Etwas tolles Neues und etwas Tolles, Neues

Frage

Bei einem Meeting stand auf einer Power-Point-Folie unter der Rubrik „Ziele für die Zukunft“: „Etwas tolles Neues finden“. Irgendwie kam mir die Schreibweise merkwürdig vor; zumindest habe ich sie so noch nie gesehen. Daher meine Frage: Ist es möglich, dass das substantivierte Adjektiv in diesem Beispiel ein eigenes Adjektiv haben kann? […] Sollte es nicht eher heißen: „Etwas Tolles, Neues finden“ bzw. „Etwas Tolles und Neues finden“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Formulierung ist stilistisch vielleicht nicht die allerschönste und sieht auch etwas ungewohnt aus, aber sie ist möglich. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein substantiviertes Adjektiv durch ein attributives Adjektiv näher bestimmte wird. Ein paar Beispiele:

Mach aus etwas langweiligem Neuen etwas schönes Neues!
Sie wussten viel interessantes Neues zu berichten
Perlen und anderes Schönes
Sie begrüßte die nervösen Kleinen und die sich gelassen gebenden Großen
Sie trug ihr kleines Schwarzes

und

etwas tolles Neues finden

Das zweite Adjektiv ist substantiviert und wird großgeschrieben. Das erste Adjektiv bestimmt als attributives Adjektiv das substantivierte Adjektiv und wird deshalb kleingeschrieben.

Die Formulierungen etwas Tolles, Neues und etwas Tolles und Neues sind natürlich auch möglich, aber die erste wird anders betont (und die zweite enthält ganz offensichtlich ein „und“).

etwas tolles Neues = etwas Neues, das toll ist
etwas Tolles, Neues = etwas, das neu und toll ist

Meist ist der Unterschied zwischen etwas Neuem, das toll ist, und etwas, das neu und toll ist, nicht allzu groß. Das bedeutet aber nicht, dass nicht beide Formulierungen möglich sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das fehlende »uns«: Lass uns dann treffen!

Frage

Ist der folgende Satz korrekt?

Lass uns um zwei Uhr treffen.

Eigentlich müsst es doch heißen: „Lass uns uns um zwei Uhr treffen“ (was natürlich nicht geht).

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Satz ist nicht korrekt. Es fehlt ihm ein zweites uns. Das erste uns gehört zur Aufforderung Lass uns…:

Lass uns dieses und jenes tun.

Das zweite uns ist das Reflexivpronomen, das zu uns treffen, wir treffen uns gehört. Vgl.:

Wir wollen uns um zwei Uhr treffen.

Keines der beiden uns kann weggelassen werden. Grammatisch richtig ist hier also doch, was Sie in Ihrer Frage als „unmögliche“ Alternative angeben:

Lass uns uns um zwei Uhr treffen.

Ähnliche Formulierungen sind:

Lassen Sie mich mich kurz vorstellen.
Ich bitte dich dich nicht so aufzuregen.

Solche Wiederholungen sind grammatisch korrekt, aber stilistisch unschön. Es gibt keine Grammatikregel, die die Wiederholung identischer Wortformen verbietet. Es empfiehlt sich aber dennoch häufig, eine andere, besser klingende Formulierung zu wählen. Möglich wäre hier zum Beispiel:

Lass uns einander um zwei Uhr treffen.
Sollen wir uns um zwei Uhr treffen?
Ich schlage vor, dass wir uns um zwei Uhr treffen.

Erlauben Sie mir mich kurz vorzustellen.
Reg dich bitte nicht so auf!

Und wenn Ihnen doch einmal bewusst oder unbewusst eine Doppelung wie uns uns aus Mund, Feder oder Tastatur entschlüpft ist: stilistisch weniger schön ist immer noch besser als grammatisch falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Für eventuelle Sprachpuzzler und -humoristinnen: Ja, der Satz „Lass uns um zwei Uhr treffen“ kann theoretisch korrekt sein. Man muss allerdings ziemlich viel Phantasie aufwenden, um einen passenden Kontext zu  konstruieren: Wenn geschossen wird und das Ziel gewollt oder ungewollt nicht getroffen wird, kann jemand mit diesen Worten vorschlagen, um zwei Uhr nicht danebenzuschießen.

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Dahin und dorthin oder da hin und dort hin?

Frage

Ich habe eine Frage die mich schon länger beschäftigt. Es geht um das Wort „dahin“. Schreibt man „Kannst du die Vase dahin stellen“ oder „Kannst du die Vase da hinstellen“?

Antwort

Guten Tag,

wenn Sie sich in gepflegtem schriftlichem Standarddeutsch ausdrücken wollen oder müssen, schreiben Sie am besten

Du kannst die Vase dahin stellen.

Ihr Zweifel kommt wahrscheinlich daher, dass dahin und dorthin mit der örtlichen Bedeutung an diesen/jenen Ort umgangssprachlich sehr häufig getrennt verwendet werden:

Da kannst du die Vase nicht hinstellen.
Du solltest sie dort nicht hinstellen.
Da musst du unbedingt einmal hinfahren.
Kein Zug und kein Bus fährt dort heute noch hin.

Standardsprachlich sollten dahin und dorthin hier nicht getrennt verwendet werden:

Dahin kannst du die Vase nicht stellen.
Du solltest sie nicht dorthin stellen.
Dahin musst du unbedingt einmal fahren.
Kein Zug und kein Bus fährt heute noch dorthin.

Entsprechend schreiben Sie also besser die Vase dahin stellen als die Vase da hinstellen. Etwas ganz Ähnliches gilt übrigens auch für die Fragewörter woher und wohin (siehe hier).

Für den Fall, dass Sie sich nun wundern, dass diese Formen als „falsch“ gelten, sei das Folgende gesagt: Sie sind nicht wirklich falsch. In der gesprochenen Alltagssprache kommen sie zum Teil so häufig vor, dass man sie als zur Grammatik des gesprochenen Alltagsdeutschen gehörend betrachten sollte. Auch in der geschriebenen Sprache kommen sie regelmäßig vor, so dass es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis dieser Artikel – mehr als jetzt schon – nur noch ein stilistischer Hinweis ist. Ob und wann es so weit kommt, möchte ich dahingestellt sein lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Mehr zur Schreibung von dahin in Verbindung mit Verben finden Sie hier.

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Ist das Haus unseres, das unsere, das unsrige, uns oder unser?

Frage

Die Possessivpronomen können ohne Artikel stellvertretend für eine Nomen stehen. Die endungslose Form Neutrum Singular bekommt dann die Endung –es [vgl. hier]. Und nun zu meiner Frage: Was ist richtig?

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unseres ist.
oder
Heute kam die Nachricht, dass das Haus unser ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei der Besitzangaben mit dem Verb sein und einem Possessiv kommen verschiedene Konstruktionen vor. Möglich ist die Verwendung der gebeugten Form des Possessivs ohne Artikel, der gebeugten Form mit Artikel oder, eher veraltenden, der mit -ig erweiterten Form mit Artikel:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unseres / das unsere / das unsrige ist.
Der Bus dort ist unserer / der unsere / der unsrige.
Ist die Jacke nicht deine / die deine / die deinige?

Veraltet oder sehr gehoben ist die prädikative Verwendung des ungebeugten Possessivs. Man trifft sie vor allem in älteren Texten und Operettenarien an:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus unser ist.
Die Rache ist mein.
Dein ist mein ganzes Herz.
Die Schuld ist euer.

Die folgende Variante gilt als umgangssprachlich und sollte in der Standardsprache vermieden werden: sein mit dem Dativ (hier mit dem Dativ des Personalpronomens).

Heute kam die Nachricht, dass das Haus uns ist.
Der Bus dort ist mir.
Der Garten ist nicht Ihnen, sondern uns allen.

Die im heutigen Standarddeutschen üblichste Variante wird aber nicht mit sein, sondern mit dem Verb gehören formuliert:

Heute kam die Nachricht, dass das Haus uns gehört.
Der Bus dort gehört mir.
Der Garten gehört nicht Ihnen, sondern uns allen.

Um nun wieder zu Ihrer Frage zurückzukommen: Richtig ist sowohl dass das Haus unseres ist als auch dass das Haus unser ist, heute standardsprachlich üblich ist aber vor allem dass das Haus uns gehört.

In Léhars „Land des Lächelns“ wird man allerdings auch weiterhin

Dein ist mein ganzes Herz!
Wo du nicht bist, kann ich nicht sein.

singen, denn die „moderne“ Variante mit gehören würde hier einfach nicht passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Beim ersten Mal lesen/Lesen?

Frage

Muss „lesen“ in dem Satz „beim ersten Mal lesen“ groß- oder kleingeschrieben werden?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Beantwortung dieser Frage fällt mir schwer, weil der Satz zwar gut verständlich, streng genommen aber nicht korrekt formuliert ist. Ich halte die Formulierung beim ersten Mal lesen/Lesen nämlich für die Zusammenziehung zweier verschiedener Wendungen mit beim:

Man merkt es beim Lesen nicht.
Man merkt es beim ersten Mal nicht.

Diese beiden Formulierungen lassen sich eigentlich nicht zusammenziehen:

nicht: Man merkt es beim [beim] ersten Mal Lesen nicht.

Man kann in diesem Sinne nicht etwas beim ersten Mal lesen. Man kann etwas zum ersten Mal lesen oder etwas das erste Mal lesen. Entsprechend könnten Sie so formulieren:

Man merkt es beim Zum-ersten-Mal-Lesen nicht.
Man merkt es beim Das-erste-Mal-Lesen nicht.

Besser sind aber eindeutig Formulierungen wie diese:

Man merkt es nicht, wenn man es zum ersten Mal liest.
Man merkt es beim ersten Lesen/Durchlesen nicht.

Ebenfalls möglich wäre diese Formulierung, in der beim zweimal genannt wird. Für mich hat sie aber nicht ganz die gleiche Bedeutung:

Man merkt es beim ersten Mal beim Lesen nicht.

So weit, so gut. Wenn Sie nun trotzdem auf Ihrer Formulierung beharren, würde ich diese Schreibung vorschlagen:

Man merkt es beim ersten Mal Lesen nicht.

Man kann dann das substantivierte Lesen als eine nominale Apposition zu Mal sehen (bei welchem ersten Mal? – beim ersten Mal Lesen), ähnlich wie bei diesen umgangssprachlichen Formulierungen:

Beim ersten Mal Fieber brachte ich das Kind sofort zum Hausarzt.
Wir hatten am Anfang nie Streit, aber beim ersten Mal Kino ging’s los!

Andere Analysen sind nicht ausgeschlossen. Ich würde aber zumindest in formelleren Kontexten sowieso zu einer anderen Formulierung raten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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2 cm Durchmesser große Kugeln?

Frage

Wie würden Sie in dem Satz „Den Teig in 2 cm Durchmesser große Kugeln formen“ Bindestriche setzen – wenn überhaupt?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wenn ich diesen Satz so schreiben würde, dann wie oben ganz ohne Bindestriche. Wie „würde“ schon andeutet, folgt nun das Aber: Ich halte diese Formulierung für falsch oder zumindest für stilistisch fragwürdig.

Es ist nämlich nicht üblich, zu sagen, dass etwas 2 cm Durchmesser groß ist, ebenso wenig wie man von einem 20 m Höhe großen Turm, einem 5 mm Tiefe großen Loch oder einer 10 km Länge großen oder langen Strecke spricht. Der Vergleich hinkt natürlich, weil es für die Angabe von Höhe, Tiefe und Länge auch die Adjektive hoch, tief und lang gibt, während ein entsprechendes Adjektiv fehlt, wenn es um den Durchmesser geht. Dennoch sollten Sie Durchmesser nicht einfach vor groß setzen, sondern ähnlich formulieren, wie wenn man Höhe, Tiefe oder Länge verwendet. Zum Beispiel:

ein Turm mit einer Höhe von 20 m
ein Loch mit einer Tiefe von 5 mm
eine Strecke von 10 km Länge

Und mit Durchmesser:

Den Teig in Kugeln mit einem Durchmesser von 2 cm formen.
Den Teig in Kugeln von 2 cm im Durchmesser formen.
Den Teig in Kugeln von 2 cm Durchmesser formen.         .

In einem Rezept halte ich die Angabe Durchmesser übrigens gar nicht für notwendig. Es versteht sich von selbst, dass der Durchmesser gemeint sein muss und nicht etwa der Kugelradius oder der Kugelumfang. Sie könnten also auch einfach schreiben:

Den Teig in 2 cm große Kugeln formen.

Ich koche und backe regelmäßig und gern, und es würde mir beim Lesen eines Rezeptes gar nichts anderes in den Sinn kommen, als dass 2 cm große Kugeln einen Durchmesser von 2 cm haben sollten. Nicht immer ist absolute Präzision notwendig – auch nicht im Deutschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fragende Aufforderungen und vorwurfsvolle Fragen

Frage

Folgende Frage konnte ich mit meinem Lehrbuch nicht beantworten. Daher schreibe ich Ihnen. Wieso kann ein Fragesatz auch ein Vorwurf sein?

Antwort

Sehr geehrte Frau Y.,

ich vermute, dass es bei Ihrer Frage darum geht, dass man einen Satz, der wie eine Frage formuliert ist, nicht als Frage meint. Das hat damit zu tun, dass die Form eines Satzes nicht immer mit mit der Absicht übereinstimmt, mit der er geäußert wird.

Es gibt im Deutschen u. a. Aussagesätze, Fragesätze und Aufforderungssätze. Wie ihr Name sagt, werden sie in der Regel für Aussagen, für Fragen beziehungsweise für Aufforderungen verwendet:

Du schreibst alles auf.
Schreibst du alles auf?
Schreib alles auf!

So weit ist alles recht einfach. Nun ist es aber so, dass wir uns nicht immer an dieses strikte Schema halten. Wir verwenden Aussagesätze und Fragesätze für Aufforderungen, Aussagesätze für Fragen und Fragesätze für Aussagen. Nur die Aufforderungssätze bleiben in der Regel ihrer eigentlichen Aufgabe treu. Ein paar Beispiele:

Aussagesatz:

Aussage: Du gehst weg.
Frage: Du gehst schon weg?
Aufforderung: Du gehst sofort weg!

Fragesatz:

Frage: Gehst du weg?
Aufforderung: Gehst du jetzt weg!
Aufforderung: Würden Sie bitte weggehen? (der Höflichkeit zuliebe sogar mit Fragezeichen!)
Aussage: Wer hört schon auf mich? (rhetorische Frage = Niemand hört auf mich)

Und damit wären wir beim Kern Ihrer Frage: Fragesätze können auch als vorwurfsvolle Aussagesätze gemeint sein. Häufig stehen sie dann im Konjunktiv, der Indikativ kommt aber auch vor:

Hättest du nicht besser aufpassen können!
= Wenn du aufgepasst hättest, wäre das nicht passiert.

Hätten Sie nicht früher kommen können!
= Sie hätten früher kommen müssen.

Bist du bescheuert!
= Du bist bescheuert!

Auch wenn diese Sätze die Form einer Frage haben, muss man sie als Vorwurf verstehen. In der Schrift kann man diese Bedeutung mit einem Ausrufezeichen verdeutlichen.

Das alles klingt recht kompliziert und nicht allzu deutlich – und manchmal ist es das auch. Im Prinzip geben der Kontext und die Betonung (resp. in der Schrift Punkt, Frage- und Ausrufezeichen) an, was gemeint ist. Aber manchmal ist doch nicht ganz klar, ob zum Beispiel eine Aussage als Frage oder eine Frage als Vorwurf gemeint ist. Diese Subtilitäten bei der Formulierung – so schön sie auch sein können – gehören zu den Tücken der zwischenmenschlichen Verständigung. Das hat schon manchen Ärger verursacht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Verloren sein und verloren gegangen sein

Frage

Eine Frage zu den folgenden beiden Sätzen:

Meine Brille ist verloren gegangen.
Meine Brille ist verloren.

Den zweiten Satz sagt man ja so eigentlich nicht (anders als: „Die Tür wurde geöffnet. Die Tür ist geöffnet“). Wie kann man das am Besten erklären?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei der Frage nach ist verloren und ist verloren gegangen geht es vor allem um die Wortwahl im Zusammenhang mit dem Verb verlieren und nicht um eine allgemeine Grammatikregel. Das Passiv von etwas verlieren ist rein grammatisch gesehen etwas wird verloren (Vorgangspassiv) bzw. etwas ist verloren (Zustandspassiv).

Wenn es um Dinge geht, verwendet man aber statt des Passivs verloren werden / verloren sein meistens die Wendung verloren gehen / verloren gegangen sein (auch zusammengeschrieben: verlorengehen, verlorengegangen). Zum Beispiel:

(sehr) selten:
Die Brille wird verloren.
Die Brille ist verloren.
Durch die Reorganisation werden viele Arbeitsplätze verloren.
Durch die Reorganisation sind viele Arbeitsplätze verloren.

üblich:
Die Brille geht verloren.
Die Brille ist verloren gegangen.
Durch die Reorganisation gehen viele Arbeitsplätze verloren.
Durch die Reorganisation sind viele Arbeitsplätze verloren gegangen.

Die Passivform verloren sein wird eigentlich nur dann verwendet, wenn etwas oder jemand rettungslos verloren, zum Untergang bestimmt oder dem Verderben ausgeliefert ist:

Die Schlacht ist verloren.
Die Schiffbrüchigen waren verloren.
Ihre Seele ist für immer verloren.

Das Passiv wird/ist verloren wird also deshalb selten verwendet, weil es häufig durch die Wendung verloren gehen ersetzt (blockiert) wird. Nur wenn es um etwas geht, das rettungslos und unumkehrbar verloren ist, verwendet man üblicherweise verloren sein.

Die Formulierung „Meine Brille ist verloren“ ist nicht grundsätzlich falsch. Damit ist in der Regel aber nicht gemeint, dass ich einfach nicht mehr weiß, wo meine Brille ist. Ich würde mich höchstens dann so äußern (mit dramatischer Geste und pathetischem Ausrufezeichen!), wenn meine Brille unter eine Straßenwalze geraten oder in den Fluten des Rheinfalles verschwunden wäre.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Heiße Temperaturen?

Frage

Man liest und hört in den Medien dauernd von „heißen Temperaturen“. Ist das korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

stilistisch gesehen sind heiße und kalte Temperaturen ungefähr gleich gut wie teure und billige Preise. Standardsprachlich spricht man üblicherweise von hohen und tiefen oder niedrigen Temperaturen (und von hohen und tiefen oder niedrigen Preisen).

Bei uns hier kann übrigens von heißen oder besser hohen Temperaturen nicht die Rede sein. Der Sommer hat in letzter Zeit leider zwei bis drei Gänge zurückgeschaltet. Es war schon sehr heiß, aber ein Gang weniger hätte gereicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Noch einmal: Es wäre schön, wenn der Traum erfüllt …

Häufig ruft eine Frage eine weitere auf. Deshalb heute gleich noch einmal das Thema des Traumes, der hoffentlich in Erfüllung geht: Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird(?).

Frage

Meine Frage schließt an die an, in der gefragt wurde, ob es heißt: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.“ Immer öfter hört und liest man, dass geschrieben und gesagt wird: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird“, also in einer anderen Form. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist standardsprachlich üblich, in Konstruktionen dieser Art (d. h. in irrealen Bedingungsätzen) in beiden Teilsätzen den Konjunktiv zu verwenden:

Es wäre schön, wenn du auch kommen würdest.
Es wäre schön, wenn wir alle fliegen könnten.

Nun ist es aber tatsächlich so, dass man im wenn-Satz manchmal auch dem Indikativ begegnet:

Es wäre schön, wenn du auch kommst.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helft.
(statt standardsprachlich:
Es wäre schön, wenn du auch kämest / kommen würdest.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helfen würdet.)

Diese Art der Formulierung im Indikativ ist eher als umgangssprachlich anzusehen. Sie kommt dann vor, wenn etwas ausgedrückt wird, das tatsächlich möglich und wahrscheinlich ist: Die Möglichkeit, dass du kommst, besteht. Man hält es für realistisch, dass beim Aufräumen geholfen wird.

Der Indikativ erscheint aber auch in der Umgangssprache kaum, wenn etwas Unmögliches oder Unwahrscheinliches ausgedrückt wird:

nicht: *Es wäre schön, wenn wir alle fliegen können.
nicht: *Es wäre schön, wenn ich dann Urlaub habe, aber das ist leider nicht so.

Während also standardsprachlich kein Unterschied zwischen wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Sachverhalten gemacht wird, kann dieser Unterschied umgangssprachlich durch die Verwendung des Konjunktivs resp. Indikativs aufgedrückt werden:

Umgangssprachlich:
a) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird.
b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

In Satz a) wird die Erfüllung des Traumes für möglich gehalten. In Satz b) hingegen kann die Erfüllung auch unmöglich oder unwahrscheinlich sein.

Standardsprachlich in beiden Fällen:
a), b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

Meine Antwort ist etwas lang ausgefallen; deshalb zusammenfassend hier noch eine kurze Antwort auf Ihre Frage: In korrektem Standarddeutsch gilt nur die Formulierung mit dem Konjunktiv in beiden Teilsätzen als richtig. Die mehr umgangssprachliche Verwendung des Indikativs im wenn-Satz ist aber nicht einfach nur ein unerklärlicher dummer Fehler, sondern sie folgt einer eigenen Regel und Präzisierungsmöglichkeit, die die Standardsprache (noch?) nicht kennt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Diese Befindungen basieren nur auf meinen eigenen Beobachtungen. Als wissenschaftlich fundierte Aussagen können sie deshalb nicht gelten. Es wäre inbesondere zu prüfen, ob es regionale und textsortengebundene Unterschiede bei der Verwendung des Indikativs im wenn-Satz gibt und ob und wie sich dieses Phänomen im Laufe der Zeit entwickelt hat.

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