Der Bürgersteig

Frage

Bürgersteig! Ist diese Bezeichnung für „Gehweg“ heute noch standesgemäß? Während meines Studiums, wurde uns erklärt, diese Definition stamme aus Kaisers Zeiten! Um den Kaiser bei Besuchen, Paraden etc. besser sehen zu können, sollten die Bürger den höher gelegenen Teil der Straße (den Bürgersteig) benutzen! Warum nicht heute generell „Gehweg“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.

am Wort Bürgersteig gibt es eigentlich nicht so viel auszusetzen. Die Erklärung, die man Ihnen während des Studiums gegeben hat, scheint mir nicht wirklich zutreffend zu sein. Bürgersteige gab es schon vor des Kaisers Zeiten. Vielleicht war aber auch einfach allgemein ein Fürst gemeint oder wurden Bürgersteige erst unter kaiserlicher Herrschaft so genannt. Bürgersteige gab es allerdings auch dort, wo keine kaiserlichen oder sonstigen fürstlichen Paraden zu erwarten waren. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie außerdem häufiger Trottoir genannt. Eine andere überzeugende Erklärung muss ich Ihnen aber ehrlich gesagt auch schuldig bleiben. Ich konnte sie in keiner der mir zur Verfügung stehenden Quellen finden. So behauptet jemand, dass der Bürgersteig so heiße, weil nur die gute Bürgerschaft, nicht aber das gewöhnliche Volk ihn benutzen durfte. Bei dieser Erklärung ist die Benutzung des Bürgersteigs also nicht dem niedrigeren Stand, sondern umgekehrt den Höhergestellten vorbehalten.

Die genaue Herkunft des Wortes ist also ungeklärt oder einfach so unspektakulär, dass ich keine Informationen dazu finden konnte. Heute heißt der erhöhte Gehweg für Fußgänger jedenfalls so, ohne dass ein bestimmter sozialer Stand damit verbunden wäre. Ich finde also keinen Grund, weshalb man das Wort Bürgersteig nicht mehr verwenden sollte. (Man könnte sich höchstens Fragen, ob denn Fahrradfahrer, Motorradfahrer und Automobilisten nicht auch Bürger sind. Nicht alle Verkehrsteilnehmer auf Rädern sind schließlich ungehobelte Rüpel und auch unter den Fußgängern gibt es sich eher proletenhaft Benehmende.) Das Wort Bürgersteig ist allerdings nicht überall üblich und manche finden den Begriff etwas veraltet. Deshalb hört man oft eher Gehweg, Gehsteig (SO-Deutschland, Österreich) oder Trottoir (Schweiz).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Madeira und die Rechtschreibreform

Ich kann nun aus eigener Erfahrung sagen, dass Madeira eine Reise wert ist. Man kann dort ausgezeichnet wandern, Natur und Berglandschaften bewundern, über kurvige Straßen gemächlich von einer eindrucksvollen Aussicht zur nächsten fahren, und dies bei angenehmen 20 bis 25 Grad. Die Insel ist grün, grüner, am grünsten und trägt den Beinamen „Blumeninsel“ ganz zu Recht: Wo man auch hinschaut, überall blüht etwas. Dank Fisch, den man auf einer Insel natürlich überall bestellen kann, und dank lokalem Wein oder vom portugiesischen Festland importiertem jungem vinho verde hat die Gastronomie auch für Liebhaber und Liebhaberinnen nicht allzu deftiger Küche vieles zu bieten. Nur denjenigen, für die breite Sandstrände und immerwährender Sonnenschein unverzichtbare Bestandteile eines gelungenen Urlaubs sind, würde ich ein anderes Reiseziel empfehlen.

Bevor der Verdacht aufkommt, dass ich auf der Lohnliste des madeirischen Fremdenverkehrsamtes stehe, folgt nun doch noch etwas eher Sprachliches. In einem halb englisch, halb portugiesisch geführten Gespräch erfuhr ich, dass die portugiesischen Schüler (Madeira gehört zu Portugal) nach den Sommerferien die neue, reformierte portugiesische Rechtschreibung lernen und verwenden müssen. Beim Thema Rechtschreibreform wurde ich natürlich neugierig.

Die Details werde ich Ihnen hier ersparen. Es geht bei dieser Reform vor allem darum, die Rechtschreibung in den verschiedenen lusophonen Ländern möglichst zu vereinheitlichen. (Das Adjektiv lusophon ist ein Fachausdruck für portugiesischsprachig.) Die größten Unterschiede gibt es dabei zwischen einerseits dem brasilianischen Portugiesisch und andererseits dem Portugiesisch in Portugal und anderen Ländern.

Eine Rechtschreibreform ohne Proteste gibt es natürlich nicht. So fand unser madeirischer Gesprächspartner es nicht „gerecht“, dass in Portugal  mehr Wörter an die brasilianische Schreibung angepasst werden als umgekehrt. In Brasilien sind ca. 0,5 % des Wortschatzes betroffen, in Portugal und den anderen portugiesischsprachigen Ländern ca. 1,6 %. Das hat damit zu tun, dass nach der Reform viele nicht mehr ausgesprochene Konsonanten weggelassen werden (z. B. correcto wird correto). Das tut man in Brasilien schon länger.

Uneinigkeit gibt es bei Rechtschreibreformen immer. Interessant finde ich hier aber vor allem etwas anderes. Die Einführung der neuen deutschen Rechtschreibung dauerte lange und verlief nicht ganz ohne Holpern und Stolpern. In der Lusophonie geht das nicht anders: Der Beschluss, eine Reform durchzuführen, wurde von den folgenden Ländern (außer Osttimor) am 16. Dezember 1990 gemeinsam gefasst. Zu einer einheitlichen Einführung ist es aber nicht gekommen:

  • Angola: voraussichtliche Einführung im März 2013
  • Brasilien: Übergangsphase vom 1. Januar 2009 bis 31. Dezember 2012
  • Guinea-Bissau: Reform angenommen, kein Einführungsdatum festgelegt
  • Kap Verde: Übergangsphase vom 1. Oktober 2009 bis Oktober 2019
  • Mosambik: kein Beschluss vor Beendigung einer (2008 begonnenen) „technischen Evaluation“
  • Portugal: Übergangphase vom 13. Mai 2009 bis 13. Mai 2015; Einführung an Schulen im Schuljahr 2011/2012, im öffentlichen Dienst am 1. Januar 2012
  • Osttimor: Reform angenommen, kein Einführungsdatum festgelegt
  • São Tomé und Príncipe: Reform angenommen, kein Einführungsdatum festgelegt

„Wir“ sind also nicht die einzigen, denen so etwas nicht ganz harmonisch und hindernisfrei gelingt. So viel zum Thema Reformen und deren Einführung. Das war sozusagen mein Souvenir aus dem portugiesischsprachigen Madeira. Ab morgen geht es dann wieder um die deutsche Sprache und Rechtschreibung.

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Urlaubsphotos und Filosofie*

Frage

Man darf gemäß neuer Rechtschreibung zum Beispiel Geografie, Typografie etc. schreiben. Aber zum Beispiel bei Philosophie bleibt man beim ph. Grafie (graphos) kommt doch wie philos und sophos aus dem Griechischen. Warum ist man dann nicht konsequent und schreibt überall f anstelle von ph? Gibt es eine grammatikalische Erklärung oder ist es einfach eine subjektive Entscheidung? Filosofie: okay, gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie schön.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Grammatik und Rechtschreibung haben oft wenig bis nichts miteinander zu tun. Es gibt keinen grammatischen Grund, den Laut f durch ph wiederzugeben, wenn ein Wort griechische Wurzeln hat. Die Schreibung ph ist rein historisch-kulturell bestimmt. Ob sie sinnvoll, nützlich, schön oder überflüssig ist, sei hier dahingestellt.

Ganz willkürlich ist die Entscheidung der Rechtschreibkommission nicht. Die aus dem Griechischen stammenden Wortbildungselemente graph, phot und zum Beispiel auch phon kommen nicht nur in „gelehrten“, sondern auch in ganz allgemeinsprachlichen Wörtern vor: Foto, fotografieren, Telefon. Solche durch und durch deutsch gewordenen Wörter sollen wie andere deutsche Wörter mit f geschrieben werden. Das ist gut vertretbar – und das taten die meisten sowieso schon.

Man wollte (besser gesagt: durfte) aber nicht so weit gehen, alle ph abzuschaffen. Insbesondere „gelehrte“ Wörter sollten davon verschont bleiben. Dadurch entstand das Problem der Bestimmung der Grenze zwischen allgemeinen Wörtern mit f und gelehrten Wörtern mit ph. Da sich diese Grenze nicht eindeutig feststellen lässt, sind für die meisten Wörter mit graph, phon und phot beide Schreibweisen möglich gemacht worden. Das erklärt, warum man sowohl Geografie und Typografie als auch Geographie und Typographie schreiben kann. Bei Wörtern wie Philosophie und Strophe hat der Rechtschreibrat (oder jemand im Auftrag des Rechtschreibrates) beschlossen, dass sie nur gelehrte Elemente enthalten, die ausschließlich mit ph geschrieben werden sollen.

Das ist ziemlich inkonsequent. Solange man aber nicht zu telephonieren und Urlaubsphotos zurückkehrt oder andererseits dazu übergeht, Filosofie und Strofe zu schreiben, gibt es keine konsequent anwendbare Lösung. Es geht hier um die letztlich nicht eindeutig beantwortbare Frage, wann genau man die Schreibung welcher Fremdwörter in welcher Weise eindeutscht.

Es gab übrigens Bestrebungen, ph, th, rh und andere „gelehrten“ Schreibungen einzudeutschen. Solche Vorschläge lösten aber zum Teil derart heftige Reaktionen aus, dass man hätte meinen können, Schreibungen wie Filosofie, retorisch und Fysik (oder gar Füsik) seien Ausdruck unaussprechlicher Ignoranz und würden den Untergang der deutschen Sprache, wenn nicht gar der gesamten abendländischen Kultur deutscher Prägung auslösen**. Ganz so schlimm wäre das natürlich nicht, denn in einigen anderen Kultursprachen wie dem Italienischen und Spanischen schreibt man problemlos filsofia und fisica resp. filsofía und física, im Niederländischen filosofie und fysica, im Dänischen filosofi und fysik, im Polnischen filozofia und fizyka u. a. m.

Die Unterschiede bei der amtlichen Schreibung von Foto, Fotografie/Photographie und Philosophie sind also nicht grammatisch begründet, sonder das Resultat eines Kompromisses zwischen Anpassen und Bewahren. Ob es der bestmögliche Kompromiss ist – wenn es so etwas überhaupt gibt –, weiß ich nicht. Ich bin mir aber sicher, dass jede andere Lösung ebenfalls Anlass zur Kritik gäbe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Damit ich auch ganz bestimmt keine Zweifel säe: Nach der amtlichen Rechtschreibregelung schreibt man Urlaubsfotos und Philosophie.

** Diese leicht übertreibenden Formulierungen sind nicht von mir. Sie gefallen mir aber so gut, dass ich das Klauen nicht lassen konnte. Nach all den Plagiatsvorwürfen, von denen man in letzter Zeit hört, gibt man so etwas am besten sofort zu.

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Heute: Schmant und Schmand

Auf der Webseite heute.de des ZDF steht ein Artikel mit dem Titel »Dem Fehlerteufel online auf der Spur. Welche Online-Wörterbücher wirklich nützlich sind«. Darin werden unter anderem das Wörterbuch und die Grammatik von Canoonet erwähnt. Sogar der Dr.-Bopp-Blog wird genannt. Der abschließende Satz des Beitrages lautet: Warum aus »Schmant« nun wieder »Schmand« wird, hat Dr. Bopp noch nicht geklärt. Die Frage wurde ihm bis jetzt auch nicht gestellt. Das kann ich natürlich nicht einfach so im Raum stehen lassen. Wirklich klären kann ich diese Frage allerdings auch nicht.

Für alle, denen Schmand oder Schmant nichts sagt, sei dies vorausgeschickt: Mit diesem Wort wird in vielen Regionen Deutschlands u. a. Sahne oder saure Sahne respektive Rahm oder Sauerrahm bezeichnet. Das „Problem“ der Schreibung entsteht dadurch, dass im Deutschen ein d am Wort- oder Silbenende genau gleich ausgesprochen wird wie ein t (Auslautverhärtung). Deshalb klingt Rad genau gleich wie Rat und Schmand genau gleich wie Schmant. Erst wenn man Rades und Räder beziehungsweise Rates und Räte sagt, also wenn d und t nicht mehr am Wortende stehen, hört man den Unterschied. Ein d wird dann nämlich so ausgesprochen, wie man es von einem d eigentlich erwartet.

Weil man in vielen Gegenden offenbar des Schmandes und schmandig und in anderen des Schmantes und schmantig sagt, kam entsprechend neben Schmant auch die Schreibweise Schmand vor. Aus irgendeinem Grund haben dann die Zusammensteller der zur amtlichen Rechtschreibregelung gehörenden Wörterliste 1) das Wort Schmant aufgenommen, und zwar 2) ohne die Variante Schmand zu vermelden. Ersteres ist mir nach wie vor ein Rätsel, Letzteres hat eventuell mit der Herkunft des Wortes zu tun. Man vermutet, dass es mit dem tschechischen Wort smetana (Sahne, Rahm) verwandt sein könnte. Das würde das t erklären. Nach einer anderen Erklärung kommt Schmand/Schmant allerdings über das alte Wort smand von einem noch älteren Adjektiv mit der Bedeutung weich, glatt und wäre dann indirekt mit dem englischen Adjektiv smooth verwandt.

Was auch immer der Grund gewesen sein mag, warum nur noch Schmant richtig sein sollte, es stand und steht so in der amtlichen Liste und ist somit offiziell die einzig richtige Schreibweise. Wie die verschiedenen Wörterbücher mit dieser Entscheidung umgegangen sind, ist eine andere, recht komplexe Geschichte, die ich hier nicht aufzeichnen möchte. Es ist nämlich so, dass die meisten Schmantverbraucher, -produzenten und -verkäufer diese Vorschrift einfach missachten und ganz undeutsch regelwidrig Schmand schreiben. Das hat viele Wörterbücher dazu gebracht, die Version Schmand doch in irgendeiner Weise zu vermelden.

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, warum der Rechtschreibrat nun vorschlägt, die Schreibung Schmand in Zukunft wieder zuzulassen. Liegt es daran, dass man die „Alleinherrschaft“ von Schmant nicht ausreichend begründen kann, oder daran, dass ein großer Teil der Schreibenden die t-Variante einfach nicht benutzen will? Wahrscheinlich beides – und offiziell wohl vor allem das Zweite. Tatsache ist, dass die von den meisten verwendete Variante Schmand wahrscheinlich wieder amtlich gutgeheißen werden wird. (Siehe Bericht über die Arbeit des Rats für deutsche Rechtschreibung von März 2006 bis Oktober 2010 [pdf]).

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zum einen – zum anderen

Frage

Schreibt man die Wendung zum einen – zum anderen jeweils klein oder gilt nach der neuen Rechtschreibung zum Einen – zum Anderen?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

die Pronomen eine und andere werden im Prinzip immer kleingeschrieben. Nach der Reform darf man sie aber neu auch großschreiben, wenn damit unterstrichen werden soll, dass es sich um Substantive handelt.

Der Ausdruck, um den es hier geht, bedeutet etwas Ähnliches wie einerseit – andererseits. Ich empfehle deshalb, einen und anderen kleinzuschreiben:

Damit soll zum einen die Wettbewerbsfähigkeit erhöht, zum anderen die Entwicklung neuer Technologien gefördert werden.

Die Möglichkeit der Großschreibung ist eher für Fälle wie den folgenden vorgesehen:

Er erzählt niemanden die gleiche Geschichte. Zum Einen sagt er dies, zum Anderen wieder das.

Aber auch hier ist die Kleinschreibung korrekt:

Er erzählt niemanden die gleiche Geschichte. Zum einen sagt er dies, zum anderen wieder das.

Nur in der Wendung sein Ein und Alles muss immer großgeschrieben werden. Sehen Sie hierzu auch die Angaben zur Rechtschreibung von andere und eine.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Frechdachse, Probleme und auseinandersetzen

Frage

Wir schreiben und lesen viele Texte. Eine Frage taucht dabei in letzter Zeit öfters auf: Wie schreibt man auseinandersetzen? Oder auseinanderzusetzen? Eher zusammen oder getrennt? In deutschen Medien sieht man öfters die getrennte Schreibweise. Was ist hauptsächlich für die Schweiz und Deutschland gebräuchlich?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

das Verb auseinandersetzen schreibt man zusammen. Dies gilt auch für die mit zu erweiterte Form auseinanderzusetzen. Regionale Unterschiede gibt es dabei nicht: Im gesamten deutschen Sprachraum und auch im Rest der Welt, sofern man Deutsch als Mutter- oder Fremdsprache verwendet, schreibt man dieses Verb zusammen. Die Zusammenschreibung gilt sogar für alle Bedeutungen. So kann man sowohl störende Schüler auseinandersetzen als auch sich mit einem Problem auseinandersetzen. Alle Wortformen von auseinandersetzen finden sie hier und mehr Informationen zur Rechtschreibung hier.

Weshalb finden Sie dann häufiger getrennt geschriebene Formen, obwohl sie nach der aktuellen Rechtschreibregelung falsch sind? Das liegt vielleicht unter anderem daran, dass Wörter wie auseinandersetzen eine ziemlich komplizierte Rechtschreibgeschichte hinter sich haben. Vor der Rechtschreibreform von 1996, also nach der alten Rechtschreibung, gab es zwei unterschiedliche Schreibungen:

Alte Schreibung:
auseinander setzen = voneinander getrennt setzen
sich auseinandersetzen mit = sich beschäftigen mit

Man musste also freche Schülerinnen auseinander setzen und sich dann mit der Frage auseinandersetzen, ob sie bestraft werden sollten.

Dann kam die Reform und alle Kombinationen von einem Verb mit einem Adverb auf -einander mussten getrennt geschrieben werden:

1996-2006
auseinander setzen = voneinander getrennt setzen
sich auseinander setzen mit = sich beschäftigen mit

Ein paar Jahre lang musste man also nicht nur freche Schüler auseinander setzen sondern sich dann auch mit der obengenannten Frage auseinander setzen.

Schließlich entschied die Reform der Reform, dass dann zusammengeschrieben werden muss, wenn die Hauptbetonung auf dem ersten Teil (hier auseinander) einer solchen Verbverbindung liegt.

Seit 2006
auseinandersetzen = voneinander getrennt setzen
sich auseinandersetzen mit = sich beschäftigen mit

Deshalb muss man heutzutage sowohl die Frechdachse auseinandersetzen als auch sich mit der Bestrafungsfrage auseinandersetzen.

Je mehr man sich mit dieser Frage auseinandersetzt, desto verwirrender wird es. Deshalb hier noch die ganz kurze Antwort: auseinandersetzen schreibt man nach der amtlichen Regelung zusammen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Drei gleiche Konsonanten vor der Reform

Frage

Gab es schon vor der neuen Rechtschreibreform Wörter, die mit 3 Konsonanten geschrieben wurden, wie z. B. Dampfschifffahrt?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

auch vor der Rechtschreibreform gab es bereits Wörter, die mit drei aufeinanderfolgenden gleichen Konsonanten geschrieben wurden. Die Regel lautete, dass beim Zusammentreffen von drei gleichen Konsonanten ein Konsonant weggelassen wird, wenn ihnen ein Vokal folgt:

Dampfschiffahrt
Kreppapier
Ballettänzer
(Neu: Dampfschifffahrt, Krepppapier, Balletttänzer)

Folgt den drei Konsonanten ein weiterer Konsonant, durfte auch nach der alten Regel keiner wegfallen. Man schrieb also schon vor der Reform zum Beispiel:

Sauerstoffflasche
holzschlifffrei
Stopppreis
Balletttruppe
fetttriefend

Zur Schreibung mit Bindestrich siehe Rechtschreibregel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der untrennbare Igel

Dass die neuen Rechtschreibregeln mehr Unklarheiten geschaffen als beseitigt hätten, darüber wurde schon sehr, sehr viel geschrieben, gebloggt und gesagt, auch gestritten, geseufzt und geklagt. Ich bin damit nicht ganz einverstanden. Auch aus meiner Sicht hätte vielleicht hie und da etwas einfacher oder übersichtlicher geordnet werden können. Wenn man aber bedenkt, wer alles zufriedengestellt sein wollte, ist es nicht erstaunlich, dass das Regelwerk eben lange nicht jeden zufriedenstellen kann. Grammatikprofessoren und Grundschüler, konservative „Verteidiger“ der Sprache Goethes und progressive Anhänger des Neudeutschen, professionelle Schreiber und Menschen, die außer vielleicht der wöchentlichen Einkaufsliste nichts mehr schreiben, sie alle sollten die gleichen Rechtschreibregeln einigermaßen verstehen und sich daran halten können. Wenn man sich diese Aufgabe vor Augen hält, ist das (inzwischen schon gar nicht mehr so) neue Regelwerk ein recht gut gelungener Kompromiss. Und mehr als ein Kompromiss ist eben in nicht diktatorisch geführten Gesellschaften meistens nicht möglich.

Für den Eindruck, alles sei (noch) schwieriger geworden, sind unter anderem zwei Ursachen anzuführen: Die neuen Regeln sind nicht komplizierter, akademischer oder unlogischer als die alten. Vor der Reform wusste wir einfach nicht, dass es SO viele Tücken, Schwierigkeiten und Zweifelsfälle gab. Nach der Reform und der Diskussion über die Regeln, sind wir uns dessen plötzlich viel stärker bewusst. Früher hat man sich nicht so oft gewundert, ob eine Verbindung getrennt oder zusammengeschrieben wird, wie man es heute tut. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass wir früher nicht wussten, dass wir die Regeln eigentlich gar nicht so gut kannten, und wir heute wissen, dass wir die Regeln nicht so gut kennen.

Der zweite Grund für zumindest einen Teil der Verunsicherung ist die gestaffelte Einführung der Neuregelung. Und damit sind wir dann endlich beim „untrennbaren Igel“ in der Überschrift:

Die Tochter von Frau S. musste in der Schule Wörter trennen. Eines der Wörter war eben Igel. Auf Canoo.net hat Frau S. die entsprechende Regel gefunden:

Einzelne Vokalbuchstaben werden am Wortanfang und am Wortende nicht
abgetrennt (§107 E1)
Zum Beispiel: aber, Efeu, Echo, Idee, Ofen, Ufer, über

Dass aber die Lehrerin ihrer Tochter den ungetrennten Igel als Fehler angestrichen hat und auch ihr Rechtschreibduden I-gel vorschreibt, fand Frau S. dann zurecht ziemlich verwirrend.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wie die bereits von Ihnen zitierte Rechtschreibregel besagt, darf Igel nicht getrennt werden. Siehe die entsprechende Rechtschreibregel (oder den Originaltext der amtlichen Regelung).

Ich vermute, dass Sie das Wort nicht in der aktuellsten Ausgabe des Dudens nachgeschlagen haben. Auch nach dem Rechtschreibduden, Ausgabe 2006, darf das Wort Igel nämlich nicht getrennt werden. Die Verwirrung ist aber nicht so erstaunlich. Einzelne Vokalbuchstaben durften in der alten Rechtschreibung nicht abgetrennt werden. Mit der Reform von 1998 wurde diese Regel aufgehoben, d.h. man durfte I-gel trennen. Dies war auch noch nach der Neuregelung von 2004 möglich. Mit der letzten Reform im Jahre 2006 wurde die genannte Regel aber wieder eingeführt, so dass man also jetzt Igel wie vor 1998 nicht trennen darf. Wahrscheinlich ist die von Ihnen benutzte Dudenversion nach 1998, aber vor 2006 erschienen und deshalb in einigen Punkten nicht mehr aktuell.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag
Wie Frau S. mir freundlicherweise mitteilte, stamm ihr Rechtschreibduden tatsächlich aus dem Jahr 2004 und werden an der Schule ihrer Tochter Rechtschreibunterlagen aus dem Jahr 2000 verwendet. Ein Teil der Verwirrung und des Ärgers über die Reform ließe sich also vermeiden, wenn wir alle immer die aktuellsten Regeln vor Augen hätten. Das kostet zwar wieder einiges (und das ist eine ganz andere Diskussion), aber die Reform von 2006 soll nun für längere Zeit die letzte gewesen sein.

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Alte Schreibungen in Flexionstabellen

Frau H. hatte eine Frage zu den alten Schreibungen in den Flexionstabellen, insbesondere zu den getrennt geschriebenen Formen:

Guten Tag,

hin und wieder greife ich ganz gerne auf Ihr Canoo-Wörterbuch zurück, da es insbesondere in Bezug auf die neue Rechtschreibung sehr zuverlässig ist. Heute ist mir allerdings etwas aufgefallen, was ich mir nicht erklären kann: Das Wort kennenlernen kann nach der neuen Rechtschreibung getrennt oder zusammengeschrieben werden, das haben Sie auch so in Ihrem Canoo-Wörterbuch angegeben.

Klickt man dann allerdings auf die Flexion, erscheint nur die alte Variante, zwar mit der Überschrift „von der Rechtschreibreform betroffen“, aber es wird in allen Zeiten nur die zusammengeschriebene Variante angezeigt!

Antwort:

Sehr geehrte Frau H.,

es stimmt, dass in unseren Flexionstabellen für kennenlernen nur die alten, zusammengeschriebenen Formen erscheinen (siehe Rechtschreibung von kennenlernen und Flexion von kennenlernen). Das hat damit zu tun, dass unsere Flexionstabellen nur die Wortformen von Einzelwörtern auflisten, nicht aber die Wortformen von aus mehreren Wörtern bestehenden Ausdrücken. Durch die Entscheidung der Rechtschreibkommission ist dieses Verb nicht mehr nur ein Einzelwort (kennenlernen), sondern auch ein aus zwei Wörtern bestehender Ausdruck (kennen lernen). Deshalb stehen die neuen, getrennt geschriebenen Schreibweisen nicht in den Flexionstabellen.

Wir geben zu, dass diese Unterscheidung etwas (zu) akademisch anmuten kann. Wir hofften auch, dass der Hinweis auf die Rechtschreibreform ausreichen würde, den Benutzern die Schreibweisen zu verdeutlichen. Anfragen wie die Ihre zeigen uns aber, dass wir hier eine besser verständliche Lösung anbieten sollten. Es ist nur nicht ganz so einfach, hier eine sprachwissenschaftlich korrekte, leicht nachvollziehbare und technisch nicht allzu aufwändige Lösung zu finden. Es könnte deshalb leider eine geraume Weile dauern, bis wir Ihnen etwas Entsprechendes online zur Verfügung stellen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Goethe und die Rechtschreibreform

Nein, es geht hier nicht darum, was der große Dichter zur Rechtschreibreform gemeint hätte. Solche Spekulationen überlasse ich lieber anderen. Es geht hier nur darum, wie man seinen Namen schreibt.

Frage:

Letztens sah ich im Internet für den Dichter und Denker Goethe die Schreibweise Göthe mit ö statt oe. Können Sie mir bitte sagen, ob die seltsame Schreibweise Göthe nach neuer Rechtschreibung tatsächlich erlaubt ist?

Antwort:

Sehr geehrte Frau S.,

die geltende offizielle Rechtschreibregelung gibt an verschiedenen Stellen an, dass die Schreibung von Eigennamen von den allgemeinen Rechtschreibregeln abweichen kann. Die Reform wirkt sich also nur bedingt auf die Schreibung von Eigennamen aus. Denken Sie nur z.B. an Schmitt und Schmidt, Schmied und Schmid oder Meier, Meyer, Maier und Mayer. Bei der Schreibung ö und deren Variante oe hat sich ohnehin nichts geändert. Außerdem war das oe im Namen des Dichterfürsten schon vor der Reform eine orthographische Ausnahmeerscheinung.

Wir vertreten die Ansicht, dass Eigennamen nach den offiziellen Registern und/oder dem allgemeinen Gebrauch geschrieben werden sollten. Wir (wie z. B. auch die Rechtschreibwörterbücher von Duden und Wahrig) empfehlen deshalb nach wie vor als einzig richtige Schreibung: Goethe.

Siehe im Canoo.net-Rechtschreibwörterbuch Goethe (und zur Kontrolle auch Göthe).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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