Posaunt, prophezeit und miaut

Die Antwort ist ganz einfach, man muss sie nur kennen. Hätten Sie die folgende Frage spontan beantworten können?

Frage

Warum wird das Präfix ge- mit dem Partizip II des Verbes »miauen« nicht benutzt? Alle sagen, dass es kein Wort »gemiaut« gibt, dieses Verb hat aber kein -ieren oder untrennbares Präfix, und alle andere Tierlautverben haben diese ge- im Partizip II. Warum ist »miauen« so speziell?

Antwort

Guten Tag S.,

an der Bedeutung kann es tatsächlich nicht liegen. Im Tierreich wird gebellt, gewiehert, gemuht, gegrunzt, geblökt, gemeckert, gefaucht, gequakt, geschnattert, gezwitschert, gegurrt, gezirpt ja sogar geiaht, nur von Katzen wird ohne ge miaut.

Es liegt an der Form, genauer gesagt an der Betonung: Das Partizip II wird dann ohne ge gebildet, wenn der Verbstamm nicht auf der ersten Silbe betont ist. Das ist der Fall:

bei Verben mit untrennbarem Präfix
begreifen/begriffen, entzünden/entzündet, erklären/erklärt, durchqueren/durchquert, unterschreiben/unterschrieben

bei Verben mit der Endung ier(en)
agieren/agiert, importieren/importiert, funktionieren/funktioniert, philosophieren/philosophiert

bei einigen wenigen anderen Verben**
posaunen/posaunt, prophezeien/prophezeit, trompeten/trompetet

Das Verb miauen gehört zur dritten Gruppe. Da sein Stamm nicht auf der ersten, sondern auf der zweiten Silbe betont ist, hat das Partizip II kein Präfix ge:

miauen/hat miaut

Siehe auch hier.

Bei der Beantwortung dieser Frage ist mir aufgefallen, dass diese Regel auch für meinen Dialekt gilt und dass sie beim Verb miauen zu einer anderen Partizipform führt. Das Verb miauen wird in meiner Mundart nämlich auf der ersten Silbe betont: miaue (weil Katzen bei uns nicht miau sondern miau machen?). Entsprechend heißt es dann auch: D Chatz hät gmiauet.

Doch das ist eine andere Geschichte. Im Allgemeindeutschen miauen die Katzen, und weil wir das auf der zweiten Silbe betonen, haben sie miaut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Natürlich gibt es immer auch Ausnahmen: benedeien/gebenedeit oder benedeit.

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20 000 neue Gewerbe. Sind oder ist das 1 Prozent mehr?

Im vorletzten Beitrag ging es um das Subjekt das und die Verbform. Dass das einfache das häufiger für Schwierigkeiten sorgen kann, zeigt die Tatsache, dass es heute schon wieder um das und die Form des Verbs geht.

Frage

Ich stehe vor folgendem Satz:

Im vergangenen Jahr sind 20 000 Gewerbe neu gegründet worden. Das ist ein Prozent weniger als im Vorjahr.

Nun wendet mein Kollege ein, es müsse „Das sind ein Prozent weniger“ heißen.

Ich zweifle, da ich den Singular im zweiten Satz, betrachte ich diesen separat, als richtig erachte. Fasse ich das „Das“ im zweiten Satz als Pronomen auf, das das Subjekt vertritt, scheint mir auch der Plural vertretbar. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Sie sind auf dem richtigen Weg. Rein nach der formalen Grammatik ist hier die Einzahl richtig. Der Singular das wird über das Verb sein mit dem Singular 1 Prozent verbunden. Das Verb steht entsprechend auch im Singular:

Das ist 1 Prozent weniger als im Vorjahr.

Dass der Plural nicht wirklich falsch klingt (oder offenbar sogar als die bessere Variante empfunden wird), liegt daran, dass sich das Verb nicht nur nach dem grammatischen Subjekt, sondern auch nach dem inhaltlichen Subjekt richten kann. Das inhaltliche Subjekt ist hier ein Plural: Das Pronomen das steht hier, wie Sie richtig bemerken, stellvertretend für den Plural 20 000 neue Gewerbe.

20 000 neue Gewerbe sind 1 Prozent weniger als im Vorjahr.
Das sind 1 Prozent weniger als im Vorjahr.

Die Wahl für den Plural sind lässt sich also gut erklären. Standardsprachlich können Sie hier dennoch besser die grammatische Übereinstimmung, das heißt die Einzahl ist verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn das Verb nicht mit dem Subjekt übereinstimmt: »Das sind …«

Heute wieder einmal etwas Grammatik:

Frage

Ist „das“ [in den folgenden Beispielen] ein Subjekt oder ein Prädikativ? Normalerweise nehmen wir an, dass „das“ Subjekt ist. Aber:

Das ist mein Freund
Das sind meine Freunde

Wenn wir diese Sätze vergleichen, dann weiß ich nicht mehr, was das Subjekt ist. Wenn das finite Verb nur mit dem Subjekt in Kongruenz steht, dann ist das Substantiv das Subjekt, während „das“ nur als Prädikativ fungiert. Oder wenn wir sagen: „Das bin ich“, dann ist das Subjekt natürlich „ich“. Stimmt das?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

es stimmt, dass sich das Verb in der Regel in Numerus und Person nach dem Subjekt richtet.

Mein Freund wohnt in B.
Meine Freunde wohnen in B.
Du wohnst in B.

Zu dieser Grundregel gibt es fast keine Ausnahmen – aber eben nur fast.

Wenn in einem Satz mit dem Verb sein das Subjekt und der Gleichsetzungsnominativ (auch Prädikativ zum Subjekt oder prädikativer Nominativ genannt) nicht beide im Singular oder beide im Plural stehen, wird das Verb in der Regel in den Plural gesetzt:

Diese Sachen sind mein ganzer Besitz.
Die Franzosen sind ein Volk von Genießern.

Bis hierher gibt es keine großen Besonderheiten. In diesen beiden Sätzen steht das Subjekt im Plural und das Verb ebenfalls, also ganz so, wie es auch die allgemeine Regel fordert.

Die Sonderregel wird erst dann zur richtigen Ausnahmeregel, wenn Pronomen wie das, dies und welches Subjekt des Gleichsetzungssatzes sind und mit einem Nomen im Plural verbunden werden. Diese Pronomen sind zwar Singulare, das Verb steht dann aber trotzdem im Plural:

Das sind meine Sachen.
Dies sind meine Eltern.
Welches sind die neuen Aufträge?

Grammatisch gesehen könnte man Ihren Satz also so analysieren:

Das –sind – meine Freunde
Subjekt – Kopulaverb – Prädikativ

Das ist noch nicht alles: In Gleichsetzungssätzen mit das und dies richtet sich das Verb auch in der Person nach dem Prädikativ:

Das bin ich.
Dies seid ihr.

Das – bist – du
Subjekt – Kopulaverb – Prädikativ

Es handelt sich hier also um sehr spezielle Sätze, die sich den „normalen“ Satzstrukturen zum Teil entziehen. Keine Wunder also, dass Sie sie nicht so einfach analysieren konnten!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fünf Pfund Haselnüsse: grammatisches und inhaltliches Subjekt

Frage

Ich frage mich, was mit […] Maß- und Mengenangaben passiert, wenn die Mengenangabe im Plural ist. Beispiel: „Es wurde fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“ oder „Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wenn die Maßangabe und das Gemessene im Plural stehen und zusammen das Subjekt des Satzes bilden, steht das Verb üblicherweise im Plural:

Drei Kilo Kartoffeln sind genug.
Zehn Euro sollten reichen.

Seltener kommt auch der Singular vor:

Drei Kilo Kartoffeln ist genug.
Zehn Euro sollte reichen.

Bevor nun diejenigen, die es bei der Grammatik gerne genau nehmen, ein erboste Räuspern hören lassen: Der Singular ist hier nicht einfach „furchtbar falsch“. Die Idee dahinter ist, dass drei Kilo und zehn Euro für eine bestimmte Menge resp. einen bestimmten Betrag stehen. Wie die Einzahl eine bestimmte Menge zeigt, ist das dazugehörende Bild eine Einzahl. Das Verb im Singular richtet sich also nach einem inhaltlichen Subjekt.

Viele finden diese Sehensweise allerdings nicht überzeugend und richten sich lieber nach dem grammatischen Subjekt: Das Subjekt drei Kilo Kartoffeln ist ein Plural, also steht das Verb nach grammatischer Übereinstimmung auch im Plural. In formelleren Kontexten und zur Vorbeugung kritischer Anmerkungen empfiehlt es sich deshalb, in diesen Fällen das Verb in den Plural zu setzten:

Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft.

Der Unterschied zwischen dem inhaltlichen Subjekt und dem grammatischen Subjekt zeigt sich umgekehrt auch sehr schön bei Mengenangabe in der Einzahl mit etwas Gemessenem im Plural:

Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt:

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurde verkauft.
Ein Dutzend Eier lag im Kühlschrank.

Übereinstimmung mit dem inhaltlichen Subjekt

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurden verkauft (selten)
Ein Dutzend Eier lagen im Kühlschrank (selten)

Während die Standardsprache bei genauen Mengenangaben eine starke Tendenz zur Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt hat und deshalb die Einzahl wählt , sind bei „ungenauen“ Mengenangaben sowohl der Singular als auch der Plural üblich:

Eine Anzahl Leute hat/haben Anzeige erstattet.
Eine Menge Nüsse hängt/hängen noch am Baum.
Die Mehrzahl der Beschwerden war/waren unbegründet.

Auch hier muss ich präzisieren, dass strengere Grammatiker und Grammatikerinnen hier nur die Verbform im Singular als korrekt akzeptieren. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in solchen Fällen kein strenger Grammatiker.

Diese Beispiele zeigen, dass es manchmal mehr als einen „logischen“ Pfad gibt, dem man folgen kann. Wer auf Nummer sicher gehen will, wählt hier die Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass eine andere Wahl nicht einfach nur ein dummer Fehler ist.

Mehr zu dieser Frage finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ich gelang?

Frage

[…] Es geht um:

Ich gelang (te) auf einem anderen Weg in den Besitz dieses Werkes.

Beim ersten Durchblättern der Grammatiktabellen in einem Werk des […]-Verlages stellte ich fest, dass die Formulierung „ich gelang“ dort nicht vorgesehen ist. Das verwirrt mich sehr, denn sowohl Canoo als auch Wiktionary sehen diese Form vor.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Wortform ich gelang ist tatsächlich in Canoonet zu finden. Warum sie nicht im Werk steht, das Sie konsultiert haben, weiß ich natürlich nicht genau. Wichtig sind hier jedenfalls die folgenden beiden Präzisierungen:

Erstens: Die Form ich gelang gehört zum Verb gelingen. Das Verb gelangen wird regelmäßig gebeugt. Es heißt also korrekt:

Ich gelangte auf einem anderen Weg in den Besitz dieses Werks.

Die Form ich gelang kann nur als (umgangssprachlich oder poetisch) verkürzte Präsensform zu gelangen gehören:

Wie gelang[e] ich in den Besitz dieses Werks?

Zweitens: Die Vergangenheitsform ich gelang kommt äußerst selten vor. Das Verb gelingen wird vor allem in der dritten Person verwendet: etwas gelingt (jemandem). Die Formen der zweiten Person kommen selten vor, zum Beispiel wenn Gegenständliches personifiziert und direkt angesprochen wird:

Was soll ich tun, neuer Tag, dass du gut gelingst?
Lied, wie schlecht gelingst du mir!

Die Formen der ersten Person sind noch seltener. Sie sind wohl vor allem theoretisch möglich:

Lied, wie schlecht gelangst du mir! – Ich gelang dir nicht, weil …

Damit stellt sich die Frage, ob man solche Formen in Konjugationstabellen aufnehmen soll oder nicht. Nimmt man sie auf, könnte der Eindruck entstehen, sie seien allgemein üblich. Nimmt man sie nicht auf, sieht es so aus, als seien sie grundsätzlich falsch. Beides ist nicht der Fall.

Wenn man sie wie Canoonet anzeigt, müsste idealerweise auch eine recht detaillierte Beschreibung der Verwendungsmöglichkeiten von Formen dieser Art hinzugefügt werden. Solche detaillierten Angaben zur Verwendung „problematischerer“ Formen stehen schon lange auf meiner Wunschliste der Dinge, um die ich unsere Wörterbücher gerne ergänzt sehen würde. Aus Kapazitätsgründen verschiedener Art müssen Sie und ich uns aber leider noch gedulden und ohne sie auskommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Stellt man etwas wieder her oder wiederher?

Frage

Ich habe einmal eine Frage zu dem Wort „wiederherstellen“ wie beispielsweise im Satz:

So stellt man den alten Zustand wieder her / wiederher.

Da sehen Sie auch schon das Dilemma: Eine Korrekturleserin meinte, das „wiederher“ werde in diesem Fall zusammengeschrieben und der Duden bestätigt diese Aussage sogar. Ich finde diese Schreibweise jedoch sehr ungewöhnlich und möchte behaupten, das in dieser Form noch nie gesehen zu haben […]. Haben Sie eine Erklärung?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

Sie haben recht. Die korrekte Schreibweise ist:

So stellt man den alten Zustand wieder her.

Siehe zum Beispiel hier (weit unten auf der Seite), hier und hier.

Das Verb wiederherstellen gehört zu den wenigen Verben, bei denen ein abtrennbarer Verbteil vor einem bereits trennbaren Verb steht (wieder+herstellen). Weitere Beispiele sind:

wiederaufbauen, wiederaufnehmen, wiedereinstellen, wiedergutmachen, miteinbeziehen u.a.m.

Das Besondere an diesen „doppelt trennbaren“ Verben ist, dass sie im Hauptsatz nicht wie gewöhnliche trennbare Verben in zwei, sondern in drei Teile auseinanderfallen:

Man stellt den alten Zustand wieder her. (nicht *wiederher)
Sie bauten das Haus wieder auf. (nicht *wiederauf)
Wie mache ich das nur wieder gut? (nicht *wiedergut)
Beziehen Sie das in Ihre Überlegungen mit ein! (nicht *mitein)

Die meisten von uns schreiben diese Formen spontan richtig. Man begegnet ihnen aber dennoch hin und wieder, insbesondere in automatisch erzeugten Konjugationstabellen. Im Allgemeinen sind deutsche Verben in dieser Hinsicht entweder einteilig (wiederholen – ich wiederhole) oder zweiteilig (wiederkehren – ich kehre wieder). Die meisten Programme können damit problemlos umgehen. Einige von ihnen „stolpern“ aber über diese dreiteiligen Verben (wiederherstellen – ich stelle wieder her), weil sie im Programm nicht vorgesehen sind, und behandeln sie fälschlich gleich wie die zweiteiligen Verben (*ich stelle wiederher).

Ich vermute, dass im Wörterbuch, das Sie in Ihrer Frage erwähnen, ein ähnlicher Fehler passiert ist. Man findet dort in der Konjugationstabelle des Verbs wiederherstellen tatsächlich die Form ich stelle wiederher. Dasselbe Wörterbuch gibt dann aber bei zum Beispiel wiederherrichten in der Tabelle korrekt ich richte wieder her an. Fehler können überall vorkommen (auch bei uns …).

Ich hoffe, dass das Vertrauen in Ihr Schreibgefühl durch diese Antwort gänzlich wiederhergestellt ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Max und Moritz und die Form des Verbs

Frage

Ich habe Ihnen schon einmal eine Frage zum Numerus vorgelegt. Mein Beispielsatz lautete:

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.

Dass hier der Singular „wurde“ verwendet wird, haben Sie damals folgendermaßen erklärt: Es handelt sich um die Zusammenziehung zweier Sätze, bei der das Hilfsverb „wird“ nur einmal genannt wird, da es in beiden Sätzen identisch ist. Wie übertrage ich diese Erklärung auf den folgendermaßen abgewandelten Satz:

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz vom Schuldirektor gelobt.

Auch dieser Satz ist meinem Sprachgefühl nach mit dem Singular „wurde“ korrekt; er kann dies aber wohl nur dann sein, wenn man davon ausgeht, dass auch hier zwei Sätze mit jeweils einem eigenen Subjekt und einem eigenen Prädikat vorliegen. […]

Genau dieselbe Frage würde sich bei Sätzen wie „Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren“ und „Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz“ stellen.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

es geht hier um Sätze mit mehreren Subjekten und einem und. Kurz zusammengefasst gilt in solchen Fällen die folgende vereinfachende Regel:

a) Wenn in einem Satz mit mehr als einem Subjekt der Rest des Satzes für alle Subjekte identisch ist, handelt es sich um ein mehrteiliges Subjekt. Das Verb richtet sich nach der Mehrteiligkeit des Subjekts und steht im Plural.

b) Wenn in einem Satz mit mehr als ein Subjekt sich weitere Teile des Satzes auf das eine resp. das andere Subjekt beziehen, handelt es sich um einen zusammengezogenen Satz. In zusammengezogenen Sätzen richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

Diese Faustregel gilt nur für Aneinanderreihungen mit und. Sie ist weder wissenschaftlich präzis noch wirklich leicht verständlich. Deshalb folgen hier ein paar Beispiele, die illustrieren sollen, was gemeint ist:

a) Mehrteiliges Subjekt
Nur die Subjekte unterscheiden sich voneinander – Das Verb steht im Plural

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz gelobt.

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz vom Lehrer gelobt.

Max und Moritz wurden um 11 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 11 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reisten Max und Moritz nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Innsbruck.

Max und Moritz trinken Bier.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Bier.

b) Zusammengezogene Sätze
Die Subjekte und weitere Satzteile unterscheiden sich voneinander – Das Verb richtet sich nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt.

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz getadelt.

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz von der Schuldirektorin gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz von der Schuldirektorin gelobt.

Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 12 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Bregenz.

Max trinkt Bier und Moritz Wein.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Wein.

Ich hoffe nur, dass die große Zahl an Beispielen mit den Namen Max und Moritz nicht mehr verwirrt als erhellt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist oder sind Metallica eine Metal-Band?

Frage

Ein Thema, über das ich leider keine guten, fundierten Hilfen im www finden konnte, ist die Frage, ob auf Bandnamen oder allgemeiner auf Namen von Gruppen bezogene Verben im Singular oder im Plural stehen sollen/dürfen, also zum Beispiel „Metallica sind Headliner“ vs. „Metallica ist Headliner“.

Antwort

Guten Tag S.,

erlaubt ist (mehr oder weniger), was gefällt, denn eine verbindliche Regel gibt es nicht und linguistisch sind häufig beide Varianten vertretbar.

Bei Bandnamen, die eindeutig als Plural empfunden werden, stehen das Verb, die Possessivartikel usw. im Plural. Das gilt insbesondere für Gruppen, die mit dem deutschen Pluralartikel die stehen. Zum Beispiel:

die Beatles / die Rolling Stones / die Beach Boys / die Pointer Sisters sind eine Band/Gruppe

Gruppennamen, die in der Ursprungssprache (meist Englisch) für uns erkennbar pluralisch sind und im Deutschen ohne deutschen Artikel verwendet werden, stehen häufig mit dem Plural, weil sie – wie man annehmen darf – in Anlehnung an die Ursprungssprache als Plural empfunden werden. Der Singular kommt ebenfalls häufig vor, weil es eine Band oder eine Gruppe ist und entsprechend als Singular empfunden wird. Zum Beispiel:

Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom sind eine Band
Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom ist eine Band

Bei anderen Gruppennamen steht nach den deutschen Kongruenzregeln der Singular. Ein Gruppenname lässt sich mit einer Sammelbezeichnung (Kollektivum) wie Obst, Herde, Familie, Team, Mannschaft usw. vergleichen. Sammelbezeichnungen stehen im Deutschen immer mit dem Singular.

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana ist eine Band

So weit, so gut. Hier kommt aber häufig auch der Plural vor. Ich vermute stark (ohne genauere Untersuchungen kann ich es natürlich nicht mit wissenschaftlich fundierter Genauigkeit sagen), dass dies ein Einfluss des Englischen ist. Bei gewissen singularischen Sammelbezeichnungen, die Personengruppen bezeichnen, ist im Englischen die Kongruenz im Plural möglich (zum Beispiel the familiy are, the crew are, the band are). Das gilt auch für Namen von Musikgruppen u. Ä. Dieser Plural wird bei Bandnamen auch ins Deutsche übernommen

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana sind eine Band

Ich würde bei dieser Art von Namen immer die Übereinstimmung im Singular empfehlen. Da die Verwendung des Plurals hier aber häufig und systematisch vorkommt, halte ich den Plural nicht mehr für grundsätzlich falsch. Gerade in einem so stark angelsächsisch dominierten Gebiet wie der Pop- und Rockmusik ist ein Einfluss des Englischen auch auf der sprachlichen Ebene nicht sehr erstaunlich.

Und wer immer noch unsicher ist, kann natürlich einfach auf Wendung wie die Metal-Band Metallica, die britische Rockgruppe Queen oder die Rockband 4 Non Blondes ausweichen. Dann steht immer der Singular.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gastlichkeit, gute Küche, bekannte Weine und das Verb

Frage

Auf einer deutschen Seite zu Rechtschreibung und Grammatik wurde folgender Satz angeführt:

Die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit mit der guten Küche und den bekannten Weinen laden nach einer Wanderung zum Einkehren und Entspannen ein.

Der Fragesteller wollte wissen, ob es hier korrekterweise nicht „lädt“ heißen müsste. Sind Sie auch der Meinung, dass im obigen Satz das Verb im Singular stehen sollte?

Antwort

Guten Tag H.,

rein dem Sinn nach ist die Wahl des Plurals hier gut verständlich. Schließlich kann man sich während der Wanderung auf drei Dinge freuen: Gastlichkeit, eine gute Küche und bekannte Weine. Grammatisch ist es aber trotzdem nicht korrekt, hier die Mehrzahl für das Verb zu wählen.

Das Subjekt des Satzes ist der Singular die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit. Diese Nomengruppe steht im Singular und hat eine Wortgruppe bei sich, die mit der Präposition mit eingeleitet wird. Es handelt sich also nicht um ein mehrteiliges Subjekt, sondern um ein einteiliges Subjekt in der Einzahl, das eine Präpositionalgruppe als nähere Bestimmung bei sich hat. Diese Präpositionalgruppe hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Das Verb des Satzes steht deshalb im Singular:

Die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit mit der guten Küche und den bekannten Weinen lädt nach einer Wanderung zum Einkehren und Entspannen ein.

Bei einem kürzeren und einfacheren Satz sieht man vielleicht ein bisschen besser, worum es geht:

Frau Rothenberger und Begleiter kamen zuletzt an.
aber:
Frau Rothenberger mit Begleiter kam zuletzt an. (nicht: *kamen)

Der Wirt mit seinen Freunden ging zum Saal zurück. (nicht: *gingen)
Der Kuchen mit Schlagsahne und einem Gläschen Likör schmeckte ausgezeichnet. (nicht: *schmeckten)

Grammatisch gesehen ist also A und B nicht dasselbe wie A mit B, obwohl dies bedeutungsmäßig oft der Fall ist. Bei solchen Konstruktionen laufen Bedeutung und Grammatik sozusagen nicht immer parallel. In dem hier behandelten Fall „gewinnt“ dann die Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Vorzukunft in der Vergangenheit

Von der Vorzukunft in der Vergangenheit haben Sie wahrscheinlich noch nie gehört. Es ist auch eine Zeitform, die kaum jemand täglich verwendet.

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen: „Sie beschloss noch im selben Augenblick, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.“

Zuerst dachte ich, das wäre „Zukunft in der Vergangenheit“, aber das passt nicht. […] Ich frage mich auch, was die einfachere Alternative für den gegebenen Satz wäre. Es könnte nur „…sobald der Regen aufhört“ sein, denn „sobald der Regen aufgehört hätte“ hat eine andere Bedeutung. Sehr gerne würde ich den grammatikalischen Kontext des Satzes besser verstehen.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die würde-Form aufgehört haben würde ist hier trotz Ihrer Zweifel eine Art Zukunft in der Vergangenheit. Es ist also keine Ersatzform für den Konjunktiv II. Deshalb würde aufgehört hätte nicht gut in den Satz passen.

Die würde-Form kommt häufig vor, wenn etwas Vergangenes in Bezug auf etwas anderes Vergangenes zukünftig war (Zukunft in der Vergangenheit):

Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.
Als ihr in Nizza Rodolfo vorgestellt wurde, vermutete sie nicht, dass sie schon wenige Monate später mit ihm verheiratet sein würde.
Er nahm auf niemanden Rücksicht. Das würde er noch bereuen.

Um die Zeitverhältnisse in Ihrem recht komplexes Satz besser zu verstehen, nehmen wir ihn zuerst einmal auseinander:

Sie beschloss,
= Zeitpunkt X in der Vergangenheit
dass sie dorthin fahren würde, sobald der Regen aufgehört haben würde.
= zukünftig in Bezug auf den Zeitpunkt X

Dann ersetzen wir den dass-Satz durch eine Infinitivkonstruktion

Sie beschloss,
dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zukünftigkeit sieht man gut, wenn man den Hauptsatz zuerst ins Präsens setzt:

Wir wissen, dass Marianne um 17 Uhr ankommen wird.
Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.

Sie beschließt, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
Sie beschloss, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zeitverhältnisse sind in Ihrem Satz deshalb so kompliziert, weil der mit sobald eingeleitete Satz in Bezug auf dorthin fahren vorzeitig ist, in Bezug auf beschließen aber immer noch „zukünftig“. Die Form aufgehört haben würde ist also eigentlich nicht Zukunft in der Vergangenheit, sondern so etwas wie „Vorzukunft in der Vergangenheit“:

Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören wird.
aufhören wird = Zukunft
Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
aufgehört haben wird = Vorzukunft, vorzeitige Zukunft

Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören würde.
aufhören würde = Zukunft in der Vergangenheit
Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.
aufgehört haben würde = Vorzukunft in der Vergangenheit

Wie so oft, wenn es um die Verwendung von Zeitformen im Deutschen geht, sind dies keine eisernen Regeln. Genauso wie die Zukunft im Deutschen nicht immer mit dem Hilfsverb des Futurs werden ausgedrückt wird, wird auch die Zukunft in der Vergangenheit nicht immer mit der würde-Form gebildet. Die Struktur des Satzes, der Sie beschäftigt, sollte damit aber erklärt sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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