Was „ein Buch geschenkt bekommen“ mit „eine geklebt kriegen“ zu tun hat
Gestern fiel mir in einem älteren Film eine Drohung auf, die ich schon länger nicht mehr gehört hatte: „Gleich kriegst du eine geklebt!“ Sie hat mich an eine Frage erinnert, die M. schon vor einiger Zeit gestellt hatte:
Frage
Ich lese soeben von dem sogenannten Dativpassiv: etwas geschenkt bekommen oder geholfen bekommen. Letzteres klingt total falsch. Ersteres ist meinen Ohren gar nicht mal so suspekt [...] Ist Ihnen das Dativpassiv ein Begriff?
Antwort
Guten Tag M.,
den Begriff Dativpassiv kenne ich eher als bekommen-Passiv. Ich habe mich aber nie eingehend damit beschäftig. Ich kenne das bekommen-Passiv im Zusammenhang mit Alternativen zum „normalen“ Passiv. Es kann mit bekommen, erhalten und kriegen gebildet werden.
Ich habe ein Buch geschenkt bekommen.
Sie erhalten das Formular per Post zugeschickt.
Du kriegst gleich eine geklebt!
Normalerweise muss das Hauptverb mit einem Dativ und einem Akkusativ verbunden sein, wobei der Dativ eine Person und der Akkusativ eine Sache bezeichnet. Dies ist bei Ich bekomme ein Buch geschenkt der Fall: jemandem (Dativ) etwas (Akkusativ) schenken. Die Formulierung kommt Ihnen deshalb auch vertraut vor. Die gleiche Verteilung von Dativ und Akkusativ findet sich auch bei jemandem etwas zuschicken und jemandem eine kleben.
Anders sieht es bei geholfen bekommen aus. Das Verb helfen hat zwar einen Dativ der Person, aber der Akkusativ fehlt (jemandem helfen). Die Formulierung Ich bekomme geholfen klingt deshalb auch in meinen Ohren falsch. Hier kann man nur das werden-Passiv verwenden: Mir wird geholfen.
Das bekommen-Passiv gilt bis auf wenige Ausnahmen wie etwas geschenkt bekommen und ein Schreiben zugeschickt erhalten als umgangs- oder regionalsprachlich. So sind zum Beispiel Er hat sein Auto repariert bekommen und Du kriegst gleich eine geklebt nur umgangssprachlich akzeptabel.
Sehen Sie hierzu auch diese Angaben in der CanooNet-Grammatik.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bopp
