Start-und-Lande-Bahn oder Start- und Landebahn

Achtung: Nur für Fans eher langatmiger orthografischer Betrachungen!

Frage

In Zusammensetzungen aus Wortgruppe und Substantiv werden das erste Wort, das Grundwort sowie weitere substantivische Bestandteile groß geschrieben. Verbale Bestandteile müssten demnach kleingeschrieben werden, sofern es sich nicht um Substantivierungen handelt. Nun verzeichnet aber der Duden und alle weiteren Quellen, die ich bisher gefunden habe, die Schreibweise „Start-und-Lande-Bahn“ für eine „Bahn“ (Grundwort), auf der Flugzeuge „starten und landen“ (Wortgruppe zur Bestimmung des Grundworts). Nach eingangs formulierter Regel müsste die Schreibweise in meinem Verständnis aber „Start-und-lande-Bahn“ sein, denn eine Substantivierung des Bestandteils „lande“ kann ich hier nicht erkennen. In den einschlägigen Quellen wird jeweils nur darauf eingegangen, dass die Schreibweise „Start- und Landebahn“ zwar weit verbreitet, aber falsch ist, da hier eben keine Ergänzung im Sinne von „Startbahn und Landebahn“ gemeint ist, genau wie bei „Gewinn-und-Verlust-Rechnung“. […] Die Frage ist also: Was für eine Form ist das „Lande“ in „Start-und-Lande-Bahn“?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

um es gleich vorwegzunehmen: Die vom gelben und einigen anderen Wörterbüchern vorgeschlagene (resp. übernommene?) Schreibung Start-und-Lande-Bahn halte ich für eine unschöne und unnötig komplizierte Lösung. Es geht hier um die Schreibung mit Bindestrichen und die Schreibung mit einem Ergänzungsstrich.

Man verwendet Bindestriche, wenn es sich um eine Zusammensetzung mit einer Wortgruppe handelt:

die Berg-und-Tal-Bahn
= die Bahn, die über Berg und Tal geht
nicht: die Bahn, die Bergbahn und Talbahn ist

die Nacht-und-Nebel-Aktion
= die Aktion, die bei Nacht und Nebel stattfindet
nicht: die Aktion, die Nachtaktion und Nebelaktion ist

das Katz-und-Maus-Spiel
= das Spiel, das dem Verhalten von Katz(e) und Maus gleicht
nicht: das Spiel, das Katzspiel und Mausspiel ist

Sturm-und-Drang-Periode
= die Periode des Sturm und Drangs
nicht: die Periode, die Sturmperiode und Drangperiode ist

Der Ergänzungsstrich wird bei der Zusammenziehung von Wörtern mit einem identischen Element verwendet (NB: Die folgenden vier Bsp. kommen aus Duden, »Deutsches Universalwörterbuch«, die ersten drei stehen auch in Duden, »Die deutsche Rechtschreibung«):

der Buß- und Bettag
= der Tag, der Bußtag und Bettag ist

die Maul- und Klauenseuche
= die Seuche, die Maulseuche und Klauenseuche ist

die Wach- und Schließgesellschaft
= die Gesellschaft, die Wachgesellschaft und Schließgesellschaft ist

der Bürsten- und Pinselmacher
= der Handwerker, der Bürstenmacher und Pinselmacher ist

Die Bahn, um die es hier geht, ist sowohl eine Startbahn als auch eine Landebahn, wie der Buß- und Bettag genannte Tag sowohl ein Bußtag als auch ein Bettag ist oder die Bürsten- und Pinselmacherin genannte Handwerkerin sowohl eine Bürstenmacherin als auch eine Pinselmacherin ist. Bei der Verwendung eines Ergänzungsstriches muss es sich also nicht zwangsläufig um mehr als eine Bahn, einen Tag oder eine Handwerkerin handeln. Ich halte aus diesem Grund diese Schreibung für besser:

die Start- und Landebahn
= die Bahn, die Startbahn und Landebahn ist

Die Schreibung Gewinn-und-Verlust-Rechnung ist dann richtig, wenn es sich um eine Gesamtberechnung von Gewinn und Verlust handelt. Man kann aber auch argumentieren, dass es sich um die Zusammenfassung der Gewinnrechnung und der Verlustrechnung handelt. Dann kommt man zur Schreibung Gewinn- und Verlustrechnung, die unter anderem im deutschen Handelsgesetzbuch verwendet wird.

Wenn wir nun dennoch von der Schreibung Start-und-Lande-Bahn ausgehen, dann gehört das e nicht zur Verbform. Es ist ein Fugenelement, das bei Zusammensetzungen aus einem Verbstamm und einem Substantiv stehen kann. Zum Beispiel:

Badesaison, Hängeschrank, Schweigeminute, Verladebahnhof
Landeanflug, Landeerlaubnis, Landeklappe, Landeeinrichtung/Lande-Einrichtung

Die Zusammensetzung sieht dann also eigentlich so aus:

schweig[en] + e + Minute -> Schweigeminute
land[en] + e + Bahn -> Landebahn
start[en] und land[en] + e + Bahn -> Start-und-Lande-Bahn

Ist das Element lande in dieser Zusammensetzung groß- oder kleinzuschreiben? Für beides gibt es Argumente: klein, weil es eine Verbform ist [?]; groß, weil es mit dem Fugenelement e steht und dadurch gewissermaßen substantiviert ist [?]. Die Fragezeichen sollen angeben, dass ich zwar zur Großschreibung (Start-und-Lande-Bahn) neigen würde, dies aber nicht wirklich eindeutig begründen kann. Außerdem bin ich, wie oben gesagt, sowieso für Start- und Landebahn.

Eines ist jedenfalls klar: Es besteht in diesem Bereich eine gewisse Unsicherheit …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Bindestriche-sind-besser-Haltung oder die „Leerzeichen gehen auch“-Einstellung

Frage

Ich habe eine Übersetzung mit folgendem Satz vorliegen:

Du wirst nicht diese schwache „Ich-bin-nur-Durchschnitt“-Mentalität haben.

Es geht mir um „Ich-bin-nur-Durchschnitt“-Mentalität (im engl. Orig.: “I’m just average” mentality; “mentality” steht nicht in Anführungszeichen). Aus meiner Sicht ist die Koppelung des Ausdrucks mit Bindestrichen zusammen mit der Verwendung von Anführungszeichen falsch oder zumindest redundant. Ich würde die Bindestriche entfernen und die Phrase in Anführungszeichen an „Mentalität“ anbinden, also: „Ich bin nur Durchschnitt“-Mentalität schreiben. Ist das aus Ihrer Sicht korrekt? […]

Antwort

Guten Tag T.,

die folgenden Schreibweisen kommen in Fällen wie diesen häufig vor:

a) die Ich-bin-nur-Durchschnitt-Mentalität
b) die „Ich bin nur Durchschnitt“-Mentalität

Ich würde Ihnen a), das heißt die Variante mit Bindestrichen und ohne Anführungszeichen empfehlen. Da man im Englischen hier in der Regel nicht durchkoppelt, können die Anführungszeichen dort dazu beitragen, die Mehrwortgruppe innerhalb des Textes als eine Einheit zusammenzuhalten. Das liest sich etwas einfacher. Die Anführungszeichen sind im Deutschen dank der bei Komposita mit Mehrwortgruppen üblichen Durchkoppelung für das Verständnis oder die Verdeutlichung der Zusammensetzung eigentlich nicht notwendig. Sie können besser weggelassen werden.

Weitere Beispiele im Deutschen:

die Ohne-mich-Mentalität
eine Mir-ist-alles-egal-Haltung
die Nach-mir-die-Sintflut-Einstellung

Wenn Sie gar nicht auf die Anführungszeichen verzichten wollen oder können, ist b) üblich. Diese Schreibweise ist allerdings nicht in der amtlichen Rechtschreibregelung vorgesehen und nicht unumstritten. Ich halte die Verwendung von Leerzeichen innerhalb einer Zusammensetzung für keine gute, lesefreundliche Lösung, auch wenn sie die Dudenredaktion hier für vertretbar hält (Duden, Richtiges und Gutes Deutsch, Stichwort „Bindestrich“).

Ich habe hier eben mehr eine Bindestriche-sind-besser-Haltung als eine „Leerzeichen gehen auch“-Einstellung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die Variante, die Ihnen vorliegt, „Ich-bin-nur-Durchschnitt“-Mentalität, scheint weniger häufig vorzukommen. Sie ist etwas gar viel des Guten, wenn es um die Satzzeichen geht, aber nach meiner Einschätzung nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Ich würde sie allerdings nicht verwenden.

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Keynotespeaker, Keynote-Speaker, Keynote Speaker und andere Zusammensetzungen aus dem Englischen

Ein immer wiederkehrendes Problem sind die zusammengesetzten Fremdwörter, insbesondere aus dem Englischen. Da sich die Ursprungssprache und das Deutsche bei den Regeln und Gebräuchen im Bereich der Zusammen-, Getrennt- und Bindestrichschreibung zum Teil beträchtlich unterscheiden, kommt es regelmäßig zu Zweifeln. Im Folgenden wird nicht dargestellt, was häufig vorkommt oder u. a. in Fachsprachen üblich ist, sondern „nur“, wie man nach der amtlichen Regelung vorgehen sollte. Wundern Sie sich also bitte nicht, wenn Sie in Ihren Augen ungewohnte Schreibungen antreffen!

Frage

Gibt es für die Zusammenschreibung von englischen Fremdwörtern Regeln? Wenn das Wort aus einem Verb und einem Partikel besteht, ist der Bindestrich vorzuziehen, sagt der Duden (vgl. Know-how). Wie sieht es aber bei einer Zusammensetzung von Substantiv und Substantiv bzw. Adjektiv und Substantiv aus (Keynote Speaker, Best Practice)?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wenn Sie zusammengesetzte Fremdwörter aus dem Englischen ins Deutsche integrieren, gilt im Prinzip wie bei einheimischen Zusammensetzung die Zusammenschreibung. So weit wäre es eigentlich ganz einfach. Doch dann kommen natürlich wieder einmal die Ausnahmen:

Bei Zusammensetzungen Substantiv + Substantiv ist neben a) der Zusammenschreibung auch b) der verdeutlichende Bindestrich möglich. Die ebenfalls häufig vorkommende c) Getrenntschreibung ist nach der amtlichen Rechtschreibregelung nicht korrekt (außer bei direkten Zitaten aus der Fremdsprache, z. B. „keynote speaker“):

  1. Keynotespeaker, Taskforce, Junkfood, Realityshow
  2. Keynote-Speaker, Task-Force, Junk-Food, Reality-Show
  3. Keynote Speaker, Task Force, Junk Food, Reality Show (NB: nach amtl. Regelung nicht korrekt)

Bei Zusammensetzungen Adjektiv + Substantiv ist a) die Zusammenschreibung möglich, wenn die Hauptbetonung der Verbindung auf dem Adjektiv liegt. Daneben ist auch b) die Getrenntschreibung möglich, die für alle anderen Adjektiv-Substantiv-Verbindungen aus dem Englischen verbindlich ist:

  1. Smalltalk, Shortstory, Coldcream
  2. Small Talk, Short Story, Cold Cream; Best Practice, Electronic Banking, Direct Mailing

Bei Verb-Partikel-Verbindungen ist neben a) der Zusammenschreibung ebenfalls b) die Schreibung mit Bindestrich möglich. Der Bindestrich ist vorzuziehen, wenn die Zusammenschreibung die Lesbarkeit beeinträchtigen würde. (Eine Duden-Empfehlung ist übrigens nicht weniger und nicht mehr als eine unverbindliche Empfehlung der Duden-Redaktion.)

  1. Knowhow, Backup, Burnout, Stopover
  2. Know-how, Back-up, Burn-out, Stop-over; Make-up, Go-in

Das sind nur die wichtigsten Stolpersteine bei der Schreibung von Fremdwörtern. Auf dieser Seite in Canoonet finden Sie Links auf die Regeln, weitere Informationen und Beispiele.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Abgek. Wrt.-Zusammenstzg.

Der Titel könnte nahelegen, dass man der Verständlichkeit halber nicht allzu viel abkürzen sollte. Das ist zwar wahr, aber manchmal geht es eben aus Platzmangel nicht anders. Wie man dann abgek. Wrt.-Zusammensetzg. oder abgekürzte Wortzusammensetzungen schreiben sollte, zeigt der heutige Eintrag anhand von Herrn Q.s Frage:

Frage

Ich habe eine Frage bezüglich Abkürzungen bei zusammengesetzten Wörtern. Meine Frage betrifft die Punkt- und Bindestrichsetzung bei Wörtern, die an zwei Stellen abgekürzt werden. Außerdem, ob der zweite Teil mit einem Groß- oder Kleinbuchstaben beginnt.

Hier einige Beispiele, die aufgrund von Platzmangel abgekürzt werden müssen:

Verbindungseinstellungen
Speicherkarte
Betreibermenü
Telefonnummer

Ich bin immer davon ausgegangen, dass man z. B. bei meinem ersten Beispiel wie folgt abkürzt: „Verbind.-einstellungen“ oder „Verbind.-einstell.“.

Antwort

Sehr geehrter Herr Q.,

nach § 40.2 der amtlichen Rechtschreibregelung schreibt man Zusammensetzungen mit Abkürzungen mit einem Bindestrich. Weiter schreibt man nach § 55.2 dieser Regelung Substantive in Zusammensetzungen mit Bindestrich groß. Die „amtlichen Beispiele“ sind unter anderen Abt.‑Leiter (Abteilungsleiter) und Inf.‑Büro (Informationsbüro).

Für Ihre Beispiele bedeutet dies, dass beispielsweise diese Abkürzungen möglich sind:

Verbind.-Einstellung
Sp.-Karte
Betr.-Menü
Telefon-Nr. oder  Tel.-Nummer

Wenn diese Abkürzungen immer noch zu lang sind, so dass auch der zweite Teil ein paar seiner Buchstaben verlieren muss, gilt dasselbe: Bindestrich und großer Anfangsbuchstabe bei Substantiven:

Vebind.-Einst.
Sp.-Krt.
Betr.-M.
Tel.-Nr.

Das entsprechende Beispiel in der amtlichen Rechtschreibregelung § 40.2 ist übrigens Abt.-Ltr.

Vor allem in Fachsprachen und betriebs- oder institutionsinternen Regelungen findet man übrigens ganz andere, zum Teil sehr abenteuerlich anmutende Abkürzungen. Ein bekannteres Beispiel ist BaföG (Bundesausbildungsförderungsgesetz). Weniger bekannt dürfte ZivHaftBkÖlVerschmSchÜbk (Übereinkommen über die zivilrechtliche Haftung für Schäden durch Bunkerölverschmutzung) sein. Das ist wie immer, wenn es um Rechtschreibung geht, natürlich nicht verboten. Die hier aufgezeigte Regel sollten Sie einfach dann beachten, wenn Sie sich allgemein an die amtliche Regelung halten wollen oder müssen.

Und kürzen Sie in allgemeineren Texten der Leserschaft zuliebe nur dort ab, wo es auch nötig ist! Statt M. f. G. schreibe ich deshalb lieber

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Pro- und Kontra-Diskussion oder Pro-und-Kontra-Diskussion?

Frage

Da ich meine Kursteilnehmer in die Geheimnisse der Pro- und Kontra-Diskussion einweihen soll, stellt sich mir nun die Frage, ob die weit verbreitete Schreibung (Pro- und Kontra-Diskussion) überhaupt richtig ist. Sinnvoller würde mir „die Pro-und-Kontra-Diskussion“ erscheinen, denn es handelt sich ja nur um eine Diskussion und nicht um zwei verschiedene. Was denken Sie?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

im Prinzip sind beide Schreibweisen möglich, aber es gibt dabei einen kleinen Bedeutungsunterschied. Bei der ersten Schreibung steht bei Pro ein Ergänzungsstrich:

Pro- und Kontra-Diskussion = Pro-Diskussion und Kontra-Diskussion

Es geht hier also eigentlich um zwei Diskussionen: um eine Diskussion des Pros und eine Diskussion des Kontras. Eine ähnliche Struktur haben diese Beispiele:

die Apfel- und Birnenernte = die Apfelernte und die Birnenernte
auf Länder- und Gemeindeebene = auf Länderebene und auf Gemeindeebene

Bei der zweiten Schreibung stehen Bindestriche zwischen allen Teilen der Verbindung (vgl. Bindestrich bei Zusammensetzungen mit Wortgruppen):

Pro-und-Kontra-Diskussion = Diskussion von Pro und Kontra

Hier gibt es nur eine Diskussion: die Diskussion über Pro und Kontra. Diese Struktur findet sich auch in Bildungen wie den folgenden:

Berg-und-Tal-Bahn = Bahn über Berg und Tal
Sturm-und-Drang-Dichtung = Dichtung aus dem Sturm und Drang
Fix-und-Foxi-Magazin = Magazin mit Fix und Foxi

Ich würde hier wie Sie die zweite Variante wählen und sie auch empfehlen. Im Gegensatz zu Apfelernte und Gemeindeebene, die allgemein üblich sind, kommen Pro-Diskussion und Kontra-Diskussion allein wenig vor. Es geht in der Regel um eine Diskussion, die sich mit dem Pro und Kontra beschäftigt. Deshalb stimme ich mit Ihnen überein, dass hier die Schreibung Pro-und-Kontra-Diskussion vorzuziehen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Warum schreibe ich „vorzuziehen“ und nicht „die einzig richtige“? – Die Schreibung Pro- und Kontradiskussion ist nicht grundsätzlich falsch. Wenn es zuerst eine Diskussion der Pro-Punkte gibt (eine Pro-Diskussion), der eine Diskussion der Kontra-Punkte folgt (eine Kontra-Diskussion), und wenn man auf diese Trennung der Diskussionen wert legt, ist Pro- und Kontra-Diskussion eine mögliche Schreibung. In der Regel wird aber nicht in dieser streng getrennten Weise über Pro und Kontra diskutiert, weil Pro und Kontra meist innerhalb einer Diskussion gegeneinander abgewogen werden.

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Aufs Substantivierte-Infinitive-mit-vielen-Ergänzungen-Verwenden verzichten

Frage

Immer wieder lese ich Sätze wie der folgende: „Kinder unterhalten sich beim Bücher anschauen“. Es kann doch nicht richtig sein, dass „anschauen“ kleingeschrieben wird, da es hier „beim“, also „bei dem Anschauen“, heißt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

es ist tatsächlich nicht richtig, dass anschauen hier kleingeschrieben wird. Richtig ist nämlich diese Schreibung:

Kinder unterhalten sich beim Bücheranschauen.

Substantivierte Infinitive schreibt man groß:

beim Lesen
das Ärgern
das Sagen
zum Essen
freiwilliges Aufräumen

Wenn sie um eine Ergänzung erweitert sind, schreibt man alles zusammen und groß:

beim Bücherlesen
das Sichärgern
Danke fürs Bescheidsagen
zum Selbstessen
freiwilliges Zimmeraufräumen

Die entsprechende Rechtschreibregel finden Sie hier.

Bei mehr als einer Ergänzung verwendet man in der Regel Bindestriche:

beim Zusammen-Bücher-Anschauen
das Gefühl des Mit-dem-Rücken-zur-Wand-Stehens
das So-richtig-ausgiebig-in-der-Nase-Bohren

Mehr dazu hier.

Die letzten Beispiele zeigen, dass es oft lesefreundlicher und stilistisch viel besser ist, wenn man solche erweiterten Infinitive vermeidet und anders formuliert. Man kann also besser auf das Substanitivierte-Infinitive-mit-vielen-Ergänzungen-Verwenden verzichten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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10-Prozent-Anteil und 10-Euro-Schein mit % und €

Frage

Wie sind Wortbildungen mit Sonderzeichen wie „die 30°C-Marke“ oder „der 10%-Anteil“ oder „der 10€-Schein“ korrekt zu schreiben? Und lassen sich solche Bildungen auch ausschreiben? Also: „die Dreißiggradcelsiusmarke“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

es gibt verschiedene Möglichkeiten, solche Bildungen zu schreiben. So können sie ganz in Worten oder mit einer Ziffer geschrieben werden:

Dreißig-Grad-Celsius-Marke
30-Grad-Celsisus-Marke
(Dreißiggradcelsiusmarke ist möglich, aber nicht sehr gut lesbar)

Zehnprozentanteil
10-Prozent-Anteil

Zehneuroschein
10-Euro-Schein

Vgl. hier und hier.

Komplizierter wird es, wenn die Maßeinheit mit einer Abkürzung wiedergegeben wird. Es wird zwar sehr(!) häufig anders geschrieben, aber man sollte auch dann Bindestriche zwischen allen Teilen der Zusammensetzung verwenden (siehe hier):

100-g-Beutel
10-km-Lauf

Und nun kommen wir endlich zu Ihrer eigentlichen Frage: Es gibt keine feste Regel mehr, wenn nicht Buchstaben und Ziffern, sondern Sonderzeichen und Symbole in einer Zusammensetzung vorkommen. Die Rechtschreibregelung macht nämlich keine Angaben dazu. Es gibt drei mögliche Schreibweisen, von denen ich keine als wirklich falsch bezeichnen würde:

30° C-Marke* 30°C-Marke 30°-C-Marke*
10 %-Anteil 10%-Anteil 10-%-Anteil
10 €-Schein 10€-Schein 10-€-Schein
1 £-Note 1£-Note 1-£-Note

Beim Prozentzeichen empfehlen die Wörterbücher die Schreibung mit einem (geschützten, schmalen) Leerzeichen zwischen Ziffer und %: 10 %-Anteil. Zu den anderen Symbolen machen sie keine Angaben.

Weiter ist noch zu bemerken, dass beim Eurozeichen die Schreibung mit einem Leerzeichen zu Missverständnissen führen kann:

10 €-Scheine = Zehn-Euro-Scheine oder zehn Euroscheine

10 €-Scheine

Es gibt also keine einfache, allgemein verbindliche und alle Fälle abdeckende Regel. Alles in allem würde ich deshalb empfehlen, wenn möglich in Zusammensetzungen keine Sonderzeichen zu verwenden:

30-Grad-Celsius-Marke
10-Prozent-Anteil
10-Euro-Schein
1-Pfund-Note

Diese Wörter lassen sich problemlos schreiben, sind gut lesbar und nicht furchtbar viel länger als die Varianten mit Symbolen und Sonderzeichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Fachsprachlich auch 30 °C-Marke, 30-°C-Marke; vgl. hier.

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Herr Doppler und sein Effekt: Eigennamen in Zusammensetzungen

Frage

Christian Doppler war Mathematiker und Physiker. „Doppler-Effekt“ lässt sich schön mit Bindestrich schreiben. Jedoch stolpere ich über die Schreibweise von „dopplersonografisch“.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

in Zusammensetzungen mit einem einfachen Eigennamen an erster Stelle kann zur Verdeutlichung ein Bindestrich verwendet werden. Er muss also nicht stehen.

Ohne Bindestrich:

der Dopplereffekt
die Dopplersonografie
dopplersonografisch
eine dopplersonografische Untersuchung

Mit Bindestrich:

der Doppler-Effekt
die Doppler-Sonografie
Doppler-sonografisch
eine Doppler-sonografische Untersuchung

Zu beachten ist, dass der Eigenname in der zusammengeschriebenen Variante einen kleinen Anfangsbuchstaben hat, in der Variante mit Bindestrich aber großgeschrieben wird. Siehe auch hier.

Zusammensetzungen dieser Art mit einem einfachen Eigennamen werden häufiger falsch geschrieben. Es gibt ja auch so viele Möglichkeiten, es falsch zu machen. Man schreibt nicht:

die extrem *Obama feindliche Tea-Party-Bewegung
die extrem *Obamafeindliche Tea-Party-Bewegung
die extrem *obama-feindliche Tea-Party-Bewegung

sondern:

die extrem obamafeindliche Tea-Party-Bewegung
die extrem Obama-feindliche Tea-Party-Bewegung

Nach den Rechtschreibregeln schreibt man nicht:

*Moskau freundliche Staaten und *Russland kritische Regierungen
*Moskaufreundliche Staaten und *Russlandkritische Regierungen
*moskau-freundliche Staaten und *russland-kritische Regierungen

sondern:

moskaufreundliche Staaten und russlandkritische Regierungen
Moskau-freundliche Staaten und Russland-kritische Regierungen

Im Prinzip ist es gar nicht so kompliziert, man muss nur wissen, wie’s geht. Und wenn es im Schreibstress einmal schiefgeht, bedeutet das ja nicht gleich den Untergang unserer Schreibkultur. Es stellt sich hier nämlich die Frage, was „schlimmer“ ist: dass man weiß, wie man dopplersonografisch schreibt, aber wie ich keine Ahnung hat, was es bedeutet, oder dass man weiß, wovon man redet, und einen kleinen Verstoß gegen die Rechtschreibregeln begeht. Am besten weiß man immer beides, aber wer ist schon perfekt?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Vom New-York-Event zum Kaiser-Franz-Josef-Land

Es geht wieder einmal um Bindestriche, die in der „freien Wildbahn“ gerne einmal weggelassen werden.

Frage

Schreibt man Begriffe wie „das New York-Event“ (in einem Blog gefunden) tatsächlich nur mit einem Bindestrich? Mein Sprachgefühl sagt mir, dass zwischen jedem Wort einer sein müsste.

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

richtig ist hier tatsächlich die Schreibung mit zwei Bindestrichen:

das New-York-Event

In Zusammensetzungen mit einem mehrteiligen Eigennamen steht zwischen allen Teilen der Zusammensetzung ein Bindestrich. Die entsprechende Regel finden Sie in Canoonet bei den Angaben zum Bindestrich bei Eigennamen (Ortsnamen zählen auch zu den Eigennamen). Man darf also bedenkenlos in das Wortbild eines Namens eingreifen, indem man ihn mit einem Bindestrich (verun)ziert.

Weil Beispiele oft mehr sagen als eine Regel, folgt hier eine ganze Reihe von Zusammensetzungen dieser Art:

der New-Orleans-Jazz
die Puerto-Rico-Reise
die Hudson-River-Mündung
das Grand-Canyon-Erlebnis

Mit Heiligen:

der Sankt-Andreas-Graben (St.-Andreas-Graben)
die Sankt-Barbara-Kirche (St.-Barbara-Kirche)
das Sankt-Florians-Prinzip (St.-Florians-Prinzip)
der San-Bernardino-Tunnel (S.-Bernardino-Tunnel)

Und mit (mehr oder weniger) Normalsterblichen:

ein Marilyn-Monroe-Film
die Van-Gogh-Ausstellung (aber: van-Gogh-artig)
der Da-Vinci-Code (aber: da-Vinci-ähnlich)
die Katharina-die-Große-Schule

Zum Schluss noch zwei meiner Lieblingsbeispiele aus den Rechtschreibbüchlein:

die Rio-de-la-Plata-Bucht
Kaiser-Franz-Josef-Land

So viel im Dr.-Bopp-Blog zum Thema Zusammensetzungen mit mehrteiligen Eigennamen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Meine Lieblings-neue-Freundin

Noch eine Frage im Bereich der Wortbildung:

Frage

Ich habe eine Frage in Bezug auf das Wort „Lieblings-“ in seiner Bildung mit einem Substantiv. Und zwar: Kann man das Wort mit einem Nomen immer noch zusammenbilden, wenn es zwischen ihm und dem dazu gehörigen Substantiv ein Adjektiv gibt? Wenn ja, wie? Z.B. ich wollte gerade eine Freundin zum Geburtstag gratulieren, die ich vor einigen Monaten kennengelernt habe, und ich wollte ihr sagen „Du bist meine Lieblings neue Freundin“, was klarerweise zu unterscheiden ist von „Du bist meine neue Lieblingsfreundin“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

im Standarddeutschen kann Lieblings- nur direkt mit einem Substantiv kombiniert werden (Lieblingsfilm, Lieblingsessen, Lieblingsfreundin). Es gibt kein Wortbildungsmuster, nach dem ein Substantiv mit einer Wortgruppe, die aus einem gebeugten Adjektiv und einem Substantiv besteht, eine Zusammensetzung bilden kann. Formulierungen wie meine Lieblings-neue-Freundin sind standardsprachlich nicht möglich.

Solche Formulierungen kommen allerdings in der (gesprochenen) Umgangssprache vor. Zum Beispiel:

mein Lieblings-schnelles-Abendessen
in seinem Lieblings-warmen-Pullover
ihr Lieblings-neuer-Film

Da solche Konstruktionen standardsprachlich nicht vorgesehen sind und sie umgangssprachlich offenbar nicht allzu häufig vorkommen, gibt es (noch?) keine Rechtschreibregel, die auf sie zutrifft. Ich empfehle hier die Schreibung mit Bindestrichen, wenn man sie schriftlich wiedergeben will:

meine Lieblings-neue-Freundin

Es würde meiner Meinung nach zu einer vorläufig noch allzu ungewöhnlichen Schreibung führen, die Form lieblings ähnlich wie das umgangssprachliche super als unveränderliches Adjektiv zu behandeln (vgl. hier): meine lieblings neue Freundin. Es wäre allerdings eine erwägenswerte und vertretbare Lösung, falls sich diese Art der Formulierung etablieren sollte.

Eine Frage bleibt noch: Wie drückt man dasselbe standardsprachlich aus? Sie sagen zu Recht, dass meine Lieblings-neue-Freundin und meine neue Lieblingsfreundin nicht ganz dieselbe Bedeutung haben. Die neue Lieblingsfreundin ist eine Freundin, die neu den Platz der bevorzugten Freundin einnimmt. Die Lieblings-neue-Freundin hingegen ist eine Freundin, die die bevorzugte Stellung unter den neuen Freundinnen hat (und neben der es noch eine andere oder sogar eine absolute Lieblingsfreundin geben kann). Wie also drücke ich solche umgangssprachlichen Formulierungen standardsprachlich aus? Ein paar Versuche:

die liebste meiner neuen Freundinnen
mein bevorzugtes schnelles Abendessen
der neue Pullover, der mir am liebsten ist
der neue Film, der mir am besten gefällt

Aber wie häufig, wenn man Umgangssprachliches oder Mundartliches in die Standardsprache übersetzt, haben diese Formulierungen vielleicht nicht ganz dieselbe gefühlsmäßige Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp
(Autor Ihrer Lieblings-deutschen-Onlinegrammatik)

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