Von Linguist Bopp oder vom Linguisten Bopp

Frage

Laut grünem Duden ist es erlaubt, ein Substantiv im Dativ ohne Flexionsendung zu schreiben, wenn kein Artikel vor einem Titel oder einer Berufsbezeichnung steht […]:

(Es wurde) die Einschaltung von Bundestagspräsident Gerstenmaier gefordert

Was aber, wenn Herr Gerstenmaier ein Soziologe ist und man sich auch nicht mit dem Genitiv behelfen kann?

Das Buch wird von Soziologe Peter Gerstenmaier präsentiert

klingt nach meinem Sprachgefühl falsch. Noch falscher wäre es zum Beispiel bei einem Wirtschaftsweisen:

Das Buch wird von Wirtschaftsweise Wilhelm Muster präsentiert

Aber warum? Wo ist der entscheidende Unterschied zum Satz:

Das Buch wird von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt präsentiert

der sich in Ordnung anhört?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

lassen Sie mich zuerst einmal etwas ausholen: Wenn Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandtschaftsbezeichnungen u. Ä. ohne Artikel vor einem Namen stehen, sind sie vorangestellte Appositionen (nähere Bestimmungen) zum Namen, vor dem sie stehen. In solchen Fällen wird der Name und nicht die Apposition gebeugt. Am besten sieht man das im Genitiv (kursiv der gebeugte Teil der Personenbezeichnung):

König Arthurs Tafelrunde
Malermeisterin Eva Hubers Geschäft
Bundestagspräsident Gerstenmaiers Büro
Bild-Chefredakteur Julian Reichelts Präsentation des Buches
Soziologe Peter Gerstenmaiers Präsentation des Buches
Pädagoge Dr. Rob Kindles neue Theorie

Das gilt auch im Dativ. Auch dort bleiben Titel u. Ä. als Apposition ungebeugt und wird der Name in den Dativ gesetzt (was man allerdings nicht sieht, weil Eigennamen im Dativ endungslos sind):

von König Arthur
mit Malermeisterin Eva Huber
mit Bild-Chefredakteur Julian Reichelt

Auch ein schwach gebeugter Titel u. Ä.  bleibt im Dativ ungebeugt, weil nicht er, sondern der Eigenname im Dativ steht:

die Einschaltung von Bundestagspräsident Gerstenmaier
die Präsentation von Soziologe Peter Gerstenmaiers
bei Pädagoge Dr. Rob Kindle

Sie sagen, dass die Formulierungen mit Soziologe ungewöhnlich klingt und die Formulierung mit Wirtschaftsweise sogar falsch. Sie haben damit insofern recht, als diese Wörter in der Regel nicht als artikellose Titel verwendet werden bzw. verwendet werden können. Man verwendet sie normalerweise nur mit Artikel. Dann sind sie keine Appositionen mehr, sondern Wortgruppenkerne, die gebeugt werden (und der Name bleibt ungebeugt):

die Tafelrunde des Königs Arthur
das Geschäft der Malermeisterin Eva Huber
die Präsentation des Bild-Chefredakteurs Julian Reichert

die Präsentation des Soziologen Peter Gerstenmeier
die Präsentation des Wirtschaftsweisen Wilhelm Muster

Ebenso im Dativ

Das Buch wird vom Soziologen Peter Gerstenmeier präsentiert
Das Buch wird vom Wirtschaftsweisen Wilhelm Muster präsentiert

So viel von Linguist Dr. Bopp oder vom Linguisten Dr. Bopp zu diesem Thema. Siehe auch hier und hier für die Beugung solcher Wortgruppen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Ein Blog wie meiner / der meine / der meinige

Frage

Ich bin immer wieder unsicher mit dem Vergleich „wie“ + Pronomen, also zum Beispiel:

Hinweise wie Ihren / den Ihrigen / den Ihren schätzen wir sehr.
Über ein Lob wie Ihres / das Ihrige / das Ihre
Eine Rückmeldung wie Ihre / die Ihrige / die von Ihnen

Für mich klingt jeweils die mittlere Version am ehesten korrekt.
 Wie schreibt man das genau, was ist korrekt […] und an welche Regel kann ich mich halten?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

an dieser Stelle lässt das Deutsche, auch die Standardsprache, so viele Möglichkeiten zu, dass man tatsächlich manchmal unsicher werden kann. Eine Regel, an die Sie sich halten müssen oder sollten, gibt es nicht. Richtig ist hier nämlich:

Possessiv ohne Artikel
Possessiv mit bestimmtem Artikel
Possessiv auf -ig mit bestimmtem Artikel

Nur die Formulierung mit von (die von Ihnen) halte ich für standardsprachlich nicht empfehlenswert. Sie haben somit drei verschiedene Möglichkeiten, die alle akzeptiert sind und als korrekt gelten:

Hinweise wie Ihren / den Ihren / den Ihrigen schätzen wir sehr.
Über ein Lob wie Ihres / das Ihre / das Ihrige freuen wir uns.
Eine Rückmeldung wie Ihre / die Ihre / die Ihrige nehmen wir ernst.

Bei den Formen mein/dein/sein gibt es im sächlichen Nominativ und Akkusativ Einzahl sogar noch eine vierte Variante:

Über ein Lob wie deines / deins / das deine / das deinige freuen wir uns.

Dies alles gilt übrigens nicht nur nach wie, sondern in den meisten Fällen, wenn das Possessiv allein steht (vgl. hier):

Nehmen wir deinen Wagen oder meinen / den meinen / den meinigen.
Meines ist besser als deines / Meins ist besser als deins / Das meine ist besser als das deine / Das meinige ist besser als das deinige.
Wenn ihr keine Handtücher habt, leihen wir euch unsere / die unseren / die unsrigen.

Bei so viel freier Wahl kann man, wie gesagt, schon ein bisschen unsicher werden. Sie können aber einfach die Variante wählen, die Ihnen am besten gefällt. Ich persönlich halte die Formulierungen mit ig für schwerfällig, aber sie kommen so häufig vor, dass ganz offensichtlich nicht alle dieser Meinung sind. Ihre Wahl muss sich nicht nach meiner, der meinen oder eben der meinigen richten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Nahe von London, nahe Londons oder nahe London?

Frage

Die Grammatik sagt: „nahe“ mit Dativ

Doppelzimmer in ruhiger Lage nahe dem Zentrum
Das Ferienhaus liegt nahe dem Waldrand

Aber wie ist das mit einem Substantiv ohne Artikel, wie etwa „Wien“ oder „London“? Muss dann „von“ eingefügt werden? „Nahe Londons“ klingt für mich nicht übel, „nahe von London“ etwas behäbig. Der Satz lautet: „Windsor liegt nahe von London / nahe Londons.“

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Präposition „nahe“ verlangt tatsächlich den Dativ:

Wir wohnen nahe dem Bahnhof
Der Zoo liegt nahe der Innenstadt / dem Zentrum

Wenn Sie nahe mit einem artikellosen Ortsnamen verwenden wollen, steht er auch im Dativ. Das ist allerdings an der Form nicht zu sehen, denn der Dativ ist bei solchen Namen endungslos:

beliebte Ausflugsziele nahe Wien
die Gemeinde Moritzburg nahe Dresden

Entsprechend lautet Ihr Beispielsatz:

Windsor liegt nahe London

Bei nahe geht es also nicht anders zu und her als bei anderen Präpositionen, die den Dativ verlangen:

beliebte Ausflugsziele bei Wien
die Reise nach Klagenfurt
Abflug ab London

Es ist übrigens nicht allzu erstaunlich, dass Sie auf eine Formulierung mit von oder dem Genitiv gekommen sind. Das kann einerseits mit der Nähe von nahe zu in der Nähe zu tun haben (vgl. in der Nähe von London, in der Nähe Londons), andererseits kann auch die Tendenz eine Rolle spielen, gehobenere Präpositionen „vorsichtshalber“ mit dem Genitiv zu verbinden, obwohl Sie standardsprachlich korrekt mit dem Dativ stehen sollten (zum Beispiel unrichtig: *laut eines Polizeisprechers, *gemäß dieses Urteils, *gegenüber des Restaurants, *nahe des Zentrums statt korrekt laut einem Polizeisprecher, gemäß diesem Urteil, gegenüber dem Restaurant, nahe dem Zentrum; vgl. hier).

Die Präposition nahe gehört eher dem gehobeneren Sprachgebrauch an. Wenn Ihnen nahe London etwas zu gesucht vorkommt oder seltsam in den Ohren klingt, können Sie auch auf das üblichere in der Nähe von London oder in der Umgebung von London ausweichen. Und wenn es kurz sein soll, geht auch bei London. Das ist nicht weiter entfernt von Buckingham Palace, Harrods und Big Ben als nahe London.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zwei Wörter, aufgrund deren/derer manche ins Zweifeln geraten

Frage

Was ist korrekt?

Hier ist ein Bild unserer Schwester, deren wir heute gedenken
Hier ist ein Bild unserer Schwester, derer wir heute gedenken

Oder ist beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das weibliche Relativpronomen im Genitiv ist deren oder derer. Beide Formen gelten als korrekt. Richtig sind also beide Formulierungen:

unsere Schwester, deren wir heute gedenken
unsere Schwester, derer wir heute gedenken

Die Genitivformen deren und derer sind neben weiblich Singularformen auch Pluralformen. Nach den Grammatikern des 19. Jahrhunderts sollte man derer verwenden, wenn es ein vorausweisendes Demonstrativpronomen ist, sonst müsse deren stehen. Diese Regel hat sich aber, wie die Sprachpraxis zeigt, nie durchgesetzt. Ganz frei ist die Verwendung der beiden Formen allerdings nicht. Der Einfachheit halber werden hier das Demonstrativpronomen und das Relativpronomen zusammen behandelt.

a) Einem Substantiv vorangestellt kann nur deren stehen:

Wir denken an unsere Schwester, deren Todestag sich heute jährt
die Dame, deren rotes Cabrio vor dem Haus steht
eure Vorschläge, deren Durchführbarkeit noch geprüft werden muss
die Zeugen, aufgrund deren zweifelhafter Aussagen sie verurteilt wurde

Auch vor einem (unbestimmten) Zahlwort steht nur deren:

Es gibt nicht nur eine Ursache, sondern deren viele
Das waren es nur noch deren zwei / deren nur noch zwei

b) Als vorausweisendes Wort wird nur derer verwendet:

Stellt eine Liste derer zusammen, die ihr gerne einladen würdet.
Erinnert euch derer, die nicht mehr unter uns sind.

Im Feminin Singular ist derer aber unüblich, da derer mit dieser Funktion im Allgemeinen als Pluralform verstanden wird. Man verwendet dann besser ein Substantiv mit Artikel:

Erinnert euch der Frau, die nicht mehr unter uns ist.

c) In allen anderen Fällen sind deren und derer üblich:

die Frau, deren/derer wir heute gedenken
die Toten, deren/derer wir heute gedenken
die Frist, innerhalb deren/derer Leistungen abgerechnet werden
Kriterien, anhand deren/derer entschieden wird

Sonderabfälle und wie man sich deren/derer entledigen kann

Und wer jetzt vor lauter deren und derer den Überblick verloren hat, möge Trost darin finden, dass es meistens gutgeht, wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, und auch darin, dass sich dieses Problem zum Glück bei dessen nie stellt. Die folgende grobe Zusammenfassung kann hoffentlich dabei helfen, die Übersicht zurückzugewinnen:

  1. einem anderen Wort vorangestellt: deren
  2. auf ein nachfolgendes Wort verweisend: derer
  3. sonst: deren oder derer

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Im Titel hätte mir wegen besser gefallen als das schwerfälligere aufgrund, doch anstelle von wegen deren oder wegen derer verwendet man üblicherweise derentwegen:

Zwei Formen, derentwegen manche ins Zweifeln geraten

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Mehrteilige Subjekte und zusammengezogene Teilsätze

Frage

Ich bin mir nicht sicher, ob folgender Satz korrekt ist:

Innerhalb von sechs Monaten wurden ein neues Markenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

Gemäß der Regel […] wird das Verb in den Plural gesetzt, wenn das Subjekt aus mehreren Teilen besteht, die mit „und“ verbunden sind. […] Ist dies hier die richtige Regel und der Satz oben also korrekt?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Der Satz sollte nicht so formuliert werden. Richtig ist hier die Singularform wurde:

Innerhalb von sechs Monaten wurde ein neues Markenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

Es geht hier nicht wie in der Regel, die Sie erwähnen, um ein mehrteiligen Subjekt, sondern um die Zusammenziehung von Teilsätzen mit einer identischen Verbform, die in einem Teilsatz weggelassen wird.

a) Zusammenziehung von Teilsätzen (vgl. hier)

Von einer Zusammenziehung von Teilsätzen ist dann die Rede, wenn die ausformulierten Teilsätze sich mehr als nur beim Subjekt voneinander unterscheiden:

Gestern hat Lisa einen Apfel gegessen.
Gestern hat Max eine Birne gegessen.
→ Gestern hat Lisa einen Apfel und Max eine Birne gegessen.

Das Angebot ist gesunken.
Der Preis ist gestiegen.
Das Angebot ist gesunken und der Preis gestiegen.

Hier wird im zweiten, verkürzte Teilsatz die identische Verbform hat resp. ist nicht wiederholt. Die beiden Subjekte sind in der Regel durch mehr als nur und voneinander getrennt.

b) Mehrteiliges Subjekt mit und (vgl. hier)

Bei einem mehrteiligen Subjekt unterscheiden sich nur die Subjektteile voneinander und der Rest des Satzes bleibt gleich, wenn man ihn „auseinandernimmt“. Dann gilt die Regel, auf die Sie verweisen, das heißt, das Verb steht im Plural:

Gestern hat Lisa einen Apfel gegessen.
Gestern hat Max einen Apfel gegessen.
→ Gestern haben Lisa und Max einen Apfel gegessen.

Das Angebot ist gesunken.
Die Nachfrage ist gesunken.
Das Angebot und die Nachfrage sind gesunken.

Auf Ihren Satz übertragen heißt dies:

a) Zusammenziehung von Teilsätzen

Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen.
Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neuer Webauftritt aufgesetzt.
→ Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

So sollte Ihr Satz formuliert sein, weil die Teilsätze sich nicht nur beim Subjekt voneinander unterscheiden. Die identische Verbform wurde wird im zweiten Teilsatz weggelassen.

Der Vollständigkeit halber folgt noch ein Beispiel, das zeigt, wie eine ähnliche Formulierung mit einem mehrteiligen Subjekt aussieht:

b) Mehrteiliges Subjekt mit und

Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen.
Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neuer Webauftritt entworfen.
→ Innerhalb eines halben Jahres wurden ein neues Warenzeichen und ein neuer Webauftritt entworfen.

Zur Zusammenziehung von Teilsätzen gäbe es noch viel mehr zu sagen, aber hier soll es nur um die Unterscheidung zu Sätzen mit einem mehrteiligen Subjekt gehen. Deshalb noch einmal kurz als Faustregel zusammengefasst:

Wenn beim Ausformulieren neben dem Subjekt auch noch andere Elemente der Teilsätze unterschiedlich sind, richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

Wenn beim Ausformulieren nur das Subjekt der Teilsätze unterschiedlich ist, haben wir es mit einem mehrteiligen Subjekt zu tun. Das Verb steht dann im Plural.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie werden abgek. Adjektive gebeugt?

Frage

Ich habe eine Frage zur Deklination von Abkürzungen. In der Theologie ist ein gängiges Abkürzungsverzeichnis von der RGG-Redaktion herausgegeben worden. Darin gibt es z. B. „atl. = alttestamentlich“. Wenn ich nun einen Satz habe wie „Paulus greift die atl. Vorstellungen auf“, müsste ich dann „atl.en“ schreiben […]? Dasselbe Problem müsste es ja auch bei nicht theologischen Abkürzungen geben wie etwa „Ich liebe die griech. Sprache“, aber „Neben der griech.en Sprache liebe ich auch die dt.e Sprache“.

Antwort

Guten Tag Herr S.,

diesmal ist es ganz einfach: In der Regel werden bei abgekürzten Adjektiven keine Deklinationsendungen angefügt. Sie können also am besten wie folgt formulieren:

die atl. Vorstellungen
Neben der griech. Sprache lernten sie auch die dt. Sprache.
am Fuß der österr. Alpen
die brit. Premierministerin

In seltenen Fällen wird der Plural durch Verdoppelung angegeben:

Seite 32 ff. (= und folgende)

Sie können also davon ausgehen, dass die Leserschaft die richtige Endung problemlos zusammen mit dem Rest des Adjektivs ergänzt. Wichtiger ist es, nicht allzu viele und nicht allzu schwer entzifferbare Abkürzungen zu verwenden.

Mit freundl. Grüßen

Dr. Bopp

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Maharadscha, Maharani, mega, Michelsdorf und Mecklenburg

Vor ein paar Tagen bin ich in der Sommerflaute wieder einmal über einen alten Filmklassiker gestolpert: Der Tiger von Eschnapur von Fritz Lang aus dem Jahr 1958. Es geht dabei um eine etwas komplizierte Abenteuer- und Liebesgeschichte, in der ein blutrünstiger Tiger, ein tapferer deutscher Ingenieur, eine bildschöne indische Tempeltänzerin, die durch Heirat mit dem Maharadscha zur Maharani wird, sowie zünftige Portionen Liebe, Heldenmut, Eifersucht und Hinterhältigkeit eine Rolle spielen. Wenn Sie melodramatisches Drama und Abenteuer mögen, sicher empfehlenswert.

Mir geht es hier aber mehr um die schönen Wörter Maharani und Maharadscha, deren Herkunft ich kurz nachgeschlagen habe (solche Dinge tun Sprachler bei Hitze und Sommerflaute …). Die beiden Wörter kommen aus dem Hindi, der Sprache, die vor allem in Nordindien gesprochen wird und offizielle Amtssprache Indiens ist. Die Wörter setzen sich aus zwei Teilen zusammen, nämlich

mahā = groß
rājā = König, Fürst; rānī = Königin, Fürstin

Ein Maharadscha ist also ein großer Fürst und hat entsprechend einen höheren Rang als ein Radscha.

Interessant finde ich, dass diese Wörter zeigen, dass es trotz beträchtlicher Distanz eine Verwandtschaft zwischen den indischen und den europäischen Sprachen gibt, die zusammen die indoeuropäische Sprachfamilie bilden:

rājā und rānī sind mit rex (lat. für König), regieren und über zwei Ecken mehr auch mit reich/rich/riche/rico/ricco verwandt;

mahā ist mit griechisch mega und mit dem alten germanischen Wort mikil = groß verwandt. „Überlebt“ hat mikil noch in Ortsnamen wie Michelsdorf und Mecklenburg.

Nun sollte auch klar sein, was die Wörter im Titel miteinander zu tun haben. Sie sind miteinaner verwandt: groß. Den krampfhaften Versuch, sie alle vier in einem eleganten und humoristischen Schlusssatz zusammenzubringen, erspare ich Ihnen heute.

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Alle beliebtesten Marken?

Frage

Da Werbefachleute oftmals eine sehr eigene Art der deutschen Sprache pflegen, stoße ich immer wieder auf Formulierungen, bei denen ich mich fragen: „Darf man das? Ist das richtig?“

Aktuelles Beispiel: Kann man einen Superlativ in Verbindung mit dem Wort „alle“ setzen? In einem Werbespot heißt es derzeit: „Alle beliebtesten Marken“. Immer wenn ich diesen Satz höre, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ist der Satz „alle beliebtesten Marken“ korrekt formuliert? Früher gab es mal „Deutschlands meiste Kreditkarte“ – das hat mich auch jedes Mal auf die Palme gejagt.

Antwort

Guten Tag Herr D.,

mit der Sprache zu spielen ist erlaubt. Wenn eine Abweichung von der Grammatik bewusst geschieht, um einen bestimmten Effekt zu erreichen, ist sie dann ein Fehler?

Die Beurteilung von Werbeäußerungen, die Ungrammatisches enthalten, ist oft schwierig, weil nicht deutlich ist, ob die Abweichung von der Grammatik bewusst geschieht oder ob es einfach ein Fehler ist.

Beim Werbespruch „Deutschlands meiste Kreditkarte“ wurde bewusst mit einem Grammatikfehler gespielt. Dieses bewusste Wortspiel kann gefallen, es kann aber auch Missfallen auslösen – das gehört zu den Risiken des Fachs. Nun zu „alle beliebtesten Marken“:

Auch wenn es auf den ersten Blick immer nur ein Bestes, ein Größtes, ein Schönstes usw. gibt, ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, alle mit einem Superlativ zu verbinden. Wenn es um das jeweils Beste, Größte, Schönste usw. aus verschiedenen Klassen geht, kann man diese Verbindung verwenden (ob eine solche Formulierung immer ein stilistisches Meisterwerk ist, will ich dahingestellt sein lassen). Zum Beispiel:

alle schnellsten Läuferinnen ihrer Altersklasse
= die jeweils schnellste Läuferin aus allen Altersklassen

wenn alle höchsten Karten ausgespielt sind
= die jeweils höchste Karte aller Farben

alle beliebtesten Marken
= die jeweils beliebteste Marke aus allen Produktgruppen

Es könnt also sein, dass mit „alle beliebtesten Marken“ eine ganz spezifische Aussage gemacht wird. Es könnte auch sein, dass mit „alle beliebtesten Marken“ wie bei „Deutschlands meiste Kreditkarte“ bewusst eine von der Norm abweichende Steigerungsart verwendet wird.

Ich vermute allerdings, dass zumindest in einem Teil der Fälle einfach „alle beliebten Marken“ gemeint ist. Die Formulierung „alle beliebtesten Marken“ ist dann eine unbewusste Abweichung von der Grammatik*, die sich wahrscheinlich darauf zurückführen lässt, dass „beliebtesten“ einfach nach mehr klingt als  „beliebten“ („Wir haben nicht die beliebten Marken, sondern die beliebtesten, und zwar alle!“).

Kurzum: Die Formulierung „alle beliebtesten Marken“ ist nur in ganz bestimmten Zusammenhängen richtig und sonst eigentlich ein kleiner Verstoß gegen die Grammatik. Dieser Verstoß kann eine bewusste Abweichung von der Norm sein, um einen bestimmten Werbeeffekt zu erzielen. Ob das auch immer der Fall ist, wage ich zu bezweifeln.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* eine unbewusste Abweichung von der Grammatik = schön für: ein Fehler

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Der Nochspieler/Baldtrainer

Frage

Ich bin auf eine Unsicherheit gestoßen bei der Formulierung „Der Noch-Spieler-bald-Trainer hat bereits Ideen“. Ist die Durchkoppelung so korrekt? Oder wäre Folgendes besser: „Der noch Spieler, bald Trainer hat bereits Ideen“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

korrekt ist hier eher diese Schreibung:

Der Nochspieler/Baldtrainer hat bereits Ideen

Verbindungen mit einem Adverb und einem Substantiv schreibt man zusammen. Zum Beispiel:

Gratisangebot, Linksverkehr, Nichtexperte, Nurhausfrau, Soforthilfe, Vorausexemplar
Nochspieler, Baldtrainer

Man kann natürlich auch mit verdeutlichenden Bindestrichen arbeiten, so wie es vor allem bei Personenbezeichnungen immer häufiger geschieht:

Ex-Präsidentin, Nicht-Experte, Nur-Hausfrau
Noch-Spieler, Bald-Trainer

Wie häufig bei den „verdeutlichenden“ Bindestrichen zweifle ich allerdings, ob sie hier tatsächlich sehr verdeutlichend sind:

Der Noch-Spieler/Bald-Trainer hat bereits Ideen

Etwas besser vielleicht mit und:

Der Nochspieler und Baldtrainer hat bereits Ideen
Der Noch-Spieler und Bald-Trainer hat bereits Ideen

Nicht korrekt ist übrigens die Getrenntschreibung (nicht: *der noch Spieler, *der bald Trainer).

Mit freundlichen Grüßen

Nochblogger und Baldwochenendler Bopp

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17-Jährige am Satzanfang

Frage

Meine Kollegen und ich streiten uns regelmäßig ob der Klein- oder Großschreibung bei Formulierungen mit „-jährig“. Zwar stimmen mir alle Kollegen zu, wenn ich ihnen erkläre, dass bei Substantivierungen das „j“ bei „35-Jährige“ großgeschrieben werden muss. Dagegen glauben sie mir nicht, dass „-jährig“ nach einer Zahl auch als Adjektiv am Satzanfang großgeschrieben werden muss. Negativbeispiel (Zeitungsüberschrift im Spiegel):

Wegen Ohrfeige im Gefängnis: 17-jährige Palästinenserin wieder frei

Meiner Meinung nach müsste hier „17-Jährige“ stehen.

Antwort

Guten Tag Herr M.,

alle sind sich offenbar darüber einig, dass man das substantivierte die 17-Jährige mit einem großen J schreibt. Man schreibt hier aber nicht groß, weil die Großschreibung sozusagen ins Wortinnere rutscht, wenn am Anfang eine Ziffer steht. Man schreibt hier groß, weil Substantive und „Substantiviertes“ in Verbindungen mit Bindestrich großgeschrieben werden (vgl. 8-Stunden-Tag, 5-Tonner, 12-Plätzer) und Jährige in dieser Verbindung als substantiviertes Adjektiv gilt. Deshalb:

Die 17-Jährige ist wieder frei
17-Jährige wieder frei

Das nicht substantivierte 17-jährige wird mit einem kleinen j geschrieben. Das gilt auch am Satzanfang, denn nicht jährige, sondern 17 steht ganz am Anfang des Satzes:

Die 17-jährige Palästinenserin ist wieder frei
17-jährige Palästinenserin wieder frei

Vgl. ähnliche Fälle am Satzanfang:

100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.
32-teiliges Werkzeugset zum Sonderpreis!
17 kleine Kinder waren eingeladen.

33-grädige Hitze und dadurch beinahe von der Tastatur gleitende Finger hindern mich daran, noch genauer auf diese Frage einzugehen. Ich gönne mir jetzt etwas Kühles. Man möge mir das bitte nachsehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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