Archiv für Wortschatz

Kaninchen

Heute gibt es Kaninchen. (Ja, Dr. Bopp isst Kaninchen. Siehe hier). Da dies leider oder, je nach Interesse, glücklicherweise keine Kochrubrik ist, verschone ich Sie mit Rezepten und Weintipps. Es geht natürlich um das Wort Kaninchen. Warum denn chen? Ein großes Kaninchen ist doch kein Kanin, wie ein großes Hündchen ein Hund ist oder wie man ein großes Häuschen meist einfach ein Haus nennt. Weshalb also chen?

Mit der Nachsilbe chen bildet man Diminutive oder zu gut Deutsch Verkleinerungsformen. Vor allem im Süden verwendet man dafür oft auch lein. Richtung Norden lockt man deshalb als Hexe Kinder, die sich im Wald verlaufen haben, eher in ein Lebkuchenhäuschen, während man als südliche Hexe eher ein Lebkuchenhäuslein bewohnt, in dem man dann das Mädchen als Mägdchen zur Kinderarbeit zwingt und den Jungen wie ein Kaninchen einsperrt und fett mästet. So geht es jedenfalls – ganz gleich ob Häuschen oder Häuslein – in einem ordentlichen Märchen zu und her.

Kaninchen ist nicht der einzige ursprüngliche Diminutiv, bei dem das Grundwort im heutigen Deutschen nicht mehr bekannt oder gebräuchlich ist. Auch zum Beispiel bei Mädchen und Märchen oder beim Zipperlein, das böse Hexen plagen möge, ist das Grundwort nicht mehr allgemein bekannt. Das Wort Mädchen geht auf Mägdchen, also kleine Magd, zurück und wurde in einer Zeit gebildet, in der eine Magd noch nicht eine Bedienstete, sondern eine junge weibliche und idealerweise jungfräuliche Person war. Ein Märchen ist eine kurze Mär, das heißt eine kurze Geschichte oder Erzählung. Die Herkunft von Zipperlein erspare ich ihnen; das wird sogar mir zu umständlich.

Bleibt also noch das Kaninchen. Das Grundwort Kanin gab es einmal (und gibt es überigens immer noch als Fachwort für Kaninchenfell). Ein großes Kaninchen war früher also doch ein Kanin! Es geht über das alte französische Wort conin auf lateinisch cuniculus zurück. Auch das Wort Karnickel lässt sich über eine niederdeutsche Verkleinerungsform kanineken aus conin herleiten. Das r hat sich unterwegs einmal als überkorrekte Aussprache eingeschlichen.

Das lateinische caniculus gelangte auch noch auf anderem Wege ins Deutsche und ist so noch in landschaftlich gebräuchlichen Formen wie Künig, Chüngel, Kinigl oder Kiniglhas zu finden. Weil es volkstümlich als mit König (verkl. Königlein) verwandt angesehen wurde, gibt es im Südbayrischen und Österreichischen auch die Bezeichnungen Königlein und König(s)hase.

Beim lateinischen Wort cuniculus könnte es sich um ein Lehnwort aus dem Iberischen (d.h. aus einer der damals auf der Iberischen Halbinsel gesprochenen Sprache) handeln. Eine andere Erklärung sagt, dass der Name des Tieres vom lateinischen Wort für unterirdischer Kanal, Gang, Stollen cuniculus abzuleiten sei. Der Name der Behausung wäre dann auf das Tier übergegangen.

Ein paar Informationen zu Form und Herkunft des Wortes Kaninchen hätte ich somit zusammengesucht und beschrieben. Der Geist ist also wieder frei, sich mit „wichtigeren“ Dingen zu beschäftigen: Wie bereiten wir das Kaninchen zu und welcher Wein könnte gut dazu passen? Doch das ist, wie bereits gesagt, Stoff für ein ganz anderes Blog.

Kommentare

Oper, Toast und Eponyme

Soeben bin ich zufällig über diese Information gestolpert: Heute ist der 79. Todestag der australischen Opernsängerin Helen Porter Mitchell (19. Mai 1861 – 23. Februar 1931). Unter dem Namen Nelly Melba sang die international gefeierte Sopranistin u. a. Verdi, Rossini, Donizetti, Puccini und Wagner in Häusern wie der Mailänder Scala, der New Yorker Metropolitan Opera und dem Londoner Royal Opera House.

Es geht mir hier aber nicht um die Sangeskünste dieser Primadonna, sondern ums Essen. Wie es sich für eine Diva gehört, wohnte Frau Melba in London im Savoy Hotel, wo der französische Meisterkoch Georges Auguste Escoffier das Zepter über die Küche schwang. Hier soll nun der Meisterkoch für die Primadonna ein Dessert (Nachtisch klingt hier eindeutig zu gewöhnlich) kreiert haben, das er nach ihr benannte: Pfirsich mit Vanilleeis und Himbeermark, bekannt unter dem Namen Pêche Melba oder Pfirsich Melba. Einige Jahre später soll die Sängerin während eines Aufenthalts in London auf Diät gegangen sein, dies im Zusammenhang mit einer Erkrankung und nicht etwa wegen des Kalorienreichtums des Desserts. Für diese Krankendiät schuf Escoffier einen trockenen, sehr dünnen Toast, der wahrscheinlich auf Veranlassung des ebenfalls sehr berühmten Hotelbesitzers César Ritz den Namen Toast Melba erhielt.

Neben dem Melba-Toast und dem Pfirsich Melba gibt es noch die Bezeichnung Melba-Sauce für die Himbeersauce und die Farbbezeichnung Melba für einen bestimmten Pfirsichton. All diese Wörter sind Beispiele für Bezeichnungen, die auf einen Personennamen zurückgehen. Solche Wörter nennt man Eponyme. Andere Beispiele sind Achillesferse, Béchamelsauce, Brailleschrift, Casanova, Chauvinismus, Diesel, Geigerzähler, Kalaschnikow, pasteurisieren, Saxophon, Zeppelin. Hiermit ist mir der Dreh von der Opernsängerin über das Essen zur Sprachwissenschaft gelungen!

Kommentare

Kommt Kunst von Können?

Frage

„Kunst kommt von Können“ ist eine verbreitete Plattitüde. Ich habe einmal in einem Wörterbuch gelesen „es kommt zwar von Können, jedoch meinte dieses früher ‚Kennen’ also im Sinne von ‚Wissen’ …“. Was sagen Sie?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wort Kunst kommt tatsächlich vom Verb können. Dieses Verb bedeutete nicht nur können, sondern auch kennen, vermögen und ursprünglich kennen, wissen.** Entsprechend hatte Kunst ursprünglich die Bedeutung Wissen(schaft), Fertigkeit (vgl. die sieben freien Künste). Danach erhielt es die Bedeutung durch Übung erworbene Fertigkeit, die man auch heute noch verwendet, wenn zum Beispiel jemandes Kochkunst gelobt wird oder jemandes Fahrkünste Anlass zur Sorge geben. Noch später (seit dem 18. Jahrhundert) wurde Kunst für die künstlerische, schöpferische Betätigung des Menschen und für das Produkt dieser Betätigung verwendet. Dies ist die heute am häufigsten verwendete Bedeutung von Kunst.

Bevor man nun aber ganze philosophische Betrachtungen oder gar Streitdiskussionen über das Wesen der Kunst an der Herkunft des Wortes „aufhängt“, sollte man nicht außer Acht lassen, dass die Bedeutung eines Wortes vor allem damit zu tun hat, wie wir es heute verwenden, und oft nur sehr wenig damit, was es früher einmal bedeutet hat. So kann man zwar zu Recht behaupten, dass Weib früher einfach Frau bedeutete, aber man kann das Wort Weib heute trotzdem nicht mehr losgelöst von seiner negativen Bedeutung verwenden. Wörter haben heute die Bedeutung, mit der sie heute verwendet werden. Die Antwort auf die Frage, ob das Wort Kunst von können oder von wissen kommt, sagt deshalb nicht viel darüber aus, was heute „zu Recht“ als Kunst bezeichnet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Die Verben können und wissen sind in anderen Sprachen auch heute noch eng miteinander verbunden. So verwendet man zum Beispiel in romanischen Sprachen wie Französisch und Italienisch dasselbe Verb (savoir resp. sapere) für sowohl wissen als auch für können im Sinne von die Fertigkeit haben:

Je sais ce que tu as fait. = Ich weiß, was du getan hast.
Je sais nager. = Ich kann schwimmen.

Sapete quando parte il treno? = Wisst ihr, wann der Zug fährt?
Sapete giocare a tennis? = Könnt ihr Tennis spielen?

Kommentare (2)

Bonne journée aus dem Hochgeschwindigkeitszug

Wieder einmal darf ich auf Reisen sein. Zurzeit bin ich irgendwo in Frankreich in einem Hochgeschwindigkeitszug unterwegs. Es wäre natürlich interessant, etwas über die Unterschiede bei der Wortbildung in verschiedenen Sprachen zu schreiben. So kann oder muss man den vier Wörter zählenden französischen Ausdruck train à grande vitesse mit dem für Französischsprechende unaussprechlichen Wortungetüm Hochgeschwindigkeitszug ins Deutsche übersetzen. Zwei so unterschiedliche Strategien, Konzepte auf der Wortebene zu einem neuen Konzept zusammenzufügen, verdienten einen Kommentar. Ich könnte auch etwas darüber schreiben, dass das Wort Zug tatsächlich von ziehen abgeleitet ist. Bei dem Zug, in dem ich mich gerade befinde, handelt es sich um eine direkte Übersetzung des gleichbedeutenden englischen Wortes train. Ursprünglich war ein Zug ein Gefolge, dann eine Reihe von Packtieren und Wagen, die hintereinander durch die Lande zogen.

Doch das ist es nicht, was mich zurzeit am meisten beschäftigt. Ich bin nämlich auf kommunikationstechnischem Gebiet ziemlich altmodisch. Im Gegensatz zu Leuten, die selbst während eines Fallschirmabsprungs noch kurz über iPod oder Blackberry ihre Mail abrufen, finde ich Folgendes schon beinahe an ein Wunder grenzend erstaunlich: Ich brause mit 300 Stundenkilometern durch die französische Landschaft, schreibe einen Blogeintrag und kann ihn vom Zug aus direkt im Blog veröffentlichen! Ich komme eben tatsächlich noch aus der Zeit, in der es noch nichtelektrische Schreibmaschinen gab … In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen schönen Tag und bonne journée!

Kommentare (2)

Schraubenzieher und Schraubendreher, Glühbirnen und Glühlampen, Geranien und Pelargonien

Gestern bin ich wieder einmal über die häufig geführte Diskussion gestolpert, ob man Schraubendreher oder Schraubenzieher sagen müsse. Die Verfechter der ausschließlichen Verwendung von Schraubendreher haben zwei Hauptargumente: 1) Mit diesem Werkzeug zieht man Schrauben nicht, man dreht sie. 2) Nach der Deutschen Industrienorm (DIN) gibt es seit einigen Jahrzehnten nur noch Schraubendreher. Ergo: Schraubenzieher ist falsch.

Das erste Argument ließe sich damit entkräften, dass die Erfinder und anfänglichen Verwender des Schraubenziehers – wie wir auch heute noch – diesen verwendeten um Schrauben an- oder festzuziehen. Deshalb nannten sie ihn auch Schraubenzieher. Doch eigentlich geht es mir vor allem um das zweite Argument.

Hier zeigt sich nämlich der Unterschied zwischen Fachsprache und Allgemeinsprache. Es ist allen klar, dass Kaffeefilter und Kopfschmerzen allgemeinsprachliche Wörter sind, während Hämofiltration und Enzephalitis vor allem in der Fachsprache verwendet werden. Bei solchen Begriffen kann es zu keinen linguistischen Grabenkriegen kommen. Anders sieht es bei fachsprachlichen Ausdrücken aus, die uns weniger fremd sind.

Irgendwann einmal in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde beschlossen, dass es nach DIN nur noch Schraubendreher gebe. Seither wird in der Fachsprache zumindest offiziell nicht mehr von Schraubenziehern gesprochen. Das mag in fachlich-technischer Hinsicht sogar gerechtfertigt sein – ich bin ja nur ein „Sprachler“, der hin und wieder ein lockeres Schräubchen anziehen oder festdrehen muss. Diese fachsprachliche Festlegung des Begriffes heißt aber noch lange nicht, dass sich die Allgemeinsprache unbedingt danach zu richten hat und nun auch nur noch Schraubendreher sagen darf. Schraubenzieher ist ein gebräuchliches, allen verständliches, „natürlich“ entstandenes Wort, das bei sprachlichen Normalverbrauchern zu keinerlei Unfällen, stilistischen Unschönheiten oder anderen Problemen führt.

Ich sage hier mit so vielen Worten, dass die Allgemeinsprache sich nicht unbedingt nach fachsprachlichen Definitionen richten muss. Fachsprachliche Definitionen dienen dazu, die in einem Fachbereich notwendige Präzision bei der Formulierung zu ermöglichen. In der Allgemeinsprache ist diese Präzision in den meisten Fällen gar nicht notwendig. Es ist einem Normalsterblichen auch kaum möglich, sie immer und überall zu erreichen. Wussten Sie zum Beispiel das Folgende:

  • Fachsprachlich gibt es keine Glühbirnen, nur Glühlampen. Weiter sind das, was man allgemeinsprachlich Lampen nennt, fachsprachlich Leuchten.
  • Fachsprachlich zieren im Sommer nicht Geranien, sondern Pelargonien Fenster und Balkone. Geranium nennt die Fachsprache nämlich die Blume, die in der Allgemeinsprache Storchenschnabel heißt.
  • Fachsprachlich sind Tomaten, Gurken, Zucchini, Auberginen und Paprikas Früchte, nicht Gemüse. Trotzdem findet man sie nirgendwo in der Obstabteilung.
  • Fachsprachlich liegen Sie falsch, wenn Sie im Park von Enten, Gänsen und Schwänen sprechen. Sie müssten eigentlich von Enten, Echten Gänsen und Schwänen sprechen. Schwäne gehören nämlich zur Unterfamilie der Gänse, zu der übrigens die Pfeifgänse wieder nicht gehören.
  • Fachsprachlich sind Spermien keine Samen, denn Samen sind bereits befruchtet und enthalten den Embryo einer Pflanze.
  • Fachsprachlich kann man nur Tote bergen. Verletzte müssen gerettet werden.
  • In der rechtlichen Fachsprache können Sie der stolze Besitzer oder die stolze Besitzerin einer Sache sein, auch wenn diese nicht Ihr Eigentum ist. Das geht so weit, dass juristisch gesehen ein Dieb nach einem Diebstahl Ihr Eigentum in seinem Besitz hat. In der Allgemeinsprache werden die beiden Begriffe mehr oder weniger mit der gleichen Bedeutung verwendet.
  • Holländisch ist nur eine Dialektgruppe des Niederländischen, wie auch Holland und Holländer nur einen Teil der Niederlande bzw. der Niederländer bezeichnen.

Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Sie soll hier aufzeigen, dass man sich als Kenner einer Fachsprache davor hüten sollte, der Allgemeinsprache seine Begriffe und Definitionen aufdrängen zu wollen. Niemand kennt alle Definitionen aller Begriffe in allen Fachsprachen. Das ist auch nicht notwendig, denn in der Alltagssprache versteht man sich ausgezeichnet, ohne immer den genau definierten, vorgeschriebenen Begriff zu verwenden. Deshalb sind fachsprachliche Definitionen keine Begründung und kein „Beweis“ dafür, dass ein allgemeinsprachlich übliches Wort falsch ist!

Wenn dem doch so wäre, wenn also Schraubenzieher falsch ist, weil die DIN Schraubendreher vorschreibt, dann

  • schrauben Sie nur noch Leuchten, also keine Lampen, an die Decke;
  • müssten wir eigentlich Tomaten und Zucchini beim Obst und nicht beim Gemüse suchen;
  • sollten die Bibelübersetzungen dahingehend umgeschrieben werden, dass Onan nicht seinen Samen, sondern seine Spermien auf den Boden fallen lässt;
  • bestimmen Sie vorher immer genau die rechtlichen Verhältnisse, bevor Sie vom Besitzer einer Wohnung oder von der Eigentümerin eines Fahrzeuges sprechen;
  • behaupten Sie nur noch, dass die Niederländer eigentlich nicht Fußball spielen können und dass es für Automobilisten nichts Schlimmeres gibt, als einen Alpenpass hinter einem niederländischen Wohnwagen überqueren zu müssen, auch wenn solche Klischees mit Holländer und holländisch einfach besser klingen.

Kommentare (1)

Die Parabel, das Symbol und der Teufel

Zufällig bin ich letzte Woche auf einen historischen Wortzusammenhang gestoßen, der mich überrascht hat: Die Wörter Parabel, Symbol und Teufel haben alle eine gemeinsame Wurzel: werfen.

Die Parabel, eine gleichnishafte Erzählung, geht auf das gleichbedeutende griechische Wort parabolé zurück. Seine wörtliche Bedeutung ist das Danebenwerfen. Es gehört zum Verb parabállein = danebenwerfen, vergleichen (para = entlang, neben; bállein = werfen).

Auch das Wort Symbol lässt sich auf werfen zurückführen: Das griechische Wort sýmbolon bedeutete Kennzeichen oder wörtlicher Zusammengefügtes. Es war ein von zwei verschiedenen Parteien festgelegtes Erkennungszeichen. Dazu wurde ein Tonstück, ein Ring oder etwas Ähnliches zerbrochen und jede Partei erhielt ein Bruchstück. Wenn sich dann später Vertreter der beiden Parteien trafen, konnten die Bruchstücke zusammengefügt werden und so die Rechtmäßigkeit der Vertretung überprüft werden. Das Wort sýmbolon gehört zum Verb symbállein = zusammenwerfen; zusammenfügen (sýn = zusammen, bállein = werfen)

Genau das Gegenteil von Zusammenwerfen treffen wir bei Teufel an. Das Wort geht über Formen wie  tiuvel, tievel, tiufal auf das kirchenlateinische diabolus zurück, das vom griechischen Wort diábolos = Verleumder kommt. Das Verb diabállein bedeutete verleumden, entzweien, verfeinden oder ganz wörtlich auseinanderwerfen (dia = durch, auseinander; bállein = werfen).

Natürlich lassen sich die Bedeutungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser drei Wörter heute kaum mehr mit danebenwerfen, zusammenwerfen und auseinanderwerfen umschreiben oder erklären. Dafür haben sich die jeweiligen Bedeutungen zu sehr von der ursprünglichen wörtlichen Bedeutung entfernt. Aber eine kleine Meldung in der Rubrik „Verschiedenes“ der Wochenendbeilage finde ich diese „Entdeckung“ doch wert.

Es gibt übrigens noch weitere Wörter, bei denen man das griechische Wort für werfen antrifft. Dazu gehören das Anabolikum (Präparat zum Aufbau von Muskeln), die Diskobolie (ein sehr gelehrtes Wort für Diskuswerfen) und der Ball im Sinne von Tanzfest.

Kommentare (5)

Rutschen

Das neue Jahr ist nun gut eine Woche alt. Wenn ein „Wort der ersten Woche im Jahr 2010“ gekürt werden müsste, fiele meine Wahl auf rutschen. Warum? – Zuerst einmal wegen der zum Jahreswechsel oft gehörten Wendungen „Guten Rutsch ins neue Jahr!“, „Rutschen Sie gut rüber!“ und allen anderen Variationen zu diesem Thema, dann aber auch wegen der aktuellen Wetterlage in weiten Teilen Europas.

Ich gehöre zu den Glücklichen, die die täglichen Staus nur von den Verkehrsmeldungen im Rundfunk kennen. Die meisten im Alltag notwendigen Ortsveränderungen kann ich nämlich mit dem Fahrrad unternehmen. Das tue ich bei fast jedem Wetter, auch wenn es nass und kalt ist. Diese Woche aber habe ich das Rad zu Hause stehen lassen und auf gutes Schuhwerk und die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen müssen. Schnee und Glätte einerseits und das Fahrrad andererseits sind nämlich eine sehr ungünstige Kombination. Auf zwei Rädern rutscht es sich so leicht. Geradeaus geht es ja noch, aber Kurven, Steigungen und nur schon leichtes Gefälle sind jedes Mal ein Abenteuer, auf dessen guten Ablauf man nur hoffen kann. Wenn es nicht gut abläuft, liegt man – rutsch! – auf dem Boden. Das kann im Straßenverkehr nicht ganz ungefährlich sein.

Rutschen ist also „das Wort der Woche“. Es ist wieder einmal eines dieser schönen Wörter, deren Klang gut zur Bedeutung passt: rutsch! Wie es im Deutschen bei Bewegungsverben üblich ist, kann man rutschen auch so schön mit vielen verschiedenen Partikeln kombinieren, je nachdem wie oder wohin man rutscht. Zum Beispiel: abrutschen, abwärtsrutschen, ausrutschen, durchrutschen, herumrutschen, herunterrutschen, umherrutschen, wegrutschen, weiterrutschen, zurückrutschen; verrutschen.

Weitere Kombinationsmöglichkeiten gibt es, wenn im übertragenen Sinne gerutscht wird: Man kann hoffentlich gut ins neue Jahr hinüberrutschen, ungewollt in eine Sache hineinrutschen oder etwas kann einem dummerweise einfach so herausrutschen. Obwohl man eigentlich nicht hinaufrutschen kann (das widerspricht irgendwie der Bewegungsart, die rutschen beschreibt), gibt es sogar ein Verb, das nach oben rutschen bedeutet: Ein knapp sitzender Rock oder eine zu enge Jacke können immer wieder hochrutschen.

Ich schweife wieder einmal ab. Ich wollte eigentlich nur wissen, woher das Wort kommt. Die Antworten, die ich finden konnte, sind aber nicht gerade befriedigend. Das Verb rutschen taucht erst relativ spät (im 15. Jahrhundert) als rütschen auf. Eine andere, ältere Form ist rützen. Die weitere Herkunft ist ungeklärt. Es handle sich wahrscheinlich um ein lautmalerisches, das heißt den Klang nachahmendes Wort. Ich finde also nicht als Einziger, dass der Klang des Verbs recht gut seine Bedeutung wiedergibt.

Vielerorts scheint das Streusalz knapp zu werden. Seien Sie also vorsichtig und passen Sie gut auf, dass Sie nicht ausrutschen!

Dr. Bopp

Kommentare (3)

sic!

Frage

den zusatz (sic!) setzt einer ja wohl, wenn er ausdrücken will, der rechtschreib- oder sonstige fehler sei schon „dort“ und nicht ihm selbst unterlaufen. jetzt bitte ich um Ihre meinung zum solcherart kritisierten fehler in dem satzfragment:

„…bedeutet, mandantenorientiert zu arbeiten, nicht als abstraktes (sic!) ‘organ der rechtspflege’.“

will er sagen, es sei falsch, von einem abstrakten organ der rechtspflege zu schreiben?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wie Sie richtig schreiben, verwendet jemand den Zusatz sic, um anzugeben, dass ein Zitat exakt so lautet und nicht auf ein Versehen des Zitierenden zurückzuführen ist.  Das Wörtchen sic wird normalerweise in runde oder eckige Klammern gesetzt und kann noch mit einem Ausrufezeichen verstärkt werden. Es ist lateinisch und bedeutet so. Der Autor oder die Autorin will mit (sic) oder (sic!) meistens angeben, nicht mit dem Geschriebenen einverstanden zu sein oder zumindest daran zu zweifeln. Diese Hervorhebung wird nicht nur für Rechtschreibfehler, sondern auch für andere Sprachfehler und bei Zweifel an der Wortwahl oder dem Inhalt verwendet:

„Ich mache nie Feler [sic!].“
„Jeder Intel ist besser wie [sic] ein AMD“
Dem fügte er hinzu, dass eine Hotelübernachtung dort schließlich nur (sic!) 575 Euro pro Nacht koste.

Wenn sic sich nicht direkt auf ein Zitat bezieht, kann je nach Zusammenhang auch eine Stellungnahmen wie ausgerechnet dieser/diese, wie könnte es auch anders sein, man lese und staune, wirklich und wahrhaftig u. Ä. gemeint sein.

Unser Filialleiter (sic) meinte, wir könnten den Laden eine Stunde früher schließen.
Bis zum Ende des Spiels musste der Schiedsrichter insgesamt zwölfmal (sic!) nach der gelben oder roten Karte greifen.

In Ihrem Beispiel soll (sic!) angeben, dass das Wort abstrakt in diesem Zusammenhang falsch oder auffällig ist. Weshalb dieser Hinweis gemacht wird, kann ich, ohne den ganzen Text zu kennen, nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass kein Rechtschreib- oder Grammatikfehler vorliegt – abgesehen natürlich vom fast vollständigen Fehlen jeglicher Großbuchstaben …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Zum Ende der Nullerjahre

Dieser Eintrag kommt eigentlich zu spät, denn die Rückblicke, Bestenlisten und Aufzählungen der unterschiedlichsten Höhepunkte des sich dem Ende neigenden Jahrzehnts sind ja schon fast alle zusammengestellt und veröffentlicht worden. Mir fällt dabei unter anderem auf, dass eine Frage, die viele am Anfang dieses Jahrhunderts beschäftigte, beantwortet zu sein scheint: Wie nennt man die Jahre des ersten Jahrzehnts eines Jahrhunderts? In sehr vielen Rückblicken findet man dafür das Wort Nullerjahre.

Die Nullerjahre. Ich finde es kein besonders schönes Wort – doch das ist reine Geschmackssache. Es ist ein praktisches Wort. Es bezeichnet ziemlich genau das, was gemeint ist, und es fügt sich problemlos in den Wortschatz des Deutschen ein. Die Siebzigerjahre, die Achtzigerjahre, die Neunzigerjahre – in diese Reihe passen die Nullerjahre ausgezeichnet. Auch strengste Anglizismenjäger können nichts daran auszusetzen haben. Es findet sich bestimmt jemand, der „logische“ oder andere Einwände gegen diese Wortschöpfung hat, doch seit über die Sprache nachgedacht, gesprochen und geschrieben wird, hat es wohl noch nie eine sprachliche Neuerung gegeben, gegen die niemand etwas einzuwenden gehabt hätte. Die Nullerjahre sind also ganz zu Recht auf dem Weg, sich durchzusetzen.

Eigentlich wollte ich nur ganz kurz etwas zur Rechtschreibung sagen. Während man sehr oft ganz richtig die Nullerjahre liest, begegnet man auch hin und wieder anderen Schreibungen wie die Nuller-Jahre und die Nuller Jahre.  Die erste Schreibung enthält einen unnötigen, aber nicht grundsätzlich falschen Bindestrich. Die zweite Schreibung ist falsch. Wenn Nuller ein Substantiv ist, muss es mit Jahre zusammengeschrieben werden: die Nullerjahre. Wenn man es als vorangestelltes Adjektiv interpretierte, müsste es wie zum Beispiel achtziger kleingeschrieben werden: die nuller Jahre (vgl. achtziger Jahre). Sie schreiben also am besten in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts (oder, wie ich es rein stilistisch vorziehe, im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts).

Guten Rutsch in die Zehnerjahre und ein glückliches neues Jahr!

Dr. Bopp

Kommentare (3)

Mittelständische Unternehmen und mittelständige Fruchtknoten

Frage

Heißt es mittelständisch oder mittelständig?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

beide Wörter werden verwendet. Wenn Sie den Mittelstand als die gesellschaftliche oder unternehmerische Mittelschicht meinen, verwenden Sie mittelständisch. Zum Beispiel:

kleine und mittelständische Unternehmen
die mittelständische Wirtschaft

Das Wort mittelständig wird unter anderem in der Botanik benutzt. Es bedeutet in der Mitte befindlich, dazwischen befindlich. Zum Beispiel:

ein mittelständiger Fruchtknoten
die mittelständige Nasentrennwand

Man hört und liest allerdings auch hin und wieder mittelständige Unternehmen, doch standardsprachlich ist dies nicht ganz die richtig Wortwahl. Dieser unterschiedlichen Verwendung der beiden Wörter liegt übrigens keine tiefere Logik und auch keine eindeutige Grammatikregel zugrunde. Sie wird durch den allgemein üblichen Gebrauch bestimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare