Von »guten Mutes« über »jedes/jeden Kommentars« zu »dieses Jahres«

Frage

Heißt es „sich jedes Kommentars enthalten“ oder „sich jeden Kommentars enthalten“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

Zweifelsfälle sind oft deshalb Zweifelsfälle, weil es mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das ist auch hier so, denn beides ist möglich (vgl. hier):

Sie wurden gebeten, sich jeden Kommentars zu enthalten.
Sie wurden gebeten, sich jedes Kommentars zu enthalten.

Vor männlichen und sächlichen Substantiven kann das Indefinitpronomen jeder sowohl mit der Endung es als auch mit der schwachen Endung en stehen. Dies gilt aber nur dann, wenn das Substantiv die Genitivendung es oder s hat:

sich jedes/jeden Kommentars enthalten
im Leben jedes/jeden Mannes
die Erfüllung jedes/jeden Wunsches

aber nur

im Leben jedes Menschen
das Mandat jeder und jedes Abgeordneten

Nach eines steht dahingegen immer jeden:

im Leben eines jeden Mannes
das Mandat einer und eines jeden Abgeordneten

Hier zeigt sich eine interessante Tendenz in der deutschen Sprache: Bei den Endungen sind wir sparsam. Es reicht im Prinzip, den Genitiv nur einmal anzugeben. Deshalb wird dann, wenn schon ein s-Genitiv (Genitivendung es oder s) steht, häufig auf die schwache Endung en ausgewichen.

im Leben jeden Mannes
im Leben eines jeden Menschen

Der Genitiv muss aber einmal angegeben werden. Wenn sonst kein s-Genitiv vorhanden ist, muss die Endung es verwendet werden:

im Leben jedes Menschen

Dieser Ersatz der Endung es ist bei den Adjektiven am weitesten fortgeschritten: Sie haben die Genitivendung es im heutigen Deutsch aufgegeben. Während man früher noch voll süßes Weines (Luther), gutes Muthes und heutiges Tages sagte, heißt es heute nur noch voll süßen Weines, guten Mutes und heutigen Tages.

Gegenpol sind hier der bestimmte und der unbestimmte Artikel, bei denen der Ersatz von es auch heute noch unmöglich ist:

im Leben des/eines Mannes
sich des/eines Kommentars enthalten.

Zwischen den Adjektiven und den Artikeln stehen die Pronomen. Viele von ihnen haben Merkmale beider Wortklassen, das heißt, manche verhalten sie sich eher wie Artikelwörter und manche eher wie Adjektive. Das zeigt sich auch in diesem Fall: Einige Pronomen lassen wie die Adjektive den Ersatz von es im Genitiv zu, bei anderen ist dies wie bei den Artikeln (noch) nicht möglich. Die folgende Aufstellung soll diese Situation anhand einiger Beispiele aufzeigen:

Adjektive nur mit en

guten Mutes sein
eine Quelle großen Vergnügens

Pronomen nur mit en

die Ursache solchen Unbehagens
im Leben desselben Mannes (das es versteckt sich allerdings in des…)

Pronomen mit en oder es (vgl. hier)

die Ursache allen Übels
das Schicksal alles Menschlichen

Im Leben jedes/jeden Mannes
im Leben jedes Menschen

die Lösung manchen Rätsels
ein großer Wunsch manches Menschen

die Eltern welches/welchen Kindes
die Abenteuer welches Helden

Pronomen nur mit es

am Ende meines Lebens
Anfang dieses Monats
am Ende jenes Sommers

Artikel nur mit es

die Eltern des Kindes
im Leben eines Mannes

Es gibt also eine Tendenz, die Endung es dort aufzugeben, wo bereits ein s-Genitiv steht. Während dies bei den Adjektiven durchgehend der Fall ist, leisten die Artikel noch erfolgreich Widerstand. Die Pronomen stehen irgendwo dazwischen.

Ganz schön zeigt sich diese Entwicklung beim bekannten Beispiel dieses Jahres. Vor allem bei Zeitangaben setzt sich immer mehr diesen und jenen statt dieses und jenes durch:

Anfang diesen Monats wie z. B. Anfang nächsten Monats
am Ende jenen Jahres wie z. B. am Ende manchen Jahres

Statt standardsprachlich richtig:

Anfang dieses Monats
am Ende jenes Jahres

Wie man oben sieht, sind die Formen diesen Monats und jenen Jahres nicht einfach unerklärliche Nachlässigkeiten, sondern die Folge einer Entwicklung, die offenbar noch nicht abgeschlossen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Genitiv lebt dank Analogie

Frage

Vielleicht  können sie mir auch heute helfen. Steht „dank“ mit Dativ oder Genitiv. Hier ist eine Diskussion entstanden, richtig ist ja wohl  beides, aber was ist geläufiger? Zum Beispiel:

Feuchtigkeitsschutz dank innovativen Sensors
Feuchtigkeitsschutz dank innovativem Sensor

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

im Standarddeutschen kann die Präposition dank sowohl mit dem Dativ als auch mit dem Genitiv stehen:

Feuchtigkeitsschutz dank innovativem Sensor
Feuchtigkeitsschutz dank innovativen Sensors

Der Genitiv kommt vor allem im Plural häufiger vor:

Feuchtigkeitsschutz dank innovativer Sensoren
auch: Feuchtigkeitsschutz dank innovativen Sensoren

Der Dativ lässt sich durch die Herkunft der Präposition erklären. Sie ist eigentlich eine Verkürzung der Wendung Dank sei:

Dank sei ihrem Einfluss → dank ihrem Einfluss

Der Genitiv ist hier aber dabei, den Dativ zu verdrängen. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass bei anderen Präpositionen dieser Art der Genitiv üblich ist. Zum Beispiel:

kraft ihres Amtes
statt schöner Worte
zeit seines Lebens

Bei diesen Wendungen lässt sich der Genitiv ebenfalls durch die jeweils zugrundeliegende Wendung erklären (durch die Kraft ihres Amtes; an der Statt schöner Worte; in der Zeit seines Lebens). All diese Präpositionen haben sich aber stark von der ursprünglichen Formulierung gelöst, was unter anderem an der Kleinschreibung zu sehen ist. Das gab dem Genitiv die Möglichkeit, sich auch nach dank einzunisten, und zwar so gründlich, dass er heute auch standardsprachlich als korrekt (oder sogar als Vorzugsvariante) gilt.

Richtig ist also beides. Wenn es darum geht, ob die Verfechter des Genitivs oder die dem Dativ treu Gebliebenen recht haben, ist das Resultat ein Unentschieden. Siehe auch hier.

Eine eindeutige, fundierte Antwort auf die Frage, was geläufiger ist, kann ich hier leider nicht geben. Seit es üblich ist, den Untergang des Genitivs heraufzubeschwören (oder hat sich das schon wieder gelegt?) neigen viele dazu, den Dativ zu vermeiden, wenn sich auch nur der leiseste Zweifel meldet. Das dürfte stark zur weiteren Verbreitung des Genitivs nach dank beitragen. Etwas Ähnliches ist übrigens der Präposition trotz geschehen: Mittlerweile steht trotz sehr häufig mit dem Genitiv, obwohl es ursprünglich den heute standardsprachlich gerade noch tolerierten Dativ verlangte.

Wie man sieht, kommt man mit logischen und historischen Argumenten nicht immer sehr weit. Was ist richtig(er): der „historische“ Dativ oder der „analoge“ Genitiv? Richtig ist letzlich, was üblich ist. Das ist nach „dank“ (vorläufig noch?) beides.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Frage

Wie schreibt man korrekt: „nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör“ oder „nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

beides ist möglich. Es handelt sich hier um eine Maß- oder Mengenangabe im weiteren Sinne. Wenn das Gemessene wie hier ein Singular ist, steht es im heutigen Deutschen in der Regel im gleichen Fall wie die Maß- oder Mengenangabe. Das ist hier der von nach geforderte Dativ:

eine Stunde hochnotpeinliches Verhör
nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör

Es ist ebenfalls möglich, den sogenannten partitiven Genitiv zu verwenden:

eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs
nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Der Genitiv gilt hier allerdings als veraltet. In diesem Fall passt er stilistisch aber recht gut zum ebenfalls altertümlich anmutenden Wort hochnotpeinlich. Siehe auch die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

Mir stellt sich hier noch eine ganz andere Frage. Woher kommt hochnotpeinlich? Bei der heutigen, in der Regel scherzhaft gemeinten Verwendung bedeutet es so viel wie sehr streng. Ein hochnotpeinliches Verhör ist ein sehr strenges Verhör, hochnotpeinliche Fragen sind sehr strenge Fragen.

Historisch gesehen war  hochnotpeinlich aber noch viel strenger als das, was wir heute unter sehr streng verstehen: Ein hochnotpeinliches Gericht war ein Gericht, das über schwere Verbrechen urteilte und die Todesstrafe verhängen konnte.

Wie kam das Gericht zu dieser Beifügung? Das Adjektiv peinlich gehört zu Pein (Strafe, Qual, Schmerz). Etwas Peinliches hatte mit Strafe und Schmerz zu tun. Das Adjektiv kam insbesondere in der Rechtssprache vor, wo es die Bedeutung mit Folterschmerzen verbunden hatte. Peinliche Fragen sind auch heutzutage unangenehm, aber im 16. Jahrhundert waren sie zweifellos noch viel unangenehmer: Peinliche Fragen waren nämlich Fragen, die unter Androhung oder Anwendung der Folter gestellt wurden.

Peinlich war also mit Folter verbunden. Die Verstärkung hochpeinlich oder notpeinlich bezog sich auf verschärfte Folter und eine Steigerungsstufe weiter sind wir bei hochnotpeinlich angelangt. Es war also eindeutig vorzuziehen, nicht vor einem hochnotpeinlichen Gerichte erscheinen zu müssen! Deshalb schrieb Gottfried August Bürger in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Ballade „Der Kaiser und der Abt“, wenn auch bereits eher scherzhaft  (von ihm stammt auch eine der bekanntesten Fassungen der „Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“):

Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität [Beklemmung],
Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.

Ein hochnotpeinliches Verhör im 16. Jahrhundert war also um einiges schmerzhafter als das, was man heute scherzhaft als ein hochnotpeinliches Verhör bezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Fall in »der Meinung sein«

Heute schon wieder der Fall eines ungewöhnlichen Falles:

Frage

Dürfte ich eine Frage stellen:

Ich bin der Meinung, dass …

In welchem Fall steht „der Meinung“? Genitiv oder Dativ? Ich bin mir nämlich nicht sicher, welcher der beiden folgenden Sätze richtig ist:

Diese Meinung, deren ich nicht bin, wird häufig vertreten. (Gen.)
Diese Meinung, der ich nicht bin, wird häufig vertreten. (Dat.)

Der zweite klingt besser, aber auch irgendwie nicht ganz richtig. Oder ist keine dieser Formulierungen korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

keine der beiden Formulierungen klingt wirklich richtig, weil keine von ihnen wirklich richtig ist. In der Wendung der Meinung sein steht Meinung im Genitiv. Es handelt sich um einen prädikativen Genitiv, d.h. um einen Genitiv, der über das Verb sein mit dem Subjekt verbunden ist. Solche Genitive kommen nur noch bei bestimmten Substantiven in relativ festen Wendungen vor. Zum Beispiel:

der/gleicher/anderer Ansicht sein
der/gleicher/anderer Meinung sein
guten Mutes, guter Laune, guter Dinge sein
gleichen Alters sein
guter Hoffnung sein
voller Erwartung, voller Hoffnung, voller Spannung sein
des Glaubens sein
reinen Herzens sein
bäuerlicher Herkunft sein
natürlichen Ursprungs sein

Es müsste also theoretisch heißen:

*Diese Meinung, deren (o. derer) ich nicht bin, wird häufig vertreten.

Warum theoretisch und warum das Sternchen vor dem Beispielsatz? Bei festen Wendungen ist es oft so, dass syntaktisch nicht alles möglich ist, was bei „normalen“ Wendungen vorkommt. So ist es bei diesen Wendungen z. B. nicht möglich (oder sehr ungebräuchlich), einen Relativsatz zu bilden:

nicht: *die (üble) Laune, deren wir sind
nicht: *das Alter, dessen sie sind
nicht: *das reine Herz, dessen ihr seid
nicht: *die Meinung, deren ich nicht bin

Sie können hier deshalb besser auf eine andere Formulierung ausweichen. Zum Beispiel:

Diese Meinung, die ich nicht teile, wird häufig vertreten.

Ich hoffe, dass Sie hier mit mir einer Meinung sein werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Helmut und seine Liebe(n) im Genitiv

Frage

Mit einem Freund bin ich unterschiedlicher Meinung über die richtige Verwendung von „seiner“ und „seinen“ im folgenden Satz, welchen ich in ein Gedicht eingebaut hatte:

Herr Müller wird dann aufgeschrieben
Zum Wohl Helmuts und seinen Lieben

H.  widersprach und setzte sich für „seiner“ Lieben ein.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Ihr Freund hat recht. Richtig ist:

zum Wohl Helmuts und seiner Lieben

Hier ist nämlich der Genitiv gefragt:

zu wessen Wohl?
zum Wohl Helmuts und
zum Wohl seiner Lieben

Im Genitiv ist also ohne Satzzusammenhang nicht ersichtlich, ob es sich um eine einzelne weibliche Person (seine Liebe) oder um mehrere Personen (seine Lieben) handelt, also ob seine liebe Frau oder Freundin resp. seine lieben Angehörigen gemeint sind. Diese Undeutlichkeit kann man aber nicht klären, indem man seinen statt seiner verwendet. Meistens ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist, und sonst muss umformuliert werden. In diesem Fall fände ich die „Undeutlichkeit“ gar nicht so undeutlich, selbst wenn der (weitere) Kontext keine genauen Schlüsse zulässt. Wenn Helmut eine besondere Liebe hat, gehört sie auch zu seinen Lieben, die sich sicher gerne ein bisschen mitgemeint fühlen. Und wenn er keine hat, ist ohnehin die Mehrzahl gemeint. In der Sprache ist selten mathematische Präzision gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das unbeständige »entlang«

Falls Sie am heutigen 1. Mai frei haben und einen Spaziergang an Bach, Fluss oder See erwägen, spazieren sie dann das Ufer entlang, dem Ufer entlang, entlang dem Ufer oder entlang des Ufers? Oder gar am Ufer entlang? Heute geht es wieder um ein Wort, das sich nicht so leicht in ein grammatisches Korsett zwängen lässt.

Frage

Ich wende mich heute mit folgendem Problem an Sie:

spazieren … an den Ufern der Neiße entlang

Diese Formulierung verstehe ich grammatikalisch nicht so ganz. Die Präposition steht doch entweder mit Akkusativ, „die Straße entlang“, oder mit Dativ, „entlang der Straße“. Könnte man also den obigen Satz auch so formulieren:

entlang den Ufern der Neiße
die Ufer der Neiße entlang

So wäre es für mich verständlicher. Vielleicht handelt es sich in dem Buch um literarische Sprache?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

das Wort entlang sieht harmlos aus, aber in grammatischer Hinsicht ist es ziemlich widerspenstig. Es weigert sich, einer einzigen Klasse zugeordnet zu werden.

Eine mögliche Verwendung ist die einer klassischen Präposition, das heißt, entlang steht vor dem Substantiv. Bei der Wahl des ihm folgenden Falles ist die Lage schon weniger eindeutig. Möglich sind sowohl der Genitiv als auch der Dativ:

Wir spazierten entlang der Ufer der Neiße.
Entlang des Wanderweges stehen Informationstafeln.

Wir spazierten entlang den Ufern der Neiße.
Entlang dem Wanderweg stehen Informationstafeln.

Häufig gefällt sich entlang aber als nachgestellte Präposition (Postposition). Dann ist der Akkusativ üblich:

Wir spazierten die Ufer der Neiße entlang.
Den Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Der Dativ kommt hier ebenfalls vor. Heutzutage verrät er aber meistens Sprecher und Sprecherinnen aus dem Süden, vor allem aus der Schweiz. Die folgenden Formulierungen genießen deshalb wohl kaum das Wohlwollen aller Hüter der deutschen Sprache:

Wir spazierten den Ufern der Neiße entlang.
Dem Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Im Beispielsatz, um den es Ihnen in Ihrer Frage geht, übernimmt entlang eine weitere Rolle: Es tritt nicht als Präposition, sondern adverbial auf. Es hat dann keinen Einfluss auf den Fall. Der Kasus wird durch die Präposition an bestimmt, die hier den Dativ fordert:

Wir spazierten an den Ufern der Neiße entlang.
Am Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Diese Verwendung ist übrigens nicht literarisch. Sie ist allgemeinsprachlich und klingt in meinen Ohren manchmal sogar ein bisschen holprig.

Das Wort entlang kann also Adverb, Präposition oder Postposition sein und verschiedene Kasus bei sich haben. Wahrlich kein Beispiel grammatischer Unverrückbarkeit und unverbrüchlicher Kasustreue! Falls Sie deshalb wieder einmal unsicher werden sollten, können Sie alles hier noch einmal nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Zur Beugung heiliggesprochener Päpste (u. a.)

Hier eine Frage zu einem (fast) aktuellen Anlass:

Frage

Ich möchte Sie fragen, wie die folgende Wortgruppe korrekt gesprochen werden muss:

die Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II.

a) Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Paul des Zweiten
b) Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Pauls des Zweiten
c) die Heiligsprechung der Päpste Johannes der Dreiundzwanzigste und Johannes Paul der Zweite

Mich interessiert vor allem, ob der absolute Nominativ in der Version c) falsch oder richtig ist.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

Mit Titeln versehene Namen wie diese werden gebeugt. Ganz so einfach, wie es klingt, ist es aber nicht. Was wird gebeugt und was bleibt ungebeugt?

Standardsprachlich korrekt ist in diesem Fall a):

Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Paul des Zweiten

Es ist eine Zusammenziehung von:

Heiligsprechung des Papstes Johannes des Dreiundzwanzigsten und
Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul des Zweiten

Wenn ein Titel mit einem Artikel steht, ist der Titel der Kern der Wortgruppe und der Name die nähere Bestimmung (Apposition). Gebeugt wird ggf. der Titel und der Name bleibt ungebeugt:

die Regierungszeit des Königs Friedrich Willhelm
am Hof der Zarin Katharina
Heiligsprechung des Papstes Johannes
Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul

Steht der Titel ohne Artikel, wird er zu einer näheren Bestimmung des Namens „degradiert“ und bleibt ungebeugt. Gebeugt wird dann der Name:

die Regierungszeit König Friedrich Willhelms oder vorangestellt
König Friedrich Willhelms Regierungszeit

am Hof Zarin Katharinas oder
an Zarin Katharinas Hof

die Heiligsprechung Papst Johannes Pauls oder
Papst Johannes Pauls Heiligsprechung

Das ist aber noch nicht alles. Ihr Interesse gilt ja vor allem der nachgestellten Ergänzung des Herrschernamens. Diese wird immer gebeugt, ganz gleich ob weiter vorn der Titel oder der Name der Kern der Wortgruppe ist:

die Regierungszeit des Königs Friedrich Willhelm des Zweiten
die Regierungszeit König Friedrich Willhelms des Zweiten

am Hof der Zarin Katharina der Großen
am Hof Zarin Katharinas der Großen

die Heiligsprechung des Papstes Johannes des Dreiundzwanzigsten
die Heiligsprechung Papst Johannes’ des Dreiundzwanzigsten

die Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul des Zweiten
die Heiligsprechung Papst Johannes Pauls des Zweiten

Das klingt kompliziert und das ist es auch (zumal noch gar nicht alles Sagenswerte gesagt worden ist). Meist geht es gut, ohne dass man diese „Regeln“ kennt. Es ist aber nicht erstaunlich, dass dennoch des Öfteren andere Formulierungen zu hören sind.

Die Sache funktioniert übrigens nicht nur bei Herrschern und Päpsten so. Auch Menschen geringeren Standes werden so behandelt, wenn ihr Name mit einem Titel, einer Verwandtschaftsbezeichnung o. Ä. verwendet wird.

Steht die Personenbezeichnung ohne Artikel, wird der Name gebeugt:

Tante Tinas Gärtnerei
Bundeskanzlerin Merkels Reden
Dozent Anderlings Unterricht
die Bilder Pieter Breughels des Jüngeren

Mit Artikel wird ggf. der Titel, die Berufsbezeichnung usw. gebeugt:

die Gärtnerei meiner Tante Tina
die Reden der Bundeskanzlerin Merkel
der Unterricht des Dozenten Anderling
die Bilder des Malers Pieter Breughel des Jüngeren

Und wenn Sie alles noch einmal nachlesen wollen, finden Sie  hier, hier und hier entsprechende Angaben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Konjunktion »statt« statt der Präposition »statt«

Das Wörtchen statt sorgt oft für eine gewisse Unsicherheit. Es kann nämlich als Präposition, die den Genitiv fordert, aber auch als Konjunktion, die nicht fallbestimmend ist, verwendet werden (siehe hier). Wann statt in welcher Funktion auftreten kann oder muss, war (und ist) auch mir nicht immer klar. Es folgt ein Klärungsversuch anhand der Frage von H.:

Frage

a) Darf man in den folgenden beiden Sätzen den Dativ verwenden oder ist hier nur der Genitiv richtig?

Sie kommt statt ihres Bruders.
Sie kommt statt seiner.

Sie kommt statt ihrem Bruder.
Sie kommt statt ihm.

b) Kann „statt“ im folgenden Satz sowohl Präposition als auch Konjunktion sein?

Sie macht eine Torte statt eines Kuchens.
Sie macht eine Torte statt einen Kuchen.

Antwort

Guten Tag H.,

nach der Präposition statt kann standardsprachlich nicht der Dativ stehen (vgl. hier). Es heißt also nicht:

*Sie kommt statt ihrem Bruder.
*Sie kommt statt ihm.
*Sie macht eine Torte statt einem Kuchen.

Damit ist aber noch lange nicht alles gesagt. In Ihren Beispielen kann statt sowohl Präposition als auch Konjunktion sein. Welche Variante man hier wählt, ist eine stilistische Frage. Viele ziehen die Präposition mit Genitiv vor:

Sie kommt statt ihres Bruders.
Sie kommt statt seiner.
Sie macht eine Torte statt eines Kuchens.

Als Konjunktion ist statt hier im Prinzip auch korrekt. Dies wird aber nicht von allen als standardsprachlich gut akzeptiert:

Sie kommt statt ihr Bruder.
Sie kommt statt er.
Sie macht eine Torte statt einen Kuchen.

In Fällen wie diesen, das heißt in Verbindung mit einem Subjekt oder einem Akkusativobjekt, ist es deshalb zu empfehlen, die Präposition mit Genitiv zu verwenden (zu den üblichen Sonderfällen siehe hier).

In Verbindung mit einem Dativobjekt und in einer Präpositionalgruppe ist es umgekehrt zu empfehlen oder sogar obligatorisch, die Konjunktion statt zu verwenden:

Du solltest es lieber ihr statt ihm geben.

Hier steht ihm im Dativ, weil es wie ihr vom Verb geben abhängig ist, das den Dativ verlangt. Die Konjunktion statt hat keinen Einfluss auf den Fall des ihr nachfolgenden Wortes. Ebenso zum Beispiel:

Warum hilfst du ihnen statt deinen eigenen Kindern?
Sie hat es mir statt dir gesagt.

Auch bei Präpositionalgruppen scheint nur die Konjunktion statt üblich zu sein (meist mit Wiederholung der Präposition):

Ich gehe lieber mit dir statt [mit] meinem Bruder.
Warum bist du immer für ihn statt [für] mich?

Wenn hier die Präposition mit Genitiv verwendet wird, entstehen Sätze, bei denen die „Rollenverteilung“ unklar oder verwirrend ist:

*Du solltest es lieber ihr statt meiner geben.
*Warum hilfst du ihnen statt deiner eigenen Kinder?
*Sie hat es mir statt deiner gesagt.

*Ich gehe lieber mit dir statt meines Bruders.
*Warum bist du immer für ihn statt meiner?

Wenn statt in Verbindung mit einem Dativobjekt oder innerhalb einer Präpositionalgruppe steht, sollte man es deshalb als Konjunktion verwenden, die keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Wortes hat.

Es ist nicht einfach, eine klare Trennlinie zwischen der Präposition statt und der Konjunktion statt zu ziehen. Aus dem oben Gesagten lässt sich aber eine Regel – die ich vorsichtshalber lieber eine Tendenz oder eine Faustregel nenne – ableiten:

  • In Verbindung mit einem Subjekt oder Akkusativobjekt: besser Präposition statt mit Genitiv
  • In Verbindung mit einem Dativobjekt oder in einer Präpositionalgruppe: Konjunktion statt 

Mit einem einfachen „Nach statt steht der Genitiv!“ ist es also nicht getan. Es gibt Fälle, in denen man die nicht fallbestimmende Konjunktion statt statt der den Genitiv fordernden Präposition statt verwenden muss. (Diesen letzten Satz habe ich so kompliziert formuliert, weil er dann so schön zur Komplexität des Themas passt.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Angela Merkels Mobiltelefon im Genitiv

Frage

In einem Blogbeitrag von Kristin Kopf auf dem Sprachlog erwähnt sie kurz folgende Genitiv-Konstruktion, die in der Zeit abgedruckt worden war, und gab mir den Tipp, mich mit meinen Fragen an Sie zu wenden:

[sie] verlangte, die mutmaßliche Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons im Bundestag zu thematisieren.

Meine Frage dazu: Ist diese Konstruktion grammatikalisch korrekt? In der gesprochenen Sprache ist mir Vergleichbares bisher noch nicht begegnet. Warum nicht? Weil es unelegant klingt oder weil es wirklich formal falsch ist?

Antwort

Guten Tag A,,

diese Formulierung fällt nicht nur Ihnen auf. Warum? Es geht hier einerseits um das Sprachsystem und andererseits darum, was üblich ist. Nach dem Sprachsystem ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, Genitive in dieser Weise anzuhäufen. Eine Wortgruppe mit einem vorangestellten Genitivattribut wie diese:

Angela Merkels Mobiltelefon

kann im Prinzip in den Genitiv gesetzt werden:

die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons

Ebenso zum Beispiel:

Annas kleines Kaninchen
der Käfig Annas kleinen Kaninchens

Oder als Genitivobjekt:

Konsulin Müllers verstorbener Bruder
Sie gedachten Konsulin Müllers verstorbenen Bruders.

In der heutigen (Standard-)Sprache wird aber vermieden, Wortgruppen mit einem vorangestellten Genitivattribut im Genitiv zu verwenden. Solche Formulierungen sind wahrscheinlich etwas zu verschachtelt und zu „genitivlastig“. Sie entsprechen jedenfalls nicht dem heutigen Sprachgebrauch. Üblicher ist es, zum Beispiel wie folgt zu formulieren:

die Ausspähung des Mobiltelefons von Angela Merkel
die Ausspähung des Mobiltelefons der Bundeskanzlerin

der Käfig von Annas kleinem Kaninchen
der Käfig des kleinen Kaninchens von Anna

Sie gedachten des verstorbenen Bruders von Konsulin Müller.

Wenn ich doch noch irgendwo „Doppelgenitive“ dieser Art entdecke, denke ich immer, dass es dem Autor oder der Autorin vor allem darum ging, eine Formulierung mit von zu vermeiden. Es wird ja immer wieder gesagt, dass der Genitiv furchtbar bedroht sei und dass die Formulierung mit von anstelle des Genitivs furchtbar schlechtes umgangssprachliches Deutsch sei. Um eine vermeintlich schlechte Formulierung zu vermeiden, wird dann auf eine in meinen Augen wirklich schlechte ausgewichen. Ich glaube nicht, dass  Formulierungen wie Angela Merkels Mobiltelefons irgendjemandem spontan aus der Tastatur fließen.

Kurz zusammengefasst: Formulierungen wie diese sind nicht grundsätzlich falsch, aber nicht üblich.

Und weil es keine Ausnahme ohne Ausnahmen gibt, sei noch Folgendes erwähnt: Nach Präpositionen, die den Genitiv verlangen, kommt diese Art der Kombination von zwei Genitiven etwas häufiger vor:

während Angela Merkels morgendlicher Regierungserklärung
aufgrund Berlusconis enormen Reichtums
wegen Karls guter Figur

Es gäbe hierzu noch vieles zu sagen (wie immer, wenn es um den Genitiv geht), aber ich befürchte, dass Sie dann Dr. Bopps langen Kommentars überdrüssig würden. Nein, Dr. Bopps Kommentars überdrüssig werden kann zwar passieren, aber so formuliert klingt es mindestens ebenso sonderbar wie die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Grammatikfragen-Dauerbrenner: wegen wem oder wegen wessen?

Der liebe Genitiv wirft immer wieder Hürden auf. Selbst wer ihn sehr mag, sieht sich manchmal vor Probleme gestellt. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Pronomen.

Frage

Das umgangssprachliche „wegen was“ wird in der Standardsprache durch „weswegen“ ersetzt. Zum Beispiel: „Weswegen bist du verärgert?“ Wie aber lautet die standardsprachliche Entsprechung zu „wegen wem“? Ich dachte an „wessentwegen“. Aber laut Duden hat „wessentwegen“ die Bedeutung „weswegen“.

Antwort

Guten Tag H.,

hier kann ich Ihnen leider wieder einmal keine einfache und eindeutige Antwort geben. Die Frage wegen wessen? scheint vor allem Deutschlernende und allgemein Menschen zu interessieren, die gern systematisch vorgehen. Im konkreten standarddeutschen Sprachgebrauch taucht dieses Problem nur selten auf. (Ich bin in meinem persönlichen „Schreibleben“ jedenfalls noch nie bewusst über diese Hürde gestolpert.) Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass die Grammatiken, Wörterbücher usw., so weit mir bekannt ist, keine Angaben dazu machen. Wir haben es hier meiner Meinung nach mit einer Art Lücke im aktuellen deutschen Sprachsystem zu tun: Wie fragt man mit wegen nach einer Person?

  • Die Formulierung wegen wem ist für viele rein umgangssprachlich.
  • Die Form wessentwegen ist veraltet und wird nicht/kaum mehr verwendet.
  • Die Form weswegen fragt nur nach Inhalten (umgangssprachlich wegen was).
  • Die Frage wegen welcher Person klingt meistens viel zu umständlich.

Es bleibt also nur noch wegen wessen übrig. Diese Form ist nicht falsch, denn sie entspricht dem, was bei der Anwendung der allgemeinen Regeln „herauskommt“. Sie klingt aber recht ungewöhnlich und kommt nur selten vor.

Ich kann Ihnen deshalb nur Folgendes empfehlen: Umgangssprachlich und sowieso im Süden des deutschen Sprachraums können Sie wegen wem verwenden. Wenn Ihnen diese Formulierung nicht zusagt oder gar ein Gräuel ist (der Dativ nach wegen löst bei manchen heftige allergische Reaktionen aus), dann kommt wegen wessen in Frage. Es klingt allerdings für viele, auch für mich, recht ungewöhnlich.

In einem formellen standardsprachlichen Text ist es deshalb vielleicht am besten, wenn möglich auf eine andere Formulierung auszuweichen – falls Sie dies nicht ohnehin schon unbewusst getan haben. Zum Beispiel:

Wegen wessen tun Sie das?
→ Für wen tun Sie das? oder
→ Wem zuliebe tun Sie das? oder
→ Auf wessen Veranlassung tun Sie das?

Wegen wessen bist du verärgert?
→ Wer hat dich verärgert?
→ Über wen ärgerst du dich?

Ich weiß, dass eine Antwort wie diese für diejenigen, die systematisches Vorgehen und Eindeutigkeit mögen, wenig befriedigend ist. Ich kann aber auch derentwegen keine Regel aufzeigen, die es nicht gibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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