Während mehr als eines Jahres?

Frage

Ich kenne die Regel, dass „bis zu“ oder auch „mehr als“ als Gradpartikeln fungieren können und dann keinen Einfluss auf den Kasus der nachfolgenden Nominalgruppe haben. Aber: Klingen die Beispiele in der Betreffzeile auch in Ihren Ohren schief? Ich neige in beiden Fällen dazu, den Dativ zu setzen. Ist der Genitiv überhaupt korrekt?

Also: während mehr als einem Jahr / während bis zu einem Monat

Antwort

Guten Tag Herr F.,

nach der allgemeinen Regel müssten Sie wie folgt formulieren, denn während verlangt standardsprachlich den Genitiv:

während mehr als eines Jahres
während bis zu eines Monats

In der Schweiz ginge mit einiger Nachsicht evtl. auch der Dativ:

während mehr als einem Monat
während bis zu einem Monat

Das Ganze klingt auch in meinen Ohren sonderbar. Das liegt aber weder am Genitiv noch am Dativ, sondern daran, dass diese Formulierung nicht üblich ist.

Man verwendet zeitliches während bei der Angabe eines begrenzten Zeitabschnittes (wann?):

Es hat während der ganzen Ferien geregnet
während des Krieges
während der Nacht
während dieser beiden Monate

Für die Angabe einer reinen Zeitdauer (wie lange?) verwendet man besser eine Formulierung ohne während:

Es hat drei Tage [lang] geregnet
(besser als während dreier Tage)
Sie haben zehn Jahre [lang] nicht miteinander geredet
(besser als während zehn Jahren)

Die beste Formulierung wäre somit für Ihre Beispiele:

mehr als ein Jahr [lang]
bis zu einen Monat [lang]

Wie so oft sind die Übergänge allerdings auch hier fließend: Es ist nicht immer grundsätzlich falsch und auch keine stilistische Todsünde, während für die Angabe einer Zeitdauer zu verwenden. Wundern Sie sich also nicht über Wendungen wie während Monaten (statt besser monatelang) oder während fünf Stunden und zücken Sie auch nicht gleich den Rotstift.

Mit freundlichen Grüßen

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The Evanses’ house auf Deutsch

Frage

Eine englische Familie Evans hat ein Haus. Auf Englisch schreibt man:

the Evanses’ house

Wie lautet die deutsche Entsprechung?

das Haus von den Evans / der Evans
das Haus von den Evanses / der Evanses

Antwort

Guten Tag Herr T.,

zuerst stellt sich mir die Frage, ob man überhaupt so formulieren soll. Formulierungen wie

das Haus der Müllers
das Auto der Schmidts

oder mit einem s-Laut am Schluss

die Kinder der Schulz[ens]
der Hund der Weiß[ens]

kommen im Deutschen vor, sie sind aber in der heutigen Standardsprache nicht sehr üblich. Sie sind entweder eher umgangssprachlich oder passen auf einer gehobeneren Ebene zum Beispiel zu Namen von Dynastien u. Ä (die Hochzeiten der Windsors, das Gold der Romanovs).

Wenn Sie damit nicht einverstanden sind oder aus einem anderen Grund dennoch so formulieren wollen, kommt für den englischen Namen Evans am ehesten die endungslose Variante die Evans (statt die Evansens) in Frage:

das Haus der Evans

Als standardsprachlich übliche Entsprechung für the Evanses’ house würde ich aber diese Formulierung empfehlen:

das Haus der Familie Evans

Sie hat außerdem den Vorteil, dass sofort deutlich ist, wie der Familienname lautet, ohne dass man sich über das s am Schluss oder ungebräuchliche Endungen Gedanken machen muss.

Zuletzt möchte ich noch von der englischen Pluralbildung Evanses abraten. Es macht in der Schrift und erst recht im Ton einen überkorrekten oder etwas gezierten Eindruck, wenn man in einem deutschen Text einen englischen Familiennamen in dieser Weise beugt. Es ist aber nicht grundsätzlich falsch oder unmöglich, diese Formulierung zu verwenden:

das Haus der Evanses

Wie so häufig gibt es also mehr als nur eine Möglichkeit. Mein Favorit ist hier aber eindeutig: das Auto der Familie Müller, die Kinder des Ehepaars Schulz, der Hund der Familie Weiß und das Haus der Familie Evans.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sind wenn-Sätze immer noch würde-los?

Frage

Früher galt ja der Satz „Wenn-Sätze sind würde-los“. Nun stehe ich vor folgendem Satz: „Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns weiterempfehlen würden.“
Ist das heutzutage schon korrekt, oder was wäre eine bessere (richtige und gut lesbare) Variante?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

diese Stilregel ist heute nicht mehr allgemein gültig. Das liegt u. a. daran, dass man heute ungebräuchliche alte Formen des Konjunktivs II vermeidet:

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns weiterempfehlen würden.
statt: wenn Sie uns weiterempföhlen

Was würdest du tun, wenn du im Lotto eine Million gewinnen würdest?
statt: wenn du im Lotto eine Million gewännest/gewönnest

Häufiger noch vertritt die würde-Form heute den Konjunktiv II, wenn sich die Konjunktivformen nicht von den Indikativformen unterscheiden:

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns begleiten würden.
statt: wenn Sie uns begleiteten

Was würdest du tun, wenn du im Lotto einen Sechser erzielen würdest?
statt: wenn du im Lotto einen Sechser erzieltest.

Die würde-Formen sollten in der Standardsprache allerdings auch jetzt noch vermieden werden, wenn die Konjunktiv-II-Formen noch gebräuchlich sind und sich von den Indikativformen unterscheiden (z.B. hätte, wäre, könnte, müsste, dürfte, ginge, käme, läge, säße u. a. m.).

Wir würden uns freuen, wenn Sie bald wieder einmal zu uns kämen.
Wie wäre es, wenn du eine Million gewonnen hättest?

Mehr zu dieser Frage finden Sie u. a. hier.

Wie immer bei Stilfragen gibt es natürlich auch hier verschiedene Ansichten. Wenn Sie der guten alten würde-Regel treu bleiben wollen oder wenn Sie die Häufung von würde-Formen schwerfällig finden, brauchen Sie einfach ein bisschen Geschick beim Umformulieren. Zum Beispiel:

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns weiterempfehlen könnten.
Was würdest du mit einem Millionengewinn im Lotto tun?

Das ist aber nicht unbedingt nötig, denn wenn-Sätze sind heute nicht mehr zwingend würde-los.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Trotzdem, obwohl?

Ich hoffe, dass Sie nicht allzu lange auf eine Antwort warten mussten, obwohl ich, statt nördlich der Alpen dem November zu trotzen, im Süden Portugals noch einige schöne Sonnentage genossen habe. Anders gesagt: Ich war ein paar Tage in der Algarve und hoffe, dass Sie trotzdem nicht allzu lange auf eine Antwort warten mussten. Im November kommt bei mir nämlich häufiger der Gedanke auf, in wärmere Gefilde auszuwandern. Doch darum soll’s nicht gehen, sondern um obwohl und trotzdem, ein altbekanntes Wortpaar, das aber immer wieder zu Fragen Anlass gibt.

Frage

Gibt es Regeln zu „trotzdem“ und „obwohl“, die besagen, in welchen Fällen nur das eine und in welchen Fällen nur das andere Wort zu verwenden ist?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

das Wort trotzdem kommt im Deutschen mit zwei verschiedenen Funktionen vor. Unbestritten ist seine Verwendung als Adverb. Es hat dann ungefähr die gleiche Bedeutung wie dennoch und wird auch so verwendet:

  1. Ich habe Lust wegzugehen, trotzdem (dennoch) bleibe ich heute zu Hause.
  2. Wir hatten die Waren bereits bezahlt, aber sie wurden trotzdem (dennoch) nicht geliefert.

Im ersten Satz sieht man, dass trotzdem als Adverb an erster Stelle stehen kann und dann – wie es sich in einem Hauptsatz gehört – das Verb an zweiter Stelle folgt.

Häufig begegnet man trotzdem auch als underordnender Konjunktion mit der gleichen Bedeutung und Verwendung wie obwohl. Diese Verwendung von trotzdem ist umstritten:

  1. Trotzdem (obwohl) ich Lust habe wegzugehen, bleibe ich heute zu Hause.
  2. Die Waren wurden nicht geliefert, trotzdem (obwohl) wir sie bereits bezahlt hatten.

Hier leitet trotzdem einen Nebensatz ein, was man unter anderem an der Stellung der gebeugten Verbform ganz am Schluss gut sehen kann.

Die unterordnende Konjunktion scheint dadurch entstanden zu sein, dass trotzdem langsam vom Hauptsatz in den Nebensatz gerutscht ist:

… aber trotz dem, dass wir bezahlt hatten, wurde nichts geliefert.
Trotzdem dass wir bezahlt hatten, wurde nichts geliefert.
Trotzdem wir bezahlt hatten, wurde nichts geliefert.

Obwohl diese Verwendung schon seit dem 19. Jahrhundert und auch in literarischen Texten vorkommt, halten viele sie (noch?) für umgangssprachlich.

„Regel“: Wenn Sie Kritik vermeiden möchten, verwenden Sie trotzdem nur dann, wenn es durch dennoch ersetzt werden kann (Sätzen 1 und 2). Wenn trotzdem einfach durch obwohl ersetzt werden kann, verwenden Sie es besser nicht (Sätze 3 und 4).

Wenn Ihnen aber Kritik hier nicht so wichtig ist, verwenden Sie trotzdem dennoch wie obwohl, obwohl oder eben trotzdem strenge Sprachhüter und weniger nachsichtige Grammatikerinnen dies für umgangssprachlich halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Milliarden (von) Nutzer(n) und Millionen (von) Sterne(n)

Frage

Bei der Beschäftigung mit Menschenmengen kam eine zugegebenermaßen sehr einfache Frage auf, die mir nun allerdings nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Und zwar geht es um Formulierungen mit Zahlwörtern wie „hunderte“, „tausende“, „Millionen“ oder „Milliarden“.

Heißt es zum Beispiel: „Das soziale Netzwerk hat Milliarden Nutzer“ oder „Das soziale Netzwerk hat Milliarden von Nutzern“? In einem berühmten Schlager lautet eine Liedzeile „Millionen von Sternen“, aber im Prinzip könnte man doch auch genauso gut „Millionen Sterne“ sagen?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

bei unbestimmten Mengenangaben wie Hunderte*, Tausende*, Millionen, Dutzende*, eine Reihe, eine Anzahl, eine Gruppe usw. kann das Gemessene a) als Apposition direkt nach der Mengenangabe stehen oder b) mit von angefügt werden. Ein paar Beispiele verdeutlichen vielleicht besser als diese Erklärung, welche Möglichkeiten es gibt:

a) Das soziale Netzwerk hat Milliarden Nutzer.
b) Das soziale Netzwerk hat Milliarden von Nutzern.

a) Es gibt Millionen Sterne.
b) Es gibt Millionen von Sternen.

a) Sie hat Dutzende* Menschen interviewt.
b) Sie hat Dutzende* von Menschen interviewt.

a) Hier finden Sie die Antwort auf eine Reihe Fragen
b) Hier finden Sie die Antwort auf eine Reihe von Fragen

a) Auf dem Radstreifen stand eine Gruppe Touristen.
b) Auf dem Randstreifen stand eine Gruppe von Touristen.

Wenn die Bezeichnung des Gemessenen ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv enthält, kann c) auch ein Genitivattribut stehen. Dann gibt es sogar drei mögliche Formulierungen:

a) Täglich melden sich Hunderte* neue Nutzer an.
b) Täglich melden sich Hunderte* von neuen Nutzern an.
c) Täglich melden sich Hunderte* neuer Nutzer an.

a) Es gibt Millionen strahlende Sterne.
b) Es gibt Millionen von strahlenden Sternen.
c) Es gibt Millionen strahlender Sterne.

a) Sie hat mit einer Reihe Studierenden über das Thema gesprochen.
b) Sie hat mit einer Reihe von Studierenden über das Thema gesprochen.
c) Sie hat mir einer Reihe Studierender über das Thema gesprochen.

a) Auf dem Radstreifen stand eine Gruppe spanische Touristen.
b) Auf dem Randstreifen stand eine Gruppe von spanischen Touristen.
c) Auf dem Radstreifen stand eine Gruppe spanischer Touristen.

Sie können also (auch standardsprachlich) Millionen strahlende Sterne, Millionen strahlender Sterne oder Millionen von strahlenden Sternen besingen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Auch die Kleinschreibung hunderte, tausende, dutzende ist hier möglich.

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Wann wird zur Besprechung eingeladen?

Frage

Was halten Sie von der folgenden Formulierung?

Wir freuen uns, Sie am 7. August 2017 zu einer ersten Besprechung einzuladen.

Eigentlich würde „7. August 2017“ zur Besprechung gehören, und eingeladen wird ja schon jetzt, also zu dem Zeitpunkt, zu dem der Empfänger den Brief liest. Ist das zu streng argumentiert? Was denken Sie? Man findet die Formulierung zuhauf …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

wenn man es genau nimmt, haben Sie recht. Logisch gesehen besser ist:

Wir freuen uns, Sie zu einer ersten Besprechung am 7. August 2017 einzuladen.

Wie Sie richtig bemerken, gehört das Datum zu Besprechung, das heißt, Besprechung und das Datum bilden hier zusammen einen Satzteil:

– Wozu laden wir ein?
– zu einer ersten Besprechung am 7. August

Wenn man die Datumsangabe von Besprechung trennt und im Satz an eine andere Stelle verschiebt, wird sie zu einer eigenständigen Adverbialbestimmung. Als solche bezieht sie sich dann auf das Verb der Infinitivgruppe, nämlich auf einzuladen:

– Wann laden wir ein?
–  am 7. August

Im Satz

 Wir freuen uns, Sie am 7. August 2017 zu einer ersten Besprechung einzuladen

wird also am 7. August eingeladen und nicht schon im Moment, in dem er geschrieben resp. gelesen wird. So weit die logisch-grammatische Sichtweise.

Eine Formulierung wie Sie am 7. August zu einer ersten Besprechung einzuladen kommt aber häufig vor und kann eigentlich zu keinen Missverständnissen führen. Mit viel gutem Willen könnte man weiter auch argumentieren, dass das Schreiben jetzt ankündigt, dass am 7. August eingeladen werden wird. Ich würde deshalb sagen, dass man sie „notfalls“ so stehen lassen kann, ohne dass gleich von einem großen Fehler gesprochen werden muss. Selbst würde ich aber die zweite, grammatisch und stilistisch bessere Formulierung verwenden: Sie zu einer ersten Besprechung am 7. August einzuladen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Be- und entfüllen?

Kommentar

Ich möchte Ihnen die Bedeutung des Wortes „entfüllen“ erklären. Für mich heißt es, dass etwas geleert wird. Also „befüllen“ und „entfüllen“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

man kann tatsächlich ein Verb entfüllen mit dieser Bedeutung bilden. Bei Ihrem entfüllen drückt ent- aus, dass etwas wieder rückgängig gemacht wird: entfüllen = etwas Gefülltes leer machen. Ebenso zum Beispiel:

entbürokratisieren, entwarnen

Häufig drückt ent- das Gegenteil von be- oder ver- aus:

entkleiden, entwaffnen,
entkrampfen, entzaubern

In Verbindung mit einem Substantiv und einer Verbendung drückt ent- aus, dass etwas entfernt wird:

entwalden, entrußen, entkernen

Mit bestimmten Verben hat ent- die Bedeutung weg-:

entfliehen, entreißen

In Verbindung mit Adjektiven kann ent- die Bedeutung so sein rückgängig machen haben:

entmündigen, entmutigen, entpersönlichen

Interessant ist, dass bei Adjektiven, die eine Abwesenheit beinhalten, ent- das Gegenteil der oben genannten Bedeutung von ent- auszudrückt, nämlich so werden lassen:

entblößen, entfremden, entleeren

Und mit dem letzten Beispielwort, entleeren, sind wir beim Grund, weshalb man das Verb entfüllen zwar bilden kann, es aber nicht gebräuchlich ist. Etwas vereinfach ausgedrückt: Da es bereits ein gebräuchliches Verb mit derselben Bedeutung gibt, nämlich entleeren, wird das Verb entfüllen nicht benötigt. Nicht alles, was man korrekt bilden kann, wird auch gebraucht.

Das Verb entfüllen ist also nicht falsch, es wird nur nicht verwendet. Und ich sage bewusst nicht nie. Vor allem in technischen Texten kommt es nämlich gelegentlich in der Kombination be- und entfüllen vor. Das ist so schön kurz und bündig und klingt wie be- und entladen.

Mein Sommerurlaub ist zu Ende. Aber hoffentlich liegen noch viele sommerliche Tage vor uns, so dass wir die aufblasbaren Schwimmbecken in den Gärten noch lange nicht entleeren oder – mit „Ihrem“ Verb ausgedrückt – entfüllen müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

Ein Schwerpunkt bildet der …

Frage

Heißt es „Ein Schwerpunkt bildet der künstliche Kniegelenkersatz“ oder „Einen Schwerpunkt bildet der künstliche Gelenkersatz“?

Antwort 

Sehr geehrte Frau M.,

verdächtigerweise klingen beide Formulierungen irgendwie richtig. Grammatisch gesehen ist aber nur eine von ihnen korrekt. Mittelpunkt des Satzes ist das Verb bilden. Es verlangt ein Subjekt und ein Akkusativobjekt:

Wer oder was bildet wen oder was?

Subjekt und Akkusativobjekt sind in Ihrem Satz so verteilt: Das künstliche Kniegelenk (= Subjekt) bildet einen Schwerpunkt (= Akkusativobjekt). Wenn nun Schwerpunkt an den Satzanfang gestellt wird, bleibt es ein Akkusativobjekt. Es heißt deshalb:

Einen Schwerpunkt bildet der künstliche Kniegelenkersatz.

Auch mit dem Verb darstellen trifft man relativ häufig einen Nominativ an, wo ein Akkusativ stehen sollte. Es heißt also nicht:

*Ein Schwerpunkt stellt der Erwerb sozialer Kompetenzen dar.

sondern:

Einen Schwerpunkt stellt der Erwerb sozialer Kompetenzen dar.

Wie kommt es, dass hier relativ oft fälschlich ein Nominativ steht und dass dieser Nominativ auf den ersten Blick gar nicht so furchtbar falsch aussieht? Ich vermute, dass es daran liegt, dass die Verben bilden und darstellen vor allem die Funktion haben, das „langweilige“ sein zu vermeiden. Mit sein ist der Nominativ korrekt:

Ein Schwerpunkt ist der künstliche Kniegelenkersatz.
Ein Schwerpunkt ist der Erwerb sozialer Kompetenzen.

Es könnte also sein, dass die eigentlich gemeinte Konstruktion mit dem gewöhnlichen sein sich bei den Formulierungen mit den Ersatzverben bilden und darstellen doch in den Vordergrund drängt. Anders gesagt: Die Ersatzformulierung wird nur zum Teil durchgeführt. Nur das Verb, nicht aber die dazugehörende Konstruktion wird angepasst.

Wenn Schwerpunkt am Satzanfang stehen soll, gefällt mir persönlich übrigens die Formulierung mit dem schlichten sein besser als die Varianten mit bilden oder darstellen. Doch das ist natürlich eine reine Stil- und Geschmackssache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das gehört mir oder das ist mein/meins/mir

Frage

Mein Mann sagt „Das ist mir“ oder „Das ist Dein“. Sind das korrekte Sätze? Ich meine, das ist falsch.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Formulierungen, die Sie in Ihrer Frage anführen, sind ein schönes Beispiel dafür, dass es in der Sprache nicht immer nur darum geht, ob etwas richtig oder falsch ist. Die Wendungen, die Ihr Mann verwendet, sind nämlich nicht falsch. Sie gehören einfach zu verschiedenen Sprachniveaus.

Wenn man ausdrücken möchte, dass etwas jemandes Besitz ist, wählt man in der heutigen Standardsprache im Allgemeinen das Verb gehören:

Das Buch gehört mir.
Gehört der Wagen dir?
Das Grundstück gehörte ihm/ihr.

Daneben gibt es noch weitere Möglichkeiten, dasselbe Besitzverhältnis anzugeben. Standardsprachlich akzeptiert ist auch:

Das Buch ist mein.
Ist der Wagen dein?
Das Grundstück ist sein/ihr.

Ich muss dabei aber anmerken, dass diese Wendung auf mich einen sehr gehobenen und eher veraltenden Eindruck macht. Sie passt zu Aussagen wie:

Die Rache ist mein.
Der Sieg ist unser!
Dein ist mein ganzes Herz

Viel häufiger kommen die folgenden, als umgangssprachlich und regionalsprachlich geltenden Wendungen vor:

Das Buch ist meins.
Ist der Wagen deiner?
Das Grundstück ist seins.

Oder mit dem Dativ:

Das Buch ist mir.
Ist der Wagen dir?
Das Grundstück ist ihm.

Es gibt also verschiedene Arten, wie man angeben kann, dass etwas jemandes Besitz ist. Es geht hier nicht darum, ob wirklich all diese Wendungen „richtig“ sind, sondern darum, jeweils die zur Situation und dem Sprachniveau passende zu wählen:

In einem neutralen standardsprachlichen Kontext verwendet man am besten gehören. Die Wendung das ist mein/dein/unser usw. passt eher in einen gehobenen (oder evtl. ironisch-humoristischen) Zusammenhang. In der alltäglichen Umgangssprache können Sie schließlich je nach Region oder Lust und Laune das ist meins oder das ist mir sagen.

Und wem das alles zu kompliziert ist: jemandem gehören passt immer.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Etwas tolles Neues und etwas Tolles, Neues

Frage

Bei einem Meeting stand auf einer Power-Point-Folie unter der Rubrik „Ziele für die Zukunft“: „Etwas tolles Neues finden“. Irgendwie kam mir die Schreibweise merkwürdig vor; zumindest habe ich sie so noch nie gesehen. Daher meine Frage: Ist es möglich, dass das substantivierte Adjektiv in diesem Beispiel ein eigenes Adjektiv haben kann? […] Sollte es nicht eher heißen: „Etwas Tolles, Neues finden“ bzw. „Etwas Tolles und Neues finden“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Formulierung ist stilistisch vielleicht nicht die allerschönste und sieht auch etwas ungewohnt aus, aber sie ist möglich. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein substantiviertes Adjektiv durch ein attributives Adjektiv näher bestimmte wird. Ein paar Beispiele:

Mach aus etwas langweiligem Neuen etwas schönes Neues!
Sie wussten viel interessantes Neues zu berichten
Perlen und anderes Schönes
Sie begrüßte die nervösen Kleinen und die sich gelassen gebenden Großen
Sie trug ihr kleines Schwarzes

und

etwas tolles Neues finden

Das zweite Adjektiv ist substantiviert und wird großgeschrieben. Das erste Adjektiv bestimmt als attributives Adjektiv das substantivierte Adjektiv und wird deshalb kleingeschrieben.

Die Formulierungen etwas Tolles, Neues und etwas Tolles und Neues sind natürlich auch möglich, aber die erste wird anders betont (und die zweite enthält ganz offensichtlich ein „und“).

etwas tolles Neues = etwas Neues, das toll ist
etwas Tolles, Neues = etwas, das neu und toll ist

Meist ist der Unterschied zwischen etwas Neuem, das toll ist, und etwas, das neu und toll ist, nicht allzu groß. Das bedeutet aber nicht, dass nicht beide Formulierungen möglich sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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