Archiv für Wortbildung

Der Unterschied zwischen Südostasien und Ostwestfalen

Es geht hier natürlich nicht um geographische oder kulturelle Unterschiede zwischen diesen beiden kaum vergleichbaren Regionen, sondern um die Bildung ihrer Namen. Genauer genommen geht es um den Namen Ostwestfalen, der auch mich stutzen ließ, als ich ihn zum ersten Mal hörte.

Frage

Ich bin mit einem Bekannten uneins über den Namen „Ostwestfalen“. Seiner Meinung nach ist die Bezeichnung für diesen Landstrich „ein Widerspruch in sich“. Ich hatte nämlich als weitere Beispiele Südwestafrika, Südwestrundfunk, Südostasien, Nordwestlotto, Northwest Territories und Südosteuropa angeführt. Er sagte dazu: „Alle diese Gegenden sind gemäß der Himmelsrichtungen benachbart. Das geht. Ost und West liegen sich gegenüber. Deshalb ist Ostwestfalen ein Widerspruch in sich.“ Wie ist Ihre Meinung dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Ihr Bekannter hat insofern recht, als die Bezeichnung Ostwestfalen nicht ganz gleich strukturiert ist wie zum Beispiel Südwestafrika oder Südostasien.

Bei Südostasien sind die beiden Himmelsrichtungen gleichrangig: Es ist eine Region, die im Südosten Asiens liegt, also in einem Teil der innerhalb Asiens gleichzeitig südlich und östlich ist. Es ist nicht so sehr der südliche Teil Ostasiens, als vielmehr der südöstliche Teil Asiens. Nur die Konvention bestimmt übrigens, dass die Himmelsrichtungen Süd und Nord vor Ost und West genannt werden, sonst könnte man ohne Bedeutungsänderung auch Ostsüdasien statt Südostasien oder Westnorddeutschland statt Nordwestdeutschland sagen.

Bei Ostwestfalen hingegen sind Ost und West nicht gleichrangig. Diese Region ist der östliche Teil von Westfalen, wie Osteuropa der östliche Teil von Europa ist oder die Ostschweiz der östliche Teil der Schweiz. Ost bezieht sich nicht auf Falen, sondern auf Westfalen. Die Bezeichnung Ostwestfalen mag für einige widersprüchlich klingen, das wäre sie aber nur dann, wenn Ost und West gleichrangig wären. Ostwestfalen liegt aber nicht im Osten und im Westen einer nicht bestehenden Region Falen, sondern, wie bereits gesagt, im Osten von Westfalen.

Diese Art Bezeichnungen mit nicht gleichrangigen Himmelsrichtungen kommen selten vor (man spricht zum Beispiel eher vom Norden Südafrikas als von Nordsüdafrika), aber sie sind nicht widersprüchlich oder gar grundsätzlich falsch. Das wissen die Ostwestfalen natürlich schon lange.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Verlängern vs verkürzen

Frage

Wenn ich aus Adjektiven Verben machen will, sieht das doch oft so aus:

groß größer vergrößern
klein kleiner verkleinern
gut besser verbessern
lang länger verlängern
aber: kurz kürzer verkürzen!

Wo ist das R geblieben und warum ist es verschwunden?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

allzu konsequent sieht das tatsächlich nicht aus – und ich fürchte, dass ich Ihnen eine wirklich befriedigende Antwort schuldig bleiben muss.

Verschwunden ist hier nicht ein r, sondern das er, dass bei Adjektiven den Komparativ (die Höherstufe) angibt. Wenn ein Verb von einem Adjektiv abgeleitet wird, das eine bestimmte Eigenschaft ausdrückt, und wenn das Verb die Bedeutung hat, dass diese Eigenschaft intensiviert wird, ist häufig die Komparativform des Adjektivs die Basis:

anreichern = reicher machen
verbreitern= breiter machen

Ebenso zum Beispiel:

bereichern, verallgemeinern, verbessern, verfeinern, vergrößern, verkleinern, verlängern, verschlechtern, verschlimmern, verschmälern, verwildern, zerkleinern

Das ist aber nicht immer der Fall. Manchmal ist trotz der Verbbedeutung x-er machen nicht die Komparativform x-er die Basis, sondern einfach nur x. Das ist zum Beispiel bei den folgenden Verben der Fall:

eindicken = dicker machen
verjüngen = jünger machen

einengen, verbilligen, verdichten, verdünnen, verfrühen, verhässlichen, verjüngen, verlangsamen, vertiefen

Manchmal gibt es sogar beide Formen:

verengen – verengern
verschönen – verschönern

Warum manchmal die Komparativform und manchmal die einfache Form als Basis für solche Verben dient, lässt sich kaum erklären. In gewissen Fällen spielt die Form eine Rolle: Die Komparativform wird nicht gewählt, wenn ein Adjektiv auf unbetontes -er, -el, -ig, -lich endet (zum Beispiel verteuern, veredeln, verbilligen, vermenschlichen ). Sonst gibt es aber keine eindeutigen Kriterien. Richtig ist, was gebräuchlich ist.

Die Antwort auf die Frage, warum es gebräuchlich ist, kenne ich leider nicht. Insbesondere bei verlängern und verkürzen geben weder die Bedeutung noch die Form irgendeinen Hinweis auf die unterschiedliche Art der Verbbildung preis. Es tut mir leid, dass ich dieses Phänomen nicht weiter verdeutlichen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gentiv-s oder Fugen-s?

Auch heute eine ziemlich theoretische Frage:

Frage

Ein Dr.Dr. behauptet, das „s“ in „Einkaufswagen“ sei ein Genitiv-s. Ich denke eher an ein Bindeglied. Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

das s, das zwischen den beiden Elementen einer Zusammensetzung stehen kann, ist aus dem Genitiv-s entstanden. Es hat seine Funktion und Bedeutung aber zu einem großen Teil verloren.

Ein Einkaufswagen ist nicht ein Wagen des Einkaufs, sondern ein Wagen für den Einkauf. Die Lebensfreude ist nicht die Freude des Lebens, sondern die Freude am Leben. Die Lieblingsfarbe ist nicht die Farbe des Lieblings usw. usw. Das s entspricht zwar der Form nach dem Genitiv-s (vgl. des Einkaufs, des Lebens, des Lieblings), es hat aber in Zusammensetzungen nicht immer eine genitivische Bedeutung.

In Verbindungen wie den folgenden, die sehr häufig vorkommen, hat das s erst recht nichts mehr mit einem Genitiv-s zu tun: Unterhaltungsmusik, Identitätsausweis, Operationssaal, Hochzeitstorte, Abfahrtsrennen, Ansichtssache … Keines der Wörter, die hier vor dem s stehen, bildet den Genitiv mit s.

Rein formal gesehen, ist das s in Einkaufswagen ein Genitiv-s, denn es entspricht dem s von des Einkaufs. Nach Funktion und (fehlender) Bedeutung ist es aber ein Fugen-s, das heißt ein Bindeglied, das vor allem dazu dient, den Übergang zwischen zwei Elementen einer Zusammensetzung zu markieren.

Je nachdem, wie man die Sache betrachtet, haben Sie beide recht. Das s in Einkaufswagen kann als Genitiv-s interpretiert werden. Es unterscheidet sich dann aber vom s in Unterhaltungsmusik, das ja kein Genitiv-s sein kann. Das s in Einkaufswagen kann auch wie in Unterhaltungsmusik als Fugen-s interpretiert werden. Dann lässt man aber die formale Identität mit dem Genitiv-s außer Acht. Letztlich ist es also vor allem eine theoretische Entscheidung, wie man dieses s nennen will.

Eine sehr ähnliche Diskussion lässt sich übrigens auch über die Fugenelemente führen, die einer Pluralendung entsprechen (z.B. in Rosenblatt, Hundebiss, Kinderhand). Siehe hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Abergläubig und abergläubisch

Frage

Es gibt abergläubig und abergläubisch. Wieso gibt es beides und wo liegt die inhaltliche Differenz der beiden Schreibungen? Ich kannte bisher nur die Schreibung mit -ig. Seit wann gibt es -isch?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

es gibt keinen Bedeutungsunterschied zwischen abergläubig und abergläubisch. Die heute übliche Form ist abergläubisch. Viel seltener und nach den Angaben einiger Wörterbücher auch veraltet ist die Form abergläubig. Nach den Angaben des etymologischen Wörterbuches von Pfeifer (vgl. hier) gibt es abergläubisch seit Anfang des 16. Jahrhunderts und abergläubig seit Ende des 15. Jahrhunderts. Sehr weit liegt die Entstehung also nicht auseinander. Das Grundwort Aberglaube ist übrigens auch erst seit Ende des 15. Jahrhunderts geläufig.

Das Wort abergläubisch ist also keineswegs jüngsten Datums. So schrieb zum Beispiel Goethe 1809 im 2. Kapitel des Romans „Wahlverwandtschaften“:

Diejenigen, die auf Namenbedeutungen abergläubisch sind, behaupten, der Name Mittler habe ihn genöthigt, diese seltsamste aller Bestimmungen zu ergreifen.

Weshalb es beide Formen gibt, kann ich höchstens vermuten. Im Prinzip kann man sowohl mit -isch als auch mit -ig Adjektive von Substantiven ableiten (mit -ig häufig = das Grundwort ist vorhanden; mit -isch bei Fremdwörtern, häufig mit Lebewesen und für Herkunftsbezeichnungen; es gibt allerdings viele Ausnahmen). Normalerweise kommt immer nur eine der beiden Ableitungen vor. Wenn beide Ableitungen gebräuchlich sind, besteht meistens ein Bedeutungsunterschied (z. B. erstklassig–klassisch, bergig–bergisch, affig–äffisch, rassig–rassisch, ständig–ständisch; Ausnahmen ohne Bedeutungsunterschied z. B. murrköpfig/murrköpfisch, rappelköpfig/rappelköpfisch). Auch im Fall, um den es hier geht, ist eine Form durch die andere so weit verdrängt worden, dass abergläubig in einigen Wörterbüchern gar nicht vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Meine Lieblings-neue-Freundin

Noch eine Frage im Bereich der Wortbildung:

Frage

Ich habe eine Frage in Bezug auf das Wort „Lieblings-“ in seiner Bildung mit einem Substantiv. Und zwar: Kann man das Wort mit einem Nomen immer noch zusammenbilden, wenn es zwischen ihm und dem dazu gehörigen Substantiv ein Adjektiv gibt? Wenn ja, wie? Z.B. ich wollte gerade eine Freundin zum Geburtstag gratulieren, die ich vor einigen Monaten kennengelernt habe, und ich wollte ihr sagen „Du bist meine Lieblings neue Freundin“, was klarerweise zu unterscheiden ist von „Du bist meine neue Lieblingsfreundin“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

im Standarddeutschen kann Lieblings- nur direkt mit einem Substantiv kombiniert werden (Lieblingsfilm, Lieblingsessen, Lieblingsfreundin). Es gibt kein Wortbildungsmuster, nach dem ein Substantiv mit einer Wortgruppe, die aus einem gebeugten Adjektiv und einem Substantiv besteht, eine Zusammensetzung bilden kann. Formulierungen wie meine Lieblings-neue-Freundin sind standardsprachlich nicht möglich.

Solche Formulierungen kommen allerdings in der (gesprochenen) Umgangssprache vor. Zum Beispiel:

mein Lieblings-schnelles-Abendessen
in seinem Lieblings-warmen-Pullover
ihr Lieblings-neuer-Film

Da solche Konstruktionen standardsprachlich nicht vorgesehen sind und sie umgangssprachlich offenbar nicht allzu häufig vorkommen, gibt es (noch?) keine Rechtschreibregel, die auf sie zutrifft. Ich empfehle hier die Schreibung mit Bindestrichen, wenn man sie schriftlich wiedergeben will:

meine Lieblings-neue-Freundin

Es würde meiner Meinung nach zu einer vorläufig noch allzu ungewöhnlichen Schreibung führen, die Form lieblings ähnlich wie das umgangssprachliche super als unveränderliches Adjektiv zu behandeln (vgl. hier): meine lieblings neue Freundin. Es wäre allerdings eine erwägenswerte und vertretbare Lösung, falls sich diese Art der Formulierung etablieren sollte.

Eine Frage bleibt noch: Wie drückt man dasselbe standardsprachlich aus? Sie sagen zu Recht, dass meine Lieblings-neue-Freundin und meine neue Lieblingsfreundin nicht ganz dieselbe Bedeutung haben. Die neue Lieblingsfreundin ist eine Freundin, die neu den Platz der bevorzugten Freundin einnimmt. Die Lieblings-neue-Freundin hingegen ist eine Freundin, die die bevorzugte Stellung unter den neuen Freundinnen hat (und neben der es noch eine andere oder sogar eine absolute Lieblingsfreundin geben kann). Wie also drücke ich solche umgangssprachlichen Formulierungen standardsprachlich aus? Ein paar Versuche:

die liebste meiner neuen Freundinnen
mein bevorzugtes schnelles Abendessen
der neue Pullover, der mir am liebsten ist
der neue Film, der mir am besten gefällt

Aber wie häufig, wenn man Umgangssprachliches oder Mundartliches in die Standardsprache übersetzt, haben diese Formulierungen vielleicht nicht ganz dieselbe gefühlsmäßige Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp
(Autor Ihrer Lieblings-deutschen-Onlinegrammatik)

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Von fossil zu Fossil und andere Ableitungsfragen

Frage

Im Canoo-Lexikon findet sich im Bereich Wortbildung (genauer: Konversion) folgendes Beispiel zur Nomenableitung aus Adjektiven: Fossil von fossil. Meine Frage dazu: Woher meint man zu wissen, dass sich das Nomen vom Adjektiv herleitet und nicht etwa umgekehrt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei Wörtern, zwischen denen ein Ableitungsverhältnis besteht, ist es manchmal schwierig oder sogar unmöglich, zu sagen, wie genau dieses Wortbildungsverhältnis aussieht. In vielen Fällen ist die Bestimmung des Ableitungsverhältnisses einfach: Das Wort mit dem zusätzlichen Präfix oder Suffix ist die Ableitung.

ableiten + ung → Ableitung
Wort + lich → wörtlich
be + fragen → befragen

Manchmal ist es aber nicht ganz so einfach. Ist zum Beispiel ein Roggenbrötchen ein kleines Roggenbrot oder ist es ein Brötchen aus Roggenmehl?

Roggenbrot + chen → Roggenbrötchen
Roggen + Brötchen→ Roggenbrötchen

Ist eine Tierärztin ein weiblicher Tierarzt oder eine Ärztin für Tiere?

Tierarzt + in → Tierärztin
Tier + Ärztin → Tierärztin

Ist Kindergärtner wirklich das Basiswort und Kindergärtnerin die Ableitung? Kindergärtner hat zwar ein Suffix weniger, aber es gab zuerst Kindergärtnerinnen und erst später haben auch Männer angefangen, diesen Beruf auszuüben:

Kindergärtner → Kindergärtnerin
Kindergärtnerin → Kindergärtner

Gerade bei der Konversion, das heißt bei der Ableitung ohne Präfixe oder Suffixe, ist es nicht immer gleich offensichtlich, in welcher Richtung die Ableitung verlaufen ist. Das Verb würfeln kommt von Würfel, während das Substantiv Schmuggel von schmuggeln abgeleitet ist. Das Substantiv Rot kommt vom Adjektiv rot, während das Adjektiv orange vom Substantiv Orange kommt.

Würfel → würfeln
schmuggeln →  Schmuggel

rot → Rot
Orange → orange

In vielen Fällen lässt sich aus formalen Kriterien, der Bedeutung oder der Wortgeschichte erschließen, welches Ableitungsverhältnis besteht oder am wahrscheinlichsten ist. In anderen Fällen wie zum Beispiel Tierärztin muss man entweder einfach beide Ableitungsvarianten angeben oder, wenn dies wie in unseren Wortbildungsbäumen nicht möglich ist, ein rein pragmatisches Vorgehen wählen. (In Canoonet: Weibliche Personenbezeichnungen mit in werden von der männlichen Personenbezeichnung abgeleitet.)

Im Fall von fossil – Fossil ist das Ableitungsverhältnis unklar, wenn man nur das Deutsche anschaut. Hier kommt uns die Wortgeschichte zu Hilfe. Der Wortausgang il geht nämlich auf die lateinische Adjektivendung ilis zurück, die u. A. auch in agil, infantil, taktil und viril vorkommt.

Unser Adjektiv fossil kommt über das französische fossile vom lateinischen fossilis = ausgegraben, auszugraben. Es ist eine Ableitung vom Partizip fossum des Verbs fodere = graben. Auch die Substantivierung Fossil haben wir aus dem Französischen übernommen. Die Ableitung fossil → Fossil hat also wortgeschichtlich gesehen schon im Französischen oder sogar schon im Lateinischen stattgefunden. Da dieses Ableitungsverhältnis im Deutschen einfach nachvollziebar ist, geben wir es auch in Canoonet so an.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Birnbaum und der Birnenbaum

Frage

Ihre Seite führt die Bezeichnung „Birnenbaum“ auf, welche der Duden nicht kennt (er kennt nur den „Birnbaum“). Warum wird dieses Wort auf dieser Plattform genannt und in anderen Wörterbüchern nicht?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Wort Birnenbaum ist eine Variante von Birnbaum. Bei der Entscheidung, ob ein Wort in das Wörterbuch aufgenommen wird, spielen u. a. zwei Dinge eine Rolle: Ist es korrekt gebildet und kommt es relativ häufig vor.

Das Wort Birnenbaum ist korrekt nach den deutschen Wortbildungsregeln gebildet. Schwach gebeugte weibliche Substantive (sie bilden den Plural mit en) haben in Zusammensetzungen oft das Fugenelement en. Ein paar fruchtige Beispiele:

Zwetschgenbaum, Pflaumenbaum, Aprikosenbaum, Olivenbaum, Orangenbaum, Kirschenbaum (neben Kirschbaum; auch z. B. nach dem in der Frage zitierten Duden)
Birnenkuchen, Birnenstiel, Birnenwasser, birnenförmig [1]

Die Form passt also. Wird sie auch verwendet? Birnenbaum ist zwar weniger gebräuchlich als Birnbaum, aber es kommt doch relativ häufig vor. Gemäß einem kurzen Google-Blick ins Internet kommt die en-lose Form (je nach Deklinationsform) drei- bis viermal häufiger vor als die Variante mit Fugenelement. [2]

Es gib aus unserer Sicht keinen Grund, Birnenbaum als „nicht bestehend“ oder als „falsch“ anzusehen. Es ist eine korrekt gebildete, relativ häufig verwendete Variante des gebräuchlicheren Wortes Birnbaum. Deshalb führen wir es in unserer Wörterliste.

Warum Birnenbaum in anderen Wörterbüchern nicht erscheint, weiß ich leider nicht. Diese Frage können Sie besser an die Redaktion der betreffenden Wörterbücher richten. Da es keine allgemein gültigen, rein objektiven Kriterien für die Aufnahme von Wörtern in Wörterbücher gibt (Lexikographen und Lexikographinnen mögen mir diese grobe Vereinfachung verzeihen), ist es übrigens nicht sehr erstaunlich, dass nicht alle Wörterbücher genau die gleichen Wörter aufführen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

[1] Es geht hier nicht um die Pluralendung en, sondern um das Fugenelement en, das heißt, es geht nicht darum, dass mehrere Früchte im Baum hängen können, sondern darum, dass weibliche Wörter wie Birne in Zusammensetzungen oft mit dem Fugenelement en stehen. Siehe auch hier.

[2] Diese Google-Angaben sind natürlich keine wissenschaftlich fundierten Zahlen, sondern nur eine Annäherung zur Illustration. Eine Schwierigkeit hierbei ist zum Beispiel, dass Birnbaum auch ein Familienname und Birnbäumen auch ein Ortsname ist.

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Wahlkampf, Wahlkämpfer, Wahlkämpfende

Frage

Was soll man nur von der Form „die Wahlkämpfenden“ (für „die sich *im* Wahlkampf Engagierenden“ oder „die *im* Wahlkampf Tätigen“) bzw. „die wahlkämpfenden Parteien“ halten?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

die Form wahlkämpfend ist eine Wortbildung, die verständlich und nach den Wortbildungsmustern des Deutschen möglich ist:

der Wahlkampf = der Kampf um die Wahl
Wahlkämpfer/in = der/die um die Wahl Kämpfende
wahlkämpfend = um die Wahl kämpfend
die Wahlkämpfenden = die um die Wahl Kämpfenden

Man muss also rein formal gesehen wahlkämpfend nicht als direkte Ableitung von Wahlkampf interpretieren. Vielleicht war es ja diese „Ableitungsgeschichte“, die Sie irritiert hat. Eine Ableitung dieser Art wäre aber möglich, wenn man zum Beispiel ein (fiktives) von Wahlkampf abgeleitetes Verb wahlkämpfen annimmt:

der Wahlkampf -> (wahlkämpfen) -> wahlkämpfend

Dieses Verb könnte man dann (theoretisch) auch gleich den Wörtern Wahlkämpfer und Wahlkämpferin zugrunde legen.

Wörter haben oft die Neigung, in gleichartigen Wortbildungsgruppen aufzutreten. Eine Wortbildung wie Wahlkampf birgt bereits weitere Ableitungen wie Wahlkämpfer und wahlkämpfend in sich, die dann manchmal tatsächlich vorkommen – oder oft auch nicht. In diesem Fall ist das zentrale Wort der Gruppe eine Zusammensetzung mit einem Substantiv mit verbalem Charakter (-kampf). Weitere Beispiele ähnlicher Art:

Wettkampf, wettkämpfend, Wettkämpfer/Wettkämpferin
Tagtraum, tagträumend, Tagträumer/Tagträumerin
Raumfahrt, raumfahrend, Raumfahrer/Raumfahrerin
Glücksspiel, glücksspielend, Glücksspieler/Glücksspielerin
Freiheitsliebe, freiheitsliebend
Leberleiden, leberleidend

Die Wortschöpfung wahlkämpfend überzeugt wahrscheinlich stilistisch nicht alle, sie ist aber leicht verständlich und nach deutschen Wortbildungsmustern gebildet. Praktisch ist auch, dass man, wenn man will, mit der Substantivierung die Wahlkämpfenden die ständige Wiederholung von Wahlkämpfer und Wahlkämpferinnen vermeiden kann. Grammatisch gibt es nichts gegen wahlkämpfend einzuwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Raffinerie, raffiniert und raffineriert?

Frage

Warum ist in der Raffinerie aufbereitetes Öl raffiniert, und nicht raffineriert?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

aus einer Raffinerie kommt tatsächlich kein raffineriertes, sondern raffiniertes Öl. Das hat mit der Entstehungsgeschichte dieser Wörter zu tun. Unser raffinieren kommt vom französischen Verb raffiner mit der Bedeutung verfeinern. Auch das Wort Raffinerie kommt aus dem Französischen. Es ist dort eine Ableitung von raffiner. Eine Raffinerie heißt also so, weil dort etwas raffiniert wird. Das Wort Raffinerie ist wie Raffinage, Raffinat, Raffinesse und Raffinement von raffinieren (eigentlich von seinem französischen Cousin raffiner) abgeleitet, nicht umgekehrt:

raffinieren → Raffinerie

Es ist also nicht mehr notwendig, für die Tätigkeit, die in einer Raffinerie ausgeführt wird, das Verb raffinerieren abzuleiten. Man leitet ja zum Beispiel von Dekoration auch nicht dekorationieren ab, weil es ja schon dekorieren mit dieser Bedeutung gibt, und auch was in einer Verwaltung oder Regierung geschieht oder geschehen sollte, nennt man nicht verwaltungieren oder regierungieren, weil man die betreffende Tätigkeit ja schon mit dem Grundwort verwalten resp. regieren ausdrücken kann.

Raffiniertes Öl ist wörtlich verstanden verfeinertes Öl, ein raffinierter Plan ist eigentlich ein verfeinerter Plan und ein raffiniertes Gericht zeigt viel Raffinement, also Verfeinerung. Was genau mit verfeinert oder eben raffiniert gemeint ist, hängt vom Wort, bei dem es steht, und vom weiteren Zusammenhang ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Hellrotbraun, hell-rotbraun, helles Rotbraun

Frage

Ich habe eine Frage zur Zusammen- und Getrenntschreibung von Farben. Man schreibt ja sowohl „hellrot“ als auch „rotbraun“ […] zusammen. Gilt das auch für die Kombination aus beiden: „hellrotbraun“? Das scheint mir zwar logisch, wirkt aber merkwürdig. […] Wäre „hell rotbraun“ oder „hell-rotbraun“ akzeptabel? Oder müsste man auf Umformulierungen ausweichen wie z. B. „in einem hellen Rotbraun gefärbt“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

die deutlichste Farbbezeichnung ist in hellem Rotbraun. In der Regel werden nämlich nur einfache Farbbezeichnungen mit hell- oder dunkel- kombiniert: hellrot, hellbraun, hellrosa, hellbeige, hellviolett usw. Nicht üblich sind solche Kombinationen bei komplexen Farbbezeichnungen wie flaschengrün, olivbraun oder fahlgelb. Es heißt also in der Regel nicht hellflaschengrün, dunkelolivbraun oder hellfahlgelb. Die Kombination hellrotbraun kommt Ihnen wahrscheinlich deshalb merkwürdig vor.

Bei Mischfarben kommt hinzu, dass undeutlich ist, ob die gesamte Farbe oder nur die erste Farbe durch hell bestimmt wird:

hellrotbraun
hellrot-braun (hellrot und braun)
hell-rotbraun (helles Rotbraun)

Doch dieses Argument finde ich nicht sehr stark, denn was genau gemeint ist, wird meist durch den weiteren Satzzusammenhang geklärt und kann notfalls durch einen verdeutlichenden Bindestrich angegeben werden.

Wenn Sie die Farbbezeichnung trotz der genannten Einwände verwenden möchten – sie ist nicht grundsätzlich unmöglich –, dann können Sie sie zusammenschreiben oder ggf. den verdeutlichenden Bindestrich verwenden:

hellrotbraun o. hell-rotbraun

Deutlicher und üblicher ist, wie eingangs gesagt, die Formulierung helles Rotbraun
in hellem Rotbraun.
Hier ein paar Beispiele:

Jetzt möchte ich gerne meine Haare in einem hellen Rotbraun tönen.
Ihre Grundfarbe ist variabel und reicht von einem hellen Rotbraun bis zu einem hellen Graubraun.
Die Farbe schwankt zwischen hellem Strohgelb und dunklem Rotbraun.
Ich würde gerne ein Band 28/24 in dunklem Rotbraun oder Dunkelbraun bestellen.

Die Farbbezeichnungen, die nicht direkt mit hell und dunkel kombinierbar sind, werden übrigens in der Regel auch nicht gesteigert. Das ist so richtig schön konsequent.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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