

Woher stammt der Ausdruck doppelt gemoppelt?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

leider kann ich Ihnen nur eine sehr unvollständige Antwort geben. Ich weiß weder, wann und wo der Ausdruck entstanden ist, noch, was für ein moppel genau in gemoppelt steht. Mit der umgangssprachlichen Wendung doppelt gemoppelt drückt man wie mit doppelt genäht hält besser aus, dass etwas (meist unnötigerweise) zweimal ausgedrückt wird.

Das umgangssprachliche Substantiv Moppel bezeichnet einen dicklichen Menschen, einen molligen Hund oder eine vollschlanke Katze. Das umgangssprachliche Verb moppeln hat unter anderem die Bedeutung – sagen wir es einmal ganz gesittet – beischlafen. Der Bedeutungszusammenhang mit doppelt gemoppelt ist mir in beiden Fällen ziemlich schleierhaft. Vielleicht gibt es auch eine Verbindung mit moppen (mit einem Mopp saubermachen). Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, woher gemoppelt genau kommt. Es geht vor allem um die lautliche Wiederholung, die die Bedeutung der Wendung so schön wiedergibt. Wichtig ist bei gemoppelt also vielmehr der Klang als der Inhalt.

Vielleicht kennt ja ein Leser oder eine Leserin des Blogs die Antwort  – oder einen Teil davon – und ist so nett, dieses Wissen hier mit uns zu teilen. Das Wetter soll ja am Pfingstwochenende nicht überall ganz so schön werden, wie wir es gerne hätten. Freie Zeit und mäßige meteorologische Verhältnisse sind eine gute Voraussetzung für eine kurzen Griff zur Tastatur. Dr. Bopp ist eben auch nur ein Mensch und nicht allwissend. Dies festzustellen ist wohl noch nicht doppelt gemoppelt, aber eine Binsenwahrheit ist es in jedem Fall.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Pfingstwochende

Dr. Bopp

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Es wird getwittert und gefacebookt

Schon wieder geht es darum, wie neue Wörter entstehen:

Frage

Anscheinend bin ich nicht die einzige, die Sätze wie „ich facebooke“, „Das muss ich gleich mal facebooken“ oder „Heute schon getwittert?“ sagt.

– Wie werden neue Wörter in ein Wörterbuch aufgenommen?
– Warum bilden wir neue Verben?
– Welche Regeln gibt es für neue Wortbildungen?

Das Verb „googeln“ steht ja schon ein paar Jahre im Duden und auch in Canoonet.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

ein neues Wort wird in der Regel dann in Wörterbücher aufgenommen, wenn es über eine längere Zeit (ein paar Jahre) häufiger in Zeitungen, Büchern, Artikeln usw. erschienen ist. Das ist, grob gesagt, das Hauptkriterium.

Neue Verben bilden wir dann, wenn es neue Tätigkeiten und Vorgänge gibt, die wir benennen wollen oder müssen. Deshalb sind vor einiger Zeit die Verben morsen, funken, telegrafieren, telefonieren, faxen usw. entstanden. Das Gleiche findet nun auch im Bereich der neuen Informations- und Kommunikationsmittel statt.

Das Verb twittern scheint schon ziemlich eingebürgert zu sein und ist auch bereits in den ersten Wörterbüchern zu finden. Bei uns steht es zurzeit auf der „Liste der noch aufzunehmenden Wörter“. Anders sieht es bei facebooken aus. Dieses Verb wird offenbar (noch?) weit weniger verwendet. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Facebook eher als etwas Statisches empfunden wird, das man nicht einfach tut, sondern in dem man verschiedene Tätigkeiten ausführen kann (schreiben, mitteilen, lesen, reagieren usw.). Letzteres ist nur ein in keiner Weise überprüfter spontaner Erklärungsversuch von mir.

Das Verb facebooken ist aber wie twittern eine völlig regelmäßige Wortbildung:

Twitter –> twittern, twitterte, getwittert
Facebook –> facebooken, facebookte, gefacebookt

Diese relativ häufig vorkommende Art der Wortbildung wird u. a. Konversion oder Nullableitung (Ableitung ohne Wortbildungselemente) genannt. Eines der jüngsten allgemein bekannten Beispiele haben Sie bereits genannt: googeln. Andere, ältere und neuere Beispiele sind: kellnern, föhnen, lasern, faxen, mailen, internetten usw. usw.

Es genügt jedoch nicht, dass ein Wort korrekt gebildet worden ist, damit es in Wörterbücher aufgenommen wird. Es muss sich, wie gesagt, auch beweisen, indem es über eine gewisse Zeit regelmäßig und an verschiedenen Orten verwendet wird. Wenn Sie das Verb facebooken weiterhin fleißig benutzen, wird es vielleicht auch einmal in den Wörterbüchern erscheinen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Wort erfunden, was nun?

Frage

Ich würde gerne wissen, ob es möglich ist, ein neues Wort zu etablieren. Ich arbeite für eine Firma, die auf Metallverarbeitung spezialisiert ist. Nun hat diese Firma vor einigen Jahren eine neue Maschine entwickelt. Mit dieser Maschine lassen sich […]. Für ein solches Verfahren gibt es offiziell noch kein Wort, deshalb nannten wir es […]ieren, was sich vom Namen der Maschine ableitet. Da es sich hier natürlich um eine Wortfindung handelt, würde ich gerne wissen, was getan werden muss, damit dies ein offizielles Word wird.

Antwort

Sehr geehrter Herr S-,

es gibt im deutschen Sprachraum keine „offiziellen“ Wörter. Wörterbücher und Wörterlisten nehmen Wörter auf, die nachweisbar in der deutschen Sprache verwendet werden. Es gibt keine Möglichkeit, ein neues Wort bei einer bestimmten offiziellen Stelle anzumelden. Eine solche Stelle gibt es nicht. Der wirkliche Sprachgebrauch bestimmt, ob ein Wort in Wörterbüchern u. Ä. aufgenommen wird. Eine ähnliche Registrierungsmöglichkeit gibt es nur für Produkte und Einstellungen, deren Name markenrechtlich geschützt werden soll.

Das Einzige, was sie zurzeit tun können, ist das Wort in Ihrem Umfeld, gegenüber Lieferanten, Kunden, Konkurrenten usw. zu verwenden. Sie können auch versuchen, das Wort über Ihre Webseiten, Werbung, Prospekte u. Ä. in Ihrem Fachbereich zu positionieren. Kurzum, sie benötigen eher die Unterstützung von Marketingprofis als Ratschläge von Sprachkennern. Danach „entscheiden“ die Sprachbenutzer, ob sie das Wort verwenden oder nicht. Wenn es eine gewisse Zeit lang an mehreren Stellen verwendet wird, erscheint es irgendwann einmal auch in Wörterbüchern.

Es hilft im Allgemeinen nichts, ein neues Wort bei Wörterbuchverlägenverlagen anzumelden oder eigenhändig in zum Beispiel Wikipedia einzutragen. Das können Ihnen viele bestätigen, die schon einmal ernsthaft oder einfach zum Spaß ein neues Wort lancieren wollten. Wenn keine repräsentative Anzahl Fundstellen – an verschiedenen Orten und über eine längere Zeit – nachgewiesen werden kann, werden die Wörterbuchmacher und -macherinnen das Wort nicht aufnehmen und werden die wachsamen Geister, die bei Wikipedia am Werke sind, Ihren Neueintrag wieder löschen.

Umgekehrt gilt Folgendes: Die Tatsache, dass ein Wort nicht in Wörterbüchern steht, bedeutet keineswegs, dass es ein Wort nicht gibt. Es werden täglich neue Wörter gebildet (z. B. Orakelkrake) oder eingeführt (z. B.Vuvuzela). Viele von Ihnen verschwinden bald wieder, nur einige etablieren sich im Sprachgebrauch und finden nach ein paar Jahren Eingang in Duden, Langenscheidt, Pons, Wahrig, ‘canoonet’ usw. Andere Wörter sind so sehr auf einen gewissen Fachbereich beschränkt, dass sie nie in allgemeinen Wörterbüchern erwähnt werden. Sie können und dürfen […]ieren also benutzen. Das einzige Problem dabei ist, dass nicht alle ohne Erklärung verstehen werden, was dieses Wort bedeutet.

Vergessen Sie nicht, Ihre Neuschöpfung […]ieren, falls möglich und gewünscht, markenrechtlich schützen zu lassen! Wie das genau vor sich geht, weiß ich leider nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Das neue Wort heißt natürlich nicht buchstäblich […]ieren. Ich habe das Wort in Hinblick auf die allen Besuchern bei der Veröffentlichung von Fragen garantierte Anonymität sozusagen anonymisiert.

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Das Feierbiest und die Gladiolen

Ich muss noch einmal auf den neuen holländischen Liebling der Nation (genauer: der deutschen Nation) zurückkommen. Vor kurzem habe ich dank Herrn van Gaal die Tradition der Bierdusche für den Meisterschaftssieger und das Wort Tulpengeneral kennen gelernt. Seit kurzem kennt die deutsche Sprache dank Herrn van Gaal zwei neue Ausdrücke (mindestens!):

der Tod oder die Gladiolen
Feierbiest

Die erste Wendung lautet auf Niederländisch de dood of de gladiolen und bedeutet ungefähr alles oder nichts. Sie wird dem Radrennfahrer Gerrie Knetemann (1951-2004) zugeschrieben, der sie als Erster verwendet haben soll. Auch ein anderer Spruch, der die Radler, die an einer langen Etappe der Tour de France teilnehmen, treffend charakterisiert, soll von diesem Amsterdamer stammen: Verstand auf null, Blick auf unendlich. Ich wollte Ihnen diese zweite Redewendung hier nicht vorenthalten, weil eine solche Haltung im Fußballsport so wenig empfehlenswert ist, dass wir wahrscheinlich lange warten müssen, bis Herr van Gaal den Ausdruck für uns importiert.

Aber weshalb Tod oder Gladiolen? Hier die Erklärung, die ich finden konnte: Bei Radrennen erhielt der Sieger oft Gladiolen. Auch beim viertägigen Nijmegenmarsch erhalten die Teilnehmer am Ziel von den Zuschauern Gladiolen. Gerrie Knetemann meinte also, dass man sich so sehr anstrengen soll, dass man entweder tot hinfällt oder die Ziellinie (als Sieger) erreicht.

Die Gladiole verdankt ihren Namen ihrer Form. Das lateinische Wort gladiolus bedeutet kleines Schwert. Mit einem solchen Schwert wurden die Blätter der Gladiole verglichen. So weit, so gut. Nun beginnt der historisch eher wacklige Teil der Erklärung: Auch das Wort Gladiator ist vom lateinischen Wort gladius = Schwert abgeleitet. In einem Gladiatorenkampf gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man verlor und fand den Tod oder man siegte und wurde mit Gladiolen überschüttet.

Irgendwie habe ich diesen Gladiolenregen in Filmen wie „Ben Hur“, „Spartacus“ und „Gladiator“ verpasst. Auch sonst konnte ich nirgendwo eine Bestätigung dieser römischen Variante der Bierdusche finden. Es bleibt aber eine schöne Erklärung, auch wenn sie nicht wahr sein sollte.

Wie dem auch sei, Herr van Gaal durfte die neu-sprichwörtlichen Gladiolen als Feierbiest so richtig schön feiern. Mit dem Wort feestbeest scheint man im Niederländischen jemanden zu bezeichnen, der weiß, wie man Feste feiert.

Gerrie Knetemann mit Gladiolen 1978

Weltmeister Gerrie Knetemann mit Gladiolen, 1978

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Freigebig und freigiebig

Frage

Im CanooNet-Wörterbuch erscheinen die Formen freigiebig und Freigiebigkeit ebenso wenig wie in meinem RS-Duden von 1986, im Warig DWb 1968 […] oder in verschiedenen PONS-Fremdsprach-Wörterbüchern. Andere Wörterbücher verweisen jedoch unter freigiebig, Freigiebigkeit auf freigebig, Freigebigkeit. Das Wort freigiebig taucht auch im gehobenen Sprachgebrauch Deutschlands bis zu Johannes Rau und dem Deutschen Kulturrat sehr häufig auf und ist auch in der NZZ zu finden […]. Gilt freigiebig mittlerweile also als hochsprachlich? Wie kam es überhaupt zur Differenzierung nachgiebig, ausgiebig vs. freigebig?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

vielen Dank für diese Frage! Sie zeigt nämlich, dass es an der Zeit ist, unser Wörterbuch um zwei Einträge zu erweitern.

Das Wort freigiebig und das von ihm abgeleitete Freigiebigkeit galten und gelten bei einigen immer noch als falsch, weil es ausschließlich freigebig heißen dürfe. Wie ist das Wort freigiebig entstanden? Es wurde in Analogie mit ausgiebig und ergiebig gebildet. Diese Wörter gehen aber auf die Verben ausgeben und ergeben zurück (über ausgibig resp. ergibig, dann auch mit ie). Ein Verb freigeben gibt es zwar (zum Beispiel jemandem freigeben, Informationen freigeben), aber bedeutungsmäßig kann freigiebig nicht davon abgeleitet sein. Es kommt nämlich von der Wortgruppe frei geben (ungehindert, gern geben). Da es zu geben kein Adjektiv giebig (mehr) gibt, sei also freigiebig eine falsche Wortbildung. Zumindest so wurde und wird auch heute noch manchmal argumentiert.

Inzwischen ist freigiebig aber – wie Sie selbst auch festgestellt haben – im deutschen Sprachraum so weit eingebürgert, dass man es wirklich nicht mehr als falsch bezeichnen kann. Wir werden deshalb bei der nächsten Datenaktualisierung freigiebig und Freigiebigkeit neben freigebig und Freigebigkeit in unser Wörterbuch aufnehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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