Archiv für Wortschatz

Abgehängt und abgehangen

Frage

Ich bitte Sie um Beantwortung der Frage, ob der folgende Satz richtig ist: „Das Fleisch hat zwei Wochen im Reiferaum gehangen und ist jetzt sehr gut abgehängt.“ Es geht mir besonders um „abgehängt“ und „abgehangen“!

Ich bin mir nicht sicher, ob es sich bei dem abgehängten Fleisch doch vielleicht um ein Zustandspassiv handelt, da ja nicht gemeint ist, dass das Fleisch ohne Zwischenfälle von irgendwo abgenommen wurde, sondern dass es sich um seinen jetzigen Zustand handelt.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Partizip abgehängt gehört zum transitiven Verb abhängen (etwas Aufgehängtes herunternehmen, etwas loskoppeln).

Sie hat Bild wieder abgehängt.
Der hinterste Wagen wird in Freiburg abgehängt.
Wir haben alle Konkurrenten abgehängt.

Das Partizip abgehangen gehört zum intransitiven Verb abhängen (u.a. durch längeres Hängen mürbe werden).

gut abgehangenes Rindfleisch

Es ist theoretisch möglich, zu sagen, dass das Fleisch sehr gut abgehängt ist. Mit diesem Zustandspassiv würde ausgerückt, dass das Fleisch sich in einem Zustand des Sehr-gut-vom-Haken-genommen-Seins befindet.

Wenn jedoch, wie ich stark vermute, gesagt werden soll, dass das Fleisch sehr schön mürbe (geworden) ist, muss es heißen:

Das Fleisch hat zwei Wochen im Reiferaum gehangen und ist jetzt sehr gut abgehangen.

Auch ich werde hoffentlich in gut zwei Wochen das intransitive Verb abhängen in umgangssprachlichem Sinn verwenden können: Ich habe in Portugal viel einfach nur abgehangen. Für diese Wortwahl bin ich allerdings nicht mehr jung genug – und wenn ich es noch wäre, hieße es nun wohl eher gechillt. Ich werde es einfach ruhig und entspannt angehen und zwei Wochen lang entsprechend wenig von mir hören lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Keine Korrigierung wegen Blockierung

Frage

Ich bin in den letzten Wochen auf zwei Wörter gestoßen, die mir Kopfzerbrechen bereiten: „Erbung“ und „Korrigierung“. Ich empfinde beide zwar nicht direkt als falsch, aber als unschön und würde dazu raten, sie z. B. durch „Erbschaft“ bzw. „Korrektur“ zu ersetzen. Was meinen Sie dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Wörter Erbung und Korrigierung sind korrekt mit einem im heutigen Deutsch aktiven Wortbildungsprozess gebildet worden (Verb-zu-Substantivableitung mit –ung). Insofern sind es mögliche Wörter. Dann greift aber ein Phänomen, das Blockierung (Blocking) genannt wird: Ein bereits etabliertes, häufig vorkommendes anderes Wort blockiert das Entstehen oder den Gebrauch dieser Wortbildungen. Die Wörter (das) Erbe, Erbschaft und Korrektur gibt es bereits mit dieser Bedeutung und sie sind allgemein bekannt. Sie blockieren die Bildung oder die Verwendung der deshalb „überflüssigen“ Wörter.

Ebenso werden zum Beispiel blockiert:

Stehler durch Dieb
Warmheit durch Wärme
Pferdin durch Stute

Die Blockierung wirkt aber nicht absolut. So gibt es zum Beispiel das Adjektiv unschön (siehe oben Ihre Frage), obwohl es auch hässlich gibt*, und im folgenden Sprichwort hebt der starke Wunsch nach einem Reim die Blockierung auf:

Der Hehler ist schlimmer als der Stehler.

Auch hier gibt es also keine unverrückbare Regel, die alle Fälle vorhersagen kann, aber diese Art der Blockierung erklärt, warum ich Ihnen jeweils eine Antwort und nie eine Antwortung schreibe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Das Ajektiv unschön kann neben hässlich als Gegenteil von schön bestehen, weil es häufig ein leicht andere, „mildere“  Bedeutung hat. Es klingt weniger konfrontierend als hässlich.

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Wählen und wollen

Dieses Wochenende geht Deutschland zur Wahl. Deutschlands Bürgerinnen und Bürger haben dieses Wochenende die Möglichkeit, ihr Wahlrecht bei den Wahlen zum Bundestag auszuüben. Von diesem einmal hart erkämpfte Recht sollten meiner Meinung nach alle Gebrauch machen. Doch meine Meinung hierzu hat natürlich nichts mit Sprache, dem Thema dieses Blogs, zu tun.

Was hingegen mit Sprache oder besser Sprachgeschichte zu tun hat, ist die Herkunft des Wortes wählen (und des dazugehörende Substantivs Wahl). Wer nun eine spannende Geschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen von Wolfgang Pfeifer steht:

wählen Vb. ‘(unter mehreren Möglichkeiten) aussuchen, nach eigenem Ermessen bestimmen’, ahd. wellen (8. Jh.), mhd. weln, wel(l)en […] ist zu der unter wollen (s. d.) angegebenen Wurzel ie. *u̯el- ‘wollen, wählen’ gebildet. Ahd. wellen (aus germ. *waljan) tritt auch als Infinitiv in das Paradigma des unter wollen behandelten Verbs ein.
(Zitiert nach DWDS)

Kurz zusammengefasst: wählen ist sprachgeschichtlich eng mit wollen verwandt.

Wer wählt, gibt an was er/sie will. Wenn Sie zur Wahl gehen, geben Sie mit Ihrer Stimme an, was Sie wollen. Sie geben mit Ihrer Stimme also nicht an, was Sie nicht wollen. Dessen sollten Sie sich bewusst sein, wenn Sie Ihre Stimme einer Partei geben.

Man verzeihe mir bitte diese außersprachliche Abschweifung.

Dr. Bopp

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Be- und entfüllen?

Kommentar

Ich möchte Ihnen die Bedeutung des Wortes „entfüllen“ erklären. Für mich heißt es, dass etwas geleert wird. Also „befüllen“ und „entfüllen“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

man kann tatsächlich ein Verb entfüllen mit dieser Bedeutung bilden. Bei Ihrem entfüllen drückt ent- aus, dass etwas wieder rückgängig gemacht wird: entfüllen = etwas Gefülltes leer machen. Ebenso zum Beispiel:

entbürokratisieren, entwarnen

Häufig drückt ent- das Gegenteil von be- oder ver- aus:

entkleiden, entwaffnen,
entkrampfen, entzaubern

In Verbindung mit einem Substantiv und einer Verbendung drückt ent- aus, dass etwas entfernt wird:

entwalden, entrußen, entkernen

Mit bestimmten Verben hat ent- die Bedeutung weg-:

entfliehen, entreißen

In Verbindung mit Adjektiven kann ent- die Bedeutung so sein rückgängig machen haben:

entmündigen, entmutigen, entpersönlichen

Interessant ist, dass bei Adjektiven, die eine Abwesenheit beinhalten, ent- das Gegenteil der oben genannten Bedeutung von ent- auszudrückt, nämlich so werden lassen:

entblößen, entfremden, entleeren

Und mit dem letzten Beispielwort, entleeren, sind wir beim Grund, weshalb man das Verb entfüllen zwar bilden kann, es aber nicht gebräuchlich ist. Etwas vereinfach ausgedrückt: Da es bereits ein gebräuchliches Verb mit derselben Bedeutung gibt, nämlich entleeren, wird das Verb entfüllen nicht benötigt. Nicht alles, was man korrekt bilden kann, wird auch gebraucht.

Das Verb entfüllen ist also nicht falsch, es wird nur nicht verwendet. Und ich sage bewusst nicht nie. Vor allem in technischen Texten kommt es nämlich gelegentlich in der Kombination be- und entfüllen vor. Das ist so schön kurz und bündig und klingt wie be- und entladen.

Mein Sommerurlaub ist zu Ende. Aber hoffentlich liegen noch viele sommerliche Tage vor uns, so dass wir die aufblasbaren Schwimmbecken in den Gärten noch lange nicht entleeren oder – mit „Ihrem“ Verb ausgedrückt – entfüllen müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Badeblume, Meerestau, königliches Kraut und andere aromatische Gewächse

Weil der Lavendel im Garten gerade so schön blüht, heute wieder einmal etwas Wortgeschichtliches.

Lavendel

 

Wie Sie vielleicht wissen, befällt mich hin und wieder die etymologische Neugier. Wieso heißt der Lavendel so, wie er heißt? Meine Französisch- und Italienischkenntnisse hatten mir schon eingeflüstert, dass der Name etwas mit laver resp. lavare (= waschen) zu tun haben könnte. Der Lavendel ist zurzeit zwar auch in nördlicheren Gebieten eine beliebte Gartenpflanze, aber er kommt ursprünglich doch aus südlicheren Gefilden, wo man laver und lavare sagt. Das würde dann ja passen.

Nach den Angaben der etymologischen Wörterbücher stimmt es sogar. Die Herkunft ist zwar unsicher, aber man nimmt an, dass es auf ein wahrscheinlich in Italien gebildetes lateinisches lavindula, lavendula zurückgeht, was ungefähr was zum Waschen dient bedeutete. Der Lavendel diente als wohlriechender Zusatz zum Wasch- oder Badewasser und verdankt seinen Namen wahrscheinlich dieser Tatsache.

Beim Lavendel war ich also auf der richtigen Spur. Bei einer anderen aromatischen Pflanze waren meine Vermutungen weniger zutreffend. Den Rosmarin assoziierte ich spontan mit Meerrose. Dabei störte mich weder die fehlende Ähnlichkeit mit einer Rose noch die Tatsache, dass das Wort dann eigentlich weiblich sein müsste, während es bei uns, aber auch z. B. im Französischen (romarin) und Italienischen (rosmarino) männlich ist. Bei marin (Meer-) lag ich noch richtig. Die Pflanze wuchs ursprünglich vor allem in Küstengebieten. Bei ros aber lag ich falsch. Dieser Wortteil wird nicht auf rosa = Rose, sondern auf ros = Tau zurückgeführt. Der Rosmarin trägt also den poetische Namen Meerestau, vielleicht dank der silbergrauen Unterseite seiner Blätter oder weil er im Tau des Meeres besonders gut wachsen soll.

Auch der Thymian trägt einen interessanten Namen. Er geht über ein paar „Umwege“ auf das griechische thýmon = Thymian zurück, das wiederum von thýein = ein Rauch- oder Brandopfer darbringen abgeleitet sei. Man habe diese Pflanze ihres Duftes wegen bei Brandopfern verwendet.

Der Basilikum kommt von griechisch basilikós = königlich, fürstlich. Es handelt sich also – dem stimmen sicher viele Fans von Tomaten und Insalata caprese zu – um ein königliches Kraut.

Langweiliger oder, wenn man will, mysteriöser ist schließlich die Herkunft der Namen Majoran und Oregano. Beide gehen auf ein griechisches Wort zurück. Beide waren aber auch im Griechischen schon Lehnwörter und bei beiden ist die weitere Herkunft unbekannt.

So weit der Exkurs in die Herkunft der Namen einiger aromatischer Pflanzen. Viel interessanter wäre natürlich, welche Köstlichkeiten man mit ihnen zubereiten kann, doch Rezepte gehören (leider!) nicht in diesen Blog.

Dr. Bopp

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Toilette, wie das Tüchlein zum WC wurde

Morgen früh verreise ich für ein paar Tage nach Frankreich. Mehr oder weniger dazu passend habe ich mir heute Morgen auf der Toilette die Frage gestellt, woher das Wort Toilette kommt – aus dem Französischen, das ist klar, aber was bedeutete es ursprünglich?

Das Wort toilette bedeutete ursprünglich Tüchlein. Es ist eine Verkleinerungsform von toile = Tuch. Nun geht es dabei nicht, wie ich vermutete, um eine alte Stoffvariante des Toilettenpapiers oder um ein Tuch oder Tüchlein, das man verhüllend vor den „Ort des Geschehens“ spannte. Verhüllend ist das Wort aber dennoch. Es ist ein Euphemismus, also eine beschönigende oder mildernde Bezeichnung für etwas, das man als anstößig oder unangenehm empfinden könnte. Euphemismen benutzen wir viel und ausgiebig.

Wer an geistiger Umnachtung leidet ist nicht sehr müde im Kopf, sondern wahnsinnig. Ein leichtes Mädchen ist nicht eine junge Frau mit der Figur eines modernen Models, sondern eine Prostituierte. Wer dahingegangen ist, ist nicht einfach weg, sondern tot. Wenn etwas preiswert ist, ist es nicht unbedingt seinen Preis wert, sondern billig. Und wenn die Chefin meine Mitarbeiter sagt, meint sie nicht diejenigen, mit denen sie direkt zusammenarbeitet, sondern ihre Untergebenen.

Was für ein Tüchlein war die toilette? Es war ein Tuch, auf dem die Gegenstände ausgebreitet wurden, die man für die Haar- und Körperpflege benötigte. Danach wurde es im übertragenen Sinne zu Körperpflege, Ankleiden, Frisieren, Sichzurechtmachen (vgl. Toilette machen), zum Namen eines Möbelstücks, an dem man Toilette machte, und auch zu einer Bezeichnung für elegante, festliche Kleidung. Damit sind wir aber immer noch nicht bei der euphemistischen Toilette, die ich eingangs meinte. Über das ebenfalls französische cabinet de toilette = kleiner Raum für die Köperpflege, Waschraum wurde es im Deutschen zuerst ebenfalls in diesem Sinne verwendet. Ab Anfang des zwanzigsten Jahrhundert wurde Toilette dann auch verhüllend für Klosett, Abort verwendet. Über so viele Schritte wurde das Tüchlein zum WC.

Lustig ist übrigens, dass Abort und Klosett auch Euphemismen sind. Abort ist eigentlich nur ein abgelegener Ort und Klosett stammt vom englischen Wort closet = abgeschlossener Raum. So ersetzt ein Euphemismus immer wieder einen anderen, der zu gewöhnlich geworden ist. Toilette, Klosett, WC (water closet), was von weit kommt, klingt offenbar besser.

Ich verabschiede mich nun für eine Woche und bringe Ihnen vielleicht einen schönen neuen Euphemismus aus Frankreich mit.

Dr. Bopp

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Der Seehecht in der See und die Seerose im See

Frage

Wo liegt der Grund dafür, dass der See männlich ist, die Nordsee und Ostsee aber weiblich? Ich fahre ja auch an die See, wenn ich ans Meer fahre. […] Das Meer ist auch die See. Der See ist ein Binnengewässer. Bin sehr auf Ihre Antwort gespannt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

ursprünglich war See ein männliches Wort und bezeichnete eine große Wasserfläche, die sowohl ein Binnensee als auch ein Meer sein konnte. Im Westgermanischen ist daneben schon früh eine weibliche Variante entstanden. Die heutige Bedeutungsunterscheidung zwischen der See = Binnensee und die See = Meer hat sich aber erst im Neuhochdeutschen allgemein voll herausgebildet.

Eine schöne Theorie zu dieser Bedeutungsunterscheidung sagt, dass man in den niederdeutschen Dialekten, also im Norden, die See sagte. Dort kannte man eigentlich nur das Meer und keine Binnenseen. Weiter im Süden, wo man der See sagte, hatte man umgekehrt Binnengewässer, aber kein Meer. Wenn diese Theorie stimmt, könnte man sagen, dass die See im heutigen Standardddeutschen, das auf dem Hochdeutschen basiert, ein Lehnwort aus dem Niederdeutschen ist. In meinem südlichen Dialekt gibt es auch heute noch nur der See und das Meer, die See verwenden wir nicht (außer in »importierten« Namen wie Ostsee und Nordsee).

Die strenge Unterscheidung zwischen der See und die See ist also sprachgeschichtlich relativ jüngeren Datums. Auffallend finde ich in diesem Zusammenhang, dass die meisten Zusammensetzungen mit See an erster Stelle etwas mit Meer zu tun haben: Vom Seehecht über den Seehund und den Seeteufel bis zur Seezunge, sie schwimmen alle im Salzwasser. Seeleute, Seefahrerinnen, Seeräuber und Seejungfrauen, sie alle haben ihren Wirkungsbereich auf dem oder im Meer. Eine Ausnahme ist die Seerose genannte Pflanze, deren Habitat nicht die See, sondern ein See oder ein anderes stilles Binnengewässer ist. Eine Erklärung für diese Verteilung muss ich Ihnen leider schuldig bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Quellen u.a. hier und hier.

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An die Elfenbeinküste, in die Elfenbeinküste oder nach Elfenbeinküste

Es steht zwar nicht ganz oben auf der Liste der am meisten besuchten Urlaubsziele, aber falls Sie Ihren Osterurlaub doch einmal in diesem westafrikanischen Land verbringen möchten, fahren Sie dann an die Elfenbeinküste, in die Elfenbeinküste oder nach Elfenbeinküste? Eine ähnliche Frage hat Frau W. gestellt:

Frage

Heißt es „Addah an der Elfenbeinküste“ oder „Addah in der Elfenbeinküste“?

Persönlich finde ich die erste Lösung besser, allerdings schreibt beispielsweise der Duden: „er ist Staatsbürger von Elfenbeinküste“. Sicher, die Elfenbeinküste ist ein Staat, aber klingt das nicht furchtbar?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

es gibt hier keine eindeutig festgelegte, allgemein verbindliche Formulierung. Im offiziellen Verkehr wird im Deutschen im Prinzip der einzige offiziell von diesem Staat akzeptierte Name Côte d’Ivoire verwendet.

Addah liegt in Côte d’Ivoire
die Bevölkerung von Côte d’Ivoire

Sonst ist die Elfenbeinküste oder seltener Elfenbeinküste ohne Artikel üblich:

die Bevölkerung der Elfenbeinküste
die Bevölkerung von Elfenbeinküste

Wenn man den Namen mit Artikel verwendet, kann bei Ortsangaben an oder in stehen. Mit an verweist man auf die Küste dieses Namens, mit in auf den Staat. Es gibt somit drei Möglichkeiten, von denen keine als falsch bezeichnet werden kann:

Addah liegt in Elfenbeinküste
Addah liegt in der Elfenbeinküste
Addah liegt an der Elfenbeinküste

Am schönsten (und interessantesten) klingt für mich an der Elfenbeinküste. Damit ist allerdings eher die Küste als der Staat gemeint. Bei einem Ort, der nicht wie Addah an der Küste, sondern weiter im Landesinnern liegt, verwendet man besser eine dieser Formulierungen:

Yamoussoukro liegt in der Elfenbeinküste
Yamoussoukro liegt in Elfenbeinküste

Die Einwohner und Einwohnerinnen der Elfenbeinküste heißen übrigens offiziell Ivorer und Ivorerinnen und das Adjektiv lautet ivorisch (vgl. d’Ivoire). Da diese Bezeichnungen nicht allzu bekannt sind, würde ich allerdings empfehlen, X der Elfenbeinküste oder Y von Elfenbeinküste zu verwenden, wenn man gerne auf Anhieb verstanden werden möchte.

Man kann also in die Elfenbeinküste/nach Elfenbeinküste fahren, wenn das Land gemeint ist, oder an die Elfenbeinküste, wenn das Ziel der Reise dort am Meer liegt. Ich verbringe Ostern dieses Jahr übrigens ruhig und ohne jeglichen präpositionalen Zweifel zu Hause.

Frohe Ostern!

Dr. Bopp

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Präposition versus Konjunktion: versus

Frage

In einer Zeitschriftenüberschrift lese ich: „Alte Zöpfe versus frischem Wind“. Stimmt der Kasus nach „versus“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

nach versus steht nicht der Dativ, sondern der Akkusativ:

alte Zöpfe versus frischen Wind
alte Armut versus neuen Reichtum
christliche Dogmentreue versus einen kritischen Geist

So steht es in den Wörterbüchern, auch in Canoonet.

Die Präposition versus stammt direkt aus dem Lateinischen, wo sie ebenfalls mit dem Akkusativ steht. Der Dativ frischem Wind ist vielleicht durch die deutsche Entsprechung gegenüber beeinflusst, die diesen Fall verlangt.

Das ist aber nicht alles, was ich hierzu sagen möchte. Mir kommt nämlich ganz spontan eine andere Formulierung in den Sinn, die ich eigentlich auch nicht als falsch empfinde, obwohl nach versus nicht ein Akkusativ steht:

Alte Zöpfe versus frischer Wind

Der Nominativ „frischer Wind“ nach versus? Ich habe ganz schnell auch noch weitere Beispiele gefunden, in denen nach versus nicht der Akkusativ, sondern ein anderer Fall steht, ohne dass mir das grundsätzlich falsch vorkommt:

neue Form versus neuer Inhalt
die Interaktion Personalchef versus junger Angestellter
Es kam zu einer Auseinandersetzung von Halbstarken versus Erwachsenen**

Es sieht also so aus, wie wenn versus häufig nicht als Präposition mit einem festen Kasus, sondern als Konjunktion verwendet wird. Bei einer Konjunktion stehen die durch die Konjunktion verbundenen Elemente im gleichen Kasus. Der Kasus wird durch ihre Rolle im Satz bestimmt. Die Verwendung von versus als Konjunktion ist nicht ganz abwegig, da es die Elemente, die vor und nach ihm stehen, häufig zu einem Gegensatzpaar verbindet, dessen gleichrangige Elemente auch die Plätze tauschen können:

alte Zöpfe versus frischer Wind = frischer Wind versus alte Zöpfe
vgl.
alte Zöpfe und frischer Wind = frischer Wind und alte Zöpfe
alte Zöpfe oder frischer Wind = frischer Wind oder alte Zöpfe

Die Tatsache, dass versus häufig in dieser Weise „falsch” verwendet wird, und in wesentlich geringerem Maße mein Erstaunen darüber, dass mich das nicht erstaunt, sind Anzeichen dafür, dass die Einteilung von versus als Präposition mit Akkusativ vielleicht nicht die ganze Sprachwirklichkeit beschreibt. Es wäre genauer zu prüfen, ob versus nicht auch in der Standardsprache häufiger die Funktion einer Konjunktion hat: Präposition versus Konjunktion.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Akkusativ wäre Erwachsene, vgl. für Erwachsene

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Weiterlesen und was sonst (nicht) im Wörterbuch steht  

Immer wieder gibt es Kommentare und Fragen zu Wörtern, die nicht im Wörterbuch verzeichnet sind. Nicht allen ist bewusst, dass ein Wort auch dann möglich, wohlgeformt und richtig sein kann, wenn es nicht in den Wörterbüchern zu finden ist.

Kommentar

Laut [meinem Wörterbuch] „gibt es“ weiterlesen bzw. wird es in einem Wort geschrieben. Nicht kritisch gemeint, sondern nur informativ.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

danke für die Information. Wir werden prüfen, ob wir weiterlesen auch in die Canoonet-Wörterbücher aufnehmen sollen. Dazu die folgende Bemerkung:

Wenn weiter die Bedeutung fortfahren zu oder vorwärts, voran hat, vor einem einfachen Verb steht und stärker als das Verb betont wird, schreibt man es mit dem Verb zusammen (vgl. hier). Zum Beispiel:

weitergehen = fortfahren zu gehen
weiterleiten = etwas Erhaltenes einer anderen Person, Instanz zuleiten
weiterlesen = fortfahren zu lesen

Das gilt für alle einfachen Verben, bei denen dies sinngemäß möglich ist. Auch andere Wörterbücher listen nicht alle diese möglichen Verben auf, insbesondere dann nicht, wenn sie nicht häufig vorkommen. Dafür sind nicht nur Platzgründe verantwortlich, sondern auch die Tatsache, dass diese Verbverbindungen auch ohne Beschreibung gut verständlich sind.** Ein paar Beispielsätze mit Verben, die nicht in (allen) Wörterbüchern stehen:

Wenn die Löwensippe satt ist, kann die Gazellenfamilie in Ruhe weiteräsen.
Solange das Bier nicht ausgeht, wird weitergehüpft.
Ich falle ins Gras und muss einfach immer nur weiterlachen.
Er ging in die Küche zurück, um weiterzukochen.
10 Minuten weiterköcheln lassen
Gibt es eine Funktion, bei der ich das Gerät vor mir hinlegen und trotzdem weitertelefonieren kann?
u.v.a.m.

Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, bedeutet das also noch lange nicht, dass es dieses Wort nicht gibt. Hier nach ein paar zusammengeschriebene Verbverbindungen mit weiter, die in Canoonet, aber – soweit ich weiß – nicht im gelben Wörterbuch stehen:

weitersegeln, weitersingen, weiterstolpern, weiterspedieren, weiterstreiken, weitertanzen, (sich) weitertasten

Ich werde mich weiter bemühen (= weiterhin bemühen), Ihnen bei Sprachfragen weiterzuhelfen – auch dann, wenn es um Wörter geht, die nicht im Wörterbuch stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Dies gilt in noch viel stärkerem Maße für Substantivzusammensetzungen. Es ist unmöglich, alle korrekt bildbaren Zusammensetzungen aufzulisten: Amselnest, Drosselnest, Finkennest, Starennest usw.

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