Archiv für Wortschatz

Wie antichambrieren zum i kam

Heute geht es um ein etwas altmodisches Wort: antichambrieren. Es bedeutete früher, dass man im Vorzimmer, dem Antichambre, einer wichtigen Persönlichkeit wartete, um vorgelassen zu werden. Außer in historischen Büchern und Filmen bedeutet es heute – wenn es überhaupt noch verwendet wird – bei einer Person oder Instanz um Gunst betteln, katzbuckeln (vgl. hier).

Frage

Ein Kollege beharrt, dass man „antechambrieren“ schreiben müsse (weil das die logische Schreibung aufgrund der lateinischen/franzözischen Herkunft sei). Die (korrekte) Schreibung „antichambrieren“ sei völlig widersinnig. Können Sie erklären, warum die Schreibung mit i trotzdem die einzig korrekte zu sein scheint?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

Ihr Kollege hat insofern recht, als das griechische anti im Allgemeinen für gegen steht: antibakteriell, antimilitarisch, Antifaschismus, Antimaterie. Das im Deutschen nur sehr selten vorkommende lateinische Präfix ante hingegen bedeutet vor: antedatieren, antediluvianisch (vorsintflutlich), antezedieren (vorhergehen). Man würde deshalb bei der Bedeutung Vorzimmer tatsächlich eher die Vorsilbe ante als anti erwarten.

Trotzdem heißt es antichambrieren und nicht antechambrieren. Der „Fehler“ ist in Italien zu suchen. Wir haben das Wort antichambrieren aus dem Französischen übernommen. Die Franzosen wiederum haben das Wort antichambre (mit i) im 16. Jahrhundert nach dem italienischen Muster anticamera gebildet. Das i stammt also aus dem Italienischen. Im volkstümlichen Italienisch war die lateinische Vorsilbe ante zu anti geworden und fiel lautlich mit dem aus dem griechischen stammenden anti zusammen. Man findet dieses anti im Sinne von vor in zum Beispiel:

antidiluviano (vorsintflutlich)
anitmeridiano (vormittäglich)
antipasto (Vorgericht)
antibagno (Badezimmervorraum)
anticamera (Vorzimmer)

Die Vorsilbe ante hat übrigens im Italienischen vor allem in eher „gelehrten“ Wörtern ebenfalls überlebt: antefatto (Vorgeschichte), anteporre (voranstellen, vorziehen), anteguerra (Vorkriegszeit).

Das i in antichambrieren stammt also nicht aus dem Lateinischen oder dem Französischen, sondern aus dem Italienischen, wo ante teilweise zu anti geworden ist. Wie man sieht, kann uns die klassische Bildung manchmal auch auf die falsche Fährte bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

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Ist der Abstand zweijährig oder zweijährlich?

Frage

Heißt es: „Kontrollen in zweijährigem Abstand“ oder „Konstrollen in zweijährlichem Abstand“?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

im Prinzip es ganz einfach, …jährlich von …jährig zu unterscheiden. In diesem Fall hätte ich Ihnen aber ganz spontan beinah eine falsche Antwort geschickt. Es wäre bestimmt nicht das erste Mal gewesen, dass ich im Eifer des Gefechts einen Schnellschuss mit falschem Inhalt abgegeben hätte. Bei so nahe beieinanderliegenden Formen lohnt es sich immer, ein zweites Mal hinzuschauen, bevor man auf den Senden-Knopf klickt.

Mit …jährig wird ein Alter oder ein Zeitdauer angegeben:

ein zweijähriges Kind = ein zwei Jahre altes Kind
eine zweijährige Ausbildung = eine zwei Jahre dauernde Ausbildung

Mit …jährlich wird angegeben, nach welcher Zeitspanne sich etwas regelmäßig wiederholt:

eine zweijährliche Veranstaltung = eine alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung
zweijährliche Kontrollen = alle zwei Jahre stattfindende Kontrollen

Und nun kommen wir zum Abstand. Er ist zwar auch regelmäßig wiederkehrend (das hat uns wohl ins Zweifeln gebracht), gemeint ist aber seine Dauer. Es heißt deshalb:

Kontrollen in zweijährigem Abstand (= in zwei Jahre dauerndem Abstand)

Die Kontrollen sind also zweijährlich, der Abstand dazwischen ist zweijährig. Kein Wunder, dass die Formen schnell einmal durcheinandergeraten, wenn wir nicht aufpassen.

Dasselbe gilt übrigens auch bei anderen zeitlichen Angaben. Ein paar Beispiele:

eine dreiminütige Ansprache (= drei Minuten dauernd)
der dreiminütliche Ruf „Mama, zudecken!“ (= alle drei Minuten stattfindend)

der zweistündige Dokumentarfilm (= zwei Stunden dauernd)
die zweistündliche Aussendung des Webefilms (= alle zwei Stunden erfolgend)

ein vierzehntägiger Urlaub (= vierzehn Tage dauernd)
die vierzehntägliche Ausgabe (= alle vierzehn Tage erscheinend)

ein zweiwöchiger Besuch (= zwei Wochen dauernd)
ein zweiwöchentlicher Besuch (= alle zwei Wochen stattfindend)

ein viermonatiges Kalb (vier Monate alt)
ein viermonatliches Arbeitstreffen (alle vier Monate stattfindend)

So schnell die Formen auch durcheinandergeraten können, der Unterschied ist manchmal beträchtlich. So scheinen mir Eltern von Neugeborenen froh zu sein, wenn nicht vierstündiges Stillen angesagt ist, denn vierstündliches Stillen ist anstrengend genug. Ich fände es auch ungemein wichtig, genau zu wissen, ob jemand einen vierzehntägigen oder einen vierzehntäglichen Besuch androht. Und der Bauer verliert auf die Dauer mehr Zeit mit Wiedereinfangen, wenn ihm zweimonatlich ein Kalb wegläuft als wenn ihm ein zweimonatiges Kalb entwischt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Schicksalhaftigkeit und andere „fehlende“ Wörter

Frage

Ich wüsste gerne, ob das Wort „Schicksalhaftigkeit“ korrekt ist. Bei den mit -igkeit endenden Wörtern auf Canoonet finde ich es leider nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort Schicksalhaftigkeit ist korrekt. Wenn eine Sache schicksalhaft ist, kann man von deren Schicksalhaftigkeit sprechen.

Die Wahlbeteiligung für den Reichstag lag bei etwa 84 Prozent und trug der von allen Seiten beschworenen »Schicksalhaftigkeit« Rechnung.
Er ist überzeugt von der Schicksalhaftigkeit dieser großen Liebe und sagt: „Mit Michaela war es schon vor 19 Jahren Liebe auf den ersten Blick.“
Es scheint mir wichtig, dass man die Gestaltbarkeit des Lebens mit der Schicksalhaftigkeit des Alters kombiniert.
Beispielsätze aus: Wortschatz-Portal der Universität Leibzig

Im Prinzip kann von allen Adjektiven auf …haft ein Substantiv der Form …haftigkeit gebildet werden. Lange nicht alle diese möglichen Bildungen sind in Wörterbüchern verzeichnet. Weitere Beispiele von nicht in (allen) Wörterbüchern verzeichneten Substantiven dieser Form:

Amateurhaftigkeit
Bruchstückhaftigkeit
Engelhaftigkeit
Fieberhaftigkeit
Frühlingshaftigkeit [endlich!]
Heldenhaftigkeit
Instinkthaftigkeit
Zwanghaftigkeit
usw.

Ich möchte hier wieder einmal erwähnen, dass Wörterbücher nicht alle möglichen Wörter auflisten können. So sind auch bei Weitem nicht alle möglichen Zusammensetzungen von Substantiven oder alle Verbableitungen mit …bar und …ung in Wörterbüchern zu finden.

Das Umgekehrte muss deshalb immer wieder betont werden: Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das keineswegs zwangsläufig, dass es ein Wort nicht gibt. Die Wortbildungskraft unserer Sprache ist viel zu lebendig und zu mächtig, als dass sie sich in ein Wörterbuch – und sei es noch so groß und digital – packen ließe. Die Regel, dass ein Wort nur dann „gültig“ ist, wenn es im Wörterbuch steht, kann deshalb höchstens beim Scrabble-Spielen angewandt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das K-Wort und sein falscher C-Freund

Man könnte es schon beinahe das K-Wort nennen. Es dauert nun schon so lange, dass man kaum noch zu sagen wagt: „Es ist kalt!“

Das Wetter soll hier aber nicht das Thema sein. Im Zusammenhang mit diesem „K-Wort“ ist mir wieder einmal einer der Missverständnisse verursachenden Unterschiede zwischen den germanischen und den romanischen Sprachen eingefallen. Wenn die „Germanischsprechenden“ kalt, cold, koud, kall, kald, kold sagen, reden sie von tiefen Temperaturen. Wenn die „Romanischsprachigen“ caldo, chaud, caliente, calent, caud, cald sagen, klingt das zwar sehr ähnlich, aber sie meinen genau das Gegenteil, nämlich warme Temperaturen.

Wenn Sie in verschiedenen Ländern Wasserhähne bedient haben, dann erkennen Sie bestimmt Folgendes: Bei Wasserhähnen mit einem roten und einem blauen Punkt, ist es einfach, je nach Wunsch kaltes oder warmes Wasser fließen zu lassen. Wenn die Wasserhähne in keiner Weise markiert sind und Sie wie ich nie sicher sind, ob nun tatsächlich links warm und rechts kalt sein muss, dann bleibt nur vorsichtiges Ausprobieren. Richtig „problematisch“ wird es, wenn auf einem der beiden Hähne ein C steht. In angelsächsischer Umgebung, wo man diesbezüglich selten mit einer anderen als der Landessprache konfrontiert wird, ist dann in der Regel klar, dass damit cold = kalt gemeint ist. In allen anderen Ländern ist eine komplizierte Abwägung verschiedener Kriterien notwendig: Welcher Sprachfamilie gehört die Landessprache an und – weit wichtiger – hat die Innenarchitektin oder der Installateur ein am Englischen oder ein am Französischen inspiriertes Modell gewählt? Im ersten Fall ist C kalt, im zweiten Fall ist C warm. Dann hilft nur ein Blick auf den anderen Hahn: Steht dort ein F, dann muss C warm sein, steht dort ein H, dann muss C kalt sein. Viel einfacher ist es dann auch in diesem Fall, einmal kurz an einem Hahn zu drehen und abzuwarten, was kommt.

Die Verwechslungsgefahr rührt daher, dass die beiden Sprachfamilien hier auf zwei ganz unterschiedliche Wörter zurückgreifen, die einander in den modernen Sprachformen sehr ähnlich geworden sind.

Vorfahre der romanischen Wörter für warm ist das lateinische cal[i]dus mit derselben Bedeutung. Vorfahre der germanischen Wörter für kalt ist ein altes Verb kala (frieren), genauer genommen eine Partizipform davon. Auch unser Wort kühl geht auf dieses Verb zurück. (Ganz weit hinten ist dieses Verb übrigens auch mit dem Vorfahren der romanischen Wörter geler, gelare, helar usw. = [ge]frieren verwandt …)

Zwei nicht miteinander verwandte Basiswörter haben sich also in verschiedenen Sprachen zu lautlich sehr ähnlichen Wörtern entwickelt. Das kommt häufiger vor und ist eine der Ursachen für die Entstehung von sogenannten falschen Freunden (faux-amis, false friends). Ein paar Beispiele von falschen Freunden dieser Art:

en. mist (Nebel) – dt. Mist
en. angel (Engel) – dt. Angel
frz. hier (gestern) – dt. hier
nl. gekocht (gekauft) – dt. gekocht
it. alto (hoch) – dt. alt
it. ente (Amt) – dt. Ente
se. öl (Bier) – dt. Öl

nl. worst (Wurst) – en. worst (schlechteste)
en. ape (Affe) – it. ape (Biene)
it. burro (Butter) – sp. burro (Esel)

u. v. a. m.

Das „K-Wort“ soll gemäß Wetterberichten nicht mehr so lange aktuell bleiben. Werden wir schon bald wieder über das „H-Wort“ klagen? Schön wär’s!

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Das Geschlecht des/der Velosolex

Frage

Welches grammatikalische Geschlecht hat / soll haben: Velosolex (der oder das)? Ist noch nicht bei Ihnen erfasst.

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

das Wort Velosolex ist ein Markenname, der wie viele andere Markennamen nicht in unserem Wörterbuch steht. Es hat kein gefestigtes Geschlecht. In der Schweiz ist vor allem das Velosolex (= das Velo der Firma Solex) üblich. In Deutschland ist Velosolex wie die meisten motorisierten Zweiräder oft weiblich: die Velosolex. Meine spontane Antwort als Zürichdeutschsprecher wäre aber der Velosolex gewesen. Meine Großmutter hatte nämlich ein solches Gefährt und das war immer de Velosolex, nie s Velosolex. (Eigentlich nahm sie ja immer die Kurzform de Solex.)

Zusammengefasst kann ich Ihnen Folgendes empfehlen: Im schweizerischen Hochdeutsch verwenden Sie am besten das Velosolex. In Deutschland ist daneben auch die Velosolex üblich. Zur „Velosolexlage“ in Österreich ist mir leider nichts bekannt. Und im Dialekt behalten wir natürlich einfach das dort übliche Geschlecht bei.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Warum das Konklave nicht weiblich ist

Nein, es geht nicht um die Frage, warum derzeit in Vatikanstadt lauter Männer darüber entscheiden, wer von ihnen der neue „oberste Brückenbauer“ wird. Das wäre sicher ein, zwei (oder mehr!) Worte wert, aber nicht an dieser Stelle. Hier geht es nur um das grammatische Geschlecht des Wortes Konklave.

Frage

Im wetterbedingten Verkehrsstau stehend, habe ich verschiedene Radioberichte zur bevorstehenden Papstwahl gehört. Dabei irritierte mich, dass sämtliche Moderatoren dem Wort „Konklave“ einen sächlichen Artikel zugeordnet haben, also „das Konklave“. Meinem spontanen Sprachempfinden nach hätte ich aber „die Konklave“ benutzt [...] Gibt es eine Regel, welches Geschlecht solche Wörter mit lateinischem Ursprung haben? Oder ist meine Irritation da völlig unbegründet?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

nicht nur in den Radioberichten, sondern auch in den Wörterbücher ist Konklave ein sächliches Wort: das Konklave.

Es gibt Endungen, aus denen sich das Genus eines Wortes ableiten lässt. So sind zum Beispiel Fremdwörter auf age, tion, ität weiblich, auf ismus, or männlich und auf um, ment sächlich. Mehr zum Thema Vorhersagbarkeit des Genus anhand von Wortausgängen finden Sie hier.

Es gibt aber keine Regel, welches Genus Wörter der Form –ave haben. Die Mehrzahl ist weiblich (zum Beispiel Agave, Enklave, Kassave, Oktave). Auch viele andere auf e endende Fremdwörter sind weiblich (Sonate, Konstante, Neurose, Konfitüre u. v. a. m.). Ihre Irritation ist also nicht völlig unbegründet. Es gibt aber auch der Sklave, der Soave und eben das Konklave, alle mit einer eigenen Geschichte, die das Genus „erklärt“.

Das Wort Konklave ist deshalb sächlich, weil es zuerst eine Bezeichnung für ein abschließbares Gemach, Zimmer ist (lat. cum clave = mit dem Schlüssel). Es heißt das Konklave wie das Gemach/Zimmer. Danach bezeichnet Konklave auch eine Versammlung, die in einem solchen Gemach stattfindet. Die Versammlung ist also nach dem Versammlungsort benannt. Bei der Sixtinischen Kapelle, in der das Konklave heute stattfindet, von einem Gemach oder gar einem Zimmer zu sprechen, wäre natürlich eine grobe Untertreibung, aber das Wort Konklave hat sich nun einmal als sächliches Wort im Deutschen etabliert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Schwere und schwierige Aufgaben

Frage

Die deutsche Grammatik ist in gedruckter Form sicherlich recht SCHWER. Für manch einen ist sie auch SCHWIERIG. Wenn mir die Grammatik mal wieder Rätsel aufgibt, stehe ich dann vor einem SCHWEREN oder vor einem SCHWIERIGEN Problem? Das vor mir liegende Sudoku wird übrigens mit dem Schwierigkeitsgrad „schwer“ eingestuft. Ich find’s irgendwie schwierig.

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

sie stehen vor einem schweren oder vor einem schwierigen Problem. Beides ist möglich. Das Wort schwer hat unter anderem die Bedeutung mit Schwierigkeiten verbunden, nicht leicht zu bewältigen. Es gibt vielleicht einen leichten Bedeutungsunterschied zwischen schwierig und schwer:

  • eine schwierige Aufgabe = eine komplexe, ein hohes Maß an Fähigkeit(en) verlangende Aufgabe
  • eine schwere Aufgabe = eine große Mühe bereitende Aufgabe

Diese Bedeutungen werden aber nicht streng voneinander getrennt  – nur schon deshalb, weil nur Genies und in Einzelbereichen auch gute Fachleute eine komplexe Aufgabe, die ein hohes Maß an Fähigkeiten verlangt, ohne allzu große Mühe bewältigen – und auch denen gelingt es nicht immer. Es ist deshalb oft nur eine Frage des persönlichen Stils, ob Deutsch schwer oder schwierig ist, ob man eine schwere oder eine schwierige Aufgabe vor sich hat und ob dies ein schweres oder ein schwieriges Problem ist. Nun ja, beim Problem finde ich es stilistisch eigentlich besser, von einem großen Problem zu reden.

Ganz ähnlich sieht es übrigens auch bei leicht und einfach aus. Eine Aufgabe, die keine Mühe kostet, kann sowohl leicht als auch einfach genannt werden. Deshalb können Sudokus als leicht-mittel-schwer oder einfach–mittel­–schwierig, aber auch als leicht–mittel–schwierig oder einfach–mittel–schwer eingestuft werden.

Dies alles gilt nur dann, wenn es um die Bedeutung viel/wenig Fähigkeiten erfordernd, mit viel/wenig Schwierigkeiten verbunden geht. Wenn es z. B. um das physische Gewicht geht, passen nur schwer und leicht, nicht aber schwierig und einfach. Das Folgende gilt allerdings „trotzdem“: Wer sich des Körpergewichts wegen auf Diät gesetzt hat, weiß, dass es einfach ist, schwerer zu werden, aber um einiges schwieriger, wieder leichter zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von frottieren zu frottagieren

Frage

Ich habe einen Text über Frottagen geschrieben und dabei erklärt, wie eine Frottage hergestellt wird. Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Tätigkeit „Frottieren“ und hatte dieses Wort auch in meinen Text eingearbeitet. Bei weiteren Recherchen für eine Fortsetzung musste ich heute jedoch feststellen, dass im kreativen Bereich überwiegend vom „Frottagieren“ gesprochen wird. Laut Cannonet und laut Duden gibt es dieses Wort aber nicht. [...] Ich schreibe Ihnen, weil das Wort „frottagieren“ so häufig im Internet zu finden ist und ich nicht weiß, ob es sich um ein Modewort handelt und ob ich dieses so einfach übernehmen darf. Was geschieht eigentlich mit neuen Wörtern, die sich im Laufe der Zeit durchsetzen?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Verb frottagieren scheint ein Fachwort zu sein, das es (noch) nicht bis in die Wörterbücher geschafft hat. Es ist im Prinzip eine etwas seltsame Bildung, denn sein Basiswort, das Substantiv Frottage, ist eine (französische) Ableitung des Verbs frottieren. Es ist eher ungewöhnlich, ein neues Verb abzuleiten (frottagieren), anstatt auf das ursprüngliche Verb zurückzugreifen (frottieren). Es ist ein bisschen, wie wenn wir vom Substantiv Reibung ein neues Verb reibungeln oder reibungern ableiten würden, statt auf das Verb reiben zurückzugreifen. Im Bereich der Fremdwörter kommt dies aber hin und wieder vor, dann nämlich, wenn ein Bedeutungsunterschied zwischen dem ursprünglichen und dem neuen Verb angegeben werden soll:

frottieren (reiben, abreiben)
→ Frottage
→ frottagieren (mit Frottagetechnik erzeugen/arbeiten)

Hier noch ein paar Beispiele:

dozieren → Doktor → doktorieren
fundieren → Fundament → fundamentieren
fungieren → Funktion → funktionieren
konzipieren → Konzeption → konzeptionieren

Gestützt wird die Wortbildung frottagieren vielleicht auch durch das Verb collagieren, das von Collage kommt. Ich kann nicht beurteilen, ob es sich um ein Modewort oder um eine in der Fachsprache gebräuchliche Bildung handelt. Ich finde „auf die Schnelle“ sowohl frottieren als auch frottagieren im Zusammenhang mit Frottage.

Wenn neue Wörter sich im Laufe der Zeit durchsetzen, werden sie in die Wörterbücher aufgenommen. Bei Fachwörtern wie diesem dauert es wahrscheinlich etwas länger als bei allgemeiner gebräuchlichen Wörtern – falls frottagieren sich tatsächlich einmal durchsetzt, wie dies zum Beispiel E-Mail, scannen, Tsunami, All-inclusive-Urlaub, Mobiltelefon u.v.a.m. schon gelungen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Alpenstock, ein Anglizismus deutscher Herkunft?

Frage

[…] Mit „Alpenstock“ ist es auch geheimnisvoll. Ist das ein Archaismus? Warum steht das Wort in keinem Wörterbuch der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts? Längst aus dem Gebrauch gekommen? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich über diese Fragen aufklären könnten.

Antwort

Das Wort Alpenstock kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf, also ungefähr zur der Zeit, als die Engländer den Tourismus in größerem Stil in die Alpen brachten. In dieser Epoche erlebte es auch seine Blütezeit. Danach wurde es schnell durch das zur gleichen Zeit aufkommende Wort Bergstock überflügelt und fast verdrängt. Aber eben nur fast (siehe ungefähre Häufigkeit von Alpenstock und Bergstock). Ich weiß deshalb nicht, ob man Alpenstock als Archaismus bezeichnen darf. Ich komme nicht oft genug in die Berge – und dann immer ohne Stock –, so dass ich auch nicht aus eigener Erfahrung sagen kann, ob man zwischen Matterhorn, Zugspitze und Großglockner neben Bergstöcken nicht auch hin und wieder Alpenstöcke bei sich hat. In den Wörterbüchern kommt jedenfalls nur Bergstock vor.

Anders sieht es im Englischen aus. Dort wird der Gebirgswanderstock nämlich alpenstock genannt (siehe z. B. hier und hier). Alpenstock gehört zu den deutschen Wörtern, die dank englischer Touristen und Touristinnen ihren Weg aus den Alpen in die englische Sprache gefunden haben. Andere Beispiele sind rucksack und (im britischen Englisch) to abseil und abseiling. Man kann also sagen, dass das englische alpenstock mit Bergstock auf Deutsch übersetzt werden sollte. Es ist allerdings gut möglich, dass Alpenstock heute dank international operierender Hersteller und Verkäufer von Sportgeräten wieder häufiger im Deutschen auftaucht. Alpenstock ist dann ein Anglizismus der ganz besonderen Art!

(Für die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2012 reicht es allerdings aus verschiedenen Gründen nicht. Die Vorauswahl ist bereits abgeschlossen, das Wort war im Jahr 2012 weder in irgendeiner Weise aktuell noch wurde es häufig gebraucht, und es ist letztlich wohl doch viel zu deutsch für einen „echten“ Anglizismus.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Kaiserliche am Sherry

Beim Wort Sherry denke ich unwillkürlich an das Klischeebild gelangweilter Damen, die sich dem spätnachmittäglichen Alkoholgenuss hingeben, und natürlich an Miss Sophie, die in „Dinner for One“ Sherry zur Suppe servieren lässt. Ich bin kein großer Sherryliebhaber. Mir schmeckt vor allem die Fino genannte Variante, und das eigentlich nur auf einer andalusischen Terrasse zu den Tapas. Leider bin ich nicht allzu oft in Andalusien, bis jetzt genau ein Mal vor ungefähr zehn Jahren. Ich bin also alles andere als ein Sherrykenner, und wenn Sie önologische oder feinschmeckerische Betrachtungen zum Thema Sherry erwarten, muss ich Sie enttäuschen.

Wenn es nicht um den Geschmack geht, was ist dann kaiserlich am Sherry? Auf einem Kalenderblatt habe ich gelesen, wo die Bezeichnung Sherry herkommt. Der Wein verdankt seinen Namen der spanischen Stadt Jerez, die früher Xeres geschrieben wurde. Als die Engländer den Wein und den Namen im 16. Jahrhundert aus Andalusien auf ihre Insel mitnahmen, wurde das X noch als sch-Laut ausgesprochen. Der Name Xeres wiederum geht auf den arabischen Namen Sherish zurück. Andalusien stand ja jahrhundertelang unter maurischer Herrschaft. Die Weinproduktion lag übrigens auch in dieser Zeit nicht still. Die muslimischen Herrscher durften zwar keinen Alkohol trinken, aber wirtschaftlich war der Weinanbau dennoch interessant. Beim Geldverdienen wurde und wird zu allen Zeiten ein Auge zugedrückt.

Und nun kommen wir dann endlich zum Kaiserlichen: Gemäß dem Kalenderblatt und einigen etymologischen Wörterbüchern geht Sherish auf den lateinischen Namen (urb) Caesaris, Stadt des Cäsars, zurück. Wie Sie vielleicht wissen, kommt auch unser Wort Kaiser vom lateinischen Caesar. Und schon sieht man, dass der Sherry wortgeschichtlich gesehen ein wahrlich kaiserliches Getränk ist.

(Andere Quellen sagen allerdings, dass Sherish auf einen alten, evtl. phönizischen Namen Xera zurückgeht, den die Region schon in der Zeit vor den Römern trug.)

Interessant ist vielleicht noch, wo der Konsonant am Ende des Wortes geblieben ist. Die Engländer nannten den Wein aus Xeres anfänglich Sherris. Da dieses Wort als Mehrzahl angesehen wurde, verschwand das s am Wortende allmählich. Wir haben hier also wieder einmal einen kleinen Beweis dafür, dass der heutige Standard auf die Fehler unserer Vorfahren zurückgeht. Diese Erkenntnis verdiente es, mit einem Gläschen Sherry begossen zu werden, aber dafür ist es vor dem Mittagessen für mich noch etwas zu früh.

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