Wir wird (der) Matrose Engelbert gebeugt?

Frage

Ist der Dativ so auch zulässig:

Machen Sie eine Reise mit Kapitän Paulsen und Matrose Engelbert.

Oder muss man hochsprachlich schreiben:

Machen Sie eine Reise mit Kapitän Paulsen und dem Matrosen Engelbert.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wieder einmal sind beide Formulierungen möglich. Welche Sie wählen, hängt davon ab, ob die Berufsbezeichnung Matrose oder der Name Engelbert der Kern der Wortgruppe ist.

Wenn der Name Engelbert den Kern der Wortgruppe bildet und die Berufsbezeichnung Matrose eine Apposition (nähere Bestimmung) ist, wird der Name gebeugt und bleibt die Berufsbezeichnung unverändert. Matrose bleibt also immer Matrose:

Matrose Engelbert fährt auch mit
Matrose Engelberts abenteuerliche Reisen
Nichts geht ohne Matrose Engelbert
ein Reise mit Kapitän Paulsen und Matrose Engelbert

Wenn Matrose der Wortgruppenkern und Engelbert die Apposition ist, wird die Berufsbezeichnung gebeugt und der Name bleibt unverändert:

Der Matrose Engelbert fährt auch mit
Die abenteuerlichen Reisen des Matrosen Engelbert
Nichts geht ohne den Matrosen Engelbert
ein Reise mit Kapitän Paulsen und dem Matrosen Engelbert

Wann ist nun was der gebeugte Wortgruppenkern resp. die ungebeugte Apposition?

In Verbindung mit einem Namen ist eine Verwandtschaftsbezeichnung, eine Berufsbezeichnung, ein Titel u. Ä. eine Apposition zum Namen, wenn kein Artikel(wort) verwendet wird. Gebeugt wird der Kern der Wortgruppe, also der Name. Die Apposition bleibt ungebeugt:

Onkel Antons Gemüsegarten
König Arthurs Tafelrunde
Malermeister Streichers Geschäft
Nichts geht ohne Präsident Macron
eine abenteuerliche Reise mit Matrose Engelbert

In Verbindung mit einem Namen ist eine Verwandtschaftsbezeichnung, eine Berufsbezeichnung, ein Titel u. Ä. der Kern der Wortgruppe, wenn ein Artikel(wort) verwendet wird. Gebeugt wird auch hier der Kern der Wortgruppe. Der Name bleibt ungebeugt:

der Gemüsegarten meines Onkels Anton
die Tafelrunde des Königs Arthur
das Geschäft des Malermeisters Streicher
Nichts geht ohne den Präsidenten Macron
eine abenteuerliche Reise mit dem Matrosen Engelbert

Siehe auch hier und hier.

Ob Sie eine Reise mit Matrose Engelbert oder mit dem Matrosen Engelbert unternehmen, hängt also davon ab, ob Sie finden, dass Matrose Engelbert oder der Matrose Engelbert mitfährt. Grammatisch ist beides richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Ein Schwerpunkt bildet der …

Frage

Heißt es „Ein Schwerpunkt bildet der künstliche Kniegelenkersatz“ oder „Einen Schwerpunkt bildet der künstliche Gelenkersatz“?

Antwort 

Sehr geehrte Frau M.,

verdächtigerweise klingen beide Formulierungen irgendwie richtig. Grammatisch gesehen ist aber nur eine von ihnen korrekt. Mittelpunkt des Satzes ist das Verb bilden. Es verlangt ein Subjekt und ein Akkusativobjekt:

Wer oder was bildet wen oder was?

Subjekt und Akkusativobjekt sind in Ihrem Satz so verteilt: Das künstliche Kniegelenk (= Subjekt) bildet einen Schwerpunkt (= Akkusativobjekt). Wenn nun Schwerpunkt an den Satzanfang gestellt wird, bleibt es ein Akkusativobjekt. Es heißt deshalb:

Einen Schwerpunkt bildet der künstliche Kniegelenkersatz.

Auch mit dem Verb darstellen trifft man relativ häufig einen Nominativ an, wo ein Akkusativ stehen sollte. Es heißt also nicht:

*Ein Schwerpunkt stellt der Erwerb sozialer Kompetenzen dar.

sondern:

Einen Schwerpunkt stellt der Erwerb sozialer Kompetenzen dar.

Wie kommt es, dass hier relativ oft fälschlich ein Nominativ steht und dass dieser Nominativ auf den ersten Blick gar nicht so furchtbar falsch aussieht? Ich vermute, dass es daran liegt, dass die Verben bilden und darstellen vor allem die Funktion haben, das „langweilige“ sein zu vermeiden. Mit sein ist der Nominativ korrekt:

Ein Schwerpunkt ist der künstliche Kniegelenkersatz.
Ein Schwerpunkt ist der Erwerb sozialer Kompetenzen.

Es könnte also sein, dass die eigentlich gemeinte Konstruktion mit dem gewöhnlichen sein sich bei den Formulierungen mit den Ersatzverben bilden und darstellen doch in den Vordergrund drängt. Anders gesagt: Die Ersatzformulierung wird nur zum Teil durchgeführt. Nur das Verb, nicht aber die dazugehörende Konstruktion wird angepasst.

Wenn Schwerpunkt am Satzanfang stehen soll, gefällt mir persönlich übrigens die Formulierung mit dem schlichten sein besser als die Varianten mit bilden oder darstellen. Doch das ist natürlich eine reine Stil- und Geschmackssache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von Kartoffelschnaps, Apfelaktionen und nicht bestehenden Regeln

Manchmal tauchen Regeln auf, an die sich jemand erinnert oder zu erinnern glaubt, die im konkreten Sprachgebrauch zu Problemen führen können, weil es sie schlichtweg nicht gibt. Heute geht es um ein Beispiel einer solchen „Regel“, die zum Glück relativ einfach zu widerlegen ist.

Frage

Ist „Vom Kartoffelschnaps zu Apfelaktionen“ richtig? Oder muss es entweder „Von Kartoffelschnaps zu Apfelaktionen“ oder „Vom Kartoffelschnaps zu den Apfelaktionen“ heißen? Ich erinnere mich an eine Regel, die besagte, dass in einem solchen Fall entweder der bestimmte Artikel für beide Substantive oder der unbestimmte Artikel für beide Substantive verwendet werden muss. Gibt es eine solche Regel?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es gibt keine solche Regel. Es spricht nämlich nichts grundsätzlich dagegen, von etwas Unbestimmtem zu etwas Bestimmtem zu gehen ­– oder von etwas Bestimmtem zu etwas Unbestimmtem.

vom heutigen Tag zu früheren Zeiten
von früheren Zeiten zum heutigen Tag

vom bereits Gesagten zu neuen Gedanken
von neuen Gedanken zum bereits Gesagten

„Nur“ wenn beide Elemente gleich bestimmt resp. unbestimmt sind, müssen sie beide mit oder beide ohne Artikel stehen. Das ist, wie gesagt, nicht immer der Fall.

Die Formulierung vom Kartoffelschnaps zu Apfelaktionen ist also möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


PS: Die Regel, an die Sie sich vielleicht erinnern, hat nur indirekt mit bestimmten und unbestimmten Wörtern zu tun. Sie bezieht sich darauf, dass es bei einer Aufzählung mit einer Präposition, die mit dem Artikel verschmolzen ist, und einer nicht verschmolzenen Form besser ist, die Präposition zu wiederholen. Das klingt, wenn man es so kurz formuliert, komplizierter als es ist. Ein paar Beispiele:

besser nicht: vom Kartoffelschnaps und Apfelaktionen
sondern: vom Kartoffelschnaps und von Apfelaktionen
oder: von Kartoffelschnaps und Apfelaktionen

besser nicht: beim Kartoffelschnaps oder einem Bier
sondern: beim Kartoffelschnaps oder bei einem Bier

besser nicht: im Saarland und Hessen
sondern: im Saarland und in Hessen

Ebenso:

besser nicht: Der Bus fährt zum Bahnhof und der Stadthalle.
sondern: Der Bus fährt zum Bahnhof und zur Stadthalle.

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Kosten und der doppelte Akkusativ (II)

Eine Frage, die schon vor längerer Zeit einmal behandelt wurde, wegen nicht nachlassender Popularität noch einmal:

Frage

„Fehler, die Autofahrer das Leben kosten können“ oder „Fehler, die Autofahrern das Leben kosten können“???

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

auf jeden Fall richtig ist die Konstruktion mit doppeltem Akkusativ:

Fehler, die Autofahrer das Leben kosten können

Häufig kommt daneben die Konstruktion mit Dativ und Akkusativ vor. Sie wird aber (noch?) nicht von allen als korrekt akzeptiert:

Fehler, die Autofahrern das Leben kosten können

Dass der Dativ hier die Neigung hat, den Akkusativ zu ersetzen, ist gar nicht so unverständlich. Es gibt nämlich nur sehr wenige Verben, die mit zwei Akkusativobjekten stehen können. Ein paar Beispiele:

Sie war sehr interessiert und fragte mich tausend Dinge.
Der Vater fragt/hört die Gymnasiastin die Lateinvokabeln ab.
Wir versuchen, die Kursisten gutes Deutsch zu lehren.
Diese Fehler können Autofahrer das Leben kosten.

Solche Verbkonstruktionen sind selten. Im Gegensatz dazu kommen Konstruktionen mit einem Dativ der Person und einem Akkusativ der Sache sehr häufig vor:

Sie gab ihm einen Euro.
Man schenkte mir keine Beachtung.
Der Kellner bot den Gästen einen Kaffee an.
Soll ich dir den Koffer abnehmen?
Wir versuchen, den Kursisten gutes Deutsch beizubringen.

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die Verben mit doppeltem Akkusativ auch zu diesem Muster tendieren:

Der Vater fragt/hört der Gymnasiastin die Lateinvokabeln ab.
Wir versuchen, den Kursisten gutes Deutsch zu lehren.
Diese Fehler können Autofahrern das Leben kosten.

Die Formulierungen mit Dativ und Akkusativ statt des doppelten Akkusativs werden unterschiedlich bewertet. Strengere Grammatiker und Grammatikerinnen meinen, Sie seien falsch. Ich persönlich halte sie in vielen Fällen für vertretbar, empfehle aber denjenigen, die gegen jegliche Kritik gefeit sein möchten, hier den doppelten Akkusativ zu verwenden. (Er ist ja auch eine schöne, ungewöhnliche Konstruktion, die man sicher ein bisschen hegen und pflegen darf.)

Bei fragen geschieht übrigens etwas anderes. Dort tritt nicht der Dativ auf, sondern häufig die „konkurrierende“ Konstruktion nach etwas fragen:

Sie war sehr interessiert und fragte mich nach tausend Dingen.

Hoffentlich kostet Sie nun der Umgang mit dieser Verwendung von kosten etwas weniger Mühe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der um-zu-Satz und sein Subjekt

Keine Regel ohne Ausnahmen. Das gilt auch bei Zwecksätzen mit um zu.

Frage

Heute hörte ich in den Mittagsnachrichten den Satz (leicht gekürzt): „Der Verkehr wird bereits in Amsteg aufgehalten, um die Strecke salzen zu können.“ Wie ist das genau mit den um-zu-Sätzen, und stimmt hier alles?

Antwort 

Sehr geehrter Herr Z.,

Die Antwort auf Ihre Frage ist zweiteilig. Wie so häufig gibt es nämlich eine allgemeine Regel, aber auch Ausnahmen.

Die allgemeine Regel besagt, dass das Subjekt, das man in einem Zwecksatz mit um zu ergänzen kann, mit dem Subjekt des übergeordneten Satzes identisch sein muss:

Ich schreibe alles auf, um es nicht zu vergessen.
= Ich schreibe alles auf, damit ich es nicht vergesse.

Wir fahren in die Stadt, um ins Kino zu gehen.
= Wir fahren in die Stadt, damit wir ins Kino gehen können.

Das zum Infinitiv des um-zu-Satzes gehörende Subjekt kann also nicht mit einem Objekt des übergeordneten Satzes übereinstimmen:

nicht: Der Hauswart rief einen Klempner, um den Abfluss zu reparieren.
nicht: Die Eltern schicken das Kind zur Schule, um etwas zu lernen.

Mit diesen Sätzen würde gesagt, dass der Hauswart den Abfluss reparieren soll und dass die Eltern etwas lernen sollen. Das ist zwar theoretisch nicht ausgeschlossen, aber sehr wahrscheinlich nicht der Sinn dieser Sätze.

Das bisher Gesagte würde bedeuten, dass der Satz, den Sie im Radio gehört haben, nicht korrekt ist. Schließlich soll ja nicht der aufgehaltene Verkehr die Strecke salzen. Er ist dennoch richtig, denn auch in der Standardsprache gibt es Ausnahmen zur allgemeinen Regel:

  • Wenn das Verb im übergeordneten Satz ein Subjekt hat, das gar nicht als Handelnder verstanden werden kann:

Die Situation war günstig, um das Problem zur Sprache zu bringen.
Viel Geduld war nötig, um die Tiere aneinander zu gewöhnen.

  • Wenn der übergeordnete Satz ein Passivsatz mit einem unpersönlichen Agens oder mit einem durch von angefügten Agens ist:

Der Damm wurde gebaut, um Überschwemmungen zu verhindern.
Die Bäume wurden vom Gärtner gefällt, um die Aussicht wieder frei zu machen.

Auch der Satz im Radio ist also so vertretbar:

Der Verkehr wird bereits in Amsteg aufgehalten, um die Strecke salzen zu können.

Wie man sieht, ist selbst eine so starke Regel wie die Subjektgleichheit in um-zu-Sätzen nicht gegen Ausnahmen gefeit (auch wenn sehr strenge Lehrmeister/-innen vielleicht nicht ganz damit einverstanden sind). Wie dem auch sei, hoffentlich hören und lesen wir bald Sätze wie diesen:

Um sich gegen Sonnenbrand zu schützen, wird regelmäßig Sonnencreme aufgetragen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Präposition versus Konjunktion: versus

Frage

In einer Zeitschriftenüberschrift lese ich: „Alte Zöpfe versus frischem Wind“. Stimmt der Kasus nach „versus“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

nach versus steht nicht der Dativ, sondern der Akkusativ:

alte Zöpfe versus frischen Wind
alte Armut versus neuen Reichtum
christliche Dogmentreue versus einen kritischen Geist

So steht es in den Wörterbüchern, auch in Canoonet.

Die Präposition versus stammt direkt aus dem Lateinischen, wo sie ebenfalls mit dem Akkusativ steht. Der Dativ frischem Wind ist vielleicht durch die deutsche Entsprechung gegenüber beeinflusst, die diesen Fall verlangt.

Das ist aber nicht alles, was ich hierzu sagen möchte. Mir kommt nämlich ganz spontan eine andere Formulierung in den Sinn, die ich eigentlich auch nicht als falsch empfinde, obwohl nach versus nicht ein Akkusativ steht:

Alte Zöpfe versus frischer Wind

Der Nominativ „frischer Wind“ nach versus? Ich habe ganz schnell auch noch weitere Beispiele gefunden, in denen nach versus nicht der Akkusativ, sondern ein anderer Fall steht, ohne dass mir das grundsätzlich falsch vorkommt:

neue Form versus neuer Inhalt
die Interaktion Personalchef versus junger Angestellter
Es kam zu einer Auseinandersetzung von Halbstarken versus Erwachsenen**

Es sieht also so aus, wie wenn versus häufig nicht als Präposition mit einem festen Kasus, sondern als Konjunktion verwendet wird. Bei einer Konjunktion stehen die durch die Konjunktion verbundenen Elemente im gleichen Kasus. Der Kasus wird durch ihre Rolle im Satz bestimmt. Die Verwendung von versus als Konjunktion ist nicht ganz abwegig, da es die Elemente, die vor und nach ihm stehen, häufig zu einem Gegensatzpaar verbindet, dessen gleichrangige Elemente auch die Plätze tauschen können:

alte Zöpfe versus frischer Wind = frischer Wind versus alte Zöpfe
vgl.
alte Zöpfe und frischer Wind = frischer Wind und alte Zöpfe
alte Zöpfe oder frischer Wind = frischer Wind oder alte Zöpfe

Die Tatsache, dass versus häufig in dieser Weise „falsch” verwendet wird, und in wesentlich geringerem Maße mein Erstaunen darüber, dass mich das nicht erstaunt, sind Anzeichen dafür, dass die Einteilung von versus als Präposition mit Akkusativ vielleicht nicht die ganze Sprachwirklichkeit beschreibt. Es wäre genauer zu prüfen, ob versus nicht auch in der Standardsprache häufiger die Funktion einer Konjunktion hat: Präposition versus Konjunktion.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Akkusativ wäre Erwachsene, vgl. für Erwachsene

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Nur kein(en) Stress!

Frage

Welche elliptische Formulierung ist korrekt?

(1) Nur kein Stress!
(2) Nur keinen Stress!

Falls (1) korrekt ist – wie erklärt sich der Nominativ, wenn der vollständige Satz doch lautet: „Mach dir nur keinen Stress!“? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr L.

beide Formulierungen können als richtig angesehen werden, je nachdem wie man die Ellipse (den Auslassungssatz) ergänzt. Zum Beispiel:

Mach dir nur keinen Stress!
→ Nur keinen Stress!

Es darf/soll nur kein Stress aufkommen!
→ Nur kein Stress!

Man muss die Äußerung „Nur kein Stress!“ allerdings nicht unbedingt als Ellipse im engeren Sinne ansehen. Sie kann auch als absoluter Nominativ interpretiert werden. Ein absoluter Nominativ ist ein Wort oder ein Satzglied, das nicht in das Satzgefüge eingebunden ist und im Nominativ steht. Solche Nominative stehen mehr oder weniger unabhängig für sich allein. Drei weitere Beispiele:

Zu verkaufen: frischer Spargel
Ein Zufall? Sie trafen sich schon wieder am Bahnhof.
Kilometerlanger Stau wegen Baustelle

Es ist in der Regel möglich, solche absoluten Nominative als Ellipsen zu sehen und sie zu einem vollständigen Satz zu ergänzen, unbedingt notwendig ist es aber nicht. Vgl. hier.

Die Variante im Nominativ scheint übrigens bei der Aufforderung, möglichst ohne Stress zu reagieren, häufiger vorzukommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kontrafaktische Relativsätze

Meistens versuche ich ja, die Fachterminologie maßvoll zu verwenden. Bei diesem Fachausdruck konnte ich es mir dennoch nicht verkneifen. Ganz so trocken wie es klingt, ist es aber nicht. Es geht um eine schöne Verwendung des Konjunktivs.

Frage

Ab und an stößt man während des Lesens auf den freien Konjunktiv II, der auch in negativen Relativsätzen nicht selten auftritt:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.

Warum findet hierbei der Indikativ eher selten Verwendung? […] Ich möchte hierbei noch anmerken, dass auch ich mich nicht selten zu derartigen Sätzen hinreißen lassen, weil sie nun einmal besser klingen:

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.

Könnte man hier nun auch den Indikativ anwenden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

es handelt sich hier um besondere Nebensätze im Konjunktiv II, die zu den sogenannten kontrafaktischen (irrealen) Relativsätzen gehören. Sie sind von einem übergeordneten Satz abhängig, der verneint ist und dessen Verneinung sich auch auf den Relativsatz bezieht.

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl gewesen wäre.
= Es gab niemanden, für den gilt, dass er in diesem Wald lebte und ein edler Mensch war.

Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren wüsste.
Es gibt nichts, für das gilt, dass es (es gibt und) ihn nicht zu faszinieren weiß.

Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgt hätte und behutsam mit ihm umgegangen wäre.
Es gab keine anmutige Gattin, für die gilt, dass sie zu Hause auf ihn wartete und ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.

Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefiele.
Es gibt keinen Menschen, für den gilt, dass er anwesend ist und ihr gefällt.

Die Verneinung im übergeordneten Satz verneint gleichzeitig auch die Aussage im Relativsatz. Der Relativsatz drückt also etwas Irreales, etwas nicht Bestehendes aus. Solche Relativsätze stehen häufig im Konjunktiv II. Es ist aber auch möglich, sie im Indikativ zu formulieren:

In diesem Wald lebte niemand, der ein edler Kerl war.
Es gibt nichts, was ihn nicht zu faszinieren weiß.
Auf ihn wartete zu Hause keine anmutige Gattin, die ihn umsorgte und behutsam mit ihm umging.
Es ist kein Mensch anwesend, der ihr gefällt.

Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die Formulierung im Konjunktiv besser klingt. Sie gibt auch nachdrücklicher an, dass das im Relativsatz Gesagte nicht der Fall ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater …

Frage

Ich sah den folgenden Relativsatz in einem Buch und ich habe mir gedacht, dass er ein wenig sonderbar ist:

Es waren einmal drei Brüder, dessen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.

Meine Frage lautet: Warum schrieb der Autor „dessen ihr…“? Das Relativpronomen „dessen“ ist ein Genitiv und gibt ein Besitzverhältnis an. Warum steht dann dennoch auch das Possessivpronomen „ihr“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Relativsatz ist nicht ein wenig sonderbar, er ist falsch. Der Anschluss dessen ihr ist hier eventuell eine Art Regionalismus, eine bewusst gewählte Abweichung von der Norm oder eine falsche Mischform zwischen Standardsprache und Umgangssprache (siehe unten). Genaueres kann ich dazu nicht sagen, denn ich habe diese Wendung noch nie bewusst gesehen.

Standardsprachlich richtig ist hier

Es waren einmal drei Brüder, deren Vater ihnen Geld hinterließ.
(Genitiv deren: Wessen Vater hinterließ ihnen Geld?)

oder

Es waren einmal drei Brüder, denen der Vater Geld hinterließ.
(Dativ denen: Wem hinterließ der Vater Geld?)

Ganz aus der Luft gegriffen ist das Possessivpronomen ihr in Ihrem Satz allerdings nicht. Es passt nur nicht zur Genitivform dessen oder deren. Umgangssprachlich steht nämlich anstelle des Genitivs manchmal auch der Dativ mit einem Possessiv (siehe hier). Zum Beispiel:

dem Dr. Bopp sein Blog = Dr. Bopps Blog
den drei Brüdern ihr Vater = der Vater der drei Brüder

Rein umgangssprachlich wäre also auch der Anschluss mit einem Dativ und einem Possesivpronomen möglich:

Es waren einmal drei Brüder, denen ihr Vater ihnen Geld hinterließ.
(Dativ + Possessiv denen ihr: Wem sein Vater hinterließ ihnen Geld?)

In der Standardsprache sollte man aber auf Sätze verzichten, *denen ihre Formulierung wie diese als falsch gilt, und besser Sätzen verwenden, deren Formulierung nicht in Frage gestellt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Voller

Frage

Welche Wortart ist „voller“ in der Bedeutung „voll mit“ bzw. „voll von“, wie in zum Beispiel folgendem Kontext: „Er betrat einen Raum voller Kunstgegenstände“ ?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

voller ist hier eine erstarrte Genitivform von voll, die manchmal zu den Präpositionen gerechnet wird, manchmal aber auch wie voll in gleicher Stellung zu den Adjektiven. Es gibt Argumente für und gegen beide Interpretationen. Dass voller irgendwo dazwischen liegt, zeigen andeutungsweise diese beiden Vergleiche:

ein Raum voller Kunstgegenstände
ein Raum ohne Kunstgegenstände

ein Raum voller Kunstgegenstände
ein Raum voll Kunstgegenstände

Allein stehende Substantive werden nach „voller“ im Nominativ resp. ungebeugt verwendet:

ein Raum voller Kunstgegenstände
Die Bäume waren voller Vögel
Sie sah mich voller Misstrauen an

Tritt ein Adjektiv hinzu, verwendet man den Genitiv:

ein Raum voller interessanter Kunstgegenstände
Die Bäume waren voller zwitschernder Vögel
Sie musterten einander voller gegenseitigen Misstrauens

Häufiger als voller wird einfach voll verwendet. Dabei gibt es eine erstaunliche Variantenvielfalt. Hier nur ein paar Beispiele:

ein Raum voll Kunstgegenstände
ein Raum voll von/mit Kunstgegenständen
ein Raum voll neuer Kunstgegenstände
ein Raum voll neuen Kunstgegenständen
ein Raum voll von/mit neuen Kunstgegenständen

Wer versucht, diese Situation in einfacher Weise zusammenzufassen, sieht bald einmal vor lauter Formen die Regel nicht mehr. Auch hier zeigt sich das Deutsche als eine Sprache voll/voller/voll von Varianten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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