Helmut und seine Liebe(n) im Genitiv

Frage

Mit einem Freund bin ich unterschiedlicher Meinung über die richtige Verwendung von „seiner“ und „seinen“ im folgenden Satz, welchen ich in ein Gedicht eingebaut hatte:

Herr Müller wird dann aufgeschrieben
Zum Wohl Helmuts und seinen Lieben

H.  widersprach und setzte sich für „seiner“ Lieben ein.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Ihr Freund hat recht. Richtig ist:

zum Wohl Helmuts und seiner Lieben

Hier ist nämlich der Genitiv gefragt:

zu wessen Wohl?
zum Wohl Helmuts und
zum Wohl seiner Lieben

Im Genitiv ist also ohne Satzzusammenhang nicht ersichtlich, ob es sich um eine einzelne weibliche Person (seine Liebe) oder um mehrere Personen (seine Lieben) handelt, also ob seine liebe Frau oder Freundin resp. seine lieben Angehörigen gemeint sind. Diese Undeutlichkeit kann man aber nicht klären, indem man seinen statt seiner verwendet. Meistens ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist, und sonst muss umformuliert werden. In diesem Fall fände ich die „Undeutlichkeit“ gar nicht so undeutlich, selbst wenn der (weitere) Kontext keine genauen Schlüsse zulässt. Wenn Helmut eine besondere Liebe hat, gehört sie auch zu seinen Lieben, die sich sicher gerne ein bisschen mitgemeint fühlen. Und wenn er keine hat, ist ohnehin die Mehrzahl gemeint. In der Sprache ist selten mathematische Präzision gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das unbeständige »entlang«

Falls Sie am heutigen 1. Mai frei haben und einen Spaziergang an Bach, Fluss oder See erwägen, spazieren sie dann das Ufer entlang, dem Ufer entlang, entlang dem Ufer oder entlang des Ufers? Oder gar am Ufer entlang? Heute geht es wieder um ein Wort, das sich nicht so leicht in ein grammatisches Korsett zwängen lässt.

Frage

Ich wende mich heute mit folgendem Problem an Sie:

spazieren … an den Ufern der Neiße entlang

Diese Formulierung verstehe ich grammatikalisch nicht so ganz. Die Präposition steht doch entweder mit Akkusativ, „die Straße entlang“, oder mit Dativ, „entlang der Straße“. Könnte man also den obigen Satz auch so formulieren:

entlang den Ufern der Neiße
die Ufer der Neiße entlang

So wäre es für mich verständlicher. Vielleicht handelt es sich in dem Buch um literarische Sprache?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

das Wort entlang sieht harmlos aus, aber in grammatischer Hinsicht ist es ziemlich widerspenstig. Es weigert sich, einer einzigen Klasse zugeordnet zu werden.

Eine mögliche Verwendung ist die einer klassischen Präposition, das heißt, entlang steht vor dem Substantiv. Bei der Wahl des ihm folgenden Falles ist die Lage schon weniger eindeutig. Möglich sind sowohl der Genitiv als auch der Dativ:

Wir spazierten entlang der Ufer der Neiße.
Entlang des Wanderweges stehen Informationstafeln.

Wir spazierten entlang den Ufern der Neiße.
Entlang dem Wanderweg stehen Informationstafeln.

Häufig gefällt sich entlang aber als nachgestellte Präposition (Postposition). Dann ist der Akkusativ üblich:

Wir spazierten die Ufer der Neiße entlang.
Den Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Der Dativ kommt hier ebenfalls vor. Heutzutage verrät er aber meistens Sprecher und Sprecherinnen aus dem Süden, vor allem aus der Schweiz. Die folgenden Formulierungen genießen deshalb wohl kaum das Wohlwollen aller Hüter der deutschen Sprache:

Wir spazierten den Ufern der Neiße entlang.
Dem Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Im Beispielsatz, um den es Ihnen in Ihrer Frage geht, übernimmt entlang eine weitere Rolle: Es tritt nicht als Präposition, sondern adverbial auf. Es hat dann keinen Einfluss auf den Fall. Der Kasus wird durch die Präposition an bestimmt, die hier den Dativ fordert:

Wir spazierten an den Ufern der Neiße entlang.
Am Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Diese Verwendung ist übrigens nicht literarisch. Sie ist allgemeinsprachlich und klingt in meinen Ohren manchmal sogar ein bisschen holprig.

Das Wort entlang kann also Adverb, Präposition oder Postposition sein und verschiedene Kasus bei sich haben. Wahrlich kein Beispiel grammatischer Unverrückbarkeit und unverbrüchlicher Kasustreue! Falls Sie deshalb wieder einmal unsicher werden sollten, können Sie alles hier noch einmal nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zur Beugung heiliggesprochener Päpste (u. a.)

Hier eine Frage zu einem (fast) aktuellen Anlass:

Frage

Ich möchte Sie fragen, wie die folgende Wortgruppe korrekt gesprochen werden muss:

die Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II.

a) Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Paul des Zweiten
b) Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Pauls des Zweiten
c) die Heiligsprechung der Päpste Johannes der Dreiundzwanzigste und Johannes Paul der Zweite

Mich interessiert vor allem, ob der absolute Nominativ in der Version c) falsch oder richtig ist.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

Mit Titeln versehene Namen wie diese werden gebeugt. Ganz so einfach, wie es klingt, ist es aber nicht. Was wird gebeugt und was bleibt ungebeugt?

Standardsprachlich korrekt ist in diesem Fall a):

Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Paul des Zweiten

Es ist eine Zusammenziehung von:

Heiligsprechung des Papstes Johannes des Dreiundzwanzigsten und
Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul des Zweiten

Wenn ein Titel mit einem Artikel steht, ist der Titel der Kern der Wortgruppe und der Name die nähere Bestimmung (Apposition). Gebeugt wird ggf. der Titel und der Name bleibt ungebeugt:

die Regierungszeit des Königs Friedrich Willhelm
am Hof der Zarin Katharina
Heiligsprechung des Papstes Johannes
Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul

Steht der Titel ohne Artikel, wird er zu einer näheren Bestimmung des Namens „degradiert“ und bleibt ungebeugt. Gebeugt wird dann der Name:

die Regierungszeit König Friedrich Willhelms oder vorangestellt
König Friedrich Willhelms Regierungszeit

am Hof Zarin Katharinas oder
an Zarin Katharinas Hof

die Heiligsprechung Papst Johannes Pauls oder
Papst Johannes Pauls Heiligsprechung

Das ist aber noch nicht alles. Ihr Interesse gilt ja vor allem der nachgestellten Ergänzung des Herrschernamens. Diese wird immer gebeugt, ganz gleich ob weiter vorn der Titel oder der Name der Kern der Wortgruppe ist:

die Regierungszeit des Königs Friedrich Willhelm des Zweiten
die Regierungszeit König Friedrich Willhelms des Zweiten

am Hof der Zarin Katharina der Großen
am Hof Zarin Katharinas der Großen

die Heiligsprechung des Papstes Johannes des Dreiundzwanzigsten
die Heiligsprechung Papst Johannes’ des Dreiundzwanzigsten

die Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul des Zweiten
die Heiligsprechung Papst Johannes Pauls des Zweiten

Das klingt kompliziert und das ist es auch (zumal noch gar nicht alles Sagenswerte gesagt worden ist). Meist geht es gut, ohne dass man diese „Regeln“ kennt. Es ist aber nicht erstaunlich, dass dennoch des Öfteren andere Formulierungen zu hören sind.

Die Sache funktioniert übrigens nicht nur bei Herrschern und Päpsten so. Auch Menschen geringeren Standes werden so behandelt, wenn ihr Name mit einem Titel, einer Verwandtschaftsbezeichnung o. Ä. verwendet wird.

Steht die Personenbezeichnung ohne Artikel, wird der Name gebeugt:

Tante Tinas Gärtnerei
Bundeskanzlerin Merkels Reden
Dozent Anderlings Unterricht
die Bilder Pieter Breughels des Jüngeren

Mit Artikel wird ggf. der Titel, die Berufsbezeichnung usw. gebeugt:

die Gärtnerei meiner Tante Tina
die Reden der Bundeskanzlerin Merkel
der Unterricht des Dozenten Anderling
die Bilder des Malers Pieter Breughel des Jüngeren

Und wenn Sie alles noch einmal nachlesen wollen, finden Sie  hier, hier und hier entsprechende Angaben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Konjunktion »statt« statt der Präposition »statt«

Das Wörtchen statt sorgt oft für eine gewisse Unsicherheit. Es kann nämlich als Präposition, die den Genitiv fordert, aber auch als Konjunktion, die nicht fallbestimmend ist, verwendet werden (siehe hier). Wann statt in welcher Funktion auftreten kann oder muss, war (und ist) auch mir nicht immer klar. Es folgt ein Klärungsversuch anhand der Frage von H.:

Frage

a) Darf man in den folgenden beiden Sätzen den Dativ verwenden oder ist hier nur der Genitiv richtig?

Sie kommt statt ihres Bruders.
Sie kommt statt seiner.

Sie kommt statt ihrem Bruder.
Sie kommt statt ihm.

b) Kann „statt“ im folgenden Satz sowohl Präposition als auch Konjunktion sein?

Sie macht eine Torte statt eines Kuchens.
Sie macht eine Torte statt einen Kuchen.

Antwort

Guten Tag H.,

nach der Präposition statt kann standardsprachlich nicht der Dativ stehen (vgl. hier). Es heißt also nicht:

*Sie kommt statt ihrem Bruder.
*Sie kommt statt ihm.
*Sie macht eine Torte statt einem Kuchen.

Damit ist aber noch lange nicht alles gesagt. In Ihren Beispielen kann statt sowohl Präposition als auch Konjunktion sein. Welche Variante man hier wählt, ist eine stilistische Frage. Viele ziehen die Präposition mit Genitiv vor:

Sie kommt statt ihres Bruders.
Sie kommt statt seiner.
Sie macht eine Torte statt eines Kuchens.

Als Konjunktion ist statt hier im Prinzip auch korrekt. Dies wird aber nicht von allen als standardsprachlich gut akzeptiert:

Sie kommt statt ihr Bruder.
Sie kommt statt er.
Sie macht eine Torte statt einen Kuchen.

In Fällen wie diesen, das heißt in Verbindung mit einem Subjekt oder einem Akkusativobjekt, ist es deshalb zu empfehlen, die Präposition mit Genitiv zu verwenden (zu den üblichen Sonderfällen siehe hier).

In Verbindung mit einem Dativobjekt und in einer Präpositionalgruppe ist es umgekehrt zu empfehlen oder sogar obligatorisch, die Konjunktion statt zu verwenden:

Du solltest es lieber ihr statt ihm geben.

Hier steht ihm im Dativ, weil es wie ihr vom Verb geben abhängig ist, das den Dativ verlangt. Die Konjunktion statt hat keinen Einfluss auf den Fall des ihr nachfolgenden Wortes. Ebenso zum Beispiel:

Warum hilfst du ihnen statt deinen eigenen Kindern?
Sie hat es mir statt dir gesagt.

Auch bei Präpositionalgruppen scheint nur die Konjunktion statt üblich zu sein (meist mit Wiederholung der Präposition):

Ich gehe lieber mit dir statt [mit] meinem Bruder.
Warum bist du immer für ihn statt [für] mich?

Wenn hier die Präposition mit Genitiv verwendet wird, entstehen Sätze, bei denen die „Rollenverteilung“ unklar oder verwirrend ist:

*Du solltest es lieber ihr statt meiner geben.
*Warum hilfst du ihnen statt deiner eigenen Kinder?
*Sie hat es mir statt deiner gesagt.

*Ich gehe lieber mit dir statt meines Bruders.
*Warum bist du immer für ihn statt meiner?

Wenn statt in Verbindung mit einem Dativobjekt oder innerhalb einer Präpositionalgruppe steht, sollte man es deshalb als Konjunktion verwenden, die keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Wortes hat.

Es ist nicht einfach, eine klare Trennlinie zwischen der Präposition statt und der Konjunktion statt zu ziehen. Aus dem oben Gesagten lässt sich aber eine Regel – die ich vorsichtshalber lieber eine Tendenz oder eine Faustregel nenne – ableiten:

  • In Verbindung mit einem Subjekt oder Akkusativobjekt: besser Präposition statt mit Genitiv
  • In Verbindung mit einem Dativobjekt oder in einer Präpositionalgruppe: Konjunktion statt 

Mit einem einfachen „Nach statt steht der Genitiv!“ ist es also nicht getan. Es gibt Fälle, in denen man die nicht fallbestimmende Konjunktion statt statt der den Genitiv fordernden Präposition statt verwenden muss. (Diesen letzten Satz habe ich so kompliziert formuliert, weil er dann so schön zur Komplexität des Themas passt.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Angela Merkels Mobiltelefon im Genitiv

Frage

In einem Blogbeitrag von Kristin Kopf auf dem Sprachlog erwähnt sie kurz folgende Genitiv-Konstruktion, die in der Zeit abgedruckt worden war, und gab mir den Tipp, mich mit meinen Fragen an Sie zu wenden:

[sie] verlangte, die mutmaßliche Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons im Bundestag zu thematisieren.

Meine Frage dazu: Ist diese Konstruktion grammatikalisch korrekt? In der gesprochenen Sprache ist mir Vergleichbares bisher noch nicht begegnet. Warum nicht? Weil es unelegant klingt oder weil es wirklich formal falsch ist?

Antwort

Guten Tag A,,

diese Formulierung fällt nicht nur Ihnen auf. Warum? Es geht hier einerseits um das Sprachsystem und andererseits darum, was üblich ist. Nach dem Sprachsystem ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, Genitive in dieser Weise anzuhäufen. Eine Wortgruppe mit einem vorangestellten Genitivattribut wie diese:

Angela Merkels Mobiltelefon

kann im Prinzip in den Genitiv gesetzt werden:

die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons

Ebenso zum Beispiel:

Annas kleines Kaninchen
der Käfig Annas kleinen Kaninchens

Oder als Genitivobjekt:

Konsulin Müllers verstorbener Bruder
Sie gedachten Konsulin Müllers verstorbenen Bruders.

In der heutigen (Standard-)Sprache wird aber vermieden, Wortgruppen mit einem vorangestellten Genitivattribut im Genitiv zu verwenden. Solche Formulierungen sind wahrscheinlich etwas zu verschachtelt und zu „genitivlastig“. Sie entsprechen jedenfalls nicht dem heutigen Sprachgebrauch. Üblicher ist es, zum Beispiel wie folgt zu formulieren:

die Ausspähung des Mobiltelefons von Angela Merkel
die Ausspähung des Mobiltelefons der Bundeskanzlerin

der Käfig von Annas kleinem Kaninchen
der Käfig des kleinen Kaninchens von Anna

Sie gedachten des verstorbenen Bruders von Konsulin Müller.

Wenn ich doch noch irgendwo „Doppelgenitive“ dieser Art entdecke, denke ich immer, dass es dem Autor oder der Autorin vor allem darum ging, eine Formulierung mit von zu vermeiden. Es wird ja immer wieder gesagt, dass der Genitiv furchtbar bedroht sei und dass die Formulierung mit von anstelle des Genitivs furchtbar schlechtes umgangssprachliches Deutsch sei. Um eine vermeintlich schlechte Formulierung zu vermeiden, wird dann auf eine in meinen Augen wirklich schlechte ausgewichen. Ich glaube nicht, dass  Formulierungen wie Angela Merkels Mobiltelefons irgendjemandem spontan aus der Tastatur fließen.

Kurz zusammengefasst: Formulierungen wie diese sind nicht grundsätzlich falsch, aber nicht üblich.

Und weil es keine Ausnahme ohne Ausnahmen gibt, sei noch Folgendes erwähnt: Nach Präpositionen, die den Genitiv verlangen, kommt diese Art der Kombination von zwei Genitiven etwas häufiger vor:

während Angela Merkels morgendlicher Regierungserklärung
aufgrund Berlusconis enormen Reichtums
wegen Karls guter Figur

Es gäbe hierzu noch vieles zu sagen (wie immer, wenn es um den Genitiv geht), aber ich befürchte, dass Sie dann Dr. Bopps langen Kommentars überdrüssig würden. Nein, Dr. Bopps Kommentars überdrüssig werden kann zwar passieren, aber so formuliert klingt es mindestens ebenso sonderbar wie die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Grammatikfragen-Dauerbrenner: wegen wem oder wegen wessen?

Der liebe Genitiv wirft immer wieder Hürden auf. Selbst wer ihn sehr mag, sieht sich manchmal vor Probleme gestellt. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Pronomen.

Frage

Das umgangssprachliche „wegen was“ wird in der Standardsprache durch „weswegen“ ersetzt. Zum Beispiel: „Weswegen bist du verärgert?“ Wie aber lautet die standardsprachliche Entsprechung zu „wegen wem“? Ich dachte an „wessentwegen“. Aber laut Duden hat „wessentwegen“ die Bedeutung „weswegen“.

Antwort

Guten Tag H.,

hier kann ich Ihnen leider wieder einmal keine einfache und eindeutige Antwort geben. Die Frage wegen wessen? scheint vor allem Deutschlernende und allgemein Menschen zu interessieren, die gern systematisch vorgehen. Im konkreten standarddeutschen Sprachgebrauch taucht dieses Problem nur selten auf. (Ich bin in meinem persönlichen „Schreibleben“ jedenfalls noch nie bewusst über diese Hürde gestolpert.) Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass die Grammatiken, Wörterbücher usw., so weit mir bekannt ist, keine Angaben dazu machen. Wir haben es hier meiner Meinung nach mit einer Art Lücke im aktuellen deutschen Sprachsystem zu tun: Wie fragt man mit wegen nach einer Person?

  • Die Formulierung wegen wem ist für viele rein umgangssprachlich.
  • Die Form wessentwegen ist veraltet und wird nicht/kaum mehr verwendet.
  • Die Form weswegen fragt nur nach Inhalten (umgangssprachlich wegen was).
  • Die Frage wegen welcher Person klingt meistens viel zu umständlich.

Es bleibt also nur noch wegen wessen übrig. Diese Form ist nicht falsch, denn sie entspricht dem, was bei der Anwendung der allgemeinen Regeln „herauskommt“. Sie klingt aber recht ungewöhnlich und kommt nur selten vor.

Ich kann Ihnen deshalb nur Folgendes empfehlen: Umgangssprachlich und sowieso im Süden des deutschen Sprachraums können Sie wegen wem verwenden. Wenn Ihnen diese Formulierung nicht zusagt oder gar ein Gräuel ist (der Dativ nach wegen löst bei manchen heftige allergische Reaktionen aus), dann kommt wegen wessen in Frage. Es klingt allerdings für viele, auch für mich, recht ungewöhnlich.

In einem formellen standardsprachlichen Text ist es deshalb vielleicht am besten, wenn möglich auf eine andere Formulierung auszuweichen – falls Sie dies nicht ohnehin schon unbewusst getan haben. Zum Beispiel:

Wegen wessen tun Sie das?
→ Für wen tun Sie das? oder
→ Wem zuliebe tun Sie das? oder
→ Auf wessen Veranlassung tun Sie das?

Wegen wessen bist du verärgert?
→ Wer hat dich verärgert?
→ Über wen ärgerst du dich?

Ich weiß, dass eine Antwort wie diese für diejenigen, die systematisches Vorgehen und Eindeutigkeit mögen, wenig befriedigend ist. Ich kann aber auch derentwegen keine Regel aufzeigen, die es nicht gibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Bis einschließlich zum Dritten

Die Wendung bis einschließlich hat es anscheinend in sich. Ich halte sie eigentlich eher für überflüssig (siehe hier, zum Ersten), aber Sie sind natürlich nicht alle damit einverstanden und möchten sie trotzdem verwenden. Dabei kommt es manchmal zu Fragen zum Kasus, der bei bis einschließlich steht (vgl. hier, zum Zweiten). Und wie so oft bei Problemfällen spielt unser aller Lieblingskasus Genitiv eine Rolle – oder eben keine Rolle. Deshalb hier: bis einschließlich zum Dritten:

Frage

Ist in der folgenden Formulierung der Dativ oder der Genitiv richtig?

– bis einschließlich dem 6. Oktober 2013
– bis einschließlich des 6. Oktobers 2013

Ich tendiere wegen „einschließlich“ zum Genitiv.

Antwort

Guten Tag H.,

die Präposition einschließlich verlangt tatsächlich den Genitiv. Nach den Angaben in Wörterbüchern u. Ä. ist einschließlich in dieser Bedeutung aber keine Präposition, sondern ein Adverb. Als Adverb hat es keinen Einfluss auf den Fall der nachfolgenden Wortgruppe, das heißt, es steht hier kein Genitiv. Fallbestimmend ist bis, das allein stehend bei Zeitangaben den Akkusativ verlangt:

bis nächsten Sonntag → bis einschließlich nächsten Sonntag
bis diesen Freitag → bis einschließlich diesen Freitag
bis nächste Woche → bis einschließlich nächste Woche
vom zehnten bis fünfzehnten Oktober → vom zehnten bis einschließlich fünfzehnten Oktober.

Und entsprechend mit oder häufiger ohne Artikel:

bis einschließlich den 6. Oktober 2013
bis einschließlich 6. Oktober 2013 (= bis einschließlich sechsten Oktober 2013)

Man kann sämtliche Fallprobleme übrigens umgehen, indem man das Adverb einschließlich nachstellt:

bis zum sechsten Oktober 2013 einschließlich
bis 6. Oktober einschließlich (= bis sechsten Oktober einschließlich)

So viel zur „grammatisch korrekten“ Antwort. Die Formulierung

bis einschließlich dem 6. Oktober

kommt nämlich trotz des oben Gesagten sehr häufig vor. Sie lässt sich dadurch erklären, dass bis vor einschließlich gleich behandelt wird wie bis zu. Nach bis zu steht der Dativ:

bis zum 6. Oktober → bis zu einschließlich dem 6. Oktober → bis einschließlich dem 6. Oktober

Diese Formulierung kommt bei Datumsangaben so häufig vor, dass man sie eigentlich kaum als falsch bezeichnen kann. Aber vielleicht sollte man sich ohnehin überlegen, ob dieses ziemlich schwerfällig klingende einschließlich nicht besser einfach weggelassen werden kann:

bis zum 6. Oktober 2013

Nach allgemeinem Verständnis ist hier der 6. Okober einbegriffen, auch wenn weder davor noch dahinter einschließlich steht. Aber ich fange an mich zu wiederholen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Genitivendung des modernen Mitteleuropa(s)

Frage

Ich kann mich nicht entscheiden, ob in folgendem Beispiel das Genitiv-s stehen muss oder nicht:

Bildband des kulturellen Mitteleuropa(s)

Was ist richtig? Vielleicht ist beides möglich? Im heutigen Sprachgebrauch ist ja zu beobachten, dass das Genitiv-s in vielen Fällen nicht mehr gesprochen oder geschrieben wird.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beides ist möglich:

Bildband des kulturellen Mitteleuropas
Bildband des kulturellen Mitteleuropa

Grundsätzlich haben geografische Namen, die ohne Artikel verwendet werden, im Genitiv die Endung s:

Mitteleuropas Kultur
Abu Dhabis Erdölreserven
Hausbootferien auf Mecklenburgs Seen
Canoo, Basels beste Firma

Das gilt auch dann, wenn der Name nachgestellt ist:

die Kultur Mitteleuropas
die Erdölreserven Abu Dhabis
Hausbootferien auf den Seen Mecklenburgs
Canoo, die beste Firma Basels

Geografische Namen dieser Art werden mit Artikel verwendet, wenn sie eine nähere Bestimmung haben. Im Genitiv fällt die Endung s dann häufig weg:

ein Bildband des modernen Europa o. des modernen Europas
die Wirtschaft des erdölreichen Abu Dhabi o. (selten) des erdölreichen Abu Dhabis
im Herzen des ländlichen Mecklenburg o. des ländlichen Mecklenburgs
eine Karte des mittelalterlichen Basel o. des mittelalterlichen Basels

Siehe auch hier.

Dann noch eine Nebenbemerkung: Wenn Sie einmal ganz, ganz sicher sein wollen, dass niemand, aber auch wirklich niemand Ihnen einen Fehler ankreidet, können Sie die Version mit s verwenden. Seit häufiger geklagt wird, dass der Genitiv bedroht sei, gibt es immer wieder Leute, die alle endungslosen Formen im Genitiv verurteilen, auch wenn diese wie hier wirklich nicht falsch sind. Und sonst nehmen Sie einfach die Form, die Ihnen am meisten zusagt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wegen Rechte/Rechten/Rechter Dritter

Wieder einmal eines meiner „Lieblingsthemen“: wegen. Auf dem korrekten Umgang mit diesem Wort ist von gewissen Sprachpflegern so sehr herumgeritten worden, dass ein Teil der Deutschschreibenden akut verkrampft, wenn der geforderte Genitiv einmal nicht passen will.

Frage

Im Vertragsrecht geht es oft um die Rechte Dritter. Wie würde man eine Kausalität mit „wegen“ formulieren?

wegen Rechte Dritter …(6450)
wegen Rechten Dritter …(428)
wegen Rechter Dritter …(198)

Die Zahlen entsprechen der Trefferzahl bei Google.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

richtig ist:

wegen Rechten Dritter

Das Wörtchen wegen hat es in sich ­– vor allem dann, wenn man den strengen Grammatikern folgt. Im Prinzip steht standardsprachlich nach wegen der Genitiv. Der Dativ gilt bei vielen als falsch. ABER: Wenn im Plural der Genitiv nicht ersichtlich ist, verwendet man auch standardsprachlich den Dativ. Der Genitiv ist im Plural dann nicht ersichtlich, wenn das Wort oder die Wortgruppe im Genitiv gleich aussieht wie im Nominativ. Ein Beispiel:

wegen der Probleme mit der Steuerung (vgl. Nominativ = die Probleme)
wegen gewisser Probleme mit der Steuerung (vgl. Nominativ = gewisse Probleme)

aber nicht: wegen Probleme mit der Steuerung; (vgl. Nominativ = Probleme)
sondern: wegen Problemen mit der Steuerung

Das ist auch hier der Fall:

Nominativ: (die) Rechte Dritter
Genitiv: (der) Rechte Dritter
Dativ: (den) Rechten Dritter

Ohne Artikel sieht der Genitiv wie der Nominativ aus. Man muss hier also auf den Dativ ausweichen. Standardsprachlich korrekt heißt es somit:

wegen Rechten Dritter

Dass viele wegen Rechte Dritter schreiben (und einige sogar wegen Rechter Dritter!), liegt vielleicht daran, dass uns zum Teil sehr nachdrücklich gelehrt wird, dass nach wegen der Genitiv und nicht der Dativ zu stehen hat. Das ist aber, wie wir gesehen haben, auch standardsprachlich nicht ganz immer der Fall (vgl. hier).

Ich würde übrigens auch in Vertragstexten wo möglich eine etwas natürlicher klingende Formulierung wie die folgende empfehlen:

wegen der Rechte Dritter

Sie hat sogar den schönen Nebeneffekt, dass sie den Genitiv nach wegen „rettet“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Einschließlich seiner selbst, aber dann einfacher

Manchmal entwickeln Sie, liebe Fragestellerinnen und Fragesteller, vorübergehend eine Vorliebe für gewisse Themen oder Wörter. In letzter Zeit ist es das etwas papieren wirkende Wort einschließlich, das Sie interessiert. Warum gerade jetzt und warum gerade dieses Wort? Es wird wohl Zufall sein.

Frage

Darf man in der folgenden Formulierung nach der Präposition „einschließlich“ statt des Genitivs („seiner selbst“) den Akkusativ verwenden?

Er hasst alles und jeden, einschließlich sich selbst.

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

Sie wären nicht die Einzige, die hier einschließlich sich selbst schreiben würde. Wenn ich ganz ehrlich bin, klingt es in meinen Ohren gar nicht so furchtbar falsch. Das Wort einschließlich wird häufiger a) mit dem Dativ verwendet oder b) wie in ihrem Beispiel als Konjunktion, wobei der Fall nicht durch einschließlich, sondern durch das Verb bestimmt wird:

a) Sie kennt hier alle, einschließlich dem Türsteher.
b) Sie kennt hier alle, einschließlich den Türsteher.

Als standardsprachlich korrekt gilt hier allerdings nur c) der Genitiv*:

c) Sie kennt hier alle, einschließlich des Türstehers.

Für Ihr Beispiel bedeutet dies, dass standardsprachlich nur der Genitiv seiner als richtig gilt:

Er hasst alles und jeden, einschließlich seiner selbst.

Ich verstehe gut, dass Sie diese Formulierung gerne vermeiden würden. Die Präposition einschließlich in Kombination mit seiner ist schon etwas viel des Guten, wenn man seinen Text lieber etwas leichter und luftiger halten möchte. Wenn Sie eine standardsprachlich als korrekt geltende Alternative verwenden wollen, können Sie aber nicht auf einschließlich sich selbst ausweichen. Gibt es keine andere Möglichkeit?

Wie so oft, wenn man einmal nicht mehr weiterweiß, empfiehlt es sich, eine andere Formulierung zu verwenden. Am besten lassen Sie dabei das Wort einschließlich fallen. Es klingt ohnehin fast so steif und trocken wie inklusive und ist stilistisch gesehen kein allzu großer Verlust. Ersatzkandidaten sind zum Beispiel einbegriffen oder – mein persönlicher Favorit an diese Stelle –  das schlichte Wörtchen auch:

Er hasst alles und jeden, sich selbst einbegriffen.
Er hasst alles und jeden, auch sich selbst.

Auch sich selbst anstelle von einschließlich seiner selbst: so schön kann Schlichtheit sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ganz so einfach ist es natürlich nicht. In gewissen Fällen ist nach einschließlich nicht der Genitiv, sondern die endungslose Form (einschließlich Porto) oder der Dativ Plural (einschließlich Getränken) richtig. Mehr dazu hier.

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