Vorgegenwart in der Zukunft: Sie haben es gleich geschafft

Eine Frage, die vielen bekannt vorkommen wird, die mit fortgeschritteneren Deutschlernenden zu tun haben. Sie zeigt, dass unsere Verbzeiten manchmal wenig mit der realen Zeit zu tun zu haben scheinen.

Frage

Hier sind zwei Fragen eines Schülers, der Deutsch als Fremdsprache lernt:

1. [...]

2. Eine aktuelle Werbung von Macdonalds lautet: „Sie haben es gleich geschafft“. Warum wird hier das Perfekt verwendet, obwohl es um die Zukunft geht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Verbzeiten haben im Deutschen nur bedingt etwas mit den realen Zeitabläufen zu tun. Das ist auch hier der Fall. Obwohl das Perfekt den (etwas zu) viel sagenden deutschen Namen „Vorgegenwart“ trägt, wird mit ihm im Werbespruch, den Sie zitieren, ein Geschehen ausgedrückt, das erst in der Zukunft abgeschlossen sein wird. Diese Verwendung des Perfekts kann Perfekt des Zukünftigen genannt werden. Es kommt relativ selten vor:

Sie haben es gleich geschafft.
Halt durch, du hast die Aufgabe bald erledigt!
Spätestens nächsten Sommer haben wir den Umbau vollendet.

Das Perfekt kann diese Funktion nur dann haben, wenn im Satz eine Zeitangabe steht, die ausdrücklich angibt, dass es um etwas Zukünftiges geht (hier: gleich, bald, spätestens nächsten Sommer).

Ganz ähnlich ist die viel häufiger vorkommende Verwendung des Präsens für etwas Zukünftiges. Wenn der Kontext oder eine explizite Zeitangabe schon angibt, dass eine Aussage über ein zukünftiges Geschehen gemacht wird, reicht es, das Präsens zu verwenden. Der Aspekt des Zukünftigen muss nicht auch noch durch das werden des Futurs ausgedrückt werden (vgl. Präsens des Zukünftigen):

Ich fahre morgen nach Basel.
Wir reden noch einmal darüber, wenn wir mehr Zeit haben.
Nächstes Jahr feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

Beim Perfekt des Zukünftigen hat das Perfekt die Funktion, den Aspekt des Abgeschlossenseins anzugeben. Wenn der Aspekt des Zukünftigen durch ein anderes Element als das Verb angegeben wird, muss er nicht noch einmal durch das werden des Futurs II ausgedrückt werden:

Sie werden es dann geschafft haben.
Sie haben es bald geschafft.

Man kann also das Hilfsverb werden der Zeiten des Futurs einsparen, wenn das Zukünftige durch ein anderes Element ausgedrückt wird. (NB: kann, nicht muss).

Dass Verbzeiten nicht das ausdrücken, was man ihrem Namen nach von ihnen erwartet, kommt auch sonst häufiger vor. So können wir eine Erzählung, die in der Vergangenheit spielt, durch das sogenannte historische Präsens lebendiger gestalten. Ein Geschehen in der Vergangenheit wird in der Zeit der Gegenwart ausgedrückt (historisches Präsens):

Und plötzlich steht Hannibal mit seinem Heer vor den Toren Roms.
Die Künstlerin verbringt die Zeit bis zu ihrem Tod im Jahr 1923 in Nizza.

Ein anderes bekanntes Beispiel ist das Futur, wenn es keine Zukunft, sondern eine Vermutung über etwas Gegenwärtiges oder etwas Vergangenes ausdrückt:

Ich weiß nicht wo er ist. Er wird zu Hause sein.
Sie liegt noch im Bett. Sie wird gestern Abend wieder zu viel getrunken haben.

Die Namen der Verbzeiten geben wieder, was ihre Hauptfunktion ist. Wir verwenden die Zeiten aber häufig auch ganz anders!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Nicht zu haben eingeladen werden können?

Es gibt Fragen, die fast nur von Deutschlernenden gestellt werden, die Tabellen mögen und gerne systematisch vorgehen. Weniger systematisch vorgehenden Lernenden fällt das Problem nicht auf und die meisten Muttersprachigen wissen gar nicht, dass es diese Frage überhaupt geben könnte (außer wenn sie gerne mit möglichst vielen Verbformen jonglieren). Ich hatte sie mir jedenfalls bis jetzt noch nie gestellt.

Frage

Nehmen wir diesen Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wird.

Er kann auch so geschrieben werden:

Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wie ist es bei diesem Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.

Kann ich hier auch „zu“ statt „dass“ verwenden?

Antwort

Guten Tag A.,

nach bedauern kann tatsächlich sowohl ein dass-Satz als auch eine Infinitivkonstruktion mit zu stehen. Die Infinitivkonstruktion kann dann stehen, wenn das Subjekt im dass-Satz mit dem Subjekt des Hauptsatzes identisch ist. Das geht aber – wie ich dank Ihrer Frage feststellen konnte – nicht ganz immer:

Peter bedauert es, dass er (= Peter) nicht eingeladen wird.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wenn der Nebensatz vorzeitig ist (Präteritum o. Perfekt):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wurde.
Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen worden ist.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen worden zu sein.

Auch mit einem Modalverb funktioniert das gut (Peter kann nicht eingeladen werden, weil er kein Clubmitglied ist):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden kann.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen werden zu können.

Wenn wir aber die Vorzeitigkeit mit einem Modalverb kombinieren, wird es schwierig:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.
Peter bedauert es, dass er nicht hat eingeladen werden können.

Die entsprechende Infinitivkonstruktion müsste wohl so aussehen:

→ (?) Peter bedauert es, nicht zu haben eingeladen werden können.
→ (??) Peter bedauert es, nicht eingeladen werden können zu haben.

Niemand verwendet aber Infinitivkonstruktionen wie diese. Sie sind rein theoretisch vielleicht möglich, werden aber nicht so realisiert. Während bei finiten (konjugierten) Verbgruppen Anhäufungen von Verbformen wie hat eingeladen werden können mit etwas Konzentration gerade noch zu meistern sind, wird uns dies bei Infinitivkonstruktionen offenbar doch etwas zu kompliziert. Nicht alles, was bei einer systematischen Betrachtungsweise theoretisch möglich sein müsste, ist es auch in der Praxis.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was tut das Verb, wenn Neuschnee gemessen wird?

Neuschnee?! Milde Temperaturen ließen hier in den letzten Tagen auf den Frühlingsanfang hoffen, auch wenn die Narzissen sich noch gewaltig zieren und die Amseln ihre Stimme noch für das echte Frühlingskonzert schonen. Das tun sie nicht zu Unrecht: Heute Morgen war wieder alles weiß: fünf Zentimeter Neuschnee. Die folgende Frage passt dazu (auch wenn es hier zum Glück keine 20 cm sind):

Frage

Wie heißt es richtig: Es fiel / fielen 20 cm Neuschnee.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

beide Formulierungen kommen vor:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
Es fiel 20 cm Neuschnee.

Das es spielt dabei keine Rolle. Es ist nur ein Platzhalter, damit die Stelle vor dem Verb nicht leer bleibt. Es hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Ohne es:

Heute fielen 20 cm Neuschnee.
Heute fiel 20 cm Neuschnee.

Das Subjekt ist hier eine Mengenangabe im Plural (20 cm) mit etwas Gemessenem im Singular (Neuschnee). Bei solchen Angaben hat das Verb zwei Möglichkeiten.

Es kann sich nach der Mengenangabe richten und im Plural stehen:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch sind genug.
2 ml Impfstoff wurden gespritzt.

Dies ist die häufiger vorkommende Variante, die auch vor den strengsten Grammatikern Gnade findet.

Das Verb kann sich aber auch sinngemäß nach dem Gemessenen richten und im Singular stehen:

Es fiel 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch ist genug.
2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die folgenden Beispiele sollen zeigen, dass auch der Singular nicht gänzlich abwegig ist:

Es fiel wenig / viel / 20 cm Neuschnee.
So viel / weniger / 500 g Fleisch ist genug.
Wie viel / aller / 2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die Einzahl kommt nach den Angaben der Grammatiken aber weniger häufig vor und gilt bei den strengeren unter ihnen als nicht standardsprachlich oder sogar falsch. So weit würde ich nicht gehen, aber wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, schreiben Sie also:

Es fielen 20 cm Neuschnee.

In dieser Zeit des Jahres wäre ich allerdings froh, wenn gar kein Neuschnee mehr fiele. Bei „Es fiel kein Neuschnee“ gibt es auch keine Unsicherheiten beim Numerus des Verbs!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Vgl. die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

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Ist oder sind Social Media?

Frage

„Social Media“ ist laut Wörterbuch ein Pluralwort, dennoch wird das Verb oft im Singular verwendet. Plural klingt in meinen Ohren auch schrecklich. Beispiel:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Was denken Sie darüber? Ist es zulässig den Singular zu verwenden?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

auch ich würde Ihnen empfehlen, Social Media als Pluralwort zu verwenden:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Gründe dafür sind:

- Die deutsche Entsprechung ist ebenfalls ein Plural: soziale Medien.
- Im Englischen ist media eigentlich eine Pluralform von medium.

Woher kommt dann die relativ häufige Verwendung des Verbs in der Einzahl (Social Media ist …)? Der Singular kommt wahrscheinlich auch aus dem Englischen, denn dort kann der Begriff social media sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl verwendet werden. Er steht, grob gesagt, mit dem Singular (social media is), wenn er allgemein als Sammelbegriff verstanden wird. Er steht mit dem Plural (social media are), wenn eine Mehrzahl einzelner Medien gemeint ist (Facebook, Twitter, Youtube, LinkedIn, Blogs, Wikis usw.).

Das Gleiche ist im Englischen auch bei media (Medien) möglich:

The media is responsable for her death.
The media are responsable for her death.

Im Deutschen hingegen steht immer der Plural:

Die Medien sind für ihren Tod verantwortlich

ganz gleich ob die Medien als eine Gesamtheit gemeint sind oder als eine Mehrzahl einzelner Medien gesehen werden.

Auch andere Sammelbegriffe können im Englischen als Singular und als Plural behandelt werden. Zum Beispiel:

The data are correct.
The data is correct.

Her family is rich.
Her family are rich.

Im Deutschen haben wir hier viel weniger Freiheit. Wir müssen uns bei der Wahl der Verbform auch bei Sammelbegriffen nach der morphologischen Form des Substantivs richten:

Die Daten sind korrekt.
Ihre Familie ist reich.

Deshalb würde ich empfehlen, den englischen Lehnbegriff Social Media der in dieser Hinsicht viel weniger flexiblen deutschen Grammatik anzupassen und immer nur als Plural zu verwenden. Wie wäre es übrigens mit soziale Medien?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Entbiehrt, entbahr, entbohren

Frage

Auf Wiktionary finde ich beim Verb „entbehren“ auch die Präteritumformen „entbahr, entbahrst usw.“, die Partizip II-Form „entbohren“ sowie die Konjunktiv II-Formen „entbähre, entbährest usw.“. Ähnliche Ausführungen finde ich auf http//verben.texttheater.net/Rote_Liste. Sind das obsolete oder nur (noch) regional gebrauchte Formen?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Verb entbehren wird im heutigen Standarddeutsch schwach gebeugt.

entbehren; entbehrst, entbehrt; entbehrte, hat entbehrt

Das entnehme ich u. a. den Wörterbüchern Canoonet, Duden, Pons und Wahrig. Bei Grimm steht u. a., dass die schwachen Formen im 17. Jahrhundert aufkamen. Ob es Regionalsprachen oder Dialekte gibt, in denen die sonst nicht mehr üblichen starken Formen entbiehrst, entbahr, entbähre, entbohren noch verwendet werden, weiß ich leider nicht.

Ihre Frage rief bei mir die Frage auf, woher entbehren überhaupt kommt. Das Verb entbehren geht auf die althochdeutsche Form inberan zurück. Sie bedeutete nicht (bei sich) tragen. Den Verbstamm ber von beran = tragen finden wir heute übrigens noch in verschiedener Form in anderen Wörtern: Bahre, Bürde, Eimer (über Eimbar = einhenkliges Gefäß), Gebärde und gebären. Beim Verb gebären sind die starken Formen bis heute erhalten geblieben: gebierst, gebar, gebäre, geboren. Bei entbehren hingegen haben die schwachen Formen, wie gesagt, die starken Formen verdrängt.

Ich weiß nicht, weshalb Wiktionary die starken Formen noch aufführt. Sie werden auch in der gehobenen Schriftsprache nicht mehr verwendet. In der „Roten Liste“, die Sie ebenfalls zitieren, werden die Formen zwar aufgeführt, sie sind aber mit einem Sternchen gekennzeichnet. Dieses Sternchen hat folgende Bedeutung:

Auch starke Formen, die es früher, in Dialekten oder anderweitig abseits der Hauptströmungen des Deutschen gab oder gibt, können hier – mit einem * gekennzeichnet – aufgenommen werden.

In dieser eher mit einem Augenzwinkern zu lesenden Liste stehen zum Beispiel auch die folgenden Präteritumsformen von beginnen:

begann, begonde*, begunde*, begonnte*, begunnte*, begünte*, begunste*

Als Referenz für das heutige Deutsch entbehrt diese Liste also einer gewissen Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Alles und jeder und die Einzahl

Heute geht es wieder einmal um eine „feste“ Grammatikregel, die gar nicht so fest ist:

Frage

Heute habe ich eine Frage zur Kongruenz. Es heißt ja: „Hans und Otto solltEN heutzutage flexibel sein.“ Wenn ich aber statt „Hans und Otto“ „alles und jeder” einsetze, ist es – zumindest nach meinem Sprachgefühl – anders: „Alles und jeder solltE heutzutage flexibel sein.“ Können Sie Licht ins grammatikalische Dunkel bringen?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

das Verb steht hier tatsächlich im Singular*:

Alles und jeder sollte heutzutage flexibel sein.

Die Grundregel lautet: Bei einem mehrteiligen Subjekt, dessen Teile mit und verbunden sind, steht das Verb im Plural:

Hans und Otto sollten heutzutage flexibel sein.
Mutter und Kind sind wohlauf.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.
Ein unbezwingbarer Drang zum Schreiben und eine überaus reiche Vorstellungskraft ließen diesen Roman entstehen.

Es gibt aber verschiedene Ausnahmen. In diesem Fall kann man sogar zwei Arten von Ausnahmen anführen:

1) Wenn die Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann des Verb im Singular stehen (vgl. hier):

Münchens Grund und Boden wird immer teurer.
Groß und Klein freute sich auf das Fest.

2) Bei Subjektteilen im Singular, die von kein, nicht ein, mancher oder jeder begleitet werden, steht das Verb im Singular (vgl. hier):

Kein Versprechen und keine Drohung wird mich davon abhalten.
Schon manche Mitarbeiterin, mancher Mitarbeiter und manche Führungskraft hat sich diese Frage gestellt.
Jede Pflanze und jedes Tier ist schützenswert.
ebenso:
Jeder und jede sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Man kann alles und jeder beiden Ausnahmegruppen zuordnen. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl. Mehr zur Grundregel, die die meisten von uns einmal gelernt haben, und weitere Ausnahmen, die viel weniger bekannt sind, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Hier muss wirklich die Einzahl stehen, auch wenn die integrierte Grammatik- und Rechtschreibkontrolle meines Textverarbeitungsprogramms fälschlich erst dann zufrieden ist, wenn ich sollte durch sollten ersetze. Fazit: Man traue der automatischen Kontrolle nur bedingt!

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Siehe und sieh!

Frage

In unserem Arbeitsalltag als technische Übersetzer stolpern wir oft über Querverweise auf Abbildungen, Tabellen usw. mit dem kleinen Wörtchen „siehe“. Wird dieses groß- oder kleingeschrieben oder gibt es keine wirkliche Konvention. Zum Beispiel: „Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe/Siehe Abbildung 3 auf Seite 7).“ Und wie verhält es sich mit den Punkten?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

eine allgemeingültige Regelung gibt es meines Wissens nicht, aber die folgenden Schreibweisen kommen häufig vor und sind recht praktisch:

Der Verweis wird oft in Klammern gesetzt. Man schreibt siehe dann klein und verwendet direkt nach dem Verweis keinen Punkt:

Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7). Sie wird mit Schalter C bedient.
Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7) und wird mit Schalter C bedient.
Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7), wo auch der Schalter C zu finden ist.

Man kann dem Verweis auch etwas mehr Gewicht geben, indem man ihn nicht in Klammern setzt, sondern nach einem Punkt separat aufführt. Auch dann verwendet man üblicherweise kein Ausrufezeichen, obwohl es sich bei siehe um eine Art Befehlsform des Verbs sehen handelt.

Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels. Siehe Abbildung 3 auf Seite 7.

Weiter gibt es noch die folgende Art des Verweises. Man beachte, dass hier zwischen dem eigentlichen Verweis und demjenigen, wozu der Verweis angegeben wird, kein Komma steht (nein, auch nicht vor siehe im ersten Beispiel!):

Für die Montage der Warnleuchte siehe Anleitung B auf Seite 7.
Siehe Anleitung B auf Seite 7 für die Montage der Warnleuchte.

Dies sind nicht die einzig möglichen Schreibweisen, aber mit diesen einfachen „Regeln“ bin ich bis jetzt immer gut gefahren.

Wenn wir schon dabei sind, hier noch ein paar Worte zur Form: siehe mit e steht nur in Verweisen und Ausrufen:

Siehe Seite 7.
Siehe da, es funktioniert!
Und siehe, ein Engel des Herrn erschien.

Die „gewöhnliche“ Befehlsform von sehen ist sieh ohne e:

Sieh mich bitte an!
Sieh dir den Text noch einmal an!
Sieh her und sei ruhig!

Noch eine allerletzte Bemerkung und dann werde ich wirklich ruhig sein: Auch wenn die Befehlsform sieh! kein e am Schluss hat, kommt sie ganz ohne Apostroph aus!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Drittel der Schüler ist/sind

Frage

Ich vergesse stets die Regel und finde auch leider keinen Beleg. Heißt es „wird“ oder „werden“?

Ein Drittel aller Schüler werden direkt von der Grundschule übernommen.

Antwort

Guten Tag J.,

auf Ihre Frage gibt es zwei Antworten: eine für Liebhaber und Liebhaberinnen eindeutiger, strenger Grammatikregeln und eine für diejenigen, die es etwas lockerer nehmen.

Wenn eine Mengenangabe mit einer Bruchzahl Subjekt ist, richtet sich das Verb in der Regel nach der Bruchzahl, nicht nach dem Gemessenen:

Singular:
Ein Viertel der Waldfläche ist abgebrannt.
Ein Drittel aller Schüler wird direkt von der Grundschule übernommen.

Plural:
Drei Viertel der Waldfläche sind abgebrannt.
Zwei Drittel aller Schüler werden direkt von der Grundschule übernommen.

Neben dieser „syntaktischen Logik“ gibt es aber auch die „semantische Logik“: Seltener richtet sich das Verb nämlich sinngemäß nach dem Gemessenen:

Drei Viertel der Waldfläche ist abgebrannt.
Ein Drittel aller Schüler werden direkt von der Grundschule übernommen.

Diese nach dem Sinn konstruierten Formulierungen werden allerdings nicht von allen als standardsprachlich korrekt akzeptiert. Deshalb gilt wieder einmal: Wenn Sie es vorziehen, garantiert von keinem freundlichen Mitmenschen auf einen „Fehler“ hingewiesen zu werden, wählen Sie hier für das Verb die Übereinstimmung mit der Bruchzahl (also: Ein Drittel aller Schüler wird …). Siehe auch: Mengenangabe als Subjekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Riefend gibt es!

„Riefend gibt es nicht!“, lautet der Kommentar von Lollo, der oder die vielleicht den ebenso fiktiven Familiennamen Rosso trägt und des Weiteren leider eine falschen E-Mail-Adresse angegeben hat. Diese Behauptung möchte ich nicht gänzlich unwidersprochen lassen, zumal das Wort riefend tatsächlich im Canoonet-Wörterbuch zu finden ist.

Man findet riefend natürlich nicht bei den Wortformen des Verbs rufen. Es gibt im Deutschen schließlich nur das Partizip Präsens rufend und das Partizip Perfekt gerufen. Wenn es zu rufen gehören würde, müsste riefend aber eine Art Partizip Präteritum sein:

Er rennt aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Er rannte aus vollem Halse *riefend auf uns zu.

Die Narren ziehen singend und tanzend durch die Straßen.
Die Narren zogen *sangend und *tanztend durch die Straßen.

Partizipformen dieser Art (*) gibt es nicht. Trotz seines Namens Partizip Präsens kann dieses Partizip nämlich nicht nur im Präsens verwendet werden. Es drückt keine Zeit aus. Es drückt aus, dass die Verbhandlung verlaufend ist, und wird manchmal wie oben adverbial oder meistens als Adjektiv verwendet (z. B. rufende Eulen, singende Lerchen, tanzende Schwäne). Es kann sowohl in Kombination mit der Gegenwart als auch zusammen mit der Vergangenheit stehen:

Er rennt/rannte aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Die Narren ziehen/zogen singend und tanzend durch die Straßen.

Heute wird deshalb häufig der weniger irreführende Name Partizip I verwendet.

Die Wortform riefend kann also nicht zu rufen gehören, genauso wenig wie sangend eine Form von singen oder tanztend eine Form von tanzen ist. Weshalb steht riefend trotzdem im Wörterbuch? – Es gehört ganz regelmäßig zum Verb riefen, das wie seine Variante riefeln die Bedeutung mit Riefen (= Rillen) versehen hat.

Das Wort riefend ist alles andere als ein Anwärter auf eine Spitzenposition in der Liste der am häufigsten verwendeten Wortformen. Manchmal ist es sogar nur ein triefend oder reifend mit Flüchtigkeitsfehler. Man darf ihm aber trotzdem nicht einfach mit der Behauptung „Riefend gibt es nicht!“ die Daseinsberechtigung absprechen. Auch wenn dies wahrscheinlich außer Scrabble-Spielern, die die entsprechenden Buchstaben legen können, kaum jemanden interessiert: Riefend gibt es!

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Ist oder sind die Groß- und Kleinschreibung problematisch?

Frage

Wir sind uns sehr uneins. Heißt es:

Die Groß- und Kleinschreibung bereitet ihm große Probleme.

oder:

Die Groß- und Kleinschreibung bereiten ihm große Probleme.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

hoffenlich waren Sie nicht allzu sehr uneins, denn beides ist möglich:

Die Groß- und Kleinschreibung bereitet ihm große Probleme.

Hier wird die Wortgruppe die Groß- und Kleinschreibung als eine Einheit aufgefasst. Die beiden Subjektteile sind durch den gemeinsamen Artikel die und den gemeinsamen Wortteil …schreibung eng miteinander verbunden. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl: bereitet.

Die Groß- und Kleinschreibung bereiten ihm große Probleme.

Hier wird die Wortgruppe Groß- und Kleinschreibung als zwei separate Subjektteile behandelt (Großschreibung und Kleinschreibung). Entsprechend steht das Verb in der Mehrzahl: bereiten.

Wieder einmal führen unterschiedliche Sehensweisen zu unterschiedlichen Resultaten. Die Groß- und Kleinschreibung ist als ein Rechtschreibphänomen problematisch oder die Groß- und Kleinschreibung sind als zwei verschiedene Schreibweisen problematisch. Beide Auffassungen und Formulierungen gelten als korrekt. Mehr dazu lesen Sie, wenn Sie möchten, auf dieser Seite in der Canoonet-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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