Trotzdem, obwohl?

Ich hoffe, dass Sie nicht allzu lange auf eine Antwort warten mussten, obwohl ich, statt nördlich der Alpen dem November zu trotzen, im Süden Portugals noch einige schöne Sonnentage genossen habe. Anders gesagt: Ich war ein paar Tage in der Algarve und hoffe, dass Sie trotzdem nicht allzu lange auf eine Antwort warten mussten. Im November kommt bei mir nämlich häufiger der Gedanke auf, in wärmere Gefilde auszuwandern. Doch darum soll’s nicht gehen, sondern um obwohl und trotzdem, ein altbekanntes Wortpaar, das aber immer wieder zu Fragen Anlass gibt.

Frage

Gibt es Regeln zu „trotzdem“ und „obwohl“, die besagen, in welchen Fällen nur das eine und in welchen Fällen nur das andere Wort zu verwenden ist?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

das Wort trotzdem kommt im Deutschen mit zwei verschiedenen Funktionen vor. Unbestritten ist seine Verwendung als Adverb. Es hat dann ungefähr die gleiche Bedeutung wie dennoch und wird auch so verwendet:

  1. Ich habe Lust wegzugehen, trotzdem (dennoch) bleibe ich heute zu Hause.
  2. Wir hatten die Waren bereits bezahlt, aber sie wurden trotzdem (dennoch) nicht geliefert.

Im ersten Satz sieht man, dass trotzdem als Adverb an erster Stelle stehen kann und dann – wie es sich in einem Hauptsatz gehört – das Verb an zweiter Stelle folgt.

Häufig begegnet man trotzdem auch als underordnender Konjunktion mit der gleichen Bedeutung und Verwendung wie obwohl. Diese Verwendung von trotzdem ist umstritten:

  1. Trotzdem (obwohl) ich Lust habe wegzugehen, bleibe ich heute zu Hause.
  2. Die Waren wurden nicht geliefert, trotzdem (obwohl) wir sie bereits bezahlt hatten.

Hier leitet trotzdem einen Nebensatz ein, was man unter anderem an der Stellung der gebeugten Verbform ganz am Schluss gut sehen kann.

Die unterordnende Konjunktion scheint dadurch entstanden zu sein, dass trotzdem langsam vom Hauptsatz in den Nebensatz gerutscht ist:

… aber trotz dem, dass wir bezahlt hatten, wurde nichts geliefert.
Trotzdem dass wir bezahlt hatten, wurde nichts geliefert.
Trotzdem wir bezahlt hatten, wurde nichts geliefert.

Obwohl diese Verwendung schon seit dem 19. Jahrhundert und auch in literarischen Texten vorkommt, halten viele sie (noch?) für umgangssprachlich.

„Regel“: Wenn Sie Kritik vermeiden möchten, verwenden Sie trotzdem nur dann, wenn es durch dennoch ersetzt werden kann (Sätzen 1 und 2). Wenn trotzdem einfach durch obwohl ersetzt werden kann, verwenden Sie es besser nicht (Sätze 3 und 4).

Wenn Ihnen aber Kritik hier nicht so wichtig ist, verwenden Sie trotzdem dennoch wie obwohl, obwohl oder eben trotzdem strenge Sprachhüter und weniger nachsichtige Grammatikerinnen dies für umgangssprachlich halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Milliarden (von) Nutzer(n) und Millionen (von) Sterne(n)

Frage

Bei der Beschäftigung mit Menschenmengen kam eine zugegebenermaßen sehr einfache Frage auf, die mir nun allerdings nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Und zwar geht es um Formulierungen mit Zahlwörtern wie „hunderte“, „tausende“, „Millionen“ oder „Milliarden“.

Heißt es zum Beispiel: „Das soziale Netzwerk hat Milliarden Nutzer“ oder „Das soziale Netzwerk hat Milliarden von Nutzern“? In einem berühmten Schlager lautet eine Liedzeile „Millionen von Sternen“, aber im Prinzip könnte man doch auch genauso gut „Millionen Sterne“ sagen?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

bei unbestimmten Mengenangaben wie Hunderte*, Tausende*, Millionen, Dutzende*, eine Reihe, eine Anzahl, eine Gruppe usw. kann das Gemessene a) als Apposition direkt nach der Mengenangabe stehen oder b) mit von angefügt werden. Ein paar Beispiele verdeutlichen vielleicht besser als diese Erklärung, welche Möglichkeiten es gibt:

a) Das soziale Netzwerk hat Milliarden Nutzer.
b) Das soziale Netzwerk hat Milliarden von Nutzern.

a) Es gibt Millionen Sterne.
b) Es gibt Millionen von Sternen.

a) Sie hat Dutzende* Menschen interviewt.
b) Sie hat Dutzende* von Menschen interviewt.

a) Hier finden Sie die Antwort auf eine Reihe Fragen
b) Hier finden Sie die Antwort auf eine Reihe von Fragen

a) Auf dem Radstreifen stand eine Gruppe Touristen.
b) Auf dem Randstreifen stand eine Gruppe von Touristen.

Wenn die Bezeichnung des Gemessenen ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv enthält, kann c) auch ein Genitivattribut stehen. Dann gibt es sogar drei mögliche Formulierungen:

a) Täglich melden sich Hunderte* neue Nutzer an.
b) Täglich melden sich Hunderte* von neuen Nutzern an.
c) Täglich melden sich Hunderte* neuer Nutzer an.

a) Es gibt Millionen strahlende Sterne.
b) Es gibt Millionen von strahlenden Sternen.
c) Es gibt Millionen strahlender Sterne.

a) Sie hat mit einer Reihe Studierenden über das Thema gesprochen.
b) Sie hat mit einer Reihe von Studierenden über das Thema gesprochen.
c) Sie hat mir einer Reihe Studierender über das Thema gesprochen.

a) Auf dem Radstreifen stand eine Gruppe spanische Touristen.
b) Auf dem Randstreifen stand eine Gruppe von spanischen Touristen.
c) Auf dem Radstreifen stand eine Gruppe spanischer Touristen.

Sie können also (auch standardsprachlich) Millionen strahlende Sterne, Millionen strahlender Sterne oder Millionen von strahlenden Sternen besingen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Auch die Kleinschreibung hunderte, tausende, dutzende ist hier möglich.

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Ebenso wenig wie (nicht)?

Frage

Ich habe grade nach Erläuterungen zu Konstruktionen mit „ebenso … wie“ gesucht und bin leider noch nicht fündig geworden. Es geht um folgenden Satz:

Sie lassen sich ebenso wenig auf ein Minimum reduzieren, wie sie nie ein Maximum erreichen.

Gemeint ist sicher, dass sie „nie“ ein Maximum erreichen. Da der Bezug auf „ebenso wenig“ gegeben ist, müsste es, denke ich, heißen:

Sie lassen sich ebenso wenig auf ein Minimum reduzieren, wie sie je ein Maximum erreichen.

Stimmt das und haben Sie einen Hinweis auf das Warum für mich?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

bei dieser Art der Formulierung kommen viele ins Zweifeln:

Ich bin ebenso wenig schuld, wie du schuld bist
Ich bin ebenso wenig schuld, wie du nicht schuld bist.

Sie lassen sich ebenso wenig auf ein Minimum reduzieren, wie sie nie ein Maximum erreichen
Sie lassen sich ebenso wenig auf ein Minimum reduzieren, wie sie je ein Maximum erreichen.

Das liegt daran, dass nicht klar ist, ob die Verneinung ebenso wenig sich nur auf den ersten oder auch auf den zweiten Teilsatz erstreckt. Das folgende Beispiel zeigt, dass das für die Formulierung nicht unwichtig ist:

Ich bin nicht schuld. Du bist nicht schuld.
a) ebenso wenig verneint beide Teile:
→ Ich bin ebenso wenig schuld, wie du schuld bist.
b) ebenso wenig verneint nur ersten Teil:
→ Ich bin ebenso wenig schuld, wie du nicht schuld bist.

Ich bin nicht schuld. Du bist schuld.
a) ebenso wenig verneint beide Teile:
→ Ich bin ebenso wenig schuld, wie du nicht schuld bist.
b) ebenso wenig verneint nur ersten Teil:
→ Ich bin ebenso wenig schuld, wie du schuld bist.

Bevor Sie nun anfangen mit einfachen und doppelten Verneinungen zu jonglieren: Es ist nicht wirklich wichtig, genau zu verstehen, wie die Beispiele oben konstruiert sind. Deutlich ist, dass bei Formulierungen dieser Art große Undeutlichkeit entstehen kann. Man könnte nun versuchen, der Sache mit mathematisch präziser Logik zu begegnen, doch diese Vorgehensweise funktioniert in der Sprache häufig nicht. So gibt es auch hier keine allgemeine Regel oder Konvention, die diese Fälle eindeutig abdeckt. Um Missverständnissen vorzubeugen, ist es deshalb meistens besser, anders zu formulieren. Zum Beispiel:

Ich bin nicht schuld, ebenso wenig wie du schuld bist.
Ich bin ebenso wenig schuld wie du.

Sie lassen sich nicht auf ein Minimum reduzieren, ebenso wenig wie sie je ein Maximum erreichen.
Sie erreichen nie ein Maximum und lassen sich ebenso wenig auf ein Minimum reduzieren.

Ich hoffe, dass es nun ebenso wenig unklar ist, wie es vorher unklar/klar[?] war. Man sollte wirklich besser nicht so formulieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Abhängigkeit des Alters ist nicht Abhängigkeit vom Alter

Frage

Welche Variante ist richtig: „in Abhängigkeit des Alters“ oder „in Abhängigkeit vom Alter“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

es stimmt zwar, dass der Genitiv stilistisch häufig (vgl. hier) besser ist als eine von-Gruppe, doch hier gilt dies (sehr wahrscheinlich) nicht. Während die Vor- und Nachteile des Alters eindeutig der Formulierung die Vor- und Nachteile vom Alter vorzuziehen ist, heißt es hier doch:

in Abhängigkeit vom Alter
der ideale BMI in Abhängigkeit vom Alter

ebenso

die maximale Luftfeuchtigkeit in Abhängigkeit von der Temperatur
die prozentuale Steuerbelastung in Abhängigkeit vom Gewinn

Mit Abhängigkeit vom Alter wird gesagt, dass etwas vom Alter abhängig ist. Das Substantiv Abhängigkeit verlangt also dieselbe Präposition wie das entsprechende Adjektiv abhängig (vgl. abhängig vom Alter / vom Alter abhängig).

Mit Abhängigkeit des Alters würde gesagt, dass das Alter von etwas abhängig ist: die Abhängigkeit des Alters von Unterstützung durch die Familie.

So sind auch die Abhängigkeit [z. B. der Luftfeuchtigkeit] von der Temperatur und die Abhängigkeit der Temperatur [z.B. von der Sonneneinstrahlung] zwei recht verschiedene Dinge. Nicht immer ist also der Genitiv besser als eine Formulierung mit von.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Arbeiten gemusst zu haben und Urlaub machen gekonnt zu haben

Heute wieder einmal ein kleines, unlösbares(?) Verbformenpuzzle:

Frage

[…] Kommt ein Infinitivsatz mit einem Infinitiv Perfekt und einem Modalverb in der Sprachrealität überhaupt vor? Zum Beispiel:

Hans behauptet: „Ich habe arbeiten müssen“.
Hans behauptet, gearbeitet haben zu müssen (??)

Die Form selbst scheint nicht so kompliziert zu sein, aber ich habe eine solche Form im Text noch nie gefunden (wenn ich die Form überhaupt richtig konstruiert habe).

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

nicht alles, was es theoretisch geben kann, kommt in der Realität auch wirklich vor. Das ist auch hier der Fall. Die folgenden Formulierungen sind kein Problem:

Hans behauptet: „Ich muss arbeiten.“
a) Hans behauptet, dass er arbeiten müsse/muss.
b) Hans behauptet, er müsse arbeiten.
c) Hans behauptet arbeiten zu müssen.

Irene erklärte: „Ich kann im Sommer keinen Urlaub machen.“
a) Irene erklärte, dass sie im Sommer keinen Urlaub machen könne/kann.
b) Irene erklärte, sie könne im Sommer keinen Urlaub machen.
c) Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen zu können.

Problematischer wird es, wenn das Gesagte wie in Ihrem Beispiel in der Vergangenheit steht:

Hans behauptet: „Ich habe arbeiten müssen.“
a) Hans behauptet, dass er hat/habe arbeiten müssen.
b) Hans behauptet, er habe arbeiten müssen.
c) ?

Irene erklärte: „Ich habe im Sommer keinen Urlaub machen können.
a) Irene erklärte, dass sie im Sommer keinen Urlaub habe/hat machen können.
b) Irene erklärte, sie habe im Sommer keinen Urlaub machen können.
c) ?

Die Nebensatzkonstruktionen a) und b) lassen sich ohne allzu große Schwierigkeiten bilden. Bei der Infinitivkonstruktion c) aber geraten die meisten – auch ich – ins Stolpern. Wie heißt es denn nun richtig?

Hans behauptet arbeiten müssen zu haben.
Hans behauptet zu haben arbeiten müssen.
Hans behauptet arbeiten gemusst zu haben.
???

Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen können zu haben.
Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub zu haben machen können.
Irene erklärte, im Sommer keinen Urlaub machen gekonnt zu haben.
???

Diese Unsicherheit führt dazu, dass wir die sonst so elegante Infinitivkonstruktion hier vermeiden und auf die „robusteren“ Nebensätze ausweichen. Die jeweils dritte Variante (arbeiten gemusst zu haben; machen gekonnt zu haben) scheint übrigens die noch am ehesten akzeptable zu sein. Empfehlen kann ich sie aber dennoch nicht*.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* v. a. wegen der Frage des fehlenden Eratzinfinitivs

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Wann wird zur Besprechung eingeladen?

Frage

Was halten Sie von der folgenden Formulierung?

Wir freuen uns, Sie am 7. August 2017 zu einer ersten Besprechung einzuladen.

Eigentlich würde „7. August 2017“ zur Besprechung gehören, und eingeladen wird ja schon jetzt, also zu dem Zeitpunkt, zu dem der Empfänger den Brief liest. Ist das zu streng argumentiert? Was denken Sie? Man findet die Formulierung zuhauf …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

wenn man es genau nimmt, haben Sie recht. Logisch gesehen besser ist:

Wir freuen uns, Sie zu einer ersten Besprechung am 7. August 2017 einzuladen.

Wie Sie richtig bemerken, gehört das Datum zu Besprechung, das heißt, Besprechung und das Datum bilden hier zusammen einen Satzteil:

– Wozu laden wir ein?
– zu einer ersten Besprechung am 7. August

Wenn man die Datumsangabe von Besprechung trennt und im Satz an eine andere Stelle verschiebt, wird sie zu einer eigenständigen Adverbialbestimmung. Als solche bezieht sie sich dann auf das Verb der Infinitivgruppe, nämlich auf einzuladen:

– Wann laden wir ein?
–  am 7. August

Im Satz

 Wir freuen uns, Sie am 7. August 2017 zu einer ersten Besprechung einzuladen

wird also am 7. August eingeladen und nicht schon im Moment, in dem er geschrieben resp. gelesen wird. So weit die logisch-grammatische Sichtweise.

Eine Formulierung wie Sie am 7. August zu einer ersten Besprechung einzuladen kommt aber häufig vor und kann eigentlich zu keinen Missverständnissen führen. Mit viel gutem Willen könnte man weiter auch argumentieren, dass das Schreiben jetzt ankündigt, dass am 7. August eingeladen werden wird. Ich würde deshalb sagen, dass man sie „notfalls“ so stehen lassen kann, ohne dass gleich von einem großen Fehler gesprochen werden muss. Selbst würde ich aber die zweite, grammatisch und stilistisch bessere Formulierung verwenden: Sie zu einer ersten Besprechung am 7. August einzuladen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wir wird (der) Matrose Engelbert gebeugt?

Frage

Ist der Dativ so auch zulässig:

Machen Sie eine Reise mit Kapitän Paulsen und Matrose Engelbert.

Oder muss man hochsprachlich schreiben:

Machen Sie eine Reise mit Kapitän Paulsen und dem Matrosen Engelbert.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wieder einmal sind beide Formulierungen möglich. Welche Sie wählen, hängt davon ab, ob die Berufsbezeichnung Matrose oder der Name Engelbert der Kern der Wortgruppe ist.

Wenn der Name Engelbert den Kern der Wortgruppe bildet und die Berufsbezeichnung Matrose eine Apposition (nähere Bestimmung) ist, wird der Name gebeugt und bleibt die Berufsbezeichnung unverändert. Matrose bleibt also immer Matrose:

Matrose Engelbert fährt auch mit
Matrose Engelberts abenteuerliche Reisen
Nichts geht ohne Matrose Engelbert
ein Reise mit Kapitän Paulsen und Matrose Engelbert

Wenn Matrose der Wortgruppenkern und Engelbert die Apposition ist, wird die Berufsbezeichnung gebeugt und der Name bleibt unverändert:

Der Matrose Engelbert fährt auch mit
Die abenteuerlichen Reisen des Matrosen Engelbert
Nichts geht ohne den Matrosen Engelbert
ein Reise mit Kapitän Paulsen und dem Matrosen Engelbert

Wann ist nun was der gebeugte Wortgruppenkern resp. die ungebeugte Apposition?

In Verbindung mit einem Namen ist eine Verwandtschaftsbezeichnung, eine Berufsbezeichnung, ein Titel u. Ä. eine Apposition zum Namen, wenn kein Artikel(wort) verwendet wird. Gebeugt wird der Kern der Wortgruppe, also der Name. Die Apposition bleibt ungebeugt:

Onkel Antons Gemüsegarten
König Arthurs Tafelrunde
Malermeister Streichers Geschäft
Nichts geht ohne Präsident Macron
eine abenteuerliche Reise mit Matrose Engelbert

In Verbindung mit einem Namen ist eine Verwandtschaftsbezeichnung, eine Berufsbezeichnung, ein Titel u. Ä. der Kern der Wortgruppe, wenn ein Artikel(wort) verwendet wird. Gebeugt wird auch hier der Kern der Wortgruppe. Der Name bleibt ungebeugt:

der Gemüsegarten meines Onkels Anton
die Tafelrunde des Königs Arthur
das Geschäft des Malermeisters Streicher
Nichts geht ohne den Präsidenten Macron
eine abenteuerliche Reise mit dem Matrosen Engelbert

Siehe auch hier und hier.

Ob Sie eine Reise mit Matrose Engelbert oder mit dem Matrosen Engelbert unternehmen, hängt also davon ab, ob Sie finden, dass Matrose Engelbert oder der Matrose Engelbert mitfährt. Grammatisch ist beides richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Schwerpunkt bildet der …

Frage

Heißt es „Ein Schwerpunkt bildet der künstliche Kniegelenkersatz“ oder „Einen Schwerpunkt bildet der künstliche Gelenkersatz“?

Antwort 

Sehr geehrte Frau M.,

verdächtigerweise klingen beide Formulierungen irgendwie richtig. Grammatisch gesehen ist aber nur eine von ihnen korrekt. Mittelpunkt des Satzes ist das Verb bilden. Es verlangt ein Subjekt und ein Akkusativobjekt:

Wer oder was bildet wen oder was?

Subjekt und Akkusativobjekt sind in Ihrem Satz so verteilt: Das künstliche Kniegelenk (= Subjekt) bildet einen Schwerpunkt (= Akkusativobjekt). Wenn nun Schwerpunkt an den Satzanfang gestellt wird, bleibt es ein Akkusativobjekt. Es heißt deshalb:

Einen Schwerpunkt bildet der künstliche Kniegelenkersatz.

Auch mit dem Verb darstellen trifft man relativ häufig einen Nominativ an, wo ein Akkusativ stehen sollte. Es heißt also nicht:

*Ein Schwerpunkt stellt der Erwerb sozialer Kompetenzen dar.

sondern:

Einen Schwerpunkt stellt der Erwerb sozialer Kompetenzen dar.

Wie kommt es, dass hier relativ oft fälschlich ein Nominativ steht und dass dieser Nominativ auf den ersten Blick gar nicht so furchtbar falsch aussieht? Ich vermute, dass es daran liegt, dass die Verben bilden und darstellen vor allem die Funktion haben, das „langweilige“ sein zu vermeiden. Mit sein ist der Nominativ korrekt:

Ein Schwerpunkt ist der künstliche Kniegelenkersatz.
Ein Schwerpunkt ist der Erwerb sozialer Kompetenzen.

Es könnte also sein, dass die eigentlich gemeinte Konstruktion mit dem gewöhnlichen sein sich bei den Formulierungen mit den Ersatzverben bilden und darstellen doch in den Vordergrund drängt. Anders gesagt: Die Ersatzformulierung wird nur zum Teil durchgeführt. Nur das Verb, nicht aber die dazugehörende Konstruktion wird angepasst.

Wenn Schwerpunkt am Satzanfang stehen soll, gefällt mir persönlich übrigens die Formulierung mit dem schlichten sein besser als die Varianten mit bilden oder darstellen. Doch das ist natürlich eine reine Stil- und Geschmackssache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von Kartoffelschnaps, Apfelaktionen und nicht bestehenden Regeln

Manchmal tauchen Regeln auf, an die sich jemand erinnert oder zu erinnern glaubt, die im konkreten Sprachgebrauch zu Problemen führen können, weil es sie schlichtweg nicht gibt. Heute geht es um ein Beispiel einer solchen „Regel“, die zum Glück relativ einfach zu widerlegen ist.

Frage

Ist „Vom Kartoffelschnaps zu Apfelaktionen“ richtig? Oder muss es entweder „Von Kartoffelschnaps zu Apfelaktionen“ oder „Vom Kartoffelschnaps zu den Apfelaktionen“ heißen? Ich erinnere mich an eine Regel, die besagte, dass in einem solchen Fall entweder der bestimmte Artikel für beide Substantive oder der unbestimmte Artikel für beide Substantive verwendet werden muss. Gibt es eine solche Regel?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es gibt keine solche Regel. Es spricht nämlich nichts grundsätzlich dagegen, von etwas Unbestimmtem zu etwas Bestimmtem zu gehen ­– oder von etwas Bestimmtem zu etwas Unbestimmtem.

vom heutigen Tag zu früheren Zeiten
von früheren Zeiten zum heutigen Tag

vom bereits Gesagten zu neuen Gedanken
von neuen Gedanken zum bereits Gesagten

„Nur“ wenn beide Elemente gleich bestimmt resp. unbestimmt sind, müssen sie beide mit oder beide ohne Artikel stehen. Das ist, wie gesagt, nicht immer der Fall.

Die Formulierung vom Kartoffelschnaps zu Apfelaktionen ist also möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


PS: Die Regel, an die Sie sich vielleicht erinnern, hat nur indirekt mit bestimmten und unbestimmten Wörtern zu tun. Sie bezieht sich darauf, dass es bei einer Aufzählung mit einer Präposition, die mit dem Artikel verschmolzen ist, und einer nicht verschmolzenen Form besser ist, die Präposition zu wiederholen. Das klingt, wenn man es so kurz formuliert, komplizierter als es ist. Ein paar Beispiele:

besser nicht: vom Kartoffelschnaps und Apfelaktionen
sondern: vom Kartoffelschnaps und von Apfelaktionen
oder: von Kartoffelschnaps und Apfelaktionen

besser nicht: beim Kartoffelschnaps oder einem Bier
sondern: beim Kartoffelschnaps oder bei einem Bier

besser nicht: im Saarland und Hessen
sondern: im Saarland und in Hessen

Ebenso:

besser nicht: Der Bus fährt zum Bahnhof und der Stadthalle.
sondern: Der Bus fährt zum Bahnhof und zur Stadthalle.

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Kosten und der doppelte Akkusativ (II)

Eine Frage, die schon vor längerer Zeit einmal behandelt wurde, wegen nicht nachlassender Popularität noch einmal:

Frage

„Fehler, die Autofahrer das Leben kosten können“ oder „Fehler, die Autofahrern das Leben kosten können“???

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

auf jeden Fall richtig ist die Konstruktion mit doppeltem Akkusativ:

Fehler, die Autofahrer das Leben kosten können

Häufig kommt daneben die Konstruktion mit Dativ und Akkusativ vor. Sie wird aber (noch?) nicht von allen als korrekt akzeptiert:

Fehler, die Autofahrern das Leben kosten können

Dass der Dativ hier die Neigung hat, den Akkusativ zu ersetzen, ist gar nicht so unverständlich. Es gibt nämlich nur sehr wenige Verben, die mit zwei Akkusativobjekten stehen können. Ein paar Beispiele:

Sie war sehr interessiert und fragte mich tausend Dinge.
Der Vater fragt/hört die Gymnasiastin die Lateinvokabeln ab.
Wir versuchen, die Kursisten gutes Deutsch zu lehren.
Diese Fehler können Autofahrer das Leben kosten.

Solche Verbkonstruktionen sind selten. Im Gegensatz dazu kommen Konstruktionen mit einem Dativ der Person und einem Akkusativ der Sache sehr häufig vor:

Sie gab ihm einen Euro.
Man schenkte mir keine Beachtung.
Der Kellner bot den Gästen einen Kaffee an.
Soll ich dir den Koffer abnehmen?
Wir versuchen, den Kursisten gutes Deutsch beizubringen.

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die Verben mit doppeltem Akkusativ auch zu diesem Muster tendieren:

Der Vater fragt/hört der Gymnasiastin die Lateinvokabeln ab.
Wir versuchen, den Kursisten gutes Deutsch zu lehren.
Diese Fehler können Autofahrern das Leben kosten.

Die Formulierungen mit Dativ und Akkusativ statt des doppelten Akkusativs werden unterschiedlich bewertet. Strengere Grammatiker und Grammatikerinnen meinen, Sie seien falsch. Ich persönlich halte sie in vielen Fällen für vertretbar, empfehle aber denjenigen, die gegen jegliche Kritik gefeit sein möchten, hier den doppelten Akkusativ zu verwenden. (Er ist ja auch eine schöne, ungewöhnliche Konstruktion, die man sicher ein bisschen hegen und pflegen darf.)

Bei fragen geschieht übrigens etwas anderes. Dort tritt nicht der Dativ auf, sondern häufig die „konkurrierende“ Konstruktion nach etwas fragen:

Sie war sehr interessiert und fragte mich nach tausend Dingen.

Hoffentlich kostet Sie nun der Umgang mit dieser Verwendung von kosten etwas weniger Mühe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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