Das Gegenwartsdeutsch und das Gegenwartsdeutsche

Kurz vor Weihnachten wiederhole ich wieder einmal einen Wunsch: Bitte achten Sie darauf, dass Sie Ihre E-Mail-Adresse richtig eingeben! Nur so kann ich Ihnen auch antworten. Wenn Sie im vergangenen Jahr keine Antwort von mir erhalten haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich Ihnen schlicht nicht antworten konnte. Da aber auch ich nicht unfehlbar bin, kann es auch sein, dass ich die eine oder andere Mail versehentlich habe untergehen lassen. Für diesen Fall bitte ich Sie natürlich um Entschuldigung.

Hier die Antwort an Herrn A., dem ich nicht antworten konnte, weil die E-Mail-Adresse nicht stimmte. Als speziellen Weihnachtsservice veröffentliche ich seine Frage hier und hoffe, dass er sie auch liest.

Frage

Werden Substantive wie „Hochdeutsch“ und „Gegenwartsdeutsch“ wie Adjektive dekliniert? Muss es richtig heißen „im Gegenwartsdeutsch“ oder „im Gegenwartsdeutschen“?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

beides kommt vor. Sprachbezeichnungen werden häufig endungslos verwendet, wenn es um eine bestimmte, näher gekennzeichnete Art der Sprache geht:

ein gepflegtes Hochdeutsch
im alltäglichen Gegenwartsdeutsch
das Französisch des 15. Jahrhunderts
Mein Italienisch ist ein bisschen eingerostet.

Sprachbezeichnungen werden meist mit Adjektivendung verwendet, wenn die Sprache im Allgemeinen gemeint ist, insbesondere im Gegensatz zu anderen Sprachen oder Sprachvarianten:

das Hochdeutsche im Vergleich zum Niederdeutschen
der Kasusverfall im Gegenwartsdeutschen
aus dem Französischen ins Italienische übersetzen

Vgl. hier. Das ist aber keine in Stein gemeißelte Regel. Die Trennung wird nicht immer streng in dieser Weise eingehalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Ich wünsche Ihnen allen schöne und geruhsame Weihnachtstage!


 

Kommentare

Wie man Tschechische Republik, Deutsche Bank und Alte Post beugt

Wenn man nicht darüber nachdenkt, geht es eigentlich immer gut. Nur wenn es beim Schreiben einmal ganz genau stimmen soll, kommen immer wieder einige ins Zweifeln: die Beugung des Adjektivs in mehrteiligen Eigennamen. 

Frage

Werden zu einem mehrteiligen Namen gehörende Adjektive dekliniert? Zum Beispiel „Rote Armeefraktion“: Heißt es „Teile der sogenannten Rote Armee Fraktion“ oder „Teile der sogenannten Roten Armee Fraktion“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

mehrteilige Eigennamen werden grundsätzlich gleich gebeugt wie „gewöhnliche“ Wortgruppen. Das gilt nicht nur für die gesprochene, sondern auch für die geschriebene Sprache. Sie sagen und schreiben also:

Siehe Nachtrag unten
[[die Rote Armeefraktion

der Roten Armeefraktion
Teile der sogenannten Roten Armeefraktion]]

Es ist ganz einfach. Hier trotzdem noch einige mehr oder weniger bekannte Beispiele, die dieses Prinzip veranschaulichen sollen:

die Tschechische Republik
Er wohnt in der Tschechischen Republik

das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK)
Sie arbeitet beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz
Der Hauptsitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ist in Genf

Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF)
eine Sendung des Zweiten Deutschen Fernsehens

Deutsche Bank
die Direktion der Deutschen Bank

das Gasthaus Alte Post
Wir treffen uns heute Abend in der Alten Post

der Filmpreis Goldener Bär
Der Film hat den Goldenen Bären gewonnen

Eigennamen, selbst Firmen- und Markennamen, sind also nicht „unberührbar“. Wenn sie wie eine gewöhnliche Wortgruppe aufgebaut sind, dürfen sie auch so behandelt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NACHTRAG:

Jan Schreiber hat mich in seinem Kommentar auf einen Fehler hingewiesen: Die Rote Armeefraktion ist keine Armeefraktion, die rot ist, und wird auch nicht so geschrieben. Es ist eine Fraktion der Roten Armee (jedenfalls in der Sicht der Gründer und Mitglieder) und sollte entsprechend Rote-Armee-Fraktion geschrieben werden. Es ist eine der seltenen Zusammensetzung dieser Art, bei der die Beugung unsicher ist. Das Adjektiv kann gebeugt werden, aber auch ungebeugt bleiben:

der Rote-Armee-Fraktion / der Roten-Armee-Fraktion
der Arme-Sünder-Glocke / der Armen-Sünder-Glocke (o. der Armesünderglocke)

Es ist also gerade bei diesem Beispiel nicht ganz so einfach. Wie Jan Schreiber ziehe ich übrigens aufgrund der Struktur der Zusammensetzung die ungebeugte Version der Rote-Armee-Fraktion vor.

Ich bitte insbesondere Frau L. dafür um Entschuldigung, dass ich das Beispiel zu schnell übernommen und falsch analysiert habe. Die übrigen Beispiele sind korrekt.

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John Lennons wunderbare/wunderbares Album?

Die deutschen Adjektivendungen sind für viele Deutschlernende eine mittlere Katastrophe. Und für die Muttersprachigen gilt: Bloß nicht zu viel darüber nachdenken! Herrn L.s Frage zeigt einen Fall, bei dem es häufig zu Zweifeln kommt: die Adjektivendung nach einem vorangestellten Genitivattribut.

Frage

Ich hab da mal eine Frage zu folgendem Komplex. Heißt es richtig auf John Lennons wunderbarem Album „Imagine“, oder auf John Lennons wunderbaren Album „Imagine“?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

es geht hier im die starke und schwache Deklination des Adjektivs. Nach u. a. dem bestimmten Artikel wird ein Adjektiv schwach gebeugt (vgl. hier). Die schwache Endung ist in diesem Fall en:

auf dem wunderbaren Album „Imagine“ des Musikers John Lennon.

Wenn nun das Genitivattribut (die nähere Bestimmung im Genitiv) vorangestellt wird, ersetzt es den Artikel. Es steht also kein Artikel mehr vor dem Adjektiv. Ohne ein Artikelwort wird ein Adjektiv stark gebeugt (vgl. hier). Die starke Endung ist hier em:

auf John Lennons wunderbarem Album „Imagine“

Hier gleich noch ein paar Beispiele:

das wunderbare Album des Musikers John Lennon aus dem Jahr 1971
John Lennons wunderbares Album „Imagine“ aus dem Jahr 1971

Das ist der neue Freund meiner Nachbarin Susanne.
Das ist Susannes neuer Freund.

Die netten Verwandten aus L. haben uns geholfen.
Herrn K.s nette Verwandte haben uns geholfen.

Und ich schließe mit einem eher unbescheidenen Beispiel: Das alles und viel mehr lesen Sie im interessanten Blog des Dr. Bopp oder – etwas zeitgemäßer formuliert – in Dr. Bopps interessantem Blog.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Manchmal kommen Sandro, Frau Wagner und Dr. Bopp im Genitiv ohne s aus

Frage

Auf dieser Seite in Canoonet steht: „der Geburtstag des kleinen Sandro“. Ist das nicht ein Fehler? Sollte es nicht heißen: „der Geburtstag des kleinen Sandros“ ?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

Personennamen haben im Genitiv in der Regel die Endung s, wenn sie ohne Artikel stehen:

Goethes Dramen
Kleopatras Reich
Elisabeths Meinung
Joachim Bergers Beitrag
Frau Wagners BMW
Dr. Bopps Blog
Sandros Geburtstag

Wenn Personennamen aber mit einem Artikel stehen, sind sie im heutigen Deutschen in der Regel auch im Genitiv endungslos. Sie stehen vor allem dann mit einem Artikel, wenn sie von einem Adjektiv begleitet werden:

die Dramen des jungen Goethe
das Reich der schönen Kleopatra
der Beitrag des sehr interessierten Joachim Berger
das Leben der heiligen Elisabeth
der BMW der geschäftstüchtigen Frau Wagner
der Blog des nicht sehr strengen Dr. Bopp

Und ebenso:

der Geburtstag des kleinen Sandro

Wer dem Genitiv und dem Genitiv-s sehr zugetan ist, mag es bedauern, aber diese Endungslosigkeit ist auch standardsprachlich üblich und akzeptiert (und nicht etwa der Einfall eines viel zu nachgiebigen Dr. Bopp). Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

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Wir wird (der) Matrose Engelbert gebeugt?

Frage

Ist der Dativ so auch zulässig:

Machen Sie eine Reise mit Kapitän Paulsen und Matrose Engelbert.

Oder muss man hochsprachlich schreiben:

Machen Sie eine Reise mit Kapitän Paulsen und dem Matrosen Engelbert.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wieder einmal sind beide Formulierungen möglich. Welche Sie wählen, hängt davon ab, ob die Berufsbezeichnung Matrose oder der Name Engelbert der Kern der Wortgruppe ist.

Wenn der Name Engelbert den Kern der Wortgruppe bildet und die Berufsbezeichnung Matrose eine Apposition (nähere Bestimmung) ist, wird der Name gebeugt und bleibt die Berufsbezeichnung unverändert. Matrose bleibt also immer Matrose:

Matrose Engelbert fährt auch mit
Matrose Engelberts abenteuerliche Reisen
Nichts geht ohne Matrose Engelbert
ein Reise mit Kapitän Paulsen und Matrose Engelbert

Wenn Matrose der Wortgruppenkern und Engelbert die Apposition ist, wird die Berufsbezeichnung gebeugt und der Name bleibt unverändert:

Der Matrose Engelbert fährt auch mit
Die abenteuerlichen Reisen des Matrosen Engelbert
Nichts geht ohne den Matrosen Engelbert
ein Reise mit Kapitän Paulsen und dem Matrosen Engelbert

Wann ist nun was der gebeugte Wortgruppenkern resp. die ungebeugte Apposition?

In Verbindung mit einem Namen ist eine Verwandtschaftsbezeichnung, eine Berufsbezeichnung, ein Titel u. Ä. eine Apposition zum Namen, wenn kein Artikel(wort) verwendet wird. Gebeugt wird der Kern der Wortgruppe, also der Name. Die Apposition bleibt ungebeugt:

Onkel Antons Gemüsegarten
König Arthurs Tafelrunde
Malermeister Streichers Geschäft
Nichts geht ohne Präsident Macron
eine abenteuerliche Reise mit Matrose Engelbert

In Verbindung mit einem Namen ist eine Verwandtschaftsbezeichnung, eine Berufsbezeichnung, ein Titel u. Ä. der Kern der Wortgruppe, wenn ein Artikel(wort) verwendet wird. Gebeugt wird auch hier der Kern der Wortgruppe. Der Name bleibt ungebeugt:

der Gemüsegarten meines Onkels Anton
die Tafelrunde des Königs Arthur
das Geschäft des Malermeisters Streicher
Nichts geht ohne den Präsidenten Macron
eine abenteuerliche Reise mit dem Matrosen Engelbert

Siehe auch hier und hier.

Ob Sie eine Reise mit Matrose Engelbert oder mit dem Matrosen Engelbert unternehmen, hängt also davon ab, ob Sie finden, dass Matrose Engelbert oder der Matrose Engelbert mitfährt. Grammatisch ist beides richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gehen wir Deutsche oder wir Deutschen im September zur Urne?

Der letzte Blogeintrag behandelte eine Frage der Adjektivbeugung. Heute geht es gleich noch einmal um dieses Thema. Das liegt daran, dass die Beugung des Adjektivs im Deutschen sehr komplex ist und entsprechend häufig zu Zweifeln Anlass gibt. Und wer das nicht glaubt, sollte einmal Deutschlernende danach fragen oder – noch besser – versuchen, sie ihnen zu erklären. Deshalb also gleich noch einmal eine Runde Adjektivbeugung:

Frage

Können Sie mir erklären, was hier richtig ist:

Wir Deutschen wählen im September.
Wir Deutsche wählen im September.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

beide Formulierungen gelten als korrekt. Im Prinzip wird ein (substantiviertes) Adjektiv nach einem Personalpronomen stark gebeugt, weil vor ihm kein Artikelwort mit einer Endung steht (vgl. den letzten Blogeintrag und hier)

 „Ich Armer habe Hunger“, seufzte er.
Du liebes Kind, komm geh mit mir!
Wir Deutsche wählen im September.
Ihr Deutsche wählt im September.

Nach wir und ihr kommt heute allerdings häufiger die schwache Beugung vor, die ebenfalls als richtig akzeptiert ist:

Wir Deutschen wählen im September.
Ihr Deutschen wählt im September.

Und wenn das Adjektiv nicht substantiviert ist, wird heute fast nur noch schwach gebeugt:

Wir deutschen Wähler und Wählerinnen werden im September zu den Urnen gerufen.
(selten: Wir deutsche Wähler und Wählerinnen …)

Damit Sie sehen, dass dies alles nicht nur in deutschen Wahljahren gilt, hier noch einige andere Beispiele:

Wir vom Stress Geplagten/Geplagte gönnen uns zu wenig Ruhe.
Hallo ihr Lieben/Liebe, wie geht es euch?
Wir armen (selten: arme) Sünder bitten um Vergebung.
Ihr lieben (selten: liebe) Leute, lasst euch sagen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Unser und das Adjektiv

Frage

Bitte schlichten Sie einen Disput, der zwischen meinen Kollegen/Kolleginnen und mir tobt. Es geht um folgende Textstelle:

Unser offen zur Schau getragene Streit bleibt nicht unbeobachtet.

Wir diskutieren lebhaft, ob es im obigen Satz „getragene“ oder „getragener“ heißen muss oder ob vielleicht sogar beides erlaubt ist, und mit jedem, der seine Meinung dazu abgibt, wird die Stimmungslage gespannter.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

richtig ist hier die starke Endung er:

Unser offen zur Schau getragener Streit bleibt nicht unbeobachtet.

Dann noch der Versuch einer einfachen Erklärung:

Es geht hier um die männliche Adjektivendung im Nominativ Singular. Steht der bestimmte Artikel der oder ein Artikelwort mit der Endung er vor dem Adjektiv, hat es die schwache Endung e:

der kleine Sohn
dieser schwere rote Wein
der offen zur Schau getragene Streit

Steht kein Artikelwort oder ein endungsloses Artikelwort vor dem Adjektiv, hat es die starke Endung er:

mein kleiner Sohn?
schwerer roter Wein
ihr offen zur Schau getragener Streit

Vgl. hier.

Und nun kommen wir zum Problemfall unser. Dieses besitzanzeigende Wort sieht aus, wie wenn es die Endung er hätte. Das würde dafür sprechen, dass ein nachfolgendes Adjektiv die schwache Endung e annimmt. Das er ist aber keine Endung, sondern Teil des Stammes. Vgl.

unser Haus / mein Haus
in unser-em Haus / in mein-em Haus
unser-e Nachbarin / mein-e Nachbarin

Die Form unser ist hier also endungslos. Entsprechend muss ein nachfolgendes Adjektiv wie nach z. B. mein stark gebeugt werden:

unser kleiner Sohn / mein kleiner Sohn
unser schwerer roter Wein / mein schwerer roter Wein
unser offen zur Schau getragener Streit / ihr […] getragener Streit

Die Verunsicherung entsteht also dadurch, dass das Wort unser zwar wie ein Wort mit der Beugungsendung er aussieht, in Wirklichkeit aber endungslos ist. Sie entsteht auch nur bei der Adjektivendung er. Während man des Öfteren hört und liest

unser *kleine Sohn wie der kleine Sohn statt unser kleiner Sohn

passiert dieses Versehen eigentlich nie bei der sächlichen Endung es:

unser *kleine Kind wie das kleine Kind statt unser kleines Kind

Ich hoffe, dass diese Angaben dazu beitragen, den Disput friedlich zu beenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Nur kein(en) Stress!

Frage

Welche elliptische Formulierung ist korrekt?

(1) Nur kein Stress!
(2) Nur keinen Stress!

Falls (1) korrekt ist – wie erklärt sich der Nominativ, wenn der vollständige Satz doch lautet: „Mach dir nur keinen Stress!“? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr L.

beide Formulierungen können als richtig angesehen werden, je nachdem wie man die Ellipse (den Auslassungssatz) ergänzt. Zum Beispiel:

Mach dir nur keinen Stress!
→ Nur keinen Stress!

Es darf/soll nur kein Stress aufkommen!
→ Nur kein Stress!

Man muss die Äußerung „Nur kein Stress!“ allerdings nicht unbedingt als Ellipse im engeren Sinne ansehen. Sie kann auch als absoluter Nominativ interpretiert werden. Ein absoluter Nominativ ist ein Wort oder ein Satzglied, das nicht in das Satzgefüge eingebunden ist und im Nominativ steht. Solche Nominative stehen mehr oder weniger unabhängig für sich allein. Drei weitere Beispiele:

Zu verkaufen: frischer Spargel
Ein Zufall? Sie trafen sich schon wieder am Bahnhof.
Kilometerlanger Stau wegen Baustelle

Es ist in der Regel möglich, solche absoluten Nominative als Ellipsen zu sehen und sie zu einem vollständigen Satz zu ergänzen, unbedingt notwendig ist es aber nicht. Vgl. hier.

Die Variante im Nominativ scheint übrigens bei der Aufforderung, möglichst ohne Stress zu reagieren, häufiger vorzukommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von Bernd das Brot oder von Bernd dem Brot?

Frage

Gestern bin ich auf einen Artikel gestoßen, in dem es um Bernd das Brot ging, Titel: „Was ich von Bernd das Brot über das Leben gelernt habe“.

Intuitiv würde ich hier stattdessen schreiben: „Was ich von Bernd dem Brot über das Leben gelernt habe“, analog zu „was Alexander dem Großen widerfuhr“. Ich würde „das Brot“ also als eine ganz normale Apposition behandeln.

Was meinen Sie dazu? Gibt es Fälle, in denen eine Apposition ein Teil des Namens wird und nicht flektiert wird? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

es gibt keine eindeutige, in Stein gemeißelte Regel für solche Fälle. Wenn das Brot als Apposition empfunden wird, geht man gleich vor wie bei Katharina der Großen, Wilhelm dem Eroberer oder Jan Brueghel dem Älteren:

Ich bin Bernd das Brot.
Ich habe Bernd dem Brot zugehört.
Was ich von Bernd dem Brot gelernt habe.
Leben und Werk Bernds des Brotes

Ganz so eindeutig ist es aber nicht. Der Kinderfernsehstar Bernd ist kein Herrscher wie Katharina II. von Russland oder Wilhelm I. von England und das Brot ist auch kein unterscheidendes Merkmal wie bei Vater und Sohn Jan Brueghel dem Älteren und dem Jüngeren. Man kann das Brot auch einfach als Familiennamen sehen. Seine Form mit einem bestimmten Artikel ist im Deutschen ungewöhnlich, aber Bernd, der Träger des Namens, ist ja auch keine ganz alltägliche Figur. Als Familienname wird er wie ein „gewöhnlicher“ Familienname behandelt:

Ich heiße Bernd das Brot.
Ich habe Bernd das Brot zugehört.
Was ich von Bernd das Brot gelernt habe.
Bernd das Brots Leben und Werk

Es lässt sich nicht eindeutig und objektiv feststellen, ob das Brot eine nachgestellte enge Apposition oder ein Familienname sein muss. Beides ist vertretbar. Ich neige eher zur Apposition, insbesondere dann, wenn nicht nur von Bernd dem Brot, sondern auch von Chili dem Schaf und Briegel dem Busch die Rede ist. Beim Kinderfernsehkanal KIKA (zumindest im Webauftritt) schein man aber das Brot als Familiennamen zu behandeln:

„Freu dich auf Spaß, Spiel und ganz viel Comedy!“, heißt es in Sketchen mit Bernd das Brot.
http://www.kika.de/bernd-friends/index.html

Mehr Informationen zur Beugung von engen Appositionen und Namen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater …

Frage

Ich sah den folgenden Relativsatz in einem Buch und ich habe mir gedacht, dass er ein wenig sonderbar ist:

Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.

Meine Frage lautet: Warum schrieb der Autor „dessen ihr…“? Das Relativpronomen „dessen“ ist ein Genitiv und gibt ein Besitzverhältnis an. Warum steht dann dennoch auch das Possessivpronomen „ihr“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Relativsatz ist nicht ein wenig sonderbar, er ist falsch. Der Anschluss dessen ihr ist hier eventuell eine Art Regionalismus, eine bewusst gewählte Abweichung von der Norm oder eine falsche Mischform zwischen Standardsprache und Umgangssprache (siehe unten). Genaueres kann ich dazu nicht sagen, denn ich habe diese Wendung noch nie bewusst gesehen.

Standardsprachlich richtig ist hier

Es waren einmal drei Brüder, deren Vater ihnen Geld hinterließ.
(Genitiv deren: Wessen Vater hinterließ ihnen Geld?)

oder

Es waren einmal drei Brüder, denen der Vater Geld hinterließ.
(Dativ denen: Wem hinterließ der Vater Geld?)

Ganz aus der Luft gegriffen ist das Possessivpronomen ihr in Ihrem Satz allerdings nicht. Es passt nur nicht zur Genitivform dessen oder deren. Umgangssprachlich steht nämlich anstelle des Genitivs manchmal auch der Dativ mit einem Possessiv (siehe hier). Zum Beispiel:

dem Dr. Bopp sein Blog = Dr. Bopps Blog
den drei Brüdern ihr Vater = der Vater der drei Brüder

Rein umgangssprachlich wäre also auch der Anschluss mit einem Dativ und einem Possesivpronomen möglich:

Es waren einmal drei Brüder, denen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.
(Dativ + Possessiv denen ihr: Wem sein Vater hinterließ ihnen Geld?)

In der Standardsprache sollte man aber auf Sätze verzichten, *denen ihre Formulierung wie diese als falsch gilt, und besser Sätzen verwenden, deren Formulierung nicht in Frage gestellt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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