Der Ergänzungsstrich am Wortanfang

Vielschreibern und -schreiberinnen ist er vertraut, doch andere kann er unter anderem „dank“ der Korrekturprogramme manchmal verunsichern: der Ergänzungsstrich am Wortanfang.

Frage

Prozessentwicklung und -optimierung oder
Prozessentwicklung und Optimierung

Welches ist bei solch einer Wortkopplung die richtige Schreibweise? Wenn ich alles richtig verstanden habe, ist die zweite Schreibweise korrekt. Bin mir aber unsicher

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

wenn Sie die Wortgruppe

Prozessentwicklung und Prozessoptimierung

in verkürzter Form aufschreiben wollen, ist die erste Variante korrekt:

Prozessentwicklung und -optimierung

Der wegfallende Wortteil wird durch einen Ergänzungsstrich ersetzt. Der verbleibende Wortteil wird gleich wie im unverkürzten Wort geschrieben:

[Prozess]optimierung → -optimierung

Ebenso zum Beispiel:

Autoverkauf und -vermietung
Programmentwicklung und -wartung
auf der Wiese herumrennen und -hüpfen
bergauf und -ab

und sogar:

Warenein- und -ausgang

Weitere Beispiele finden Sie hier.

Es ist also keine höhere Wissenschaft. Verwirrend kann hier allerdings sein, dass viele Korrekturprogramme insbesondere Substantive mit Ergänzungsstrich am Wortanfang nicht als richtig erkennen. Sie unterstreichen sie zu Unrecht als falsch und geben die Schreibung ohne Ergänzungsstrich als Verbesserungsvorschlag an: Prozessentwicklung und Optimierung. Diese Schreibung ist zwar auch richtig, sie bedeutet aber nicht dasselbe. Hier werden die Prozessentwicklung und allgemein die Optimierung aufgezählt, also nicht die Prozessentwicklung und die Prozessoptimierung. Wieder einmal zeigt sich, dass man sich nicht vollständig auf Korrekturprogramme verlassen darf.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Ein anderes Mal und ein andermal

In letzter Zeit liegen Ihnen die Rechtschreibfragen am Herzen – oder auf dem Magen. 

Frage

Es gibt einige Web-Sites die eine Prüfung von Groß- und Kleinschreibung anbieten. Auf allen, die ich befragt habe, kam für beide Versionen immer die Antwort „ohne Fehler“.

Vielleicht klappt es ein anderes mal.
Vielleicht klappt es ein anderes Mal.

Können Sie mich aufklären, welche Version die Richtige ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

richtig ist hier die Großschreibung:

Vielleicht klappt es ein anderes Mal.

Man schreibt getrennt und groß, wenn vor Mal ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv steht. Zum Beispiel:

dieses Mal
jedes Mal
ein/kein einziges Mal
beim nächsten Mal
das beste Mal
ein für alle Mal(e) (aber: allemal = ugs. für in jedem Fall)
beide Mal(e)

und eben:

ein anderes Mal

Man schreibt zusammen und klein, wenn eine Grundzahl oder eine ungebeugte Form mit mal kombiniert wird. Zum Beispiel:

diesmal
einmal, zweimal, …
keinmal

und

ein andermal

Noch ein paar Beispiele:

manches Mal – manchmal
viele Mal(e) – vielmal
wie viele Mal(e) – wievielmal
so viele Mal(e) – sovielmal
unendliche Mal(e) – unendlichmal

Natürlich gibt es noch ein paar andere Fälle und Varianten wie zum Beispiel wirklich nur ein Mal, dutzendmal – ein Dutzend mal,  zwei mal vier (mehr dazu hier). In dieser Weise sind aber die meisten Fälle abgedeckt.

Dass einige Programme ein anderes mal als richtig geschrieben durchgehen lassen, erstaunt nicht allzu sehr. Diese Programme berücksichtigen sehr wahrscheinlich nicht den ganzen Satz, sondern höchstens gewisse Wortgruppen oder sogar nur einzelne Wörter. Am Ende eines Satzes kann diese Wortgruppe nur so geschrieben werden: ein anderes Mal. Für sich allein kann mal aber die (umgangssprachliche) Verkürzung von einmal sein, die kleingeschrieben wird (Ich nehme mal ein anderes Beispiel). Für die Entscheidung, ob die Groß- oder die Kleinschreibung korrekt ist, reicht es also nicht, die Wörter einzeln zu prüfen. Die Prüfer, die Sie benutzt haben, tun aber offenbar nicht viel mehr als das.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Word und -bar

Frage

Beispiel: „Insbesondere haftet die Firma nicht für kundeninterne, nicht ohne Weiteres klärbare und bereinigbare Meinungsdifferenzen.“ Warum akzeptiert Word „klärbare“ und „bereinigbare“ nicht? „Verrechenbare Spesen“ will Word in „errechenbare“ oder „berechenbare“ ändern. Wir meinen aber diejenigen Spesen, die wir dem Kunden verrechnen können … also „verrechenbar“.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

die Formen klärbare, bereinigbare und verrechenbare sind korrekt. Man kann von sehr vielen transitiven Verben ein Adjektiv auf –bar bilden. Wenn etwas x-bar ist, kann es ge-x-t werden: essbar, trinkbar, verschiebbar, aufklappbar, abschließbar, erklärbar usw. usw. Mehr dazu finden Sie hier. Es gibt so viele Verben, für die man ein Adjektiv auf –bar bilden kann, und deren Bedeutung ist in der Regel so durchsichtig, dass es kein Wörterbuch gibt, die sie alle auflistet – auch Canoonet nicht.

Warum Ihr Word klärbar, bereinigbar und verrechenbar nicht akzeptiert, weiß ich nicht genau. (Meine Version von Word stört sich übrigens nur an den ersten beiden Wörtern, verrechenbar „rutscht“ problemlos durch die Kontrolle.) Die nicht akzeptieren Wörter stehen wohl nicht im Wörterbuch des Korrekturprogramms. Es verfügt offensichtlich auch nicht über eine Regel, die solche Formen analysieren und erkennen kann. Wenn ein Wort nicht in der Basiswörterliste steht und nicht aufgrund einer Regel erkannt werden kann, muss es wohl falsch sein ­– sagt Word.

Aus diesem Grund darf man Korrekturprogrammen nicht blind vertrauen. Nicht alles, was sie korrigieren, ist tatsächlich falsch. Erst recht gilt übrigens umgekehrt, dass nicht alles, was sie unkorrigiert stehen lassen, auch richtig geschrieben ist! Trotz guter Kontrollprogramme muss – und darf! – man auch selbst noch ein wenig nachdenken.

Nicht alle komplexen Wörter, die einen Verbstamm an erster Stelle haben und auf -bar enden, sind im Übrigen Adjektive: Ist Musik nicht tanzbar, hört man sie selten in der Tanzbar, und wer nicht animierbar ist, dem hilft auch keine Animierbar. Diese Beispiele sind zwar ziemlich forciert, sie zeigen aber, was ein Grund dafür sein könnte, warum ein Korrekturprogramm mit unbekannten Wörtern auf –bar so seine Schwierigkeiten hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Seit, seid und das Korrekturprogramm

Frage

Weshalb zeigt die weder Rechtschreibeprüfung von MS noch noch der Duden Korrektor Plus einen Fehler an?

Ihr seit angekommen.
Ihr seid angekommen.

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

dass die Rechtschreibkorrekturprogramme den seid/seit-Fehler nicht erkennen, hat damit zu tun, dass solche Programme nicht verstehen, was sie korrigieren. Um den Unterschied zwischen seid und seit zu erkennen, muss man nämlich den Satzzusammenhang verstehen. Schließlich gibt es beide Wörter in vielen verschiedenen Satzstellungen:

Ihr seid seit gestern hier.
Seit wann seid ihr hier?
Seit ihr hier seid, geht alles gut
Seid ihr hier seit dem Anfang der Vorstellung?
Habt ihr seit der Zeit noch etwas von ihm gehört?
Denn ihr seid der Zeit weit voraus.

Die Rechtschreibprogramme nehmen aber fast keine Analyse der Wortstellung und schon gar keine Analyse der Satzbedeutung vor. Deshalb können sie nicht entscheiden, ob in Ihrem Beispielsatz seid oder seit stehen muss.

Aus diesem Grund darf man (wie ich auch schon früher einmal erwähnte) den Korrekturprogrammen nicht blind vertrauen. Nicht alles, was sie korrigieren, ist tatsächlich falsch. Erst recht gilt umgekehrt, dass nicht alles, was sie unkorrigiert stehen lassen, auch richtig geschrieben ist! Trotz guter Kontrollprogramme muss – und darf! – man auch selber noch ein wenig nachdenken.

Wann man seit und wann man seid schreiben muss, sehen Sie übrigens hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (4)

Wenig zufriedens-tellende Silbentrennung

Frage

Mein Word 2007 trennt mir mit der automatischen Silbentrennung das Wort zufriedenstellend immer zufriedens-tellend. Ich weiß, dass man mit der neuen Rechtschreibung st trennen darf (Fens-ter usw.), aber in diesem Fall macht das doch überhaupt keinen Sinn, oder? Ist es trotzdem korrekt?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

richtig trennt man zufrieden-stellend. Man darf st zwar trennen, aber nicht an dieser Stelle. Die hier geltende Trennregel lautet nämlich, dass bei zusammengesetzten Wörtern zwischen den Teilen der Zusammensetzung getrennt wird: zufrieden-stellend. Erst dann wird innerhalb der Einzelteile getrennt: zu-frie-den-stel-lend. Ebenso:

Abend-stern nicht Abends-tern
Dach-stube nicht Dachs-tube
ein-streichen nicht einst-reichen

Die entsprechende Rechtschreibregel finden Sie hier.

Dann folgen ganz ungefragt ein paar „erbauliche Worte von Dr. Bopp“: Es fällt mir immer wieder auf, dass viele Leute eigentlich viel ungezwungener mit den automatischen Korrekturhilfen umgehen sollten. Diese Programme können nämlich viel, aber nicht alles. Hier kennt das Programm offenbar das Wort zufriedenstellend nicht und es kann auch dessen Zusammenstellung nicht analysieren. Deshalb trennt es falsch, nämlich wie wenn zufriedenstellend ein nicht zusammengesetztes Wort wäre. Wenn Sie also finden, dass ein Korrekturprogramm wie hier einen unsinnigen Vorschlag macht, sollten Sie sich einfach darüber hinwegsetzen. Die Verwendung von Korrekturprogrammen ist zwar sehr nützlich, aber es hilft, wenn man selber auch noch ein bisschen etwas von der Rechtschreibung weiß und dem Programm dann ein wenig selbstbewusster „gegenübertritt“. Die wichtigsten Regeln kennen wir nämlich auch nach der Reform besser, als viele von uns meinen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Man kann zufriedenstellend übrigens auch getrennt schreiben: zufrieden stellend.

Kommentare (3)

Das Praktikumszeugnis, das Korrekturprogramm und das Fugen-s

Frage

Bei einer Bewerbung hat mein Word-Rechtschreibprogramm mir das Wort Praktikumszeugnis in Praktikumzeugnis korrigiert. Auf allen Zeugnissen, die ich aus Praktika erhalten habe, steht aber Praktikumszeugnis. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

das s ist ein sogenanntes Fugenelement. Es entsprach früher dem s des Genitivs. Zum Beispiel:

Essenszeit = Zeit des Essens
Gesprächsleitung = Leitung des Gesprächs

Diese Funktion hat es aber im Laufe der Sprachgeschichte verloren. So kann es zum Beispiel bei weiblichen Wörtern gar kein Genitiv-s sein, weil diese Wörter kein Genitiv-s haben:

Heiratsanzeige
Flüchtigkeitsfehler
Mitternachtsmahl

Im heutigen Deutschen gibt es einfach nur an, dass zwei Wörter zusammengesetzt sind. Nach bestimmten Endungen (z.B. -heit, -keit, -tum, -ion) MUSS es stehen. Bei anderen Gruppen von Wörtern KANN es stehen. Mehr Angaben dazu finden Sie auf dieser und dieser Grammatikseite.

Wenn man nun zweifelt und ein Wort – wie hier Praktikum(s)zeugnis – nicht im Wörterbuch steht, kann man die folgende grobe Faustregel anwenden: Schauen Sie bei anderen Zusammensetzungen mit dem gleichen Wort an erster Stelle nach, ob sie mit oder ohne Fugenelement gebildet werden, und machen Sie es dann gleich.

In unserem Wörterbuch stehen zwei zusammengesetzte Wörter mit Praktikum an erster Stelle:

Praktikumsplatz
Praktikumsstelle

Sie haben beide ein Fugen-s. Demnach heißt es also tatsächlich auch:

Praktikumszeugnis

Diese Methode funktioniert nicht zu hundert Prozent, sie ist aber im Allgemeinen eine gute Faustregel bei Unsicherheiten.

Man kann natürlich auch mit Hilfe von Webbrowsern das Internet absuchen. Diese Methode ist aber mit sehr großer Vorsicht zu genießen, da vor allem bei einer geringen Anzahl Fundstellen eine ganze Reihe von störenden Faktoren eine Rolle spielen kann. Hier ist die Bilanz aber sehr deutlich: über 40.000 Fundstellen für „Praktikumszeugnis“ gegenüber nur etwas mehr als 400 für „Praktikumzeugnis“. Man kann also davon ausgehen, dass die Form Praktikumszeugnis eindeutig die im Deutschen übliche Form ist.

Am besten verlassen Sie sich in solchen Fällen ganz einfach auf Ihr Sprachgefühl und darauf, was Sie in Ihrer sprachlichen Umgebung als allgemein üblich wahrnehmen. Ein Rechtschreibprogramm erfüllt die Kontrolle der Fugenelemente nämlich oft nur (sehr) unvollständig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.