Wie Aachen anderswo heißt

Heute geht es nicht um Grammatik und nicht um Rechtschreibung. Es geht eigentlich nicht einmal um die deutsche Sprache. Letztes Wochenende waren wir in Aachen. Dort ist mir in den mehrsprachigen Broschüren aufgefallen, dass diese Stadt in anderen Sprachen ganz unterschiedliche Namen trägt.

Namen von Städten sind wie andere geografische Bezeichnungen nicht immer in allen Sprachen gleich. So nennen wir zum Beispiel Napoli und Milano Neapel und Mailand, Warszawa und Praha werden bei uns zu Warschau und Prag, und København und Liège heißen hierzulande Kopenhagen und Lüttich.

Das Umgekehrte kommt natürlich auch vor. Es folgen ein paar mehr oder weniger bekannte Beispiele fremdsprachiger Städtenamen für deutschsprachige Städte:

Bâle (fr), Basilea (it)
Berlijn (nld), Berlim (port), Berlino (it)
Brema (it, poln, sp), Brême (fr), Brémy (tschech), Brimarborg (isl)
Drážďany (tschech), Dresda (it, port, rum), Dresde (fr, sp), Drezda (ung), Drezno (pol)
Getynga (poln), Getynky (tscheck), Gœttingue (fr), Gotinga (sp, port), Gottinga (it)
Amburgo (it), Hamborg (dän), Hambourg (fr), Hamburgo (span, port), Hamburk (tscheck), Hampuri (fin)
Cologne (en, fr), Colonia (it, sp), Keulen (nld), Kolín [nad Rýnem] (tschech), Kolonia [nad Renem] (poln)
Lipcse (ung), Lipsia (it, spa), Lipsk (poln), Lipsko (tschech)
Magonza (it), Maguncia (sp), Mayence (fr), Mogúncia (port), Moguncja (poln),
Mnichov (tschech), Monachium (poln), Monaco [di Baviera] (it), Munich (en, fr), Múnich (Spanisch), Munique (port)
Salisburgo (it), Salzbourg (fr), Salzburgo (sp), Solnohrad (tschech)
Schaffhouse (fr), Sciaffusa (it), Szafuza (poln)
Saint-Gall (fr), San Gallo (it), Svatý Havel (tschech), São Galo (port)
Estugarda (port), Štíhrad (tschech), Stoccarda (it)
Trevír (tschech), Trèves (fr), Treviri (it), Trewir (poln), Tréveris (sp, port)

Spitzenreiter der Variation ist wohl diese Stadt:

Beč (kroat, serb), Bécs (ung), Dunaj (slow), Vídeň (tschech), Viena (port, rum, sp), Vienna (en, it), Vienne (fr), Wenen (nld), Wiedeń (poln)

Gute Zweite ist aber bestimmt die Stadt Aachen:

Aix-la-Chappelle (fr), Aken (nld), Akwisgran (poln), Aquisgrán (sp.), Aquisgrana (it, port, Cáchy (tschech)

Wenn jemand Sie mit französischem Akzent nach Aix-la-Chappelle fragt oder italienische Touristen wissen möchten, wie sie nach Aquisgrana kommen, verstehen Sie nun, was sie meinen. Eine Reise lohnt sich übrigens sowieso, ganz gleich, wie Sie die Stadt nennen. Das gilt selbst dann, wenn Sie Weihnachtmärkte nicht mögen. Der Dom zum Beispiel ist wunderschön.

PS: Die Liste ist in keinerlei Hinsicht vollständig! Sie berücksichtigt auch ausschließlich die Namen in schriftlicher Form.

PPS: Falls Sie eine Stadt nicht erkennen konnten, hier die deutschen Namen in derselben Reihenfolge: Basel, Berlin, Bremen, Dresden, Göttingen, Hamburg, Köln, Leipzig, Mainz, München, Salzburg, Schaffhausen, Sankt Gallen, Stuttgart, Trier, Wien, Aachen

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Vom Anwalt zum Verbrecher: Syndikat

Manche Wörter können im Laufe der Zeit eine erstaunlich große Bedeutungsspannweite überbrücken. So auch das Wort, das heute meine Neugier erregt hat: Syndikat.

Ein Syndikat ist im heutigen Deutschen u. a. ein Zusammenschluss von Unternehmen, ein Kartell, dessen Mitglieder ihre Produkte über eine gemeinsame Verkaufsorganisation absetzen müssen. Bei mir ist der Begriff aber vor allem aus Maffia- und anderen Verbrecherfilmen bekannt, in denen er für Verbrecherorganisationen und -kartelle steht, die die Polizei sowie einander mit Intrigen und viel Geknalle bekämpfen.

Das klassisch griechische Wort syndikos bezeichnete einen Anwalt, einen Verteidiger von Bürgern vor Gericht. Es besteht aus zwei Teilen: syn = zusammen und dikè = Rechtssache, Rechtsverhandlung. Diese Bedeutung hat es auch heute im Wort Syndikus = Rechtsbeistand, juristischer Vertreter.

Einige Jahrhunderte später entstand im Französischen das Wort syndicat mit der Bedeutung Zusammenschluss, der gemeinsame geschäftliche Interessen vertritt. Mit dieser Bedeutung haben wir es auch ins deutsche übernommen. Geschäftsleute und große Unternehmen können sich zu Syndikaten zusammenschließen, die ihre Interessen wahrnehmen. Dasselbe können auch Verbrecher tun, man denke an Drogensyndikate und Ähnliches. Und so ist die Brücke vom Anwalt zum Verbrecher geschlagen, ohne dass ich dafür stammtischmäßig behaupten muss, alle Anwälte seien Verbrecher.

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Von Basilikum und Basilika

Heute einmal eine Frage zur Wortherkunft, die bei uns am Tisch auftauchte. Sie passt gut zum Sommer und zur Urlaubszeit. Man denke an Sonne, gutes Essen, Italien und Kultur.

Das sommerlichste aller Küchenkräuter ist Basilikum. Vor allem mit Tomaten schmeckt es ausgezeichnet. Das war auch gestern Abend der Fall. Es gab Insalata caprese, die italienische Vorspeise mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum. Aber ums Kochen und um Rezepte soll es hier ja nicht gehen (leider …). Also zurück zur Sprache: Beim Essen kam die Assoziation Basilikum – Basilika auf. Die Wörter klingen fast gleich und sie haben beide etwas Mediterranes, aber was hat eine aromatische Pflanze mit Kirchenbauten gemein?

Die Antwort lautet: Sie haben beide etwas Königliches.

Basilika

Eine Basilika ist ein mehrschiffiger Kirchenbau mit einem erhöhten Mittelschiff. Dieser Bautypus war vor allem im Mittelalter beliebt, kam aber schon in frühchristlicher Zeit vor. Architektonisches Vorbild waren öffentliche Markt- und Gerichtshallen in Rom. Eine solche basilica richtete sich wiederum nach einem griechischen Muster, der basilikḗ (stoá), was so viel wie königliche Wohnung bedeutet. Das Adjektiv basilikós ist eine Ableitung von basilé͞us = König.

Basilikum

Das Wort Basilikum ist die sächliche Form des lateinischen Adjektivs basilicus = königlich, fürstlich. Die Lateiner haben es, wie wir bereits gesehen haben, von den Griechen übernommen, die das Kraut basilikon phytón nannten, d. h. königliche Pflanze.

Basilikum ist also eine königliche Pflanze und eine Basilika ein königliches Bauwerk – jedenfalls was ihre Wortherkunft betrifft.

Basilisk

Harry-Potter-Fans, sonstige Kenner von Fabelwesen sowie Reptilienkundige wissen, dass es ein weiteres sehr ähnlich klingendes Wort gibt: Basilisk. Das Fabelwesen mit tödlichem Blick und die Echsenart tragen ebenfalls einen griechischen Namen: basilískos bedeutet kleiner König, Prinz. Es war wahrscheinlich der Name einer Echsenart mit einem weißen Fleck auf dem Kopf, der einer Krone glich.

Die Frage, die beim gestrigen Abendessen aufkam, ist so weit beantwortet. Und wenn ich an den Tomaten-Mozzarella-Salat zurückdenke, muss ich sagen, dass frisches Basilikum wirklich königlich schmeckt.

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Gelehrte Betonung: Paradígma und Parádigma

Frage

Bei einem Vortrag verwendete der Referent mehrmals bewusst die Aussprache „ParAdigma“. Ich habe bisher immer gesagt/betont: Parad-I-gma.. Was spricht für die eine oder andere Betonungsvariante? Was ist „richtiger“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

bei der allgemein üblichen Aussprache von Paradigma liegt die Hauptbetonung auf dem i der vorletzten Silbe. Das ist Ihre und auch meine Aussprache. Die Aussprache des Referenten mit Betonung auf dem a der zweiten Silbe ist unüblich, aber zum Beispiel gemäß Duden auch möglich.

Die übliche Betonung Paradígma haben wir wahrscheinlich im 16. Jahrhundert zusammen mit dem Wort aus dem Lateinischen übernommen (paradīgma). Die vom Referenten verwendete Betonung geht direkt auf den griechischen Ursprung des Wortes zurück: parádeigma (παράδειγμα). Die Betonungsverschiebung hat auf dem Weg vom Griechischen ins Lateinischen stattgefunden, aus dem wir das Wort dann übernommen haben.

Für beide Betonungen lassen sich somit Begründungen finden. Ich würde empfehlen, die üblichere Betonung Paradígma zu verwenden, die sich aus der wortgeschichtlichen Entwicklung ergibt, und nicht direkt auf das Altgriechische zurückgreifen. Die Betonung Parádigma macht auf mich einen etwas gekünstelt gelehrten Eindruck. So sagen wir zum Beispiel auch paradóx wie lat. paradóxus und nicht parádox wie gr. parádoxos (παράδοξος); Paragráph wie lat. paragráphus und nicht Parágraph wie gr. parágraphos (παράγραφος) u. a. m. Man sagt allerdings wieder Parámeter wie im Griechischen, doch das ist dann die Ausnahme …

Die Akzente auf dem betonten Vokal in den deutschen und lateinischen Wörtern sind von mir. Man schreibt unabhängig von der Betonung ganz akzentlos Paradigma, paradox, Paragraph und Parameter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Liken, likte, gelikt

Diese Woche habe ich gelesen, dass am 5. Oktober eine Neuausgabe des „Van Dale Großen Wörterbuches der niederländischen Sprache“ vorgestellt wurde (Van Dale Groot woordenboek van de Nederlandse taal). Van Dale ist für die Niederländischsprechenden so etwas wie der Duden für den deutschen Sprachraum. Neben Wörtern wie zelfscankassa (Selbstscankasse), profielfoto (Profilbild) und twitteraar (Twitterer) hat es auch das für Facebook-Fans unentbehrliche Verb liken in dieses renommierte Wörterbuch geschafft. Das bringt mich dazu, wieder einmal eine Frage aufzugreifen, die immer wieder in Sprachforen u. Ä. auftaucht: Wie werden die konjugierten Verbformen von liken im Deutschen geschrieben?

Die Antwort ist ganz einfach, auch wenn sich nicht alle mit den Resultaten anfreunden können: Man nimmt die Grundform liken, schneidet die Endung en ab und hängt die regelmäßigen Verbendungen an:

liken
ich like, du likst, er likt
ich likte, du liktest, er likte
ich habe gelikt

Ganz ähnlich auch zum Beispiel:

biken, bikte, gebikt
dopen, dopte, gedopt
saven, savte, gesavt
stylen, stylte, gestylt
tunen, tunte, getunt

So funktioniert es im Deutschen, selbst wenn dabei manchmal Formen entstehen, bei denen man mindestens zwei Anläufe braucht, bis man sie richtig interpretiert hat. Weitere Beispiele stehen in einem schon ziemlich alten, aber wie man sieht immer noch recht aktuellen Blogartikel: Wie konjugiert man englische Verben im Deutschen?

Sie finden das Verb liken übrigens noch nicht in den Canoonet-Wörterbüchern. Das wird sich aber bei der nächsten Datenaktualisierung bestimmt ändern. Was den Niederländern und Flamen recht ist, soll es uns auch sein.

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United, vereint, vereinigt

Frage

Gestern habe ich mich plötzlich gefragt, wieso wird United Nations zu Vereinte Nationen, aber United States zu Vereinigte Staaten?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

meine erste Reaktion auf Ihre Frage ist Erstaunen darüber, dass mir dieser Unterschied bis jetzt noch nie aufgefallen ist. Darauf folgt nach kurzem Überlegen die Schlussfolgerung: „Weil es halt so heißt, das ist bei Namen öfter so.“ Erst ein Blick ins Wörterbuch hat mir dann gezeigt, was der subtile Unterschied zwischen vereinen und vereinigen ist:

Wenn mehrere Entitäten sich vereinigen, schließen sie sich zu einer Gesamtheit zusammen. Die Vereinigten Staaten sind die zu einer Nation zusammengefassten US-Staaten.

Wenn mehrere Entitäten sich vereinen, schließen sie sich zu gemeinsamem Tun, Streben u. Ä. zusammen. Die Vereinten Nationen sind ein Zusammenschluss der Nationen mit dem gemeinsamen Ziel, ein friedliches Zusammenleben aller Völker zu fördern (oder so).

Das Verb vereinigen drückt offenbar stärker als vereinen aus, dass eine Gesamtheit geformt wird. Das ist, wenn man es genauer betrachtet, auch bei den USA und der UNO so: Die Vereinigten Staaten sind ein viel engerer Zusammenschluss als die Vereinten Nationen.

Ich denke allerdings, dass man keine eindeutige, strenge Grenze zwischen den beiden Verben ziehen kann. Es könnte sich deshalb beim Unterschied in der Namensgebung zwischen den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen mehr um einen Zufall als um eine bewusste Wortwahl handeln. Doch darüber, wie die Namensgebung im Deutschen verlaufen ist, weiß ich leider nichts Genaueres.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Äquinoktium

Nachdem der meteorologische Herbst schon seit Anfang des Monats im Land ist, hat heute, am 23. September, auch der astronomische Herbst angefangen. Selbst die eifrigsten Sommerfans können es nicht mehr verdrängen: Der Sommer 2015 ist endgültig vorbei (und für die Schlaumeierinnen und Schlauberger sei noch präzisiert: auf der nördlichen Halbkugel).

Das sprachlich Schöne am heutigen Tag ist, dass er einen Namen trägt, wie er beschreibender kaum sein könnte. Wir nennen den Tag, an dem Tag und Nacht gleich lang sind, die Tagundnachtgleiche. Und weil wir im Deutschen gerne Zusammensetzungen bilden, gibt es auch noch die Marathonwörter Herbst-Tagundnachtgleiche und Frühjahrs-Tagundnachtgleiche oder Frühlings-Tagundnachtgleiche.

Wer diesen Blog regelmäßig liest, hat vielleicht schon einmal gemerkt, dass ich den bei vielen immer populäreren „verdeutlichenden“ Bindestrich oft für überflüssig halte. Wie man im vorhergehenden Abschnitt sehen kann, halte aber auch ich bei diesen Wortbildungen die Bindestrichschreibung für angebracht und nützlich. Ich gehe sogar noch weiter und finde auch diese Schreibung gut vertretbar: Tag-und-Nacht-Gleiche, Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche, Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche (ein bisschen wie Berg-und-Tal-Bahn).

Da wir ein so schönes Wort wie Tagundnachtgleiche haben, ist es eigentlich schade, ein gelehrtes Fremdwort zu verwenden. Das entsprechende Fremdwort sieht allerdings auch eindrücklich aus und sei deshalb ebenfalls noch kurz erwähnt: Äquinoktium. Es kommt vom gleichbedeutenden lateinischen aequinoctium, das von aequus (gleich) und nox, noctis (Nacht) abgeleitet ist.

Ob Sie nun die zusammengeschriebene Tagundnachtgleiche, die Bindestrichvariante Tag-und-Nacht-Gleiche oder vielleicht sogar das schicke Äquinoktium vorziehen, ich wünsche Ihnen allen einen schönen Herbst.

Dr. Bopp

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Radikale Radieschen

Keine Angst, es folgt keine lustig oder absurd gemeinte Geschichte, in der radikale Radieschen, rüpelhafte Rübchen und zweifelnde Zwiebeln vorkommen. Es ist mir auch kein packender Satz mit den Wörtern radikal und Radieschen in den Sinn gekommen. Ich konnte es einfach nicht lassen, diesen Titel zu verwenden, nachdem mir bei der Beantwortung einer Frage nach der Herkunft des Wortes Radieschen aufgefallen war, dass dieses Gemüse und das Adjektiv radikal wortgeschichtlich die gleiche Wurzel haben.

Radieschen

Das Adjektiv radikal geht am deutlichsten auf radix, das lateinische Wort für Wurzel, zurück. Es kommt vom spätlateinischen radicalis, einer Ableitung von radix. Bei der Bedeutung oder, besser gesagt, bei den Bedeutungen von radikal wird es schon etwas komplizierter. Es bezeichnete zuerst eingewurzelt, angestammt, angeboren. Später erhielt es unter Einfluss des französischen radical die Bedeutung grundlegend, von Grund auf, gründlich und schließlich wurde es unter Einfluss des englischen radical auch für politisch o. ideologisch extrem, unnachgiebig verwendet. Ein schönes Beispiel dafür, wie andere Sprachen mit hohem Prestige zu verschiedenen Zeiten ein deutsches Wort beeinflussen können: lateinischer Ursprung, danach französische und später englische Bedeutungselemente.

Das Wort Radieschen hat einen anderen Weg zurückgelegt. Die Verkleinerungsform hat das ursprüngliche, seit dem 17. Jahrhundert bezeugte Radi(e)s verdrängt. Dieses stammt vom gleichbedeutenden niederländischen radijs. Die Niederländer haben radijs von den Franzosen übernommen, die wiederum ihr radis aus dem Italienischen entlehnt haben. Und das italienische radice kommt – Sie haben es bestimmt schon erraten – vom lateinischen radix. Auch Radieschen ist also ein Fremdwort.

Dasselbe gilt im Prinzip für einen botanischen Verwandten, den Rettich. Das Wort Rettich geht auch auf radix zurück, aber es wurde schon viel früher ins Deutsche übernommen. Die Form ratih war schon im Althochdeutschen des 9. Jahrhunderts anzutreffen und hat seither einige lautliche Entwicklungen durchgemacht, so dass Rettich heute kaum noch als Nachfahre von radix zu erkennen ist.

Rettich, Radieschen, radikal, drei Wörter desselben Ursprungs, die zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen ins Deutsche gelangt sind.

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Eine Pluralfrage: der Fundus – die ?

Frage

Das Wort „Fundus“ scheint in Bezug auf Pluralbildung ein sehr merkwürdiges zu sein.

Sie geben den Plural im Einklang mit dem Duden mit „Fundus“ (also unverändert) an. Dies erinnert an Wörter wie „Status“, die der lateinischen u-Deklination entstammen und im Plural mit langem u ausgesprochen werden. Ich finde für den Plural des lateinischen Wortes „fundus“ jedoch die Angabe „fundi“. Hierzu passt, dass auch der Duden (anders als bei „Status“) keine lange Aussprache des u angibt.

Gibt es eine Erklärung für den merkwürdigen Plural, der offenbar nicht auf die Ursprungssprache zurückzuführen ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen schuldig bleiben. Ich weiß nicht, wie sich der unveränderliche Plural die Fundus ergeben hat. Die Pluralbildung bei Fremdwörtern in Fachsprachen ist manchmal unergründlich – zumindest für mich.

Der Nominativ Plural des lateinischen fundus (Grund, Boden) lautet tatsächlich fundi. Wie Sie richtig bemerken, gehört Fundus also nicht zu den Wörtern wie der Status und der Kasus, die im Deutschen wie im Lateinischen den (Nominativ) Plural in der Schrift gleich und in der Aussprache mit langem u bilden: die Status, die Kasus.

Wie gehen wir im Deutschen mit anderen Wörtern um, die aus der gleichen lateinischen Deklinationsklasse stammen? Bei fundus–fundi könnte man in Analogie mit anderen Wörtern die folgenden Pluralformen erwarten:

  • die Fundi
    wie zum Beispiel: Bonus–Boni, Modus–Modi, Terminus–Termini

Der Plural Fundi kommt tatsächlich neben die Fundus in der Medizin vor, wo Fundus die Bedeutung Hintergrund, Boden eines Organs hat. In anderen Bereichen lassen die Wörterbücher aber diesen Plural nicht zu (Theater usw.: Bestand an zurzeit nicht gebrauchten Requisiten, Dekorationen, Kostümen; bildungssprachlich: Grundbestand, Grundstock).

  • *die Funden
    wie zum Beispiel: Ritus–Riten, Zyklus–Zyklen, Globus–Globen
  • *die Fundusse
    wie zum Beispiel: Bonus–Bonusse, Globus–Globusse, Zirkus–Zirkusse)

Funden kommt nicht vor und Fundusse gilt nicht als korrekt. Herausgekommen ist nach den Wörterbüchern dieser unveränderliche Plural:

  • die Fundus
    wie zum Beispiel: Akanthus–Akanthus, Lotus–Lotus, Abakus–Abakus*

Hier zeigt sich wieder einmal, dass es keine eindeutige Regel gibt, wie der Plural von Fremdwörtern im Deutschen gebildet wird. Die Wortformen in der Ursprungssprache, der Grad der Eindeutschung und Analogien (auch falsche) mit ähnlichen Wörtern können hier eine Rolle spielen. Die genaue Antwort auf die Frage, wie und in welcher Fachsprache der unveränderliche Plural für Fundus sich herausgebildet hat, konnte ich im Fundus meiner Kenntnisse leider nicht aufstöbern. Vielleicht weiß jemand anders mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*umstritten neben Abakusse und Abaki

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Es geht auch ohne Bindestrich: webbasiert, gamesüchtig, userfreundlich

Eine Ihrer Lieblingsfragen betrifft den Bindestrich in Zusammensetzungen mit Fremdwörtern. Deshalb zum Wochenende wieder einmal eine Frage dieser Art:

Frage

Momentan stecke ich fest, und zwar bei der Schreibweise von „web-basiert“, „webbasiert“ oder „Web-basiert“. Ich würde die letzte Variante nehmen. Der Duden empfiehlt allerdings „webbasiert“, ohne alternative Schreibweise. Entsprechend müsste man doch aber auch z. B. „onlineaffin“, „internetsüchtig“, „softwarebasiert“ usw. schreiben? Das ist verwirrend.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

es ist eigentlich ganz einfach: Zusammensetzungen mit einem Fremdwort werden gleich behandelt wie Zusammensetzungen mit nur deutschen Elementen. Das heißt also, dass hier wie bei heimischen Zusammensetzungen im Prinzip zusammengeschrieben wird. Nach der Rechtschreibregelung sind somit folgende Schreibungen korrekt:

webbasiert, softwarebasiert (wie netzbasiert, nutzerbasiert)
onlineaffin (wie chromaffin, kulturaffin)
gamesüchtig (wie drogensüchtig, alkoholsüchtig)
userfreundlich (wie nutzerfreundlich, kinderfreundlich)

Sie finden diese Schreibweise vielleicht deshalb verwirrend, weil bei solchen Zusammensetzungen unnötig oft der Bindestrich verwendet wird oder häufig sogar die nicht korrekte Getrenntschreibung anzutreffen ist.

Die Schreibung mit dem „verdeutlichenden“ Bindestrich ist – wie eigenlich immer – ebenfalls möglich, aber nicht notwendig und meiner Ansicht nach auch nicht empfehlenswert*:

Web-basiert (Netz-basiert, Nutzer-basiert)
online-affin (Chrom-affin, Kultur-affin)
Game-süchtig (Drogen-süchtig, Alkohol-süchtig)
User-freundlich (Nutzer-freundlich, Kinder-freundlich)

Siehe auch diesen älteren Blogbeitrag. Was dort steht, gilt auch für Zusammensetzungen mit einem Erstelement, das aus dem Englischen stammt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Anders sieht es bei Texten aus, die für Menschen mit Leseschwächen bestimmt sind.

 

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