Den Dingen ihre Läufe lassen?

Frage

Ich habe ein Problem, bei dem mir partout keine Lösung sinnvoll erscheint: „Ich lasse dem literarischen Erguss seinen Lauf.“ Aber wie ist es bei mehreren Vorträgen: „Ich lasse den Ergüssen ihre Läufe.“ Oder doch nur: „Ich lasse den Ergüssen seinen Lauf.”

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die Redewendung lautet:

einer Sache ihren (freien) Lauf lassen

Gemeint ist, dass etwas nicht gehemmt oder eingeschränkt wird, dass nichts unternommen wird, um es zurückzuhalten. Das Possessivpronomen stimmt dabei mit dem Substantiv überein, dem dieser (freie) Lauf zugestanden wird:

Ich lasse dem Zorn seinen Lauf.
Ich lasse der Fantasie ihren freien Lauf.
Ich lasse den Dingen ihren Lauf.

Das Substantiv Lauf steht immer im Singular. Theoretisch wäre der Plural auch möglich (jedem einzelnen Ding seinen individuellen eigenen Lauf lassen →  *den Dingen ihre Läufe lassen). Trotzdem ist bei dieser Wendung nur der Singular Lauf üblich. Das Abstraktum Lauf im Sinne von Verlauf, den etwas nimmt eignet sich auch nicht besonders gut für eine Verwendung im Plural.

Es heißt hier also:

Ich lasse den literarischen Ergüssen ihren Lauf.

Mehr zum Thema Singular oder Plural in solchen und ähnliche Fällen steht übrigens in einem älteren Blogeintrag, der Sie vielleicht auch interessieren könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was tut das Verb, wenn Neuschnee gemessen wird?

Neuschnee?! Milde Temperaturen ließen hier in den letzten Tagen auf den Frühlingsanfang hoffen, auch wenn die Narzissen sich noch gewaltig zieren und die Amseln ihre Stimme noch für das echte Frühlingskonzert schonen. Das tun sie nicht zu Unrecht: Heute Morgen war wieder alles weiß: fünf Zentimeter Neuschnee. Die folgende Frage passt dazu (auch wenn es hier zum Glück keine 20 cm sind):

Frage

Wie heißt es richtig: Es fiel / fielen 20 cm Neuschnee.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

beide Formulierungen kommen vor:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
Es fiel 20 cm Neuschnee.

Das es spielt dabei keine Rolle. Es ist nur ein Platzhalter, damit die Stelle vor dem Verb nicht leer bleibt. Es hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Ohne es:

Heute fielen 20 cm Neuschnee.
Heute fiel 20 cm Neuschnee.

Das Subjekt ist hier eine Mengenangabe im Plural (20 cm) mit etwas Gemessenem im Singular (Neuschnee). Bei solchen Angaben hat das Verb zwei Möglichkeiten.

Es kann sich nach der Mengenangabe richten und im Plural stehen:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch sind genug.
2 ml Impfstoff wurden gespritzt.

Dies ist die häufiger vorkommende Variante, die auch vor den strengsten Grammatikern Gnade findet.

Das Verb kann sich aber auch sinngemäß nach dem Gemessenen richten und im Singular stehen:

Es fiel 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch ist genug.
2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die folgenden Beispiele sollen zeigen, dass auch der Singular nicht gänzlich abwegig ist:

Es fiel wenig / viel / 20 cm Neuschnee.
So viel / weniger / 500 g Fleisch ist genug.
Wie viel / aller / 2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die Einzahl kommt nach den Angaben der Grammatiken aber weniger häufig vor und gilt bei den strengeren unter ihnen als nicht standardsprachlich oder sogar falsch. So weit würde ich nicht gehen, aber wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, schreiben Sie also:

Es fielen 20 cm Neuschnee.

In dieser Zeit des Jahres wäre ich allerdings froh, wenn gar kein Neuschnee mehr fiele. Bei „Es fiel kein Neuschnee“ gibt es auch keine Unsicherheiten beim Numerus des Verbs!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Vgl. die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

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0,1 und die rätselhafte Mehrzahl

Frage

Heißt es „Wir haben 0,1 Sekunde Zeit“ oder „Wir haben 0,1 Sekunden Zeit“?

Antwort

Sehr geehrter Herr Q.,

nach 0,1 und 0,01 steht die Maßbezeichnung erstaunlicherweise im Plural:

in 0,1 Sekunden
mit 0,01 Sekunden Rückstand

Dies gilt allerdings nur für Maßbezeichnungen, die auch nach anderen Zahlenangaben wie 2, 10 oder 843 im Plural stehen. Das sind in der Regel die weiblichen Maßbezeichnungen (siehe hier):

in 0,1 Sekunden wie in 2 Sekunden
0,1 Meilen wie 10 Meilen

Bei männlichen und sächlichen Maßbezeichnungen hingegen steht die Singularform (vgl. hier):

0,1 Kilo wie 2 Kilo
0,01 Euro wie 10 Euro

Unabhängig vom Genus der Maßbezeichnung werden Angaben mit 0,1 und 0,01 im Satz als Mehrzahl behandelt:

0,1 Gramm müssen hinzugefügt werden.
0,01 Sekunden sind einfach zu kurz!

Bei 0,2 verstehe ich die Mehrzahl ja sofort. Bei 0,1 bleibt sie für mich eher rätselhaft. Falls hier eine mathematische oder andere Logik dahintersteckt, ist sie mir bis jetzt entgangen. Aber so schreiben wir es nun einmal. In der gesprochenen Sprache kommt null Komma eins ja eher selten vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kongruenz des Verbs bei Gleichsetzungsnominativen

Wenn eine Frage schnell zu beantworten ist, soll wenigstens der Titel eindrücklich klingen – und die Einleitung etwas länger sein:

Vielleicht kennen Sie die folgende Situation auch: Eine Schülerin, ein Schüler oder eine fremdsprachige Person, die sich vorgenommen hat, die Tücken der deutschen Sprache zu meistern, stellt Ihnen die Frage: „Heißt es so oder so?“ Mit etwas Glück handelt es sich nicht um einen dieser leidigen Zweifelsfälle und ist die Frage ganz einfach mit „Es heißt so“ beantwortet. Sie lehnen sich also gemächlich zurück, zufrieden, die gute Tat für den heutigen Tag vollbracht zu haben. Und dann kommt sie, die zweite Frage: „Warum heißt es so, wie lautet die Regel?“ Man kann diese Frage niemandem wirklich übel nehmen, denn Regelkenntnis kann beim Erlernen einer Sprache hilfreich sein. Trotzdem wäre es Ihnen viel lieber gewesen, wenn die Frage nicht gestellt worden wäre. Der Grund: Sie haben keine blasse Ahnung, warum es so heißt.

In dieser Situation war Frau E. und in diese Situation hat sie mich mit der hierher weitergeleiteten Frage gebracht. Ich wende mich in solchen Fällen natürlich vertrauensvoll an die Canoonet-Grammatik. Auch diesmal bin ich fündig geworden!

Frage

Bitte helfen Sie mir bei folgendem Satz:

Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Ich bin ziemlich sicher, dass das Verb hier völlig korrekt im Plural steht. Aber warum? Eigentlich müsste es doch heißen „Das Thema ist …“, aber eben, die Emissionen sind ja Plural. Können Sie mir eine Regel nennen, die ich dazu im Unterricht gegebenenfalls zitieren könnte?

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

es handelt sich hier um einen Satz mit einem sogenannten Gleichsetzungsnominativ. Bei dieser Konstruktion werden zwei Nominative über Verben wie sein, bleiben und werden miteinander verbunden

A ist/bleibt/wird B.

Wenn die beiden so verbundenen Substantive den gleichen Numerus haben, ist die Lage ganz einfach:

Das Kind ist eine Nervensäge.
Die Kinder sind Nervensägen.

Wie lautet nun die „Regel“ für den Fall, der Sie beschäftig? – Ganz einfach: Wenn die beiden Nominative nicht den gleichen Numerus haben, steht das Verb im Plural, ganz gleich in welcher Reihenfolge die Substantive stehen:

Die Kinder sind ihre größte Freude.
Ihre größte Freude sind die Kinder.
Stiefel bleiben auch diesen Winter ein Muss.
Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Mehr zu diesem Thema finden Sie auf dieser Grammatikseite (ganz unten):

Zufrieden mit dieser Antwort lehnt „Dr. Bopp“ sich zurück. Es soll nun niemand wagen, die Frage zu stellen, warum hier der Plural gewinnt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist oder sind Social Media?

Frage

„Social Media“ ist laut Wörterbuch ein Pluralwort, dennoch wird das Verb oft im Singular verwendet. Plural klingt in meinen Ohren auch schrecklich. Beispiel:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Was denken Sie darüber? Ist es zulässig den Singular zu verwenden?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

auch ich würde Ihnen empfehlen, Social Media als Pluralwort zu verwenden:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Gründe dafür sind:

- Die deutsche Entsprechung ist ebenfalls ein Plural: soziale Medien.
- Im Englischen ist media eigentlich eine Pluralform von medium.

Woher kommt dann die relativ häufige Verwendung des Verbs in der Einzahl (Social Media ist …)? Der Singular kommt wahrscheinlich auch aus dem Englischen, denn dort kann der Begriff social media sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl verwendet werden. Er steht, grob gesagt, mit dem Singular (social media is), wenn er allgemein als Sammelbegriff verstanden wird. Er steht mit dem Plural (social media are), wenn eine Mehrzahl einzelner Medien gemeint ist (Facebook, Twitter, Youtube, LinkedIn, Blogs, Wikis usw.).

Das Gleiche ist im Englischen auch bei media (Medien) möglich:

The media is responsable for her death.
The media are responsable for her death.

Im Deutschen hingegen steht immer der Plural:

Die Medien sind für ihren Tod verantwortlich

ganz gleich ob die Medien als eine Gesamtheit gemeint sind oder als eine Mehrzahl einzelner Medien gesehen werden.

Auch andere Sammelbegriffe können im Englischen als Singular und als Plural behandelt werden. Zum Beispiel:

The data are correct.
The data is correct.

Her family is rich.
Her family are rich.

Im Deutschen haben wir hier viel weniger Freiheit. Wir müssen uns bei der Wahl der Verbform auch bei Sammelbegriffen nach der morphologischen Form des Substantivs richten:

Die Daten sind korrekt.
Ihre Familie ist reich.

Deshalb würde ich empfehlen, den englischen Lehnbegriff Social Media der in dieser Hinsicht viel weniger flexiblen deutschen Grammatik anzupassen und immer nur als Plural zu verwenden. Wie wäre es übrigens mit soziale Medien?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Alles und jeder und die Einzahl

Heute geht es wieder einmal um eine „feste“ Grammatikregel, die gar nicht so fest ist:

Frage

Heute habe ich eine Frage zur Kongruenz. Es heißt ja: „Hans und Otto solltEN heutzutage flexibel sein.“ Wenn ich aber statt „Hans und Otto“ „alles und jeder” einsetze, ist es – zumindest nach meinem Sprachgefühl – anders: „Alles und jeder solltE heutzutage flexibel sein.“ Können Sie Licht ins grammatikalische Dunkel bringen?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

das Verb steht hier tatsächlich im Singular*:

Alles und jeder sollte heutzutage flexibel sein.

Die Grundregel lautet: Bei einem mehrteiligen Subjekt, dessen Teile mit und verbunden sind, steht das Verb im Plural:

Hans und Otto sollten heutzutage flexibel sein.
Mutter und Kind sind wohlauf.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.
Ein unbezwingbarer Drang zum Schreiben und eine überaus reiche Vorstellungskraft ließen diesen Roman entstehen.

Es gibt aber verschiedene Ausnahmen. In diesem Fall kann man sogar zwei Arten von Ausnahmen anführen:

1) Wenn die Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann des Verb im Singular stehen (vgl. hier):

Münchens Grund und Boden wird immer teurer.
Groß und Klein freute sich auf das Fest.

2) Bei Subjektteilen im Singular, die von kein, nicht ein, mancher oder jeder begleitet werden, steht das Verb im Singular (vgl. hier):

Kein Versprechen und keine Drohung wird mich davon abhalten.
Schon manche Mitarbeiterin, mancher Mitarbeiter und manche Führungskraft hat sich diese Frage gestellt.
Jede Pflanze und jedes Tier ist schützenswert.
ebenso:
Jeder und jede sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Man kann alles und jeder beiden Ausnahmegruppen zuordnen. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl. Mehr zur Grundregel, die die meisten von uns einmal gelernt haben, und weitere Ausnahmen, die viel weniger bekannt sind, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Hier muss wirklich die Einzahl stehen, auch wenn die integrierte Grammatik- und Rechtschreibkontrolle meines Textverarbeitungsprogramms fälschlich erst dann zufrieden ist, wenn ich sollte durch sollten ersetze. Fazit: Man traue der automatischen Kontrolle nur bedingt!

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Ein Drittel der Schüler ist/sind

Frage

Ich vergesse stets die Regel und finde auch leider keinen Beleg. Heißt es „wird“ oder „werden“?

Ein Drittel aller Schüler werden direkt von der Grundschule übernommen.

Antwort

Guten Tag J.,

auf Ihre Frage gibt es zwei Antworten: eine für Liebhaber und Liebhaberinnen eindeutiger, strenger Grammatikregeln und eine für diejenigen, die es etwas lockerer nehmen.

Wenn eine Mengenangabe mit einer Bruchzahl Subjekt ist, richtet sich das Verb in der Regel nach der Bruchzahl, nicht nach dem Gemessenen:

Singular:
Ein Viertel der Waldfläche ist abgebrannt.
Ein Drittel aller Schüler wird direkt von der Grundschule übernommen.

Plural:
Drei Viertel der Waldfläche sind abgebrannt.
Zwei Drittel aller Schüler werden direkt von der Grundschule übernommen.

Neben dieser „syntaktischen Logik“ gibt es aber auch die „semantische Logik“: Seltener richtet sich das Verb nämlich sinngemäß nach dem Gemessenen:

Drei Viertel der Waldfläche ist abgebrannt.
Ein Drittel aller Schüler werden direkt von der Grundschule übernommen.

Diese nach dem Sinn konstruierten Formulierungen werden allerdings nicht von allen als standardsprachlich korrekt akzeptiert. Deshalb gilt wieder einmal: Wenn Sie es vorziehen, garantiert von keinem freundlichen Mitmenschen auf einen „Fehler“ hingewiesen zu werden, wählen Sie hier für das Verb die Übereinstimmung mit der Bruchzahl (also: Ein Drittel aller Schüler wird …). Siehe auch: Mengenangabe als Subjekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist oder sind die Groß- und Kleinschreibung problematisch?

Frage

Wir sind uns sehr uneins. Heißt es:

Die Groß- und Kleinschreibung bereitet ihm große Probleme.

oder:

Die Groß- und Kleinschreibung bereiten ihm große Probleme.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

hoffenlich waren Sie nicht allzu sehr uneins, denn beides ist möglich:

Die Groß- und Kleinschreibung bereitet ihm große Probleme.

Hier wird die Wortgruppe die Groß- und Kleinschreibung als eine Einheit aufgefasst. Die beiden Subjektteile sind durch den gemeinsamen Artikel die und den gemeinsamen Wortteil …schreibung eng miteinander verbunden. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl: bereitet.

Die Groß- und Kleinschreibung bereiten ihm große Probleme.

Hier wird die Wortgruppe Groß- und Kleinschreibung als zwei separate Subjektteile behandelt (Großschreibung und Kleinschreibung). Entsprechend steht das Verb in der Mehrzahl: bereiten.

Wieder einmal führen unterschiedliche Sehensweisen zu unterschiedlichen Resultaten. Die Groß- und Kleinschreibung ist als ein Rechtschreibphänomen problematisch oder die Groß- und Kleinschreibung sind als zwei verschiedene Schreibweisen problematisch. Beide Auffassungen und Formulierungen gelten als korrekt. Mehr dazu lesen Sie, wenn Sie möchten, auf dieser Seite in der Canoonet-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wem gehört unser Geschenk?

Die erste Weihnachtsbeleuchtung hängt bereits. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen! Passend dazu die folgende Frage, die sich allerdings auf Geschenke aller Art bezieht:

Frage

Ich wollte ein paar Sätze zu einem erhaltenen Geschenk schreiben und bin bei der Suche nach einer geeigneten Formulierung auf folgendes „Problem“ gestoßen. Wenn ich von „unserem Geschenk“ spreche, so ist doch damit eher das Geschenk von uns für jemand anderen gemeint und weniger das Geschenk für uns, also eines, das wir erhalten haben. Oder anders ausgedrückt unser Geschenk ist (zumindest nach dem Schenkvorgang) nicht unseres. Oder verhält es sich doch ganz anders? Gibt es evtl. einen anderen Ausdruck, der zu einer eindeutigeren Formulierung führt?

Antwort

Guten Tag P.,

mit unser Geschenk ist meist unser Geschenk für jemanden gemeint. Es bleibt auch dann unser Geschenk, wenn der Schenkvorgang abgeschlossen ist. Nur die verschenkte Flasche, CD oder iPad-Hülle ist nach dem Schenkvorgang nicht mehr von uns in unserem Besitz. Besitzanzeigende Wörter wie unser geben ein „Besitzverhältnis“ im weitesten Sinne an. Das Wort Geschenk bezieht sich hier gewissermaßen auf den Vorgang und die Absicht, die von uns ausgehen. Vorgang und Absicht bleiben dieselben, nur das Verschenkte wechselt den Besitzer. Sie können sich also gut wie folgt für ein Geschenk bedanken, das Sie erhalten haben: „Vielen Dank für euer Geschenk!“

Es wird allerdings komplizierter! Trotz allem, was bis jetzt gesagt wurde, nennen gelegentlich auch die Beschenkten das Geschenkte unser Geschenk. Dann geht es nicht mehr um Vorgänge und Absichten, sondern um das Haben, das Besitzen im wörtlichen Sinne. So drücken sich zum Beispiel zwei Geschwister grammatikalisch völlig korrekt aus, wenn sie sich unter dem Weihnachtsbaum streiten: „Das ist mein Geschenk, nicht deins!“ Damit wollen die lieben Kleinen in der Regel deutlich sagen, dass sie das mein Geschenk genannte Geschenk erhalten haben.

Sowohl die Schenkenden als auch die Beschenkten können also von unser Geschenk reden. Normalerweise ergibt sich dabei aus dem Kontext, was gemeint ist. Sollte dies einmal nicht der Fall sein, kann die Schenkrichtung zum Beispiel mit Hilfe von für und von angegeben werden:

Gefällt dir unser Geschenk?

Gefällt dir unser/das Geschenk für deine Mutter?
Gefällt dir unser/das Geschenk von deiner Mutter?

Doch wie gesagt, außer vielleicht dann, wenn mehrere Geschenke für mehrere Personen unter einem Weihnachtsbaum liegen, ist in der Regel klar, um wessen Geschenk es sich bei etwas Geschenktem handelt, ganz gleich ob nun unser, euer oder das vor Geschenk steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Jede(r) der Neubauten

Manchmal sind ganz einfach klingende Fragen auf den zweiten Blick doch gar nicht so einfach.

Frage

Ein schwieriger Fall, der, je länger ich drüber nachdenke, umso verworrener wird: Heißt es „Jeder der Neubauten ist schön“ oder „Jede der Neubauten ist schön“? Ich tendiere ja zu Letzterem.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

zuerst dachte ich, dass die Antwort auf Ihre Frage ganz einfach sei. Dann aber schlug meine eigene Unsicherheit zu. Was ist nun eigentlich richtig? Im Prinzip heißt es:

Jeder der Neubauten ist schön.

Neubauten ist der Plural des männlichen Substantivs Neubau:

der Neubau / die Neubauten

Man sollte hier deshalb die männliche Form jeder verwenden. Vgl.

Jeder der Männer erhielt ein Stück Kuchen.
Jede der Frauen erhielt ein Stück Kuchen.
Jedes der Kinder erhielt eine Stück Kuchen.

Ganz so unkompliziert ist es bei Neubauten allerdings doch nicht. Die Unsicherheit entsteht dadurch, dass die Form Bauten irgendwie so weiblich aussieht. Das liegt daran, dass sie dies eigentlich auch war: Der Plural die Bauten von der Bau gehörte ursprünglich zum heute kaum mehr verwendeten weiblichen Wort die Baute (das Gebäude).

Falls Ihnen die Formulierung jeder der Neubauten immer noch nicht gefallen will (sie „klemmt“ auch in meinen Ohren), verwenden Sie doch einfach eine andere. Zum Beispiel:

Alle diese Neubauten sind schön.
Sämtliche Neubauten sind schön.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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