Die Kinder sind drei und ein Jahr(e?) alt

Frage

Können Sie mir beantworten, welcher der zwei Formulierungen der Vorzug zu geben ist:

Meine zwei Kinder sind 3 und 1 Jahre alt.
Meine zwei Kinder sind 3 und 1 Jahr alt.

Oder geht Ihres Erachtens nur: „3 Jahre und 1 Jahr alt“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

Wenn ein Substantiv in einer Aufzählung mehr als einmal erscheint und dabei unterschiedliche Attribute bei sich hat, muss es nur einmal genannt werden. Das gilt auch dann, wenn das Substantiv nicht immer dieselbe Form hat.

Anders und weniger genau, dafür hoffentlich leichter verständlich formuliert heißt das: Wenn ein Substantiv in einer Aufzählung ausgelassen wird, formuliert man gleich, wie wenn kein Wort weggelassen würde:

Meine Kinder sind drei und ein Jahr alt (drei [Jahre] und ein Jahr alt)
Meine Kinder sind ein und drei Jahre alt (ein [Jahr] und drei Jahre alt)

Ebenso zum Beispiel:

Gibt es nur eine oder mehrere Wahrheiten?
Kann es mehrere oder nur eine Wahrheit geben?
sowohl das große als auch die kleinen Zelte
sowohl die kleinen als auch das große Zelt
mit einer oder mehreren Personen
mit mehreren oder nur einer Person

Es ist eigentlich ganz einfach. Sie sind vielleicht deshalb unsicher geworden, weil es häufiger vorkommt, dass zuerst der Singular und dann der Plural genannt wird:

ein und drei Jahre alt
mit einer oder mehreren Personen

Die umgekehrte Reihenfolge trifft man weniger häufig an. Sie ist deshalb möglicherweise ein bisschen gewöhnungsbedürftiger:

drei und ein Jahr alt
mehrere oder nur eine Person

Sie können aber stolz und grammatisch korrekt sagen, dass Ihre Kinder drei und ein Jahr alt sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kein Bindestrich bei »nicht«: Nichteinschreiten, Nichtfachleute, nichteuropäisch

Zusammensetzungen mit nicht werden häufig mit Bindestrich geschrieben, obwohl dies in der Rechtschreibregelung nicht so vorgesehen ist.

Frage

Angenommen, das Wort „das Einschreiten“ soll mit „nicht“ verbunden werden, dann müsste das Negationswort doch direkt mit dem Substantiv verbunden werden, oder sehe ich das falsch? Korrekt müsste es also heißen: „das Nichteinschreiten“.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

es stimmt tatsächlich, dass man nach der Rechtschreibregelung Verbindungen mit nicht und einem substantivierten Infinitiv zusammenschreibt (vgl. hier).

nicht + substantivierter Infinitiv

das Nichteinschreiten

das Nichteinhalten des Vertrages
Rückgabe der Ware bei Nichtgefallen
Nichtwissen schützt nicht vor Strafe

Wird hingegen eine substantivierte Infinitivgruppe verneint, dann besteht sie aus mehr als zwei Elementen und wird entsprechend mit Bindestrichen geschrieben (vgl. hier).

nicht + subtantivierte Infinitivgruppe

das Gefühl des Nicht-gewollt-Seins
das Nicht-mehr-warten-Können

Das ist übrigens der einzige Fall, in dem die Rechtschreibregelung bei Zusammensetzungen mit nicht die Schreibung mit einem Bindestrich vorsieht. So schreibt man nicht nur nicht und substantivierte Infinitive zusammen (Nichteinhalten, Nichtwissen), sondern im Prinzip alle Verbindungen mit nicht und einem Substantiv (vgl. hier).

nicht + Substantiv

Nichteinhaltung
Nichterfolg
Nichtfachleute
Nichtedelgase
Nichteuropäer/Nichteuropäerin
Personen und Nichtpersonen
Nichtmuttersprachler/Nichtmuttersprachlerin

Hier wird allerdings entgegen der Grundregel häufig mit Bindestrich geschrieben. Noch häufiger kommt der in der Rechtschreibregelung nicht vorgesehene Bindestrich bei der Kombination von nicht mit einem Adjektiv vor. Für diesen Fall bestimmt die amtliche Regelung (§36.2.3) ausdrücklich, dass entweder zusammen- oder getrennt geschrieben wird (vgl. hier).

nicht + Adjektiv

nicht eheliche/nichteheliche Kinder
nicht europäisch/nichteuropäisch
nicht geschäftsfähig/nichtgeschäftsfähig
eine nicht kontrastive/nichtkontrastive Verneinung
nicht leitende/nichtleitende Materialien
nicht tumorbedingte/nichttumorbedingte Schmerzen

Siehe auch hier.

Bei absichtlichem oder nicht absichtlichem/nichtabsichtlichem Nichteinhalten dieser Regeln wird man sicher nicht gleich des Nicht-schreiben-Könnens bezichtigt, aber wenn Sie sich lieber nicht der Nichtbeachtung der Regeln schuldig machen wollen, kommen Sie bei nicht fast immer ohne Bindestriche aus.

Das Meiste können Sie hier in konzentrierterer Form nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Seilbahn und ihre Vorgängerin

Frage

Manchmal stolpere ich beim Lesen über Formulierungen wie diese:

Die Seilbahn fasst dreimal so viele Passagiere wie ihre Vorgängerin
Die XY-Aktie war die größte Verliererin im DAX
Die dunkle Materie ist Herrscherin des Universums

Ist es nicht so, dass Wörter, die mit -in enden, Frauen bezeichnen, und ist es daher nicht im Grunde falsch, so zu formulieren? Ist es Gender-Sprache?

Die alternativen Formulierungen wären:

Die Seilbahn fasst dreimal so viele Passagiere wie ihr Vorgänger
Die XY-Aktie war der größte Verlierer im DAX
Die dunkle Materie ist Herrscher des Universums

Antwort

Guten Tag Herr G.,

es ist im Deutschen möglich und üblich, weibliche Substantive auf -in, die im Prinzip Personenbezeichnungen sind, auch für weibliche Sachbezeichnungen zu verwenden:

Antragstellerin ist die Universität
die Stadtverwaltung als Arbeitgeberin

Es ist ebenfalls möglich, die entsprechende männliche Bezeichnung zu verwenden:

Antragsteller ist die Universität
die Stadtverwaltung als Arbeitgeber

Die Zitate in Ihrer Frage sind also mit Vorgängerin, Verliererin und Herrscherin richtig formuliert, sie könnten aber auch mit Vorgänger, Verlierer und Herrscher stehen. Siehe auch hier und hier.

Diese Verwendung weiblicher Substantive auf -in hat ihren Ursprung übrigens nicht in der geschlechtergerechten Sprache. Es gab sie schon, bevor von Gendern die Rede war:

Allein die wahre Weisheit ist die Begleiterin der Einfalt.
Kant, Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik, 1766

Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin
Goethe, Die natürliche Tochter, 1803. 4. Akt, 2. Szene

Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin
Casanova (1725 – 1798), Memoiren. Vollständige Ausgabe in der Übertragung von Heinrich Conrad, 1911

Es könnte sein, dass die Aufmerksamkeit für die geschlechtergerechte Sprache dafür sorgt, dass diese Art der Formulierung häufiger vorkommt, doch dazu liegen mir leider keine Angaben vor. Mangelnde Information ist hier die Spielverderberin.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sich weglassen?

Es ist wahrscheinlich möglich, einen Kontext zu finden, in dem das Verb weglassen reflexiv verwendet wird, aber darum geht es hier nicht. Vielmehr fragt Herr D., ob man wiederholtes sich weglassen kann.

Frage

Können Wiederholungen von sich ausgelassen werden? Fantasiebeispiel:

…, sodass sie sich versammelten, (sich) manche darüber wunderten und einige (sich) auf den Weg machten

Antwort

Guten Tag Herr D.,

wiederholtes sich kann manchmal weggelassen werden:

Wackelaugen, die sich öffnen und schließen
Sie freute und ärgerte sich gleichzeitig
Sie versammelten und wunderten sich

Das ist aber nicht immer der Fall. Das Reflexivpronomen sich kann unter anderem dann nicht weggelassen werden, wenn es sich – anders als in den Beispielen oben – nicht auf dasselbe Subjekt bezieht.

In Satz a) bezieht sich sich immer auf dasselbe Subjekt, nämlich sie. Es kann dann zusammen mit dem Subjekt eingespart werden:

a) … sodass sie sich versammelten, _ darüber wunderten und _ auf den Weg machten

In Ihrem Beispiel bezieht sich sich auf verschiedene Subjekte, nämlich sie, manche und einige. Dann kann es nicht weggelassen werden:

b) … sodass sie sich versammelten, sich manche darüber wunderten und einige sich auf den Weg machten

Damit man den Unterschied auch richtig gut sieht, hier noch zwei einfachere (nicht unbedingt genderneutrale) Beispiele, in denen sich zusammen mit dem Subjekt ausgelassen werden kann:

Er wäscht und rasiert sich jeden Morgen
Sie wäscht und schminkt sich jeden Morgen

Aber nur mit Wiederholung von sich, wenn das Reflexivpronomen sich auf unterschiedliche Subjekte bezieht:

Er rasiert sich und sie schminkt sich jeden Morgen.
nicht: *Er rasiert und sie schminkt sich jeden Morgen.

Schlussfolgerung: Nicht immer lässt sich sich weglassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Anglizismus des Jahres 2018

Die verschiedenen Wahlen zum Wort des Jahres lasse ich normalerweise links liegen. Für die Interessierten verweise ich wieder einmal auf die Übersichten der jeweiligen Wörter und Unwörter des Jahres in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in Wikipedia zu finden sind.

(Wörterwolke von Anglizismus des Jahres)

Dieses Jahr sei hier trotzdem wieder einmal auf den Anglizismus des Jahres hingewiesen, der die Wortwahlsaison abschließt. Gewonnen hat den Titel „Anglizismus des Jahres 2018“:

Gendersternchen

Mehr dazu lesen Sie auf der Website Anglizismus des Jahres und im Sprachlog.

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Dehnungszeichen

Frage

Das Dehnung-h und das Dehnungs-e (nach einem i) kennt jeder. Das Dehnungs-c kennen nur wenige (z. B. Mecklenburg, Dortmund-Brackel). Gibt es weitere Dehnungsbuchstaben? Warum gibt es im Deutschen eine solche Vielfalt?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

im heutigen Deutschen dienen tatsächlich nur noch die Buchstaben h und e als Dehnungs- oder Längenzeichen. Das Dehnungs-h kommt nach allen Vokalen vor:

Sahne, Strähne, kehren, ihr, hohl, Föhn, Ruhm, Bühne

Das Dehnungs-e wird heute nur noch nach i verwendet:

Biene, lieben, schwierig

Nur noch selten kommen andere Dehnungszeichen vor, zum Beispiel:

  • In Laer, Soest o. Gelsenkirchen-Buer gibt das e an, dass a, o resp. u lang gesprochen wird [Laar, Soost, Buur]
  • In Voigt, Boisheim o. Buisdorf gibt das i an, dass o resp. u lang gesprochen wird [Voogt, Boosheim, Buusdorf]
  • In Pouch wird das o vor u lang gesprochen wird [Pooch]
  • In Teltow o. Pankow wird das o vor w lang gesprochen [Teltoo, Pankoo]

Diese Dehnungszeichen stammen aus der Zeit, in der die deutsche Rechtschreibung noch nicht normiert war und es von Region zu Region oder sogar von Schreiber zu Schreiber unterschiedliche Schreibweisen gab. Sie sind nach der Normierung der Rechtschreibung verschwunden, außer in einigen Eigenamen wie den oben zitierten.

Das gilt auch für das c in zum Beispiel Mecklenburg (Ausgesprochen mit langem e [Meeklen…], heute aber auch häufig der Schreibweise folgend mit kurzem e) und Brackel [Braakel]. Auch dieses c stammt aus „vornormierter“ Zeit. Es ist allerdings kein eigentliches Längenzeichen. Es stammt aus einer Zeit, in der man Konsonanten gerne häufte, das heißt, ck steht hier eigentlich für ein einfaches k. Solche Buchstabenhäufungen gab es auch bei anderen Buchstaben. Einige haben in Eigennamen „überlebt“, zum Beispiel in Schwartzkopff, Kneipp, Württemberg, Creutzfeldt.

Diese besonderen Dehnungszeichen sind also Überbleibsel aus früheren Zeiten, in denen die Schrift noch nicht normiert war. Das erklärt einerseits ihre Vielfalt und andererseits, warum sie nur noch in einigen wenigen Eigennamen vorkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp
(ohne Dehnungszeichen, dafür mit doppeltem p und griechisch inspiriertem ph im Vornamen)

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Uhrzeitangaben schreiben

Was man nicht alles an einem verregneten Sonntagmorgen im Januar tut, an dem nur schon die Vorstellung, die wohlige Wärme des Hauses zu verlassen, für ein Schaudern sorgt. Man kann sich damit beschäftigen, wie Uhrzeitangaben geschrieben werden. Wahrscheinlich steht das aber nicht bei allen ganz oben auf der Liste der sonntäglichen Lieblingsbeschäftigungen. Dennoch:

Frage

Meine Frage betrifft die Schreibweise der Uhrzeit. Regelmäßig werde ich gefragt, ob man zum Beispiel 15.00 Uhr oder 15:30 Uhr schreibt. Wie lautet eine „richtige“ Schreibweise der Uhrzeit: mit Punkt oder mit Doppelpunkt oder ist beides korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

es gibt keine allgemein gültige Vorschrift, wie Uhrzeitangaben geschrieben werden. Nach der DIN 5008 (sie legt Schreib- und Gestaltungsregeln für die Textverarbeitung fest) schreibt man Uhrzeitangaben immer mit vier Ziffern und einem Doppelpunkt:

09:25 Uhr
15:30 Uhr

Die DIN 5008 ist aber nicht allgemein verbindlich. Man muss sich nur daran halten, wenn zum Beispiel ein Hausstil, die auftraggebende Firma oder eine sich selbst auferlegte Richtlinie dazu verpflichtet.

Neben dieser Schreibweise ist vor allem die Schreibung mit einem Punkt üblich. Dabei kann auf die Null am Anfang verzichtet werden.

9.25 Uhr auch 09.25 Uhr
15.30 Uhr

Weiter wird auch die Schreibung mit hochgestellten Minutenangaben verwendet:

925 Uhr
1530 Uhr

So viel „Freiheit“ gibt es hier: All diese Schreibungen sind als korrekt anzusehen. Dringend zu empfehlen ist nur, innerhalb eines Textes oder einer Textreihe immer dieselbe Variante zu verwenden. So viel zu diesem Thema um kurz nach 10.00 Uhr, 10:00 Uhr resp. 1000 Uhr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Das alles gilt nur für Zeitangaben nach dem 24-Stunden-Prinzip. Für die Angaben nach dem 12-Stunden-Prinzip gelten andere Regeln und Gebräuche. Dies als kurze Ergänzung um fünf nach zehn [Uhr].

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Und wieder einmal „klemmt“ der Genitiv

Frage

Das Verb „bedürfen“ bedarf des Genitivs. Aber wie ist es, wenn der Genitiv nicht zu erkennen ist? Folgt dann wie bei zum Beispiel „wegen“ der Dativ? Der Satz lautet:

Es bedurfte sowohl Lehrplänen für die verschiedenen Schulstufen als auch Lehrbüchern

Antwort

Guten Tag Frau W.,

um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Der Satz kann nicht so formuliert werden. Warum? Das ist gar nicht so einfach zu erklären.

Es gibt im Deutschen die sogenannte Genitivregel. Nach dieser Regel kann eine Wortgruppe nur dann im Genitiv stehen, wenn sie ein dekliniertes Artikelwort oder Adjektiv enthält. Ist dies nicht der Fall, kann man bei Präpositionen im Plural tatsächlich häufig auf den Dativ ausweichen (wegen Problemen mit der Steuerung; während zehn Tagen) oder im Singular die ungebeugte Form verwenden (wegen Umbau, während Carlas Urlaub). In anderen Fällen kann man sich mit von behelfen (mithilfe von Beispielen; die Filterung von Trinkwasser). Siehe u. a. hier und hier.

Wenn der Genitiv wie in Ihrem Satz die Funktion eines Genitivobjekts hat, ist keine dieser Lösungen standardsprachlich üblich. Es bleibt Ihnen dann nur, eine andere Formulierung zu wählen:

nicht:
*Es bedurfte sowohl Lehrpläne für die verschiedenen Schulstufen als auch Lehrbücher
*Es bedurfte sowohl Lehrplänen für die verschiedenen Schulstufen als auch Lehrbüchern

sondern zum Beispiel:
Es bedurfte sowohl der Lehrpläne für die verschiedenen Schulstufen als auch der Lehrbücher
Es bedurfte sowohl neuer Lehrpläne für die verschiedenen Schulstufen als auch passender Lehrbücher
Es wurden sowohl Lehrpläne für die verschiedenen Schulstufen als auch Lehrbücher benötigt

nicht:
*Ich bin mir mehr Dinge bewusst, als ihr denkt.
*Ich bin mir mehr Dingen bewusst, als ihr denkt.
*Ich bin mir von mehr Dingen bewusst, als ihr denkt.

sondern zum Beispiel:
Ich bin mir vieler Dinge bewusst, mehr als ihr denkt.
Mir sind mehr Dinge bewusst, als ihr denkt.
Ich verstehe mehr Dinge, als ihr denkt.

So schön der Genitiv oft auch ist, er macht uns das Formulieren nicht immer einfach.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mit Ergänzungs- oder keinem Strich?

Heute wieder einmal etwas zu den kleinen Tücken des sonst gar nicht so komplizierten Ergänzungsstrichs:

Frage

Können Sie mir bitte sagen, ob die Kombination von „wahrnehmen“ und „ernst nehmen“ hier so mit Bindestrich nach „wahr-“ korrekt ist oder ob es eine andere Version gibt:

Es ist wichtig, möglichst authentisch zu sein, um von anderen wahr- und ernst genommen zu werden.

Antwort

Guten Tag K.,

wenn in einer Aufzählung ein gemeinsamer Wortteil weggelassen wird, schreibt man an dessen Stelle einen Ergänzungsstrich (so wird der Bindestrich genannt, wenn er diese Funktion hat). Zum Beispiel:

Groß- und Kleinschreibung
= Großschreibung und Kleinschreibung

Vor- und Nachteile
= Vorteile und Nachteile

ein- oder ausladen
= einladen oder ausladen

zwei- bis dreimal
= zweimal bis dreimal

Softwareentwicklung und -vermarktung
= Softwareentwicklung und Softwarevermarktung

Software-Entwicklung und -Vermarktung
= Software-Entwicklung und Software-Vermarktung

zusammennieten oder -leimen
= zusammennieten oder zusammenleimen

Das ist wahrscheinlich nicht neu für Sie, aber es kann ja nicht schaden, ab und zu einmal auch Einfacheres zu wiederholen. Siehe auch hier.

Dann kommen wir nun zu Ihrem Spezialfall: Für einen weggelassene Wortteil schreibt man auch dann einen Ergänzungsstrich, wenn er im anderen Teil der Aufzählung als selbstständiges Wort erscheint. Sie haben es also richtig gemacht:

um von anderen wahr- und ernst genommen zu werden
= wahrgenommen und ernst genommen

Ebenso zum Beispiel:

Die Verbindung kann zusammen- oder getrennt geschrieben werden
= zusammengeschrieben oder getrennt geschrieben

die Ecken auseinander- und nach unten ziehen
= auseinanderziehen und nach unten ziehen

Natur- und synthetische Gewebe
= Naturgewebe und synthetische Gewebe

Standard- und individuelle Lösungen
= Standardlösungen und individuelle Lösungen

Dreht man die Reihenfolge in einer solchen Aufzählung um, kommt man ohne einen Ergänzungsstrich aus, denn er steht nie für ganze weggelassene Wörter:

Die Verbindung kann getrennt oder zusammengeschrieben werden
= getrennt geschrieben oder zusammengeschrieben

die Ecken nach unten und auseinanderziehen
= nach unten ziehen und auseinanderziehen

synthetische und Naturgewebe
= synthetische Gewebe und Naturgewebe

individuelle und Standardlösungen
= indidivuelle Lösungen und Standardlösungen

Auch der Binde- oder eben Ergänzungsstrich kann so seine kleinen Tücken haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist sie einen Meter siebzig oder ein Meter siebzig groß?

Hier geht es natürlich nicht darum, wie groß Frau F. ist (zwischen einen Meter groß und ein Meter groß lässt sich schwerlich ein Größenunterschied feststellen), sondern darum, ob die Maßangabe im Nominativ oder im Akkusativ stehen sollte.

Frage

Ich habe folgenden Zweifel: Sagt man auf Deutsch „Ich bin einen Meter siebzig groß“ oder „Ich bin ein Meter siebzig groß“?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

am besten sagen und schreiben Sie:

Ich bin einen Meter siebzig groß.

Es handelt sich hier um einen Adverbialakkusativ oder adverbialen Akkusativ, der vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Zeitangaben wie letzten Freitag, nächsten Sommer, jeden Monat oder den ganzen Tag schon einmal im Blog vorbeigekommen ist (siehe hier). Adverbiale Akkusative stehen auch bei den sogenannten Maßadjektiven. Hier ein paar Beispiele:

Unser Kind ist einen Monat alt
Der Stoff ist einen Meter breit
Die Mauern der Burg sind einen Meter dick
Die Kommode ist einen Meter zwanzig hoch
Die Insel ist gut einen Kilometer lang
Der Sack ist einen Zentner schwer
Das Loch ist einen halben Meter tief
Das ist keinen Euro wert

So weit so gut – und wenn Sie wenig Konsequentes nicht mögen, lesen Sie nun am besten nicht weiter.

Wenn man sich nämlich in die wirkliche Sprachlandschaft begibt, merkt man bald, dass diese Regel, wenn es überhaupt eine ist, nicht immer angewandt wird. Insbesondere dann, wenn das Maßadjektiv attributiv vor einem Substantiv steht, kommt neben a) der Akkusativform einen häufig auch b) ungebeugtes ein vor:

a) die einen Monat alten Kinder
b) die ein Monat alten Kinder

a) der einen Meter breite Stoff
b) der ein Meter breite Stoff

a) ein fast einen Zentner schwerer Sack
b) ein fast ein Zentner schwerer Sack

a) die einen Meter siebzig große Frau
b) die ein Meter siebzig große Frau

Ich würde auch hier immer die gebeugte Version a) empfehlen, wage es aber nicht, die häufig vorkommende ungebeugte Version b) als „falsch“ zu bezeichnen. Nicht gerade ein Musterbeispiel sprachlicher Konsequenz.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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