Archiv für Wortschatz

Konstellieren

Heute wieder einmal etwas dazu, warum es gar nicht so einfach ist, ein neugebildetes Wort zu verwenden.

Frage

Letztens stieß ich in einem wissenschaftlichen Text auf das Wort „konstellieren“ (abgeleitet von „Konstellation“). Ich fand’s sehr hübsch, traue mich aber nicht, es selbst zu verwenden, weil ich nicht weiß, ob es das Wort wirklich gibt. Eine Google-Stichprobe ergab, dass es kaum vorkommt. In den Wörterbüchern taucht es gar nicht auf. Ist es Ihnen bekannt?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

das Verb konstellieren ist mir nicht bekannt. Auch in den mir zur Verfügung stehenden Wörterbüchern und -listen kommt es nicht vor. Ist es deshalb ein falsches oder unmögliches Wort?

Seine Form passt gut in ein häufig vorkommendes Muster: Zu vielen auf –ieren endenden Verben gibt es ein Substantiv auf –ation:

isolieren – Isolation
konzentrieren – Konzentration
partizipieren – Partizipation
restaurieren – Restauration
u. v. a. m.

Dazu passt mühelos auch dieses Wortpaar:

konstellieren – Konstellation

Die Form ist also kein Problem. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb das Wort bei flüchtigerem Lesen unbemerkt „durchrutscht“. Bei genauerem Lesen stellt sich dann allerdings die Frage der Bedeutung. Doch wie oft kommt es nicht vor, dass man in wissenschaftliche oder wissenschaftlich daherkommenden Texten einem Wort begegnet, dessen Bedeutung man nicht oder nur vage kennt. „Es wird wohl etwa mit zusammenstellen zu tun haben“, war mein erster Gedanke. Erst wenn man es genauer wissen will, stockt man beim Verb konstellieren.

Fangen wir einmal beim in den Wörterbüchern verzeichneten Substantiv Konstellation an: Es geht auf das lateinische constellatio mit der Bedeutung Stellung der Sterne (untereinander) zurück. Diese Bedeutung hat es auch heute noch. Es wird auch im übertragenen Sinne verwendet und bezeichnet dann das Zusammentreffen bestimmter Umstände und die sich daraus ergebende Situation: eine neue politische Konstellation, eine ungünstige Konstellation der Umweltfaktoren.

Im Französischen und Italienischen gibt es ein dazu passendes Verb: consteller bzw. costellare. Beide bedeuten mit Sternen übersäen und figürlich mit etwas besetzten/bestreuen. Ich weiß nun nicht, ob Ihnen bei der deutschen Neuschöpfung eine ähnliche Bedeutung vorschwebt oder ob Sie mit diesem Verb etwas anderes ausdrücken möchten. Vielleicht ist damit zu einer bestimmten Konstellation führen, eine bestimmte Konstellation entstehen lassen gemeint. Es könnte auch sein, dass ganz einfach meine erste Intuition richtig war: Sie möchten konstellieren als eine Art gelehrter klingende Variante von zusammenstellen benutzen.

Damit sind wir beim eigentliche Problem der Verwendung von Neubildungen wie konstellieren angelangt: Das Wort ist weder prinzipiell falsch noch unmöglich, Sie können aber nicht sicher sein, dass man versteht, was Sie genau damit meinen. Ihr Zögern ist also gerechtfertigt. Wenn Ihnen das Wort so gut gefällt, dass Sie es einfach nicht lassen können, es zu verwenden, sollten Sie es kurz erklären oder dafür sorgen, dass aus dem Kontext deutlich hervorgeht, was gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (9)

Kiefer

Vergangene Woche war ich beim Kieferchirurgen. Mein Zahnarzt meinte, dass das unerlässlich sei, denn sonst hätte ich bestimmt von einem Besuch bei einem Vertreter oder einer Vertreterin dieses Berufsstandes abgesehen. Es  ging um die Behandlung einer Entzündung und die dadurch bedingte Extraktion (klingt besser als Ziehen, läuft aber exakt aus dasselbe hinaus) eines Backenzahns im rechten Unterkiefer. Das Resultat des halbstündigen Besuches ist, dass ich zurzeit nicht nur Linkshänder, sondern auch Linkskauer bin.

An Zahnarztphobie Leidende müssen diesen Beitrag nicht unbedingt sofort wegklicken. Weitere Einzelheiten werden nicht erwähnt. Es geht hier eigentlich um das Wort Kiefer. Es war mir nie besonders aufgefallen, außer als Beispiel für gleich klingende Wörter, die nichts miteinander zu tun haben: der Kiefer und die Kiefer. Um es gleich vorwegzunehmen: Die beiden Wörter haben abgesehen von der Form wirklich nichts miteinander zu tun. Die Wortgeschichte der beiden Kiefer ist zum Teil ungeklärt und zum Teil zu komplex, als dass ich sie wirklich verstehen würde. Auch hier erspare ich uns deshalb die Details.

Die Kiefer verdankt ihren Namen wahrscheinlich einer undurchsichtig gewordenen Zusammenziehung von Kien und Föhre: kienforha → Kiefer. Kiefernholz war (und ist es bestimmt immer noch) für die Herstellung von Kienspänen und Fackeln geeignet, weil es sehr harzreich ist. Kien ist ein altes Wort für Kienspan, Fackel. Föhre diente schon in althochdeutscher Zeit als Baumname (forha) und wird auch heute noch vor allem im südlichen deutschen Sprachraum für Kiefer verwendet.

Beim anderen Kiefer ist die Herkunft dunkler: Das männliche Wort Kiefer wird in unterschiedlicher Weise auf Wörter im Bedeutungsbereich Mund, Rachen, kauen, essen zurückgeführt. Es soll mit Wörtern wie kauen, Kieme und Käfer[!] verwandt sein. Mit Käfer wurden zuerst vor allem fresssüchtige schädliche Insekten wie die Heuschrecken bezeichnet. Erst später wurde es allgemeiner im heutigen Sinne verwendet.

Das Wort der Kiefer hat also schon lange etwas mit Essen und Kauen zu tun. Das erstaunt mich zurzeit gar nicht. Erst wenn man beim Kauen aufpassen muss, merkt man so richtig, dass dies die Hauptfunktion eines Kiefers ist. Nur bei Schauspielern, deren markanter Unterkiefer ihnen ein besonders männliches Aussehen verleiht, hat der Kiefer eine weitere Funktion: Er verhilft zu Machoheldenrollen und zu Auftritten in Werbespots für Rasierprodukte. Die Brötchen, die diese „Breitkinnigen“ damit verdienen, müssen dann allerdings auch wieder gekaut werden.

Zu guter Letzt noch ein Stoßseufzer, den man mir bitte verzeihen möge: Linkshänder will ich gerne bleiben – ich bin es schon mein Leben lang –, aber ich habe jetzt schon genug davon, Linkskauer zu sein! Es wird hoffentlich nicht allzu lange dauern.

Kommentare

Von Amphoren zu Eimern

Frage

Woher kommt das Wort „Eimer“?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

das Wort Eimer hat eine interessante Entstehungsgeschichte, bei der Entlehnung, Umdeutung und lautliche Entwicklung eine Rolle spielen.

Seinen Ursprung findet Eimer bei einem Lehnwort, das schon in alter germanischer Zeit aus dem Lateinischen übernommen wurde und das wir viel später noch einmal ins Deutsche übernommen haben: amphora. Das ursprünglich griechische Wort bezeichnet ein zweiohriges Gefäß oder ein Gefäß, das mit zwei Händen getragen wird. Im Althochdeutschen hatte es die Form amber, im heutigen Deutschen die lateinische Form Amphora oder Amphore. Die erste Entlehnung wurde bereits im althochdeutschen Volksmund zu einer Zusammensetzung aus dem Zahlwort ein und einer Form von beran umgedeutet. Das Verb beran bedeutete tragen. (Das Wort Bahre geht auch auf dieses beran zurück.) Der Hintergrund für die Umdeutung war, dass der Eimer nur einen Henkel hat, den man zum Tragen benutzt. Über Formen wie eimbar und eimber entstand dann das heutige Wort Eimer.

Wir haben es also bei Eimer mit einem Wort zu tun, das nicht nur einen Teil seiner ursprünglichen Bedeutung verloren hat, sondern sich durch volksetymologische Umdeutung und jahrhundertelange „ungenaue“ Aussprache auch ganz anders anhört. Trotz „Fehlern“ bei der Bedeutung (einhenkelig statt zweiohrig), bei der Herkunftsbestimmung (germanische Zusammensetzung statt griechisch-lateinisches Lehnwort) und bei der Aussprache (u. a. amber statt amphora) ist im Laufe der Zeit ein nützliches und brauchbares Wort entstanden und erhalten geblieben. Dank dieser Verselbständigung des Wortes Eimer konnten wir das Wort amphora später sogar noch einmal „importieren“ – diesmal mit seiner klassischen Bedeutung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Von Brücken, Tunneln, Unter- und Überführungen

Frage

Für die Kreuzung nicht niveaugleicher Verkehrswege oder von Verkehrswegen mit Hindernissen (Täler, Berge) finden sich in der deutschen Sprache die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung, Überführung und vielleicht weitere.

Was ist nun was?

Eine Brücke führt über etwas hinweg, ein Tunnel unter oder durch etwas hindurch. Aber wird eine Brücke zum Tunnel, wenn man unter ihr hindurch geht? Und was ist eine Unterführung/Überführung?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

verschiedene Wörter haben sehr oft nicht genau voneinander abgegrenzte Bedeutungen. Dies ist auch hier der Fall.

  • Eine Brücke führt einen Verkehrsweg über Wasser, eine Tiefe, einen anderen Verkehrsweg u. Ä. hinweg.
  • Ein Tunnel ist ein langer, unterirdisch angelegter Verkehrsweg oder Gang.
  • Eine Überführung führt einen Verkehrsweg über einen anderen Verkehrsweg hinweg.
  • Eine Unterführung führt einen Verkehrsweg unter einem anderen Verkehrsweg hindurch.

Daraus kann man schließen:

  • Eine Überführung ist in der Regel eine Brücke, aber längst nicht jede Brücke ist eine Überführung.
  • Eine Unterführung kann ein Tunnel sein. Nicht jede Unterführung ist ein Tunnel und längst nicht jeder Tunnel ist eine Unterführung.

Und zum Beispiel auch:

  • Der Weg unter einer Brücke hindurch ist kein Tunnel. Dafür ist der Durchgang in der Regel einfach nicht lang, schmal und unterirdisch genug.

Die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung und Überführung bezeichnen also unterschiedliche Konzepte, die sich teilweise überschneiden.

Das Interessante daran finde ich, dass man diese Wörter im Alltagsleben problemlos benutzt. Erst wenn man genaue, deutlich gegeneinander abgegrenzte Definitionen geben möchte, kommt man ein bisschen ins Schleudern. Die obenstehenden Definitionen decken nämlich längst nicht alle Fälle ab: Eine Autobahnbrücke, die in 136 Meter Höhe das Moseltal überspannt, ist keine echte Überführung, auch wenn sie über zwei Straßen, eine Eisenbahnlinie und einen als Verkehrsweg genutzten Fluss führt. Genauso wenig werden die beiden Straßen und die Eisenbahnlinie, die durch das Moseltal führen, an dieser Stelle Unterführungen genannt. Warum nicht? Eine andere zu klärende Frage ist zum Beispiel: Wie lange (und schmal?) muss eine Fußgängerunterführung sein, damit man sie einen Fußgängertunnel nennt? Oder muss sie einfach unterirdisch sein?

Die Definitionen müssten also verfeinert werden, damit sie auch diese und weitere Fälle abdecken. Für den normalen Sprachgebrauch ist das aber gar nicht notwendig. Wir sind, auch ohne bewusst eine genaue Definition zu kennen, in der Lage, die Wörter Brücke, Tunnel, Überführung und Unterführung richtig zu benutzen. Selbst die Tatsache, dass es zum Beispiel Brücken gibt, die einige eine Überführung nennen und andere nicht, führt in der Regel zu keinen größeren Verständigungsschwierigkeiten. Das ist, wenn man darüber nachdenkt, eines der Wunder der Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (4)

Wie viel ist ein Riese wert?

Frage

Bisher kannte ich das Wort „Riese“ nur in der Bedeutung „1 000 Euro“. Doch der Duden definiert es als die „höchste Banknote (einer bestimmten Währung)“. Ebenso übersetzt das italienisch-deutsche PONS-Wörterbuch das Wort „testone“ ungefähr mit „Riese“ und schreibt dies in Klammern mit „500 Euro“ um.

Meine Frage ist: Wie kommt es zu der Bedeutung „1 000 Euro“? Weil 1 000 einfach eine riesige Zahl ist oder weil die frühere Bedeutung „1 000 Deutsche Mark“ falsch in die heutige übertragen wurde?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

hier zeigt sich, wie ungenaue Wörterbuchdefinitionen zu einer „Regel“ mutieren können, die nicht stimmt. Riese war die Bezeichnung für die höchste Banknote (1 000 DM). Heute meint man – wie auch Sie sagen – mit einem Riesen 1 000 Euro, auch wenn der 500-Euro-Schein die höchste Eurobanknote ist.

In den deutschsprachigen Versionen amerikanischer und englischer Bücher und Filme wurde und wird das Slangwort grand (= 1 000 Dollar resp. 1 000 Pfund) mit Riese übersetzt. Wenn die Kidnapper im Original ein Lösegeld von fifty grand verlangen, fordern die Entführer in der Übersetzung oft fünfzig Riesen für die Freilassung der Geisel. Die höchste jemals gedruckte Dollarbanknote war aber 100 000 Dollar [!] wert und seit 1946 ist der 100-Dollar-Schein die höchste neu gedruckte Dollarnote. Beim britischen Pfund ist die 50-Pfund-Note seit dem Zweiten Weltkrieg die höchste Banknote.

Ein Riese bezeichnet also nicht die höchste Banknote einer bestimmten Währung, sondern 1 000 Einheiten gewisser Währungen. Die Dudendefinition, die Sie zitieren, ist in diesem Sinne nicht (mehr) korrekt. „Falsch“ ist also nicht die Verwendung von Riese für 1 000 Euro, sondern die Wörterbuchdefinition. Manchmal schießen Wörterbuchartikel beim Spagat zwischen einer möglichst prägnanten und einer möglichst umfassenden Beschreibung daneben.

Beim italienischen Wort testone gilt, dass mit un testone früher eine Million Lire gemeint war. Das entspricht ungefähr 500 Euro. Soweit ich verstanden habe, herrscht in Italien (noch) keine Einigkeit darüber, ob ein testone nun einer Million Euro, tausend Euro oder fünfhundert Euro (d. h, dem Gegenwert von einer Million Lire) entsprechen soll. Mit der Verwendung des deutschen Wortes Riese hat dies also nur wenig zu tun.

Die Bezeichnung Riese für 1 000 Euro lässt sich sowohl auf den „riesigen“ Betrag als auch auf die frühere Bedeutung 1 000 Mark zurückführen. Wer drei Riesen verdiente, erhielt am Ende des Monats 3 000 Mark. Wer heute drei Riesen verdient, darf ein Salär von 3 000 Euro erwarten – nicht etwa nur 1 500 Euro.

Größere Verständigungsschwierigkeiten sind in keinem Fall  zu erwarten. Bei Lohngesprächen und anderen seriöseren Verhandlungen, in denen es um größere Geldbeträge geht, bedient man sich wohl kaum je des umgangssprachlichen Ausdrucks Riese. Man sagt und schreibt in solchen Situationen tausend Euro, wenn man tausend Euro meint. In den Milieus, in denen man auch bei wichtigen Geschäften mit Riesen rechnet, weiß man auch ganz ohne Duden und Dr. Bopp sehr gut, was gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Die Bundeswaldinventur

Hin und wieder fallen mir in den Nachrichten, in einem Zeitungsartikel oder an anderen Orten Wörter und Wendungen auf, die so deutsch sind, dass es sie nur in Deutschland geben kann. Ich meine damit nicht „nur im Deutschen“, sondern tatsächlich „nur in Deutschland“. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass gewisse Wörter einfach diese Auswirkung auf mich haben. Einer meiner Spitzenreiter ist nach wie vor die Aufforderung Tropfmengen sind sofort aufzunehmen, mit der man an bundesdeutschen Zapfsäulen konfrontiert werden kann. Gestern war es das Wort Bundeswaldinventur. Es ist weder neu (es soll bereits die dritte Bundeswaldinventur sein), noch kommt Waldinventur nur in Deutschland vor. In der Schweiz nennt man es einfach Waldinventur und fügt, wenn nötig, ein schweizerische davor. Ähnliches gilt für Österreich, dort natürlich mit dem Adjektiv österreichische. Die Zusammensetzung Bundeswaldinventur kann einfach nur deutsch(ländisch) sein, und das liegt nicht nur daran, dass Deutschland nun einmal eine Bundesrepublik ist. Es geht vor allem um die „Präzision des Ausdrucks“, die das Wort ausstrahlt.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich weiß, dass es in allen Regionen typische, andernorts eher sonderbar wirkende Wörter und Wendungen gibt. Vive la différence! Ich weiß auch, dass es meist mehr oder weniger gute Gründe gibt, weshalb ein Wort so zusammengesetzt ist, wie es das ist. Ich meine auch nicht, dass das Wort im Titel falsch, schlecht oder lächerlich sei. Ich will nur sagen, dass mir gestern Bundeswaldinventur als durch und durch bundesdeutsches Wort aufgefallen ist.

Kommentare (1)

Was für ein „moppel“ steckt in doppelt gemoppelt?

Frage

Woher stammt der Ausdruck doppelt gemoppelt?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

leider kann ich Ihnen nur eine sehr unvollständige Antwort geben. Ich weiß weder, wann und wo der Ausdruck entstanden ist, noch, was für ein moppel genau in gemoppelt steht. Mit der umgangssprachlichen Wendung doppelt gemoppelt drückt man wie mit doppelt genäht hält besser aus, dass etwas (meist unnötigerweise) zweimal ausgedrückt wird.

Das umgangssprachliche Substantiv Moppel bezeichnet einen dicklichen Menschen, einen molligen Hund oder eine vollschlanke Katze. Das umgangssprachliche Verb moppeln hat unter anderem die Bedeutung – sagen wir es einmal ganz gesittet – beischlafen. Der Bedeutungszusammenhang mit doppelt gemoppelt ist mir in beiden Fällen ziemlich schleierhaft. Vielleicht gibt es auch eine Verbindung mit moppen (mit einem Mopp saubermachen). Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, woher gemoppelt genau kommt. Es geht vor allem um die lautliche Wiederholung, die die Bedeutung der Wendung so schön wiedergibt. Wichtig ist bei gemoppelt also vielmehr der Klang als der Inhalt.

Vielleicht kennt ja ein Leser oder eine Leserin des Blogs die Antwort  – oder einen Teil davon – und ist so nett, dieses Wissen hier mit uns zu teilen. Das Wetter soll ja am Pfingstwochenende nicht überall ganz so schön werden, wie wir es gerne hätten. Freie Zeit und mäßige meteorologische Verhältnisse sind eine gute Voraussetzung für eine kurzen Griff zur Tastatur. Dr. Bopp ist eben auch nur ein Mensch und nicht allwissend. Dies festzustellen ist wohl noch nicht doppelt gemoppelt, aber eine Binsenwahrheit ist es in jedem Fall.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Pfingstwochende

Dr. Bopp

Kommentare (5)

Wem gehört das Brautgeschenk?

Frage

Ist ein Brautgeschenk
- das Geschenk des Bräutigams für die Braut,
- das Geschenk der Braut für den Bräutigam,
- das Geschenk von XY für die Braut
oder hat dieses Wort gar mehrere Bedeutungen?

Antwort

Sehr geehrte Frau U.,

ein Brautgeschenk ist eigentlich das Geschenk des Bräutigams für die Braut (mit dem Ziel, ihre Liebe zu gewinnen!). So wird das Wort auch in der Tierwelt unter anderem bei balzenden Vögeln verwendet: Das Männchen bringt Kerne, Zweiglein, Mücken, einen Fisch oder je nach der echten oder vermeintlichen Vorliebe seiner Angebeteten etwas ganz anderes als Brautgeschenk für das Weibchen mit. Auch im übertragenen Sinne wird Brautgeschenk manchmal in dieser Weise verwendet: „Als Brautgeschenk versprach die Baugesellschaft dem Dorf eine neue Schule.“ Man muss dabei an ein kleines, armes Dorf, eine mächtige, reiche Baugesellschaft und ein großes, lukratives Bauvorhaben denken …

Mit Brautgeschenk ist aber manchmal auch allgemein ein Geschenk von irgendjemandem für die Braut oder sogar ein Geschenk für das Brautpaar gemeint. Diese Verwendung des Wortes entspricht zwar nicht der „eigentlichen“ Bedeutung, ist aber nach der Wortstruktur begreiflich. Wenn Braut und Geschenk in einer Zusammensetzung vorkommen, heißt das nur, dass die Zusammensetzung:

- aller Wahrscheinlichkeit nach ein Geschenk ist und
- etwas mit einer Braut zu tun hat.

Welcher Zusammenhang genau besteht, bestimmt nur der Gebrauch, nicht die Struktur des Wortes. Deshalb kommen neben der eigentlichen Bedeutung dieser Zusammensetzung noch andere Verwendungen vor. Wenn Sie eine Braut sind, können Sie aber beruhigt sein: Die Bedeutung Geschenk der Braut für den Bräutigam habe ich nirgendwo gefunden. Ob ein Braugeschenk nun vom Bräutigam kommt, von jemand anderem oder sogar für das Brautpaar bestimmt ist, mindestens die Hälfte gehört immer Ihnen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Warum geschlechtig fehlt

Frage

Im Biologieheft meines Sohnes finde ich die Ausdrücke „eingeschlechtig“ und „zweigeschlechtig“ in Verbindung mit Blüten. Mir war bisher nur „geschlechtlich“ bekannt. In canoonet finde ich kein „geschlechtig“, aber im Wahrig stehen beide Ausdrücke. Warum hat canoonet diesen Ausdruck bisher nicht aufgenommen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Sie kannten das Wort geschlechtig nicht, weil geschlechtig im Deutschen nicht als allein stehendes Wort verwendet wird. Es kommt nur in Verbindung mit einem anderen Wort vor. Zum Beispiel:

eingeschlechtig
zweigeschlechtig
getrenntgeschlechtig

Das steht eigentlich auch in (meinem) Wahrig: „geschlechtig, in Fügungen, z. B. getrenntgeschlechtig“. Damit ist gemeint, dass geschlechtig nur in zusammengesetzten Wörtern wie zum Beispiel getrenntgeschlechtig vorkommt. Das ist auch der Grund, weshalb Sie das Wort geschlechtig nicht als separaten Eintrag im Canoonet-Wörterbuch finden. Sie finden aber Zusammensetzungen der Form …geschlechtig:

doppelgeschlechtig, eingeschlechtig, getrenntgeschlechtig, gleichgeschlechtig, ungleichgeschlechtig, zweigeschlechtig

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch diese Ansicht.

Neben geschlechtig gibt es noch viele andere Formen, die in gleicher Weise nur in Zusammensetzungen, nicht aber allein stehend vorkommen. Zum Beispiel:

-armig: achtarmig, beidarmig, langarmig
-äugig: blauäugig, großäugig, scharfäugig
-monatig: einmonatig, dreimonatig, mehrmonatig
-prozentig: hundertprozentig, hochprozentig
-randig: breitrandig, glattrandig, schmalrandig
-sprachig: dreisprachig, mehrsprachig, deutschsprachig

Dann noch kurz zur Bedeutung: Die Form -geschlechtig bedeutet ein Geschlecht habend. Die Form -geschlechtlich bedeutet auf das Geschlecht bezogen, sexuell. Zum Beispiel:

eingeschlechtig = ein Geschlecht habend
gleichgeschlechtig = das gleiche Geschlecht habend
gleichgeschlechtlich = auf das gleiche Geschlecht bezogen

Dieser Bedeutungsunterschied zwischen -geschlechtig und -geschlechtlich wird allerdings nicht immer von allen streng eingehalten.

Sie werden natürlich immer wieder Wörtern begegnen, die Sie nicht im Wörterbuch finden. Es gibt sehr, sehr viele und immer wieder neue Wörter, so dass kein Wörterbuch sie alle auflisten kann. Die Form geschlechtig zeigt aber, dass das „Fehlen“ eines Wortes manchmal auch daran liegen kann, dass das Wort in dieser Form gar nicht verwendet wird. Es gibt zwar eingeschlechtige und zweigeschlechtige Blüten, das Wort geschlechtig gibt es aber trotzdem nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (5)

Wer und wo, who and where – ein Missverständnis?

Frage

Ich bin ein „Hobbyetymologe“, den schon seit geraumer Zeit die folgende Frage beschäftigt: Bei den Fragepronomen wer (engl. who) und wo (engl. where) muss doch eine der beiden Sprachgruppen – die deutsche oder die englische – die andere Sprachgruppe missverstanden haben. Wer hat hier wen missverstanden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

wenn man nur nach Äußerlichkeiten urteilen würde, müssten tatsächlich wer und where resp. wo und who miteinander verwandt sein. Die Bedeutung dieser Fragewörter lässt aber zu Recht ein anderes Verwandtschaftsverhältnis vermuten:

Das deutsche Fragewort wo geht über mittelhochdeutsches wa auf das althochdeutsche (h)war zurück. Es bedeutete eigentlich an was (für einem Ort). Das entsprechende englische Fragewort where geht auf altenglisches hwær zurück, das – Sie erraten es vielleicht schon – mit dem althochdeutschen (h)war verwandt ist. Die Fragewörter wo und where haben also grob gesagt den gleichen Ursprung. Sie haben aber nicht den gleichen Lautwandel durchlaufen.

Ebenfalls mit wo und where sind zum Beispiel verwandt: niederländisch waar, friesisch wêr, schwedisch var und dänisch hvor.

Das deutsche Fragewort wer geht auf das althochdeutsche (h)wer zurück. Seine englische Entsprechung who ist über altenglisches hwa ebenfalls mit dem althochdeutschen (h)wer verwandt. Auch hier gilt: gleicher Ursprung, aber andere Lautentwicklung.

Vergleichen Sie auch zum Beispiel friesisch wa, schwedisch vem, dänisch hvem und niederländisch wie (sic!).

Die Englischsprachigen und die Deutschsprachigen haben einander also (in diesem Fall) nicht missverstanden. Die verwirrenden Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen wer und who und wo und where sind vor allem dadurch entstanden, dass die beiden Sprachgruppen im Laufe der Jahrhunderte ihre Fragewörter nicht in gleicher Weise „schlampig“ ausgesprochen haben. So sieht man wieder einmal: Gäbe es keine Sprachentwicklung, müsste man auch keine Fremdsprachen lernen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.