Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater …

Frage

Ich sah den folgenden Relativsatz in einem Buch und ich habe mir gedacht, dass er ein wenig sonderbar ist:

Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.

Meine Frage lautet: Warum schrieb der Autor „dessen ihr…“? Das Relativpronomen „dessen“ ist ein Genitiv und gibt ein Besitzverhältnis an. Warum steht dann dennoch auch das Possessivpronomen „ihr“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Relativsatz ist nicht ein wenig sonderbar, er ist falsch. Der Anschluss dessen ihr ist hier eventuell eine Art Regionalismus, eine bewusst gewählte Abweichung von der Norm oder eine falsche Mischform zwischen Standardsprache und Umgangssprache (siehe unten). Genaueres kann ich dazu nicht sagen, denn ich habe diese Wendung noch nie bewusst gesehen.

Standardsprachlich richtig ist hier

Es waren einmal drei Brüder, deren Vater ihnen Geld hinterließ.
(Genitiv deren: Wessen Vater hinterließ ihnen Geld?)

oder

Es waren einmal drei Brüder, denen der Vater Geld hinterließ.
(Dativ denen: Wem hinterließ der Vater Geld?)

Ganz aus der Luft gegriffen ist das Possessivpronomen ihr in Ihrem Satz allerdings nicht. Es passt nur nicht zur Genitivform dessen oder deren. Umgangssprachlich steht nämlich anstelle des Genitivs manchmal auch der Dativ mit einem Possessiv (siehe hier). Zum Beispiel:

dem Dr. Bopp sein Blog = Dr. Bopps Blog
den drei Brüdern ihr Vater = der Vater der drei Brüder

Rein umgangssprachlich wäre also auch der Anschluss mit einem Dativ und einem Possesivpronomen möglich:

Es waren einmal drei Brüder, denen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.
(Dativ + Possessiv denen ihr: Wem sein Vater hinterließ ihnen Geld?)

In der Standardsprache sollte man aber auf Sätze verzichten, *denen ihre Formulierung wie diese als falsch gilt, und besser Sätzen verwenden, deren Formulierung nicht in Frage gestellt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Anhand welches/welchen Beispiels

Frage

Ein Gutachter besteht auf der Änderung von „anhand welches Beispiels“ zu „anhand welchen Beispiels“. Zu Recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Gutachter hat nur insofern recht, als neben „anhand welches Beispiels“ häufig die Formulierung „anhand welchen Beispiels“ vorkommt. Beide gelten als korrekt. Siehe hier.

Wie kommt es zu dieser Variation? Sie hat mit Unterschieden zwischen der Beugung von Adjektiven und der Beugung von Pronomen zu tun.

Adjektive haben im männlichen und sächlichen Genitiv Singular die Endung en:

wegen schlechten Wetters
ein Sortiment feinsten französischen Käses
der Kauf eines sportlichen Fahrrads

Als typische Pronomenendung im männlichen und sächlichen Genitiv Singular gilt die Endung es:

wegen dieses Wetters
der Verzehr jenes Käses
der Diebstahl meines Fahrrads

Und hier beginnen die Inkonsequenzen. Das Deutsche hat nämlich die sparsame Neigung, gewisse Aspekte nur einmal auszudrücken. Wenn es schon eine Endung [e]s gibt, die eindeutig den Genitiv ausdrückt, reicht das. Das zeigt sich bei der Adjektivbeugung, in der es statt der Genitivendung es nur noch die schwache Endung en gibt (siehe Beispiele oben).

Dieser Tendenz folgen auch die Pronomen: Wenn sie im Genitiv vor einem Substantiv mit der Endung (e)s stehen, haben einige von Ihnen die Neigung, die Adjektivendung en statt der Pronomenendung es anzunehmen. Einmal es reicht ja, um den Genitiv auszudrücken. Bei einigen Pronomen gelten beide Formen standardsprachlich als korrekt:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
im Leben (manches)/manchen Kindes
anhand welches/welchen Beispiels

Aber vor Substantiven ohne die Endung (e)s nur:

im Leben jedes Menschen
nach der Meinung manches Studenten
mit Hilfe welches Assistenten

Und damit es ja nicht zu einfach wird: Für die Pronomen dieser, jener, mein/dein/etc. und kein gilt das oben Gesagte nicht. Sie folgen zwar auch dieser Tendenz – vor allem in festeren Wendungen –, aber bei ihnen gelten die Genitivformen mit en (vorläufig) noch als falsch. Und somit sind wir bei einem recht bekannten Streitfall: Standardsprachlich besser nicht

Anfang diesen Jahres
Personen Ihren Alters
jemanden keinen Blickes würdigen

sondern

Anfang dieses Jahres
Personen Ihres Alters
jemanden keines Blickes würdigen

Die Endung en verdrängt im Genitiv also langsam die Endung es. Bei den Adjektiven ist es ihr schon vollständig gelungen, bei den Pronomen ist die Übernahme noch nicht ganz vollzogen. Es ist also nicht erstaunlich, dass in einer solchen Übergangsphase viele Unsicherheiten entstehen. Als Trost mag gelten: So komplex es auch scheint, meistens geht es dennoch spontan gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Kinder von 8 bis 12 Jahre/Jahren?

Frage

[Es geht] um den Kasus bei mehr als einer Präposition. Wie ich der Canoo-Website entnehmen kann, bestimmt die zweite Präposition den Fall. Ich bin aber in folgendem Fall unsicher. Heißt es „für Kinder von 8 bis 12 Jahre“ oder „Jahren“?

Kinder von 5 bis 13 Jahren erforschen die Ausstellung.

Ist das korrekt so?

Antwort

Wie so oft sind solche Formulierungen meistens problemlos, bis man anfängt, darüber nachzudenken. Ihre wahrscheinlich spontan gebildete Formulierung ist nämlich richtig.

Wenn bis Zahlenangaben miteinander verbindet, hat es keinen Einfluss auf den Fall. Man formuliert gleich, wie wenn nur eine der beiden Zahlenangaben stehen würde. Es heißt also:

für Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren
Kinder von 5 bis 13 Jahren erforschen die Ausstellung.

Den Kasus bestimmt hier die Präposition von (vgl. für Kinder von 8 Jahren).

Hier noch Beispiele mit anderen Fällen:

Die Kinder sind acht bis zwölf Jahre alt (vgl. sind zwölf Jahre alt)
Erste Strophe, erster bis dritter Vers (vgl. erste Strophe, dritter Vers)
Komponisten des 14. bis 20. Jahrhunderts (vgl. Komponisten des 20. Jahrhunderts)

Die Präposition bis ist sehr bescheiden. Nur selten verlangt sie den Akkusativ, der ihr zusteht. Sehr oft überlässt sie die Bestimmung des Falls einer anderen Präposition oder zeigt wie hier das Verhalten einer Konjunktion. Ihre Frage beweist allerdings, dass es gerade diese „Bescheidenheit“ hin und wieder auch Probleme bereiten kann. Mehr zu bis und den Fällen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Ist das Haus unseres, das unsere, das unsrige, uns oder unser?

Frage

Die Possessivpronomen können ohne Artikel stellvertretend für eine Nomen stehen. Die endungslose Form Neutrum Singular bekommt dann die Endung –es [vgl. hier]. Und nun zu meiner Frage: Was ist richtig?

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unseres ist.
oder
Heute kam die Nachricht, dass das Haus unser ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei der Besitzangaben mit dem Verb sein und einem Possessiv kommen verschiedene Konstruktionen vor. Möglich ist die Verwendung der gebeugten Form des Possessivs ohne Artikel, der gebeugten Form mit Artikel oder, eher veraltenden, der mit -ig erweiterten Form mit Artikel:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unseres / das unsere / das unsrige ist.
Der Bus dort ist unserer / der unsere / der unsrige.
Ist die Jacke nicht deine / die deine / die deinige?

Veraltet oder sehr gehoben ist die prädikative Verwendung des ungebeugten Possessivs. Man trifft sie vor allem in älteren Texten und Operettenarien an:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unser ist.
Die Rache ist mein.
Dein ist mein ganzes Herz.
Die Schuld ist euer.

Die folgende Variante gilt als umgangssprachlich und sollte in der Standardsprache vermieden werden: sein mit dem Dativ (hier mit dem Dativ des Personalpronomens).

Heute kam die Nachricht, dass das Haus uns ist.
Der Bus dort ist mir.
Der Garten ist nicht Ihnen, sondern uns allen.

Die im heutigen Standarddeutschen üblichste Variante wird aber nicht mit sein, sondern mit dem Verb gehören formuliert:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus uns gehört.
Der Bus dort gehört mir.
Der Garten gehört nicht Ihnen, sondern uns allen.

Um nun wieder zu Ihrer Frage zurückzukommen: Richtig ist sowohl dass das Haus unseres ist als auch dass das Haus unser ist, heute standardsprachlich üblich ist aber vor allem dass das Haus uns gehört.

In Léhars „Land des Lächelns“ wird man allerdings auch weiterhin

Dein ist mein ganzes Herz!
Wo du nicht bist, kann ich nicht sein.

singen, denn die „moderne“ Variante mit gehören würde hier einfach nicht passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Original Hamburger Kaufleute ohne e

Frage

Beim Schreiben bin ich heute über eine Formulierung gestolpert, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie richtig ist. Muss es heißen:

Als original Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

oder:

Als originale Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

Grundsätzlich muss das Adjektiv „original“ ja angepasst werden […], mit „originale“ klingt der Satz aber merkwürdig schwerfällig, sodass ich mich frage, ob man das Wort „original“ ohne „e“ nicht ebenso gut verwenden kann.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Formulierung ist auch mit einem ungebeugten original korrekt. Einige ungebeugte Adjektive können wie Adverbien andere Adjektiv näher bestimmen (vgl. hier). Dazu gehören Adjektive wie echt, klassisch, typisch und original, die häufig vor geografischen Andeutungen stehen:

die echt britische Lebensart
in klassisch italienischem Stil
original spanische Tapas

Sie können auch vor unveränderlichen geografischen Adjektiven auf er stehen. Das ergibt dann zwar gleich zwei endungslose Adjektive hintereinander, ist aber möglich:

typisch Berliner Altbauten
ein Stück echt Elsässer Gugelhupf
eine rein Wiener Angelegenheit

und ebenso:

original Hamburger Kaufleute

Grammatisch gesehen bestimmt original hier also nicht Kaufleute, sondern das Adjektiv Hamburger näher. Grammatische Struktur hin oder her: Auf dass die original Hamburger Ehrlichkeit noch lange bestehen bleibe!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Der erwartetste Moment?

Frage

Kann man „erwartet“ steigern? Zum Beispiel: „Der Urlaub ist der erwartetste Moment des Jahres.“ Heißt es nicht besser: „Der Urlaub ist der am meisten erwartete Moment des Jahres“?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

es ist tatsächlich nicht üblich, das adjektivische Partizip erwartet zu steigern. Sie sagen oder schreiben hier besser zum Beispiel:

der am sehnlichsten erwartete Moment des Jahres

Woran liegt das? Als Adjektive verwendete Partizipien haben in der Regel keine Steigerungsformen, wenn ihre Bedeutung noch eng mit der Verbbedeutung verbunden ist:

nicht: das besuchteste Museum – sondern: das meistbesuchte Museum
nicht: ihr wachsenderer Einfluss – sondern: ihr stärker wachsender Einfluss
nicht: die gehörteste Entschuldigung – sondern: die am häufigsten gehörte Entschuldigung

Adjektivische Partizipien können dann gesteigert werden, wenn sie mit einer mehr oder weniger eigenständigen, übertragenen Bedeutung verwendet werden:

die rührendste Geschichte
erfahrenere Fachleute
die verlockendsten Angebote

eine blühendere Phantasie – nicht: eine blühendere Rose
die schreiendsten Farben – nicht: die schreiensten Kinder
der ausgekochteste Kriminelle – nicht: die ausgekochtesten Knochen

Wie immer, wenn es um „übertragene Bedeutung“ geht, sind die Übergänge fließend. Ein Zauberer kann nicht verzaubernder sein als der andere, auch wenn er Menschen und Dinge noch so behände zu verwandeln vermag. Ein Lächeln hingegen kann bezaubernder sein als das andere. Es ist nicht immer einfach zu sagen, wann und warum eine Steigerungsform möglich ist oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Solch, solches, ein solch, ein solches, solch ein garstiges Wetter!

Das Wörtchen solch… lässt sich nicht mit einem Satz erklären. Es hat die Eigenschaften eines Pronomens, eines Artikelwortes und eines Adjektivs und kann im Satz ganz unterschiedlich verwendet werden. Ich muss Sie deshalb dafür um Nachsicht bitten, dass dieser Beitrag zu Herrn L.s einfacher und kurzer Frage recht lang ausgefallen ist und trotzdem bei Weitem nicht alle Facetten behandelt. Er soll vor allem aufzeigen, wie vielfältig die Formulierungsmöglichkeiten mit solch sind.

Frage

Heißt es „solch“ oder „solche“ oder ist hier beides möglich?

Eine Blume am Armaturenbrett: Solch(e) liebevolle Details finden sich nur in Oldtimern.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

die meisten Muttersprachigen werden wie Sie vermuten oder einfach wissen, dass hier beide Formulierungen möglich sind:

Solche liebevolle(n) Details finden sich nur in Oldtimern.
Solch liebevolle Details finden sich nur in Oldtimern.

Es gibt dabei allerdings einen kleinen Unterschied: Die gebeugte Form solche bezieht sich auf Details oder eigentlich auf die ganze Nomengruppe liebevolle Details. Seine Bedeutung ist so beschaffen, so geartet:

solche liebevollen Details = so beschaffene liebevolle Details
bei solchem garstigen Wetter = bei garstigem Wetter dieser Art

Die endungslose Form solch bestimmt adverbial das Adjektiv liebevoll näher. Es hat ungefähr die gleiche Bedeutung wie so:

solch liebevolle Details = so liebevolle Details
bei solch garstigem Wetter = bei so garstigem Wetter

Das Wörtchen solch hat noch mehr auf Lager: Im Singular kann man es auch mit dem unbestimmten Artikel ein kombinieren, und zwar auf mehr als eine Art:

ein solches liebevolles Detail
ein solch liebevolles Detail
solch ein liebevolles Detail

bei einem solchen garstigen Wetter
bei einem solch garstigen Wetter
bei solch einem garstigen Wetter

So viele verschiedene Möglichkeiten! Zur Problematik der Beugung des Adjektivs nach solch und solche schweige ich deshalb hier. Für eine solche komplexe, eine solch komplexe oder solch eine komplexe Frage verweise ich Sie auf diese Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Das Wort Gottes und der Sohn Gottes im Genitiv

Frage

Ich war im Gottesdienst, um dem Wort Gottes zu lauschen. Aber lieferte der Herr Pastor eine Auslegung des Wort Gottes oder des Wortes Gottes? Ich finde, Wort Gottes ist ein geschlossener Begriff und nur das zweite Nomen muss gebeugt werden. Mein Sohn hält dagegen, die Auslegung bezöge sich auf das Wort, das daher zu beugen sei.

Und wie lautete der korrekte Genitiv von „der Sohn Gottes“: „des Sohn Gottes“ oder „des Sohnes Gottes“?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

üblicher und grammatisch richtig ist die Genitivform des Wortes Gottes. In einer Wortgruppe beugt man den Kern der Gruppe. Der Kern ist hier Wort, wie unter anderem der Artikel das anzeigt, der im Genitiv zu des wird: das Wort – des Wortes.

Neben dem Artikel das und dem Kern Wort enthält die Wortgruppe noch das Genitivattribut Gottes. Das Genitivattribut ist direkt vom Wortgruppenkern Wort abhängig und in allen Stellungen gleich. Man beugt also wie folgt:

das Wort Gottes
dem Wort[e] Gottes
des Wortes Gottes

Auch bei der Sohn Gottes ist Sohn der Kern der Wortgruppe, der gebeugt wird. Es heißt also im Genitiv des Sohnes Gottes:

der/den Sohn Gottes
dem Sohn[e] Gottes
des Sohnes Gottes

Man könnte Wort Gottes als Ganzes als einen Titel sehen, der unveränderlich ist. Der Genitiv wäre dann des Wort Gottes. Es ist im Deutschen aber üblich, auch innerhalb eines Titels o. Ä. zu beugen. Es ist deshab vorzuziehen, die Gentivform des Wortes Gottes zu verwenden, das heißt, wie in des Sohnes Gottes oder zum Beispiel des Zorns Gottes und des Willens Gottes den Kern der Wortgruppe zu beugen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

Kommentare

Die Idee des Individuums als Fall[s]?

Neben dem Komma und den Inseln gibt auch der Fall nach als immer wieder Anlass zu Fragen. Heute geht es um die als-Gruppe bei einem Genitiv. 

Frage

Wir schlagen uns mit einem Satz herum, bei dem unser Sprachgefühl dem widerspricht, was wir für grammatikalisch korrekt halten. Der Satz lautet:

Die Idee des Individuums als Falls und somit als Protagonisten einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Wir hadern gefühlsmäßig mit den Genitivformen „Falls“ und „Protagonisten“, finden aber keinen Beleg dafür, dass diese im Nominativ stehen dürfen.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

die als-Gruppe steht nach der Grundregel im gleichen Fall wie das Wort, auf das sie sich bezieht:

Gefüllte Kirschtomaten wurden als kleiner Gruß aus der Küche serviert.
Als erfahrenen Programmier hätte dich das nicht erstaunen müssen.
Die Wissenschaft wurde mit dem Internet als neuem Kommunikationsmedium konfrontiert.
Die Herrscher bedienten sich der Religion als eines Mittels der Unterdrückung.

ABER: Es gibt zahlreiche Ausnahmen. Eine davon betrifft Fälle, in denen das Bezugswort wie in Ihrem Beispiel ein Wort im Genitiv oder im Speziellen ein Genitivattribut ist. In solchen Fällen steht die als-Gruppe nur dann im Genitiv, wenn sie ein Artikelwort enthält. Ohne Artikelwort steht sie meist bzw. immer im Nominativ. Ihr Gefühl täuscht Sie also nicht. In Ihrem Beispiel steht die als-Gruppe ohne Artikelwort und ohne gebeugtes Adjektiv. Sie sollte deshalb im Nominativ stehen:

Die Idee des Individuums als Fall und somit als Protagonist einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Ebenso zum Beispiel:

Die Herrscher bedienten sich der Religion als Mittel der Unterdrückung.
die Rolle des Staates als Handelspartner
die Förderung des Kindes als Individuum und als Teil der Gruppe

Mehr dazu finden Sie hier und hier, denn das Ganze ist leider noch ein bisschen komplexer. Die Häufigkeit der als-Gruppe als Problemfall wird Sie nach dem Lesen dieser Abschnitte kaum mehr erstaunen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Derem und dessem

Zwei Wörter, die immer wieder auftauchen und die perfekt ins deutsche Formensystem zu passen scheinen, gehören – zumindest standardsprachlich – doch nicht dazu: derem und dessem.

Frage

Ich habe zwei Sätze, bei denen ich die Richtigkeit überprüfen soll. Es geht um die Verwendung von deren, dessen, derem etc. Ist hier derem korrekt?

Diese feministische Gruppe, in DEREM Interesse es liegt, die Situation der Frau zu verbessern, scheint mir realistische Forderungen zu stellen.
Trotz des großen Andrangs und der vielen Besucher gelang es ihr, ein paar Worte mit der Direktorin und DEREM Mann zu wechseln.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

um es gleich vorwegzunehmen: In der Standardsprache gibt es die Form derem nicht. Die Form deren ist unveränderlich. Es ist der weibliche Genitiv Singular und der Genitiv Plural des Relativpronomens der/die/das und des Demonstrativpronomens der/die/das.

Auch wenn deren wie ein Artikel vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv im Dativ steht, bleibt es unveränderlich, das heißt, es erhält anders als die Artikelwörter einem, diesem, ihrem usw. nicht die Endung em. Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Diese feministische Gruppe, in deren Interesse es liegt, die Situation der Frau zu verbessern, scheint mir realistische Forderungen zu stellen.
Trotz des großen Andrangs und der vielen Besucher gelang es ihr, ein paar Worte mit der Direktorin und deren Mann zu wechseln.

Man begegnet hier aus nicht ganz unbegreiflichen Gründen häufig auch der Form derem. Diese Form ist aber, wie bereits gesagt, standardsprachlich nicht korrekt. Wie wird deren vor einem Substantiv verwendet?

Als Relativpronomen:

die Nachbarin, mit deren rotem Sportwagen ich gerne einmal fahren würde
(nicht: *mit derem roten Sportwagen)
Sie haben sich wüste Schlägereien geliefert, in deren Verlauf auch etliche Feuerlöscher geleert wurden.
(nicht: *in derem Verlauf)

Als rückweisendes Demonstrativpronomen:

Sie hat die Direktorin in deren Büro aufgesucht.
(nicht: *in derem Büro)
Sie stehen hinter der Partei und deren politischem Auftrag.
(nicht: *derem politischen Auftrag)

Dasselbe gilt übrigens auch für dessem. Auch diese Form gibt es standardsprachlich nicht, nicht einmal vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv im Dativ:

der Nachbar, mit dessen rotem Sportwagen …
Sie haben sich einen wüsten Kampf geliefert, in dessen Verlauf auch etliche Feuerlöscher geleert wurden.
Er hat den Direktor in dessen Büro aufgesucht
Sie stehen hinter dem Vorstand und dessen politischem Auftrag.

Und falls Sie wieder einmal unsicher werden: Wenn Sie versucht sind, derem oder dessem zu verwenden, sollten Sie deren oder dessen wählen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare