Anders, keiner, niemand, nichts und umgekehrt als

Frage

Ist es richtig, zu sagen: „Bei mir ist es anders wie bei allen anderen“, oder wäre es besser, zu sagen: „Bei mir ist es anders als bei allen anderen”?

Antwort

Guten Tag S.,

bei Vergleichen mit anders verwendet man standardsprachlich das Vergleichswort als:

Bei mir ist es anders als bei allen anderen.
anders als erwartet
Ihr wart ganz anders als sonst.
Ich mache das anders als du.
Es kommt oft anders, als man denkt.

Das Vergleichswort als steht auch bei kein, niemand, nichts und umgekehrt:

Der Eingebildete sieht keinen als sich selbst.
Sie verneigt sich vor niemandem als vor Gott und dem König.
Mit dir hat man nichts als Scherereien.
Die Sache verhält sich umgekehrt, als man dir erzählt hat.

Genauso wie bei größer wie statt größer als gilt hier die Verwendung von wie statt als als umgangssprachlich. (Ein Satz wie der letzte kann mit all den als und wie eher verwirrend als erhellend wirken. Falls dem so ist, können Sie alles in der Canoonet-Grammatik nachlesen.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Seit ich fünf bin

Frage

Wie muss es richtig heißen: „Ich kann lesen, seit ich 5 Jahre alt bin“ oder „seit ich 5 Jahre als war“? Oder sage ich besser: „Ich kann lesen, seit ich 5 Jahre geworden bin/geworden war“? Jetzt bin ich schon beträchtlich älter als 5.

Antwort

Guten Tag M.,

es heißt üblicherweise:

Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt bin.

Das ist die am häufigsten vorkommende, gebräuchliche Ausdrucksweise, auch wenn sie bei genauerem Hinschauen und allzu „logischem“ Interpretieren aus dem Munde von Fünfundwanzig- oder Fünfundfünfzigjährigen etwas seltsam klingen mag. Man ist ja spätestens, wenn man sechs Jahre alt geworden ist, nicht mehr fünf.

Eine andere, aber selten verwendet Formulierung ist:

Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt geworden bin.

Auch hier könnte bei genauerem Betrachten stören, dass die meisten, die dies sagen, schon lange nicht mehr fünf Jahre alt sind.

Dennoch sollte man die Formulierungen

Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt war.
Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt geworden war.

nicht verwenden. Man kann nämlich im Deutschen das Präteritum (war) besser nicht mit dem Präsens (kann) kombinieren. Vgl.

nicht: Es kommen viele neue Kunden, seit wir den Laden umbauten.
sondern: Es kommen viele neue Kunden, seit wir den Laden umgebaut haben.
oder: Es kommen viele neue Kunden, seit der Laden umgebaut ist.

Möglich wäre seit ich fünf Jahre alt war in einer Formulierung wie dieser:

Ich konnte lesen, seit ich fünf Jahre alt war, als …

Die gebräuchlichste und in der Regel problemlos verstandene Formulierung ist hier also seit ich x Jahre alt bin:

Seit ich vierzig Jahre alt bin, brauche ich eine Lesebrille.
„Seit ich dreißig bin“, sagt die heute Neunundvierzigjährige, „hat mich das Publikum am Leben erhalten“.
Ich arbeite im Filmbereich, seit ich zwanzig bin.
Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt bin.

Wenn Ihnen seit ich fünf Jahre alt bin trotz allem nicht gefallen will, können Sie auf die folgende Formulierung ausweichen:

Ich kann seit meinem sechsten Lebensjahr lesen.

Ob es hier das fünfte oder das sechste Lebensjahr heißen muss, ist dann wieder eine ganz andere Frage …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Welche Rolle spielt der Relativsatz?

In letzter Zeit scheint die Bestimmung der Satzglieder aktuell zu sein. Es werden häufiger als sonst Fragen zu diesem Thema gestellt. Ich nehme allerdings an, dass es sich um einen Zufall handelt. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass viele für 2012 den guten Vorsatz gefasst haben, ihre Kenntnisse der deutschen Satzanalyse aufzupolieren. Ein besonderes Knacknüsschen ist offenbar der Relativsatz:

Frage

„Alle, die sich interessieren, können einen Museumsführer kaufen.“ Stimmt es, dass der Relativsatz ein Subjektsatz ist, zu dem das Artikelwort “alle” gehört? Oder ist der Relativsatz ein Attributsatz?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

der Relativsatz in Ihrem Beispiel

Alle, die sich interessieren, können einen Museumsführer kaufen.

ist kein Subjektsatz. Ein Subjektsatz ist ein Nebensatz, der im Gesamtsatz die Funktion des Subjekts hat. Beispiele sind die folgenden Nebensätze:

Dass du gekommen bist, freut mich.
Wann wir ankommen werden, ist ungewiss.

– Wer oder was freut mich?
– Dass du gekommen bist, freut mich.

Wer oder was ist ungewiss?
Wann wir ankommen, ist ungewiss.

Mehr zum Subjektsatz finden Sie hier.

Nebensätze erfüllen in der Regel eine bestimmte Funktion im Hauptsatz. Was ist nun die Funktion des Relativsatzes die sich interessieren? Es ist kein Subjektsatz, denn der Kern der Antwort auf die Frage, wer oder was einen Museumsführer kaufen kann, ist das Pronomen* alle:

Wer oder was kann einen Museumsführer kaufen?
Alle können einen Museumsführer kaufen.

Der Relativsatz bestimmt genauer, was mit alle gemeint ist, d. h., um „welche alle“ es sich handelt: alle, die sich interessieren:

Wer oder was kann einen Museumsführer kaufen?
Alle, die sich interessieren, können einen Museumsführer kaufen.

Das Subjekt des Gesamtsatzes ist also alle, die sich interessieren. Es besteht aus dem Kern alle und einem sogenannten Attribut, das ihn genauer bestimmt:  die sich interessieren. Man nennt den Relativsatz nach dieser Funktion einen Attributsatz.

Attributsätze kommen nicht nur beim Subjekt vor:

Ich habe die Frage, die Sie gestellt haben, beantwortet.

Die Wortgruppe die Frage, die Sie gestellt haben ist das Akkusativobjekt. Dabei ist der Relativsatz die Sie gestellt haben ein Attribut zum Kern Frage.

Wen oder was habe ich beantwortet?
Die Frage, die Sie gestellt haben, habe ich beantwortet. [hoffe ich zumindest]

Ein weiteres Beispiel:

Sie wohnt in dem Haus, das abgerissen werden soll.

Hier ist der Relativsatz (das abgerissen werden soll) Attribut zu einem Nomen (Haus) in einer Adverbialbestimmung des Ortes:

– Worin/wo wohnt sie?
– Sie wohnt in dem Haus, das abgerissen werden soll.

Ich weiß nicht, welchen konkreten Nutzen dieses Wissen haben könnte, wenn man sich nicht gerade mit der Bestimmung von Satzgliedern beschäftigt. Falls Sie dies aber tun wollen oder müssen, wissen Sie nun, dass Relativsätze im Gesamtsatz in der Regel die Funktion eines Attributs haben. Es sind Attributsätze. Mehr dazu finden Sie hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

alle wird hier als Pronomen, nicht als Artikelwort verwendet.

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Die besser als erwarteten Konjunkturdaten?

Der Jahreswechsel ist eine Zeit, in der neue Erwartungen formuliert und alte überprüft werden. Vor allem bei Letzterem begegnet man häufiger einer fragwürdigen Formulierung.

Frage

Ist die folgende Formulierung zulässig?

die meist besser als erwarteten Konjunkturdaten

Müsste es nicht etwa heißen: „Die Konjunkturdaten, die meist besser ausfielen als erwartet …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die Formulierung ist tatsächlich „krumm“. Das liegt daran, dass erwartet in besser als erwartet sich nicht als Adjektiv auf Konjunkturdaten bezieht. Es ist ein Partizip, das zu einem Vergleichssatz gehört:

besser, als man erwartet hatte

Dieser verkürzte Vergleichssatz ist eine Erweiterung von besser (wie? – besser als erwartet). Die Wortgruppe als erwartet bezieht sich also auf besser. Das Adjektiv, das sich auf Konjunkturdaten bezieht, ist besser.

Die Konjunkturdaten sind besser.
die besseren Konjunkturdaten

Die Konjunkturdaten sind viel besser.
die viel besseren Konjunkturdaten.

Die Konjunkturdaten sind besser als erwartet.
die ??? Konjunkturdaten

Das Partizip erwartet kann hier eigentlich nicht attributiv vor das Substantiv gestellt werden. Vergleichen Sie zum Beispiel:

Die Konjunkturdaten sind nicht so hoch wie erwartet.
Die Konjunkturdaten sind besser als von den Analysten erwartet.
Die Konjunkturdaten sind besser als letztes Jahr.
(Der Schrank ist breiter als hoch.)

In diesen Fällen kann erwartet ebenfalls nicht vor das Substantiv treten. Also nicht:

*die nicht so hoch wie erwarteten Konjunkturdaten
*die besser als von den Analysten erwarteten Konjunkturdaten
*die besser als letztes Jahr Konjunkturdaten
(*der breiter als hohe Schrank)

Genauso wenig kann man eigentlich sagen:

*die besser als erwarteten Konjunkturdaten

Trotzdem kommt die letzte Formulierung häufig vor, auch in eher standardsprachlichen Kontexten. Sie ist nämlich so schön kurz und bündig. Grammatisch ist sie aber wie gesagt sehr fragwürdig und stilistisch ist sie alles andere als ein Meisterwerk. Ich würde sie auf jeden Fall vermeiden! Zum Beispiel:

Die Konjunkturdaten, die meist besser ausfielen als erwartet, …
Die Konjunkturdaten sind meist besser als erwartet. Sie …

Manchmal lohnt es sich einfach, ein paar Wörter mehr zu „investieren“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Bis zu und die Fälle

Frage

Welcher Fall steht nach der Präposition „bis zu“? Zum Beispiel:

Sie können bis zu 20 Bücher(n) aussuchen.
Das Projekt kann bis zu 2 Jahre(n) dauern.

Was bestimmt in diesen Beispielen den Fall?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

die Wendung bis zu ist in Ihren Beispielen nicht als Präposition zu verstehen, die den Fall bestimmt. Man muss bis zu hier mit einem Adverb wie höchstens vergleichen. Den Fall bestimmt also nicht bis zu, sondern die weitere Satzkonstruktion. Konkret gesagt bedeutet dies: Wenn bis zu weggelassen oder durch höchstens ersetzt werden kann, steht der gleiche Fall, wie wenn nichts steht oder höchstens eingesetzt wird. Zum Beispiel:

Sie können bis zu 20 Bücher aussuchen.
Vgl. Sie können (höchstens) 20 Bücher aussuchen.

Sie können aus bis zu 20 Büchern auswählen.
Vgl. Sie können aus (höchstens) 20 Büchern auswählen.

Das Projekt kann bis zu zwei Jahre dauern.
Vgl. Das Projekt kann (höchstens) zwei Jahre dauern.

eine Verspätung von bis zu 2 Jahren
eine Verspätung von (höchstens) 2 Jahren

Die Teilnehmer sind bis zu 50 Jahre alt.
Die Teilnehmer sind (höchsten) 50 Jahre alt.

Wenn bis zu nicht weggelassen und nicht durch höchstens ersetzt werden kann, steht wie nach einfachem zu der Dativ:

Teilnehmen können Jugendliche bis zu 18 Jahren.
Gemeinden bis zu 5 000 Einwohnern

Hier wird das zu wird gelegentlich weggelassen. Dann steht nach bis der Akkusativ:

Teilnehmen können Jugendliche bis 18 Jahre.

Das klingt alles komplizierter als es ist. Je nachdem ob bis zu als Präposition oder wie ein Adverb verwendet wird, bestimmt es den Fall oder eben nicht. Und wenn Sie wieder einmal unsicher werden sollten, können Sie alles hier nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wem gehört unser Geschenk?

Die erste Weihnachtsbeleuchtung hängt bereits. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen! Passend dazu die folgende Frage, die sich allerdings auf Geschenke aller Art bezieht:

Frage

Ich wollte ein paar Sätze zu einem erhaltenen Geschenk schreiben und bin bei der Suche nach einer geeigneten Formulierung auf folgendes „Problem“ gestoßen. Wenn ich von „unserem Geschenk“ spreche, so ist doch damit eher das Geschenk von uns für jemand anderen gemeint und weniger das Geschenk für uns, also eines, das wir erhalten haben. Oder anders ausgedrückt unser Geschenk ist (zumindest nach dem Schenkvorgang) nicht unseres. Oder verhält es sich doch ganz anders? Gibt es evtl. einen anderen Ausdruck, der zu einer eindeutigeren Formulierung führt?

Antwort

Guten Tag P.,

mit unser Geschenk ist meist unser Geschenk für jemanden gemeint. Es bleibt auch dann unser Geschenk, wenn der Schenkvorgang abgeschlossen ist. Nur die verschenkte Flasche, CD oder iPad-Hülle ist nach dem Schenkvorgang nicht mehr von uns in unserem Besitz. Besitzanzeigende Wörter wie unser geben ein „Besitzverhältnis“ im weitesten Sinne an. Das Wort Geschenk bezieht sich hier gewissermaßen auf den Vorgang und die Absicht, die von uns ausgehen. Vorgang und Absicht bleiben dieselben, nur das Verschenkte wechselt den Besitzer. Sie können sich also gut wie folgt für ein Geschenk bedanken, das Sie erhalten haben: „Vielen Dank für euer Geschenk!“

Es wird allerdings komplizierter! Trotz allem, was bis jetzt gesagt wurde, nennen gelegentlich auch die Beschenkten das Geschenkte unser Geschenk. Dann geht es nicht mehr um Vorgänge und Absichten, sondern um das Haben, das Besitzen im wörtlichen Sinne. So drücken sich zum Beispiel zwei Geschwister grammatikalisch völlig korrekt aus, wenn sie sich unter dem Weihnachtsbaum streiten: „Das ist mein Geschenk, nicht deins!“ Damit wollen die lieben Kleinen in der Regel deutlich sagen, dass sie das mein Geschenk genannte Geschenk erhalten haben.

Sowohl die Schenkenden als auch die Beschenkten können also von unser Geschenk reden. Normalerweise ergibt sich dabei aus dem Kontext, was gemeint ist. Sollte dies einmal nicht der Fall sein, kann die Schenkrichtung zum Beispiel mit Hilfe von für und von angegeben werden:

Gefällt dir unser Geschenk?

Gefällt dir unser/das Geschenk für deine Mutter?
Gefällt dir unser/das Geschenk von deiner Mutter?

Doch wie gesagt, außer vielleicht dann, wenn mehrere Geschenke für mehrere Personen unter einem Weihnachtsbaum liegen, ist in der Regel klar, um wessen Geschenk es sich bei etwas Geschenktem handelt, ganz gleich ob nun unser, euer oder das vor Geschenk steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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1,5 Pfund Erbsen – Singular oder Plural?

Nachdem ich die Antwort auf die untenstehende Frage wieder zurückerhalten habe („Absender unbekannt“), möchte ich Sie wieder einmal bitten, darauf zu achten, im Kontakformular die richtige Adresse anzugeben oder einfach die ebenfalls hier genannte E-Mail-Adresse zu verwenden. Sie erhalten dann nämlich ganz bestimmt eine Antwort – und auch noch schneller.

Frage

Auf Ihrer Webseite http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Verb/Numerus-Person/ProblemNum.html führen Sie den Beispielsatz an: „Hinzu kommen 1,5 Pfund Erbsen.“ Mehrere Personen sind der Meinung, dass dies „Hinzu kommt 1,5 Pfund lauten muss“ (ab „2 Pfund“ dagegen Plural). Mit den anderen Beispielsätzen sind wir dagegen einverstanden.

Antwort

Guten Tag!

Als standardsprachlich richtig gilt:

Hinzu kommen 1,5 Pfund Erbsen.

Vermutlich finden Sie in diesem Beispielsatz die Einzahl besser, weil Sie 1,5 als eine Einzahl ansehen. Dass dies nicht der Fall ist, wird dann ersichtlich, wenn das nachfolgende Substantiv keine immer in der Einzahl stehende Mengenangabe wie Pfund ist:

1 Pfund Erbsen
1,5 Pfund Erbsen
2 Pfund Erbsen

1 Tonne Erbsen
1,5 Tonnen Erbsen (nicht: 1,5 Tonne)
2 Tonnen Erbsen

Ein Tag ist lang.
eineinhalb Tage sind lang. (nicht: eineinhalb Tag)
Zwei Tage sind lang.

Wir haben es also bei 1,5 Pfund Erbsen mit einer Mengenangabe in der Mehrzahl und etwas Gemessenem in der Mehrzahl zu tun. Standardsprachlich sollte das Verb deshalb ebenfalls in der Mehrzahl stehen (siehe hier):

Hinzu kommen 1,5 Pfund Erbsen.

Vgl.

Hinzu kommen 1,5 Tonnen Erbsen.
Hinzu kommen 2 Pfund Erbsen.

Es ist allerdings nicht sehr erstaunlich, dass Sie hier den Singular wählen möchten: 1,5 (eins Komma fünf) beginnt mit 1 (eins) und Pfund steht trotz der „mehrzahligen“ Bedeutung in der Einzahl (1,5 Pfund, nicht 1,5 Pfunde). Bei so vielen wie eine Einzahl aussehenden Elementen drängt sich die Singularform für das Verb beinahe auf. Standardsprachlich sollte aber, wie gesagt, trotzdem der Plural stehen. Wie bei vielen Mengenangaben, die ja nicht grundlos zu den problematischen Fällen gezählt werden, findet man „in der freien Wildbahn“ auch hier häufig andere Formulierungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Frage mit dem Ausrufezeichen

Frage

Ich habe eine Frage zu den Satzzeichen. Gesetzt den Fall, es findet eine Unterhaltung statt, in der einer der Partizipierenden sehr aufgebracht ist, wie kann ich das korrekt zum Ausdruck bringen? Zum Beispiel: „Sie wagen es, mich anzugreifen?!?“

Gibt es die Möglichkeit, Ausrufezeichen mit Fragezeichen zu kombinieren? Wenn ich lediglich ein Ausrufezeichen setze, ist zwar zum Ausdruck gebracht, dass hier eine stärkere Emotion vorherrscht, jedoch wird die Bedeutung dadurch verschoben. Was für „korrekte“ Möglichkeiten gibt es?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wenn eine Frage gleichzeitig auch ein Ausruf ist, kann man nach dem Fragezeichen noch ein Ausrufezeichen setzen:

Sie wagen es, mich anzugreifen?!
Wer soll das noch verstehen?!

Im Prinzip reicht es, ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen zu setzen. Mehrfache Frage- und Ausrufezeichen wirken eher comicartig (was sich allerdings manchmal gut als Stilmittel einsetzen lässt).

Wie man sieht, kann eine Äußerung gleichzeitig Frage und Ausruf sein. Die Grenzen zwischen Frage, Ausruf, Aufforderung und Aussage sind nicht ganz so deutlich, wie man dies auf Anhieb meinen würde.

Eine Frage ist einfach zu erkennen. Sie fängt entweder mit der konjugierten Verbform oder mit einem Fragewort an und man schließt sie mit einem Fragezeichen ab:

Hast du Zeit?
Wann hast du Zeit?

Es gibt aber auch Aussagesätze, die als Frage gemeint sind:

Du bist schon 16 Jahre alt?
Ich kann Deutsch mit Ihnen reden?

Es handelt sich meist um Vergewisserungsfragen, das heißt Fragen, deren Antwort man zu kennen glaubt und die man nur zur Vergewisserung stellt.

Es gibt auch Fragesätze, die gar nicht als Fragen gemeint sind. Dazu gehören rhetorische Fragen:

Wer hört schon auch mich? (= Es hört ohnehin nie jemand auf mich.)
Habe es dir nicht gesagt? (= Ich habe es dir doch gesagt.)

Auch höfliche Aufforderungen kleiden wir oft in die Form einer Frage:

Kannst du bitte herkommen?

Wenn die Aufforderung etwas eindringlicher gemeint ist, kann man auch mit einem Ausrufezeichen abschließen:

Kommst du bitte sofort hierher!

Nicht alle Fragen sind also als Fragesatz formuliert und nicht alles, was  wir als Fragesatz formulieren, ist auch als Frage gemeint.

Noch viel inkonsequenter sind wir, wenn es um Aufforderungen geht. Das Deutsche stellt uns dafür eigentlich den Imperativ, die Befehlform, zur Verfügung:

Geh schlafen!
Löschen Sie bitte das Licht!

Damit geben wir uns aber nicht zufrieden. Wie bereits oben gesagt, gießen wir eine höfliche Aufforderung häufig in die Form einer Frage:

Gehst du bitte schlafen?
Könnten Sie bitte das Licht löschen?

Damit ist unser Repertoire an Aufforderungsarten noch lange nicht ausgeschöpft. Bei Hinweistafeln, Zetteln, Anleitungen, Geboten und Verboten, die sich nicht an eine bestimmte Person richten, steht oft ein Infintiv:

Bitte beim Verlassen der Raumes Licht löschen.

Auch die Modalverben müssen und sollen können verwendet werden, um eine Aufforderung zu formulieren:

Du musst herkommen!
Sie sollten das Licht löschen!

Wenn man ihn entsprechend betont, kann auch ein Aussagesatz im Präsens oder Futur als dringliche Aufforderung dienen:

Du gehst jetzt schlafen!
Sie werden sofort das Licht löschen!

Erstaunlicherweise kann man sogar ein Passiv mit unpersönlichem es oder ganz ohne Subjekt als nachdrückliche Aufforderung verstehen:

Es wird jetzt geschlafen!
Nun wird sofort das Licht gelöscht!

Eine Frage ist nicht immer eine Frage, ein Aussagesatz kann auch Frage oder Aufforderung sein und alle möglichen Formulierungen können als Aufforderung gemeint sein. Wer soll das noch verstehen?!

Ganz so schlimm ist es allerdings nicht. Wir verstehen all diese Formulierungen meist problemlos. Zum Problem werden sie erst dann, wenn man die Bezeichnungen Aussagesatz, Fragesatz und Aufforderungssatz allzu eng nimmt und den Sätzen ausschließlich die Funktion zugesteht, nach der sie benannt sind.

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Stilfigur mit URLs

Frage

Ich habe eine Frage zur Präposition vor der URL in folgendem Fall:

Weitere Informationen finden Sie unter www.canoo.net.
Weitere Informationen finden Sie auf www.canoo.net.

Ist beides möglich?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

beides ist möglich, üblich und meiner Meinung nach auch korrekt:

Weitere Informationen finden sie unter www.canoo.net.
Weitere Informationen finden sie auf www.canoo.net.
Vgl.
Weitere Informationen finden sie unter [der Adresse] www.canoo.net.
Weitere Informationen finden sie auf [der Website] www.canoo.net.

Man kann sagen, dass wir es hier mit einer Metonymie (griech. metonymia = Namensvertauschung, Umbenennung) zu tun haben: Ein Ausdruck wird durch einen anderen ersetzt, der in engem sachlichem Zusammenhang dazu steht.

Beispiele sind:

  • Mit ein VW ist eigentlich ein Wagen der genannten Marke gemeint.
  • Wenn man ein Glas trinkt, nimmt man eigentlich den Inhalt des genannten Gefäßes zu sich.
  • Wer Dürrenmatt liest, liest eigentlich ein Werk des genannten Autors.
  • Ein tosender Applaus des ganzen Saales ist eigentlich ein tosender Applaus aller im genannten Raum Anwesenden.
  • Die auf www.canoo.net zu findende Information steht eigentlich auf der Website mit der genannten Adresse (URL).

Hier zeigt sich schön, dass wir im täglichen Sprachgebrauch immer wieder diese klassische Stilfigur anwenden, sogar mit modernen Begriffen wie URLs.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ich warte schon darauf/auf ihn

Frage

Für mich war es eigentlich immer klar:

  • Lebewesen: Präposition + Pronomen (mein Vater – ich denke an ihn)
  • Dinge: Pronominaladverb (der Unfall – ich muss oft daran denken).

Mein Problem sind nur Formulierungen wie die folgenden:

Angst – Wie gehe ich mit ihr um?
Schüchternheit – Manche schämen sich für sie, andere ärgern sich über sie und wieder andere fürchten sie.

Natürlich steht im letzten Satz „Schüchternheit = sie“, aber schämt man sich nicht dafür und ärgert sich darüber? Oft klingt die Formulierung Präposition+ Pronomen ganz normal, manchmal bekomme ich aber Bauchschmerzen. Damit kann ich nicht arbeiten! Ich könnte abschließend sagen: „Der nächste Wutanfall beim Korrigieren kommt bestimmt. Ich warte schon darauf / auf ihn“. Ja, was denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

es steht zu befürchten, dass ich Ihre eventuellen Wutanfälle nicht durch die Angabe einer eindeutigen Regel verhindern kann. Ich würde Ihnen aber dringend empfehlen, sich in diesem Bereich vor allem auf Ihr Sprachgefühl zu verlassen und die Regeln nicht allzu streng anzuwenden. Das erspart einem Bauchschmerzen und Wutanfälle und ist somit gesund und bekömmlich für Leib und Seele.

Es gilt allgemein standardsprachlich als besser, in Ihren Beispielsätzen Pronominaladverbien zu verwendet:

Angst – Wie gehe ich damit um?
Schüchternheit – Manche schämen sich dafür, andere ärgern sich darüber und wieder andere fürchten sie.

Die Verwendung und Nichtverwendung der Pronominaladverbien wie daran, darauf, damit, darüber usw. ist allerdings ein komplexer, nicht vollständig geklärter Bereich. Man kann deshalb oft keine festen Regeln, sondern nur Tendenzen angeben.

Bei Personen verwendet man (fast) nie Pronominaladverbien:

Die neue Mitarbeiterin – Wir sind sehr zufrieden mit ihr (NICHT damit).
Mein Vater – Ich denke oft an ihn (NICHT daran).

Bei Sachverhalten, Nebensätzen, Infinitiven u. Ä. muss man sie verwenden:

Er ging weg und lachte dabei (NICHT bei ihm).
Rauchen, du solltest damit aufhören (NICHT mit ihm).

Dazwischen, das heißt bei Dingen und Abstrakta, ist die Lage etwas komplizierter. Es ist oft besser, dafür statt für ihn oder für sie zu sagen (vgl. Ihre Beispielsätze oben). Es ist aber nicht immer die einzig richtige Möglichkeit. Die Verbindung Präposition + Pronomen wird nämlich manchmal verwendet, um etwas hervorzuheben oder zu verdeutlichen:

Hervorhebung:
Ich finde diesen Satz den wichtigsten von allen, weil gerade in ihm zum Ausdruck kommt, was …

Verdeutlichung:
Ich habe diese Zeichnung selbst gemacht und möchte wissen was du von ihr hältst.
(d.h. von der Zeichnung, nicht von der Tatsache, dass ich sie selbst gemacht habe)

Sie können entsprechend beides sagen:

Der nächste Wutanfall kommt bestimmt. Ich warte schon darauf.
Der nächste Wutanfall kommt bestimmt. Ich warte schon auf ihn.

Im zweiten Satz verdeutlichen Sie, dass Sie auf den Wutanfall warten und nicht auf das Kommen des Wutanfalls. Das klingt im Zusammenhang mit Wutanfällen allerdings etwas ungewöhnlich. Besser sieht man das bei Bussen:

Der nächste Bus kommt bestimmt. Ich warte hier darauf.
(auf den Bus, auf das Kommen des Busses)
Der nächste Bus kommt bestimmt. Ich warte hier auf ihn.
(auf den Bus)

Es gibt also eine Grundregel, von der man in gewissen Fällen abweichen kann. Wann man abweicht, hängt von Situation, Kontext und Bedeutung/Absicht der Aussage ab. Wahrlich kein einfaches Feld für einfache Regeln.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine zusammenfassende Darstellung der Verwendung der Pronominaladverbien finden Sie hier.

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