Archiv für Unbekannte Wörter

Freigebig und freigiebig

Frage

Im CanooNet-Wörterbuch erscheinen die Formen freigiebig und Freigiebigkeit ebenso wenig wie in meinem RS-Duden von 1986, im Warig DWb 1968 [...] oder in verschiedenen PONS-Fremdsprach-Wörterbüchern. Andere Wörterbücher verweisen jedoch unter freigiebig, Freigiebigkeit auf freigebig, Freigebigkeit. Das Wort freigiebig taucht auch im gehobenen Sprachgebrauch Deutschlands bis zu Johannes Rau und dem Deutschen Kulturrat sehr häufig auf und ist auch in der NZZ zu finden [...]. Gilt freigiebig mittlerweile also als hochsprachlich? Wie kam es überhaupt zur Differenzierung nachgiebig, ausgiebig vs. freigebig?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

vielen Dank für diese Frage! Sie zeigt nämlich, dass es an der Zeit ist, unser Wörterbuch um zwei Einträge zu erweitern.

Das Wort freigiebig und das von ihm abgeleitete Freigiebigkeit galten und gelten bei einigen immer noch als falsch, weil es ausschließlich freigebig heißen dürfe. Wie ist das Wort freigiebig entstanden? Es wurde in Analogie mit ausgiebig und ergiebig gebildet. Diese Wörter gehen aber auf die Verben ausgeben und ergeben zurück (über ausgibig resp. ergibig, dann auch mit ie). Ein Verb freigeben gibt es zwar (zum Beispiel jemandem freigeben, Informationen freigeben), aber bedeutungsmäßig kann freigiebig nicht davon abgeleitet sein. Es kommt nämlich von der Wortgruppe frei geben (ungehindert, gern geben). Da es zu geben kein Adjektiv giebig (mehr) gibt, sei also freigiebig eine falsche Wortbildung. Zumindest so wurde und wird auch heute noch manchmal argumentiert.

Inzwischen ist freigiebig aber – wie Sie selbst auch festgestellt haben – im deutschen Sprachraum so weit eingebürgert, dass man es wirklich nicht mehr als falsch bezeichnen kann. Wir werden deshalb bei der nächsten Datenaktualisierung freigiebig und Freigiebigkeit neben freigebig und Freigebigkeit in unser Wörterbuch aufnehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wer hat im (T)raumschiff den Oberbefehl: der Captain, der Kapitän oder der Käpten?

Frage

Ich muss eine kleine Geschichte über ein Raumschiff schreiben und meine Frage ist: Welche der folgenden Formen ist korrekt?

Cepten, Ceptain, Capten, Captain, Cäpten, Cäptain,
Kepten, Keptain, Kapten, Kaptain, Käpten, Käptain

Mein Duden schlägt noch Kapitän vor, der allerdings ein Boot oder Schiff, aber kein Raumschiff dirigiert. Darauf komme ich, weil doch, egal ob „Star Trek“, „Raumschiff Enterprise“ oder „Traumschiff Surprise“, überall nach dem Cäpten und nicht nach dem Kapitän gerufen wird. Oder ist der Ausdruck Cäpten einfach nur Umgangssprache oder vielleicht sogar erfunden?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

Sie finden den Titel, den Herr Kirk im Raumschiff Enterprise trägt, deshalb nicht in deutschen Wörterbüchern, weil es ein englischer Titel ist. Sehen Sie hierzu den folgenden Wikipedia-Artikel: Captain Kirk. Auch andere Figuren in dieser Raumschiffserie tragen englische Titel: zum Beispiel Commander Spock und Lieutenant Uhura.

Der Film „Traumschiff Surprise – Periode 1“ ist zwar eine deutsche Kinokomödie, aber die Handlung (soweit sie auf der Erde stattfindet) spielt in den Vereinigten Staaten. Außerdem wird dort der Oberbefehlshaber in einer der sehr vielen sehr gewollten Analogien mit dem Raumschiff Enterprise Captain Kork genannt (meist Käpt’n Kork geschrieben).

In der Fernsehserie „Das Traumschiff“ trägt der oberste Schiffsoffizier den deutschen Titel Kapitän. Es wird aber öfter mit dem norddeutschen umgangssprachlichen Ausdruck Käpten nach ihm gerufen. Käpten und Captain klingen aus deutschem Munde genau gleich. Auch die Schreibung Käpt’n Kork greift wohl auf diese norddeutsche Form zurück.

Ein Kapitän ist der Kommandant eines Schiffes oder eines Flugzeuges. Da man bei einem Raumschiff wie bei einem Schiff oder Flugzeug an Bord und von Bord geht, kann man dessen Kommandanten sicher auch Kapitän nennen.

Es gibt also verschieden Möglichkeiten, wie Sie den obersten Chef Ihres Raumschiffes nennen können: Captain W., Kapitän W., Kommandant W. Und wenn man etwas kumpelhaft nach ihm ruft (oder aus Ihrer Geschichte eine deutsche Kinokomödie macht …): Käpten W. oder Käpt’n W.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Blanc de Noirs im Genitiv

Frage

Heute bekamen wir Infopost einer Kellerei. Im Anschreiben heißt es da: Aufgrund des großen Erfolgs unseres Blanc de Noirs haben wir beschlossen…

Nun frage ich mich: Ist das s der Genitiv-Angleichung bei diesem französischen Wort richtig? [...] Nach meinem Sprachgefühl werden fremdsprachliche Wörter im Deutschen nicht dekliniert, darum stolperte ich beim Lesen über das angehängte s.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist nicht grundsätzlich falsch, bei Fremdwörtern ein Genitiv-s zu verwenden. Oft sind sowohl Formen mit als auch ohne s üblich. Zwei Beispiele aus dem gleichen Bereich:

der Chianti – des Chianti oder des Chiantis
der Muscadet – des Muscadet oder des Muscadets
der Armagnac – des Armagnac oder des Armagnacs

Bei Blanc de Noirs spielt aber etwas anderes eine Rolle: In Ihrem Zitat ist es zwar eine Genitivform, aber das s hinter Noir ist kein Genitiv-s. Es geht hier um eine Art Weißwein (Blanc), der aus roten Trauben hergestellt wird (de Noirs). Das s ist also eine französische Pluralendung, die übrigens auch im Deutschen nicht ausgesprochen wird. Die im Deutschen übliche Schreibweise ist deshalb:

der Blanc de Noirs
des Blanc de Noirs
die Blancs de Noirs

Das s im Schreiben der Kellerei ist also richtig. Das Gleiche gilt auch für die Weißweine aus weißen Trauben:

der Blanc de Blancs
des Blanc de Blancs
die Blancs de Blancs

Im Genitiv sind solche fremdwörtlichen Wendungen in der Regel wie die oben stehenden Beispiele endungslos. In einigen wenigen Fällen gibt es allerdings Formen mit einem Genitiv-s. Die Genitivendung steht dann am gleichen Ort wie die Pluralendung:

der Chef de Cuisine
des Chefs de Cuisine oder des Chef des Cuisine
die Chefs de Cuisine

So kompliziert das alles klingt, etwas ist wenigstens ganz einfach: Ein Genitiv-s schreibt man auch bei Fremdwörtern nur dann, wenn man es auch ausspricht. Beim Plural-s ist das allerdings schon wieder viel komplizierter …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Argumente einbrauchen

Frage

I cannot find the verb einbrauchen. Canoo.net says „Keine Einträge gefunden“. What does this word mean?

Antwort

Auf die Frage, was das Wort einbrauchen bedeute, musste ich Herrn G. die Antwort vorerst schuldig bleiben. Ich weiß, dass man neue Autos einfahren sollte. Ich habe gelesen, dass Musiker neue Instrumente einspielen. Ich habe auch schon in verschiedenen Western gesehen, dass wagemutige Cowboys wilde Mustangs einreiten. Das Verb einbrauchen kenne ich aber nicht.

Eine erste Nachfrage ergab, dass Herr G. das Partizip eingebraucht in einer Zeitung gelesen hatte. Aber auch mit dem Partizip konnte ich nicht viel mehr anfangen. Erst mit Hilfe des Kontextes wurde es klarer: „Eine entsprechende Initiative solle nach der Sommerpause [...] eingebraucht werden …“ Vielleicht wäre es ganz gut, wenn eine Initiative erst einmal ein bisschen eingebraucht würde, bevor man sie lanciert. Doch was tut man normalerweise mit der Initiative: Man ergreift sie, überlässt sie anderen, entfaltet sie und – wenn es sich um eine politische Initiative handelt – man bringt sie zum Beispiel in den Bundesrat ein.

Damit war mir die Sache endlich klar: ein Tippfehler. Gemeint ist nicht eingebraucht sondern eingebracht: „Die Initiative solle nach der Sommerpause [...] eingebracht werden“. Fall gelöst: nicht einbrauchen, sondern einbringen. Und doch ist es ein bisschen schade, denn das Verb einbrauchen fing schon an mir zu gefallen. Es wäre manchmal gar nicht so schlecht, wenn Argumente zur Erhöhung ihrer Stichhaltigkeit erst einmal kurz eingebraucht würden, bevor sie eingebracht werden. Das könnte manche langwierige Diskussion um einiges verkürzen.

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Geht man ins „Rheingold“ oder in „Das Rheingold“?

Frage

Meine Freundin fragte gestern ihre Mutter, ob sie mit ihr ins Rheingold komme, woraufhin die Mutter fragte, ob das eine Kneipe sei. Meine Freundin hat gelacht und sich gewundert, dass sie die Oper „Das Rheingold“ nicht kenne. Ich sagte, dass man dann auch nicht ins sagen dürfe sondern in „Das Rheingold“ sagen müsse. Können Sie mir sagen, wer recht hat und weswegen?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

Ihre Freundin hat zwar recht, aber es ist nicht sehr erstaunlich, dass ihre Mutter zuerst meinte, es handle sich um ein Lokal. Die Formulierung ins „Rheingold“ gehen klingt relativ locker, sodass außer vielleicht eingefleischten Opernliebhabern und natürlich Bayreuthern nicht unbedingt jeder als Erstes an ein hehres Wagnerwerk denkt. Aber wie bereits gesagt: Sie hat recht.

Auch in diesem Satz steht ins einfach für in das. Wenn man die Oper „Das Rheingold“ besucht, kann man also sagen, dass man ins „Rheingold“ geht. Man kann übrigens auch sagen, dass man in „Das Rheingold“ geht. In ähnlicher Weise sind beide der folgenden Formulierungen korrekt:

Er tritt in der „Walküre“ auf, die ebenfalls zum „Ring des Nibelungen“ gehört.

oder seltener

Er tritt in „Die Walküre“ auf, die ebenfalls zu „Der Ring des Nibelungen“ gehört.

Werktitel werden üblicherweise gleich gebeugt wie normale Wortgruppen (ins „Rheingold“ gehen). Der gebeugte Artikel wird dabei aus dem Titel gelöst und kann wie ein „normaler“ Artikel mit einer Präposition verschmelzen (vgl. diese Rechschreibregel).

Wenn der Titel nicht gebeugt wird (in „Das Rheingold“ gehen), sollte man unbedingt Anführungszeichen verwenden. Aber auch bei der üblicheren, gebeugten Form empfiehlt sich die Verdeutlichung durch Anführungszeichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Jein!

Frage

Gibt es bereits ein Wort das weder Ja noch Nein beschreibt. Wie wäre es mit Jain oder Jein?

Antwort

Ein solches Wort gibt es. Es ist sogar ein ziemlich bekanntes und vielverwendetes Wort: jein.

Seine Bedeutung ist meistens ja, aber; nein, außer; einerseits ja, andererseits nein. Es verlangt normalerweise eine sowohl die Jaseite als auch die Neinseite erläuternde Ergänzung. Als allein stehende Antwort kann jein eigentlich nur scherzhaft oder abwertend gemeint sein:

Auf die Frage, ob sie bereit sei, antwortete sie mit einem eindeutigen Jein.
Im Brustton der Überzeugung antwortet er: „Jein!“
Klare Antworten erhält man von ihm nie, er sagt immer nur jein.

Falls Sie an der Groß- und Kleinschreibung interessiert sind: Es gelten die gleichen Regeln wir für ja und nein.

Ein Wort wie jein wird Kofferwort (engl. portmanteau) genannt. Der Ausdruck stammt aus dem 6. Kapitel von Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln:

“That’s enough to begin with,” Humpty Dumpty interrupted: “there are plenty of hard words there. ‘Brillig’ means four o’clock in the afternoon – the time when you begin broiling things for dinner.”

“That’ll do very well”, said Alice, “and ’slithy’?”

“Well, ’slithy’ means ‘lithe and slimy’. ‘Lithe’ is the same as ‘active’. You see it’s like a portmanteau – there are two meanings packed up into one word.”

„Das ist erst mal genug“, unterbrach Hampti Dampti, „da sind ja schon eine ganze Menge schwerer Wörter. ,Brollig’ bedeutet vier Uhr nachmittags – die Zeit also, zu der man mit dem Brodeln von Sachen für das Abendessen beginnt.“

„Das passt sehr gut“, freute sich Alice, „Und ,schleimdig’?“

„Nun, ,schleimdig’ bedeutet ,schleimig’ und ,geschmeidig’. Siehst du, das ist wie bei einem Koffer – du packst zwei Bedeutungen in ein Wort.”

(Übersetzung von Dieter H. Stündel)

Andere Kofferwörter sind zum Beispiel:

Demokratur (Demokratie + Diktatur)
Eurasien (Europa + Asien)
Teuro (teuer + Euro)
Transistor (engl. transfer + resistor)
verschlimmbessern (verschlimmern + verbessern)
Nescafé (Nestlé + Café)
Osram (Osmium + Wolfram)

Und auf gut Denglisch (Deutsch + Englisch):

Brunch (breakfast + lunch)
Infotainment (Information + Entertainment)
Podcasting (iPod + broadcasting)

Natürlich gibt es in der Sprachwissenschaft noch ein paar andere Ausdrücke für die gleiche oder ähnliche Erscheinungen: Neben den leicht verständlichen Ausdrücken wie Wortkreuzung, Wortmischung und Wortverschmelzung gibt es Begriffe wie Kontamination und Amalgamierung. Der erste klingt nach Verunreinigung und der zweite – zumindest für die Älteren unter uns – nach Zahnfüllungen. Kontaminierung geht auf das lateinische contaminare zurück, das tatsächlich durch Berührung, Verschmelzung, Vermengung verderben bedeutete. Deshalb wurden und werden manchmal nur fehlerhafte Vermengungen von Wörtern und Ausdrücken als Kontaminationen bezeichnet (zum Beispiel unzweifellos oder Auch ein blindes Huhn legt einmal ein Ei). Ein Amalgam ist in erster Linie eine Legierung mit Quecksilber. Amalgame wurden für Zahnfüllungen verwendet, sind aber in dieser Verwendung mittlerweile sehr umstritten. Im übertragenen Sinne wird das Wort auch mit der Bedeutung Mischung verwendet. Und über diesen letzten Schritt versteht man den Begriff Amalgamierung für Wörter wie jein wahrscheinlich etwas besser.

Die Sprachwissenschaft wäre nicht die Sprachwissenschaft, wenn sich alle über die genaue Definition der genannten Begriffe einig wären. Wenn Sie mich also fragen, ob alle obengenannten Wörter eindeutig Kofferwörter sind, müsste ich mit einem klaren Jein antworten.

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Die heutige Frage ist eigentlich ein Kommentar zu einem anderen Beitrag, der aber schon etwas weiter zurücklieg. Ich wollte deshalb nicht dort, sondern etwas prominenter an dieser Stelle darauf reagieren.

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Frohe Weihnachten!

Wie man Weihnachtswünsche in korrekter Groß- und Kleinschreibung verfasst, habe ich hier schon erwähnt. Wie es sich genau mit dem Nikolaus, dem Weihnachtsmann, dem Christkind und den Geschenken verhält, wurde an anderen Orten bereits ausführlich beschrieben: zum Beispiel hier, hier und hier. Und auch die Herkunft des Wortes Weihnachten gibt nicht wirklich viel Spannendes her (die heiligen Nächte, wahrscheinlich zurückgehend auf die heiligen Mittwinternächte). Deshalb hier nur kurz, aber nicht weniger wohlgemeint:

Ich wünsche allen treuen, gelegentlichen und zufälligen Besuchern dieses Blogs und insbesondere auch allen „Canooeys“ wunderschöne Weihnachtstage!

Dr. Bopp

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Unbekannte Wörter

Wieder einmal etwas in eigener Sache: Treuen Canoo.net-Benutzern und -Benutzerinnen ist es bestimmt schon passiert, dass ein Wort, das sie suchten, nicht in unseren Wörterbüchern enthalten war. Das ist selbst bei über 250 000 Einträgen nicht weiter verwunderlich, denn die Anzahl der deutschen Wörter ist ja unendlich. Dabei geht es nicht nur um die große Zahl von fachspezifischen Wörtern, sondern vielmehr darum, dass immer wieder neue Wörter gebildet werden. Dies geschieht in verschiedener Weise. Unter anderem:

  • durch Neuformung aufgrund von Abkürzungen, Namen, Produkten usw.
    Zum Beispiel: simsen, googeln
  • durch Übernahme aus anderen Sprachen
    Zum Beispiel: Blog, Messie
  • durch Ableitung und Wortzusammensetzung
    Zum Beispiel: Islamdebatte, Suchbarkeit, Gammelfleischskandal

Die meisten neuen Wörter werden durch Ableitung und Wortzusammensetzung gebildet.

Obwohl wir unsere Wörterbücher laufend erweitern, können wir natürlich nie alle neuen Wörter, die es täglich gibt, erfassen und aufnehmen. Vielen von ihnen ist auch gar kein langes Leben beschieden. Bei Neuformungen und neuen Lehnwörtern müssen wir leider schlichtweg passen. Dann sehen Sie einfach den Satz Keine Einträge gefunden für „…“ Bei den gängigsten Ableitungsarten und bei Zusammensetzungen geben wir uns aber nicht so schnell geschlagen. Dann kommt uns ein Programm zu Hilfe, das wir auf gut Denglisch den Unknown Word Analyzer nennen.

Wenn ein Wort nicht in unseren Wörterbüchern vorkommt, versucht dieses Programm das eingegebene Wort in bestehende Wörter und ggf. Vor- und Nachsilben zu zerlegen sowie die Wortklasse des neuen Wortes zu bestimmen. Zum Beispiel (Klicken Sie auf das Wort, um die Wortanalysen zu sehen):

Islamdebatte
Suchbarkeit
Gammelfleischskandal

Auch deklinierte und konjugierte Formen werden erkannt:

Islamdebatten
Dammbalkenverschlüsse
Beamtenversicherungskassen
hinaufrollst
begreifbarste

Damit nicht allzu viele unsinnige Resultate angezeigt werden, ist die Analyse je nach Wortbildungsart auf zwei bis drei Elemente beschränkt. Die berühmte Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze erkennt der Analysator also nicht (den Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän allerdings schon :-) ). Er kann auch keine stilistischen Korrekturen vornehmen und analysiert deshalb brav begreifbarste, obwohl am besten begreiflich bestimmt besser wäre. Auch Reagierung wird analysiert, obwohl wahrscheinlich Reaktion gemeint ist.

Da ein solches Analyseprogramm die Wörter nicht versteht, sind die Analyseresultate nur als Vorschläge zu sehen. So kann es manchmal zu recht unerwarteten Resultaten kommen: So werden Mittagsteller nicht nur als Teller zum Mittag sonder auch als Steller des Mittags analysiert. Auch die Schikaneurin wird nicht nur als weibliche Form des Schikaneurs interpretiert (gab es früher so wenig schikanierende Frauen, dass dieses Wort in vielen Wörtebüchern nicht vorkommt?), sondern zur Freude der Liebhaber von Junggymnasiastenhumor eben auch als – sehen Sie selbst: Schikaneurin.

Manchmal braucht es eben mehr als nur Kenntnis von Wortformen und Wortbildungsregeln, aber die Analysen sind sehr oft korrekt. Wir halten deshalb unseren Unknown Word Analyzer für ein gutes Hilfsmittel für die Erkennung „unbekannter“ Wörter, auch wenn er hin und wieder kein Resultat oder mehr als nur das gewünschte Resultat anzeigt.

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wiederherstellen, wiederaufnehmen usw.

Herr K. schreibt:

Guten Tag!

Es hat mich sehr verblüfft, daß Ihr großartiges canoo.net das Wort “wiederherstellen” nicht kennt. Die Form “wiederHERGESTELLT” wird nur vom “Unknown Word Analyzer” zerlegt.

Bekannt ist hingegen: “Wiederherstellung”

Andererseits kennt canoo.net das vergleichsweise viel seltenere Wort “wiederverwerten”.
Anzahl Google-Treffer:
3.650.000 für “wiederherstellen” ohne “wieder herstellen”
1.630.000 für “wiederhergestellt” ohne “wieder hergestellt”
53.400 für “wiederverwerten” ohne “wieder verwerten”
134.000 für “wiederverwertet” ohne “wieder verwertet”

Haben Sie eine Erklärung für das Fehlen von “wiederverwerten”?

Ich hoffe, dieses Feedback war Ihnen nicht nur eine Freude sondern auch eine Hilfe!

Schöne Grüße aus Wien

Antwort:

Sehr geehrter Herr K.,

Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unseren Sprachseiten, für Ihren Hinweis und natürlich auch für das “großartig”.

Dass das Verb “wiederherstellen” im Gegensatz zu “wiederverwerten” nicht in Canoo.net zu finden ist, hat einen technischen Grund. So suchen Sie auch vergeblich nach zum Beispiel: wiederaufnehmen, wiedereinstellen, wiedergutmachen u.a.

Diese trennbaren Verben haben gemeinsam, dass sie im Hauptsatz nicht wie gewöhnliche trennbare Verben in zwei, sondern in drei Teile auseinanderfallen. Vergleichen Sie zum Beispiel:

wiederverwerten: Die Winzer nehmen die Flaschen zurück und verwerten(1) sie wieder(2).

ABER:
wiederherstellen: Entspannungsübungen stellen(1) das innere Gleichgewicht wieder(2) her(3).
wiedergutmachen: Wie mache(1) ich dieses Unrecht wieder(2) gut(3)?

Dies bedingt, dass einerseits eine neue Art der Datenerfassung und -aufbereitung und andererseits eine neue Darstellungsart für unsere Flexionstabellen eingeführt werden muss. Das ist natürlich nicht unmöglich, aber leider für die geringe Anzahl von Verben im Moment technisch zu aufwändig. Wir hoffen aber, das Fehlen dieser Verben in Zukunft einmal beheben zu können.

Und wir hoffen auch, dass Sie Canoo.net dank der beinahe 20.000 anderen Verben trotzdem noch ein bisschen großartig finden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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“Geradewohl” und “Terrabyte”

Herr M. schreibt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich muss Sie darauf hinweisen, dass in Ihrem Online-Woerterlexikon mindestens zwei Woerter fehlerhaft dargestellt sind:

1. Geradewohl (falsch) – Geratewohl (richtig) – kommt vom Imperativ “Gerate wohl”
2. Terrabyte (falsch) – Terabyte (richtig) – der Mengenpraefix tera hat nichts mit der Erde (Terra) zu tun

Ansonsten finde ich Ihr Lexikon fabelhaft.

Mit freundlichen Gruessen

Antwort:

Sehr geehrter Herr M.,

wir danken Ihnen herzlich für Ihr Interesse an unseren Sprachseiten und auch für Ihre lobenden Worte. Zu Ihrer Kritik möchte ich Folgendes sagen:

Die Wörter “Geradewohl” und “Terrabyte” sind NICHT in unserem Wörterbuch enthalten. Dies besagt auch der Titel der Resultatseiten:

“Der gesuchte Begriff ist nicht im Canoo Wörterbuch enthalten.”

Siehe z.B. Eingabe “Geradewohl” in Canoo.net.

Wenn eine Eingabe nicht im Wörterbuch enthalten ist, versucht der Unknown Word Analyzer sie in bekannte, d.h. im Wörterbuch enthaltene Teile zu zerlegen. Dies ist wohlgemerkt eine mögliche, nicht aber unbedingt die korrekte Analyse. Die Richtigkeit der Analyse ist u.a. von der Bedeutung des Gesamtwortes und der Bedeutung der Einzelteile abhängig, also von Größen, die ein Analyseapparat nicht oder nur sehr bedingt überprüfen kann.

Bei Ihren beiden Beispielen kommt hinzu, dass der Analyseapparat auch noch erkennen müsste, dass ein zu analysierendes Wort einen Schreibfehler enthält. So weit sind unsere technischen Möglichkeiten leider noch nicht fortgeschritten.

Zuletzt möchte Sie noch darauf hinweisen, dass das Wort “Geratewohl” korrekt in unserem Wörterbuch steht. Siehe Canoo.net, Eingabe “Geratewohl”.
Das Wort “Terabyte” werden wir bei Gelegenheit aufnehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bopp

Kommentare (2)