Angerannt kommen

Heute zu einer etwas seltsamen Verwendung des Perfektpartizips:

Frage

Charles Benjamin Schade hat in seinem Buch  „A Complete Practical Grammar of the German Language“ das Beispiel „Er kommt gelacht“ (S. 329) angeführt. Es geht um eine alte Quelle aus dem 19. Jahrhundert. Im Internet habe ich auch die Konstruktion „kommen + gesungen“ gefunden, und zwar: Ebert, Erika – Fünf Englein kommen gesungen. Ein deutsches Weihnachtsspiel für Kinder in zwei Bildern. Sind solche Konstruktionen „kommen + gelacht/gesungen“ richtig oder falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

Wendungen wie gesungen kommen und gelacht kommen scheinen tatsächlich üblich gewesen zu sein. Man findet sie auch im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm unter dem Eintrag kommen.

»man kommt gefahren, gelaufen, geritten, gehinkt, gestolpert, gesprungen, gestürzt, daher gesaust, daher geschossen, auch gelacht, geweint, gesungen, gepoltert u. ä.; Hännschen, kömmt getrallert .«
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Eintrag kommen, Abschnitt II 4 a [Hervorhebung von mir] 

Nach meinem Empfinden und nach den Angaben in zum Beispiel DWDS, Duden, Pons und anderen Quellen sind im heutigen Deutschen aber nur noch Wendungen üblich, bei denen das Partizip II zu einem Verb der Fortbewegung gehört. Ich würde weiter präzisieren, dass diese Formulierung vor allem dann üblich ist, wenn das Verb ein Präfix der Art an-, herbei-, herunter- u. Ä. hat oder von einer Ortsangabe begleitet wird. Zum Beispiel:

Wir warteten schon lange auf den Bus, als er endlich angefahren kam.
Nach dem Knall kamen viele Nachbarn herbeigerannt.
Polternd kam er die Treppe heruntergestürzt.

Die Fans kommen wütend auf den Platz gerannt.
Luise kam händeringend aus dem Haus gestürzt.
Eine Taube kam aus dem Gebüsch gehüpft.

aber auch z. B.: Ein Stein kam geflogen.

Interessant ist dabei, dass das Partizip Perfekt (Partizip II) hier angibt, in welcher Weise die Fortbewegung geschieht. Das tut es normalerweise nicht. Wir sind uns dies eigentlich eher vom Partizip Präsens (Partizip I) gewohnt:

angefahren kommen = fahrend kommen
gehüpft kommen = hüpfend kommen

Um nun wieder auf Ihre Frage zurückzukommen: Formulierungen der Art gelacht kommen und gesungen kommen sind – abgesehen vielleicht von poetischen Kontexten – im heutigen Deutsch nicht üblich. Mit Verben, die eine Fortbewegung ausdrücken, ist diese Konstruktion (Partizip II + kommen) aber noch sehr lebendig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dick und dünn groß oder klein?

Frage

Ich tue mich etwas schwer mit der Schreibunge von „dick und dünn“ bzw. „Dick und Dünn“. Gibt es da Regeln?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

ob man „dick und dünn“ oder „Dick und Dünn“ schreibt, hängt vom Kontext ab. In der Wendung

durch dick und dünn

schreibt man die Adjektive wie oben klein. Nach der Rechtschreibregelung schreibt man feste adverbiale Wendungen, die aus einer Präposition und einem ungebeugten Adjektiv bestehen, klein (siehe hier). Die Wendung durch dick und dünn = in allen Situationen, in allen Lebenslagen entspricht dieser Regel, auch wenn sie zwei Adjektive enthält. Beispiele:

Man sah den Turm schon von fern.
Reparaturen nur gegen bar
Sie arbeitete von früh bis spät.
Die Zuschauer kamen von nah und fern.
Wir werden uns über kurz oder lang entscheiden müssen.
Echte Freunde gehen miteinander durch dick und dünn.

Die Großschreibung Dick und Dünn kann aber auch vorkommen, zum Beispiel dann, wenn alle Menschen ungeachtet ihrer Leibesfülle gemeint sind:

Sportliche Aktivitäten für Jung und Alt und Dick und Dünn.

Nicht gebeugte Paarformeln von ungebeugten Adjektiven werden großgeschrieben (siehe hier). Weitere Beispiele:

ein Programm für Alt und Jung
Alt und Jung
war(en) begeistert.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst rasant.
Supermarkt für Arm und Reich
jenseits von Gut und Böse
der Kampf zwischen Gut und Böse
Aktivitäten für Dick und Dünn

Es wäre schön, wenn damit alle Zweifelsfälle aus der Welt geschafft wären. Dem ist natürlich nicht so, aber für heute soll es genügen, dass sich mit diesen beiden Regeln sehr viele der Zweifelsfälle in diesem Teilbereich bewältigen lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Etwas in Kauf nehmen

Heute mache ich es mir einmal ganz einfach. Ich zitiere zuerst die schöne Frage von Herrn P. und verwende für die Antwort ein Zitat aus dem Redensarten-Index, einem Wörterbuch, auf das wir in Canoonet für Angaben zu Redewendungen und Redensarten verweisen und das ich für solche Fragen sehr empfehlen kann. 

Frage

Woher stammt die Redewendung „etwas in Kauf nehmen“? Sie erinnert mich an die ehemalige Sowjetunion. Wie überall in den sozialistischen Ländern herrschte hier Planwirtschaft. Wer den Plan erfüllte oder übererfüllte, bekam eine Prämie. Das  führte zu folgenden Erscheinungen: Beim Kauf von Kaviar musste man zusätzlich Sprotten nehmen, [eine Art Heringe,] die keiner haben wollte. Kaviar war zwar nicht sehr teuer, kam aber selten auf den Ladentisch. Hier musste man  wörtlich beim Kaviarkauf die Sprotten in Kauf nehmen.

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

Ihre Vermutung ist richtig. Die Redewendung etwas in Kauf nehmen (etwas hinnehmen; etwas Unangenehmes bei einer sonst vorteilhaften Angelegenheit dulden) hat offenbar genau diesen Ursprung.

Ich mache es mir diesmal ganz einfach und zitiere hier den Redensarten-Index, auf den wir auch von unseren Seiten aus verweisen:

Die Wendung geht auf die Form „etwas mit in den Kauf nehmen“ zurück. Ein Käufer bekam früher gelegentlich etwas Ware zusätzlich mit in den Kauf, wenn der Händler nicht genug Kleingeld zum Herausgeben hatte. „In den Kauf geben“ bezeichnete also eine Zugabe des Verkäufers. Auch bürdeten Wucherer dem Entleiher oft für einen Teil des geborgten Geldes Waren auf, die dieser zwar nicht gebrauchen konnte, die er aber abnahm, um überhaupt ins Geschäft zu kommen. Dies führte zu der Bedeutung: unliebsame Zugabe zu etwas Vorteilhaftem hinnehmen. Der Käufer nahm etwas Unliebsames mit „in (den) Kauf“. Ein Beispiel für die übertragene Bedeutung findet sich 1785 bei Friedrich Wilhelm Gotter in dem Gedicht „Liebeserklärung“: „Ach, Einen Kuß von dir (und ging auch eine Dachtel [=Ohrfeige] / In Kauf) bezahlt‘ ich gern mit meines Lebens Achtel“
Quelle: Redensarten-Index, Eintrag etwas in Kauf nehmen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Warum „haben geöffnet gehabt“ doch richtig sein kann

Frage

Ein Kursteilnehmer fragte im Deutschunterricht einer Freundin von mir, was der Satz „Wir haben bis 19 Uhr geöffnet“ bedeute und ob das Perfekt sei. Wie erklärt man die möglichen und unterschiedlichen Verwendungen von „wir haben geöffnet“ (Präsens bzw. Perfekt) am besten?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

in Wir haben bis 19 Uhr geöffnet ist haben geöffnet tatsächlich kein Perfekt. Hier wird das Partizip geöffnet in Verbindung mit haben gleich verwendet wie das Adjektiv offen oder, eher umgangssprachlich, die Adverbien auf und zu.

Wir haben geöffnet/offen/auf. (= Unser Geschäft/Schalter ist geöffnet.)
Wir haben geschlossen/zu. (= Unser Geschäft/Schalter ist geschlossen.)

Es handelt sich hier also um das Präsens der mehr oder weniger festen Wendung geöffnet haben.

Präsens: Wir haben geöffnet.
Präteritum: Wir hatten geöffnet.
Perfekt: Wir haben geöffnet gehabt.

Und hiermit sind wir beim Unterschied zum Perfekt von öffnen. Es lautet ebenfalls wir haben geöffnet:

Präsens: wir öffnen
Präteritum: wir öffneten
Perfekt: wir haben geöffnet

Was im konkreten Fall gemeint ist, das Präsens der Wendung geöffnet haben oder das Perfekt des Verbs öffnen, gibt der Satzzusammenhang an. In diesem Fall ist es ganz einfach: Das Verb öffnen kann nicht ohne ein Akkusativobjekt stehen. Auch im Perfekt muss also immer angegeben werden, was geöffnet wird. Zum Beispiel:

Wir haben den Laden/die Fenster/eine Dose/ein paar Flaschen geöffnet.

Ohne einen Akkusativobjekt handelt es sich um die Wendung geöffnet haben = offen haben.

Wir haben bis 19 Uhr/heute/den ganzen Tag geöffnet.

Den Unterschied kann man also einfach daran erkennen, ob angegeben wird, was geöffnet wird, das heißt, ob ein Akkusativobjekt von geöffnet haben abhängig ist.

Für weniger fortgeschrittene Deutschlernende wahrscheinlich etwas hoch gegriffen, für alle anderen nicht sehr wichtig, aber für diejenigen, die ab und zu gerne mit Formen jonglieren, vielleicht doch interessant ist diese abschließende Feststellung: Auch wenn man das standardsprachlich verpönte doppelte Perfekt wie in

Wir haben heute Morgen die Fenster geöffnet gehabt

besser vermeiden sollte, kann man also sagen

Wir haben heute Morgen geöffnet gehabt

Letzteres ist zwar auch nicht die allereleganteste Formulierung, aber ein „erlaubtes“ einfaches Perfekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Fall in »der Meinung sein«

Heute schon wieder der Fall eines ungewöhnlichen Falles:

Frage

Dürfte ich eine Frage stellen:

Ich bin der Meinung, dass …

In welchem Fall steht „der Meinung“? Genitiv oder Dativ? Ich bin mir nämlich nicht sicher, welcher der beiden folgenden Sätze richtig ist:

Diese Meinung, deren ich nicht bin, wird häufig vertreten. (Gen.)
Diese Meinung, der ich nicht bin, wird häufig vertreten. (Dat.)

Der zweite klingt besser, aber auch irgendwie nicht ganz richtig. Oder ist keine dieser Formulierungen korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

keine der beiden Formulierungen klingt wirklich richtig, weil keine von ihnen wirklich richtig ist. In der Wendung der Meinung sein steht Meinung im Genitiv. Es handelt sich um einen prädikativen Genitiv, d.h. um einen Genitiv, der über das Verb sein mit dem Subjekt verbunden ist. Solche Genitive kommen nur noch bei bestimmten Substantiven in relativ festen Wendungen vor. Zum Beispiel:

der/gleicher/anderer Ansicht sein
der/gleicher/anderer Meinung sein
guten Mutes, guter Laune, guter Dinge sein
gleichen Alters sein
guter Hoffnung sein
voller Erwartung, voller Hoffnung, voller Spannung sein
des Glaubens sein
reinen Herzens sein
bäuerlicher Herkunft sein
natürlichen Ursprungs sein

Es müsste also theoretisch heißen:

*Diese Meinung, deren (o. derer) ich nicht bin, wird häufig vertreten.

Warum theoretisch und warum das Sternchen vor dem Beispielsatz? Bei festen Wendungen ist es oft so, dass syntaktisch nicht alles möglich ist, was bei „normalen“ Wendungen vorkommt. So ist es bei diesen Wendungen z. B. nicht möglich (oder sehr ungebräuchlich), einen Relativsatz zu bilden:

nicht: *die (üble) Laune, deren wir sind
nicht: *das Alter, dessen sie sind
nicht: *das reine Herz, dessen ihr seid
nicht: *die Meinung, deren ich nicht bin

Sie können hier deshalb besser auf eine andere Formulierung ausweichen. Zum Beispiel:

Diese Meinung, die ich nicht teile, wird häufig vertreten.

Ich hoffe, dass Sie hier mit mir einer Meinung sein werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mir ist/hat viel an ihm gelegen?

Frage

Mir kam neulich die Frage, ob es einen Bedeutungsunterschied zwischen gelegen haben und gelegen sein in Verbindung mit Personen gibt. Was wäre standardsprachlich korrekt? Welche Zeitformen sind richtig? Also zum Beispiel:

Mir ist viel an ihm gelegen.
Mir hat viel an ihm gelegen.

Mir war viel an ihm gelegen.
Mir hatte viel an ihm gelegen.

Gibt es dafür eine Regel oder eine Empfehlung? Wären alle vier Zeitformen grammatikalisch korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

alle Formulierungen sind korrekt. Etwas verwirrend ist hier wahrscheinlich, dass es sich um zwei verschiedene Wendungen handelt, die einander sehr ähnlich sind:

a) jemandem liegt viel an jemandem/etwas
b) jemandem ist viel an jemandem/etwas gelegen

Es gibt keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Formulierungen:

Mir liegt viel an ihm = Mir ist viel an ihm gelegen.

Die Form ist gelegen ist hier also keine Vergangenheitsform. Es ist eine Form des Präsens, wie zum Beispiel auch ist geöffnet in die Tür ist geöffnet eine Präsensform ist. Zu den einzelnen Zeitformen:

Präsens:
a) Mir liegt viel an ihm.
b) Mir ist viel an ihm gelegen

Präteritum:
a) Mir lag viel an ihm.
b) Mir war viel an ihm gelegen.

Perfekt:
a) Mir hat viel an ihm gelegen.
b) Mir ist viel an ihm gelegen gewesen.

Plusquamperfekt
a) Mir hatte viel an ihm gelegen.
b) Mir war viel an ihm gelegen gewesen.

Im Perfekt und im Plusquamperfekt sind übrigens insbesondere die Formulierungen b) selten und stilistisch nicht unbedingt empfehlenswert.

Wenn Sie dasselbe ausdrücken wollen, haben Sie also nicht diese beiden Möglichkeiten:

Mir ist viel an ihm gelegen.
Mir hat viel an ihm gelegen.

sondern diese beiden im Präsens:

Mir ist viel an ihm gelegen.
Mir liegt viel an ihm.

oder diese beiden im Perfekt:

Mir hat viel an ihm gelegen.
Mir ist viel an ihm gelegen gewesen.

Je mehr ich diese Beispielsätze ohne weiteren Kontext nebeneinanderstelle, desto verwirrender werden sie. Manchmal ist eine allzu systematische Darstellung eher verwirrend als erhellend. Ich höre deshalb an dieser Stelle auf, denn es liegt mir viel daran und es ist mir viel daran gelegen, nicht allzu unverständliche Antworten zu formulieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Den Dingen ihre Läufe lassen?

Frage

Ich habe ein Problem, bei dem mir partout keine Lösung sinnvoll erscheint: „Ich lasse dem literarischen Erguss seinen Lauf.“ Aber wie ist es bei mehreren Vorträgen: „Ich lasse den Ergüssen ihre Läufe.“ Oder doch nur: „Ich lasse den Ergüssen seinen Lauf.“

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die Redewendung lautet:

einer Sache ihren (freien) Lauf lassen

Gemeint ist, dass etwas nicht gehemmt oder eingeschränkt wird, dass nichts unternommen wird, um es zurückzuhalten. Das Possessivpronomen stimmt dabei mit dem Substantiv überein, dem dieser (freie) Lauf zugestanden wird:

Ich lasse dem Zorn seinen Lauf.
Ich lasse der Fantasie ihren freien Lauf.
Ich lasse den Dingen ihren Lauf.

Das Substantiv Lauf steht immer im Singular. Theoretisch wäre der Plural auch möglich (jedem einzelnen Ding seinen individuellen eigenen Lauf lassen →  *den Dingen ihre Läufe lassen). Trotzdem ist bei dieser Wendung nur der Singular Lauf üblich. Das Abstraktum Lauf im Sinne von Verlauf, den etwas nimmt eignet sich auch nicht besonders gut für eine Verwendung im Plural.

Es heißt hier also:

Ich lasse den literarischen Ergüssen ihren Lauf.

Mehr zum Thema Singular oder Plural in solchen und ähnliche Fällen steht übrigens in einem älteren Blogeintrag, der Sie vielleicht auch interessieren könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Im Gegensatz zu im Gegenteil

Heute wieder einmal eine Frage, über die Muttersprachige sich kaum je Gedanken machen. Entsprechend muss man zuerst einmal gut nachdenken, wenn Deutschlernende sie stellen:

Frage

Ich würde gern wissen, wie ich meinen kanadischen Deutschschülern den Unterschied zwischen „im Gegenteil“ und „im Gegensatz“ erklären kann.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

auf der Bedeutungsebene gibt es zwischen den gegenüberstellenden Wendungen im Gegenteil und im Gegensatz kaum einen merkbaren Unterschied. Das gilt nicht bei ihrer Verwendung im Satz.

Die Wendung im Gegenteil wird allein stehend verwendet, das heißt, das Gegenteilige wird nicht mehr genannt. Mit im Gegenteil wird angegeben, dass etwas vorher Gesagtes (ganz und gar) nicht zutrifft:

Gestern war das Wetter schön, aber heute nicht mehr. Heute hat es im Gegenteil den ganzen Tag geregnet.
Ich bin nicht unzufrieden, ganz im Gegenteil.

Bei im Gegensatz wird die Person oder Sache, der etwas gegenübergestellt wird, mit zu angefügt. Eine vorher genannte Sache oder ein vorher genannter Umstand erscheint oft als dazu oder hierzu:

Gestern war das Wetter schön. Heute hat es im Gegensatz dazu den ganzen Tag geregnet.
Du bist unzufrieden. Ich bin im Gegensatz zu dir sehr zufrieden.
Im Gegensatz zu seiner Schwester ist er nicht sehr sportlich.

Mit der üblichen Vorsicht können Sie den Unterschied für Ihre kanadischen Schüler wie folgt auf das Englische und Französische übertragen:

im Gegenteil = on the contrary, au contraire
im Gegensatz zu = in contrast to, contrairement à

Einfach die Übersetzung anzubieten ist im Fremdsprachenunterricht nicht die eleganteste Methode, aber in diesem Fall vielleicht doch die effizienteste.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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In der Tinte sitzen

Frage

Ich wollte Sie freundlich anfragen, ob Sie mir aus der Patsche helfen. Woher kommt wohl der Ausdruck „in der Tinte sitzen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

aus dieser Patsche kann ich Ihnen leider nicht helfen. Ich haben keine zuverlässige Erklärung für die Entstehung der Wendung in der Tinte sitzen (= in Bedrängnis, Schwierigkeiten sein) finden können.

Eine Erklärung sagt, dass man dann so richtig in der Tinte sitzt, wenn man durch etwas in Bedrängnis kommt, das schriftlich, das heißt mit Tinte festgelegt ist. Besser gefällt mir der Versuch, den Ursprung der Wendung in der „Geschichte von den schwarzen Buben“ im „Struwwelpeter“ zu suchen. In der nach heutigen Maßstäben politisch nicht sehr korrekten Erzählung wird ein vor dem Tor spazierender Mohr zum Gespött dreier böser Buben. Zur Strafe werden die uneinsichtigen Bösewichte ins große Tintenfass des großen Nikolas getunkt:

Da kam der große NIKOLAS
Mit seinem großen Tintenfaß.
Der sprach: »Ihr Kinder, hört mir zu,
Und laßt den Mohren hübsch in Ruh’!
Was kann denn dieser Mohr dafür,
Daß er so weiß nicht ist wie ihr?«
Die Buben aber folgten nicht,
Und lachten ihm ins Angesicht
Und lachten ärger als zuvor
Über den armen schwarzen Mohr
Der Niklas wurde bös und wild,
Du siehst es hier auf diesem Bild!
Er packte gleich die Buben fest,
Beim Arm, beim Kopf, bei Rock und West’,
Den Wilhelm und den Ludewig,
Den Kaspar auch, der wehrte sich.
Er tunkt sie in die Tinte tief,
Wie auch der Kaspar: »Feuer!« rief.
Bis übern Kopf ins Tintenfaß
Tunkt sie der große Nikolas
[Heinrich Hoffmann, Die Geschichte von den schwarzen Buben, in: Lustige Geschichten und drollige Bilder, 1845, Frankfurt am Main (ab 1847 mit dem Titel Der Struwwelpeter)]

So sympathisch die Erklärung auch klingen mag, die Redewendung in der Tinte sitzen kann ihren Ursprung nicht im „Struwwelpeter“ haben. Gemäß den Angaben in Grimm verwendete zum Beispiel Johann Geiler von Kaysersberg (1445-1510), Autor und bekannter Münsterprediger in Straßburg, diese Ausdrucksweise bereits Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts:

ir stecken mit mir in der dinten
[Doctor Keiserssbergs Postill, 1522]

soltestu den man strofen, din gesind strofen, so bistu selber in der dinten
[Peregrinus / Der bilger mit seinen eygenschaften, 1494]

Am wahrscheinlichsten ist, dass Tinte, die bei unsachgemäßer Handhabung ja ausgezeichnet und hartnäckig beschmutzen kann, eine nettere Alternative für Dreck war und ist. Auch ihre dunkle, undurchsichtige Färbung mag zu diesem negativen Bild beitragen. Mit Sicherheit kann ich dies aber leider nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Artikellos an Bord

Das Bild des vor der Insel Giglio verunglückten Kreuzfahrtschiffes ist jetzt schon ein Kandidat für das Medienbild des Jahres. Auch die Worte des Offiziers der Hafenbehörde von Livorno an den Kapitän der Costa Concordia sind inzwischen schon fast weltberühmt: „Vada a bordo!“ („Gehen Sie an Bord!“) Er ließ dieser Aufforderung noch einen Kraftausdruck folgen, den man übrigens nicht, wie ich an verschiedenen Stellen gelesen habe, ganz wörtlich mit einer vulgären Bezeichnung für den männlichen Körperteil übersetzen kann. Auf gut Deutsch bekräftige er seinen Befehl mit einem von Herzen kommenden „verdammt nochmal“.

Es geht hier nun nicht um Schuld- und Sicherheitsfragen. Sie sind gerade bei einem Ereignis, bei dem Menschen das Leben lassen mussten, etwas zu groß für einen Blogeintrag an dieser Stelle. Mir fiel bei den Worten „Vada a bordo!“ einfach auf, dass man offenbar auch in der italienischsprachigen Schifffahrt bei gewissen Ausdrücken auf den Artikel verzichtet: a bordo. Vgl.:

an Bord
von Bord gehen
über Bord gehen/werfen

Das Wort Bord erscheint sogar (fast?) nur in solchen Ausdrücken. Wüssten Sie auf Anhieb, ob es der, die oder das Bord ist? Gemäß z. B. DWDS ist dieses Nomen Bord männlich und wurde es früher auch ohne an, von oder über verwendet: der schwankende Bord.

Auch andere Substantive werden in Wendungen aus der Seefahrt ohne Artikel verwendet. Zum Beispiel:

an Deck, auf Deck, unter Deck
an Land
auf See, in See stechen
auf Grund laufen

Eine schöne Erklärung wäre, dass Ausdrücke und Befehle auf einem Schiff kurz und bündig sein mussten, damit man sie auch ganz oben in der Takelage und allgemein bei Sturmdröhnen und Wellendonnern verstehen konnte. Das mag eine Rolle gespielt haben, aber

– nicht alle Wendungen aus der Seefahrt sind nur ohne Artikel gebräuchlich:

am Bug
am Wind, im Wind segeln
über das Heck kentern
über die Toppen flaggen

– artikellose feste Wendungen dieser Art gibt es auch im Bereich der Landratten:

außer Haus
bei Tisch
gegen Abend
ohne Gewähr
zu Bett gehen

Es gibt also feste Wendungen, die ohne Artikel stehen. Es ist mir nicht gelungen, eine Erklärung oder sogar eine Regel zu finden, wann genau diese Artikellosigkeit auftritt. Ich weiß also nicht genau, warum es an Bord gehen und nicht an den Bord gehen heißt oder warum man sagt, dass der Kraftausdruck, der dem Befehl „Vada a bordo!“ folgte, artikellos von Herzen kam. Man muss diese Wendungen bewusst oder unbewusst lernen – wie a bordo zeigt, nicht nur im Deutschen.

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