Wie antichambrieren zum i kam

Heute geht es um ein etwas altmodisches Wort: antichambrieren. Es bedeutete früher, dass man im Vorzimmer, dem Antichambre, einer wichtigen Persönlichkeit wartete, um vorgelassen zu werden. Außer in historischen Büchern und Filmen bedeutet es heute – wenn es überhaupt noch verwendet wird – bei einer Person oder Instanz um Gunst betteln, katzbuckeln (vgl. hier).

Frage

Ein Kollege beharrt, dass man „antechambrieren“ schreiben müsse (weil das die logische Schreibung aufgrund der lateinischen/franzözischen Herkunft sei). Die (korrekte) Schreibung „antichambrieren“ sei völlig widersinnig. Können Sie erklären, warum die Schreibung mit i trotzdem die einzig korrekte zu sein scheint?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

Ihr Kollege hat insofern recht, als das griechische anti im Allgemeinen für gegen steht: antibakteriell, antimilitarisch, Antifaschismus, Antimaterie. Das im Deutschen nur sehr selten vorkommende lateinische Präfix ante hingegen bedeutet vor: antedatieren, antediluvianisch (vorsintflutlich), antezedieren (vorhergehen). Man würde deshalb bei der Bedeutung Vorzimmer tatsächlich eher die Vorsilbe ante als anti erwarten.

Trotzdem heißt es antichambrieren und nicht antechambrieren. Der „Fehler“ ist in Italien zu suchen. Wir haben das Wort antichambrieren aus dem Französischen übernommen. Die Franzosen wiederum haben das Wort antichambre (mit i) im 16. Jahrhundert nach dem italienischen Muster anticamera gebildet. Das i stammt also aus dem Italienischen. Im volkstümlichen Italienisch war die lateinische Vorsilbe ante zu anti geworden und fiel lautlich mit dem aus dem griechischen stammenden anti zusammen. Man findet dieses anti im Sinne von vor in zum Beispiel:

antidiluviano (vorsintflutlich)
anitmeridiano (vormittäglich)
antipasto (Vorgericht)
antibagno (Badezimmervorraum)
anticamera (Vorzimmer)

Die Vorsilbe ante hat übrigens im Italienischen vor allem in eher „gelehrten“ Wörtern ebenfalls überlebt: antefatto (Vorgeschichte), anteporre (voranstellen, vorziehen), anteguerra (Vorkriegszeit).

Das i in antichambrieren stammt also nicht aus dem Lateinischen oder dem Französischen, sondern aus dem Italienischen, wo ante teilweise zu anti geworden ist. Wie man sieht, kann uns die klassische Bildung manchmal auch auf die falsche Fährte bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

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Das K-Wort und sein falscher C-Freund

Man könnte es schon beinahe das K-Wort nennen. Es dauert nun schon so lange, dass man kaum noch zu sagen wagt: „Es ist kalt!“

Das Wetter soll hier aber nicht das Thema sein. Im Zusammenhang mit diesem „K-Wort“ ist mir wieder einmal einer der Missverständnisse verursachenden Unterschiede zwischen den germanischen und den romanischen Sprachen eingefallen. Wenn die „Germanischsprechenden“ kalt, cold, koud, kall, kald, kold sagen, reden sie von tiefen Temperaturen. Wenn die „Romanischsprachigen“ caldo, chaud, caliente, calent, caud, cald sagen, klingt das zwar sehr ähnlich, aber sie meinen genau das Gegenteil, nämlich warme Temperaturen.

Wenn Sie in verschiedenen Ländern Wasserhähne bedient haben, dann erkennen Sie bestimmt Folgendes: Bei Wasserhähnen mit einem roten und einem blauen Punkt, ist es einfach, je nach Wunsch kaltes oder warmes Wasser fließen zu lassen. Wenn die Wasserhähne in keiner Weise markiert sind und Sie wie ich nie sicher sind, ob nun tatsächlich links warm und rechts kalt sein muss, dann bleibt nur vorsichtiges Ausprobieren. Richtig „problematisch“ wird es, wenn auf einem der beiden Hähne ein C steht. In angelsächsischer Umgebung, wo man diesbezüglich selten mit einer anderen als der Landessprache konfrontiert wird, ist dann in der Regel klar, dass damit cold = kalt gemeint ist. In allen anderen Ländern ist eine komplizierte Abwägung verschiedener Kriterien notwendig: Welcher Sprachfamilie gehört die Landessprache an und – weit wichtiger – hat die Innenarchitektin oder der Installateur ein am Englischen oder ein am Französischen inspiriertes Modell gewählt? Im ersten Fall ist C kalt, im zweiten Fall ist C warm. Dann hilft nur ein Blick auf den anderen Hahn: Steht dort ein F, dann muss C warm sein, steht dort ein H, dann muss C kalt sein. Viel einfacher ist es dann auch in diesem Fall, einmal kurz an einem Hahn zu drehen und abzuwarten, was kommt.

Die Verwechslungsgefahr rührt daher, dass die beiden Sprachfamilien hier auf zwei ganz unterschiedliche Wörter zurückgreifen, die einander in den modernen Sprachformen sehr ähnlich geworden sind.

Vorfahre der romanischen Wörter für warm ist das lateinische cal[i]dus mit derselben Bedeutung. Vorfahre der germanischen Wörter für kalt ist ein altes Verb kala (frieren), genauer genommen eine Partizipform davon. Auch unser Wort kühl geht auf dieses Verb zurück. (Ganz weit hinten ist dieses Verb übrigens auch mit dem Vorfahren der romanischen Wörter geler, gelare, helar usw. = [ge]frieren verwandt …)

Zwei nicht miteinander verwandte Basiswörter haben sich also in verschiedenen Sprachen zu lautlich sehr ähnlichen Wörtern entwickelt. Das kommt häufiger vor und ist eine der Ursachen für die Entstehung von sogenannten falschen Freunden (faux-amis, false friends). Ein paar Beispiele von falschen Freunden dieser Art:

en. mist (Nebel) – dt. Mist
en. angel (Engel) – dt. Angel
frz. hier (gestern) – dt. hier
nl. gekocht (gekauft) – dt. gekocht
it. alto (hoch) – dt. alt
it. ente (Amt) – dt. Ente
se. öl (Bier) – dt. Öl

nl. worst (Wurst) – en. worst (schlechteste)
en. ape (Affe) – it. ape (Biene)
it. burro (Butter) – sp. burro (Esel)

u. v. a. m.

Das „K-Wort“ soll gemäß Wetterberichten nicht mehr so lange aktuell bleiben. Werden wir schon bald wieder über das „H-Wort“ klagen? Schön wär’s!

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Warum das Konklave nicht weiblich ist

Nein, es geht nicht um die Frage, warum derzeit in Vatikanstadt lauter Männer darüber entscheiden, wer von ihnen der neue „oberste Brückenbauer“ wird. Das wäre sicher ein, zwei (oder mehr!) Worte wert, aber nicht an dieser Stelle. Hier geht es nur um das grammatische Geschlecht des Wortes Konklave.

Frage

Im wetterbedingten Verkehrsstau stehend, habe ich verschiedene Radioberichte zur bevorstehenden Papstwahl gehört. Dabei irritierte mich, dass sämtliche Moderatoren dem Wort „Konklave“ einen sächlichen Artikel zugeordnet haben, also „das Konklave“. Meinem spontanen Sprachempfinden nach hätte ich aber „die Konklave“ benutzt [...] Gibt es eine Regel, welches Geschlecht solche Wörter mit lateinischem Ursprung haben? Oder ist meine Irritation da völlig unbegründet?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

nicht nur in den Radioberichten, sondern auch in den Wörterbücher ist Konklave ein sächliches Wort: das Konklave.

Es gibt Endungen, aus denen sich das Genus eines Wortes ableiten lässt. So sind zum Beispiel Fremdwörter auf age, tion, ität weiblich, auf ismus, or männlich und auf um, ment sächlich. Mehr zum Thema Vorhersagbarkeit des Genus anhand von Wortausgängen finden Sie hier.

Es gibt aber keine Regel, welches Genus Wörter der Form –ave haben. Die Mehrzahl ist weiblich (zum Beispiel Agave, Enklave, Kassave, Oktave). Auch viele andere auf e endende Fremdwörter sind weiblich (Sonate, Konstante, Neurose, Konfitüre u. v. a. m.). Ihre Irritation ist also nicht völlig unbegründet. Es gibt aber auch der Sklave, der Soave und eben das Konklave, alle mit einer eigenen Geschichte, die das Genus „erklärt“.

Das Wort Konklave ist deshalb sächlich, weil es zuerst eine Bezeichnung für ein abschließbares Gemach, Zimmer ist (lat. cum clave = mit dem Schlüssel). Es heißt das Konklave wie das Gemach/Zimmer. Danach bezeichnet Konklave auch eine Versammlung, die in einem solchen Gemach stattfindet. Die Versammlung ist also nach dem Versammlungsort benannt. Bei der Sixtinischen Kapelle, in der das Konklave heute stattfindet, von einem Gemach oder gar einem Zimmer zu sprechen, wäre natürlich eine grobe Untertreibung, aber das Wort Konklave hat sich nun einmal als sächliches Wort im Deutschen etabliert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Abstimmung

Was haben die folgenden Begriffe gemeinsam?

Blackfacing
Cloud
crowdfunden/Crowdfunding
Cypherpunk
epic/episch
Fracking
gendern
Hashtag
Hipster
liken
Liquid Democracy
Nerd
Paid Content
Paywall
posten
Second Screen
sharen
Smartphone
Tablet

Es sind alles Begriffe aus dem Englischen, sie sind alle (relativ) neu und waren aus irgendeinem Grund im letzten Jahr aktuell. Sie erfüllen also die Kriterien, die Kandidaten für die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2012 erfüllen müssen. Wenn Sie wollen, können Sie sich bis am 1. März an dieser Wahl beteiligen und auf Ihren Favoriten stimmen. Mehr zu den Kandidaten und zur Wahl finden Sie im Sprachlog.

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Von frottieren zu frottagieren

Frage

Ich habe einen Text über Frottagen geschrieben und dabei erklärt, wie eine Frottage hergestellt wird. Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Tätigkeit „Frottieren“ und hatte dieses Wort auch in meinen Text eingearbeitet. Bei weiteren Recherchen für eine Fortsetzung musste ich heute jedoch feststellen, dass im kreativen Bereich überwiegend vom „Frottagieren“ gesprochen wird. Laut Cannonet und laut Duden gibt es dieses Wort aber nicht. [...] Ich schreibe Ihnen, weil das Wort „frottagieren“ so häufig im Internet zu finden ist und ich nicht weiß, ob es sich um ein Modewort handelt und ob ich dieses so einfach übernehmen darf. Was geschieht eigentlich mit neuen Wörtern, die sich im Laufe der Zeit durchsetzen?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Verb frottagieren scheint ein Fachwort zu sein, das es (noch) nicht bis in die Wörterbücher geschafft hat. Es ist im Prinzip eine etwas seltsame Bildung, denn sein Basiswort, das Substantiv Frottage, ist eine (französische) Ableitung des Verbs frottieren. Es ist eher ungewöhnlich, ein neues Verb abzuleiten (frottagieren), anstatt auf das ursprüngliche Verb zurückzugreifen (frottieren). Es ist ein bisschen, wie wenn wir vom Substantiv Reibung ein neues Verb reibungeln oder reibungern ableiten würden, statt auf das Verb reiben zurückzugreifen. Im Bereich der Fremdwörter kommt dies aber hin und wieder vor, dann nämlich, wenn ein Bedeutungsunterschied zwischen dem ursprünglichen und dem neuen Verb angegeben werden soll:

frottieren (reiben, abreiben)
→ Frottage
→ frottagieren (mit Frottagetechnik erzeugen/arbeiten)

Hier noch ein paar Beispiele:

dozieren → Doktor → doktorieren
fundieren → Fundament → fundamentieren
fungieren → Funktion → funktionieren
konzipieren → Konzeption → konzeptionieren

Gestützt wird die Wortbildung frottagieren vielleicht auch durch das Verb collagieren, das von Collage kommt. Ich kann nicht beurteilen, ob es sich um ein Modewort oder um eine in der Fachsprache gebräuchliche Bildung handelt. Ich finde „auf die Schnelle“ sowohl frottieren als auch frottagieren im Zusammenhang mit Frottage.

Wenn neue Wörter sich im Laufe der Zeit durchsetzen, werden sie in die Wörterbücher aufgenommen. Bei Fachwörtern wie diesem dauert es wahrscheinlich etwas länger als bei allgemeiner gebräuchlichen Wörtern – falls frottagieren sich tatsächlich einmal durchsetzt, wie dies zum Beispiel E-Mail, scannen, Tsunami, All-inclusive-Urlaub, Mobiltelefon u.v.a.m. schon gelungen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Social TV, Web-TV und der Bindestrich

Die Schreibung von mehrteiligen Ausdrücken aus anderen Sprachen, meist aus dem Englischen, gehört zu Ihren Favoriten. Die Frage lautet jeweils: getrennt, zusammen, Bindestrich? Es ist nicht sehr erstaunlich, dass dieser Bereich immer wieder zu Fragen Anlass gibt, denn wenn man die Rechtschreibregeln hier konsequent anwendet, führt dies manchmal zu eher ungewöhnlich anmutenden Schreibungen.

Frage

Für eine wissenschaftliche Arbeit würde ich gern wissen, wie es richtig heißt: Social-TV oder Social TV. Wie würde man es bei drei Worten schreiben: Social-TV-Integration, Social TV-Integration oder Social TV Integration? Und gilt dann für Web-TV / Web TV und Smart-TV / Smart TV die gleiche Regelung?

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

die Ausdrücke, die Sie anführen, kommen alle aus dem Englischen, sie haben aber nicht alle die gleiche Struktur. Nämlich:

  • Verbindung von Adjektiv und Substantiv: Social TV, Smart TV
  • Verbindung von zwei Substantiven: Web-TV

Bei der ersten Gruppe, empfiehlt es sich, getrennt zu schreiben. Bei Adjektiv-Substantiv-Verbindungen aus dem Englischen kann getrennt oder zusammengeschrieben werden (Regel). Zum Beispiel:

Big Band oder Bigband
Happy End oder Happyend
Small Talk oder Smalltalk

Da die Zusammenschreibung mit einer Abkürzung wie TV nicht möglich ist (s. u.), ist die Getrenntschreibung hier die beste Lösung:

Social TV
Smart TV

Im zweiten Fall muss mit Bindestrich geschrieben werden. Substantiv-Substantiv-Verbindungen (und andere) mit einer Abkürzung werden mit Bindestrich geschrieben (Regel):

Eiskunstlauf-WM
Lungen-Tbc
Frühstücks-TV

Web ist ein Substantiv, TV ist eine Abkürzung, deshalb:

Web-TV

Wenn diese Begriffe in einer Zusammensetzung vorkommen, verwendet man Bindestriche:

Social-TV-Integration
Smart-TV-Anbieter
Web-TV-Angebote

Wenn Wortgruppen (z. B. Social TV)  oder Zusammensetzungen mit Bindestrich (z. B. Web-TV) in einer Zusammensetzung vorkommen, setzt man nämlich zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich (Regel).

Social TV neben Social-TV-Integration oder Smart TV neben Smart-TV-Anbieter sieht irgendwie uneinheitlich aus. Das mag (neben Unkenntnis der Regeln) ein Grund dafür sein, weshalb sehr häufig auch andere Schreibweisen zu lesen sind. Wenn Sie sich aber an die geltende Rechtschreibregelung halten wollen oder müssen, bleibt Ihnen nicht viel anderes übrig, als so zu schreiben. Nach diesen Regeln ist Social-TV nicht zu empfehlen und Social TV-Integration oder Social TV Integration falsch. Es sieht allerdings auch nicht uneinheitlicher aus als zum Beispiel:

die Werke van Goghs in dieser Van-Gogh-Ausstellung
Fragen zu Vitamin C und Vitamin-C-Mangel
Kommt der New-Orleans-Jazz wirklich aus New Orleans?
Doping bei der Tour de France: Viele Tour-de-France-Gewinner sollen …

Ganz so ungewöhnlich und unsystematisch ist die Einpassung von mehrteiligen Begriffen aus dem Englisch ins deutsche Schriftbild also doch nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Alpenstock, ein Anglizismus deutscher Herkunft?

Frage

[…] Mit „Alpenstock“ ist es auch geheimnisvoll. Ist das ein Archaismus? Warum steht das Wort in keinem Wörterbuch der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts? Längst aus dem Gebrauch gekommen? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich über diese Fragen aufklären könnten.

Antwort

Das Wort Alpenstock kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf, also ungefähr zur der Zeit, als die Engländer den Tourismus in größerem Stil in die Alpen brachten. In dieser Epoche erlebte es auch seine Blütezeit. Danach wurde es schnell durch das zur gleichen Zeit aufkommende Wort Bergstock überflügelt und fast verdrängt. Aber eben nur fast (siehe ungefähre Häufigkeit von Alpenstock und Bergstock). Ich weiß deshalb nicht, ob man Alpenstock als Archaismus bezeichnen darf. Ich komme nicht oft genug in die Berge – und dann immer ohne Stock –, so dass ich auch nicht aus eigener Erfahrung sagen kann, ob man zwischen Matterhorn, Zugspitze und Großglockner neben Bergstöcken nicht auch hin und wieder Alpenstöcke bei sich hat. In den Wörterbüchern kommt jedenfalls nur Bergstock vor.

Anders sieht es im Englischen aus. Dort wird der Gebirgswanderstock nämlich alpenstock genannt (siehe z. B. hier und hier). Alpenstock gehört zu den deutschen Wörtern, die dank englischer Touristen und Touristinnen ihren Weg aus den Alpen in die englische Sprache gefunden haben. Andere Beispiele sind rucksack und (im britischen Englisch) to abseil und abseiling. Man kann also sagen, dass das englische alpenstock mit Bergstock auf Deutsch übersetzt werden sollte. Es ist allerdings gut möglich, dass Alpenstock heute dank international operierender Hersteller und Verkäufer von Sportgeräten wieder häufiger im Deutschen auftaucht. Alpenstock ist dann ein Anglizismus der ganz besonderen Art!

(Für die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2012 reicht es allerdings aus verschiedenen Gründen nicht. Die Vorauswahl ist bereits abgeschlossen, das Wort war im Jahr 2012 weder in irgendeiner Weise aktuell noch wurde es häufig gebraucht, und es ist letztlich wohl doch viel zu deutsch für einen „echten“ Anglizismus.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von X-mas zu Chi-Rho

In Sachen englische Lehnwörter bin ich ziemlich mild. Wer zu viele davon braucht, macht sich lächerlich oder unbeliebt und ist entsprechend selbst schuld. Was genau „zu viel“ ist, kann ich nicht entscheiden. Das ist von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation verschieden. Die deutsche Sprache wird die „Anglizismenflut“ schon überleben. Darüber mache ich mir nicht viel mehr Sorgen als um den Weltuntergang (heute ist der 21.12.2012!). Um das Für und Wider englischer Wörter soll es hier dann auch nicht gehen.

Na ja, es soll fast nicht darum gehen. Ein englisches Wort stört mich nämlich alljährlich wieder ein bisschen: X-mas, auch Xmas geschrieben. Weshalb es genau dieses Wort ist, weiß ich eigentlich nicht. Vielleicht liegt es ja nur daran, dass ich nicht einmal weiß, wie ich es gemäß den deutschsprachigen Schreiberlingen aussprechen soll. Soll ich nun iksmes, eksmeskristmes oder krismes sagen? Oder doch einfach Weihnachten? Auf jeden Fall treffe ich auch dieses Jahr wieder auf X-mas Specials, X-mas-Geschenke oder X-mas Gifts, und TV Spielfilm sowie ELLE stellen die Frage: „Welcher X-mas-Typ sind Sie?“

Es soll hier aber nicht um meine persönlichen Abneigung gegen dieses Wort gehen. Ich wollte nur kurz fragen, ob Sie wissen, woher das X in X-mas eigentlich kommt. Richtig: Es ist der Griechische Buchstabe Chi, der wie unser ch ausgesprochen wird. Das X in X-mas steht für die Silbe Christ in Christmas (Weihnachten), dies in Anlehnung an das griechische Wort Χριστός (in Großbuchstaben: ΧΡΙΣΤΟΣ).

Dieses Chi findet man auch oft in Kirchen, Kapellen usw. Zusammen mit dem griechischen Buchstaben Rho, der wie unser P aussieht, bildet es das Christusmonogramm XP (Chi-Rho).

Chi-Rho

Als Symbol für Christus und das Christentum soll dieses Zeichen sogar älter sein als das Kreuz. Das Chi-Rho ist nichts anderes als eine Kombination der ersten beiden Buchstaben des griechischen ΧΡΙΣΤΟΣ. Wegen der Ähnlichkeit mit den lateinischen Buchstaben P und X wurde und wird es aber häufig auch als Verkürzung des lateinischen Wortes pax (Frieden) interpretiert. Diese Interpretation entspricht zwar nicht dem Ursprung des Symbols, sie passt aber gut zum bevorstehenden Weihnachtsfest.

Ich wünsche Ihnen allen eine schöne Weihnachtszeit!

Dr. Bopp

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Vom Tour-de-France-Gewinner über die Berg-und-Tal-Bahn zum iPhone-5-Verkauf

Auch wenn normalerweise Ende Oktober niemand mehr vom Tour-de-France-Fieber geplagt wird, taucht die Königin der Radrennen diesen Herbst „dank“ Dopingskandalen doch in den Schlagzeilen auf. Ich kann den Radrennsport im Allgemeinen und Herrn Armstrong im Besonderen natürlich nicht mit guten Ratschlägen welcher Art auch immer unterstützen. Das ist nicht der Grund, weshalb ich die Tour erwähne. Es geht hier ganz banal um die Bindestriche, die auch im Zusammenhang mit der Tour de France immer wieder Anlass zu orthografischen Unsicherheiten geben.

Frage

Laut Wörterbuch schreibt man „die Tour de France“, „das Eau de Cologne“ – also ohne Bindestrich. Wie ist es aber mit Kompositen: „der Tour de France-Sieger“ oder „der Tour-de-France-Sieger“; „die Eau de Cologne-Flasche“ oder „die Eau-de-Cologne-Flasche“? Man findet beide Schreibungen im Web – aber das will nicht viel sagen.

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

Zusammensetzungen dieser Art werden mit Bindestrichen geschrieben:

der Tour-de-France-Sieger
die Eau-de-Cologne-Flasche
die Law-and-Order-Politik
das Spaghetti-bolognese-Rezept

Wenn eine Zusammensetzung eine Wortgruppe enthält, setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich:

Tour de France + Sieger → der Tour-de-France-Sieger
Eau de Cologne + Flasche → die Eau-de-Cologne-Flasche

Wie die Beispiele oben zeigen, kommt dieser Fall oft bei Zusammensetzungen mit fremdsprachlichen Ausdrücken vor. Die gleiche Regel gilt aber auch für Zusammensetzungen mit heimischen Wortgruppen:

Berg und Tal + Bahn → die Berg-und-Tal-Bahn
Mund zu Mund + Beatmung → die Mund-zu-Mund-Beatmung
Erste Hilfe + Kurs → der Erste-Hilfe-Kurs
Vitamin C + -haltig → Vitamin-C-haltig

Auch im Zusammenhang mit mehrteiligen Namen aller Art kommen diese Bindestriche vor:

Heinrich von Kleist + Bibliothek → die Heinrich-von-Kleist-Bibliothek
New Orleans + Jazz → der New-Orleans-Jazz
Alfa Romeo + Fahrerin → die Alfa-Romeo-Fahrerin
iPhone 5 + Verkauf → der iPhone-5-Verkauf

Die Regeln finden Sie hier (allgemein), hier (Fremdwörter) und hier (Eigennamen).

So viel zu den Bindestrichen, die – wenn überhaupt – nur gerade für die Rechtschreibung interessant sind. Als Lance Armstrong erfuhr, dass er die sieben Tour-de-France-Titel verlieren würde, waren die Bindestriche in der deutschen Rechtschreibung wohl die geringste seiner Sorgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zusammenkunft mit Trinkgelage

In dieser Woche habe ich einen Kongress besucht, auf dem ich an einem Symposium teilnehmen durfte. Ich habe dort viele Lexikographen und Lexikographinnen gehört und gesprochen. Es war, kurz gesagt, interessant und lehrreich.

Ich glaube nicht, dass diese Mitteilung für Sie sehr interessant und lehrreich ist. Ich mache sie vor allem deshalb, weil ich die Wörter Kongress, Symposium und Lexikograph verwenden wollte. Mir fiel nämlich in einer ruhigeren Minute wieder einmal auf, dass am Kongress viele Fremdwörter benutzt wurden, für die es auch deutsche Wörter gäbe. Das ist unter Fachleuten gang und gäbe. (Zwei ganz unterschiedliche gäbe hintereinander; das wäre auch einmal einen Blogeintrag wert, aber hier schweift der „Sprachler“ in mir ab.) Lexikograph ist so ein Fremdwort. Es bedeutet eigentlich nichts anderes als Wörterbuchmacher oder Wörterbuchschreiber. Da das Wort aber außerhalb der Lexikographie nur selten vorkommt und deshalb in allgemeinsprachlichen Texten sowieso kurz erklärt werden sollte, kann man wohl kaum von „schädlichem Fremdworteinfluss auf die deutsche Sprache“ sprechen.

Bei Kongress sieht es ein bisschen anders aus. Kongresse gibt es in allen Berufsgattungen und Interessenbereichen. Es gibt viele Städte, die sich rühmen, Kongressstadt zu sein, oder zumindest danach streben, eine zu werden. Kongress ist ein Wort, das sich in die Allgemeinsprache „eingeschlichen“ und sich dort einen Platz erobert hat. Es wurde Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Lateinischen entlehnt, wo congressus unter anderem Zusammentreffen, Zusammenkunft bedeutet. Was die Gebildeten des ausgehenden 17. Jahrhunderts dazu bewogen haben mag, Kongress statt des gleichbedeutenden deutschen Wortes Zusammenkunft zu verwenden, weiß ich natürlich nicht genau. Ich vermute aber, dass es etwas mit Prestige – Verzeihung – Ansehen zu tun hatte. Auch heute noch klingt Kongress nach „mehr“ als die deutschen Entsprechungen Zusammenkunft oder Tagung. Genau deshalb hat es seinen Platz im deutschen Wortschatz auch verdient.

Symposium liegt, was die Fachsprachlichkeit angeht, irgendwo zwischen Kongress und Lexikograph. Es kommt nicht so häufig vor wie Kongress, man begegnet ihm aber öfter als Lexikograph auch in allgemeineren Texten und Aussagen. Es kommt aus dem Griechischen und bedeutete ursprünglich das Zusammentrinken, das Trinkgelage. Man kam bei den alten Griechen – und nicht nur bei ihnen – beim Trinken oft ins Philosophieren. Heute ist der Aspekt des Trinkens ganz in den Hintergrund getreten (bei unserem Symposium gab es Kaffee und Tee). Es geht nun um den Aspekt des Miteinanderredens: Ein Symposium ist eine „dem Austausch von Gedanken und Erkenntnissen dienende Zusammenkunft von Wissenschaftlern? (DWDS). Man könnte anstatt des Fremdwortes also auch einfach eine deutsche Entsprechung wie wissenschaftliche Gesprächszusammenkunft verwenden. Das tut man aber nicht, denn es klingt einfach viel weniger wissenschaftlich. Genau deshalb ist das Wort Symposium ein gutes Wort. Es gibt uns die Möglichkeit, mit einem Wort Zusammenkunft, Gedankenaustausch und den Anspruch der Wissenschaftlichkeit auszudrücken.

Ich stichle hier ein bisschen gegen allzu eifrige „Anglizismenjäger“, die englische Lehnwörter prinzipiell ablehnen. Ich fand es deshalb ganz amüsant, als ich beim Recherchieren das Folgende entdeckte: Im 18. und  19. Jahrhundert verwendete man im Deutschen die griechische Form Symposion. Die Form mit der lateinischen Endung –um trat erst im 20. Jahrhundert in den Vordergrund – wahrscheinlich unter dem Einfluss des Englischen … Anglizismen findet man wirklich überall!

Falls Sie noch auf eine Antwort von mir warten, liegt es daran, dass ich auf einem Kongress an einem Symposium teilgenommen habe, und nicht etwa daran, dass ich an einer Zusammenkunft mit Trinkgelage war.

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