Wenn länger weniger lang ist als lang

Es wird vor allem Logiker und Fremdsprachige ziemlich erstaunen: Im Deutschen ist ein älterer Mann oft jünger als ein alter Mann, und eine jüngere Frau kann älter sein als eine junge Frau. Wie ist das möglich, wenn doch jünger und älter eindeutig die Steigerungsformen von jung und alt sind? Dann muss doch ein älterer Mann älter sein als ein alter Mann. Und eine jüngere Frau muss jünger sein als eine junge Frau.

Innerhalb eines Vergleichs ist das auch genau so: Wenn Sie einen Mann von achtunddreißig mit einem Fünfundvierigjährigen vergleichen, ist der zweite ein älterer Mann als der erste. Und mit siebenundzwanzig ist eine Frau eindeutig eine jüngere Frau als eine Zweiunddreißigjährige. Die Anwendung des Komparativs hält sich hier genau an die Bedeutung seines deutschen Namens „Höherstufe“: Er gibt einen höheren Grad der Eigenschaft an, die das Adjektiv alt oder jung ausdrückt.

Die Vergleichsformen werden aber auch außerhalb von Vergleichen angewendet. Dann haben sie kurioserweise nicht eine verstärkende, sondern eine abschwächende Funktion. Wenn man mit einer jungen Frau gesprochen hat, war die betreffende Person einfach jung. Wenn man aber sagt, dass man mit einer jüngeren Frau gesprochen hat (ohne sie dabei mit jemand anderem zu vergleichen), meint man, dass die Gesprächspartnerin nicht mehr ganz so jung, aber sicher noch nicht alt war. Wenn man diese relativen, außerhalb von Vergleichen verwendeten Charakterisierungen miteinander vergleicht, bezeichnet also tatsächlich jünger eine ältere Person als jung!

Natürlich ist alles relativ: Für Elfjährige ist jeder Mann über zwanzig ein älterer Mann und jeder über dreißig ein alter Mann. Als Sechzigjähriger hält man sich vielleicht für einen älteren Mann, aber bestimmt noch nicht für einen alten Mann. Auch hier gilt aber in beiden Fällen, dass älter jünger ist als alt.

Das ist auch bei anderen Adjektiven möglich: Niemand wartet gerne. Wenn Sie aber einmal warten müssen, welche Antwort ist Ihnen lieber: „Es wird noch längere Zeit dauern“ oder „Es wird noch lange Zeit dauern“? Eine längere Zeit ist lang, aber eine lange Zeit ist in diesem Fall noch länger. Gewinnen Sie im Lotto lieber einen größeren Geldbetrag oder einen großen Geldbetrag? Im Allgemeinen ist ein großer Gewinn mehr als ein größerer Gewinn – außer wenn man die Beträge direkt miteinander vergleicht …

Verwirrend? – Nur wenn man zu viel darüber nachdenkt und den Begriff Steigerung im Namen Steigerungsform nicht loslassen kann. Sehen Sie hier, was die Grammatik kurz zu diesem Thema zu sagen hat.

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Die aktuellsten Nachrichten

Wieder einmal zu einem „Dauerbrenner im Grammatikland“:

Frage

Nach Zwiebelfisch [= Kolumnist Bastian Sick] „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ kann man optimal und aktuell nicht steigern. Wenn etwas aktuell ist, dann ist das andere eben nicht aktuell. Auf Canoo.net werden diese Wörter aber mit Steigerungsformen angegeben. Wer liegt hier richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

wenn man die wörtliche Definition solcher „absoluter“ Adjektive nimmt, hat Herr Sick natürlich recht. Wenn etwas aktuell ist, dann kann etwas anderes nur ebenfalls aktuell oder nicht (mehr) aktuell sein. Das Optimale ist das Bestmögliche, besser geht also nicht mehr. Und absolut bedeutet ja, dass es darüber hinaus nichts mehr geben kann. Steigerungsformen sind also bei der wörtlichen Bedeutung solcher Adjektive nicht möglich.

Das ist aber ein wenig flexible und sehr einengende Sicht auf die Möglichkeiten der Sprache. Nehmen wir zum Beispiel aktuell: Wenn die aktuellen Nachrichten der ARD eine halbe Stunde älter sind als die aktuellen Nachrichten des ZDF, darf ich dann nicht sagen, dass die Nachrichten des ZDF aktueller sind als diejenigen der ARD? Und wenn die Nachrichten von SAT und RTL usw. noch älter sind, hat dann das ZDF in diesem Moment nicht die aktuellsten Nachrichten? Nach der strengen, wörtlichen Auslegung der Bedeutung von aktuell stimmt das vielleicht nicht: Nur das ZDF hat aktuelle Nachrichten, alle anderen nicht mehr, obwohl sie behaupten, dass Sie aktuellen Nachrichten hätten. Ich glaube aber nicht, dass – außer strengen Grammatikern und deren Anhänger –  jemand hier einen Fehler entdecken kann. Die Steigerungsformen aktueller und aktuellste drücken hier genau aus, was gemeint ist, nämlich dass alle Fernsehstationen aktuelle Meldungen haben und dass diejenigen des ZDF die neuesten oder eben die aktuellsten sind.

Im Allgemeinen gilt, dass man absolute Adjektive auch in einem übertragenen Sinne oder bewusst übertreibend verwenden kann – und wie ich finde auch darf. Wenn es neben beste auch allerbeste gibt, weshalb darf es dann neben optimal im verstärkenden oder übertreibenden Sinne nicht auch optimalste geben? Diese Steigerungsform verdient zugegebenermaßen meistens nicht den Schönheitspreis, aber sie ist nach der Grammatik des Deutschen möglich, weil das Deutsche die bewusste Übertreibung und die Verstärkung des Superlativs (z.B. allerbeste) kennt und zulässt. Die Frage lautet meistens nicht, ob solche Steigerungsformen korrekt sind, sondern vielmehr, ob man sie stilistisch schön, gut oder akzeptabel findet. Man sollte also ihren Gebrauch nicht, wie Herr Sick es tut, von vornherein verurteilen.

Das schönste Beispiel einer solchen Übertreibung habe ich einmal von einer englischsprachigen Linguistin gelesen, an deren Namen ich mich leider nicht erinnere. Sie schrieb sinngemäß das Folgende:

Wer einmal im neunten Monat mit Drillingen schwanger war, wird nie mehr behaupten, dass eine Frau nicht schwangerer sein kann als eine andere.

Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber das Beispiel zeigt, dass Wörter nicht nur im engen Käfig ihrer wörtlichen Definition benutzt werden, sondern auch in vielen anderen Kontexten und Bedeutungen.

Sehen Sie hierzu auch einen früheren Blogeintrag und diese Grammatikseite zu den absoluten Adjektiven.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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weitestgehend und weitgehendst

Eine Bemerkung eines Canoo.net-Benutzers:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich gestatte mir den Hinweis, daß auf Ihrer Seite

http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Adverb/Komparation.html

sich in der Passage:

Einige Adjektivadverbien haben zusätzlich eine unflektierte Superlativform:
baldigst, höflichst, freundlichst, weitgehendst

eine wirkliche Scheußlichkeit verbirgt: Das letzte Beispiel (”weitgehendst”)
ist “falscher Deutsch”, richtig ist bekanntlich das Wort “weitestgehend”.

Falls es für Sie von Interesse ist: In dem Buch “Schachmatt” ist immer von
einer “dunkelhäutigeren Nation” für die farbigen US-Amerikaner die Rede -
richtig wäre natürlich, von der “dunklerhäutigen Nation” zu schreiben…

Antwort:

Sehr geehrter Herr P.,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir sind allerdings nicht damit einverstanden, dass “weitgehendst” falsch sei. Wenn der Begriff als eine eigenständige Bedeutungseinheit aufgefasst wird, kann er wie ein “gewöhnliches” Adjektiv gesteigert werden. Also

weitgehend, weitgehender, weitgehendst
neben:
weit gehend, weiter gehend, weitestgehend

Ähnliche, z.T. auch in Duden “Die deutsche Rechtschreibung” aufgeführte Fälle sind:

weitreichend, weitreichender, am weitreichendsten
(neben: weiter reichend, am weitesten reichend)
schwerwiegend, schwerwiegender, am schwerwiegendsten
(neben: schwerer wiegend, schwerstwiegend/am schwersten wiegend)

Zu “dunkelhäutiger”: Das Wort “dunkelhäutig” kann als eigenständiger Begriff mit eigener Bedeutung aufgefasst werden (z.B. wenn es um dunkle Haut als Gradmesser der ethnischen Herkunft geht). Dann kann der Gesamtbegriff gesteigert werden. Also: “dunkelhäutiger” und “dunkelhäutigste”.

Formen wie “weitreichendste” und “dunkelhäutiger” mögen für Sie Verstöße gegen die Logik und deshalb nicht korrekt sein, nach unserer Meinung, gemäß den Angaben in anderen Wörterbüchern und dem allgemeinen deutschen Sprachgebrauch sind sie aber nicht falsch. Wir teilen auch nicht Ihre Meinung, dass es sich hierbei um stilistische “Scheußlichkeiten” handelt. Diese Formen sind vielmehr ein Indiz dafür, dass sich die lebendige Sprache nicht immer an die strengen Regeln der Logik hält.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Steigerung von “optimal”

Herr P. schreibt:

Für “optimal” bietet Canoo-net die Steigerungsformen “optimaler”/”am optimalsten” an. Wenn etwas “optimal” ist, gibt’s allerdings keine Steigerung mehr!

mfG

Antwort:

Sehr geehrter Herr P.,

Wir danken Ihnen für Ihren Hinweis. Gemäß der strengen Schulgrammatik haben Sie recht. Das Adjektiv “optimal” ist ein sogenanntes absolutes Adjektiv, das in seiner Grundbedeutung nicht gesteigert werden kann.

Wir gehen aber davon aus, dass auch absolute Adjektive gesteigert werden können, wenn sie gefühlsmäßig, bewusst übertreibend oder in übertragenem Sinne verwendet werden. Hier ein Zitat, in dem (unserer Meinung nach) bewusst und richtig Steigerungsformen verwendet werden, um die ‘Absolutheit’ zu benachdrucken:

“Es sind die absolutesten Gegenpole, man kann sich keine absoluteren Gegensätze denken.”

Mehr zu diesem Punkt finden Sie in unseren Grammatikseiten unter Komparation, Steigerungslos.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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