Anhand welches/welchen Beispiels

Frage

Ein Gutachter besteht auf der Änderung von „anhand welches Beispiels“ zu „anhand welchen Beispiels“. Zu Recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Gutachter hat nur insofern recht, als neben „anhand welches Beispiels“ häufig die Formulierung „anhand welchen Beispiels“ vorkommt. Beide gelten als korrekt. Siehe hier.

Wie kommt es zu dieser Variation? Sie hat mit Unterschieden zwischen der Beugung von Adjektiven und der Beugung von Pronomen zu tun.

Adjektive haben im männlichen und sächlichen Genitiv Singular die Endung en:

wegen schlechten Wetters
ein Sortiment feinsten französischen Käses
der Kauf eines sportlichen Fahrrads

Als typische Pronomenendung im männlichen und sächlichen Genitiv Singular gilt die Endung es:

wegen dieses Wetters
der Verzehr jenes Käses
der Diebstahl meines Fahrrads

Und hier beginnen die Inkonsequenzen. Das Deutsche hat nämlich die sparsame Neigung, gewisse Aspekte nur einmal auszudrücken. Wenn es schon eine Endung [e]s gibt, die eindeutig den Genitiv ausdrückt, reicht das. Das zeigt sich bei der Adjektivbeugung, in der es statt der Genitivendung es nur noch die schwache Endung en gibt (siehe Beispiele oben).

Dieser Tendenz folgen auch die Pronomen: Wenn sie im Genitiv vor einem Substantiv mit der Endung (e)s stehen, haben einige von Ihnen die Neigung, die Adjektivendung en statt der Pronomenendung es anzunehmen. Einmal es reicht ja, um den Genitiv auszudrücken. Bei einigen Pronomen gelten beide Formen standardsprachlich als korrekt:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
im Leben (manches)/manchen Kindes
anhand welches/welchen Beispiels

Aber vor Substantiven ohne die Endung (e)s nur:

im Leben jedes Menschen
nach der Meinung manches Studenten
mit Hilfe welches Assistenten

Und damit es ja nicht zu einfach wird: Für die Pronomen dieser, jener, mein/dein/etc. und kein gilt das oben Gesagte nicht. Sie folgen zwar auch dieser Tendenz – vor allem in festeren Wendungen –, aber bei ihnen gelten die Genitivformen mit en (vorläufig) noch als falsch. Und somit sind wir bei einem recht bekannten Streitfall: Standardsprachlich besser nicht

Anfang diesen Jahres
Personen Ihren Alters
jemanden keinen Blickes würdigen

sondern

Anfang dieses Jahres
Personen Ihres Alters
jemanden keines Blickes würdigen

Die Endung en verdrängt im Genitiv also langsam die Endung es. Bei den Adjektiven ist es ihr schon vollständig gelungen, bei den Pronomen ist die Übernahme noch nicht ganz vollzogen. Es ist also nicht erstaunlich, dass in einer solchen Übergangsphase viele Unsicherheiten entstehen. Als Trost mag gelten: So komplex es auch scheint, meistens geht es dennoch spontan gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Was nach »eine Vielzahl« alles stehen kann

Frage

Soeben bin ich bei einer Formulierung mit dem Wort „Vielzahl“ hängen geblieben, da es hier scheinbar eine Vielzahl an (oder von?) Möglichkeiten gibt, den Satz zu bilden. Damit sind wir auch schon beim Thema. Es geht nämlich um folgenden Ausdruck:

eine Vielzahl interessanter Nachmieter

Nun frage ich mich, ob es nicht auch heißen kann oder muss:

eine Vielzahl an interessanten Nachmietern

oder sogar:

eine Vielzahl von interessanten Nachmietern

Vielleicht können Sie ein wenig Licht ins Dunkel bringen und die Vielzahl an Formulierungen auf eine Einzahl reduzieren.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort Vielzahl ist eine ungenaue Mengenangabe, bei der verschiedene Formulierungen möglich sind. Standardsprachlich üblich ist nach Vielzahl bei allein stehenden Substantiven eine Formulierung mit von:

eine Vielzahl von Möglichkeiten
eine Vielzahl von Nachmietern

Mit einem gebeugten Artikelwort oder Adjektiv steht nach Vielzahl standardsprachlich in der Regel der Genitiv:

ein Vielzahl verschiedener Möglichkeiten
eine Vielzahl interessanter Nachmieter

Mit Adjektiven seltener auch von:

ein Vielzahl von verschiedenen Möglichkeiten
eine Vielzahl von interessanten Nachmietern

Das ist aber immer noch nicht alles: Selten kommt auch der direkte Anschluss als Apposition vor, wie dies auch bei zum Beispiel eine [große] Menge üblich ist:

eine Vielzahl Möglichkeiten
eine Vielzahl interessante Nachmieter

Zusammenfassend gibt es also nicht weniger als drei mehr oder weniger übliche Formulierungen für die Wendung in Ihrer Frage:

eine Vielzahl interessanter Nachmieter
eine Vielzahl von interessanten Nachmietern
eine Vielzahl interessante Nachmieter

Nur die Formulierung mit an (eine Vielzahl an [interessanten] Nachmietern) ist nicht üblich.

Mehr zu dieser erstaunlichen Variantenvielfalt finden Sie hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Danke der Nachfrage

Frage

Würden Sie mir bitte die Regel für Folgendes erklären:

– Danke der Nachfrage
– Danke für die Nachfrage

Antwort

Sehr geehrte Frau C.,

die Formulierung danke der Nachfrage ist eine veraltete Konstruktion, die manchmal noch (und dann häufig humoristisch oder ironisch) verwendet wird. Die Formulierung danke für die Nachfrage entspricht der heute üblichen Verwendung von danke und danken.

Ursprünglich stand das, wofür man dankt, im Genitiv: jemandem einer Sache (Gen.) danken. Diese Beispiele habe ich im Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm gefunden:

Ich danke euch auch freundlich euers theuern und treuen Geschenks.
Der Teufel dankt ihm der Wohltat.
Des[sen] danket Gott in Ewigkeit!

In danke der Nachfrage steht der Nachfrage also im Genitiv. Diese Konstruktion hat sich bis etwa ins 18. Jahrhundert gehalten, wurde aber schon früh durch um(be) etwas danken und später auch durch für etwas danken ersetzt. Heute ist bis auf die Wendung, um die es hier geht, nur danken für üblich, also zum Beispiel: Danke für Ihr Interesse.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Das Wort Gottes und der Sohn Gottes im Genitiv

Frage

Ich war im Gottesdienst, um dem Wort Gottes zu lauschen. Aber lieferte der Herr Pastor eine Auslegung des Wort Gottes oder des Wortes Gottes? Ich finde, Wort Gottes ist ein geschlossener Begriff und nur das zweite Nomen muss gebeugt werden. Mein Sohn hält dagegen, die Auslegung bezöge sich auf das Wort, das daher zu beugen sei.

Und wie lautete der korrekte Genitiv von „der Sohn Gottes“: „des Sohn Gottes“ oder „des Sohnes Gottes“?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

üblicher und grammatisch richtig ist die Genitivform des Wortes Gottes. In einer Wortgruppe beugt man den Kern der Gruppe. Der Kern ist hier Wort, wie unter anderem der Artikel das anzeigt, der im Genitiv zu des wird: das Wort – des Wortes.

Neben dem Artikel das und dem Kern Wort enthält die Wortgruppe noch das Genitivattribut Gottes. Das Genitivattribut ist direkt vom Wortgruppenkern Wort abhängig und in allen Stellungen gleich. Man beugt also wie folgt:

das Wort Gottes
dem Wort[e] Gottes
des Wortes Gottes

Auch bei der Sohn Gottes ist Sohn der Kern der Wortgruppe, der gebeugt wird. Es heißt also im Genitiv des Sohnes Gottes:

der/den Sohn Gottes
dem Sohn[e] Gottes
des Sohnes Gottes

Man könnte Wort Gottes als Ganzes als einen Titel sehen, der unveränderlich ist. Der Genitiv wäre dann des Wort Gottes. Es ist im Deutschen aber üblich, auch innerhalb eines Titels o. Ä. zu beugen. Es ist deshab vorzuziehen, die Gentivform des Wortes Gottes zu verwenden, das heißt, wie in des Sohnes Gottes oder zum Beispiel des Zorns Gottes und des Willens Gottes den Kern der Wortgruppe zu beugen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

Kommentare

Die Idee des Individuums als Fall[s]?

Neben dem Komma und den Inseln gibt auch der Fall nach als immer wieder Anlass zu Fragen. Heute geht es um die als-Gruppe bei einem Genitiv. 

Frage

Wir schlagen uns mit einem Satz herum, bei dem unser Sprachgefühl dem widerspricht, was wir für grammatikalisch korrekt halten. Der Satz lautet:

Die Idee des Individuums als Falls und somit als Protagonisten einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Wir hadern gefühlsmäßig mit den Genitivformen „Falls“ und „Protagonisten“, finden aber keinen Beleg dafür, dass diese im Nominativ stehen dürfen.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

die als-Gruppe steht nach der Grundregel im gleichen Fall wie das Wort, auf das sie sich bezieht:

Gefüllte Kirschtomaten wurden als kleiner Gruß aus der Küche serviert.
Als erfahrenen Programmier hätte dich das nicht erstaunen müssen.
Die Wissenschaft wurde mit dem Internet als neuem Kommunikationsmedium konfrontiert.
Die Herrscher bedienten sich der Religion als eines Mittels der Unterdrückung.

ABER: Es gibt zahlreiche Ausnahmen. Eine davon betrifft Fälle, in denen das Bezugswort wie in Ihrem Beispiel ein Wort im Genitiv oder im Speziellen ein Genitivattribut ist. In solchen Fällen steht die als-Gruppe nur dann im Genitiv, wenn sie ein Artikelwort enthält. Ohne Artikelwort steht sie meist bzw. immer im Nominativ. Ihr Gefühl täuscht Sie also nicht. In Ihrem Beispiel steht die als-Gruppe ohne Artikelwort und ohne gebeugtes Adjektiv. Sie sollte deshalb im Nominativ stehen:

Die Idee des Individuums als Fall und somit als Protagonist einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Ebenso zum Beispiel:

Die Herrscher bedienten sich der Religion als Mittel der Unterdrückung.
die Rolle des Staates als Handelspartner
die Förderung des Kindes als Individuum und als Teil der Gruppe

Mehr dazu finden Sie hier und hier, denn das Ganze ist leider noch ein bisschen komplexer. Die Häufigkeit der als-Gruppe als Problemfall wird Sie nach dem Lesen dieser Abschnitte kaum mehr erstaunen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Allerlei zu entgegen

Frage

Im Lied „Über den Wolken“ von Reinhard Mey steht der Satz:

Wie ein Schleier staubt der Regen, / bis sie abhebt und sie schwebt / der Sonne entgegen.

Ich wurde nun gefragt in welchem Fall „der Sonne entgegen“ steht. Meiner Meinung nach ist es der Dativ und „entgegen“ ist ein Adverb. Ist das richtig oder ist es der Genitiv?

Antwort

Guten Tag K.,

Sie haben recht: In sie schwebt der Sonne entgegen ist der Sonne ein Dativ. Bei entgegen steht immer der Dativ.

Als Präposition (Bedeutung: im Gegensatz zu, im Widerspruch zu) verlangt entgegen den Dativ:

Entgegen allen Erwartungen haben sie das Spiel gewonnen.
Wir fahren entgegen eurem Rat heute noch weg.

Auch nachgestellt:

Allen Erwartungen entgegen haben sie das Spiel gewonnen.
Wir fahren eurem Rat entgegen heute noch weg.

Auch wenn es adverbiell verwendet wird (Bedeutung: in Richtung auf etwas zu), steht bei entgegen der Dativ:

Dem Wind entgegen!
Neuen Abenteuern entgegen!

In Verbindung mit einem einfachen Verb gilt dieses entgegen als Verbzusatz, das heißt, es wird ggf. mit dem Verb zusammengeschrieben:

der Sonne entgegenschweben
dem Himmel entgegenfliegen
Ich will euch gerne entgegenkommen.
das wichtige Fußballspiel, dem du seit Tagen entgegenfieberst

Mehr zu entgegen finden Sie zum Beispiel hier und hier. Und zu guter Letzt sei noch dies erwähnt: Im Standarddeutschen steht entgegen nicht mit dem Genitiv. Es heißt also nicht:

*entgegen des Uhrzeigersinns
*entgegen ihres Willens

sondern:

entgegen dem Uhrzeigersinn
entgegen ihrem Willen
oder
dem Uhrzeigersinn entgegen
ihrem Willen entgegen

Ich konnte es einfach nicht lassen, hier kurz den Auffassungen gewisser übereifriger Genitivanhänger und –anhängerinnen entgegenzutreten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Der manchmal divenhafte Genitiv: sich Vorbilder[n] bedienen?

Hin und wieder wird ja das Verschwinden des Genitivs beklagt. Dass er tatsächlich immer weniger verwendet wird, hat er zum Teil sich selbst zu verdanken. Er kann nämlich so wählerisch und anspruchsvoll sein, dass wir gezwungen sind, auf andere Formulierungen auszuweichen. Heute wieder einmal ein Beispiel des etwas divenhaften Verhaltens des Genitivs:

Frage

Vorbilder oder Vorbildern, mit oder ohne n?

Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbilder der Natur.
Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbildern der Natur.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

eine einfache Antwort kann ich Ihnen hier leider nicht geben, denn keine der beiden Formulierungen ist standardsprachlich möglich.

Das Verb sich bedienen verlangt den Genitiv. Und hier entsteht das Problem: Eine Wortgruppe kann nämlich in der Regel nicht im Genitiv stehen, wenn sie nicht ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv enthält (Ausnahme: Eigennamen). Hier ein paar Beispiele, bei denen diese Bedingung nicht erfüllt ist:

nicht: der Verkauf Milchpulvers, der Verkauf Fahrräder
nicht: ein Glas Weins
nicht: mangels Beweise
nicht: die Einstellung des Mannes als Mitarbeiters
nicht: Sie enthielten sich Alkohols. Sie enthielten sich Kommentare.

Das ist auch in Ihrem Beispiel der Fall. Die Genitivform Vorbilder kann (u. a.*) deshalb nicht verwendet werden, weil sie nicht von einem Artikel oder Adjektiv begleitet wird.

nicht: Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbilder der Natur.

In solchen Fällen wird u. a. auf den Dativ oder eine Formulierung mit von ausgewichen (z. B. mangels Beweisen; der Verkauf von Fahrrädern). Bei sich bedienen ist dies aber standardsprachlich nicht anerkannt. Deshalb sollten Sie auch die Dativform Vorbildern nicht verwenden.

nicht: Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbildern der Natur.
nicht: Die Wissenschaftler bedienen sich von Vorbildern der Natur.

Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist eine andere Formulierung zu wählen. Sie könnten ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv hinzufügen. Zum Beispiel:

Die Wissenschaftler bedienen sich einiger/verschiedener Vorbilder der Natur.

Sie können auch ein anderes Verb wählen. Zum Beispiel:

Die Wissenschaftler benutzen/verwenden Vorbilder der Natur.

Das Verb sich bedienen ist übrigens nicht das einzige, bei dem es zu solchen Problemen kommen kann. Hier noch zwei Beispiele:

nicht: Sie enthielten sich Kommentare.
aber z. B.:
Sie enthielten sich jeglicher Kommentare.
Sie verzichteten auf Kommentare.

nicht: Sie war Protests nicht mehr fähig.
aber z. B.:
Sie ist nicht mehr zu Protest fähig.

Insbesondere das zweite Beispiel zeigt, dass der Genitiv immer häufiger auch dann durch entsprechende andere Konstruktionen ersetzt wird, wenn er eigentlich stehen könnte. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Verben mit Genitivobjekt immer seltener verwendet werden.

Sie war heftigen Protests nicht mehr fähig.
häufiger:
Sie war nicht mehr zu heftigem Protest fähig.

Entschuldigen Sie bitte, dass die Antwort so lang ausgefallen ist. Ich fand diesen Fall so interessant, dass ich mich einer detaillierteren Erklärung bedienen wollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Eine weitere Bedingung, die erfüllt sein muss, damit eine Wortgruppe im Genitiv stehen kann, ist, dass mindestens ein Wort die Genitivendung [e]s oder er hat. Auch diese Bedingung erfüllt Vorbilder nicht.

 

Kommentare (5)

Die wie-Apposition, das Personalpronomen und der Kasus

Frage

Wie ist der Satz richtig: „Ich beziehe mich auf Probleme einflussreicher Frauen wie mir/mich/ich“?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wie es so vielen so häufig geht, haben Sie hier Zweifel bei der Wahl des Falls in einer sogenannten als- oder wie-Apposition. Im Grunde ist es ja ganz einfach: In der als- oder wie-Gruppe steht der gleiche Fall wie beim Nomen, auf das sie sich bezieht (vgl. hier). Das gilt auch bei Personalpronomen:

Auch einflussreiche Frauen wie ich/du/sie/wir/ihr/Sie haben Probleme.
Das größte Problem für einflussreiche Frauen wie mich/dich/sie/uns/euch/Sie ist …
ein Treffen mit einflussreichen Frauen wie mir/dir/ihr/uns/euch/Ihnen

Das beantwortet aber nur einen Teil Ihrer Frage: In Ihrem Satz sind der Akkusativ mich und der Dativ mir standardsprachlich nicht möglich. Die wie-Gruppe bezieht sich weder auf einen Akkusativ noch auf einen Dativ, sondern auf einen Genitiv.

Und genau hier beginnt es zu „klemmen“. Es ist nämlich nicht üblich, bei Personalpronomen in dieser Stellung den Genitiv zu verwenden. Es heißt also nicht:

*Probleme einflussreicher Frauen wie meiner/deiner/ihrer/eurer/Ihrer

Es bleibt also nur noch der Nominativ. Und dieser Fall ist auch die richtige Lösung:

Ich beziehe mich auf Probleme einflussreicher Frauen wie ich.

Die Wahl des Nominativs lässt sich hier dadurch erklären und rechtfertigen, dass die wie-Gruppe als verkürzter Vergleichssatz angesehen wird: Probleme einflussreicher Frauen, wie ich [es/eine bin].

Ähnliche Beispiele:

der Einfluss eines Politikers wie er (nicht: wie seiner)
der Rat eines guten Freundes wie du (nicht: wie deiner)
nach Ansicht vieler Leute wie wir (nicht: wie unser)
die Hilfe guter Nachbarn wie ihr / wie Sie (nicht wie euer/Ihrer)

Und dasselbe gilt übrigens auch für Eigennamen. Auch dort steht in solchen Konstruktionen der Nominativ statt des Genitivs:

die Entdeckungen einer Physikerin wie Curie (nicht: wie Curies)
das Werk eines Schriftstellers wie Böll (nicht: wie Bölls)

Ich hoffe, dass Sie mit den Antworten eines Sprachlers wie Bopp etwas anfangen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Welches oder welchen Landes?

Frage

Was ist richtig: „Der Präsident welches Landes ist …“ oder „Der Präsident welchen Landes ist …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

beide Formen sind hier richtig:

Der Präsident welchen Landes ist …
Der Präsident welches Landes ist …

Woher kommt diese „Willkür“? Wirklich rundum schließend erklären kann ich es auch nicht, aber es hat mit einem Unterschied bei der Beugung von Artikelwörtern, Pronomen und Adjektiven zu tun, wenn sie vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv stehen.

Artikel sowie viele als Artikelwörter verwendete Pronomen haben im männlichen und sächlichen Genitiv die Endung es:

des/eines//dieses/jenes/meines/keines Kindes

Adjektive hingegen haben im männlichen und sächlichen Genitiv die Endung en:

des kleinen/frechen/wohlerzogenen/beispielhaften Kindes

Manche Artikelwörter haben nun die Neigung, sich vor einem Substantiv wie ein Adjektiv zu verhalten und die Endung en anzunehmen. Einige tun dies immer:

 die Verursacher einigen/etlichen Ärgers

Bei anderen schwankt der Gebrauch (und jetzt wird’s kompliziert): Sie haben die Endung en, aber nur dann, wenn das Substantiv den Genitiv mit es oder s bildet:

die Bekämpfung allen Übels
im Leben manchen Kindes
aber:
der Anfang alles Schönen
im Leben manches Menschen

Es reicht offenbar, den Genitiv nur einmal mit der typischen Genitivendung (e)s zu markieren (allen Übels). Umgekehrt muss der Genitiv aber einmal mit dieser Endung vertreten sein (jedes Menschen; vgl. auch den letzten Blogeintrag).

So weit, so gut, aber das war noch nicht alles. Neben den Artikelwörtern, die ganz der adjektivischen Beugung folgen (einige, etliche), und den „halbangepassten“ (alle, manche) gibt es noch die Gruppe der „unentschlossenen“. Bei ihnen kann die Genitivendung (e)s immer stehen, sie werden aber auch mit en verwendet:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
der Präsident welches/welchen Landes
aber nur:
im Leben jedes Menschen
die Abenteuer welches Helden

Es gibt also im männlichen und sächlichen Genitiv einen Übergang von der Artikelendung es zur Adjektivendung en, den verschiedene Wörter in unterschiedlichem Maße vollzogen haben.

Das alles liest sich sehr kompliziert und das ist es auch. Kein Wunder also, dass Deutschlernende hier häufig verzweifeln oder resignieren und dass die Muttersprachigen sehr schnell ins Schleudern geraten, wenn sie anfangen, über diese Fälle nachzudenken, oder gar erklären sollten, war richtig ist. Dieser Übergang von es zu en ist die Ursache manchen Zweifels manches Deutsch sprechenden Menschen.

Eine Aufstellung der Artikelwörter, um die es hier geht, finden Sie auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Dieses Phänomen spielt auch bei einem berühmten Fehler eine Rolle, der eigentlich schon fast kein Fehler mehr ist: Statt standardsprachlich (noch?) vorzuziehend Ende dieses Jahres hört und liest man häufig Ende diesen Jahres.

Kommentare (2)

Als solchen, als solchem, als eines solchen

Frage

In einer deutschen Übersetzung stieß ich auf eine Formulierung, die mich stocken ließ:

Vielmehr geht es um die Parodie des Begriffs als solchem.

Zum Straucheln brachte mich nun der Dativ im Attribut nach „als“ gleich in doppelter Hinsicht. Zunächst musste ich genau deshalb kurz innehalten, zugleich aber scheint er bei mehrfacher Wiederholung eigentümlicherweise auch nicht gänzlich fehlgeleitet. Wie schätzten Sie diese Verwendung hier ein?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

standardsprachlich gilt der Dativ als solchem hier nicht als korrekt. Ganz „fehlgeleitet“ ist er aber nicht:

Im Prinzip steht die Wendung als solches im gleichen Kasus wie das Wort, auf das sie sich bezieht (und zwar als eigenständiges Neutrum oder mit dem gleichen Genus wie das Bezugswort):

der Begriff als solches/solcher
den Begriff als solches/solchen
dem Begriff als solchem/solchem

Was nun noch fehlt, ist der Genitiv. Der Genitiv wäre sächlich und männlich als solchen, aber er ist hier auch nicht die richtige Lösung.

Das Deutsche meidet nämlich Nomen- und Pronomengruppen im Genitiv, wenn sie

  • nicht mindestens ein konjugiertes Artikelwort oder Adjektiv enthalten und
  • nicht mindestens ein Element der Gruppe eine s- oder eine r-Endung hat.

Zum Beispiel:

nicht: der Konsum Alkohols
sondern: der Konsum von Alkohol
aber: der Konsum reinen Alkohols (vgl. hier)

nicht: wegen Regenfälle
sondern: wegen Regenfällen
aber: wegen heftiger Regenfälle (vgl. hier)

Die Dativform als solchem in der zitierten Textstelle ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wenn der Genitiv nicht passt, weichen wir gerne auf den Dativ aus. Wahrscheinlich deshalb klingt des Begriffs als solchem in Ihren Ohren gar nicht so falsch. Wie das Beispiel wegen Regenfällen oben zeigt, ist dieses Ausweichen auf den Dativ manchmal sogar standardsprachlich abgesegnet. In anderen Fällen, wie hier bei des Begriffs als solchem, gilt die Verwendung des Dativs aber standardsprachlich (noch?) nicht als korrekt.

Weil hier also nicht die Genitivform als solchen stehen kann, aber standardsprachlich auch nicht auf die Dativform als solchem ausgewichen werden darf, muss umformuliert werden. Am einfachsten geht dies so:

des Begriffs des Originals als eines solchen

Die als-Gruppe steht wie das Bezugswort im Genitiv und dank eines enthält die Genitivgruppe ein Artikelwort mit der Genitivendung es: Alles ist wieder in Ordnung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare