Von »nicht wahr« über »oder« bis zu »woll«: immer mit Komma

 Frage

Eigentlich sollte ich es wissen aber ich weiß es nicht mehr :-( Kommt in diesen Satz ein Komma oder nicht?

Eigentlich nicht schlecht oder?

Ich freue mich auf Ihre Antwort und evtl. auch eine Erklärung.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Vor einem abschließenden fragenden oder steht ein Komma:

Eigentlich nicht schlecht, oder?

Siehe auch hier.

Man kann dieses oder als nachgetragene Erläuterung sehen, mit der man um Zustimmung fragt. Solche nachgetragenen Erläuterungen werden durch ein Komma abgetrennt. Das gilt auch für das standardsprachliche Äquivalent dieses eher umgangssprachlichen oder

Das ist gut, nicht wahr?

sowie für seine regionalen, mehr oder weniger umgangssprachlichen Neffen und Nichten wie zum Beispiel diese:

Da staunst du, gelt/gell/gelle?
Du kommst auch mit, ja?
Wir haben schon gezahlt, oder nicht?
Wir haben gewonnen, stimmt’s?
Ihr kommt aus dem Süden, nich(t)?
Sie haben Hunger, ne?
Sie haben schon gegessen, näch?
Du hast sie nicht mehr alle, wa?
Das war teuer, was?
Da biste platt, woll?

Und seien Sie mir bitte nicht böse, wenn die Variante Ihrer Region nicht dabei ist. Die Beispiellisten können ja nicht immer vollständig sein, oder?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zügeln

Wenn Sie bei Wörtern wie Zügeltermin, Zügelfirma, Zügelschachtel und Zügelstress an Pferde und Pferdesport denken, kommen Sie nicht aus der deutschsprachigen Schweiz. Das Verb zügeln hat nämlich im schweizerischen Deutsch, zumindest im eher umgangssprachlichen, zwei Bedeutungen.

Einerseits bedeutet es wie überall mit dem Zügel zurückhalten und im übertragenen Sinne beherrschen, unter Kontrolle bringen. Die anderswo unbekannte Verwendung ist umziehen, den Wohnort wechseln. Mit den eingangs genannten Wörtern ist also gemeint: Umzugstermin, Umzugsfirma, Umzugskarton und Umzugsstress.

Beide zügeln gehen auf das Verb ziehen zurück. Das allgemein gebräuchliche Verb gehört zu Zügel. Mit einem alten männlichen Suffix (-ila-) wurden Gerätebezeichnungen gebildet (vgl. auch z. B. Gürtel, Deckel, Schlägel, Schlüssel). Ein zugil war ein Gerät zum Ziehen – und ist es in der Form Zügel eigentlich immer noch. Das schweizerische zügeln kommt ebenfalls von Zug resp. ziehen, was ja nicht sehr erstaunlich ist, denn die gemeindeutsche Bezeichnung umziehen für einen Wohnungswechsel greift ja auch auf dieses Verb zurück.

Diesen kleinen Exkurs in die Regionalsprache haben Sie der Tatsache zu verdanken, dass unser Wohnungswechsel oder eben das Zügeln letzte Woche glimpflich verlaufen ist, die meisten Kartons wieder ausgepackt sind und sich bei mir der Zügelstress langsam wieder legt.

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Urlaub und Ferien

Machen Sie Urlaub oder machen Sie Ferien? Bei dieser Frage geht es nicht darum, zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden. Die Wortwahl zeigt höchstens ein bisschen, woher Sie kommen: Während Deutsche und Österreicher die Neigung haben, als Urlauber und Urlauberinnen an einen Urlaubsort zu fahren, um dort den Urlaub zu verbringen, fahren Schweizer als Feriengäste oder Touristen und Touristinnen an einen Ferienort, um dort die Ferien zu verbringen. Dabei nimmt man es diesbezüglich in der Schweiz sehr genau: Außer im Militär und bei Regelungen wie dem Mutterschaftsurlaub heißt es immer Ferien. Wenn Sie in der Schweiz jemandem, der in die Ferien fährt, einen schönen Urlaub wünschen, geben Sie sich sofort und unwiderruflich als nichthelvetischer Mitmensch zu erkennen. Das ist nicht weiter schlimm und alle verstehen sofort, was gemeint ist, aber wenn Sie den „Schweizertest“ (wenn es ihn gäbe) mit Bravour bestehen möchten, wünschen Sie niemandem – außer vielleicht Kameraden und Kameradinnen in Uniform – einen schönen Urlaub und fragen Sie die Heimgekehrten nicht, wie der Urlaub war.

Das Wort Urlaub ist urdeutsch, das heißt, es gibt es schon ganz lange in unserer Sprache. Es ist „ganz weit hinten“ mit lieb und natürlich mit erlauben verwandt. Schon früh hatte sich die Bedeutung Erlaubnis zu Erlaubnis, sich zu entfernen verengt. Diese wurde früher, wie heute in der Armee noch üblich, durch eine höhergestellte Person erteilt. In modernerer Zeit wurde die Bedeutung dann auch zu arbeitsfreie Zeit erweitert, wie wir sie heute kennen.

Das Wort Ferien haben wir aus dem Lateinischen übernommen. Dort waren die feriae zuerst die für religiöse Handlungen bestimmte Tage, später allgemeiner Festtage und Ruhetage. Im Deutschen bezeichneten Ferien anfangs auch einzelne freie Tage. Mit der Einführung von längeren unterrichtsfreien Perioden bekam es ab dem 18. Jahrhundert zuerst die Bedeutung Schulferien und Semesterferien, wurde dann verallgemeinert und, je nach Region unterschiedlich stark, auch im Sinne von arbeitsfreie Zeit, Urlaub verwendet.

Den gleichen Ursprung wie Ferien hat übrigens das Wort Feier. Es wurde nur schon ein bisschen früher übernommen und ist mit der Einzahl feria (Festtag, Feier) verbunden.

So viel zum Wortpaar Urlaub – Ferien. Ich hoffe, dass viele von Ihnen noch dabei sind, Ferien oder Urlaub zu feiern! Bei mir ist für diesen Sommer leider Schluss damit.

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Parfum oder Schaumwein?

Auch oder gerade auf einer Ebene der Umgangssprache, derer man sich bei formelleren Gelegenheiten und in gehobeneren Kreisen besser nicht bedient, gibt es regionale Unterschiede. Nehmen wir einmal das Wort Nuttendiesel, das mir dieses Wochenende wieder einmal über den Weg gelaufen ist. Interessant daran ist, dass es bei Nuttendiesel für einmal nicht um unterschiedliche Bezeichnungen für dasselbe geht, sondern um dieselbe Bezeichnung für Unterschiedliches. Diese ausdrucksstarke Wortzusammensetzung hat nämlich mehr als eine „offizielle“ Bedeutung.

Allgemeindeutsch bezeichnet Nuttendiesel meistens ein billiges, aufdringlich riechendes Parfum, dessen Verwendung man offenbar vor allem den Prostituierten zuschreibt. Die Geruchsintensität von Nuttendiesel lässt sich wie folgt umschreiben: Wenn eine nuttendieselbesprühte Person ganz vorn in die Straßenbahn einsteigt, kommt man spätestens dann, wenn die Straßenbahn sich in Bewegung setzt, auch auf dem allerhintersten Sitzplatz in den vollen Riechgenuss, selbst bei leichtem bis mittelschwerem Schnupfen. Oder: Die Windstärke muss beinahe orkanartig sein, wenn man Nuttendiesel nicht auch gegen den Wind schon von Weitem deutlich riecht. Den gleichen Effekt haben allerdings auch gewisse sehr teure, moschusschwangere Eaux de Parfum (Beispiele für Kenner und Kennerinnen: das französische äquivalent von Gift im Damenbereich und der griechische Name für die Statue eines jungen Mannes bei den Herrendüften).

In der Schweiz ist Nuttendiesel in der Regel etwas anderes. Stark riechende Parfums werden oft politisch ziemlich unkorrekt mit Hilfe der Wörter stinken und morgenländisches Puff charakterisiert. Nuttendiesel hingegen ist Sekt oder Champagner. Das Bild, das aufgerufen wird, ist ziemlich derb: Sekt als Treibstoff für Prostituierte. Es widerspiegelt aber in einem Wort treffender und realistischer das Ambiente der Animierwelt, als dies die frivole Champagnerseligkeit in zum Beispiel „Da geh ich zu Maxim“ aus Franz Lehars „Lustiger Witwe“ tut. Ein fröhlicherer Ausdruck, den ich sehr mag, ist übrigens das Dialektwort Chlöpfmoscht, also Knallmost, das man für die Menschen nördlich der Weißwurstgrenze wohl am besten mit Knallsaft übersetzt.

Natürlich benutzen Leserinnen und Leser dieses Blogs nie und nimmer derbe Ausdrücke wie Nuttendiesel. Aber wenn Sie es trotzdem einmal hören sollten, wissen Sie nun, dass nicht immer und überall dasselbe gemeint ist.

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Wenn ich du wäre – wenn ich dich wäre

Frage

„Wenn ich du wäre …“
„Wenn ich dich wäre …“

Die Menschen hier in Süddeutschland verwenden letztere Variante mit Vorliebe. Würden Sie bitte, bitte die Freundlichkeit haben und ihnen erklären, weshalb jene nicht richtig ist? Ich wäre Ihnen wirklich unsäglich dankbar – man glaubt mir einfach nicht (das Problem ist eben, daß ich keine grammatikalische Regel „aufsagen“ kann).

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

im südlichen deutschen Sprachraum heißt es umgangssprachlich korrekt:

wenn ich dich wäre

Mit diesem etwas provokativen Anfang möchte ich Sie nur darauf hinweisen, dass es mehr als eine Variante der deutschen Sprache gibt. Worum es Ihnen geht, ist die als Standardsprache bezeichnete Variante – und dann haben Sie recht. Auf gut Standarddeutsch heißt es nur und ausschließlich:

wenn ich du wäre

Das du ist ein prädikativer Nominativ (siehe Prädikativ zum Subjekt). Es heißt ja auch:

wenn ich wer wäre? (nicht: *wenn ich wen wäre?)
wenn ich dein Bruder wäre. (nicht: *wenn ich deinen Bruder wäre)

Analog steht standardsprachlich auch bei den Personalpronomen der Nominativ und nicht der Akkusativ:

wenn ich du wäre
wenn du ich wärst
wenn ich er wäre

Dennoch ist hier in vielen Dialekten und Regionalsprachen der Akkusativ gebräuchlich:

wenn ich dich wäre
wenn du mich wärst
wenn ich ihn wäre

In der Umgangssprache dieser Regionen ist dies eine mindestens gleichwertige, wenn nicht sogar die „richtigere“ Variante. Ich würde deshalb empfehlen, die Leute dort nur dann zu korrigieren, wenn Sie als Lehrerin, Korrektorin, Lektorin oder in einer ähnlichen Funktion auftreten oder wenn Sie gefragt werden, was standardsprachlich als korrekt gilt. Wenn es standardsprachlich wirklich einwandfrei sein soll, heißt es ohnehin besser:

an deiner Stelle

Interessant finde ich weiter, dass die Regionalsprachen mit diesem „Fehler“ nicht allein dastehen. Auch im Englischen heißt es:

if you were me

Die Verwendung des Nominativs I ist ebenfalls möglich, aber if you were I scheint für die meisten Englischsprachigen eher gestelzt zu klingen. Auch in anderen germanischen Sprachen kann Ähnliches beobachtet werden. In zum Beispiel dem Niederländischen und dem Norwegischen steht das Personalpronomen bei dieser Formulierung auch im Akkusativ statt im Nominativ:

als ik jou was
als jij mij was

hvis jeg var deg.
hvis du var meg.

Warum es eine Tendenz gibt, hier den Akkusativ zu verwenden, weiß ich leider nicht. Ich konnte keine Erklärung finden. Es zeigt aber, dass die deutschsprachigen dich-Sagenden nicht die einzigen sind.

Und damit mir nun niemand vorwerfen kann, ich propagiere falsches Deutsch, sei noch einmal gesagt, dass im Standarddeutschen nur der Nominativ als korrekt gilt:

wenn ich du wäre

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Barbecue, Grillparty, Röstfest

Der Sommer ist in unseren Breitengraden ja inzwischen endlich ausgebrochen. Neben den ersten über Hitze Klagenden, vollen Stränden und Schwimmbädern sowie einigen zu stark geröteten Körperteilen ist eine der Auswirkungen, dass die Umsätze bei Holzkohle und Grillwürsten rasant gestiegen sein müssen. Das hat mich auf die Frage gebracht, wie es denn „wortherkünftlich“ um Grill und Barbecue steht, zwei Wörter also, die zu dieser Jahreszeit Hochsaison haben.

Barbecue kommt natürlich aus dem Amerikanischen. Von dort ist es jedenfalls zu uns gelangt, denn wirklich Englisch sieht das Wort ja auf den zweiten Blick nicht aus. Es kommt dann auch vom spanischen Wort barbacoa, das über El Salvador und Mexiko in die Vereinigte Staaten gelangt war. Die eigentliche Ursprungssprache ist eine dahingemordete karibische Sprache der Großen Antillen, in der das Wort einen Rost bezeichnete, auf dem Fleisch getrocknet oder geräuchert werden konnte, der aber unter anderem auch als Bett gedient haben soll.

Echte Barbecue-Fans werden Ihnen genau erklären können, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen der Barbecue- und der Grilltechnik gibt, aber im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe fröhlich nebeneinander verwendet. Barbecue und vor allem seine Variante BBQ gehören dabei aber eher zur Sprache der Lifestyle-Magazine, der Gartencenter-Prospekte und der sommerlichen Sonderangebote in der Fleischabteilung.

Echten Anglizismenjägern ist Barbecue dann auch ein Dorn im Auge. Sie möchten es überall durch Grill oder Bratrost bzw. durch Grillen ersetzt haben. Auch in meinem aktiven Wortschatz kommt Barbecue zwar nicht vor, aber ganz so deutsch sind Grill und Grillen nun auch wieder nicht. Grill kommt nämlich ebenfalls aus dem Englischen. Für die weitere Wortgeschichte können wir dann aber diesseits des Atlantiks bleiben. Die Engländer haben das Wort von den Franzosen (gril o. grille) übernommen. Das französische Wort geht über einige Lautveränderungen auf das lateinische craticulum oder craticula (Diminutiv zu cratis = Flechtwerk) zurück, das Geflecht, kleiner Rost bedeutete. Süddeutsche und Schweizer mögen hier auch eine eventuelle Verwandtschaft mit dem Wort Kratten (eine Art Korb) erkennen.

Ob wir nun grillen oder zum Barbecue einladen, beides kommt ursprünglich aus dem Englischen. Grill und grillen haben sich aber (vorläufig noch?) besser im deutschen Wortschatz etabliert. Wer Englisches ganz vermeiden will, muss anstelle von Barbecue, Grillparty oder Grillfest auf ein Wort wie zum Beispiel Röstfest zurückgreifen. So weit gehen aber auch die eifrigsten Anglizismenwehrer nicht.

Zum Schluss noch etwas „Regionales“: Neben grillen gibt es in der Schweiz auch die Form grillieren: Ein gegrilltes Hähnchen ist ein grilliertes Poulet. Doch während Deutschschweizer und Deutschschweizerinnen niemals ihr Auto parken, sondern immer nur parkieren, wundert sich auch in der Schweiz kaum jemand, wenn das Poulet einmal gegrillt und nicht grilliert ist.

Viele schöne Grillabende wünsche ich allen, die Gegrilltes mögen!

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An und zu Weihnachten

Mit „an und zu Weihnachten“ ist nicht der adlige Nachname des Weihnachtsmannes gemeint, sondern eine immer wieder auftauchende Frage, die zu Beginn der Adventszeit auch mich erreicht hat:

Frage

Anlässlich der meisten Festtage rege ich mich über die Formulierung der Radiomoderatoren (u. Ä.) auf, wenn sie zeitnah zum jeweiligen Fest von „an Ostern“, „an Weihnachten“ usw. sprechen. Für mich ist das „an“ eine Ortsbestimmung (an die Wand gestellt und zu Weihnachten wieder in die Stube). Was gibt es von Ihrer Seite dazu für eine Meinung?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

wenn an immer eine Ortsbestimmung anführte, würde auch mit den folgenden Aussagen etwas nicht stimmen:

am Mittwoch
an einem schönen Sommerabend
an diesem 4. Dezember

Das kann also nicht der Grund sein. Bei an und zu spielt in diesem Fall etwas anderes eine Rolle: Die Zeitangaben an Weihnachten und zu Weihnachten (ebenso Ostern, Pfingsten) sind regional bestimmt. Im Norden und Osten Deutschlands sowie in Österreich ist zu Weihnachten verbreitet. Im Westen und Süden Deutschlands und in der Schweiz heißt es in der Regel an Weihnachten. Daneben gibt es auch noch Menschen, die keine Präposition verwenden. Es gibt im Deutschen mehr als eine Formulierung, von denen auch standardsprachlich keine die „Alleinherrschaft“ beanspruchen kann:

Was machst du zu Weihnachten?
Was machst du an Weihnachten?
Was machst du Weihnachten?

Die genauere geografische Verteilung der Varianten finden Sie im Atlas der deutschen Alltagssprache der Uni Augsburg.

Sie ärgern sich also zu Unrecht über eine falsche Formulierung. Die Radiomoderatoren (u. Ä.), die Sie meinen, kommen einfach aus der „an-Region“, während Sie offensichtlich aus der „zu-Region“ stammen.

Bei Geschenken anlässlich des Weihnachtsfestes verwenden übrigens auch die „an-Sager“ und „an-Sagerinnen“ meistens zu:

jemandem etwas zu Weihnachten schenken

Hier ist nicht der Zeitpunkt gemeint, sondern zu welchem Zweck, zu welchem Anlass das Geschenk gegeben wird.

Wenn Sie also in den nächsten Tagen jemand fragt, was Sie zu oder an Weihnachten tun werden, finden Sie in der Frage einen kleinen Anhaltspunkt, woher der Fragesteller oder die Fragestellerin kommen könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Können deutsche Autos gehen?

Frage

Wieso heißt es in Deutschland „Umgehungsstraße“? Bei uns in der Schweiz heißt es „Umfahrungsstraße“. Ein Auto fährt doch – oder geht es doch?

Antwort

Dass man in Deutschland Umgehungsstraße und nicht Umfahrungsstraße sagt, liegt daran, dass die Deutschen das Wort umgehen in diesem Zusammenhang ein bisschen anders, abstrakter verwenden als die Schweizer und die Österreicher. Mit umgehen kann nicht nur um etwas herumgehen, sondern auch um etwas herumfahren oder um etwas herumverlaufen gemeint sein. Auf gut „Deutschländisch“ kann man deshalb sagen:

Wir umgehen die Stadt westlich auf der A 81.
Die Schnellstraße umgeht das Dorf in einem weiten Bogen.

Für deutsche Ohren klingt Umgehungsstraße also ganz normal, auch wenn man nicht zu Fuß, sondern im Auto auf ihr unterwegs ist. In der Schweiz und in Österreich versteht man das natürlich auch, man sagt aber:

Wir umfahren die Stadt westlich auf der A3.
Die Schnellstraße führt in einem weiten Bogen um das Dorf.

Entsprechend heißt es dann nicht Umgehungsstraße, sondern Umfahrungsstraße (oder nach gut schweizerischer Orthografie Umfahrungsstrasse).

In Deutschland können Autos also auch nicht wirklich gehen, aber man kann in ihnen – sofern das Straßennetz es zulässt – einen Ort fahrend umgehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Regelmässig trennen

Wenn Sie denken, im Titel einen Fehler entdeckt zu haben, stimmt das nur bedingt.  Es geht heute um eine Frage, die mich hin und wieder aus der Schweiz erreicht. In der schweizerischen Rechtschreibung gibt es das ß (Eszett) ja nicht. Man verwendet immer ss. Manchmal stellt sich dann am Zeilenende die Frage, wie dieses anstelle von ß verwendete ss zu trennen ist. Wie also trennt man regelmäßig, wenn man regelmässig schreibt?

Frage

Können Sie mir bitte die korrekte Trennung von „regelmässig“ sagen. Im Duden finde ich nur die deutsche Schreibweise.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wenn man ss statt ß schreibt, trennt man ss gleich wie andere Doppelkonsonanten:

re-gel-mäs-sig (re-gel-mä-ßig)
schweis-sen (schwei-ßen)
Straus-sen-fe-der (Strau-ßen-fe-der)
gros-se Füs-se (gro-ße Fü-ße)

und

schweiss-te (schweiß-te)
scheuss-lich (scheuß-lich)
Fleiss-ar-beit (Fleiß-ar-beit)
klei-ne Füss-chen (kleine Füß-chen)

Die entsprechende Regel finden Sie hier (unter „x, ss und ß“).

Das war früher, das heißt vor der Rechtschreibreform, übrigens anders. Damals war man „offiziell“ gehalten, für ß stehendes ss gemeinsam abzutrennen (re-gel-mä-ssig). Wahrscheinlich haben sich aber nur wenige an diese Regel gehalten – sofern sie überhaupt bekannt war. Die mit der Reform eingeführte Änderung ist kaum jemandem aufgefallen, geschweige denn, dass es zu Protesten gekommen wäre. Man trennt in der Schweiz heute also nicht nur in der Praxis, sondern auch mit offzieller „Genehmigung“ der Rechtschreibregelung re-gel-mäs-sig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NS: Leser und Leserinnen, die diese schweizerische Schreibgewohnheit nicht kennen, und sich nun vielleicht fragen, wie man überhaupt ohne ß auskommen kann, verweise ich auf den schon etwas älteren Blogeintrag „Die Maße und die Masse in der Schweiz“.

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Der Bürgersteig

Frage

Bürgersteig! Ist diese Bezeichnung für „Gehweg“ heute noch standesgemäß? Während meines Studiums, wurde uns erklärt, diese Definition stamme aus Kaisers Zeiten! Um den Kaiser bei Besuchen, Paraden etc. besser sehen zu können, sollten die Bürger den höher gelegenen Teil der Straße (den Bürgersteig) benutzen! Warum nicht heute generell „Gehweg“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.

am Wort Bürgersteig gibt es eigentlich nicht so viel auszusetzen. Die Erklärung, die man Ihnen während des Studiums gegeben hat, scheint mir nicht wirklich zutreffend zu sein. Bürgersteige gab es schon vor des Kaisers Zeiten. Vielleicht war aber auch einfach allgemein ein Fürst gemeint oder wurden Bürgersteige erst unter kaiserlicher Herrschaft so genannt. Bürgersteige gab es allerdings auch dort, wo keine kaiserlichen oder sonstigen fürstlichen Paraden zu erwarten waren. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie außerdem häufiger Trottoir genannt. Eine andere überzeugende Erklärung muss ich Ihnen aber ehrlich gesagt auch schuldig bleiben. Ich konnte sie in keiner der mir zur Verfügung stehenden Quellen finden. So behauptet jemand, dass der Bürgersteig so heiße, weil nur die gute Bürgerschaft, nicht aber das gewöhnliche Volk ihn benutzen durfte. Bei dieser Erklärung ist die Benutzung des Bürgersteigs also nicht dem niedrigeren Stand, sondern umgekehrt den Höhergestellten vorbehalten.

Die genaue Herkunft des Wortes ist also ungeklärt oder einfach so unspektakulär, dass ich keine Informationen dazu finden konnte. Heute heißt der erhöhte Gehweg für Fußgänger jedenfalls so, ohne dass ein bestimmter sozialer Stand damit verbunden wäre. Ich finde also keinen Grund, weshalb man das Wort Bürgersteig nicht mehr verwenden sollte. (Man könnte sich höchstens Fragen, ob denn Fahrradfahrer, Motorradfahrer und Automobilisten nicht auch Bürger sind. Nicht alle Verkehrsteilnehmer auf Rädern sind schließlich ungehobelte Rüpel und auch unter den Fußgängern gibt es sich eher proletenhaft Benehmende.) Das Wort Bürgersteig ist allerdings nicht überall üblich und manche finden den Begriff etwas veraltet. Deshalb hört man oft eher Gehweg, Gehsteig (SO-Deutschland, Österreich) oder Trottoir (Schweiz).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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