Kaninchen

Heute gibt es Kaninchen. (Ja, Dr. Bopp isst Kaninchen. Siehe hier). Da dies leider oder, je nach Interesse, glücklicherweise keine Kochrubrik ist, verschone ich Sie mit Rezepten und Weintipps. Es geht natürlich um das Wort Kaninchen. Warum denn chen? Ein großes Kaninchen ist doch kein Kanin, wie ein großes Hündchen ein Hund ist oder wie man ein großes Häuschen meist einfach ein Haus nennt. Weshalb also chen?

Mit der Nachsilbe chen bildet man Diminutive oder zu gut Deutsch Verkleinerungsformen. Vor allem im Süden verwendet man dafür oft auch lein. Richtung Norden lockt man deshalb als Hexe Kinder, die sich im Wald verlaufen haben, eher in ein Lebkuchenhäuschen, während man als südliche Hexe eher ein Lebkuchenhäuslein bewohnt, in dem man dann das Mädchen als Mägdchen zur Kinderarbeit zwingt und den Jungen wie ein Kaninchen einsperrt und fett mästet. So geht es jedenfalls – ganz gleich ob Häuschen oder Häuslein – in einem ordentlichen Märchen zu und her.

Kaninchen ist nicht der einzige ursprüngliche Diminutiv, bei dem das Grundwort im heutigen Deutschen nicht mehr bekannt oder gebräuchlich ist. Auch zum Beispiel bei Mädchen und Märchen oder beim Zipperlein, das böse Hexen plagen möge, ist das Grundwort nicht mehr allgemein bekannt. Das Wort Mädchen geht auf Mägdchen, also kleine Magd, zurück und wurde in einer Zeit gebildet, in der eine Magd noch nicht eine Bedienstete, sondern eine junge weibliche und idealerweise jungfräuliche Person war. Ein Märchen ist eine kurze Mär, das heißt eine kurze Geschichte oder Erzählung. Die Herkunft von Zipperlein erspare ich ihnen; das wird sogar mir zu umständlich.

Bleibt also noch das Kaninchen. Das Grundwort Kanin gab es einmal (und gibt es überigens immer noch als Fachwort für Kaninchenfell). Ein großes Kaninchen war früher also doch ein Kanin! Es geht über das alte französische Wort conin auf lateinisch cuniculus zurück. Auch das Wort Karnickel lässt sich über eine niederdeutsche Verkleinerungsform kanineken aus conin herleiten. Das r hat sich unterwegs einmal als überkorrekte Aussprache eingeschlichen.

Das lateinische caniculus gelangte auch noch auf anderem Wege ins Deutsche und ist so noch in landschaftlich gebräuchlichen Formen wie Künig, Chüngel, Kinigl oder Kiniglhas zu finden. Weil es volkstümlich als mit König (verkl. Königlein) verwandt angesehen wurde, gibt es im Südbayrischen und Österreichischen auch die Bezeichnungen Königlein und König(s)hase.

Beim lateinischen Wort cuniculus könnte es sich um ein Lehnwort aus dem Iberischen (d.h. aus einer der damals auf der Iberischen Halbinsel gesprochenen Sprache) handeln. Eine andere Erklärung sagt, dass der Name des Tieres vom lateinischen Wort für unterirdischer Kanal, Gang, Stollen cuniculus abzuleiten sei. Der Name der Behausung wäre dann auf das Tier übergegangen.

Ein paar Informationen zu Form und Herkunft des Wortes Kaninchen hätte ich somit zusammengesucht und beschrieben. Der Geist ist also wieder frei, sich mit „wichtigeren“ Dingen zu beschäftigen: Wie bereiten wir das Kaninchen zu und welcher Wein könnte gut dazu passen? Doch das ist, wie bereits gesagt, Stoff für ein ganz anderes Blog.

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Oper, Toast und Eponyme

Soeben bin ich zufällig über diese Information gestolpert: Heute ist der 79. Todestag der australischen Opernsängerin Helen Porter Mitchell (19. Mai 1861 – 23. Februar 1931). Unter dem Namen Nelly Melba sang die international gefeierte Sopranistin u. a. Verdi, Rossini, Donizetti, Puccini und Wagner in Häusern wie der Mailänder Scala, der New Yorker Metropolitan Opera und dem Londoner Royal Opera House.

Es geht mir hier aber nicht um die Sangeskünste dieser Primadonna, sondern ums Essen. Wie es sich für eine Diva gehört, wohnte Frau Melba in London im Savoy Hotel, wo der französische Meisterkoch Georges Auguste Escoffier das Zepter über die Küche schwang. Hier soll nun der Meisterkoch für die Primadonna ein Dessert (Nachtisch klingt hier eindeutig zu gewöhnlich) kreiert haben, das er nach ihr benannte: Pfirsich mit Vanilleeis und Himbeermark, bekannt unter dem Namen Pêche Melba oder Pfirsich Melba. Einige Jahre später soll die Sängerin während eines Aufenthalts in London auf Diät gegangen sein, dies im Zusammenhang mit einer Erkrankung und nicht etwa wegen des Kalorienreichtums des Desserts. Für diese Krankendiät schuf Escoffier einen trockenen, sehr dünnen Toast, der wahrscheinlich auf Veranlassung des ebenfalls sehr berühmten Hotelbesitzers César Ritz den Namen Toast Melba erhielt.

Neben dem Melba-Toast und dem Pfirsich Melba gibt es noch die Bezeichnung Melba-Sauce für die Himbeersauce und die Farbbezeichnung Melba für einen bestimmten Pfirsichton. All diese Wörter sind Beispiele für Bezeichnungen, die auf einen Personennamen zurückgehen. Solche Wörter nennt man Eponyme. Andere Beispiele sind Achillesferse, Béchamelsauce, Brailleschrift, Casanova, Chauvinismus, Diesel, Geigerzähler, Kalaschnikow, pasteurisieren, Saxophon, Zeppelin. Hiermit ist mir der Dreh von der Opernsängerin über das Essen zur Sprachwissenschaft gelungen!

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Wieso heißen Dominosteine eigentlich Dominosteine?

Passend zum vierten Adventssonntag eine weihnächtliche Frage:

Frage

Wieso heißen Dominosteine eigentlich Dominosteine? Ich meine damit nicht die Spielsteine, sondern die mit Schokolade überzogenen Süßigkeiten aus Lebkuchen, Marzipan und Fruchtgelee. Sie sind nicht dominostein-, sondern würfelförmig. Wieso heißen sie also Dominosteine?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

leider habe ich keine Ahnung, was den Dresdener Feinbäcker Herbert Wendler im Jahre 1936 dazu bewogen hat, seine inzwischen in ganz Deutschland „weltberühmte“ süße Neuschöpfung Dominosteine zu nennen. Ihn persönlich kann man nicht mehr danach fragen, da er im Jahre 1998 verstorben ist. Auch sonst habe ich nirgendwo entsprechende Informationen finden können.

Ich muss also raten: Vielleicht hatten sie ursprünglich eine länglichere Form. Vielleicht liegt es an den drei Lagen (Lebkuchen, Fruchtgelee, Marzipan), die ein wenig wie drei aufeinandergeschichtet Dominosteine aussehen. Es könnte auch sein, dass zwei nebeneinanderliegende süße Dominosteine von oben gesehen an einen echten Dominostein erinnern. Vielleicht heißen sie so, weil sie mit mehreren zusammen verpackt wie Dominosteine in einer Schachtel liegen. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie viereckig sind und dass Dominosteine einfach gut klingt.

Es tut mir leid, dass ich Ihnen eine genauere Antwort schuldig bleiben muss. 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag

Geneigte Leser und Leserinnen aus Dresden oder dem Rest der Welt, die Genaueres wissen, mögen doch bitte nicht zögern, ihr Wissen mit uns zu teilen!

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Das zähe Wörtchen Frühstück

Nachdem unsere neue Nachbarin gestern Abend beim Abendessen gezeigt hatte, dass sie sympathisch und dem Weine nicht ganz abgeneigt ist, hatte ich heute Morgen beim Frühstück einen etwas schwereren Kopf als sonst. Da es kein ausgewachsener, kampfeslustiger Kater war, trat er schon nach einer Tasse Kaffee den Rückzug an, sodass doch noch ein paar einigermaßen klare Gedanken aufkamen. Einer davon war: „Frühstück? Weshalb Frühstück? Früh kann ich noch erklären, aber Stück?“

Natürlich bin ich nach einer zweiten Tasse Kaffee dieser Frage für Sie und für mich nachgegangen. Dabei bin ich recht schnell auf eine wenig spektakuläre Antwort gestoßen: Das Wort Frühstück gibt es seit dem 15. Jahrhundert. Wie das mittelhochdeutsche Morgenbrot bezeichnete es das erste in der Frühe gegessene Stück Brot.

Es ist ein recht robustes Wort. Es gelang ihm, Morgenbrot zu verdrängen und später aufkommende Konkurrenten wie Frühkost erfolgreich hinter sich zu lassen. Auch fremdsprachlichen Thronprätendenten bietet es erfolgreicher die Stirn als seine Vettern Mittagessen und Abendessen. In der Zeit, in der man in der besseren Gesellschaft beim Parlieren ein mit französischen Ausdrücken gespicktes Deutsch benutzte, kannte man zwar das Wort Dejeuner und benutzte es für Frühstück oder leichtes Mittagessen. Viel schwerer hatte es aber das Abendessen, das je nach Festlichkeitsgehalt Diner oder Souper genannt wurde. In der heutigen Hochzeit des Englischen hört man zwar öfter, dass Kollegen zum Lunch gehen, dass ein Dinner organisiert wird oder dass man sich am Sonntag zum Brunch trifft, aber von Breakfast redet im täglichen Sprachgebrauch eigentlich kaum jemand. Ein zähes Wörtchen, dieses Frühstück!

Natürlich geht es wieder einmal nicht ganz ohne regionale Unterschiede. Für die Schweizer war und ist Frühstück eine Art Fremdwort. In der Deutschschweiz nimmt man am Morgen das Morgenessen oder im Dialekt den Zmorge zu sich. Es wundert mich, dass ich keine anderen regionalen Varianten finden konnte, denn üblicherweise gibt es gerade bei solchen häuslichen Dingen oft mehr landschaftliche Varianten als sonst. Vielleicht kennen Sie ja noch andere gebräuchliche Ausdrücke. Und sonst gilt eben – wie bereits gesagt –: ein zähes und robustes Wörtchen, dieses Frühstück!

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Cappuccino, Cappuccinos und Cappuccini

Frage

Es geht um die Pluralbildung des Wortes Cappuccino. Ihr Wörterbuch gibt Cappuccinos vor. Ist die italienische Variante Cappuccini zu geschmäcklerisch, zu altklug, arrogant? Oder gibt es einen objektiveren Grund, warum die Pluralbildung in diesem Fall eingedeutscht wird? Warum dann aber Mafioso – Mafiosi (und nicht Mafiosos)?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

Wenn Sie Cappuccini sagen wollen, können Sie das natürlich tun. Man wird Ihnen auch ohne zu zögern mehrere Kaffee mit aufgeschäumter Milch servieren – außer dort natürlich, wo man das Rezept leicht bis mittelschwer abgeändert hat. In Frankreich zum Beispiel wird einem meistens ein Kaffee mit Schlagsahne als Cappuccino serviert. Wenn Sie im deutschen Sprachraum zwei Cappuccini bestellen, ist dieses Risiko geringer. Sie riskieren aber, dass Ihre Bestellung noch „hipper“ klingt als: Zwei Espressi bitte. Wenn ich zum Beispiel am Fernsehen jemanden zwei Espressi bestellen höre, ist das eine Person, die in einer Vorabendserie oder einem ZDF-Spielfilm mit einer Designersonnebrille im Haar in einem schicken Lokal oder an einer gestylten Bar sitzt. Aus irgendeinem Grund habe ich dort bis jetzt noch nie jemanden einen oder mehrere Cappuccinos/Cappuccini bestellen hören. Ob der italienische Plural dort je verwendet wird, weiß ich also leider nicht.

Der Plural Cappuccini ist im Deutschen noch ungebräuchlicher als der Plural Espressi. Man kennt ihn eigentlich nur wenn man Italienisch kann oder wenn man oft in Italien war. Warum man fast ausschließlich Mafiosi sagt, man neben Espressos auch Espressi verwendet, aber bei Cappuccino der italienische Plural kaum vorkommt, weiß ich leider ohne weitere Nachforschungen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass man hierzulande schon seit Jahrzehnten Mafiafilme kennt und der Espresso schon lange den Mokka abgelöst hat, während der Cappuccino seinen Eroberungszug nördlich der Alpen erst vor relativ kurzer Zeit angetreten hat.

Andere Wörterbücher machen für diese Wörter die gleichen oder ähnliche Angaben wie Canoo.net. Vielleicht hört man die Form Cappuccini ja nach den Sommerferien häufiger, wenn alle vom Urlaub am Gardasee, in der Toskana und auf Sizilien zurückgekehrt sind. Wir werden dann prüfen, ob wir beim Eintrag Cappuccino zusätzlich die italienische Pluralform angeben sollen. Bis die italienische Form sich etwas besser etabliert hat, können Sie diese Klippe auch einfach umschiffen, indem Sie wie zum Beispiel bei Kaffee ganz korrekt den Singular verwenden: Zwei Cappuccino bitte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was ich in der Bretagne über Großbritannien lernte

„Reisen bildet“, sagt man. So weiß ich jetzt zum Beispiel, dass man in der Bretagne bestens Austern, Muscheln und andere Meeresbewohner essen kann, dass es dort guten Cidre (Apfelwein) zu trinken gibt und dass die Crêpes in der bretonischen Küche erfunden worden sind. Auch „richtige“ Kultur findet man en masse: von frühgeschichtlichen Megalithen über mittelalterliche Bauten bis hin zu moderner Kunst. Ich habe außerdem gelernt, wo das groß in Großbritannien herkommt.

Zur Zeit der alten Römer hieß der römisch besetzte Teil Großbritanniens Brit(t)annia. Die Bretagne wurde Aremorica genannt. Letzteres kommt aus dem Keltischen und soll Land am Meer bedeuten. Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches wanderten viele britannische Kelten von ihrer Insel nach Aremorica aus und verdrängten im Laufe der Zeit die dort herrschende, schon weitgehend romanisierte Kultur. So ersetzte auch der Name ihrer ursprünglichen Heimat den Namen Aremorica fast vollständig. Es gab also zwei Britannien: das ursprüngliche, große Britannien auf der Insel und das kleine Britannien auf dem Festland. Dies ist eine stark vereinfachte Darstellung der historischen Zusammenhänge, aber sie erklärt, wie Großbritannien zum Zusatz groß in seinem Namen kam. Viel besser sieht man diesen Zusammenhang im Französischen, wo man die Bretagne natürlich la Bretagne und Großbritannien la Grande-Bretagne nennt.

Interessant ist auch, dass die heutigen Bretonen zwar eine keltische Sprache sprechen, dass dies aber nicht die direkte Nachfolgerin der Sprache ist, in der sich Asterix, Obelix und andere Gallier unterhielten. Das gallische Keltisch war wahrscheinlich bereits ausgestorben, als die Keltisch sprechenden Britannier in die Bretagne einwanderten. Die heutigen Bretonen sind also zumindest kulturhistorisch gesehen keine Gallier, sondern vor langer Zeit eingewanderte Briten.

So viel über Kelten, Gallier, Britannier und Bretonen. Nach diesem urlaubsbedingten historischen Ausflug wende ich mich ab morgen wieder Fragen über die deutsche Sprache zu.

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Torten und die Rechtschreibung

Ganz unpassend zur Zeit nach Ostern – wenn man wieder einmal zu viel gegessen und genascht hat und sich deshalb vielleicht etwas zurückhalten sollte – eine Frage zur Benennung von Torten:

Frage

Ich arbeite in einer Bäckerei und habe Probleme mit zusammengesetzten Wörtern. Wie schreibt man es richtig? Himbeerkäsesahnetorte oder Himbeerkäsesahne-Torte? Schwarzwälderkirschtorte? Schokoquarktorte?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

Namen von Torten schreiben Sie gleich wie andere zusammengesetzte Wörter, nämlich im Prinzip zusammen:

Himbeerkäsesahnetorte
Schokoquarktorte
Aprikosentorte
Dipolmaten Diplomatentorte
Schwedentorte
Sachertorte
Blaubeereistorte

Auch sonst gelten die gleichen Regeln wie für „gewöhnliche“ Zusammensetzungen. Wenn der Name lang oder kompliziert ist, können zur Verdeutlichung auch Bindestriche verwendet werden:

Himbeer-Käsesahnetorte (Käsesahnetorte mit Himbeeren)
Blaubeer-Eistorte (Eistorte mit Blaubeeren)

Dies gilt insbesondere, wenn verschiedene Zutaten im Namen genannt werden:

Zwetschgen-Nuss-Torte (Torte mit Zwetschgen und Nüssen)
Erdbeer-Kokos-Torte (Torte mit Erdbeeren und Kokos)
Buttermilch-Pfirsich-Torte (Torte mit Buttermilch und Pfirsichen)
Lauch-Schinken-Torte (Torte mit Lauch und Schinken; Die Regeln gelten auch für Salziges!)

Häufig kann die gleiche Torte unterschiedlich geschrieben werden. Dann können Sie selber entscheiden, was Ihnen besser gefällt:

Erdbeer-Mascarponetorte (Mascarponetorte mit Erdbeeren)
Erdbeer- Mascarpone-Torte (Torte mit Erdbeeren und Mascarpone)

Spezialfall mit Bindestrichen, wenn ein Teil des Tortennamens sonst getrennt geschrieben wird:

Crème-brûlée-Torte (Torte mit Crème brûlée)
Rote-Grütze-Torte (Torte mit roter Grütze)
Piña-Colada-Torte (Torte mit/wie Piña Colada)

Getrennt schreibt man Tortennamen, die ein gebeugtes Adjektiv enthalten:

Amerikanische Käsetorte
Römische Erdbeertorte
Cremige Nusstorte
Gebackene Quarktorte

Die gilt auch, wenn ein mit -er von einem geografischen Namen abgeleitetes Wort verwendet wird:

Schwarzwälder Kirschtorte
Augsburger Apfeltorte
Engadiner Nusstorte

Ebenfalls getrennt schreibt man, wenn die genauere Angabe hinter der Torte steht:

Torte mit Himbeergrütze
Torte Napoleon
Torte Hawaii
Torte Schöne Helene

Auch für Tortenbäcker und -bäckerinnen hat die Rechtschreibung also ihre Feinheiten. Doch bevor Sie gleich den Teigschaber ins Mehl werfen: Es ist weniger kompliziert, als es auf den ersten Blick aussieht. Und wenn Sie einmal einen Bindestrich zu viel oder zu wenig verwenden oder ein Leerzeichen steht, wo keines stehen sollte, wird Ihnen das kaum jemand übelnehmen. Man sollte auch als Konditor oder als Bäckerin der Rechtschreibung nicht allzu viel Gewalt antun, doch es ist immer, aber auch wirklich immer viel wichtiger, wie eine Torte schmeckt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Branntwein, Weinbrand und Quittenwasser

Frage

Gemeinsam mit Freunden habe ich einen Schnaps aus Quitten hergestellt. Bei der Gestaltung des notwendigen Etikettes kam die Frage auf, ob es sich um Quittenbrand oder um Quittenbrannt handelt. Ich kenne zwar Branntwein aber keinen Weinbrannt.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

auf dem Etikett sollte stehen:

Quittenbrand

Branntwein ist ein altes Wort, das irgendwann in früher Zeit aus einer Zusammenziehung der mittelhochdeutschen Wörter [ge]brannt[er] und wîn (= Wein) entstanden ist. Das Wort wurde früher übrigens auch im Wortinnern gebeugt. So ruft zum Beispiel bei Schiller der Räuber Roller, übrigens aus auch heute noch gut verständlichen Gründen, nämlich nach seiner Rettung vom Galgen: „Gebt mir ein Glas Branntenwein!“ (Schiller, Die Räuber, 2. Akt, 3. Szene).

Mit Branntwein bezeichnet man heute ganz allgemein eine durch Brennen (Destillation) hergestellte alkoholhaltige Flüssigkeit. Ursprünglich war es aber ein Brand (ein Destillat) aus Wein. Ein solches Destillat aus Wein nennt und schreibt man entsprechend Weinbrand. Ebenso: Aprikosenbrand, Heidelbeerbrand, Kirschbrand, Pflaumenbrand, Zwetschgenbrand usw.

Für die Obstbrände gibt es übrigens auch einen Namen auf -wasser, der mir in seiner verhüllenden Art auch ganz gut gefällt: Aprikosenwasser, Heidelbeerwasser, Zwetschgenwasser oder eben:

Quittenwasser

Mit freundlichen Grüßen und – wenn dann die Zeit des Kostens gekommen sein wird – zum Wohl!

Dr. Bopp

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Der Blaue Wiener und das Kaninchenessen

Vorgestern fühlte ich mich schon fast ein bisschen schuldig. Ein junger, sehr netter und manchmal etwas naiver Kollege erzählte wieder einmal von seinem kleinen Kaninchen. Er hat nämlich seit noch nicht allzu langer Zeit ein Kaninchen. Ich war gerade dabei, die Frage eines Canoo.net-Benutzers zu beantworten, und hörte deshalb nur mit einem halben Ohr zu. Ein relativ geringes Interesse an Hauskaninchen mag auch eine Rolle gespielt haben, dass ich nicht gebannt an seinen Lippen hing. Das Kaninchen war krank gewesen, hatte aber dank tierärztlicher Hilfe und liebevoller Pflege die Krankheit gut überstanden.

Ob Mathieu, unser französische Mitarbeiter, Fotos des kleinen Blauen Wieners sehen wolle, war die Frage, die mich dann doch aufhorchen ließ. Ich wusste bereits aus früheren Erzählungen, dass Blauer Wiener der Name einer Kaninchenrasse ist. Was ich nicht erwartet hatte, waren die Fotos. Dass man manchmal Fotos von Kindern anderer Leute bewundern darf, ist bekannt und auch gut verständlich. Wenn sie das Babyalter hinter sich gelassen haben, ist es sogar interessant, die Kleinformatausgaben von Freunden, Bekannten und Kollegen zu sehen. Aber Fotos eines jungen Kaninchens?! Ich verbarg mich also noch etwas besser hinter meinem Bildschirm, bearbeitete gespielt konzentriert die Tastatur und wartete auf die Reaktion. „Aber natürlich“, antwortete Mathieu, „sehr gerne.“ Nach einer gebührenden Betrachtungspause meinte er dann trocken: „So was essen wir bei uns als Sonntagsbraten.“ Die Reaktion unseres Kaninchenvaters war nicht etwa Empörung, sondern ungläubigstes Erstaunen. Konzepte wie das Kaninchenzüchten und das Kaninchenhalten waren ihm natürlich bekannt, aber vom Kaninchenessen hatte er noch nie gehört.

Er schaute sich hilfesuchend um und ich wäre beinahe über der Tastatur erstickt. Ich wollte den armen Jungen ja nicht auslachen. Kann man denn von einem Franzosen eine andere Reaktion erwarten? Französische Tierliebe geht nun einmal wörtlich durch den Magen, denn die französische Küche bringt alles, aber auch alles, was irgendwie für den menschlichen Konsum geeignet sein könnte, auf den Teller. Außerdem hatte ich – auch wenn ich kein Franzose bin – zufälligerweise zwei Tage zuvor mit Weißwein, Schalotten und Salbei geschmortes Kaninchen gegessen. Unser junger Kollege hat sich glücklicherweise schnell wieder beruhigt und die Tatsache zur Kenntnis genommen, dass es offenbar solche herzlosen Barbaren gibt, die so etwas Kleines, Süßes, Niedliches wie ein Kaninchen aufessen.

Das mag vielleicht eine nette kleine Andekdote sein, doch was lernen wir in diesem Blogeintrag? Folgendes:

  • Man schreibt das Adjektiv in Bezeichnungen von Tierfamilien, -gattungen und -rassen groß. Ein Blauer Wiener ist ein Kaninchen, ein blauer Wiener ein frierender oder betrunkener Einwohner der österreichischen Hauptstadt. (Regel)
  • Als Substantiv verwendete erweiterte Infinitive, die aus zwei Teilen bestehen, werden zusammen- und großgeschrieben: das Kaninchenzüchten, das Kaninchenhalten, das Kaninchenessen. (Regel)
  • Dr. Bopp isst Kaninchen.
  • Franzosen essen alles.

Kaninchenzüchter, Kaninchenbesitzer und Franzosen bitte ich, diesen Beitrag nicht allzu ernst zu nehmen.

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Zimt

Unser französische Freund Jean-Claude mag Zimt nicht. Mit dieser Abneigung zu leben ist für ihn kein größeres Problem, denn Zimt lässt sich bei durchschnittseuropäischer Ernährung relativ einfach vermeiden, vorausgesetzt dass man auf den Genuss von Apfelkuchen verzichtet, dessen genaue Rezeptur man nicht kennt. Doch dann kommt die Adventszeit. Dann wird plötzlich alles stimmungsvoll „verweihnächtlicht“. Bei Backwerk und anderem Süßen geschieht das – sagt Jean-Claude – vor allem mit Zimt. Wahrscheinlich übertreibt er ein bisschen, aber es kann gut sein, dass die erhöhte Zimteinnahme gar nicht so auffällt, wenn einem dieses Gewürz bei nicht allzu aufdringlicher Verwendung eigentlich ganz gut schmeckt.

Jean-Claudes Abneigung kam mir gestern beim Anblick dreier Adventskerzen und dem Genuss von etwas Zimtigem in den Sinn. Wer mich kennt, kann es erraten: Es packte mich die Neugier nach dem Wort Zimt. Es ist so kurz und bündig, dass es eigentlich keinen Spielraum zum Rätseln lässt. Wenn man es von heute aus zurückverfolgt, ergeben sich ungefähr diese Etappen:

Zimt, Zimmet
mittelhochdeutsch: zimin, zinnemin, zinmint
althochdeutsch: zinamin, cinimin
lateinisch: cinnamum
griechisch: kínnamon (vgl. z. B. englisch cinnamon, polnisch: cynamon);
semitisch: qinnamon

Das Letzte hat vielleicht etwas mit malaysisch kayu manis = süßes Holz zu tun, aber das scheint ziemlich unsicher zu sein.

Weniger interessant als die genaue Wortgeschichte finde ich die Tatsache, dass das Wort trotz aller Klangveränderungen in direkter Linie ohne jegliche Bedeutungsverschiebung zurückverfolgt werden kann. Der Name bleibt so hartnäckig am Gewürz hängen wie gemäß unserem französischen Freund dessen Geschmack im Gaumen.

Dies gilt weniger für die französische Bezeichnung cannelle, die viel jünger ist. Sie bezieht sich auf die Form der Zimtstangen, denn cannelle bedeutete einfach Röhrchen, Stängel. Dieses Wort gibt es übrigens auch im Deutschen: Kaneel bezeichnet die besonders edle Zimtart des Ceylon-Zimtbaumes, der ursprünglich in Sri Lanka (Ceylon) vorkam. Das Wort Kaneel kam aber nicht direkt aus Frankreich, sondern über das Holländische zu uns. Der Gewürzhandel mit dem Osten war ja früher lange Zeit fest in der Hand der Holländer.

Da Zimt im Niederländischen immer noch kaneel heißt und auch die Dänen und Schweden den Zimt kanel nennen, würde es mich gar nicht wundern, wenn man im Norden Deutschlands an einigen Orten nicht nur die edle Sorte, sondern allen Zimt Kaneel nennen würde. Doch dazu konnte ich keine Angaben finden. Was man nicht alles zum Namen eines Gewürzes schreiben kann …

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