Ein „nicht“, das nicht das Gegenteil ausdrückt: „bevor … nicht“

Frage

Mir sind heute der Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank voll ist“ und der bedeutungsgleiche Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank nicht voll ist“ aufgefallen. Gibt es da etwas Interessantes zu sagen, dass die Bedeutung trotz Verneinung gleich bleibt?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

dieses nicht ist tatsächlich erstaunlich, denn üblicherweise drücken eine Aussage mit nicht und eine Aussage ohne nicht nicht dasselbe, sondern ziemlich genau das jeweilige Gegenteil aus. Dieses nicht ist auch nicht ganz unumstritten. Da seine Funktion nicht die Verneinung ist und man es auch weglassen kann, halten manche es für überflüssig oder sogar falsch. Doch eins nach dem anderen:

Verneinte Satzgefüge mit bevor und ehe haben oft die Bedeutung eines Bedingungssatzes. Der Nebensatz gibt eine Bedingung an, die erfüllt sein muss. Dabei muss der Hauptsatz verneint sein. Und nun kommt der interessanten Aspekt: Der Nebensatz kann ohne Bedeutungsunterschied mit oder ohne nicht stehen:

Ich bezahle nichts, bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte.
Bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte, bezahle ich nicht.
Ehe ich (nicht) mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, ehe der Tank (nicht) voll ist.

Die Verwendung dieses weglassbaren nicht im Nebensatz wird von einigen als umgangssprachlich oder falsch angesehen. Sie erklärt sich aus der speziellen konditionalen Bedeutung solange nicht, wenn nicht dieser temporalen (zeitlichen) Konjunktionen:

Solange ich nicht mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, solange der Tank nicht voll ist.

Man sollte diese spezielle Konstruktion wenigstens tolerieren, denn in einigen Fällen kann das nicht kaum weggelassen werden, ohne dass ein recht ungewöhnlich klingender Satz entsteht:

Du erhältst kein Geld, bevor du nicht sagst, was du damit machen willst.
Du erhältst kein Geld, bevor du sagst, was du damit machen willst. ??

Mir gefällt dieses weglassbare nicht sehr gut, weil es eine sprachliche Eigenartigkeit ist, die sich nicht auf Anhieb erklären lässt, wenig mit Logik zu tun hat, trotzdem gut verständlich ist und die Sprache ein bisschen abwechslungsreicher macht. Man sollte es nicht verurteilen, ehe man nicht auch diesen Aspekt berücksichtigt hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Lasst uns uns(?) am Bahnhof treffen

Frage

„Lasst uns um 10 Uhr am Bahnhof treffen!“ Sätze dieser Art hört man sehr häufig, doch sie klingen für mich grammatisch falsch. Ich meine, der Satz braucht ein „uns“ […] nach „lasst“ (lasst uns) und außerdem ein „uns“ […] vor „treffen“ (uns treffen). Mit zwei „uns“ (lasst uns uns treffen) mag der Satz jetzt zwar grammatisch richtig sein, doch ich habe ihn noch von niemandem so gehört.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

der Satz „Lasst uns am Bahnhof treffen!“ ist unvollständig. Wie Sie richtig bemerken, muss sowohl das uns der Aufforderung „lasst uns!“ als auch das Reflexivpronomen uns von „uns treffen“ stehen. Grammatisch richtig wäre deshalb:

Lasst uns uns am Bahnhof treffen!

Da dieses doppelte uns immer wieder Anlass zu Zweifeln gibt und der Satz durch die Wiederholung sowieso stilistisch eher unschön ist, kann man am besten umformulieren. Hier ist das nicht allzu schwierig, weil man uns einfach durch einander ersetzen kann:

Lasst uns einander am Bahnhof treffen!

In anderen Fällen ist es etwas schwieriger. Zum Beispiel:

Lasst uns uns nicht darüber ärgern!
besser z. B.: Ärgern wir uns nicht darüber!

Lasst uns uns freuen!
besser z. B.: Wir wollen und freuen! / Freuen wir uns!

Diese kleine Hürde wirft lassen übrigens nicht nur bei uns auf:

Lassen Sie mich mich vorstellen
besser z. B.: Gestatten Sie mir mich vorzustellen.

Wir lassen euch euch konzentrieren.
besser z. B.: Wir lassen euch Zeit, euch zu konzentrieren.

Lasst uns uns merken, dass wir besser „Merken wir uns, dass …“ sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Komma zwischen dass und wenn – und Urlaub

Frage

Stimmt die Kommasetzung, wenn der Satz lautet: „Maria erklärt, dass wenn sich dies nicht bessere, sie sich beim Hausmeister beschweren werde“? Meine Lehrerin hat das verbessert, indem sie noch ein Komma nach „dass“ gesetzt hat. Bin mir aber ziemlich sicher, dass da eigentlich schon alles richtig war … Oder nicht?

Antwort

Guten Tag L.,

Ihre Lehrerin hat recht. Das Komma zwischen dass und wenn muss gesetzt werden. Es trennt den wenn-Satz vom dass-Satz ab. Der wenn-Satz ist hier in den dass-Satz eingeschoben und muss vorn und hinten durch Kommas abgetrennt werden:

Lisa erklärt, dass, wenn sich dies nicht bessere, sie sich beschweren werde.

Ebenso zum Beispiel:

Sie fragte sich, ob, weil kein Licht brannte, schon alle weggegangen waren.
Ich will noch den Führerschein machen, weil, als ich 18 war, mir das Geld dafür fehlte.

Stilistisch wirken solche Verschachtelungen meist nicht gut oder sie sind zumindest nicht allzu lesefreundlich. Sie könnten die Nebensätze deshalb vielleicht besser ein bisschen entwirren und den Satz wie folgt formulieren:

Maria erklärt, dass sie sich beschweren werde, wenn sich dies nicht bessere.

Ich hoffe, dass, wenn ich Ihnen solche Vorschläge mache, Sie es nicht als allzu pingelig erfahren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Urlaub

Vom 20. bis 29. Juni habe ich Urlaub (dort, wo das Komma virgule heißt). Es wird also in den nächsten Tagen keine neuen Blogeinträge geben und eine Reaktion auf Ihre Fragen und Kommentare wird leider länger auf sich warten lassen. Danach werde ich versuchen, Ihnen so schnell wie möglich zu antworten.

Kommentare

Kommt/Kommen du und deine Schwester …?

Wenn Deutsch Ihre Muttersprache ist, haben Sie sich diese Frage wahrscheinlich noch nie gestellt. Für mich persönlich war sie jedenfalls nie ein Problem, bis sie mir im Rahmen dieser Rubrik zum ersten Mal begegnete und ich bei ihrer Beantwortung auf Anhieb unsicher wurde. Es ist eine Frage, die regelmäßig gestellt wird, in der Regel durch Deutsch Lernende oder Deutsch Unterrichtende (Deutsch als Fremdsprache). Wie wahrscheinlich viele von Ihnen umgehe ich das Problem häufig unbewusst, indem ich leicht anders formuliere.

Frage

Was ist korrekt?

Du und deine Schwester kommt aus der Schweiz.
Du und deine Schwester kommen aus der Schweiz.

Kommt du und deine Schwester aus der Schweiz?
Kommen du und deine Schwester aus der Schweiz?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

wenn mit und verbundene Subjektteile nicht der gleichen grammatischen Person entsprechen, geht man am besten wie folgt vor (siehe hier)

1. und 2. Person = wir
1. und 3. Person = wir
2. und 3. Person = ihr

Zum Beispiel:

Du und ich müssen zusammen etwas unternehmen.
Ihr und ich sind uns also einig.
Wir und ihr sollten uns für unsere Herkunft nicht schämen.
Seid du und dein Bruder einander sehr ähnlich?
Ihr und eure Eltern seid herzlich eingeladen.

Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Du und deine Schwester kommt aus der Schweiz.
Kommt du und deine Schwester aus der Schweiz?

Diese Hürde wird häufig mehr oder weniger unbewusst umgangen, indem das entsprechende Personalpronomen eingefügt wird.

Du und ich, wir müssen zusammen etwas unternehmen.
Ihr und ich, wir sind uns also einig.
Wir und ihr, wir sollten uns für unsere Herkunft nicht schämen.
Seid ihr, du und dein Bruder, einander sehr ähnlich?
Ihr und eure Eltern, ihr seid herzlich eingeladen.

Du und deine Schwester, ihr kommt aus der Schweiz.
Kommt ihr, du und deine Schwester, aus der Schweiz?

Der Einschub des Personalpronomens ist natürlich nicht obligatorisch, aber er kann häufig helfen, den Satz weniger holprig oder weniger gekünstelt erscheinen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Während mehr als eines Jahres?

Frage

Ich kenne die Regel, dass „bis zu“ oder auch „mehr als“ als Gradpartikeln fungieren können und dann keinen Einfluss auf den Kasus der nachfolgenden Nominalgruppe haben. Aber: Klingen die Beispiele in der Betreffzeile auch in Ihren Ohren schief? Ich neige in beiden Fällen dazu, den Dativ zu setzen. Ist der Genitiv überhaupt korrekt?

Also: während mehr als einem Jahr / während bis zu einem Monat

Antwort

Guten Tag Herr F.,

nach der allgemeinen Regel müssten Sie wie folgt formulieren, denn während verlangt standardsprachlich den Genitiv:

während mehr als eines Jahres
während bis zu eines Monats

In der Schweiz ginge mit einiger Nachsicht evtl. auch der Dativ:

während mehr als einem Monat
während bis zu einem Monat

Das Ganze klingt auch in meinen Ohren sonderbar. Das liegt aber weder am Genitiv noch am Dativ, sondern daran, dass diese Formulierung nicht üblich ist.

Man verwendet zeitliches während bei der Angabe eines begrenzten Zeitabschnittes (wann?):

Es hat während der ganzen Ferien geregnet
während des Krieges
während der Nacht
während dieser beiden Monate

Für die Angabe einer reinen Zeitdauer (wie lange?) verwendet man besser eine Formulierung ohne während:

Es hat drei Tage [lang] geregnet
(besser als während dreier Tage)
Sie haben zehn Jahre [lang] nicht miteinander geredet
(besser als während zehn Jahren)

Die beste Formulierung wäre somit für Ihre Beispiele:

mehr als ein Jahr [lang]
bis zu einen Monat [lang]

Wie so oft sind die Übergänge allerdings auch hier fließend: Es ist nicht immer grundsätzlich falsch und auch keine stilistische Todsünde, während für die Angabe einer Zeitdauer zu verwenden. Wundern Sie sich also nicht über Wendungen wie während Monaten (statt besser monatelang) oder während fünf Stunden und zücken Sie auch nicht gleich den Rotstift.

Mit freundlichen Grüßen

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Vom Haushalten, Staubsaugen und Gewährleisten

Frage

Wie heißt es richtig: „dass du mit deinen Kräften haushältst“ oder „dass du mit deinen Kräften haushaltest“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

bei haushalten gilt Ähnliches wie bei u. a. staubsaugen und gewährleisten. Diese Verbindungen können nämlich sowohl untrennbare Verbkomposita als auch trennbare Verbverbindungen sein.

Bei untrennbar gewährleisten und trennbar Gewähr leisten ändert sich auch die Satzkonstruktion:

etwas gewährleisten
Wir gewährleisten die pünktliche Lieferung der Waren.
Wir können einen reibungslosen Ablauf gewährleisten.
Wir tun alles, um die Sicherheit zu gewährleisten.
Die Richtigkeit der Angaben wird nicht gewährleistet.

für etwas Gewähr leisten
Wir leisten für die pünktliche Lieferung der Waren Gewähr.
Wir können für einen reibungslosen Ablauf Gewähr leisten.
Wir tun alles, um für die Sicherheit Gewähr zu leisten.
Für die Richtigkeit der Angaben wird keine Gewähr geleistet.

Wenn staubsaugen ohne Akkusativobjekt steht, kann es auch Staub saugen sein:

staubsaugen
Er staubsaugt im ganzen Haus.
Ich muss noch staubsaugen und die Küche putzen.
Vergiss nicht zu staubsaugen!
Ich habe gestern schon gestaubsaugt.

Staub saugen
Er saugt im ganzen Haus Staub.
Ich muss noch Staub saugen und die Küche putzen.
Vergiss nicht Staub zu saugen!
Ich habe gestern schon Staub gesaugt.

Mit Akkusativobjekt ist nur die untrennbare Variante üblich:

etwas staubsaugen
Er staubsaugt das ganze Haus.
Ich muss noch den Teppich staubsaugen.
Vergiss nicht, dein Zimmer zu staubsaugen!
Ich habe es gestern schon gestaubsaugt.

Und nun sind wir endlich bei „Ihrem“ Verb: Neben dem untrennbaren haushalten gibt es auch das trennbare Haus halten. Anders als bei den vorhergehenden Verben gibt es hier keine Unterschiede auf der Ebene der möglichen Ergänzungen. Die Unterschiede zeigen sich bei den Wortformen: Das Verb haushalten ist regelmäßig, halten in Haus halten aber unregelmäßig:

(mit etwas) haushalten
Er haushaltet nicht gut mit seiner Zeit.
Ich kann einfach nicht haushalten.
Versuche, besser mit deinen Mitteln zu haushalten.
Die Kieler Mannschaft haushaltete klug mit ihren Kräften und gewann.
Es muss vorausschauend mit den Vorräten gehaushaltet werden.

(mit etwas) Haus halten
Er hält nicht gut mit seiner Zeit Haus.
Ich kann einfach nicht Haus halten.
Versuche, besser mit deinen Mitteln Haus zu halten.
Die Kieler Mannschaft hielt klug mit ihren Kräften Haus und gewann.
Es muss vorausschauend mit den Vorräten Haus gehalten werden.

Der vielen Beispiele und der langen Rede kurzer Sinn: Diese beiden Formulierungen sind korrekt:

dass du mit deinen Kräften haushaltest
dass du mit deinen Kräften Haus hältst

So, und jetzt widme ich mich dem Frühlingsputz und gehe Staub saugen bzw. staubsaugen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Anredenominativ macht nicht richtig mit

Frage

Eine Frage:

Für Sie, liebe Studienkollegen, beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
liebe Studienkollegen = lockere Apposition

Wie schaut es aus, wenn ich umstelle?

Liebe Studienkollegen, für Sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Wie kann ich den Satz analysieren?

Liebe Studienkollegen = Anrede
für Sie = Präpositionalobjekt
beginnt = Prädikat
ein neuer Lebensabschnitt = Subjekt

Könnte, ganz weit gefasst, die Anrede auch als Apposition verstanden werden?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

im ersten Satz könnte die Anrede auf den ersten Blick als lockere Apposition gesehen werden. Es ist aber üblich, Anreden als relativ eigenständige Einheiten zu betrachten, die außerhalb der eigentlichen Satzkonstruktion stehen. So stehen sie zum Beispiel immer im „neutralen“ Nominativ (Anredenominativ). Man sieht das allerdings wie in Ihren Beispielen häufig nicht, deshalb hier zwei andere, anschaulichere Beispiele:

Für dich[Akk], lieber Studienkollege[Nom], beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
Lieber Studienkollege[Nom], für dich[Akk] beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Zusammen mit Ihnen[Dat], liebe Studienkolleginnen[Nom], beginnen wir ein neues Jahr.
Liebe Studienkolleginnen[Nom], zusammen mit Ihnen[Dat] beginnen wir ein neues Jahr.

Ein zweites Indiz dafür, dass Anreden im Satz nicht richtig mitmachen, ist die Satzstellung. In einem Aussagesatz kann immer nur ein Satzglied im Vorfeld (vor der konjugierten Verbform) stehen. Wenn eine Anrede am Anfang eines Aussagesatzes steht, folgt nicht das Verb, sondern immer zuerst ein anderer Teil des Satzes:

nicht: Lieber Freund, habe ich gelesen deine Mail.
sondern: Lieber Freund, ich habe deine Mail gelesen.

Anreden stehen immer im Nominativ, können nicht das Vorfeld besetzen und gehören somit nicht zur eigentlichen Satzkonstruktion. Sie machen im Satz gewissermaßen nicht richtig mit. Es ist deshalb besser, liebe Studienkollegen in beiden Sätzen als Anrede zu bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Man selbst sein und sich selbst sein

Frage

Mein Kollege im Korrektorat hat den Satz „Man kann sich selbst sein“ in „Man kann man selbst sein“ korrigiert. Meiner Meinung nach ist das falsch. Ich glaube nicht, dass „man“ die Funktion eines Reflexivpronomens übernehmen kann.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die Formulierung Ihres Kollegen ist nicht falsch. Die standardsprachlich korrekte Formulierung ist tatsächlich:

Man kann man selbst sein.

Hier steht nicht das Reflexivpronomen, sondern ein Personalpronomen oder im Fall von man ein unbestimmtes Pronomen im Nominativ. Wir haben es nämlich mit einer Konstruktion zu tun, in der das Verb sein zwei Nominative, das Subjekt und ein Prädikativ, miteinander verbindet:

Wer kann wer oder was sein?

Das Problem: Ein Reflexivpronomen im Nominativ gibt es nicht (vgl. hier).

Standardsprachlich steht hier deshalb zweimal das Personalpronomen:

Wer bin ich? – Ich bin ich selbst.
Wer willst du sein? – Du willst du selbst sein.
Wer kann sie sein? – Sie kann sie selbst sein.
Wer dürfen wir sein? – Wir dürfen wir selbst sein.

Das gilt auch für das unbestimmte man:

Wer kann man sein? – Man kann man selbst sein.

Soweit die grammatisch korrekte Version in der Standardsprache. Wahrscheinliche Reaktionen sind nun zustimmendes „Ja, natürlich“ oder zweifelndes „Wirklich?“.

Mehr oder weniger umgangssprachlich verwendet man in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz bei dieser Wendung nämlich häufig „trotzdem“ das Reflexivpronomen:

Ich kann mich selber sein.
Er kann sich selbst sein
Man kann sich selber sein.

Auch wenn sie anderswo mit viel Skepsis empfangen wird, kommt diese „falsche“ Formulierung im südlichen deutschen Sprachraum vermutlich mindestens so häufig vor wie die korrekte. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sie in Ihren Ohren gar nicht falsch klingt. Wenn in einem Text eher Umgangssprachliches erlaubt ist, kann insbesondere im südlichen deutschen Sprachraum auch Man kann sich selbst sein stehen. In einem formellen, standardsprachlichen Text wählen Sie besser Man kann man selbst sein (oder noch besser eine andere Formulierung).

In der Wendung sich selbst sein wird das Reflexivpronomen sich also auch im Nominativ verwendet. Das kann man nun sehr abwegig finden, aber wir verwenden sich problemlos auch im Dativ, obwohl es ursprünglich nur im Akkusativ vorkam (vgl. mit den Formen mich und dich). Was ist also „falscher“, das Personalpronomen ausnahmsweise auch einmal rückbezüglich zu verwenden oder das Reflexivpronomen ausnahmsweise auch einmal im Nominativ zuzulassen? In der Standardsprache gilt nur man selbst sein als richtig, „im Süden“ findet man (auch) sich selbst sein akzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (5)

Steht ein Komma vor »als etwas zu essen«?

Frage

Es geht um diesen Satz:

Sie hatte Schlaf noch mehr nötig,(??) als etwas zu essen.

Mir ist unklar, ob diese Infinitivkonstruktion mit Komma abgetrennt wird, weil mit „etwas zu essen“ ja eigentlich ein Substantiv gemeint ist, wenn man schreiben würde „als Essen“. Vergleichbar hier ein Satz aus dem Netz: „Eine Jause ist mehr als etwas zu essen.“

Antwort

Guten Tag Herr E.,

Sie zweifeln zu Recht, denn richtig ist die Schreibung ohne Komma:

Sie hatte Schlaf noch mehr nötig als etwas zu essen.

Das liegt daran, dass „etwas zu essen“ zwar wie eine Infinitivgruppe aussieht, hier aber  eine Pronomengruppe ist:

Infinitivgruppe:
etwas zu essen = dass man etwas isst
(engl. to eat something, frz. manger quelque chose)

Pronomengruppe
etwas zu essen = etwas, das man essen kann
(engl. something to eat, frz. quelque chose à manger)

Vor vergleichendem „als“ steht dann ein Komma, wenn es einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe einleitet (siehe hier und hier). In Ihrem Satz ist aber eine Pronomengruppe gemeint. Deshalb setzen Sie kein Komma:

Sie hatte Schlaf noch mehr nötig als etwas zu essen.
vgl. Sie hatte Schlaf noch mehr nötig als Essen.

Es gab nicht mehr als etwas zu trinken.
vgl. Es gab nicht mehr als ein Getränk.

Aber zum Beispiel:

Sie kann besser schlafen, als etwas zu essen.
vgl. Sie kann besser schlafen, als zu essen.

Sie konnten nichts anderes mehr tun, als etwas zu trinken.
vgl. Sie konnten nichts anderes mehr tun, als zu trinken.

Manchmal ist es gar nicht so einfach, den Unterschied zwischen Pronomengruppe und Infinitivgruppe festzulegen, weil beides möglich ist:

Eine Jause ist mehr als etwas zu essen  (vgl. mehr als nur Esswaren)
Eine Jause ist mehr, als etwas zu essen (vgl. mehr, als nur zu essen)

Ob mit oder ohne Komma: Hauptsache, es gibt etwas zu essen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Die doppelte Menge wie sonst oder als sonst?

Frage

Muss es „die doppelte Menge wie sonst“ oder „die doppelte Menge als sonst“ heißen? Wenn ich paraphrasiere, ginge beides: „doppelt so viel wie sonst“ und (mit leicht geändertem Inhalt) „mehr als sonst“. Aber was ist korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

kein Wunder, dass Sie zweifeln, denn beides will nicht so recht passen:

Ich nehme die doppelte Menge wie sonst. [?]
Ich nehme die doppelte Menge als sonst. [?]

Manche entscheiden sich sogar für als wie, was in der Standardsprache ganz bestimmt nicht richtig ist:

*Ich nehme meist etwa die doppelte Menge als wie auf der Packung steht.

Die Unsicherheit kommt daher, dass es weder die doppelte Menge wie sonst noch die doppelte Menge als sonst heißt, sondern doppelt so viel wie sonst. So heißt es zum Beispiel auch nicht die dreifache Menge als/wie sonst, sondern dreimal so viel wie sonst. Sie sagen also viel besser:

Ich nehme doppelt so viel wie sonst.

Wenn man nicht auf das Wort Menge verzichten will, sind auch andere Formulierungen möglich, zum Beispiel:

Ich nehme das Doppelte der Menge, die ich sonst nehme.
Ich nehme das Doppelte der üblichen Menge.

Und weil es so schön ist, gleich noch ein paar Beispiele:

statt: *Für vier Personen nehmen Sie die doppelte Menge wie oben angegeben.
besser: Für vier Personen nehmen Sie doppelt so viel wie oben angegeben.
oder: Für vier Personen nehmen Sie das Doppelte der oben angegebenen Menge.

statt: *Wir haben diesmal die doppelte Summe wie beim letzten Mal bezahlt.
besser: Wir haben diesmal doppelt so viel wie beim letzten Mal bezahlt.
oder: Wir haben diesmal das Doppelte der Summe vom letzten Mal bezahlt.

statt: *Es gab mindestens die doppelte Anzahl Anmeldungen als verfügbare Plätze.
besser: Es gab mindestens doppelt so viele Anmeldungen wie verfügbare Plätze.
oder: Die Anzahl Anmeldungen war mindestens doppelt so hoch wie die der verfügbaren Plätze.

Und wenn Sie großer Fan des Karnevals, des Faschings und der Fas(t)nacht sind: Feiern Sie schön, aber trinken Sie nicht viel mehr als die doppelte Menge wie sonst – ähh – nicht viel mehr als doppelt so viel wie sonst. Ich erlaube mir diese onkelhaft ermahnenden Worte hier nur deshalb, weil echte Fans des Narrentreibens in dieser Zeit des Jahres ohnehin keine Zeit für Sprachblogs haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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