Den Dingen ihre Läufe lassen?

Frage

Ich habe ein Problem, bei dem mir partout keine Lösung sinnvoll erscheint: „Ich lasse dem literarischen Erguss seinen Lauf.“ Aber wie ist es bei mehreren Vorträgen: „Ich lasse den Ergüssen ihre Läufe.“ Oder doch nur: „Ich lasse den Ergüssen seinen Lauf.”

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die Redewendung lautet:

einer Sache ihren (freien) Lauf lassen

Gemeint ist, dass etwas nicht gehemmt oder eingeschränkt wird, dass nichts unternommen wird, um es zurückzuhalten. Das Possessivpronomen stimmt dabei mit dem Substantiv überein, dem dieser (freie) Lauf zugestanden wird:

Ich lasse dem Zorn seinen Lauf.
Ich lasse der Fantasie ihren freien Lauf.
Ich lasse den Dingen ihren Lauf.

Das Substantiv Lauf steht immer im Singular. Theoretisch wäre der Plural auch möglich (jedem einzelnen Ding seinen individuellen eigenen Lauf lassen →  *den Dingen ihre Läufe lassen). Trotzdem ist bei dieser Wendung nur der Singular Lauf üblich. Das Abstraktum Lauf im Sinne von Verlauf, den etwas nimmt eignet sich auch nicht besonders gut für eine Verwendung im Plural.

Es heißt hier also:

Ich lasse den literarischen Ergüssen ihren Lauf.

Mehr zum Thema Singular oder Plural in solchen und ähnliche Fällen steht übrigens in einem älteren Blogeintrag, der Sie vielleicht auch interessieren könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Im Gegensatz zu im Gegenteil

Heute wieder einmal eine Frage, über die Muttersprachige sich kaum je Gedanken machen. Entsprechend muss man zuerst einmal gut nachdenken, wenn Deutschlernende sie stellen:

Frage

Ich würde gern wissen, wie ich meinen kanadischen Deutschschülern den Unterschied zwischen „im Gegenteil“ und „im Gegensatz“ erklären kann.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

auf der Bedeutungsebene gibt es zwischen den gegenüberstellenden Wendungen im Gegenteil und im Gegensatz kaum einen merkbaren Unterschied. Das gilt nicht bei ihrer Verwendung im Satz.

Die Wendung im Gegenteil wird allein stehend verwendet, das heißt, das Gegenteilige wird nicht mehr genannt. Mit im Gegenteil wird angegeben, dass etwas vorher Gesagtes (ganz und gar) nicht zutrifft:

Gestern war das Wetter schön, aber heute nicht mehr. Heute hat es im Gegenteil den ganzen Tag geregnet.
Ich bin nicht unzufrieden, ganz im Gegenteil.

Bei im Gegensatz wird die Person oder Sache, der etwas gegenübergestellt wird, mit zu angefügt. Eine vorher genannte Sache oder ein vorher genannter Umstand erscheint oft als dazu oder hierzu:

Gestern war das Wetter schön. Heute hat es im Gegensatz dazu den ganzen Tag geregnet.
Du bist unzufrieden. Ich bin im Gegensatz zu dir sehr zufrieden.
Im Gegensatz zu seiner Schwester ist er nicht sehr sportlich.

Mit der üblichen Vorsicht können Sie den Unterschied für Ihre kanadischen Schüler wie folgt auf das Englische und Französische übertragen:

im Gegenteil = on the contrary, au contraire
im Gegensatz zu = in contrast to, contrairement à

Einfach die Übersetzung anzubieten ist im Fremdsprachenunterricht nicht die eleganteste Methode, aber in diesem Fall vielleicht doch die effizienteste.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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In der Tinte sitzen

Frage

Ich wollte Sie freundlich anfragen, ob Sie mir aus der Patsche helfen. Woher kommt wohl der Ausdruck „in der Tinte sitzen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

aus dieser Patsche kann ich Ihnen leider nicht helfen. Ich haben keine zuverlässige Erklärung für die Entstehung der Wendung in der Tinte sitzen (= in Bedrängnis, Schwierigkeiten sein) finden können.

Eine Erklärung sagt, dass man dann so richtig in der Tinte sitzt, wenn man durch etwas in Bedrängnis kommt, das schriftlich, das heißt mit Tinte festgelegt ist. Besser gefällt mir der Versuch, den Ursprung der Wendung in der „Geschichte von den schwarzen Buben“ im „Struwwelpeter“ zu suchen. In der nach heutigen Maßstäben politisch nicht sehr korrekten Erzählung wird ein vor dem Tor spazierender Mohr zum Gespött dreier böser Buben. Zur Strafe werden die uneinsichtigen Bösewichte ins große Tintenfass des großen Nikolas getunkt:

Da kam der große NIKOLAS
Mit seinem großen Tintenfaß.
Der sprach: »Ihr Kinder, hört mir zu,
Und laßt den Mohren hübsch in Ruh’!
Was kann denn dieser Mohr dafür,
Daß er so weiß nicht ist wie ihr?«
Die Buben aber folgten nicht,
Und lachten ihm ins Angesicht
Und lachten ärger als zuvor
Über den armen schwarzen Mohr
Der Niklas wurde bös und wild,
Du siehst es hier auf diesem Bild!
Er packte gleich die Buben fest,
Beim Arm, beim Kopf, bei Rock und West’,
Den Wilhelm und den Ludewig,
Den Kaspar auch, der wehrte sich.
Er tunkt sie in die Tinte tief,
Wie auch der Kaspar: »Feuer!« rief.
Bis übern Kopf ins Tintenfaß
Tunkt sie der große Nikolas
[Heinrich Hoffmann, Die Geschichte von den schwarzen Buben, in: Lustige Geschichten und drollige Bilder, 1845, Frankfurt am Main (ab 1847 mit dem Titel Der Struwwelpeter)]

So sympathisch die Erklärung auch klingen mag, die Redewendung in der Tinte sitzen kann ihren Ursprung nicht im „Struwwelpeter“ haben. Gemäß den Angaben in Grimm verwendete zum Beispiel Johann Geiler von Kaysersberg (1445-1510), Autor und bekannter Münsterprediger in Straßburg, diese Ausdrucksweise bereits Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts:

ir stecken mit mir in der dinten
[Doctor Keiserssbergs Postill, 1522]

soltestu den man strofen, din gesind strofen, so bistu selber in der dinten
[Peregrinus / Der bilger mit seinen eygenschaften, 1494]

Am wahrscheinlichsten ist, dass Tinte, die bei unsachgemäßer Handhabung ja ausgezeichnet und hartnäckig beschmutzen kann, eine nettere Alternative für Dreck war und ist. Auch ihre dunkle, undurchsichtige Färbung mag zu diesem negativen Bild beitragen. Mit Sicherheit kann ich dies aber leider nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Artikellos an Bord

Das Bild des vor der Insel Giglio verunglückten Kreuzfahrtschiffes ist jetzt schon ein Kandidat für das Medienbild des Jahres. Auch die Worte des Offiziers der Hafenbehörde von Livorno an den Kapitän der Costa Concordia sind inzwischen schon fast weltberühmt: „Vada a bordo!“ („Gehen Sie an Bord!“) Er ließ dieser Aufforderung noch einen Kraftausdruck folgen, den man übrigens nicht, wie ich an verschiedenen Stellen gelesen habe, ganz wörtlich mit einer vulgären Bezeichnung für den männlichen Körperteil übersetzen kann. Auf gut Deutsch bekräftige er seinen Befehl mit einem von Herzen kommenden „verdammt nochmal“.

Es geht hier nun nicht um Schuld- und Sicherheitsfragen. Sie sind gerade bei einem Ereignis, bei dem Menschen das Leben lassen mussten, etwas zu groß für einen Blogeintrag an dieser Stelle. Mir fiel bei den Worten „Vada a bordo!“ einfach auf, dass man offenbar auch in der italienischsprachigen Schifffahrt bei gewissen Ausdrücken auf den Artikel verzichtet: a bordo. Vgl.:

an Bord
von Bord gehen
über Bord gehen/werfen

Das Wort Bord erscheint sogar (fast?) nur in solchen Ausdrücken. Wüssten Sie auf Anhieb, ob es der, die oder das Bord ist? Gemäß z. B. DWDS ist dieses Nomen Bord männlich und wurde es früher auch ohne an, von oder über verwendet: der schwankende Bord.

Auch andere Substantive werden in Wendungen aus der Seefahrt ohne Artikel verwendet. Zum Beispiel:

an Deck, auf Deck, unter Deck
an Land
auf See, in See stechen
auf Grund laufen

Eine schöne Erklärung wäre, dass Ausdrücke und Befehle auf einem Schiff kurz und bündig sein mussten, damit man sie auch ganz oben in der Takelage und allgemein bei Sturmdröhnen und Wellendonnern verstehen konnte. Das mag eine Rolle gespielt haben, aber

– nicht alle Wendungen aus der Seefahrt sind nur ohne Artikel gebräuchlich:

am Bug
am Wind, im Wind segeln
über das Heck kentern
über die Toppen flaggen

– artikellose feste Wendungen dieser Art gibt es auch im Bereich der Landratten:

außer Haus
bei Tisch
gegen Abend
ohne Gewähr
zu Bett gehen

Es gibt also feste Wendungen, die ohne Artikel stehen. Es ist mir nicht gelungen, eine Erklärung oder sogar eine Regel zu finden, wann genau diese Artikellosigkeit auftritt. Ich weiß also nicht genau, warum es an Bord gehen und nicht an den Bord gehen heißt oder warum man sagt, dass der Kraftausdruck, der dem Befehl „Vada a bordo!“ folgte, artikellos von Herzen kam. Man muss diese Wendungen bewusst oder unbewusst lernen – wie a bordo zeigt, nicht nur im Deutschen.

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Warum geht einem ein Licht auf und nicht an?

Frage

Warum geht jemanden ein Licht auf ? Das Licht geht doch eigentlich an.

Antwort

Guten Tag C.,

woher der Ausdruck genau stammt, weiß ich leider nicht. Er ist nämlich schon recht alt. So kommt die Wendung schon in der Lutherbibel 1545 vor:

… die da sassen / am ort vnd schatten des tods / den ist ein Liecht auffgangen.
… und die da saßen am Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht aufgegangen.
(Matthäus 4, 16)

Gemeint ist weniger das Licht als Glühbirne, die als Zeichen einer Erleuchtung oder guten Idee über dem Kopf von zum Beispiel Daniel Düsentrieb und anderen Donald-Duck-Figuren angeht. Gemeint ist vielmehr das Licht als leuchtender Himmelskörper, der in der Finsternis der Unwissenheit aufgeht und Klarheit bringt. Meistens ist es heute allerdings etwas nüchterner gemeint, wenn man sagt, dass einem ein Licht aufgegangen ist. Das Bild hat im Laufe der Zeit an Kraft verloren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Als oder zum Dank

Frage

Wie lautet der Satz richtig:

- Als Dank für seine Firmentreue wird Herr … geehrt.
- Zum Dank für seine Firmentreue wird Herr … geehrt.

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

beides ist üblich und richtig:

Als Dank für seine Firmentreue wird Herr M. geehrt.
Zum Dank für seine Firmentreue wird Herr M. geehrt.

Die erste und wichtigste Begründung lautet, dass im Deutschen beide Formulierungen verwendet, verstanden und akzeptiert werden. Bei fest(er)en Wendungen ist oft keine bessere Erklärung als diese möglich. Manchmal hilft selbst ein Abstecher in die Sprachgeschichte nicht oder nur bedingt weiter (vgl. diesen älteren Beitrag).

In diesem Fall sind allerdings beide Formulierungen auch grammatisch erklärbar: Die Formulierung mit als drückt aus, dass Herrn M.s Ehrung der Dank für seine Firmentreue ist. Die Ehrung dient als Dank. Mit zum wird gesagt, dass der Dank für die Firmentreue der Anlass, der Grund für Herrn M.s Ehrung ist. Gemeint ist in beiden Fällen, dass man Herrn M. für seine Firmentreue dankbar ist und ihn deshalb ehrt.

Ich nehme an, dass die Ehrung aus hoffentlich wohlgemeinten positiven Worten besteht. Ich hoffe weiter, dass Herr M. als oder zum Dank dafür, dass er so lange bei der Firma war, neben dem unvermeidlichen Blumenstrauß auch einen seinem Einsatz entsprechenden Bonus erhält, auch wenn er nicht zum vielleicht schon bonusgewöhnten obersten Management gehört. Doch hier beginne ich mich in Personalangelegenheiten einzumischen, die mich als „Sprachdoktor“ gar nichts angehen. Nichts für ungut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Artikellos von Herzen

Frage

Warum heißt es eigentlich von Herzen und nicht vom Herzen? Eine Vermutung: Es handelt sich um einen feststehenden Ausdruck. Julius Cäsar soll einmal gesagt haben „ab imo pectore“, was unserem von ganzem Herzen entspricht. „Ab“ bedeutet im lateinischen von und wurde einfach 1:1 ins Deutsche übersetzt, ohne es unserer Grammatik anzupassen. Hätte man das getan, würde man vom Herzen sagen.

Antwort

Guten Tag T.,

es handelt sich tatsächlich um einen feststehenden Ausdruck, den es im Deutschen schon lange gibt. Eine „ungrammatische“ Übernahme aus dem Lateinischen bezweifle ich, zumal es im Deutschen ja auch die Wendungen von ganzem Herzen und noch wörtlicher aus tiefstem Herzen gibt.

Der Ausdruck ist nicht neu. So dichtete bereits Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230):

ir kumber manicvalter
der tuot mir von herzen wê
[König-Heinrichston, 9-10]

Aus ungefähr 1254 stammt die folgende Zeile von Rudolfs von Ems:

Nu ist mir von herzen lait
[Willehalm von Orlens, 10629]

Später schrieb zum Beispiel der Barockdichter Friedrich von Logau (1605-1655) in seinen „Sinngedichten“:

Deutsche mühen sich jetzt hoch, deutsch zu reden fein und rein;
Wer von Hertzen redet deutsch, wird der beste Deutsche seyn.
[Sinngedichte, II, 8, 13]

Wer die Freundschaft brechen kann, fing sie nie von Herzen an

Und auch bei Goethe geschah hin und wieder etwas von Herzen. So schrieb er 1768:

Wir lieben lange so, bis wir zuletzt erfahren,
Daß wir, statt treu zu sein, von Herzen närrisch waren.
[Die Laune des Verliebten, 4. Auftritt]

Den Ausdruck von Herzen gibt es also schon lange. Es ist deshalb schwierig, zu ergründen, weshalb man im übertragenen Sinne nicht vom Herzen sagen muss. Mir ist es leider nicht gelungen. Als einzige „Erklärung“ könnte ich anführen, dass dies bei festen Wendungen häufiger vorkommt. So kann etwas nicht nur von Herzen geschehen, es kann auch zu Herzen gehen. Auch hier fehlt eigentlich der Artikel. Ebenso zum Beispiel:

an Bord, auf See, außer Konkurrenz, gegen Abend, nach Laune, ohne Gewähr, über Nacht, zu Bett

Im übertragenen Sinne tut man also etwas von Herzen (wie?). Im wörtlich[er]en Sinne (woher?) braucht es dann wieder einen Artikel: Venen führen Blut zum Herzen, arterielles Blut kommt vom Herzen. Und auch wahre Schönheit, sagt ein in der Kosmetikindustrie selten verwendetes Sprichwort, kommt vom Herzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was für ein „moppel“ steckt in doppelt gemoppelt?

Frage

Woher stammt der Ausdruck doppelt gemoppelt?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

leider kann ich Ihnen nur eine sehr unvollständige Antwort geben. Ich weiß weder, wann und wo der Ausdruck entstanden ist, noch, was für ein moppel genau in gemoppelt steht. Mit der umgangssprachlichen Wendung doppelt gemoppelt drückt man wie mit doppelt genäht hält besser aus, dass etwas (meist unnötigerweise) zweimal ausgedrückt wird.

Das umgangssprachliche Substantiv Moppel bezeichnet einen dicklichen Menschen, einen molligen Hund oder eine vollschlanke Katze. Das umgangssprachliche Verb moppeln hat unter anderem die Bedeutung – sagen wir es einmal ganz gesittet – beischlafen. Der Bedeutungszusammenhang mit doppelt gemoppelt ist mir in beiden Fällen ziemlich schleierhaft. Vielleicht gibt es auch eine Verbindung mit moppen (mit einem Mopp saubermachen). Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, woher gemoppelt genau kommt. Es geht vor allem um die lautliche Wiederholung, die die Bedeutung der Wendung so schön wiedergibt. Wichtig ist bei gemoppelt also vielmehr der Klang als der Inhalt.

Vielleicht kennt ja ein Leser oder eine Leserin des Blogs die Antwort  – oder einen Teil davon – und ist so nett, dieses Wissen hier mit uns zu teilen. Das Wetter soll ja am Pfingstwochenende nicht überall ganz so schön werden, wie wir es gerne hätten. Freie Zeit und mäßige meteorologische Verhältnisse sind eine gute Voraussetzung für eine kurzen Griff zur Tastatur. Dr. Bopp ist eben auch nur ein Mensch und nicht allwissend. Dies festzustellen ist wohl noch nicht doppelt gemoppelt, aber eine Binsenwahrheit ist es in jedem Fall.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Pfingstwochende

Dr. Bopp

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An und auf der Stelle

Frage

Darf ich sowohl „Auf deiner Stelle würde ich …“  als auch „An deiner Stelle würde ich …“ schreiben?

Antwort

Guten Tag J.,

die Redewendung lautet üblicherweise:

An deiner Stelle würde ich …

Etwas steht, liegt, ist, befindet sich, ruht usw. an einer Stelle. Auch in der übertragenen Bedeutung wenn ich an deiner Stelle stünde verwendet man an:

Was würdest du an meiner Stelle tun.
An deiner Stelle würde ich sofort damit aufhören.
Er behauptete, dass er an ihrer Stelle schneller reagiert hätte.

Es heißt also in der Regel an einer/deiner Stelle, nicht auf einer/deiner Stelle. Damit es aber für zum Beispiel Deutschlernende nicht allzu einfach wird, sagt man manchmal doch auf der Stelle. Es handelt sich dann aber um eine andere feste Wendung:

auf der Stelle = sofort
Der Führerschein wurde ihr auf der Stelle entzogen.
An deiner Stelle würde ich auf der Stelle damit aufhören.

Ebenfalls mit auf steht der folgende, eher umgangssprachliche Ausdruck:

auf der Stelle treten = nicht vorwärts kommen; keine Fortschritte machen
Ich habe das Gefühl, dass ich beruflich schon lange auf der Stelle trete.

So viel zu an und auf der Stelle.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Adverbialgenitiv

Lassen Sie sich durch den ziemlich fachsprachlichen Titel nicht abschrecken! Wieder einmal hat mich eine Frage eines Nicht-Muttersprachigen auf eine Eigenheit des Deutschen hingewiesen, durch die unsere Sprache zwar nicht einfacher, aber dafür oft ein bisschen schöner wird.

Frage

Ich habe eine Frage zu diesem Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, …“ Warum heißt es dort „eines Morgens“? Ich habe gesehen, dass es in vielen literarischen Texten eine ähnliche Struktur im Genitiv gibt. Warum ist das so?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

es handelt sich bei eines Morgens um eine im Genitiv stehende feste Wendung. Sie ist eine unbestimmte Zeitangabe und hat als solche die Funktion einer Adverbialbestimmung. Der Genitiv wird nicht durch ein Verb oder durch ein anderes Wort im Satz bestimmt. Solche im Genitiv stehenden Adverbialbestimmungen werden Adverbialgenitive genannt (vgl. hier und hier). Adverbialgenitive sind häufig wie in Ihrem Beispiel unbestimmte Zeitangaben, sie können aber auch andere Bedeutungen haben. Weitere Beispiele:

Eines Tages wirst du es verstehen.

Der Kriminalkommissar erhielt eines späten Abends telefonisch einen anonymen Hinweis.

Letzen Endes zählt nicht, was war, sondern was ist.

Die Rohstoffpreise bleiben unseres Erachtens auf einem hohen Niveau.

Das Zitat stammt meines Wissens von Max Liebermann.

Er war aufgebrochen, um um Hilfe zu bitten, kehrte jedoch unverrichteter Dinge zurück.

Dem stimme ich leichten Herzens zu.

Welche Fische kann man ruhigen Gewissens essen?

Beleidigt drehte er sich auf dem Absatz um und verließ schnellen Schrittes das Motel.

Selbst als der Kaiser stolzen Hauptes splitternackt durch die Straßen schreitet, hört man lauter Ahs und Ohs.

Es gibt noch viel mehr Adverbialgenitive, für die wie für die obenstehenden Beispiele gilt: Gezielt eingesetzt können sie sehr schön sein, aber an der falschen Stelle und übermäßig verwendet drohen sie zu papierdeutschen Klischees zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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